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Full text of "Ox 103 (2012 Aug-Sep)"

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OX-FÄNZINE #103 


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#103 

04/2012 (August/September) 
24. Jahrgang 


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4 192617 


604903 


04 


BOXHAMSTERS • GALLON DRUNK • DISCO/OSLO 
VERSUS THE WORLD • KMPFSPRT • THE BONES 
BUSTER SHUFFLE • GIMP FIST • THE PEEP TEMPEL 
STICK BOY • JÄYÄ THE CAT • ROUGHNECK RIOT 
MÖ FÄHE AD • TEQUILA & THE SUNRISE GANG u.v.a. 


PUNKROCK HARDCORE ROCK’N’ROLL 


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TURBONEGRO 'M 

BARONESS m • L 

THEHIVE3 JF V 

DOWN BY LAW 

BUSTERSHUFFL§|| 

FUTURE OFTHELEFT I 

THE BONES 
LARS FREDERIKSEN 
THELEVELLERS 

GALLON DRUNK C 

A PLACE TO BURY STRANGERS 





































CONCRETE JUNGLE RECORDS PROUDLY PRESENTS 


THE BRAND NEW STUDIO ALBUM 




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Loyalty 


28.07. FREILICHTBÜHNE LORELEY / ROCK LA ROCA FESTIVAL! 
(+ NEW MODEL ARMY, TURBONEGRO u.a.) 

28.09. HAMELN / SUMPFBLUME 
29.09. ERFURT / GEWERKSCHAFTSHAUS 
04.10. KOBLENZ / CAFE HAHN 
05.10. KONSTANZ / KULTURLADEN 
06.10. ASCHAFFENBURG / COLOSSAL 

25.10. INGOLSTADT / EVENTHALLE WESTWERK 

26.10. A-WIEN / FLEX 

27.10. MÜNCHEN /FREIHEIT 
01.11. WEINHEIM / CAFE CENTRAL 
02.11. WINTERTHUR / SALZHAUS 

03.11. FREIBURG / JAZZHAUS - 

08.11. TRIER / EXHAUS 
09.11. REUTLING&ÜRFRANZ k 

10.11. KÖLN / GLORIA 

16.11. FULDA /KREUZ / 

17.11. DRESDEN /TBA 

23.11. CELLE / CD KASERNE ' , A 

24.11. MÜNSTER / SPUTNIKHALLE 

30.11. LINGEN / ALTER SCHLACHTHOF 
01.12. BOCHUM / ZECHE 
07.12. KASSEL / PANOPTIKUM j 

08.12. BERLIN / HUXLEYS / 


















TAGE 


IMPRESSUM 

Redaktion (Postanschrift): 

Ox-Fanzine 
Postfach 11 04 20 
42664 Solingen 
Germany 

Fon 0700 - PUNKROCK (0700 - 7865 7625), 
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(Mo - Do 10.00 - 18.30 Uhr, Fr. 10-16 Uhr) 

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Verlag & Herausgeber, V.i.S.d.P.: 

Joachim Hiller, Hochstr. 15, 42697 Solingen 
(Für den Inhalt von namentlich gekennzeichneten Artikeln ist 
der/die Verfasserin verantwortlich. Sie geben nicht unbedingt 
die Meinung der Redaktion wieder.) 

Redaktion: 

Joachim Hiller, Thomas Kerpen, Andre Bohnensack 
Facebook: Jan Eckhoff 

Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe: 

Arndt Aldenhoven, Matti Bildt, Arnim Bohla, Julia Brummert, 
Simon Brunner, Robert Buchmann, Frank Castro, Martin Co- 
burger, Kristoffer Cornils, Sandra Deuchting, Fabian Dünkel¬ 
mann, Igor Eberhard, Thomas Eberhardt, Michael Echomaker, 
Marcus Erbe, Tobias Ernst, Florian Feldmann, Christian Fischer, 
Gary Flanell, Markus Franz, Klaus N. Frick, Ollie Fröhlich, Ste¬ 
fan Gaffory, Benedikt „Lepra“, Gfeller, Katharina Gilles, Alex 
Gräbeldinger, Sven Grumbach, Axel M. Gundlach, Konstantin 
Hanke, Bianca Hartmann, Kat Haze, Gereon Helmer, Uschi 
Herzer, Lindsay Hutton, Arne Ivers, Jan-Niklas Jäger, Philip Jon¬ 
ke, Anke Kalau, Will Kinser, Jens Kirsch, Dirk Klotzbach, Mar¬ 
kus Kolodziej, Jenny Kracht,, Andreas Krinner, Rainer Krispel, 
Christian Krüger, Joni Küper, Andreas Kuhlmann.Tom van Laak, 
Christoph Lampert, Christian Maiwald, Tim Masson, Robert 
Meusel, Andreas Michalke, David Micken, Zahni Müller, Simon 
Nagy, Matin Nawabi, Thomas Neumann, Lukas Nippert, Chri¬ 
stoph Parkinson, Guntram Pintgen, Ferdinand Praxi, Abraham 
Rodriguez, H.C. Roth, Ingo Rothkehl, Kristina Rusyna, Jürgen 
Schattner, Alex Schlage, Michael Schramm, David Schumann, 
Michael Schuster, Sponge, Kalle Stille, Hauke Struck, Tom Tonk, 
MyronTsakas, Mario Turiaux, Carsten Vollmer, Sebastian Wahle, 
Sebastian Walkenhorst, Lars Weigelt, Kay Werner, Lauri Wessel, 
Ann-Kathrin Wilhelm, Claus Wittwer, KrzysztofWrath, Andreas 
Zengier 

Praktikantin: Christina Wenig 
Layout: Andre Bohnensack, Thomas Kerpen 
Lektorat: Ute Borchardt, Thomas Kerpen 
Coverfoto: Paul Heartfield 

Vertrieb: 

Eigenvertrieb, Cargo (Plattenläden) 

UMS (Zeitschriftenhandel; 02291 - 912420) 

Abonnement: 

6 Ausgaben 28 Euro incl. P+V (Inland) 

Ausland weltweit 33 Euro incl. P+V (siehe S. 19) 

Druck: WAZ Druck, Duisburg 

Bankverbindung: 

Joachim Hiller (nicht Ox!), 

Postbank Essen BLZ 360 100 43 
Konto-Nr. 4514 10 437 

ISSN 1618-2103 


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anzeigen@ox-fanzine.de und wir mailen euch unsere aktuelle 
Anzeigenpreisliste. Es gilt die Anzeigenpreisliste 2012. 
Anzeigenannahmeschluss #104: 10.9.2012, Redaktionsschluss 
#104: 31.8.2012. Ox #104 erscheint am 4.10.2012 (#105: 
6.12.2012, #106: 7.2.2013, #107: 4.4.2012) 

Das Spar-Angebot für Bands, kleine Labels, 
Veranstalter etc.: 

Für 95 Euro inkl. Mwst gibt's eine 1/8 Seite im Format 93 mm x 65 
mm (BxH) in Farbe. Eure Vorlage schickt ihr bitte ausschließlich 
als TIFF- oder JPEG-Datei (CMYK, 300 dpi) per E-Mail an grafik@ 
ox-fanzine.de und dazu eure Adresse und Bankverbindung - wir 
buchen dann per Lastschrift von eurem Konto ab. 




EDITORIAL 


HEY HEY, MY MY 

„The king is gone / but he’s not forgotten / Is this the story / of 
Johnny Rotten? / It’s better to burn out / ’cause rust never sleeps 
/ The king is gone / but he’s not forgotten.“ Mit diesen zentralen 
Worten sinnierte Neil Young einst in „Hey hey, my my (Into the 
black)“ von seinem 1979er Album „Rust Never Sleeps“ - rückbli¬ 
ckend wohl eines seiner besten und einflussreichsten, auch wegen 
der Bedeutung für punknahe Bands wie SONICYOUTH, DINOSAUR 
JR. oder NIRVANA. 

Dabei war Neil Young seinerzeit in einer Krise, fühlte seine Bedeu¬ 
tung schwinden im Angesicht der jungen Punkrebellen, hatten doch 
THE CLASH sogar in „ 1977“ gebrüllt „No Elvis, Beatles orThe Rol¬ 
ling Stones in 1977!“, eine Kampfansage an die alten Säcke (die im 
Falle der Stones und im Gegensatz zu THE CLASH aktuell ihr 50. 
Dienstjubiläum feiern). Young war ein Vertreter des alten Systems, 
die „Revolution“ der Achtundsechziger-Hippies wurde gefressen 
von der Generation ihrer Kinder. 1977 war Elvis gestorben, der 
King war tot, an seine Stelle die fiese Rotzfresse von Johnny Rot¬ 
ten getreten. 



026 PUBLIC IMAGE LIMITED 


VORNE 

004 News 

006 Das Ox-Sportstudio 

006 Hardware Records 

007 MOLTEN UNIVERSE 

007 Richard Hell 

008 5 Platten für die einsame Insel 

008 David Schumann über Blümchen 

009 Der Kanon des guten Geschmacks 

010 7 deadly sins 

010 Giftige Bandnamen 

INTERVIEWS 

030 DOWN BY LAW 
034 THE HIVES 
036 FLIPPER 
038 Lars Frederiksen 
040 THE LEVELLERS 
041 BUSTER SHUFFLE 
042 GALLON DRUNK 
044 BARONESS 
045 PG.LOST 

046 A PLACE TO BURY STRANGERS 

047 FUTURE OF THE LEFT 

048 Joey Cape 

049 NO FOR AN ANSWER 

050 KMPFSPRT 

051 BOXHAMSTERS 

051 UNSANE 

052 Crypt Records 

056 ANTLERED MEN 

057 Carlos Cipa 

057 MUTINY ON THE BOUNTY 

058 Black Star Foundation Records 

059 Ed Schräder 

060 MMNTS 

061 ACHILLES 

062 THE POGUES 

063 THE BONES 


Heute ist 1977 erschreckende 35 Jahre weit weg, John Lydon alias 
Johnny Rotten 56 Jahre alt (schon? erst!), und ich habe leider ver¬ 
gessen ihn zu fragen, ob er sich heute fühlt wie einst Neil Young, 
als der „Hey hey, my my“ schrieb. Als nöliger, pöbelnder Provoka¬ 
teur wird Lydon gerne dargestellt, wohl von Medien, die von sowas 
leben, wie die britische Abschaumpresse ä la Sun, die sogar das 
Niveau von „Bild“ noch unterschreitet. Meine Erfahrung mit Lydon, 
hier im Heft in Form eines langen Interviews dokumentiert, ist eine 
andere: ein sicher schwieriger Zeitgenosse, aber auch ein sehr klu¬ 
ger, reflektierter, dessen Weltbild heute ein anderes ist als 1977 und 
der selbst viel älter ist als Young zu jener Zeit, als der sich Gedanken 
über die mögliche Irrelevanz seines Tuns machte. 

Solche Gedanken scheint Lydon nicht zu haben, PiL mögen heute 
anders als in den Achtzigern kein Chart-Thema mehr sein (und viel¬ 
leicht auch nicht mehr „punk“, wer immer das definiert ), aber 
popkulturell interessant sind PiL allemal. 

Viel Spaß beim Lesen wünscht Joachim Hiller 


INHALT 



032 

TURBONEGRO 

064 

THE NOMADS 

065 

THE SONIC BEAT EXPLOSION 

066 

Monster Zero Records 

067 

THE DIMENSIONS 

068 

MOPED LADS 

069 

THE GO SET 

069 

HAVE NOTS 

070 

EMPOWERMENT 

071 

VORKRIEGSJUGEND 

072 

CRIME AND THE CITY SOLUTION 

073 

R0SENK0PF 

074 

Sharon Woodward 

076 

CHUZPE 

077 

MARY’S KIDS 

077 

ELECTRIC SUICIDE CLUB 

REVIEWS 

078 

Geschmackscontrol 

080 

Top Of The Ox 

082 

Platten 

091 

Die Bands der Ox-CD 

101 

Fanzines 

102 

DVDs 

103 

Movies 

106 

Bücher 

108 

Comics 

DER 

REST 

011 

Kochen ohne Knochen 

012 

Ox präsentiert 

016 

Der Ox-Shop 

017 

Das Ox-Abo 

018 

Peter Pank 

020 

Bigbeatland 

021 

Kolumnen 

109 

Livestyle 

110 

Sponge-Pix 

111 

Life on stage 

114 

Vorschau 


spreis 

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OX-FANZINE 3 


13 















NEWS 


IN EIGENER SACHE 

Joey Briggs: Nachdem uns bekannt wurde, dass der Singer/ 
Songwriter bekennender Scientologe ist, haben wir uns aus der Prä¬ 
sentation seiner Tour zurückgezogen. Daraufhin entflammten vor 
allem auf amerikanischen Internetseiten heftige, zumeist unsachli¬ 
che, Diskussionen, in denen „den Deutschen“ wiederholt Rassismus 
und Diskriminierung vorgeworfen wurde. Wir bleiben aber dabei: 
Die Ideologie von Scientology widerspricht unserer Gedankenwelt 
in jedem Punkt und aus diesem Grund können und wollen wir diese 
Pseudo-Religion auch in keiner Weise unterstützen. 


2012 wird die 
WALTER ELF 
knapp dreißig 
Jahre alt. Gefeiert 
wird das am 29. 
und 30. Dezember 
in der Kammgarn in Kaiserslautern. Unterstützt werden sie 
am 29. dabei von ihrer Zwillingsband, den SPERMBIRDS, 
und am 30. von BOXHAMSTERS und LOVE A. Wir verlosen 
je 2 x 2 Eintrittskarten unter all denen, die uns bis zum 
31. Oktober eine E-Mail mit dem Betreff „Mein Gott Wal¬ 
ter“ an gewinnspiel@ox-fanzine.de schicken und diese 
Fragen beantworten können: Wie alt sind alle aktuellen 
SPERMBIRDS-Mitglieder zusammen? (falls du am 29. zum 
Konzert möchtest); respektive: Wie alt sind alle aktuellen 
WALTER ELF-Mitglieder zusammen? (falls der 30. dein 
Tag sein soll). Wer seinem Glück nicht vertrauen will: limi¬ 
tierte Hardtickets gibt es bei rookierecords.de 


VERÖFFENTLICHUNGEN 

SOCIAL DIST0RTI0N: Frontmann Mike Ness will nach eigener 
Aussage im Januar 2013 anfangen, Songs für ein neues Album zu 
schreiben. Dann sollte das mit einem neuen Album bis 2015 klap¬ 
pen ... 

THE JIM JONES REVUE: Am 15. Oktober wird das dritte 
Album der britischen Garage-Band namens „The Savage Heart“ auf 
PIAS erscheinen. 

AGAINST ME!: Das neue Album wird das erste mit der „neuen“ 
Frontfrau Laura Jane Grace sein und „Transgender Dysphoria Blues“ 
heißen. Es wird auf dem bandeigenen Label Total Treble Music 
erscheinen, einVeröffendichungsdatum ist nicht bekannt. 

Frank Turner: Im Januar soll ein neues Album mit den SLEEPING 
SOULS auf Epitaph erscheinen, 15 Songs sind bereits als Demos 
aufgenommen. Turner plant auch, mit einer neuen Band zu seinen 
Hardcore-Wurzeln zurückzukehren. Außerdem will er im Spätsom¬ 
mer eine DVD seines Auftritts in der Wembley Arena veröffentlichen. 

DEVO: Die Dokumentation „Are We Not Men?: The Devo Docu- 
mentary“ soll 2013 mithilfe eine Fundraising-Aktion erscheinen. 
Die Doku über die New Wave/Punk-Ikonen enthält nicht nur Live- 
und Privatvideos, sondern auch Interviews mit Tony Hawk, Iggy 
Pop, Dave Grohl und anderen. 

YOUNG GOVERNOR: Das Nebenprojekt von FUCKED UP-Gitar- 
rist Ben Cook veröffentlicht mit der Backup-Band THE SCUZZ eine 
EP namens „A LoveToo Strong“ auf Southpaw Records. 

RUDIMENTARY PENI: Anscheinend wird es ein neues Album 
der britischen Punk-Band geben. Das Label Southern Records hat 
lediglich ein Foto mit verpackten Platten und der Unterschrift „The 
test pressings are finally here“ gepostet. Genauere Informationen 
gibt es noch nicht. 

SWINGIN’ UTTERS: Nach Angaben von Gitarrist Darius Koski 
nimmt die Band bereits Songs auf für ein Nachfolgealbum zu dem 
2011 erschienenen „Here Under Protest“. 

THE CASUALTIES: Die Street Punker werden ihr nächstes Album 
auf dem Metal-Label Season Of Mist veröffentlichen. Die Aufnah¬ 
men sind bereits fertig, weitere Details aber noch nicht bekannt. 

Jay Reatard: Zwei Jahre nach seinem Tod und ein Jahr nach der 
Premiere auf dem Nashville Film Festival erscheint eine Dokumen¬ 
tation mit dem Titel „BetterThan Something: Jay Reatard“ von Alex 
Hammond und Ian Markiewicz. 

Peter Hook: Am 01. Oktober wird ein Buch mit dem Titel „Unk- 
nown Pleasures: Inside Joy Division“ erscheinen, geschrieben vom 
ehemaligen JOY DIVISION- und NEW ORDER-Bassisten. 

VERSE: Am 17. Juli erschien „Bitter Clarity, Uncommon Grace“, 
das erste Album der Band nach ihrer Reunion im vergangenen Jahr 
auf Bridge Nine Records. 

NATIONS AFIRE: Im August wird auf Redfield Records das 
Debütalbum der Supergroup (Leute von RISE AGAINST, IGNITE, 
DEATH BY STEREO) erscheinen, das den Titel „The Ghosts WeWill 
Become“ tragen wird. Gleichzeitig ist die Band auf Europatom. 

ALKALINE TRIO: Die Band will im Oktober in den Blasting 
Room Studios beginnen, ein neues Album aufzunehmen. 

This Charming Man Records: Im Herbst gibt es eine neue EP 
von THE TIDAL SLEEP Auch BLCKWVS nehmen gerade Songs für 
ihr neues Album „0150“ auf. Für den Oktober ist eine Split-LP von 
KADAVAR und AQUA NEBULA OSCILLATOR geplant. 


HATEBREED: Die Band arbeitet gerade an ihrem neuen Album, 
das wie die beiden Vorgänger auf El Music erscheinen wird. 

PROPAGANDHI: Am 04. September wird das sechste Studioal¬ 
bum der kanadischen Punk-Urgesteine unter dem Titel „Failed Sta¬ 
tes“ auf Epitaph Records erscheinen. 

VITAMIN X: Im Herbst soll das fünfte Album der holländischen 
Hardcore Punker unter dem Namen „About To Crack“ bei Tank- 
crimes erscheinen. Das Cover-Artwork wird wie beim Vorgänger 
„Full Scale Assault“ von BARONESS-Sänger John Baizley gestaltet. 

THE JON SPENCER BLUES EXPLOSION: Nach acht Jah¬ 
ren veröffendichen die Amerikaner den Nachfolger ihres Albums 
„Damage“. Das neue Werk heißt „Meat And Bone“ und wird am 21. 
September via Bronze Rat erscheinen. 

DANKO JONES: Am 21. September wird das fünfte Studioal¬ 
bum der kanadischen Rock-Formation erscheinen. Die Platte wird 
auf den Namen „Rock And Roll Is Black And Blue“ hören und neben 
der im Juni erschienenen Doppel-DVD „Bring On The Mountain“ 
das zweite Release der Kanadier in diesem Jahr sein. 

CHELSEA LIGHT MOVING: Die neue Band von Ex-SONIC 
YOUTH-Gitarrist Thurston Moore arbeitet an ihrem Debütalbum 
auf Matador Records. Wann dieses erscheinen wird, ist noch unklar. 

D.O.A.: Ein Jahr vor ihrem 35jährigen Jubiläum veröffentlicht die 
kanadische Punk-Band ihr neues Album „We Come In Peace“ auf 
Sudden Death Records, dem Label von Frontmann Joey Shithead. 
Gastmusiker sind unter anderem Jello Biafra und BILLY TALENT-Sän- 
ger Ben Kowalewicz. 

TRASH TALK: Das neue Album der Hardcore-Punker „ 119“ wird 
im Herbst nicht nur auf ihrem eigenen TRASH TALK Collective- 
Label, sondern auch auf dem HipHop-Label Odd Future Records 
veröffentlicht. Damit ist TRASH TALK die erste Band auf Odd Future, 
die nicht zum HipHop-Kollektiv ODD FUTURE WOLF GANG KILL 
THEM ALL gehört, zumindest noch nicht. Die erste HipHop-Tour 
mit Rapper SPACEGHOSTPURRP gab’s in den USA auch schon. 

STOMPER 98: Anfang Oktober wird das neue Album „Bis hier¬ 
her“ auf Sunny Bastards erscheinen. Im Conne Island/Leipzig wird 
die Release Show stattfinden. Bis dahin kann man aber schonmal 
Texte auswendig lernen, die ist nämlich erst am 01. Dezember. 

MADBALL: Ende des Jahres erscheint die EP „Rebellion“ auf The 
BNB Label, einem Sublabel von Frontmann Freddy Criciens Firma 
Black N’Blue Productions. Neben vier neuen Songs werden auch 
Neuaufnahmen von „Get out“ und „It’s my life“ vom 89er Debütal¬ 
bum „Ball Of Destruction“ enthalten sein. 

BOXHAMSTERS: Anfang August - am 3.8.1987 wurde die 
Band gegründet - erscheinen auf einen Schlag folgende Platten: 
die „Bullerbü“-LP in Neuauflage (Bad Moon), die „Bullerbü“-CD 
(Unter Schafen), die „Silberhochzeit“-EP (Unter Schafen) mit zwei 
neuen und einem alten Stück von 1987, sowie „(Blumen-)Kinder 
sind in Ordnung III“ (Formosa Punk). 

JELLO BIAFRA AND THE GUANTANAMO SCHOOL OF 
MEDICINE: Im September erscheint das neue Album des wort¬ 
gewaltigen Herrschers über Alternative Tentacles Records, und man 
kann gespannt sein, was er zu den politischen Ereignissen der letz¬ 
ten Zeit zu sagen hat, zu Bankenkrise, Europleite, Arabellion und 
Occupy. Wir werden in unserer Oktober-Ausgabe berichten. 

Rock Science: Im September soll auch in Deutschland das Spiel 
für Rock-Nerds erscheinen. Über 2500 Fragen, an deren Entwick¬ 
lung Nicke Andersson (u.a. HELLACOPTERS, ENTOMBED) beteiligt 
war, warten darauf, beantwortet zu werden. Und wer jetzt denkt, 
dass er sich ganz bequem vor die PS3 oder XBox setzen kann, der 
hegt falsch. Denn was wäre mehr Rock’n’Roll als ein Brettspiel? 

GREEN DAY: Am 21. September wird der erste Teil der Albumtri¬ 
logie „jUno!, ;Dos!, jTre!“ erscheinen, Teil zwei und drei folgen am 
09. November und 11. Januar 2013. Und da sich die Pseudo-Punks 
wohl nur noch mit Releases in mehrfacher Ausführung zufrieden 
geben, werden im Januar 2013 nicht nur eine, sondern gleich zwei 
Dokumentationen über sie erscheinen. Die eine von Tim Lynch über 
die letzten drei Jahre, die andere von Tim Wheeler über die Anfangs¬ 
zeit der Band, die unglaublicherweise auch schon 25 Jahre auf dem 
Buckel hat. Da freut sich der Geldbeutel, da klingelt die Kasse. 

BAD BRAINS: Auch über die Washington D.C.-Hardcore-Legen- 
den wird dieses Jahr eine Dokumentation mit dem Titel „Bad Brains: 
A Band in DC“ erscheinen. 

THE RAVEONETTES: Auf Vice Records wird am 11. September 
das neue Album „Observator“ erscheinen. 

GALLOWS: Nach dem Ausstieg von Frontmann Frank Carter ver¬ 
öffentlicht die britische Hardcore-Band am 11. September via PIAS 
ihr erstes Album mit ihrem neuen Sänger Wade MacNeil. Der war 
zuvor Gitarrist bei den Post-Hardcorern von ALEXISONFIRE, die 
sich allerdings vor einem Jahr aufgelöst haben. 

PURE LOVE: Im Oktober soll das erste Album der neuen Band 
von Ex-GALLOWS-Sänger Frank Carter erscheinen. Der bleibt im 
Gegensatz zu seinen ehemaligen Bandkollegen den Majors treu und 
veröffentlicht die Platte auf Verügo/Mercury Records, die zu Uni¬ 
versal gehören. 

ANYWHERE: Nachdem das Debütalbum der Band erst nur in 
einer Auflage von 500 Stück für den Record Store Day erhältlich 
war, wurde es nun in einer größeren Auflage auch einem breite¬ 



ren Publikum zugänglich gemacht. Das war dann wohl nichts mit 
dem Sammlerstück. Angesichts der Besetzung dürfte die Band doch 
ein paar Leute interessieren, beteiligt sind Cedric Bixler Zavala (THE 
MARS VOLTA, AT THE DRIVE-IN, Christian Eric Beauheu (TRIC- 
LOPS) und Mike Watt (STOOGES, flREHOSE, MINUTEMEN). 

TOUCHE AMORE: Mit „Live On BBC Radio 1“ wird die Band 
eine Live-EP mit vier Songs veröffentlichen. 

TOMAHAWK: Im Januar 2013 wird das neue Album mit demTitel 
„Oddfellows“ auf Ipecac Recordings erwartet. 

Rockstar Records: Neben „Fambly 42“, dem neuen Album von 
TOYS THAT KILL, erscheint auch ein Rerelease des einzigen Albums 
von CASANOVAS SCHWULE SEITE auf Vinyl. Außerdem wird die 
Debüt-12“ von KOMPLIKAHONS veröffentlicht. 

THE BOTTROPS: Ende September wird auf Destiny Records das 
erste Album mit dem neuen Drummer Steve von JINGO DE LUNCH 
erscheinen. 

CITIZEN FISH: Mit „Dancing On Spikes“ will die Band dem¬ 
nächst eine selbstproduzierte EP veröffentlichen. 

MINUS THE BEAR: Auf Dangerbird Records wird das fünfte 
Album mit dem Namen „Infinity Overhead“ erscheinen. Als Veröf¬ 
fentlichungstermin ist der 28. August geplant. 

OFF WITH THEIR HEADS: NachAngaben von Frontmann Ryan 
Young hat die Band begonnen, Songs für ein neues Album aufzuneh¬ 
men. Außerdem sind OWTH neben THE SLOW DEATH, SUNDOW- 
NER und THE OUTSIDERS auf der dritten Vierer-Split von Anchor- 
less Records zu hören, die noch diesen Sommer erscheinen soll. 

Kevin Seconds: Das nächste Solo-Album des 7 SECONDS-Front- 
manns soll im frühen Herbst erscheinen. 

Danny Marianino: Der Frontmann der NORTH SIDE KINGS, der 
wohl weniger wegen seiner Musik, sondern eher wegen seiner Aus¬ 
einandersetzung mit Glenn Danzig bekannt sein dürfte, veröffent¬ 
lich ein Buch. Das wird „Don’t Ever Punch A Rockstar: A Collection 
Of Hate Mail And Other Crazy Rumors“ heißen und eine Sammlung 
von Nachrichten und Blog-Einträgen sein, die Marianino erhielt, 
seit er 2004 den Ex-MISFITS-Sänger umgehauen hat. 

THE OFFENDERS: Die italienische Band hat gerade die Arbei¬ 
ten an ihrem neuen Album beendet, das im Oktober auf Destiny 
Records erscheinen wird. 

THE ADICTS: Anstatt weiter ihre Vorband (THE WORLD/ 
INFERNO FRIENDSHIP SOCIETY) zu verprügeln, konzentrie¬ 
ren sich die Briten lieber wieder auf die Musik. Ihr neues Album 
wird am 11. September auf DC Jam Records erscheinen und ganz 
in „Clockwork Orange“-Tradition „All The Young Droogs“ heißen. 

Major Label: MONOZID arbeiten an einem neuen Studioalbum, 
das im Herbst erscheinen wird, ebenso arbeiten SERENE FALL an 
Songs für eine neue 10“. Das Label plant außerdem eine LP-Samm- 
lung von DIE ART. GUTS PIE EARSHOT arbeiten an Songs für eine 
neue Maxi und KOMMANDO SONNE-NMILCH werden im Herbst 
2012 das Studio entern, um ein Album aufzunehmen. Auch von 
N.R.F.B wird man bald wieder hören, genauso wie von den SAD 
NEUTRINO BITCHES. Weiterhin steht der zweite Teil der Split-Reihe 
„Berga By Night" mit SERENE FALL und VERBRANNTE ERDE an. 

THE WILD: Die Folk-Punker werden voraussichtlich im Dezember 
ihr zweites Album veröffentlichen. Produziert wird es von AGAINST 
ME!s Laura Jane Grace und auch in deren Total Treble Studios in Flo¬ 
rida aufgenommen. 

CORIN TUCKER BAND: Das neue Album „Kill My Blues“ der 
Ex-SLEATER-KINNEY-Sängerin wird am 18. September via Kill Rock 
Stars Records veröffentlicht. 

BLAQK AUDIO: Das Nebenprojekt der AFI-Mitglieder Davey 
Havok und Jade Puget wird auf Big Death, einem Tochterlabel von 
Superball Music, sein zweites Album „Bright Black Heaven“ veröf¬ 
fentlichen. 

This Ain’t California: Am 16. August kommt der Film über die 
Skater-Bewegung in der DDR in die Kinos. 

BLACK SHERIFF: Am 16. November erscheint das dritte Album 
der Kölner auf Rookie Records. 

THE CLASH: Mit „The Rise And Fall OfThe Clash“ erscheint dem¬ 
nächst eine Dokumentation, die die Band anders als die meisten Vor¬ 
gänger sehr kritisch beleuchtet. 

REDD KROSS: Nach 15 Jahren erscheint am 07. August auf Sweet 
Nothing endlich ein neues Album namens „ResearchingThe Blues“. 

THE LOCUST: Anti- wird am 31. Juli ein Raritäten-Album der 
Grindcore-Band mit 44 Songs aus ihrer Anfangszeit veröffendichen. 


FESTIVALS & TOUREN 

GIVE UP THE GHOST: Bereits seit dem Ende des letzten Jahres 
haben die Hardcore-Punker Reunion-Shows in den USA gespielt. 
Über die weiteren Pläne der Band ist allerdings nichts bekannt. 

Joe Strummer Tribute: Am 29. September findet in Düsseldorf 
das Tribute-Festival für die vor zehn Jahren verstorbene Punk-Ikone 
statt. Neben Musik von FRONTKICK, SKUYELA, EROTIC DEVICES 


OX-FANZEME 4 










NEWS 


und 95ER gibt es noch eine Lesung aus dem Buch „Keine Zukunft 
war gestern - Punk in Deutschland“. 

Beat On Cancer: Vom 07. bis 09. September wird in Düsseldorf 
ein RAMONES-Tribute-Festival stattfinden, dessen Erlöse in diesem 
Jahr komplett an das Düsseldorfer Kinderhospiz „Regenbogenland“ 
gehen werden. Zum Line-Up gehören unter anderem ROMANEZ, 
NIMRODS, MOPED LADS, RAMONAS und HAMBURG RAMÖNES. 

20 Jahre MOPED LADS: Die Schweizer feiern am 24./25. 
August in Luzern ihren Geburtstag, u.a. mit LOMBEGO SURFERS, 
FAILED TEACHERS, GUTTER QUEENS. 

This Charming Man Tour: Im Oktober gehen die TCM-Bands 
KADAVAR, MESSER, DRAMAMINE, CENTURIES, BLCKWVS, PATSY 
O’HARA, NOEM und UNION OF SLEEP zusammen aufTour. 

Punk im Pott: Damit die Festtagsstimmung auch zwischen Weih¬ 
nachten und Silvester nicht verfliegt, findet am 28./29.12. in Ober¬ 
hausen wieder das Punk im Pott-Festival statt. Mit dabei sind unter 
anderem DIE KASSIERER, SHAM 69, COCKNEY REJECTS, FAHNEN¬ 
FLUCHT, BAMBIX, DIE BOTTROPS und und und ... 


UMBESETZUNGEN & AUFLÖSUNGEN 

THOUGHTS PAINT THE SKY: Nach sieben Jahren löst sich die 
Akustik-Screamo-Gruppe aus Essen auf. Neben den Problemen, die 
Band mit Familie und Job zu vereinen, nennenTPTS auch fehlenden 
Support von außen in ihrem Statement als Grund. TPTS werden im 
August und September noch zwei Abschiedskonzerte spielen. 

AKIMBO: Das Punk-/Metal-Trio aus Seattle löst sich nach zahlrei¬ 
chen Umbesetzungen auf, da die Mitglieder sich auf ihre anderen 
Projekte konzentrieren wollen. Die Band wird lediglich noch eine 
Abschiedsshow in Seattle spielen, hat aber nach eigenen Aussagen 
bereits ein fast komplettes Album fertig geschrieben, dessen Auf¬ 
nahme und Veröffentlichung jedoch nicht sicher ist. 

CHUMBAWAMBA: Pünkdich zum 30jährigen Jubiläum streicht 
das anarchistische Punk-Kollektiv aus England seine Segel. Die Mit¬ 
glieder, so heißt es, fühlen sich den Aufgaben der Band nicht mehr 
gewachsen und haben das Gefühl, dass die Band nicht mehr für ihre 
ursprüngliche Idee steht. 

THE JESUS LIZARD: Die Band hat entschieden, sich doch wie¬ 
der aufzulösen, nachdem sie nach der Reunion-Tour 2008/09 
bemerkt hat, dass sie gar keine neuen Sachen aufnehmen möchte. 
Ein Buch namens „Book“ soll im August dennoch erscheinen. 

STATIC THOUGHT: Nach zwölf Jahren gibt die kalifornische 
Punkband ihre Auflösung bekannt. Grund dafür ist der Ausstieg von 
Drummer Drew, der sich komplett auf seine Band CIVIL WAR kon¬ 
zentrieren möchte. „This band was going to be a band with us 4 or 
not at all“, heißt es im Statement von STATIC THOUGHT. 

PELICAN: Gitarrist Laurent Schroeder-Lebec hat seinen Ausstieg 
aus der Post-Metal-Instrumental-Band bekannt gegeben, da er sich 
auf Familie und Beruf konzentrieren möchte. 

WEEN: Die Experimental-Rock-Band löst sich nach 28 Jahren auf. 
Meinungsverschiedenheiten habe es laut Gene Ween nicht gegeben, 
es sei einfach Zeit gewesen, dieses Buch zu schließen. 


REUNIONS 

WHERE FEAR AND WEAPONS MEET: Acht Jahre nach ihrer 
Auflösung wird sich die Hardcore-Band für einen Auftritt auf dem 
„Bringin It Back For The Kids Fest“ in Florida im Oktober wieder 
zusammenfinden. Weitere Termine werden voraussichtlich folgen. 

MOSS ICON: Nachdem bereits seit 2007 Reunion-Gerüchte die 
Runde machten, ist es jetzt wohl offiziell: die Post-Punker werden 
im Herbst einige Shows in den USA zusammen spielen und - nicht 
selbstverständlich für eine Reunion - wird auch an neuem Mate¬ 
rial gearbeitet. 


SONSTIGES 

Morrissey: Der Gerichtsprozess des ehemaligen SMITHS-Front- 
manns gegen NME ist nach acht Monaten endlich vorbei. Morrissey 
hatte das englische Musikmagazin angeklagt, ihn als Rassisten und 
Heuchler bezeichnet zu haben. NME entschuldigt sich, Geld gibt’s 
aber nicht. Außerdem hat der Sänger angekündigt, 2014 mit 55 Jah¬ 
ren in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. 

ALEXISONFIRE: Ein Jahr nach der Auflösung denken die Band¬ 
mitglieder darüber nach, noch eine kleine Abschiedstournee zu 
spielen, genaue Pläne gibt es allerdings noch nicht. Die beiden 
Gitarristen Wade MacNeil und Dallas Green sind zur Zeit in ihren 
neuen Bands GALLOWS und CITY AND COLOUR aktiv. 

MOTÖRHEAD: Als ob es den Altrockern um Lemmy Kilmister 
nicht reichen würde, sich den Alkohol selbst hinter die Binde zu 
kippen, bringen sie jetzt auch noch ein eigenes Bier auf den Markt. 
„Motörhead Bastards Lager“ heißt der edle Tropfen, der von der 
schwedischen Brauerei Krönleins hergestellt wird. Macht sich in der 
Mini-Bar gut neben dem MOTÖRHEAD-Vödka und -Wein. 

SCHEISSE MINNELLI: Sänger Samuel und Gitarrist Mikey 
haben zusammen eine T-Shirt-Druckerei und Merch-Firma gegrün¬ 
det, die auf den Namen „Bad Press“ hört. 

Dexter Holland: Anscheinend hat der OFFSPRING-Frontmann 
keine Pläne, in naher Zukunft wieder Alben auf seinem Label Nitro 
Records zu veröffentlichen. „We are what I would call a semi-active 
label“, so Holland in einem Interview mit punknews.org. Die letzte 
Veröffentlichung war das Album „Career Suicide“ von A WILHELM 


SCREAM 2007. Derzeit scheint sich Holland lieber darauf zu kon¬ 
zentrieren, mit seiner Band irrelevante Popmusik zu machen. 

Dustin Kensrue: Für die Auflösung von THRICE im vergange¬ 
nen Jahr wurde vor allem der anscheinend überhand nehmende 
Glaube des Sängers verantwortlich gemacht. Kensrue fokussiert sich 
jetzt nämlich auf „Worship Music“, da Gott ihm zu verstehen gege¬ 
ben habe, dass das seine Aufgabe sei. Dafür ist er sogar nach Seatde 
umgezogen, er selbst beschreibt das mit den Worten „ We had been 
ready to do whatever the Lord called us to [...] God faithfully has 
provided a buyer for our home and a great new home to lease in 
Bellevue“. Und da der GASLIGHT ANTHEM-Frontmann Brian Fallon 
ja bei dem Thema auch ganz groß dabei ist, post et der auf der band¬ 
eigenen Homepage folgendes: „So Mr. Dustin Kensrue feels led by 
The Lord to leave Thrice and play worship music. Awesome. I love 
that he’s doing that“. Dann können die beiden ja jetzt zusammen 
den Herrn preisen. Im Oktober erscheint übrigens noch ein Live- 
Abschiedsalbum von THRICE. 

Michael Todd: Ein Jahr nachdem er vor einem Auftritt eine Apo¬ 
theke in Massachusetts überfallen hat, wurde der Ex-COHEED AND 
CAMBRIA-Bassist zu einem Jahr Hausarrest, einer Drogenbehand¬ 
lung und regelmäßigen Drogentest verurteilt. Seine ehemalige Band 
hat längst in Josh Eppard einen Ersatz gefunden. 


CRO-MAGS: Vor einem 
Auftritt der Band in New 
York am 06. Juli ging Ex- 
CRO-MAGS-Mitglied Har- 
ley Flanegan auf die bei¬ 
den aktuellen Bandmit¬ 
glieder Bandmitglie¬ 
der William Berario und 
Michael Couls mit einem 
Messer los, da er wohl 
massiv verärgert war, dass 
die Band ohne ihn „seine“ 
Songs spielte. Die beiden 
wurden nur leicht ver¬ 
letzt, Flanegan brach sich 
aber beim darauf folgenden Security-Einsatz ein Bein. Das 
Konzert wurde abgesagt und zur Zeit wird gegen Flane¬ 
gan wegen Körperverletzung und unerlaubtem Waffen¬ 
besitzes ermittelt. Dieser beteuert, dass er sich nur selbst 
verteidigt habe, und da ihm das einige wohl auch wirk¬ 
lich abkaufen, wurde ein Spendenaufruf gestartet, um die 
50.000 Dollar für seine Kaution bezahlen zu können. CRO- 
MAGS-Frontmann John Joseph sieht das natürlich ganz 
anders und behauptet in einem ausführlichen Statement, 
dass Flanegan nur Aufmerksamkeit wolle und niemals auf 
seine Versöhnungsangebote eingegangen sei. Ein Ende 
des Streits ist also nicht in Sicht. 


Danielle Delottinville: Die PANTYCHRIST-Sängerin wurde zu 
drei Jahren Haft wegen eines Raubüberfalls im Dezember des letzten 
Jahres verurteilt, bei dem ein 5 5 jähriger Antiquitätenhändler umge¬ 
bracht wurde. Anders als ihre beiden Komplizen wurde die 28jäh¬ 
rige vom Mordvorwurf .freigesprochen, da sie zum Zeitpunkt des 
Todes nicht anwesend war. Ihre Band betont, dass Danielle dennoch 
die derzeitige und einzige Sängerin von PANTYCHRIST sei. 

CBGB’s : Der legendäre New Yorker Punk-Club wird gerade in 
Savannah, Georgia für einen Film nachgebaut, in dem es um den 
Club selbst und die dazugehörige Musikszene gehen soll. Der Cast 
besteht unter anderem aus Alan Rickman, Malin Ackerman, Johnny 
Galecki und Taylor Hawkins. Die Original-Location von CBGB’s in 
New York ist mittlerweile übrigens ein Flagship Store des Modedesi¬ 
gners JohnVarvatos. 

BLOOD FOR BLOOD: Die Band hat alle ihre Shows abgesagt, 
da derzeit gegen Sänger Buddha ermittelt wird, der angeblich ein 
13jähriges Mädchen sexuell belästigt haben soll. 

Henry Rollins: Der Schriftsteller/Journalist/Schauspieler/Sin- 
ger/Songwriter/Weltverbesserer wird im Herbst bis zur Präsi¬ 
dentschaftswahl am 06. November auf eine Spoken-Word-Tour 
durch alle Staaten der USA gehen, die den Titel „Capitalism Tour“ 
tragen wird. Und weil man ja immer noch ein bisschen mehr 
machen kann, hat der „King Of All Media“ demnächst auch noch 
eine eigene Sendung auf National Geographie, die „Animal Under¬ 
ground“ heißen wird und in der er unter anderem mit einem Alli¬ 
gator wresded. Der Crocodile Hunter lässt grüßen. 

Onkel Stereo: Ein neuer Platten- und Bücherladen ist seit weni¬ 
gen Wochen in Duisburg geöffnet und bietet alles abseits des Main¬ 
streams. Betrieben wird er u.a von Max/Salon Alter Hammer. 

Pussy Rlot: Trotz heftiger internationaler Proteste können die drei 
jungen Frauen, die im Februar wegen ihres Protestes gegen Vladimir 
Putin (offiziell „Rowdytum“) verhaftet wurden, nicht auf ihre Frei¬ 
lassung hoffen. Stattdessen winde ein Prozess gegen sie gestartet, an 
dessen Ende sieben Jahre Haft stehen könnten. 

HIGH ON FIRE: Die Metal-Band hat alle Termine ihrer Som¬ 
mer-Tom abgesagt, da sich Gitarrist Matt Pike in den Alkoholent¬ 
zug begeben hat. 

Filmage: Zwei Jahre nach Beginn der Arbeiten an der 
DESCENDANTS-/ALL-Dokumentation ist immer noch kein Veröf- 
fentlichungstermin in Sicht. In kleinen Schritten geht es aber wohl 
voran, deswegen präsentiert man gerade stolz den neuen Trailer. 

PENNYWISE: Die Band musste mehrere Termine ihrer Europa- 
Tour absagen, da Sänger Zoli Tegläs starke Rückenbeschwerden 
hatte, beim Auftritt auf dem With Full Force Festival zusammen¬ 
brach und notoperiert werden musste. Tegläs hat sich aber wohl 
erholt und ist wieder in der Lage, Shows mit PENNYWISE und 
IGNITE zu spielen. 




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OX-FANZINE 5 


















VÄRIOUS ÄRTISTS 



FOLGE 31 - BOULDERN, NICHT BERGSTEIGEN 

DAS OX-SPORTSTUDIO 

Nachdem wir es in den vergangenen Nummern eher mit Teamsportarten zu tun 
hatten, widmen wir uns in dieser Folge des Sportstudios einer Randsportart, die 
sich ausschließlich mit dem Individuum und seinem Sportgerät, in diesem Fall 
einem Felsen, auseinandersetzt. Keine Gegner, keine Mannschaftskollegen, nur der 
Sportler auf sich allein und den Felsen konzentriert, das macht den Reiz dieser Dis¬ 
ziplin für immer mehr Menschen aus. Für uns erklärt Kai Langelotz aus Hannover, 
was es mit dem Bouldern eigentlich auf sich hat. 


Kai, von Klettern und Bergsteigen habe ich 
schon gehört, aber was hat es mit Bouldern 
auf sich? 

Ganz platt gesagt, ist die Fallhöhe nicht so 
groß. Beim Klettern und Bergsteigen bist du 
ja teilweise in schwindelerregenden Höhen, 
Bouldern spielt sich zumeist in einem Bereich 
bis vier Meter Höhe ab. Wie der Begriff „boul- 
der“, also das englische Wort für Felsblock, 
schon sagt, ist Bouldern das seilfreie Klettern 
in Absprunghöhe an in der Gegend herum¬ 
liegenden Felsblöcken. Ursprünglich haben 
das wohl Alpinisten zum Training in Frank¬ 
reich und England gemacht, weil der Weg in 
die Berge für regelmäßiges Training zu weit 
war. Es ging denen damals wie auch heute 
noch primär um das Lösen von „Proble¬ 
men“ am Fels, also das Klettern von Stellen, 
die eine gewisse Herausforderung darstellen 
und nicht so ohne Weiteres machbar waren. 
Da bietet es sich natürlich an, dies nicht in 30 
Metern Höhe zu üben, sondern eher boden¬ 
nah. Inzwischen ist Bouldern jedoch zu einer 
eigenen Sportart geworden, die nicht mehr 
nur als Training für das Seilklettern gesehen 
wird, sondern sich quasi emanzipiert hat. 
Neben tollen natürlichen Bouldergebieten wie 
zum Beispiel in Fountainebleau bei Paris gibt 
es auch super gemachte reine Boulderhallen 
wie etwa bei uns in Hannover, oder es gibt die 
Cityboulderer, die sich ihre Kletterprobleme 
an Hauswänden oder Brücken suchen. 

Warst du vorher auch „normaler“ Kletterer 
oder wie bist du zum Bouldern gekommen? 
Aufgrund meiner Höhenangst habe ich vor¬ 
her das Klettern gar nicht erst ausprobiert, ich 
bin dazu gekommen, als bei uns eine Boul- 
derhalle neu aufgemacht hat und ich es ein¬ 
fach mal ausprobieren wollte. Das ist eine alte 
Fabrikhalle mit etwa vier Meter hohen Klet¬ 
terwänden, die teilweise unterschiedliche 
Neigung, Ecken, Winkeln und Kanten haben, 
an die Kletterprobleme in allen Schwierig¬ 
keitsgraden geschraubt sind, die regelmäßig 
ergänzt und ausgetauscht werden. Die Sturz¬ 
zonen sind mit Matten bestückt, es läuft gute 
Musik und der Kaffee ist klasse, also waren 
die Grundlagen vorhanden, um mich wohl¬ 
zufühlen. Zudem habe ich da festgestellt, dass 
Bouldern kein Individualsport ist, sondern es 


waren immer ein paar nette Menschen da, die 
Tips gegeben haben, wie eine Stelle zu klet¬ 
tern ist, oder man hat sich gemeinsam vorge¬ 
nommen, ein Problem zu lösen. Das ist schon 
deutlich lustiger, wenn du siehst, dass andere 
auch aus der Wand fallen oder sich dusse¬ 
lig anstellen, weil sie nicht so gut drauf sind, 
und man dann gemeinsam drüber lachen 
kann. Also einerseits war es diese Atmosphäre 
und das Ungezwungene, das mich zunächst 
begeistert hat, und dann natürlich noch der 
sportliche Aspekt. Bei den ersten Malen kann 
es schon sehr anstrengend sein, doch der Kör¬ 
per stellt sich darauf ein und nach einiger Zeit 
merkt man schon, dass die Körperspannung 
deutlich zunimmt und die Gesamtmuskula¬ 
tur profitiert. Du kriegst dann nicht unbedingt 
Muskelberge, aber du merkst es an den Hän¬ 
den oder am Rücken beispielsweise. 

Du hast von „Emanzipation“ als eigene 
Sportart gesprochen. Gibt es da richtige 
Wettkämpfe auf Zeit oder nach Fehlerpunk¬ 
ten? 

Ja, da stecke ich nicht so drin, es gibt bei 
uns einige regionale Sachen, bei denen es 
darum geht, ob ein Boulderproblem gleich 
beim ersten Versuch gelöst wird, ob meh¬ 
rere gebraucht werden oder ob es überhaupt 
von dir zu lösen ist. Das geht bei den höhe¬ 
ren Schwierigkeitsgraden teilweise ziemlich 
Spiderman-mäßig zu. Dementsprechend wer¬ 
den dann die Punkte verteilt. Bei den überre¬ 
gionalen Veranstaltungen wie den Hardmoves 
geht es dann in den Finalen durchaus auch um 
Zeit. Fehler gibt es eigentlich nicht, du kannst 
höchstens die Griffe einer anderen Route zur 
Hilfe nehmen und das gilt dann natürlich 
nicht, wenn man es ernst nimmt. Ansonsten 
gilt, dass es einen oder zwei Startgriffe gibt, 
die du beim Starten mit den Händen berühren 
musst und einen Topgriff, der drei Sekunden 
mit beiden Händen gehalten werden muss, 
dann gilt die Route als geklettert. Was du zwi¬ 
schendurch anstellst, um vom Start zum Top 
zu kommen, ist allein dir überlassen, da sind 
dann Kreativität und Körpereinsatz gefragt, du 
solltest natürlich zwischendurch auch nicht 
den Boden berühren oder runterfallen. Was 
die „Emanzipation“ als Sportart angeht, so ist 
es schon vom Feeling her etwas deutlich ande¬ 


res als das, was ich traditionell mit dem Deut¬ 
schen Alpenverein oder den Bergwanderun¬ 
gen verbinde. 

Hat Bouldern also mehr mit Freeclimbing 
zu tun als mit Klettern am Seil? 

Ja, da liegst du ganz richtig, Bouldern ist eher 
mit dem Freeclimbing verwandt oder sogar 
als eine Art von Freeclimbing zu betrach¬ 
ten, denn auch die klettern ja teilweise ohne 
Seil und nutzen es, wenn schon, dann nur im 
absoluten Notfall als Sicherung und machen 
dementsprechend nicht am Seil hängend 
Pause in der Wand. Es ist aber für mich auch 
das Minimalistische, was beides verbindet, der 
Verzicht auf technischen Schnickschnack und 
immer möglichst noch teurere Ausrüstung, 
was ja im Sport allgemein und somit auch im 
Bergsport seit Jahren eine Tendenz ist. 

Wo liegen für dich die emotionalen Unter¬ 
schiede zwischen draußen am Fels und 
drinnen an der Wand? 

Drinnen ist schon gemütlicher und unkompli¬ 
zierter, es ist trocken, es gibt Matten und Kaf¬ 
fee und die Routen sind klar definiert. Das ist 
schön nach der Arbeit und zum Training, es 
erfordert nicht viel Aufwand und du kannst 
einfach drauflos klettern. Draußen hingegen 
kommt es schon auch auf die Witterung an, 
wie die Boulder sind, ist es zu warm oder zu 
feucht, kann Sandstein schon ganz schön rut¬ 
schig werden und eher unberechenbar. Beim 
draußen Bouldern ersetzt man die Matten in 
der Halle durch ein Crashpad, also eine falt¬ 
bare Matte, die auf dem Rücken transportiert 
wird und dann unter dem Boulder platziert 
wird, um im Fall eines Sturzes nicht direkt auf 
den Boden zu schlagen. Da diese nicht son¬ 
derlich groß sind, ist es sinnvoll, noch jeman¬ 
den dabei zu haben, der das Crashpad dann 
neu justiert während man beim Klettern ist 
und sich etwas an der wahrscheinlichen Auf¬ 
schlagstelle ändert. Außerdem kann der Zweite 
dann auch „spotten“, sich also seitlich unter 
den Kletterer stellen und ihm im Falle eines 
Sturzes quasi als Umlenkpuffer dienen und 
den Fallenden in Richtung Crashpad beför¬ 
dern. Erinnert streckenweise an Konzerte, 
wenn mehrere Leute spotten und einen dann 
quasi auffangen. Blockdiving quasi. Also emo¬ 
tional ist es draußen definitiv ansprechender 
für mich, gerade wenn man in tollen Gebieten 
wie Fountainebleau in Frankreich unterwegs 
ist, oder auch im Harz. 

Machst du auch extra Krafttraining oder 
genügt das reine Klettern? 

Momentan gehe ich zwei bis drei Mal die 
Woche klettern und das reicht mir komplett. 
Zusätzliches Krafttraining wäre mir zuviel. 
Ich lasse mir beim Bouldern allerdings auch 
Zeit und bin über mehrere Stunden da, so dass 
ich auch recht viel und ausdauernd klettere. 
Das allerdings in der Häufigkeit, weil es ein¬ 
fach Spaß macht und neben dem Klettern in 


der Halle noch superviel an Gesprächen und 
Quatsch machen läuft. Wer einen echten Leis¬ 
tungsanspruch hat und bei Wettbewerben 
auf dem Treppchen stehen will, kommt wohl 
nicht drumherum auch noch Krafttraining 
zu machen. Das ist dann ähnlich oder iden¬ 
tisch wie bei den Sportkletterern. Was ich zwi¬ 
schendurch höchstens mal mache, ist mich 
am Türrahmen hochziehen oder an irgend¬ 
welchen Sachen, die rumhängen, aber das ist 
auch eher aus Langeweile oder weil der Tür¬ 
rahmen eben da ist. Als Ausgleichssport mache 
ich sonst, wenn es passt, noch Barfußlau¬ 
fen, denn was beim Bouldern leidet, sind die 
Hände in Form von Schwielen und die Füße, 
da die Kletterschuhe sehr eng sitzen müssen 
und dies auf die Dauer die Füße doch etwas in 
Mitleidenschaft zieht. Deshalb Laufen in Bar¬ 
fußschuhen. 

Was für Leute gehen Bouldern, gibt es da 
einen relevanten Prozentsatz an Punks? 

Ich habe da schon die unterschiedlichsten 
Leute getroffen und die Anzahl von realen 
Dünnbrettbohrern tendiert gegen null. Neben 
den zu vermutenden Studenten und Studen¬ 
tinnen sind auch diverse Leute mit Szenehin¬ 
tergrund da, sei es aus der Polit-, der Punk¬ 
oder der Hardcore-Szene. Da sind zumindest 
in Hannover einige anzutreffen, die ich kenne. 
Bei einigen anderen ist es von den Tattoos und 
dem Styling her naheliegend, dass sie sich da 
auch einsortieren. Ich habe auch schon ent¬ 
sprechend nette Resonanz erfahren, wenn ich 
mit dem Ox-Shirt klettern war, das kennen 
schon einige. Zudem einiges an Vegetariern 
und einige Veganer, das sind schon deutlich 
mehr als in normalen Sportzusammenhängen. 
Allgemein würde ich sagen, dass Leute aus 
wirklich allen Altersgruppen klettern gehen. 
Da hängt wirklich das Schulkind neben dem 
Frührentner in der Wand, was auch möglich 
ist, da für alle Schwierigkeitsgrade was dabei 
ist. Ausprobieren und unregelmäßig kommen 
tun viele, wer das für sich entdeckt und regel¬ 
mäßig dranbleibt, das sind schon Leute, die 
Spaß an körperlicher Bewegung haben. Wenn 
du einen Boulder nicht auf Anhieb schaffst, 
sondern mehrere Versuche brauchst, manch¬ 
mal auch über Tage hinweg, dir Lösungsmög¬ 
lichkeiten überlegst und alternative Bewe¬ 
gungen, und du dann merkst, dass dein Kör¬ 
per das auch macht, was du dir so vorgestellt 
hast ... Das ist schon ein spannendes Zusam¬ 
menspiel zwischen Körper und Geist und 
ich glaube darauf stehen die Leute, die sich 
da öfter in der Halle rumtreiben. Bei mir ist 
das zumindest so. Und dann ist es schon ein 
klasse Gefühl, etwas zu schaffen, woran man 
lange herumprobiert hat, und dann klappt es 
und du kannst es wiederholen, das ist schon 
ein Erfolgsgefühl, das auch einen gewissen 
Reiz ausmacht, obwohl ich eigentlich ein eher 
unehrgeiziger Typ bin. 

Christoph Lampert hard-moves.de 



Aus der Asche seines mittlerweile ver¬ 
blichenen Labels G7 Records (nicht zu 
Verwechseln mit dem gleichnamigen 
HipHop-Label oder dem kanadischem 
G7 Welcoming Committee Records) 
entstanden, betreibt Chris Hardware 
Records seit mittlerweile sechs Jahren. 
Über 30 Veröffentlichungen von Bands 
wie PRESS GANG oder DEAN DIRG 
sind bislang auf Hardware Records 
erschienen - alles strikt auf Vinyl. Zeit 
für kurze Fragen und noch kürzere Ant¬ 
worten. 


Wann, wie und wo hast du Hardware 
Records gegründet? 

Wenn ich mich recht entsinne, Anfang 2006 
an der Theke einer zugepissten Schlagerkneipe 
namens „Latüchte“ in Osnabrück um 14:87 
Uhr. 

Kannst du von deinem Label leben? 

Nein, niemals! 

Was machst du sonst noch? 

Leben, lieben, Geld verdienen. 

Welche sind deine bevorzugten Stilrichtun¬ 
gen? 

Hardcore, Punk, Hardcore Punk, Punk Hard- 
core. 

Deine Label-Vorbilder? 

G7 Records. 

Was waren deine drei wichtigsten Veröf- 
fendichungen auf Hardware Records? 

1. BLÜDWÜLF-7“, weil es die erste war und 
ich durch deren Veröffentlichung etwas lernen 
durfte. 2. ORGANISM-LP, weil die so bumsgeil 
ist. 3. Die jeweils kommende Platte. 

Wieso hast du dich entschieden, ein Label 
zu betreiben? 

Ich wollte immer schon meinen Senf dazuge¬ 
ben. Aber da ich weder besonders musikalisch 
noch anderweitig großartig kreativ bin, blieb 
eigentlich nur diese eine Möglichkeit. 

Deine Labelpolitik? 

Ich bring weiterhin nur das raus, was ich geil 
finde. Rest egal. 

Michael Schramm hardware-records.com 


OX-FANZINE 6 











VARIOUS ARTISTS 



OZ PUNK TOP 10 

ANTHONY BAMBACH (MOLTEN UNIVERSE) 

ÜBER SEINE FAVORITEN DER JAHRE 1980-1985 

MUSHROOM PLANET - Some Other Day EP 

Eine unterschätzte Band. Sie waren Freunde der CELIBATE 
RIFFLES an der Forest High School in Sydney. Komplexer und 
nachdenklicher Pop-Punk, gespielt in einer ungebändigten 
Geschwindigkeit. Die Band vereint sich dieses Jahr für Kon¬ 
zerte wieder. 

CELIBATE RIFFLES - Sideroxylon 

Ihr erstes und bestes Album. Geschichten von vorstädtischer 
Lebensangst und Langeweile. Ich stehe auf den lakonischen 
Gesangsstil und das Bassspiel des verstorbenen James Darroch. 

X - At Home WithYou 

Ich hätte eigentlich das erste Album „X-Aspirations“ aufge¬ 
listet, aber das wurde bereits 1979 veröffentlicht! Nichtsdes¬ 
totrotz rockt dieses Album und wurde vom umgestalteten 
X-Line-up mit der großartigen Schlagzeugerin Cathy Green 
eingespielt. „TV glue“ bietet ein mörderisches Gitarrenriff und 
ist ein echter Oz-Rock-Klassiker. Neulich tourten sie ein aller¬ 
letztes Mal durch Australien. 

EASTERN DARK - Long Live The New Flesh EP 

Drei gute Songs mit Bill Gibson, einem Teilzeit-LIME SPIDERS- 
Mitglied. Ihre vielversprechende Karriere wurde überraschend 
von einem tragischen Autounfall beendet, bei dem Sänger und 
Gitarrist James Darroch getötet und Schlagzeuger Geoff Milne 
schwer verletzt wurde. 

NEW RACE - The First And Last 

Eine großartige Detroit-Rock-Gruppe bestehend aus den 
RADIO BIRDMEN-Mitgliedern Rob Younger, Deniz Tek und 
Gilbert Warwick, die zusammen mit Ron Ashton und Dennis 
„Machine Gun“ Thompson arbeiteten. Eines der besten Live- 
Alben aller Zeiten. Kräftiger Rock’n’Roll, gespielt mit einer 
immensen Präzision. Ich hatte das Glück, zwei Shows von 
ihnen zu sehen. 

THE HITMEN - s/t 

Mein Favorit unter den aus RADIO BIRDMAN entstandenen 
Bands. Dieses Album zeichnet sich durch exzellentes Songwri- 
ting und Produktion aus. Der Sound hat etwas von Metal und 
ist sehr durch THE DICTATORS und BLUE ÖYSTER CULT beein¬ 
flusst. 

LIPSTICK KILLERS - Mesmerizer 

Ein fantastisches Live-Album einer weiteren unterschätzten Oz- 
Band. Sie waren ein Teil der Detroit-Rock-Szene in Sydney und 
spielten oft mit Bands wie THE HITMEN und THE VISITORS. 
Die dem Album vorangegangene Single „Hindu Gods Of Love“ 
ist ein Kult-Klassiker. Die Band hatte sich in Amerika niederge¬ 
lassen, dort dieses Album aufgenommen und sich kurz danach 
aufgelöst, als sie pleite gingen und sich nur noch von Kartof¬ 
feln ernähren konnten. 

THE CHURCH - The Blurred Crusade 

Nicht wirklich Punkrock, aber ihr erstes Album hat einen 
Hauch davon. Die Band ist noch immer erfolgreich mit ihrem 
düsteren und atmosphärischen Sound mit einigen psychedeli¬ 
schen Einflüssen. Sie haben über 20 Alben veröffentlicht. 

MIDNIGHT OIL - Bird Noises EP 

Diese Band hatte am Anfang ihrer Karriere eine Menge Ener¬ 
gie und diese vier Songs sind ein gutes Beispiel für ihren trei¬ 
benden Rock. Schlagzeuger Rob Hirst war Australiens Antwort 
auf Keith Moon. Ihre Musik wurde während der weiteren Ver¬ 
öffentlichungen schlechter, als ihre Texte politischer wurden. 
Sänger Peter Garrett ist jetzt ein Mitglied des australischen Par¬ 
laments. f 

PSYCHOTIC TURNBUCKLES - Destroy Dull City EP 

Schwergewichte der Sydney-Garage-Rock-Szene. Diese Typen 
waren Profi-Wrestling-Freaks. Sie waren eine höchst unter¬ 
haltsame Live-Band und trugen grüne Perücken und gefälschte 
Wrestling-Gürtel. Gitarrist „The Green Wizard“ produzierte 
die erste HARD-ONS ER 




WAS MACHT EIGENTLICH ...? 

RICHARD HELL 

Richard Hell war eine Ikone der frühen Punk-Bewe¬ 
gung in New York und ganz speziell in der Szene um 
das legendäre CBGB’s. Mit seinen Freunden Tom Mil¬ 
ler und Bill Ficca gründete er bereits 1971 THE NEON 
BOYS, die 1973 umbenannt wurden in TELEVISION, 
die als erste Punkband 1974 im von Hüly Kristal ein 
Jahr zuvor ins Leben gerufenen Musikclub CBGB’s 
auftraten und zu den ersten Bands der New Yorker 
Punk- und New-Wave-Szene gehörten. 

Von da an nannten sich Richard Myers nur noch Richard Hell 
und Tom Miller Tom Verlaine. Als TELEVISION 19 7 7 ihr prägen¬ 
des Debütalbum „Marquee Moon“ veröffentlichten (bereits 
1974 schrieb eine gewisse Patti Smith im SoHo Weekly unter 
dem Titel „Escapees from Heaven“ einen euphorischen Artikel 
über die Band), war Richard Hell schon nicht mehr dabei. Er 
tat sich zwei Jahre zuvor mit Gitarrist Johnny Thunders und 
Schlagzeuger Jerry Nolan zusammen, die beide gerade die 
spektakulären NEW YORK DOLLS verlassen hatten, um THE 
HEARTBREAKERS zu gründen. Das währte aber nicht einmal 
ganz ein Jahr und Richard Hell verließ die Band und grün¬ 
dete RICHARD HELL & THE VOIDOIDS, womit ihm auch der 
„Durchbruch“ gelang. 

Der Song „Blank generation“ vom gleichnamigen Debütal¬ 
bum von 1977 wurde zu einer Hymne der New Yorker Punk- 
Bewegung und einer ganzen Generation. Am Schlagzeug bei 
den THE VOIDOIDS war für kurze Zeit ein gewisser Marc Bell 
aktiv, der kurze Zeit später als Marky Ramone Schlagzeuger bei 
den RAMONES werden sollte. „Blank Generation“ wurde von 
der New York Times zu einem der zehn wichtigsten Alben sei¬ 
nes Jahrzehnts gewählt - und das mit einem Titelsong, der den 
dunklen Nihilismus und das verlorene Selbstverständnis von 
Richard Hell so unglaublich präzise auf den Punkt gebracht 
hatte. Lester Bangs vom Rolling Stone schrieb voller Eupho¬ 
rie und treffsicher: „Richard Hell is different. I hear echoes in 
this record of rock & roll from time immemorial, and they are 
not contrived, they are rather the modus of a plain-speaking 
kid with an awesome intelligence and a great pain to speak 
plainly of.“ 

Ein Song, der diese Zeit in New York und Richard Hells ganz 
persönliche Befindlichkeiten stark prägte und über den Kim 
Gordon von SONIC YOUTH sagte, dass er ihr Lieblingssong sei. 
Die New Yorker No-Wave-Ikone Lydia Lunch packte den Song 
in ihre persönliche Top Ten mit den Worten: „The Charisma of 
Richard Hell, the psychosis of Robert Quine, a classic song that 
sums up the born to lose / can’t be bothered to give a shit / 
fuck you too / get your fucking greasy eyeballs off my ass you 
asshole / disaffected youth of the late ’70’s.“ 

Im Jahr 1982 brachte die Band ihr zweites und letztes Album 
„Destiny Street“ heraus und löste sich anschließend auf. 
Richard Hell verschwand für ein Jahrzehnt aus der Musikszene 
und veröffentlichte erst 1992 wieder eine etwas halbherzige 
Solo-EP Im gleichen Jahr tat er sich mit Thurston Moore und 
Steve Shelley (beide SONIC YOUTH) und Don Fleming (GUM¬ 
BALL) unter dem Namen DIM STARS zusammen. Richard Hell 
war Leadsänger der Band, spielte Bass und schrieb alle Songs. 
Doch schon in den Jahren zuvor hatte er seine wirkliche Pro¬ 
fession und Berufung gefunden: als Autor, Schriftsteller und 
Essayist. Er begann, Beiträge, Reportagen und Essays zu sch¬ 
reiben - immer irgendwie zwischen persönlicher Realität und 
Fiktion - für Spin, GQ, Esquire, The Village Voice, Vice, Book- 
forum, Art in America, The New York Times und The New York 
Times Book Review. Einige Jahre schrieb er gar Filmkritiken 
(„Hell on the movies“) und selbst spielte er gar in Madonnas 
Film „Desperately Seeking Susan“ mit. 

1996 erschien sein Roman „Go Now“, die Geschichte des 
ausgebrannten Punk-Junkies Billy Mud, der mit den Drogen 
kämpft und der Beziehung zu seiner französischen Freun¬ 
din Chrissa. Natürlich trägt das Thema Facetten autobiografi¬ 
scher Züge von Richard Hell, der nur zu gut weiß, worüber 
er schrieb. Der Roman bekam einige sehr gute Rezensionen 
und man erwähnt ihn in einem Atemzug mit Hunter S. Thomp¬ 
son und Jack Kerouac. Die New Yorker Wochenzeitung The Vil¬ 
lage Voice ließ verlautbaren: „Hell’s brilliant junkie novel, ,Go 
Now‘, is prison writing from the lockup of the head, but unlike 
the majority of addiction testimony, narrator Billy’s sentences 
are hammered out of hard-won insights, snaking around your 
basic pillars of consciousness-loneliness, self-disgust, oblivion, 
and sex.“ Später schrieb er den Roman „Godlike“ (2005), die 


Essay-Sammlung „Hot and Cold“ (2001) und einiges mehr. 
Doch Hell schrieb schon zu Zeiten, als er erst mit der Musik 
begann, und zwar den Roman „The Vöidoid“ im Jahr 1973, 
der allerdings erst 1996 veröffentlicht wurde (angeblich gibt 
es auch noch ein bisher unveröffentlichtes Manuskript eines 
Buches seines ehemaligen Bandkollegen Tom Verlaine von 
TELEVISION, das bis heute nicht das Licht der Öffentlichkeit 
erblickt hat und von Richard Hell in seinem Apartment auf¬ 
bewahrt wird) und sich um das „NY .barnyard slum‘ rock & 
roll and poetry milieu“ in den frühen Siebziger Jahren in New 
York dreht. Hell schrieb den Roman in einem kleinen Zimmer, 
das er sich für 16 Dollar die Woche angemietet hatte, mit Blick 
auf den Friedhof der St. Mark’s Church. Eine echtes Erleb¬ 
nis dürfte aber wohl „Across the Years“ sein, eine Sammlung 
von Gedichten, die Richard Hell von 1970 bis 1991 geschrie¬ 
ben hatte, und welche in einer sehr limitierten Sonderedition 
erschienen ist, ergänzt um eine CD, auf der er in einem Zim¬ 
mer im legendären Chelsea Hotel diese Gedichte vorliest. 

Im November 2011 bat der Musiker Kurt Vile seinen Helden 
Richard Hell zu einem seiner ganz seltenen Interviews und 
musste mit Ernüchterung feststellen, das Hell seit Jahren nicht 
mehr auf Konzerte geht und Musik eher als komplett privates 
Erlebnis zu Hause wahrnimmt (wenn überhaupt), da er mit 
dem Publikum im Allgemeinen nicht so richtig klar kommt. 
2012 wird seine Autobiografie „I Dreamed IWas aVery Clean 
Tramp“ erscheinen (über die Zeit bis zu seinem 34. Lebens¬ 
jahr), an der er fünf Jahre gearbeitet hat und über die er sagt: 
„I thought that by writing this book I might be able to get 
an idea of what my life is like, seen from outside of myself.“ 
Eine Autobiografie, in der sich Richard Hell auch mit „Auf der 
Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust ausein¬ 
andersetzt. Vermutlich geht es ihm exakt so im Rückblick auf 
sein bewegtes Leben. Und zu der Zeit, als Richard Hell Anfang 
der Siebziger Jahre nach New York kam, war er vom französi¬ 
schen Dichter Charles-Pierre Baudelaire begeistert, weil er ihn 
als „urban, grausam und unsentimental“ empfand, wie New 
York zu dieser Zeit eben. 

Markus Kolodziej richardhell.com 




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OX-FANZINE 7 

















VARIOUS ARTISTS 




5 PLATTEN FÜR ... 

DIE EINSAME INSEL 

Die Frage nach den fünf Platten für die sprichwörtliche einsame Insel ist unter Musik-Aficionados sicherlich eine 
der meist diskutierten. An ihr zerbrechen Freundschaften oder werden für alle Zeiten manifestiert, und auch die 
eine oder andere Knospe einer aufkeimenden Beziehung mag schon verdorrt sein, wenn der oder die Angebe¬ 
tete sich zu der Aussage hinreißen ließ, sich die Reise zur einsamen Insel ohne Xavier Naidoo im Gepäck nicht 
vorstellen zu können. Die Liste mit den fünf Platten für die Ewigkeit ist, wenn sie mit Bedacht erstellt wird, also 
ein Zeugnis mit massiver Aussagekraft. Zeig mir deine Liste und ich sage dir, wer du bist. Damit du weißt, wer 
ich bin, ist hier meine Liste. 


CRO-MAGS, The Age Of 
Quarrel (1986) 

Ich kann mich noch 
genau daran erinnern, 
wie ich die Scheibe 1987 
als 16-Jähriger in meiner 
ostwestfälischen Heimat 
kaufte. Ich erinnere eben¬ 
falls, dass mir das Album 
zunächst gar nicht gefiel: 
komische Produktion, 
viel zu langsame Songs 
- ich war enttäuscht. Das 
änderte sich aber bald 
und die Scheibe entfaltete ihre alles zerstörende Durchschlags¬ 
kraft, denn in den Achtzigern wurde Platten noch Zeit gege¬ 
ben, sich zu entwickeln. Das CRO-MAGS-Debüt ist für mich 
die Blaupause des NYHC und hat bis heute nichts von seiner 
gewaltigen Brachialität eingebüßt. „Malfunction“ und „Hard 
times“ sind Hits für die Ewigkeit und somit prädestiniert für 
die Insel. Bleibt noch eine Frage: John Joseph oder Harley 
Flanagan? Eindeutig John, daher kann ich mit der weiteren Dis¬ 
kografie der CRO-MAGS auch nichts anfangen, „The Age Of 
Quarrel“ hingegen täglich hören. 

URGE OVERKILL, Exit 
The Dragon (1995) 

Wenn es um URGE 
OVERKILL geht, denkt 
wahrscheinlich jeder 
direkt an „Americruiser“ 
und „The Supersonic 
Storybook“. Der rich¬ 
tig heiße Scheiß aber ist 
„Exit The Dragon“: Das 
Trio lässt sich alle Zeit 
der Welt, seine zeiüosen 
Rocktunes voller Leiden¬ 




schaft zu entwickeln. Ein leider nur beinahe perfektes Album, 
denn ausgerechnet der Opener „Jaywalkin’“ ist ein entsetzli¬ 
cher Nervbrocken. Alles danach ist allerdings gottgleich und 
eher für die sonnigen Tage auf der Insel geeignet. 

DANZIG IV (1994) 

Leider endete die klas¬ 
sische „Mach I“-Beset¬ 
zung mit dem vier¬ 
ten DANZIG-Album, der 
Glennster tauschte die 
gesamte Band aus und 
ihm brannte endgültig 
der komplette Dachstuhl 
aus. Anders ist der musi¬ 
kalische Irrsinn nicht 
zu erklären, dem er sich 
danach hingab. Gäbe es 
diese Spätphase nicht, 
würde ich sagen, Glenn D. ist der einzige Musiker, der in sei¬ 
nem Leben nicht einen schlechten Song geschrieben hat. Auch 
wenn ich die MISFITS und insbesondere SAMHAIN liebe, kul¬ 
miniert der Höhepunkt des Danzigschen Schaffens für mich in 
„IV“: Besser hat der Meister nie gesungen, die Songs haben in 
ihrer Bedrohlichkeit eine gefährliche Sogwirkung. 

Allein die Gitarre bei „Until you call on the dark“ befindet sich 
nahe am Gottstatus und Songs wie „Litde whip“ und „Cant¬ 
speak” schreibt auch Danzig nicht alle Tage. Näher an SAM- 
FIAIN hat der Meister sich in seiner DANZIG-Phase nie (wie¬ 
der) bewegt. 

ELECTRIC SIX Switzerland (2006) 

Wenn du mal wieder verzweifelt bist, dass einfach kein Schiff 
vorbeikommt, um dich von diesem elenden Drecks-Eiland zu 
befreien, dann hilft nur noch ELECTRIC SIX. Auf E6 bin ich 
erst recht spät gestoßen, so kam ich in den Genuss, ihre ers¬ 
ten beiden Werke („Fire“ & „Senor Smoke“) parallel kennen 
lernen zu dürfen. Das dritte Album „Switzerland“ stellte sich 




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dann weit sperriger dar 
als die Frühwerke mit 
ihren Hits wie „Gay bar“ 
und „Danger! High vol- 
tage“. So brauchte auch 
„Switzerland“ eine ganze 
Weile, um sich vom 
Brandzeichen der „Ent¬ 
täuschung“ zu lösen. Das 
geschah dann allerdings 
in einem Ausmaß, das 
ich nicht erwartet hatte: 
Die Platte ist düsterer, als 
E6 es je zuvor waren, dafür allerdings auch extrem nachhaltig. 
Konfuzius wusste seinerzeit schon: „Ein E6-Song ist niemals 
langweilig“, und was der Detroiter Irrenhaufen, bei dem auch 
Jim Diamond schon als Gastmusiker aktiv war, auf „Switzer¬ 
land“ anstellt, ist der absolute Wahnsinn. Das Gespür für geni¬ 
ale Hooks ist ihnen später leider etwas abhanden gekommen, 
aber das ist angesichts dieses Meisterwerkes zu verschmerzen. 
Und wer Texte wie „Germans in Mexico“ schreibt und seine 
Platte Roger Federer widmet, hat mit seinem Humor ohnehin 
gewonnen. Lyrisch und musikalisch state of the art. 

JURI GAGARIN Cobra 
(2009) 

Für den Fall, dass Robin¬ 
son und Freitag von der 
Nachbarinsel mal wie¬ 
der auf eine Party rüber¬ 
kommen, muss natürlich 
auch was zum Tanzen 
in der Plattenkiste sein. 
Daher befinden sich auf 
Platz 5 die Electroclas- 
her JURI GAGARIN. Das 
ist wirklich harter Tobak 
und könnte dazu führen, 
dass du deine Meinung über mich am Ende doch noch änderst. 
Aber wir wollen hier schließlich vollkommen ehrlich zueinan¬ 
der sein, oder? JURI GAGARIN liefern auf „Cobra“, das übri¬ 
gens auf Audiolith erschienen ist, einen Mix aus Electro und 
Pop ab, der bisweilen eine gewisse Nähe zum Eurodance der 
Neunziger zeigt, wodurch die Band — trotz der eindeutig vor¬ 
handenen Punk-Attitüde - für die meisten Ox-Leser zu einem 
roten Tuch werden dürfte. Allein wegen der kühlen Stimme von 
Sängerin Flicke finde ich’s hingegen genial. 

Übrigens auch perfekt geeignet für die tägliche Joggingrunde 
um die Insel. 

Christian Krüger 





DAVID SCHUMANN ÜBER ... BLÜMCHEN 


Viele Leute sind der Meinung, dass die Neunziger musikalisch gesehen eine 
schreckliche Zeit waren. Ich persönlich fand sie großartig. Ich war damals ein klei¬ 
nes Vegan-Straight-Edge-Kid, habe EARTH CRISIS, CHOKEHOLD und UNBROKEN 
genauso abgefeiert wie LIFETIME, SPLIT LIP und PROPAGANDHI, spielte in diver¬ 
sen Bands, die diverse Tonträger auf diversen Hardcore-Labels veröffentlichten, 
und war ansonsten die meiste Zeit mit den Dingen beschäftigt, die man halt so tut, 
wenn man keine Freundin hat, weil man riesengroße Baggypants trägt, sich Xe auf 
die Hände malt und - wie mir beim Betrachten alter Fotos immer wieder auffällt - 
allgemein verdammt scheiße ausgesehen hat. 


Mit meinen besten Freunden und Bandkolle¬ 
gen Jan und Daniel stand ich schon früh mor¬ 
gens vor der ersten Unterrichtsstunde auf, 
warf Hochsitze im Wald um, klebte antifa¬ 
schistische Spuckis auf die Straßenlaternen 
der Stadt und fuhr am Wochenende mit dem 
30-Mark-Ticket auf Konzerte in ganz Deutsch¬ 
land, um da auch keine Mädchen kennen zu 


lernen. Es war eine tolle Zeit. Unbeschwert, 
jugendlich frisch und mit so viel Energie und 
Aktionismus, dass man jeden Tag zu explodie¬ 
ren drohte. 

Kurz nach dem Abi zog ich mit ein paar 
Freunden in eine WG nach Frankfurt. Als 
gebürtiger Nordrhein-Westfale war das eine 
ganz schön harte Umstellung, denn in Frank¬ 


furt sind die meisten Menschen unfassbar 
aggressiv und haben von dem Begriff „rheini¬ 
sche Fröhlichkeit“ noch nie gehört. Trotzdem 
hatten wir eine Menge Spaß in unserer kleinen 
Wohnung, in der wir zu fünft wohnten, vegan 
kochten und die Weltrevolution planten. Es 
gab aber noch eine Veränderung im Gegensatz 
zu der Zeit vorher: Wir hatten einen Fernse¬ 
her mit Kabel. Auf einmal konnten wir Pro¬ 
gramme wie MTV, Viva und Viva 2 empfangen. 
Wow. Ich wusste ja gar nicht, was da draußen 
in Sachen Popkultur alles los war! Seitdem ich 
14 war, hatte ich nur BLACK FLAG, MISFITS 
und BAD RELIGION gehört. Wer brauchte 
da schon Radio oder Ähnliches? Aber die¬ 
ses Musikfernsehen, so doof es und die dort 
gezeigten Videos oft waren, hatte schon etwas 
fesselndes. 

Nachmittage lang saßen mein Kumpel Jochen 
und ich im Wohnzimmer auf der Couch und 
schauten uns Musikvideos an, die wir entwe¬ 
der total furchtbar - und gerade deswegen 
super - oder auch ernsthaft gut fanden. Wer 
sich an die Mitte der Neunziger zurückerin¬ 
nert, wird zugeben müssen, dass es ein paar 
verdammt gute Videos gab, damals. „Water- 
falls“ von TLC fanden wir richtig gut, aber 
auch „Hit me baby one more time“ hatte es 
uns angetan. Wahrscheinlich, weil wir die 
meiste Zeit Single waren. Aber auch Spike Jon- 
zes WEEZER-Videos fanden wir super, und 
auch „It’s oh so quiet“ von der doofen Björk. 
Als dann allerdings eines schönen Sommerta¬ 
ges im Jahre 1996 zum ersten Mal „Boome¬ 
rang“ von Blümchen über die Mattscheibe 
flimmerte und sich das kleine Techno-Lolita- 
Mädchen in wenigen Sekunden unauslösch¬ 
lich in unsere Herzen sang, war alles andere 
erst mal egal. 

Wir waren verliebt. Verliebte Jungs. In Blüm¬ 
chen. Nicht so richtig in Jasmin Wagner, 
aber in Blümchen. Im Laufe der nächsten 
zwei Jahre konnte man ihre Videos nonstop 
auf allen Musikkanälen bewundern. „Kleiner 
Satellit“, „Nur geträumt“, Verrückte Jungs“, 
das ganze Programm. Irgendwie erinnerte uns 
Blümchen immer an 7 SECONDS auf Techno. 
Bloß dass Jasmin Wagner in uns doch irgend¬ 


wie andere Gefühle weckte als deren Sänger 
Kevin. 

Im Frühling 1997 zogen wir endlich nach 
Köln um. Es wollte studiert werden und auch 
sonst hatte die Stadt am Rhein ca. 20 Trilliar- 
den Mal mehr zu bieten als das Höllenloch 
Frankfurt, in dem mir zwei Mal in zwei Jah¬ 
ren mit vorgehaltenem Messer das Zivi-Gehalt 
abgerippt wurde. Mein Kumpel Jochen arbei¬ 
tete nebenher bei Underdog Records am Han¬ 
saring. Damals verkaufte Underdog noch in 
erster Linie Punk und Hardcore. Eines Tages 
klingelte mein damals noch nicht vorhande¬ 
nes Mobiltelefon und Jochen war dran. Er rief 
mit aufgeregter Stimme in den Hörer, dass 
Blümchen in wenigen Minuten eine Auto¬ 
grammstunde im Saturn direkt gegenüber 
abhalten würde und wir da auf der Stelle hin¬ 
müssten! Noch bevor er das letzte Wort been¬ 
det hatte, war ich auf dem Weg. 

Die Schlange vor Blümchens Autogrammtisch 
war überraschend kurz. Was war los mit den 
Leuten? Jochen und ich stellten uns an und 
zählten in freudiger Erwartung die Sekun¬ 
den, bis wir tatsächlich vor Jasmin Wagner 
stehen würden. Als wir endlich mit zittern¬ 
den Fingern vor Blümchen standen und von 
der wahren Queen of Pop unsere unterschrie¬ 
benen Autogrammkarten überreicht beka¬ 
men, richtete diese tatsächlich das Wort an 
uns und fragte: „Und? Wie hat euch das neue 
Album gefallen?“ Wir antworteten ehrlich, 
dass uns das erste Album besser gefiel, da auf 
dem neuen nicht mehr so viele schnelle Songs 
drauf waren, was Blümchen zu überraschen 
schien, denn bisher hatte sie wahrschein¬ 
lich ihre ganze Karriere lang auf diese Frage 
immer nur: „Super!“ zu hören bekommen. 
Ich denke, wir haben sie damals zum Nach¬ 
denken gebracht. Wer weiß das schon. Später 
erfuhr ich dann, dass Jasmin Wagner Vegetari¬ 
erin sei, Mitglied der Turbojugend und auch 
sonst ziemlich cool. Was mich nicht verwun¬ 
derte, aber doch erfreute. Leider haben sich 
unsere Wege seit damals kein weiteres Mal 
gekreuzt. Also, Jasmin, wenn du das hier best: 
Ich bin immer noch Single. Alles wegen dir. 
Dein David. jasminwagner.de 


OX-FANZINE 8 












VAR10US ART1STS 


© f&sfcars 

ammff. .. ready or not! 




■BEAT'i 



ZEHN WEGWEISENDE POWERPOP-ALBEN 

DER KANON DES GUTEN GESCHMACKS 

Kein Genre ist so unaufgeräumt archiviert und so schlecht einzugrenzen wie das des Powerpop. Irgendwann 
zwischen 1963 und 1981 wird sein Ursprung datiert, mal in der British Invasion, im Pubrock und dann wieder 
im aufkeimenden (Junkshop-)Glam beziehungsweise Chiswick-Sound, und spätestens bei der Diskussion um 
seine geografische Brutstätte verlieren auch hartgesottene Subkultur-Historiker den letzten Nerv. So soll an die¬ 
ser Stelle ein weiterer Versuch gestartet werden, zehn wegweisende Powerpop-Alben anzuführen. Zehn Platten, 
die maßgeblich kommende Generationen von Powerpop-Bands beeinflusst haben und auch heute gefragte und 
existenzielle Sammlerobjekte sind, haben sich unter diesen Bedingungen herauskristallisiert. 


INCREDIBLE KIDDA BANDToo Much, Too Little.Too Late 

Sollte wirklich jemand anzweifeln, dass diese Platte eine Bes¬ 
tenliste von Powerpop-Platten anführen muss? Ich denke nicht, 
denn INCREDIBLE KIDDA BAND, deren Gesamtwerk 2000 erst¬ 
malig von Detour auf eine Doppel-LP gebannt wurde, werden 
weitläufig als die erste Band gehandelt, die den Pubrock-Dunst- 
kreis verließ und als Prototyp für einen schmissigen Power¬ 
pop-Sound in die Geschichte einging. Zu Zeiten ihres Beste¬ 
hens blieb kommerzieller Erfolg aus, erst nach ihrer Auflö¬ 
sung konnten INCREDIBLE KIDDA BAND, die sich 1976 im 
britischen Nuneaton gründeten, mit ihrer präzisen Spielweise, 
ihren eingängigen Harmonien und ihren exemplarischen 
„Coming of Age“-Texten Lorbeeren einheimsen. Ihre Werk¬ 
schau verkaufte sich in Windeseile, einige Single-Reissues auf 
1977 und Last Laugh folgten und Ende letzten Jahres veröf¬ 
fentlichte Red Lounge „Too Much, Too Little, Too Late“ erneut 
- mit anderer Covergestaltung. Der Fakt, dass auch diese Edi¬ 
tion mittlerweile ausverkauft ist, soll für sich selbst sprechen. 

FAST CARS Coming ... Ready Or Not 

Die FAST CARS gründeten sich 1978 in Manchester um Front¬ 
mann Steve Murray und schrieben mit „The kids just wanna 
dance“ einen der wohl meistgecovertsten Powerpop-Songs 
aller Zeiten. Auch ihnen blieb erwähnenswerter Erfolg ver¬ 
wehrt und so gelangten sie erst 2001 mit der Veröffentlichung 
von „Coming ... Ready Or Not“ und der „Everyday I Make Ano- 
ther Mistake“-7“ auf Detour zu größerer Bekanntheit. Die Sin¬ 
gles „Here We Are Today“ und „Turn On The Radio“ wurden 
vom japanischen Resissue-Label 1977 wiederveröffentlicht 
und machten die FAST CARS auch Fans zugänglich, die nicht 
über 100 Pfund für eine Single ausgeben können oder wollen. 
Ohne Frage stehen FAST CARS der INCREDIBLE KIDDA BAND 
in puncto Hitpotenzial in keiner Weise nach. 

THE UNCOOL DANCEBAND Don’t Ask Me To Dance 

Schon wieder ist 1977 Records mit dieser exquisiten Song- 
sammlung dafür verantwortlich, eine grandiose Band aus dem 
Schatten der Vergangenheit zu holen. THE UNCOOL DANCE¬ 
BAND gründeten sich 1978 in Doncaster und zeichneten sich 
für unsterbliche Hits wie „Never get the girl“ oder „Don’t ask 
me to dance“ verantwortlich. Tragischerweise verstarb ihr Sän¬ 


ger Chri Bottrill an Krebs, so dass der New Yorker Steve Bogart 
ihn ebenbürtig ersetzte. Polydor brachte damals zwei Singles 
heraus, die es jedoch nicht in die Charts schafften, und 1982 
löste sich die Band dann auf. Die Originalsingles „Jacqueline“ 
und „Let Me BeYour Boyfriend“ werden für über 100 Pfund 
gehandelt und befinden sich wohl größtenteils im Besitz japa¬ 
nischer Powerpop-Wahnsinniger. Was für ein Glück, dass 1977 
im letzten Jahr alle Songs auf CD gebannt hat und auch eine LP- 
Version erschienen ist. 

THE BEAT s/t 

Keine Powerpop-Hitliste wird aufgestellt, ohne dass sich Paul 
Collins darin wiederfindet. Mit den Songs, die er mit den NER¬ 
VES schrieb, wurde er legendär - bei „Hanging on the tele- 
phone“, „Working to hard“, „Come back and stay“ saß er am 
Schlagzeug und stellte seine Songwriter-Qualitäten dann spä¬ 
ter bei THE BEAT unter Beweis. 1979 veröffentlichten diese auf 
Columbia/CBS ihr erstes, sclbstbetiteltes Album und prägten 
nachhaltig den Sound amerikanischen Powerpops. „Rock’n’roll 
girl“ und „Don’t wait up for me“ sind wohl die herausragends- 
ten Songs ihres Debüts, das auch heute wieder über 1-2-3-4 
Records erhältlich ist. 

THE PLIMSOULS s/t 

1978 gründete Peter Case, der zuvor noch bei THE NERVES Bass 
spielte, THE PLIMSOULS in Los Angeles. Neben einem über¬ 
schaubaren Single-Output können sie noch ein zweites Studio¬ 
album („Everywhere At Once“, 1983) vorweisen, das ihrem 
1981er Debüt jedoch nicht das Wasser reichen kann. Eine klare 
Produktion, Riffs, denen man eine BEACH BOYS-Sozialisation 
anhören konnte, und Harmonien, die die British Invasion in 
die US exportierte, machten den Trademark-Sound ihres 1981 
auf Planet veröffentlichten Albums aus. 1984 löste sich die 
Band dann auf, später gab es zwei Reimions. 

THE JETZ The Anthology 1977-79 

Kidnap von THE NOT AMUSED und Queen Mum Records 
hob 2011 die Anthologie des englischen One-Hit-Wonders 
THE JETZ aus der Versenkung und die weltweite Powerpop- 
Gemeinde dankte es ihm mit einem schnellen Ausverkauf der 
Platte. In den zwei Jahren ihrer Existenz veröffentlichten THE 


JETZ lediglich die „Catch Me“-7“ auf EMI (die 2009 bereits 
über Sing Sing wieder als Single-Rerelease erhältlich war), 
konnten aber auf Nachfrage noch einige Aufnahmen vor dem 
Verstauben retten. Das Resultat der beiderseitigen Bemühun¬ 
gen um die nachhaltige Konservierung solcher Granaten ist ein 
Paradebeispiel stilprägender Perfektion. Sollte sich jemand im 
Unklaren sein, wie Powerpop zu klingen hat, so bietet diese 
Platte Abhilfe. 

THE BARRACUDAS Drop Out With ... 

Streng genommen haben THE BARRACUDAS hier nicht so viel 
verloren, denn ihr Frat-Rock-, Sixties-Beat- und Surf-Einschlag 
ist zu deutlich, als dass sie als reine Powerpop-Band zu klassi¬ 
fizieren wären. Dennoch prägte diese explizit amerikanische 
Umdeutung des britischen Powerpops ihren archetypischen 
Sound wie in „Don’t let go“ oder „I can’t pretend“, auf den 
auch spätere Powerpop-Juwelen wie die EXPLODING HEARTS 
zurückgegriffen haben. Zudem genossen THE BARRACUDAS 
das Wohlwollen John Peels, schafften es zu „Top of the Pops“ 
und machten so in ihrer weiteren Karriere auch Major Label auf 
sich aufmerksam.Trotzdem oder gerade deswegen hat ihr 1981 
auf Zonophone veröffentlichtes Debüt seine Existenzberechti¬ 
gung innerhalb dieser Liste. 

PROTEX Strange Obsessions 

PROTEX, die von 1977 bis 1981 in Belfast aktiv waren, Unter¬ 
zeichneten 1979 bei Polydor, welche alle ihre Singles veröf¬ 
fentlichten - abgesehen von dem Überhit „Don’t ring me 
up“, der bereits 1978 über Good Vibrations releaset wurde. 
Sie zogen bald nach London um und arbeiteten an ihrer ers¬ 
ten LP, die „Strange Obsessions“ heißen sollte, jedoch niemals 
- trotz gegenteiliger Versprechen von Polydor - erschien. Erst 
2010 sollte ihr Album dann über Sing Sing erstmalig erhält¬ 
lich sein. Das Markenzeichen von PROTEX war sicherlich Aidan 
Murtaghs Gesang, der den Spagat zwischen fistelnder Zerbrech¬ 
lichkeit und nasalem Punk-Snot besser hinbekam, als Feargal 
Sharkey oder Pete Shelley es jemals konnten. 

THE UNDERTONES s/t 

Man kommt wohl nicht umhin, das UNDERTONES-Debüt 
immer wieder als Referenz für Pop-Punk/Powerpop-Bands zu 
bemühen. Das Vibrato in Feargal Sharkeys markantem Tenor, die 
sägenden Gitarren und das punktgenaue Zusammenspiel ver- 
half den UNDERTONES wohlverdient zu dermaßen viel Ruhm. 
Doch auch über „Teenage kicks“ hinaus schufen THE UNDER¬ 
TONES mit „I gotta getta“, „Jimmy Jimmy“ oder „Here comes 
the summer“ Songs, die wohl die UNDERTONES und uns alle 
um Jahrzehnte überdauern werden. Ihr Debüt ist Pflicht! 

THE RASPBERRIES s/t 

Teensound-Harmonien, Beat-Bombast und Sixties-Gitarren- 
Jinglejangle waren das Markenzeichen der RASPBERRIES, die 
mit Abstand die am zartesten klingende Band in dieser Auswahl 
sind. Ihr selbstbetiteltes Debüt von 1972 auf Capitol liebäugelt 
bereits deutlich mit dem Glam-Sound, der die nachfolgenden 
Jahre musikalisch prägen wird, und feierte mit einer Mischung 
aus British Invasion und amerikanischem Bubblegum sowohl 
in den USA als auch Großbritannien große Erfolge. Auch wenn 
man über die Qualität der folgenden Alben streiten kann und 
sich um die 2005 Reunion lieber der Mantel des Schweigens 
legen sollte, kann man den RASPBERRIES ihre Funktion als 
Role-Model für amerikanische Powerpop-Bands nicht abspre¬ 
chen. 

Matti Bildt 





WEIRD WORLD präsentiert 


y 


BELASCO 

04.10. Ulm, Eden 
05.10. Köln, Blue Shell 

11.10. Erfurt, Stadtgarten 

12.10. Bielefeld, Forum 

18.10. Frankfurt/Main, 11er 

20.10. Essen, Grend 
weitere Termine in Arbeit... 

BENZIN 

04.08. Hohenhameln, Rockbeet 
11.08. Wolfach, Mossenmättle 
18.08. Gotteszell, Rock the Hill 
31.08. Bad Homburg, Festival 
08.09. Annaberg-B., Alte Brauerei 
22.09. Kronach, Struwwelpeter 
29.09. Wesel, Jugendzentrum 
06.10. Hamburg, Headcrash 

20.10. Trier, Exhaus 
22.12. Neu-Ulm, Kulturpark 
weitere Termine in Arbeit... 

BLOODSUCKING 

ZOMBIES 

31.08. Magdeburg, Spirit Festival 

24.10. Frankfurt, Nachtleben 

- • , r , f , j'MiÜffrl 


25.10. München, Feierwerk 

26.10. Pforzheim, Bottich 

27.10. Leipzig, Conne Island 

28.10. Hamburg, Hafenklang 

29.10. Berlin, S036 

30.10. Magdeburg, Factory 

31.10. Köln, Underground 

THE CASUALTIES 

11.11. Wien, Arena 

12.11. München, Backstage 

13.11. Zürich, Dynamo 

17.11. Innsbruck, PMK 

18.11. Stuttgart, Zwölfzehn 

19.11. Graz, Jugendzentrum 

23.11. Berlin, SO 36* 

24.11. Dresden, Scheune 

26.11. Hannover, Bei Chez Heinz 

28.11. Hamburg, Hafenklang 
01.12. Copenhagen, Loppen 
06.12. Cottbus, Glad House 
* = w/COR 

CITY LIGHT THIEF 

20.08. Berlin, Cassiopaia* 

21.08. Hamburg, Headcrash* 
22.08. Hannover. Bei Chez Heinz* 


23.08. Köln, Underground* 

24.11. Oberhausen, Druckluft 
* = w/POLAR BEAR CLUB 

COR 

23.11. Berlin, SO 36 
w/THE CASUALTIES 

FIREWIND 
LEAVES EYES 

27.09. Bochum, Matrix 
28.09. Hamburg, Knust 
30.09. Berlin, S036 
02.10. Aschaffenburg, Colos Saal 
03.10. Ingolstadt, Eventhalle 
04.10. Köln, Underground 

GODSIZED 

03.08. Raversbeuren, Lott Festival 
04.08. Beelen, Krach am Bach 

HARDCORE SUPERSTAR 
HEAVEN'S BASEMENT 

01.08. Berlin, S036 
03.08. Köln, Underground 

INORAN 

05.09. Köln, MTC 

08.09. Hamburg, Headcrash 

JD McPHERSON 

11.09. Frankfurt/Main, Orange Peel 
12.09. Stuttgart, Zwölfzehn 

:i I I r' 


13.09. Köln, Underground 
14.09. Hamburg, Logo 
15.09. Berlin, Roter Salon 

KARMA TO BURN 

11.09. Köln, MTC* 

12.09. Stuttgart, Universum* 

* = w/HON KEY 

KNUCKLEBONE OSCAR 

18.07. Berlin, Bassy 
19.07. Wilkau-Haßlau, Laurentius 
20.07. Wolfurt, Burn Out Festival 
03.11. Schrobenhausen, Lindenk. 

MONTREAL 

03.08. Hohenhameln, Rockbeet 
04.08. Sittensen, Oakfield Festival 


■ Wl j pp il l l ... 

21.12. Hamburg, Knust 

29.12. Oberhausen, Punk im Pott 
weitere Termine in Arbeit 

PETER PAN 
SPEEDROCK 

16.08. Dinkelsbühl, Summerbreeze 
03.10. Colmar, Le Grillen 
06.10. Trier, Exhaus 

12.10. Berlin, S036 

13.10. Feldschlößchen, Rock Herbst 

14.10. Krefeld, Tattooconvention 

13.12. Prag, Klub 007 Strahov 

14.12. Waldkirchen, AZ Dorftrottel 

15.12. Töging, Silo 1 

SS KAUERT 


05.08. Magdeburg, Rock i. Stadtpark _ 

a K 10.08. Torgau, Endless Summer 

17.08. Lüdinghausen, Area 4 .. _ ’ .. .. 

* 11.08. Prag, Moda Vopice 


Lüdinghausen, 

30.08. Niedergörsdorf, Spirit 
08.09. Karben, Open Air 
21.09. Münster, Sputnikhalle 
22.09. Neu-Isenburg, ISLA Festival 
28.09. Kassel, Arm 
29.09. Düsseldorf, Stone 
02.10. Cottbus, Gladhouse 

20.10. Konstanz, Kulturladen 

23.11. Bochum, Matrix 

24.11. Gütersloh, Alte Weberei 

29.11. Berlin, Magnet 

30.11. Erfurt, Museumskeller 

iJbü lüiyaiia iü 


09.09. Hamburg, Hafenklang 
10.09. Mainz, Kulturcafe 
12.09. Pforzheim, Kupferdächle 
14.09. Winterthur, Carma del Casa 
15.09. München, Backstage 
16.09. Wien, Arena 
17.09. Graz, Musichouse 
18.09. Cottbus, Gladhouse 
19.09. Osnabrück, Bastard Club 
20.09. Copenhagen, Beta 
21.09. Berlin, S036 
22.09. Oschatz, E-Werk 

THERAPY? 

04.08. Raversbeuren, Lott Festival 

16.10. Bielefeld, Forum 

17.10. Wiesbaden, Schlachthof 

18.10. Essen, Turok 

_ 19.10. Aachen, Musikbunker 

STAR FUCKING HIPSTERS 2 1.10. Hamburg, Logo 


15.08. Stuttgart, Goldmarks 
16.08. Köln, Sonic Ballroom 
17.08. Berlin, Clash 
18.08. Frankfurt, Au 
19.08. Trier, Exhaus 

SWINGIN UTTERS 

05.09. Antwerpen, Kavka 
06.09. Haarlem, Patronaat 
07.09. Köln, Sonic Ballroom 
08.09. Emsdetten, Detten Rockt 
PtnrtfrilHÜit V c i irrri rimtim 


01.11. Rostock, Mau Club 
03.11. Cham, LA 
04.11. Augsburg, Kantine 

TWOPOINTEIGHT 

01.09. Lennestadt, Rockade Festival 
02.09. Hamburg, Hafenklang 

weitere Bands /Konzerte unter: 

www. weird-world.de 
info@weird-worid. de 


OX-FANZINE 9 
































VÄRIOUS ARTISTS 



X OEAOLY SIMS 



1. Equipment! Es kommt immer auf die richtige Ausrüstung 
an, und genau deswegen geht ohne ein superseltenes (und 
sündhaft teures) Neumann-9300-Mikrofon schon mal üü-ber- 
haupt nichts. Ohne dieses Mikro wäre die nächste Platte wie 
eine Bergtour im Nieselregen, nur in Badehose statt mit richti¬ 
gen Outdoor-Klamotten. Außerdem liegt die Wahrheit stets im 
Detail und die Perfektion eben in vollendeter Aufnahmetech¬ 
nik. Man kann sich drüber streiten, ob das jetzt so eine super 
Idee für eine Garagenband ist, aber wenn du schon keine rich¬ 
tigen Ideen für neue Stücke hast, dann soll dein Versagen auf 
höchstem Niveau wenigstens glasklar und verdammt gut auf¬ 
genommen klingen. Dank zahlreicher Online-Händler, die sich 
auf nichts anderes als solches Vintage-Material (alter Scheiß 
eben) spezialisiert haben, lassen sich hier mit ordentlicher 
Recherche Monate totschlagen. Gilt übrigens auch für Gitarren 
und andere Instrumente mit einstelligen Produktionszahlen. 

2. Die perfekte Bühnentechnik. Details im Aufbau, Tigerfell¬ 
verkleidung für den Bassverstärker, Birkenfurnier für die Stand¬ 
tom. Eine bis auf die Sekunde genau getaktete synchrone Light¬ 
show (wenn der Schlagzeugdepp nicht mal wieder seinen Ein¬ 
satz verpennt), mit der zu den verschiedenen Songs unter¬ 
schwellig Stimmungen erzeugt werden, sind das absolute Non¬ 
plusultra. Für den ungeübten Beobachter mag das nach über¬ 
flüssigem Beiwerk aussehen, schließlich geht es ja nur um die 
Musik und die Band auf der Bühne, aber was weiß der schon, 
schließlich steht er ja vor und nicht wie du auf der Bühne. 
Kenner wissen, dass es sich hier um ein reines Luxusproblem 
handelt, nur kaufen Musiker ohne zündende Ideen eben keine 
Nobelkarossen, sie investieren in die Objekte ihrer Begierde: 
Instrumente, die von alleine spielen. Nur Rapper haben es da 
leichter, sie scheißen auf bessere Beleuchtung und kaufen sich 
maximal ein vergoldetes Mikrofon oder eine neue schwere 
Halskette. Investier du eben in Dekomaterialien, der besoffene 
Kerl in der 20. Reihe wird dir diese Liebe zum Detail auf ewig 
danken. 



7 DEADLY EXCUSES 

Musiker gehören grundsätzlich genau dann zu den erfindungsreichsten und kreativsten Lebewesen, wenn es 
darum geht, Ausreden dafür zu finden, warum sie es gerade im Moment (und die nächsten 28 Monate) unter gar 
keinen Umständen schaffen, ihrer eigentlichen Bestimmung nachzukommen, nämlich Musik zu machen, gute 
oder wenigstens neue Stücke zu schreiben. Es gibt mehr als 1.000.000 Gründe, die als Ausrede vorgeschoben 
werden, um eben nicht die ungeliebte zweite (dritte, vierte oder fünfte) Platte aufzunehmen, auf Tour zu gehen 
oder morgens überhaupt aus den Federn zu krabbeln. Könnten besonders faule Musiker auf dem Tiefpunkt ihrer 
Inspiration schreiben, gäbe es mit Sicherheit einen dicken Wälzer mit den besten Ausreden, warum es gerade 
jetzt nicht passt, ganz schlecht ist und wenn überhaupt, dann erst morgen. Statt einfach zuzugeben, dass ihnen 
einfach nichts mehr einfällt, wird geschoben, gelogen, getrickst, vertröstet, hingehalten und gedruckst. Dabei 
stellt sich die Frage, warum eine Band überhaupt eine weitere Platte aufnehmen muss, wenn sie doch schon eine 
hat? Das mit dem Zweittonträger sollte so gehalten werden wie bei einigen wenigen, dafür umso mehr geschätz¬ 
ten Autoren, die erkannt haben, dass ihr Pulver nach einer geglückten Kurzgeschichte bereits vollständig ver¬ 
schossen war. Aber Musiker sind wie Hartz-IV-Familien, die sich nur mittels Kindergeld über Wasser halten kön¬ 
nen. Ist der finanzielle Druck dann doch irgendwann zu groß, werden alle Ideale in Nullkommanix über Bord 
geworfen, alte Demos aufgepeppt und dann steht sie doch, die zweite Platte. Bis dahin: Ausreden, Ausreden, 


Ausreden ... nichts als Ausreden. 

3. My Ü-Raum is my Studio! Echte Musiker sind absolute 
D.I.Y.-Künstler, wenn es um den Umbau des versifften Probe¬ 
raums zum Eigenstudio geht. Obwohl daheim die Toilette leckt 
und die Lampe im Flur seit Wochen flackert, entwickeln sie 
ungeahnte Heimwerkerqualitäten, wenn es darum geht, die 
Proben ausfallen zu lassen, um akustische Details auszuarbei¬ 
ten, Tage im Baumarkt zu verbringen und nach Belegung zahl¬ 
loser Volkshochschulkurse alles selber zu machen. Eine Sisy¬ 
phusarbeit mit schier endlosen Möglichkeiten, um genau was 
nicht zu tun? Genau, zu proben, neue Stücke einzustudieren 
oder gar aufzunehmen (huch). „Heute könnten wir ..." — „Oh, 
da hinten fehlt noch ein Quadratmeter Dämmung, ab zum 
Baumarkt.“ Früher, kurz nach der Steinzeit, als es noch große, 
reiche und mächtige Labels gab, zerrten diese ihre Bands aus 
ihren halb fertigen Heimwerkerübungsräumen, flogen sie in 
ein fremdes Land, sperrten sie in ein sündhaft teures (komplett 
eingerichtetes) Studio und ließen sie bei Wasser, Brot und jeder 
Menge Drogen erst wieder raus, wenn brauchbare Aufnahmen 
im Kasten waren. Musiker, die während dieser Aufnahmegu¬ 
lags an Unterernährung starben, wurden als Suizid- oder Dro¬ 
gentote entsorgt. 

4. Die Sinnkrise. Was gestern noch richtig war, ist auf einen 
Schlag nichts mehr wert. Tritt dieser Fall ein, muss ein neues 
Bandimage her, es werden Bühnenkostüme entworfen, auf dem 
Weg zur Selbstfindung werden ausgedehnte Reisen zu ausge¬ 
mergelten Bettelmönchen in Myanmar unternommen, Drogen 
sind sowieso immer gut, und die beste Inspiration findet sich 
fraglos immer auf dem Boden irgendeiner Flasche. Wenn du 
keine Ideen hast, sag es doch einfach, lass es sein und geh mit 
deinem letzten Programm auf ausgedehnte Abschiedstour, so 
einfach ist das. Das spart uns die Peinlichkeit einer misslunge¬ 
nen Scheibe, die berechtigterweise keiner kauft, die üblichen 
Floskeln von wegen „beste aller Zeiten“ mit nachgeschobener 
Aufklärung („größter Dreck aller Zeiten“) in einem Jahrzehnte 
später nachgereichten Memoirenbuch, das dann auch keiner 
kauft, weil dich schon längst jeder vergessen hat. 

5. Back to the roots. Nach drei Jahren Gefeile am kleinsten 
Detail (neuer, voll digitaler Übungsraum mit Lichtorgel, Tro¬ 
ckeneis, Sechziger-Jahre-Analogequipment vom Feinsten und 
selbstverständlich Neumann-Mikrofon) kommst du mit die¬ 
sem Demo an? Die dümmste Ausrede nach der fünften Platte, 
von denen drei absolute Flops auf der Suche nach neuen musi¬ 
kalischen Horizonten waren. „Stiltreue war dir schon immer 
wichtig.“ Ah ja, und dafür waren drei Jahre nötig, die vie¬ 
len Drogen, das ganze Geld, die divenhaften Ausfälle und die 


nächtlichen Anrufe im Völlrausch, bei denen du mir über das 
Telefon deine neuesten Songideen vorgespielt hast? Musste das 
wirklich sein? Du bist wie die vier Kinder (von acht Männern) 
der 5-Euro-Jule aus dem Erdgeschoss, die dank der dominan¬ 
ten Gene der Mutter doch alle gleich aussehen. Auch wenn 
beim nächsten Kind (Lied) alles besser wird, warum ein weite¬ 
res Blag in die Welt setzen, wenn das dann doch wieder aussieht 
wie seine Geschwister? Wenn die nächste Platte exakt klingt 
wie die zehn davor, dann solltest du entweder Lemmy oder 
RAMONES heißen. Heißt du nicht? Dann verkauf es wenigsten^ 
nicht als grandiose Leistung, wenn du gar nicht anderes kannst, 
als immer wieder dasselbe Lied einzuspielen, Dieter! 

6. Kinderchöre. Der Gipfel an „geht gar nicht!“, das Sahne¬ 
häubchen an Ideenlosigkeit, der nur noch von einer Platte vol¬ 
ler klassischer Weihnachtslieder überboten wird. Kinderchöre 
sind wie die „Wall of Sound“, die pompös das füllt, wo eigent¬ 
lich gar nichts ist. In was für einer Band wollest du noch mal 
spielen? Ah ja, bei den WIENER SÄNGERKNABEN, dann passt 
das ja perfekt. 

7. Artwork first?! Superbrillante Idee, mit dem Coverartwork 
vor der Aufnahme des ersten Tons für eine neue Platte zu begin¬ 
nen, alles andere entwickelt sich dann um das Motiv herum 
schon ganz von alleine. Dali, Rubens, da Vinci, der kleine 
Lautrec und Don Martin haben auch immer erst den Rah¬ 
men für ein neues Bild ausgesucht, bevor sie zum ersten Pin¬ 
selstrich ansetzten. Artwork ist so immens wichtig, dass man 
sich monate-, wochen-, ja, sogar stundenlang in Details verlie¬ 
ren kann. Skizzen anfertigen, Fotoshooting, Negative sichten, 
ein erneutes Shooting ansetzen, mit vielversprechenden Künst¬ 
lern erste Gespräche führen, das ist viel wichtiger, als die Musik 
(vielleicht sogar gelungene?) aufzunehmen, die dann letztend¬ 
lich in der kunterbunten Hülle stecken wird. Bezeichnender¬ 
weise erkennt man Meisterwerke, bei denen das gesamte Art¬ 
work bereits vor dem ersten Studiotermin feststand, mit ver¬ 
bundenen Augen. Schlechtes Airbrushcover, in letzter Minute 
geänderte Covermotive (meistens wird es dann doch die Kri¬ 
ckelzeichnung von der Freundin des Sängers, weil die Kohle für 
das Cover mit Sonderfarben wegen der horrenden Studiokos¬ 
ten nicht mehr reicht) und massive Schreibfehler bei den Song¬ 
titeln sind idiotensichere Hinweise darauf, dass hier der Blick 
aufs Wesentliche von Anfang an verstellt war. Hier war nicht 
etwa Zeitnot, sondern Zeit im Überfluss die Ursache für die 
Schluderei. Selbstverständlich befinden sich in solchen Hüllen 
ausschließlich echte Klassiker. 

Kalle Stille 


GIFTIGE BANDNAMEN 

Punk ist Provokation, und wo der Normalbürger 
schlechten Geschmack vermutet, behauptet, das 
ginge doch nicht, sagt der Punk „Doch!“ und drückt 
seinen salzigen Daumen in die blutige Wunde. 

Die 1917 gegründete Union Carbide Corporation ist ein in 
Houston, Texas ansässiges Tochterunternehmen des Chemie¬ 
giganten Dow Chemical. Gegen Mitternacht am 3. Dezember 
1984 wurde in der Pestizid-Produktionsanlage von Union Car¬ 
bide India Limited im indischen Bhopal versehentlich Methyl- 
Isocyanat freigesetzt. 500.000 Menschen wurden den Gasen 
ausgesetzt, nach offiziellen Angaben starben 3.787 Menschen, 
geschätzte 40.000 wurden verletzt. In einem außergerichtli¬ 
chen Vergleich einigten sich die indische Regierung und Union 
Carbide 1989 auf einen Vergleich in Höhe von 470 Millionen 
Dollar, rechtliche Auseinandersetzungen und die Sanierung der 
Unglücksstelle ziehen sich bis in die Gegenwart - und wie 
erwartet haben viele Betroffene dann, wenn US-Großkonzerne 
ihre Anwälte in Stellung bringen, kaum eine Chance. 

Die 1986 gegründeten UNION CARBIDE PRODUCTIONS 
beziehen sich in ihrem Namen eindeutig auf diese Firma und 
das Bhopal-Desaster - die Idee zum Namen hatte angeblich 
Gitarrist Björn Olsson, der zusammen mit Ebbot Lundberg 
zwei Jahre nach dem Ende von UCP 1995 THE SOUNDTRACK 
OF OUR LIVES gründete. 

Etwas direkter auf die monströse Katastrophe eingegangen 
wird von den 1985 gegründeten BHOPAL STIFFS aus Chicago. 
„StifF‘ steht umgangssprachlich für Leiche ... Larry Damore 
und Steve Saylors gründeten nach dem Ende der Band 1989 


PEGBOY, zusammen mit dem ehemaligen NAKED RAYGUN- 
Gitarristen John Haggerty. 

Wikipedia weiß von weiteren Bhopal-Pop-Referenzen: „No 
thunder, no fire, no rain“ vom 1986er Album „Big Canoe“ 
des ehemaligen SPLIT ENZ-Frontmanns Tim Finn beschäf¬ 
tigt sich mit der Katastrophe, „Bhopal (Driftnet Plan)“ von 
BobWisemans 1989er Album „In Her Dream: Bob Wiseman 
Sings WrenchTuttle“ geht der Frage nach den Schuldigen nach, 
„Close my eyes“ vom 1987 erschienen Album „Exorcise This 
Wasteland“ von SINGLE GUN THEORY dreht sich angeb¬ 
lich ebenfalls um die Union Carbide-Machenschaften, und 
NAPALM DEATH sind die aktuellsten Bhopal-Erwähnen „No 
impediment to triumph (Bhopal) “ von ihrer Split-EP mit CON- 
VERGE hat auch das Massensterben in Indien zum Thema. 
Joachim Hiller 



OX-FANZINE 10 











KOCHEN OHNE KNOCHEN 

www.kochen-ohne-knochen.de 


Liebe Fans des Ox-Kochstudios, 

lecker kochen und essen macht glücklich, das wissen 
wir alle. Wer gerne mal einen tierfreien Koch-Workshop 
besuchen will, kann uns gleich an zwei Orten live erle¬ 
ben: zum einen in Volker Mehls Kochatelier in Wupper¬ 
tal (Termine unter volker-mehl.de) und am 23.08. im 
BioGourmetClub in Köln (biogourmetclub.de/koch- 
schule). Leckeres veganes Futter garantiert! Und wer 
lieber zuhause was kocht, findet wie immer auf dieser 
Seite ein paar Anregungen. 

Ich wünsche euch einen schönen Sommer, Uschi Herzer 


KOHLRABI MIT 

MEDITERRANEN KARTOFFELN 

für 2, von Uschi Herzer 

Musik: alles von denTINY GHOSTS 

• 750 g kleinere Kartoffeln 

• 2 kleine Kohlrabi 

• 200 ml Gemüsebrühe 

• 1 Glas Weißwein (kann durch Gemüsebrühe und etwas 
Zitronensaft ersetzt werden) 

• ein paar Schluck Sojasahne 

• 1 Bio-Zitrone 

• 2 Knoblauchzehen 

• je 1/2 Bund Dill und Schnittlauch 

• Olivenöl 

• Salz und Pfeffer 

1. Als erstes die Kartoffeln schrubben und ungeschält in 
Salzwasser weichkochen. 

2. In der Zwischenzeit könnt ihr euch der restlichen Vorbe¬ 
reitung widmen: die Kohlrabi waschen, schälen (auch die 
faserig aussehenden Teile der Schale absäbeln, die ärgern 
euch nachher nur beim Kauen). Anschließend einmal längs 
durchsäbeln und die Hälften in ca. 0,5 cm dicke Scheiben 
schneiden. Knoblauch schälen und fein hacken. Auch Dill 
und Schnittlauch können schon mal fein gehackt werden. 

3. In einer größeren Schüssel könnt ihr jetzt schon mal das 
Kartoffelbad zubereiten, indem ihr die abgeriebene Schale 
und den ausgepressten Saft der Zitrone mit 5 EL Olivenöl 
und etwas Salz und Pfeffer verrührt. Zur Seite stellen. 

4. Was machen die Kartoffeln? Wenn sie beim Einpieksen 
gut nachgeben, dann raus aus dem Wasser und den Back¬ 
ofen auf 220 °C vorheizen; gerne Umluft mit Grillfunk¬ 
tion. Kartoffeln etwas abkühlen lassen und dann der Länge 
nach halbieren. Vorsichtig in das Bad legen und ebenso 
vorsichtig durchmischen. 

5. Jetzt sind die Kohlrabi dran: Große Pfanne aus dem 
Schrank holen, einen Schluck Olivenöl rein, erhitzen und 
Kohlrabi darin etwas anschmurgeln. Weißwein reinkip¬ 
pen (vorher noch einen Schluck nehmen), Knoblauch 
dazu und auch die Gemüsebrühe. Deckel drauf, ab und an 
umrühren und warten, bis das Gemüse weich ist. 

6. In der Zwischenzeit Backpapier auf ein Backblech legen 
und die Kartoffeln gleichmäßig darauf verteilen. Ab damit 
in den Ofen und warten, bis sie eine schöne Kruste haben. 

7. Was machen die Kohlrabi? Weich? Dann etwas Sojasahne 
dazu und mit Salz, Pfeffer, Schnittlauch und Dill würzen. 
Optimalerweise sohten Kohlrabi und Kartoffeln gleichzei¬ 
tig fertig werden. 

8. Alles schön auf zwei Tellern anrichten und es sich 
schmecken lassen. 

• Super dazu passt panierter Tofu oder Seitan. 


ZOMBIECHUTNEY 

von Daniela Mohr, tierffei-mampfen.blogspot.de 

Sollte sich jemand über den Namen dieser fruchtigschar¬ 
fen Sauce wundern, dem sei erklärt, dass ich immer, 
immer, IMMER! wenn ich das Wort „Cranberries“ lese, 
an die gleichnamige irische Band denken muss und mir 
umgehend deren Hit „Zombie“ durch den Kopf tönt. Die¬ 
ser Automatismus lässt sich durch nix verhindern, und so 
stand ich auch beim Rühren dieser Sauce mal wieder laut 
„In your heeeeeead, in your he-he-he-head ..." trällernd 
am Herd. 

Aber zurück zum Wesentlichen: Dieses Chutney und ich, 
wir hatten irgendwie einen schweren Start. Nachdem ich 
unbedingt mal was mit Cranberries machen wollte („Zom¬ 
bie, Zombie, Zombie-hie, eh-eh-eh...“ ach Mist!), weil 
mich diese frischen roten Beeren mehrmals beim Gemüse¬ 
händler durch die Aufschrift „Eat me! I’m delicious!“ gera¬ 
dezu zum Kauf genötigt haben, schwebte mir dafür eine 
hübsche rote Sauce als Verwendung vor. Mangels Cran- 
berry-Erfahrung („What's in your heeeead ... in your hee- 
he-he ... MANNO!!!!“) war ich mir aber unschlüssig, ob 
„scharf*, „süß“ oder „fruchtig“ am besten passt und hab 


vorsichtshalber gleich mal alle Geschmacksrichtungen in 
den Pott geknallt. Viel hilft viel. Das Ergebnis fand ich im 
ersten Anlauf irgendwie grenzwertig und deswegen stan¬ 
den die Gläser mit dem Zombiechutney erstmal ein paar 
Tage ratlos in der Küche rum, bis sich der Herzmann in 
der Annahme, es handele sich hierbei um Marmelade, 
unbedarft sein Rosinenbrötchen damit beladen hat und 
es äußerst köstlich fand (was mich zwar überraschte, aber 
bitte. Jedem sein Himmelreich, nech?). 

• 350g frische Cranberries 

(... „and their bombs and their guns ...“) 

• 1 säuerlicher Apfel 

• 200 mlWasser 
•80 g Agavendicksaft 

• 1 Bio-Orange 
•10g Ingwer, frisch 

• 1 Prise Salz 

• 1 /2 TL Chilipulver 

Tofustreifen: 

• 1 Block Naturtofu 

• Sojasauce 

• Maisstärke 

• Sesam 

• Öl zum Frittieren 

1 . Die Beeren waschen, den Apfel würfeln (wer mag, kann 
ihn auch schälen, ich find’s aber unnötig) und zusammen 
mit dem Wasser und dem Agavendicksaft in einen Topf 
geben und aufkochen. 

2. Die Schale der Orange vorsichtig mit einem Sparschä¬ 
ler abschälen und ebenso wie den Ingwer fein hacken, die 
Orange auspressen und alles in den Topf geben. Nun das 
Chutney auf kleiner Flamme so lange köcheln, bis die Bee¬ 
ren und die Apfelstücke zerfallen sind und der Topfinhalt 
eine Art Kompott ergibt. Mit Salz und Chilipulver abschme¬ 
cken, noch einmal kurz aufblubbern lassen und in heiß 
ausgespülte Schraubgläser geben. Sofort verschliessen und 
abkühlen lassen. 

3. Für die Tofu-Sesam-Streifen einen Block Naturtofu in 
Streifen schneiden und mit Sojasauce marinieren. Etwas 
Maisstärke mit Wasser anrühren, so dass eine zähflüssige 
Sauce entsteht. Die Tofustreifen durch die Stärke-Wasser- 
Mischung ziehen und mit Sesam panieren (Sesam gut 
andrücken!). Dann in heißem Kokos-oder sonstigem-Öl 
knusprig braten. 

Tja, und was genau sonst noch mit diesem Chutney 
machen wollt, bleibt euch überlassen. Besonders verwe¬ 
gene Leckerschmecker könnten es ja auch mal als Zugabe 
zu einem exotischen Obstsalat versuchen - oder zu Gemü¬ 
securrys. Schick im Glas verpackt ist das Zombiechutney 
auch ein prima Mitbringsel für Freunde. Den Mutigen 
gehört die Welt! 



GADO GADO 

von David Eisert 
ROSE TATTOO 

• 1 kleiner Blumenkohl oder Broccoli 

• 1 kleiner Weißkohl 

• 2 große, festkochende Kartoffeln 

• 300 g grüne Bohnen 

• 200 g frische Sojasprossen 

für die Erdnusssauce: 

• 200 g geröstete Erdnüsse (bei gesalzenen Nüssen aus 
der Dose empfiehlt es sich, das Salz etwas abzutupfen) 

• 2 Schalotten 

• 3 Knoblauchzehen 

• 4 EL süße Sojasauce (Ketjap manis!) 


• Saft einer halben Zitrone 

• 1 TL Sambal Olek 

• 1 Dose Kokosmilch 

• Erdnussöl 

• 1 kleine Salatgurke zur Deko 

1. Das Gemüse erstmal waschen, putzen und entsprechend 
in Röschen teilen oder in kleine Streifen (Weißkohl) bzw. 
Scheiben (Kartoffeln), Stücke (Bohnen) schneiden. Macht 
ein wenig Arbeit und viele Schüsseln dreckig. Lohnt sich 
aber. 

2. Den Blumenkohl in reichlich kochendem Salzwasser ca. 
10 min bissfest garen. Mit einem Schaumlöffel rausneh¬ 
men, zur Seite stellen und in demselben Wasser die Wei߬ 
kohlstreifen 3-5 min blanchieren. 

3. Ein zweiter Topf ist auch schon auf dem Feuer und 
bringt Salzwasser zum Kochen. Die Kartoffelscheiben wer¬ 
den darin ca. 10 min gekocht, dann dürfen die Bohnen 
mit ins Becken und für weitere 10 Minuten mitbaden. Sind 
die Bohnen al dente und die Kartoffeln weich, fischt man 
das Ganze auch aus dem Wasser. Ein wenig Gemüsewas¬ 
ser aufheben! 

4. Die Sojasprossen werden in einem Sieb mit kochendem 
Wasser übergossen. 

5. Für die Erdnusssauce die Erdnüsse zerhacken. Vorsicht, 
die Biester hüpfen dabei durch die ganze Küche. 

6. Schalotten und Knoblauch schälen und grob zerkleinern. 
Zusammen mit dem Rest (außer dem Öl und der Kokos¬ 
milch) im Mixer pürieren. 

7. Das Erdnussöl in einer Pfanne erhitzen und die Pampe 
aus dem Mixer bei mittlerer Hitze anbraten. Die Hitze 
reduzieren und die Kokosmilch angießen. Unter Rühren 
kurz einköcheln lassen. Falls die Sauce zu fest wird, kann 
man etwas von dem aufgefangenen Gemüsewasser angie¬ 
ßen. 

8. Jetzt muss das Ganze noch vor dem Verzehr in harmo¬ 
nischen Einklang gebracht werden. Das Gemüse wird auf 
den Tellern angerichtet und mit Gurkenscheiben hübsch 
garniert. Auf das Gemüse kommt ein Schlag Erdnusssauce. 
Das Gemüse kann ruhig lauwarm sein, dann ist das Gericht 
authentischer. Mit der Portionierung der Sauce aufpassen, 
da sie sehr gehaltvoll und sättigend ist. 



KOCHER 

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Das Magazin für Menschen, die kein Fleisch essen. 

.. - Du lebst vegan oder vegetarisch, 

und gutes Essen ist dir genauso 

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It MlUlntll * . Dich nerven Restaurants, die unter 

„vegetarisch“ Beilagen verstehen? 

- Du weißt schon lange, dass 
politisches und ökologisches Enga¬ 
gement auch was mit Ernährung zu 
tun haben? 

- Dir ist nicht egal, woher dein Gemü¬ 
se kommt und was drin ist? 

- Für dich sind Tierrechte und 
Menschenrechte wichtige Themen? 


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24.10. NÜRNBERG, HIRSCH 

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30.10. LEIPZIG, CONNE ISLAND 

31.10. KARLSRUHE, SUBSTAGE 
01.11. FRANKFURT, BATSCHKAPP 
02.11. BERLIN, POSTBAHNHOF 
03.11. MÜNCHEN, BACKSTAGEWERK 
08.11. HANNOVER, MUSIKZENTRUM 
09.11. HAMBURG, MARKTHALLE 

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26.08. WIESBADEN. FOLKLORE NULLZWÖ LF 
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29.08. MÜNCHEN), THEATERFABRIK 
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28.09. BREMEN, TOWER 
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02.10. HANNOVER, MUSIKCENTRUM 
18.10. KÖLN, LUXOR 
19.10. MÜNCHEN, 59TOI 
20.10. KARLSRUHE, SUBSTAGE 
02.11. DORTMUND. FZW 
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10.11. BERLIN, FESTSAAL KREUZBERG 
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OX PRÄSENTIERT 


TÄGLICHE AKTUALISIERUNGEN AUF WWW.LIVEGIGS.DE 

Auf diesen Seiten finden sich die Daten der von Ox-Fanzine und livegigs.de präsentierten Touren, Konzerte und Festivals. Die Termine auf dieser Seite sind deshalb 
nur ein kleiner Ausschnitt aus den Terminen auf unserer Website. Achtung! Alle Termine ohne Gewähr! Bitte wendet euch bei Nachfragen ausschließlich an die Ver¬ 
anstalter. Wir können keinerlei Garantie für die Richtigkeit der Angaben geben, da wir sie so übernehmen, wie sie uns von den Veranstaltern und den Konzertagen¬ 
turen übermittelt werden. Auch Auskünfte zu den Veranstaltungsorten können wir euch leider nicht geben. 

Eure Tourdaten auf unserer Website? Einfach selbst erfassen unter www.livegigs.de 


20 JAHRE WOLVERINE 
RECORDS LABEL 
FESTIVAL 

THE P.O.X., BONSAI KITTEN, 
JAMIE CLARKE*S PERFECT, 

KITTY IN A CASKET, THE BOOZE 
BROTHERS, JOHNNY FLESH & 
THE REDNECK ZOMBIES 

21 .-22.09. Duisburg, Djäzz 
wolverine-records.de 


9. MIDSUMMER OPEN AIR 

THE HIRSCH EFFEKT. ASHES OF 
POMPEII, THE TIDAL SLEEP, LAKE 
CISCO, AKELA, PARAGRAPH 08/15, 
THOUGHTS PAINTTHE SKY, ALLEIN 
DER TAG, CIRCLESQUARETRIANGLE, 
SEA + AIR, GHOST OF A CHANCE, 
ANDREW WINNOW 
25.08. Halver, Rathauspark Halver 
midsummer-records.de 


ADOLAR 

03.08.Trebur,Trebur Open Air 
04.08. Beelen, Krach Am Bach 
17.08. Großpösna, Highfield 
01.09. Rheine, Trossekult Open Air 
21.09. Hagen, Kuz Pelmke 
29.09. Wiesbaden, Kulturpalast 

26.10. Osnabrück, Kleine Freiheit 
sparta-entertainment.com 


ADOLESCENTS 

11.08. Verden, JuZ Dampfmühle 
12.08. Hamburg, Hafenldang 
13.08. Hannover, Bei Chez Heinz 

weird-world.de 


ALL ABOARD! 

07.09. Berlin, Cassiopeia 
14.09. Münster, Lorenz Süd 

bakraufarfita-records.de 


ARGIES 

04.08.Torgau, Brückenkopf 
05.08. Berlin, Resist To Exist Festival 
07.08. Chemnitz, Subway To Peter 
23.08. CH-Langenthal, Lakuz 
25.08. CH-Davos, Box 
26.08. Kusel, Jugendhaus 
argies.net 


BABOON SHOW 

10.08.Torgau, Endless Summer 
11.08. Stendal, Zenit 

turbo-booking.de 


BAMBIX 

24.08. Essen, Panic Room 
25.08. Wadern, U&D 
28.09. Lommatzsch, Antistile 
28.09. Karlsruhe, Alte Hackerei 
29.09. Auggen, Raumstation Sternen 
09.11. Stuttgart, Goldmarks 
08.12. Herzebrok-Clarholz, 

JH Klein Bonum 

28.12. Oberhausen, Punk Im Pott 

muttis-booking.de 


BANNER PILOT 

31.08. Mönchengladbach, 

Roots Club 

01.09. Holzerath, Roeds Rock 
07.09. Berlin, Cassiopeia 
08.09. Nürnberg, K4 
10.09. Hannover, Bei Chez Heinz 
14.09. Münster, Cafe Lorenz 
16.09. Wiesbaden, Schlachthof 
klownhouse-tours.de 


BLACK SHERIFF 

06.08. Köln, Justizvollzuganstalt 
Köln-Ossendorf 

16.08. Frankfurt/Main, Ponyhof 
17.08. Dinkelsbühl, Summerbreeze 
18.08. Stuttgart, Danziger-Stüble 


01.09. Bad Kreuznach, Dudelsack 
30.09. Vechta, JVA Vechta 
02.10. Frankfurt/Main, 
Dreikönigskeller 
09.11. Aalen, Frape 

10.11. Günzburg, OnThe Rocks 

17.11. Köln, Sternhagel 

30.11. Düsseldorf, The Tube 
turbo-booking.de 


BARRACUDAS 

29.11. Berlin, SO 36 

30.11. Bamberg, Morph Club 

billigpeoplebooking.de 


BLOODSUCKING ZOMBIES 
FROM OUTER SPACE 

31.08. Niedergörsdorf, 

Ehemaliger Militärflugplatz 
14.09. Jena, Rosenkeller 
15.09. Berlin, Kl 7 

zombies.at 


BONECRUSHER 

27.09. Hannover, Faust 
28.09. Hamburg, Indra Club 
01.10. Düsseldorf, The Tube 
02.10. Ulm, Beteigeuze 
03.10. Dresden, Chemiefabrik 
05.10. Leipzig, Conne Island 
06.10. Berlin, Wild At Heart 
contra-net.com 


BONES 

24.08. Dragensdorf, 
Dragensdorf Rockt! 

26.08. Weinheim, Cafe Central 
27.08. Stuttgart, Uni 
29.08. Augsburg, Kantine 
30.08. Niedergörsdorf, 

Spirit FromThe Streets Festival 
31.08. Münster, Sputnikhalle 
01.09. Köln, Essigfabrik 


02.09. Hamburg, Knust 

28.11. Berlin, SO 36 

mad-tourbooking.com 


BONSAI KITTEN 

22.09. Erfurt, Ilvers 
28.09. Jena, Rosenkeller 

wolverine-records.de 


BOUNCING SOULS 

29.08. Hamburg, Knust 
30.08. Münster, Skaters Palace 
01.09. CH-Chancy, Biubstock Festival 
02.09. A-Wien, Arena 
03.09. München, Kranhalle 
destiny-tourbooking.com 


BROILERS 

03.08. Wacken, Wacken Open Air 
10.08. Rothenburg ob der Tauber, 
Taubertal Festival 

11.08. Eschwege, Open Flair Festival 
19.08. Großpösna, Highfield Festival 
31.08. A-Wiesen, Two Days A Week 
05.12. CH-Zürich, Hallenstadion 

14.12. Düsseldorf, 

Mitsubishi Electric Halle 

15.12. Düsseldorf, 

Mitsubishi Electric Halle 

19.12. Nürnberg, Arena 

21.12. A-Graz, Stadthalle 

22.12. A-Wien, Stadthalle 

26.12. Dortmund, Westfalenhalle 1 

27.12. Dortmund, Westfalenhalle 1 

29.12. Berlin, Max-Schmeling-Halle 

30.12. Berlin, Max-Schmeling-Halle 
kingstar-music.com 


CEREMONY 

13.08. Berlin, Magnet Club 
14.08. Köln, Underground 
16.08. Hamburg, Hafenklang 

creative-talent.de 


COCK SPARRER 

01.09. Niedergöhrsdorf, 
Spirit FromThe Street Festival 

24.11. Hamburg, Docks 

hamburgkonzerte.de 


DIE ART 

24.08. Lehrte, Zytanien Open Air 
25.08.Torgau, Kulturbastion 
01.09. Dresden, 

Alte Feuerwache Loschwitz 
28.09. Wittenberg, Irish Harp 
05.10. Cottbus, Gladhouse 

26.10. Göpfersdorf, Quellinale 
08.11. Köln, Underground 

09.11. Darmstadt, Goldene Krone 

10.11. Erfurt, Museumskeller 

23.11. Chemnitz, AJZ Talschock 

24.11. Magdeburg, Festung Mark 
amadis.net 


DUNCAN REID 
& THE BIGHEADS 

18.09. Leipzig, Stoned 
19.09. Potsdam, NIL CLUB 
20.09. Berlin, Cortina Bob 
21.09. Dresden, Chemiefabrik 

26.10. Essen, Freak Show 
theonesincharge.blogspot.de 


ELÄKELÄISET 

03.10. Würzburg .Posthalle 
04.10. Karlsruhe, 

Substage Rockrampe 
05.10. CH-Luzem, Schüür 
06.10. CH-Chur, Palazzo 
knockout-music.de 


FAHNENFLUCHT 

03.08. Berlin, Resist To Exist Festival 
04.08. Vlotho, U&D 
15.09. Dortmund, JFS Brackei 

muttis-booking.de 


FLOGGING MOLLY 

26.08. CH-Winterthur, 
Musikfestwochen 

31.08. A-Wiesen,Two Days A Week 
01.09. Konstanz, Rock am See 

creative-talent.de 


GALLON DRUNK 

15.09. A-Ebensee, Kino 
16.09. A-Wien, Szene 
17.09. München, Ampere 
18.09. Ulm, Roxy 
19.09. Stuttgart, Schocken 
20.09. Frankfurt/Main, ZOOM 
21.09. Köln, Underground 
26.09. Bremen,Tower Musikclub 
27.09. Hamburg, Hafenklang 
28.09. Berlin, Cassiopeia 
clouds-hill.com 


GARDEN GANG 

03.10. Bochum, Wageni 
07.10. Dresden, Zum Gerücht 
09.10. Chemnitz, Subway To Peter 

12.10. Leipzig, Stoned 

13.10. Leipzig, Stoned 

20.10. Kassel. Kl 9 
bscmusic.com 


HELL ON EARTH TOUR 

WALLS OF JERICHO, DEATH 
BEFORE DISHONOR, HUNDRETH, 
BETRAYEL 

10.09. Hannover, MusikZentrum 
12.09. CH-Solothurn, Kofmehl 
13.09. Esslingen, Komma 
14.09. München, Backstage 
16.09. Saarbrücken, Garage 
19.09. Berlin, SO 36 
20.09. Cham, L.A. Cham 
21.09. Magdeburg, Factory 
22.09. Köln, Essigfabrik 
mad-tourbooking.com 


IM0NTREAL debut album out now 


MALEN NACH ZAHLEN TOUR 2012 

03.08. HOHENHAMELN, ROCKBEET 
04.08. SITTENSEN, 0AKFIELD FESTIVAL 
05.08. MAGDEBURG, ROCK IM STADTPARK 
17.08. LÜDINGHAUSEN, AREA4 
30.08. NIEDERGÖRSDORF, SPIRIT FESTIVAL 
08.09. KARBEN OPEN AIR 
21.09. MÜNSTER, SPUTNIKHALLE 
22.09. NEU ISENBURG, ISLA FESTIVAL 
28.09. KASSEL, ARM 


IIM0NTREAL 



maun nach zahlen 


29.09. DÜSSELDORF, ST0NE 
02.10. COTSÜS, GLADHOUSE 

20.10. KONSTANZ, KULTURLADEN 

23.11. BOCHUM, MATRIX 

24.11. GÜTERSLOH, WEBEREI 

29.11. BERLIN, MAGNET 

30.11. ERFURT, MUSEUMSKELLER 

21.12. HAMBURG, KNUST 

29.12. OBERHAUSEN, PUNK IM POTT 


MALEN NACH ZAHLEN 

DAS NEUE ALBUM 
JETZT IM LADEN 

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FRENETIC ROCK. POINTED LYRICS AND OF 
ONE THE BEST LIVE SHOWS IN MELBOURNE." 
ROLLING STONE MAGAZINE 2012 

"ONE THING IS CERTAIN: THIS DEBUT IS VERY 
NEAR TO ROCK AND ROLL PERFECTION." . 
★ ★★★☆THE AUSTRALIAN 2012 ! 


"DISCO PUNK. DANCE PUNK. PUNK. ROCK N Wgm 
ROLL. GARAGE... WHATEVER YOU WANNA CALL / 

IT. THIS RULES." 

ZAN ROWE. TRIPLE J * J | 




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"EMPEL 


EUROPEAN TOUR 


VV'IJ DO» 30 AüG - LA TRIPERIE. LYON - FR 
Fre 31 Aüg - Langstars. Zürich - CH 
Mit 05 Sep - Knochenbox. Berlin - DE 
Sah 08 Sep - Freundlich & Kompetent. Hamburg - DE 
Fre 14 Sep - Musikbunker. Aachen - DE 
SON16 SEP - INCUBATE FESTIVAL. TILBURG - NL 
Mit 19 Sep - Chesters Music Inn. Berlin - DE 

L Don 20 Sep - Dunker Club. Berlin - DE 
Sam 22 Sep - Rock Center. Bremerhaven - DE 
Fre 28 Sep - Gasthaus Sutter. Zweibruecken - DE 

■ MORE DATES TO BE ANNOUNCED Al THEPEEPTEMPEl.COM 


DEBUT ALBUM OUT NOW / WWW.WINGSINGRECORDS.COM 


OX-FANZINE 13 



































OX PRÄSENTIERT 


HELL NIGHTS TOUR 

THE OTHER, BLITZKID, 
BLOODSUCKING ZOMBIES FROM 
OUTER SPACE 

24.10. Frankfurt/Main, Nachtleben 

25.10. München, Feierwerk 

26.10. Pforzheim, Bottich 

27.10. Leipzig, Conne Island 

28.10. Hamburg, Hafenklang 

29.10. Berlin, SO 36 

30.10. Magdeburg, Factory 

31.10. Köln, Underground 
the-other.de 


IDES OFGEMENI 

08.09. Stolzenhain, 

South Of Mainstream 
10.09. Hamburg, Hafenklang 
12.09. Rostock, Peter Weiss Haus 
13.09. Hannover, Glocksee 
14.09. Bielefeld, AJZ 
25.09. Köln, Sonic Ballroom 
27.09. CH-Bern, Dachstock 
28.09. A-Salzburg, Neudegg Alm 
29.09. A-Linz, Stadtwerkstatt 
30.09. Nürnberg, K4 
04.10. Dresden, Beatpol 
05.10. Leipzig, UT Connewitz 
06.10. Berlin, Cassiopeia 
southernrecords.de 


JOYCE MANOR 

02.io. Berlin, Crystal Club 
03.10. Hamburg, Hafenklang 
04.10. Köln, MTC 

fkpscorpio.com 


DIE KASSIERER 

28.09. Berlin, Astra 

29.09. Neustadt / Orla, WoTuFa Saal 

19.10. Kleve, Radhaus 

20.10. Aachen, Musikbunker 

21.12. Hamburg, Markthalle 

22.12. Bochum, 

Bahnhof Langendreer 

28.12. Oberhausen, Punk Im Pott 
18.01.13 Frankfurt/Main, 
Batschkapp 

mad-tour booking.de 


LOVE A 

11.08. Salmtal, Gut Holz Festival 
25.08. Her Ae, Open Air 
01.09. Holzerath, Roeds Rock 
14.09. Aachen, AZ 
15.09. Mülheim / Ruhr, AZ 
22.09. Hamburg, Reeperbahn 
05.10.Trier, Ex-Haus 


03.11. Aurich, Jugendzentrum 

24.11. Oberhausen, Druckluft 

rookierecords.de 


MÄS SHAKE 

07.09. Braunschweig, 

Barnaby’s Blues Bar 
08.09. Kassel, A.R.M. 

14.09. Berlin, Roter Salon 
15.09. Dresden, Groovestation 
21.09. Lüneburg, 

Gasthausbrauerei Nolte 
22.09. Düsseldorf, Pitcher 

23.11. Mainz, Schick & Schön 

24.11. Jena, Rosenkeller 

30.11. Frankfurt/Main, Ponyhof 
01.12. Wuppertal, Live Club Barmen 
07.12. Hildesheim, Kulturfabrik 
08.12. Bamberg, Sound-n-Arts 

14.12. Kiel, Pumpe 

15.12. Flensburg, Kühlhaus 
rodrec.com 


MENZINGERS 

29.09. Köln, MTC 
30.09. Siegen, Vortex 
01.10. Münster, Lorenz Süd 
02.10. Berlin, Cassiopeia 
03.10. Hannover, Bei Chez Heinz 
04.10. München, Sunny Red 
08.10. Schweinfurt, Stattbahnhof 
09.10.Trier, Ex-Haus 
x-why-z.eu 


METEORS 

13.08. Kassel, K19 

08.09. CH-Basel, Sommercasino 

13.10. Kassel, Kl9 

27.10. CH-Zürich, Ratde 'n Roll 

16.11. Zweibrücken, Kontrastbühne 

17.11. Köln, MTC 

23.11. Frankfurt/Main, Das Bett 

24.11. Pforzheim, Bottich 
08.12. Bremen, Schuppen 2 
09.12.Trier, Ex-Haus 
mad-tourbooking.com 


MONSTERS OF 
LIEDERMACHING 

03.08. Magdeburg, Rock im 
Stadtpark 

05.08. Porta Westfalica, Festivalkult! 
10.08. Püttlingen, 

Rocco Del Schlacko 
11.08. Rothenburg o.d.Tauber, 
Taubertal Festival 

12.08. Eschwege, Open Flair Festival 
01.09. Idar-Oberstein, 


Schloss Oberstem 

14.09. Marburg, KFZ 

16.09. Frankfurt/Main, Batschkapp 

28.09. Meiningen, Multi-Halle 

29.09. Osnabrück, Rosenhof 

30.09. Duisburg, Grammatikoff 

koks-music.de 


MONTREAL 

03.08. Hohenhameln, Rockbeet 
04.08. Sittensen, Oakfield Festival 
05.08. Magdeburg, 

Rock im Stadtpark 
17.08. Lüdinghausen, Area4 
30.08. Niedergörsdorf, 

Spirit FromThe Streets Festival 
12.09. Köln, Bühne der Kulturen 
21.09. Münster, Sputnikhalle 
22.09. Kiel, Die Pumpe 
28.09. Kassel, ARM 
29.09. Düsseldorf, ZAKK 
02.10. Cottbus, Gladhouse 

20.10. Konstanz, KuLa 

23.11. Bochum, Matrix 

24.11. Gütersloh, Weberei 

29.11. Berlin, Magnet Club 

30.11. Erfurt, Museumskeller 

21.12. Hamburg, Knust 

29.12. Oberhausen, Punk Im Pott 
weird-world.de 


MR. IRISH BASTARD 

05.10. Bamberg, Sound-n-Arts 
06.10. Göttingen, Exil 

19.10. Kassel, Kulturfabrik 

20.10. Frankfurt/Main, Nachtleben 
09.11. Weinheim, Cafe Central 

10.11. Herne, Pluto Stadteilzentrum 

17.11. Aachen, Musikbunker 
koks-music.de 


PASCOW 

20.10. Karlsruhe, 
Substage Rockrampe 

rookierecords.de 


PANTEÖN ROCOCÖ 

03.08. Nennslingen, Playground 
04.08. Hannover, Fährmannsfest 
05.08. Bremen, Schlachthof 
08.08. Berlin, SO 36 
09.08. Jena, Kassabianca 
10.08. Püttlingen, 

Rocco Del Schlacko 
11.08. Eschwege, Open Flair Festival 
12.08. Rothenburg o.d.T.,Taubertal 
14.08. Regensburg, Alte Mälzerei 
15.08. Stuttgart, UNIversum 


16.08. Osnabrück, Lagerhalle 
18.08. Dresden, Beatpol 
21.08. München, Ampere 
22.08. Halle / Saale, Objekt 5 
26.08. Freiburg, Jazzhaus 
27.08. Frankfurt/Main, Batschkapp 
kktlive.com 


PRETTY IN NOISE 
FESTIVAL 

KAPITEL 7, JAN RÖTTGER, JANK 
KOVIK, MY EMPTY PHANTOM, A 
POOR MAN‘S MEMORY, ASHES OF 
POMPEII, KHUDA, TOUNDRA 

22.09. Solingen, Waldmeister 

prettyinnoise-festival.de 


PRIMA DONNA & 

2ND DISTRICT 

04.10. Düsseldorf, The Tube 
05.10. Bingen, Juz Bingen 
06.10. Göttingen, JuzI 
07.10. Nürnberg, K4 
08.10. A-Wien, Arena Dreiraum 

20.10. Essen, Panic Room 
billigpeoplebooking.de 


REAL MCKENZIES 

02.08. Pforzheim, Botich 
04.12. Berlin, SO 36 

muttis-booking.de 


ROEDS-ROCK 

ANN BERETTA, BANNER PILOT, 
RANTANPLAN, JASON WELT, 
JEFF ROWE, LOVE A, CLAP YOUR 
HANDSTWICE!,YOUR INNER 
DURDEN, A HURRICANE'S 
REVENGE, FOODCOMA, O 
CAPTAIN! MY CAPTAIN!, 

THE SPRINGFIELD ISOTOPES, 
SCHRENG SCHRENG & LA LA 
31.08.-01.09. Holzerath, See 
roeds-rock.de 


SOUTH OF MAINSTREAM 

THE OBSESSED, OSTINATO, 

IDES OF GEMINI, WINO AND 
CONNY OCHS, STINKING 
LIZAVETA, BULBUL,WE INSIST!, 
COR, PLANKS, BLACK SHAPE 
OF NEXUS, DARSOMBRA, 
REFLECTOR, KHUDA, DxBxSx, 
KASAN, BROKEN.HEART. 
COLLECTOR, VERSUS THE 
STILLBORN-MINDED, ANTLERED 
MAN.TSCHAI KA, TARENTATEC, 


ORNAH-MENTAL, XANTHAN 
GUM, ARAN EPOCHAL, BAD 
LUCK RIDES ONWHEELS, 
DERJWARRIOR, ARNE HEESCH 
(ULME), NINA UND DIE ANDERN 
BEEDEN 

06.-08.09. Schönewalde-Stolzenhain 

mainstreamrecords.de • 


SEWER RATS 

11.08. Gadebusch, Sommerschlacht 
25.08. Jülich, FuckYour Authority- 
15.09. Köln, Sonic Ballroom 
28.09. Schwerin, Cafe Dr.K. 

13.10. Moers, Bollwerk 107 

19.10. Pforzheim, Bottich 

20.10. Erfurt, Ilvers 

25.10. Tübingen, Blauer Salon 

26.10. Pfarrkirchen, Boogaloo 

27.10. A-Bludenz, Remise 

22.12. Euskirchen, Route 7 
torpedo-booking.de 


SMOKE BLOW 

08.09. Hamburg, Rockspektakel 
28.09. Bremen, Tower Musikclub 
29.09. Wiesbaden, Schlachthof 
02.10. Hannover, MusikZentrum 

18.10. Köln, Luxor 

19.10. München, 59:1 

20.10. Karlsruhe, 

Substage Rockrampe 
02.11. Dortmund, FZW 

09.11. Leipzig, Conne Island 

10.11. Berlin, Festsaal Kreuzberg 

22.12. Kiel, Die Pumpe 
kktlive.de 


SOUNDFLAT RECORDS 
BALLROOM BASH 6 

THEE OUTLETS, REBELS OF 
TIJUANA, CAVEMEN V, JACKETS, 
OMENS, BOONARA AAS!, SHOOK- 
UPS, MINNESOTA VOODOO MEN 

25.10. Köln, Sonic Ballroom 
26.-27.10. Köln, Jugendpark Köln 

soundflat-records.de 


STINKING LIZAVETA & 
DARSOMBRA 

07.09. Stolzenhain, 

South Of Mainstream 
10.09. Ilmenau, Baracke 5 
11.09. Hamburg, Molotow 
12.09. Kiel, Schaubude 
13.09. Siegen,Vörtex 
28.09. CH-Luzern, Sedel 
02.10. Nürnberg, Kv 


03.10. Dresden, Ostpol 
05.10. Leipzig, UT Connewitz 
06.10. Berlin, Cassiopeia 

southernrecords.de 


TALCO 

10.08. Bad Weinsheim, Winturm 
11.08.Tarmstedt, Rock Den Lukas 

21.12.Trier, Ex-Haus 

muttis-booking.de 


TEMPLETON PEK 

10.08. Rothenburg o.d.Tauber, 
Taubertal Festival 
11.08. Pütdingen, 

Rocco Del Schlacko 

12.08. Eschwege, Open Flair Festival 

longbeachrecords.de 


TERROR 

11.08.Torgau, Endless Summer 
13.08. Aschaffenburg, Katakombe 
14.08. Osnabrück, Bastard Club 
15.08. Saarbrücken, Garage 
17.08. Dinkelsbühl, Summer Breeze 
19.08. A-Wien, Arena 
23.08. D-Hannover, MusikZentrum 
24.08. Wörstadt, NOAF 
25.08. Köln, Essigfabrik 
27.08. Rostock, Stadtpalast 
28.08. Hamburg, LOGO 
mad-tourbooking.com 


WEDNESDAY 13 

02.11. Bochum, Matrix 
03.11. Hamburg, LOGO 
08.11. München, Backstage (Halle) 

11.11. Stuttgart, UNIversum 

13.11. Wiesbaden, Schlachthof 

14.11. L-Esch-sur-Alzette, 
Kulturfabrik 
fkpscorpio.com 


YUPPICIDE 

10.09. Osnabrück, Bastard Club 
11.09. Saarbrücken, Garage Club 
12.09. Weinheim, Cafe Central 
13.09. Köln, MTC 
14.09. Dresden, Chemiefabrik 
16.09. Berlin, Cassiopeia 
mad-tourbooking.com 


ZERO BOYS 

07.08. Essen, Panic Room 
12.08. Hamburg, Hafenklang 

klownhouse-tours.de 



TOTAL DOOM 


WC räjähtää 

LP (Svart Records) 


Total Doom 

2LP (Svart Records) 


Crush the Insects 

2LP (Svart Records) 


www.svartrecords.com 


www.cargo-records.de 


OX-FANZINE 14 






































d,e ärzte 



10.08. 

11.08. 

12.08. 

17.08, 

18.08. 

19.08, 

24.08, 

25.08 


DAS ENDE 
ist noch nicht vorbei 

mmmii 

imimw 

immiäi 


DAS COMEBACK 

14.10.12 FREIBURG 

16.10.12 REGENSBURG 

18.10.12 TRIER 

19.10.12 BAMBERG 

21.10.12 (A) LINZ 

23.10.12 AUGSBURG 

24.10.12 PASSAU 

26.10.12 KARLSRUHE 

27.10.12 FRIEDRICHSHAFEN 

28.10.12 GÖTTINGEN 

31.10.12 MÜNSTER MlkWilMlai 
01.11.12 OLDENBURG 
04.11.12 BIELEFELD 
06.11.12 DÜSSELDORF WMflMii'i 
07.11.12 DÜSSELDORF 

TICKETS UNTER 01805 - 833 080 SOWIE WWW.BADEMEISTER.COM 


12 DRESDEN 
12 DRESDEN 
12 DRESDEN 
12 BERLIN 
12 BERLIN 
12 BERLIN 
12 HAMBURG 
12 HAMBURG 




WiWJai 



VISI0NS 


tape.tv 

präsentieren 


ROYAL 

REPUBLIC 

SAVE THE NATION TOUR 2012 


03.08.12 ROCK IM STADTPARK 08.11.12 BREMEN 

10.08.12 TAUBERTAL FESTIVAL 10.11.12 KÖLN 

11.08.12 ROCCO DELSCHLACKO 30.11.12 KARLSRUHE 
18.08.12 DITHMARSCHER ROCKFESTIVAL 05.12.12 FRANKFURT 
21.09.12 REEPERBAHNFESTIVAL 06.12.12 TRIER 

07.10.12 BERLIN 13.12.12 NÜRNBERG 

24.10.12 MÜNSTER 17.12.12 LINDAU 

25.10.12 KIEL 19.12.12 DRESDEN 

WWW.WEARETHEROYAL.COM 




CUlJüÄCBCBQai) 

NI PESCADO NI CARNE TOUR 2012 


02.08. 

26.07. 

27.07. 

28.07. 

29.07. 

31.07. 

01.08. 

03.08. 

04.08. 

05.08. 

08.08. 

09.08. 


12 WACKEN OPEN AIR 10.08, 

12 KONSTANZ 11.08. 

12 (CH) BLUE BALLS FESTIVAL 12.08. 

12 (CH) POSTPLATZ OPEN AIR 14.08. 

12 RUHR REGGAE FESTIVAL 15.08. 

12 HAMBURG 16.08. 

12 KIEL 18.08. 

12 PLAYGROUND OPEN AIR 21.08 
12 FÄHRMANNSFEST 22.08 

12 BREMEN 26.08, 

12 BERLIN 27.08. 

12 JENA 

WWW.PANTEONROCOCO.COM 


12 ROCCO DEL SCHLACKO 
12 OPEN FLAIR IWMimWii 
12 TAUBERTAL FESTIVAL 
12 REGENSBURG 
12 STUTTGART 
12 OSNABRÜCK 
12 DRESDEN 
12 MÜNCHEN 
12 HALLE 
12 FREIBURG 
12 FRANKFURT 


DieToten Hosen 

DER KRACH DER REPUBLIK 


13.11. 

14.11. 

17.11. 

18.11. 

21 . 11 . 

23.11. 

24.11. 

27.11. 

28.11. 
01 . 12 . 
02 . 12 . 
05.12. 
08.12. 


12 LEIPZIG mibum u M 09.12.12 CHEMNITZ 

12 LEIPZIG Wfl’H i lM iai 11.12.12 HANNOVER 

12 Köln 12.12.12 Hannover 

12 FRANKFURT 14.12.12 FRIEDRICHSHAF&S 

12 BREMEN r^mi& l ' iai 15.12.12 MANNHEIM UH 

12 DÜSSELDORF rflfl’IMai 18.12.12 (CH) BASEL 
12 DÜSSELDORF liMiliti'lii 19.12.12 NÜRNBERG 
12 HAMBURG mmamm 21.12.12 (A) GRAZ 
12 HAMBURG 22.12.12 (A) WIEN 

12 MÜNCHEN mWimi 26.12.12 DORTMUND 

12 STUTTGART WM3M 27.12.12 DORTMUND 

12 (CH) ZÜRICH tmiimiii 29.12.12 BERLIN 

12 ERFURT WkMIWIlai 30.12.12 BERLIN 

TICKETS UND INFOS UNTER WWW.DTH.DE 



DES WEITEREN AUF TOUR: 

ANBB, DJ EXEL.PAULY, DYSE, THE DURANGO RIOT, MOUSE ON MARS, 
OHRBOOTEN, PASCOW, PATRICE & THE SUPOWERS, STOMPIN’ SOULS, 
TIMID TIGER, TURBOSTAAT, WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER, 
WÖLLI & DIE BAND DES JAHRES ... 



www.kktlive.de 

Tel. +49 (0) 30 - 69580880 

Fax+49 (0)30 - 695808829 

KKT GmbH - Kikis Kleiner Toumeeservice 


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PI 

TURBOSTAAT 

SONDASCHULE 

EGOTRONIC 


j 24.08.-25.08. Fischbachtal, Sportplatz 


MONSTERS OF 
LIEDERMACHING 

01.09. Idar-Oberstein, Schloss Oberstein 
14.09. Marburg, Kulturladen KFZ 
16.09. Frankfurt, Batschkapp 
28.09. Meiningen, Multihalle 
29.09. Osnabrück, Rosenhof 
30.09. Duisburg, Grammatikoff 

11.11. Nürnberg, Hirsch 

16.11. Bielefeld, Forum 

17.11. München, Backstage 

18.11. Eschwege, E-Werk 

23.11. Hannover, Pavillon 

24.11. Hamburg, Markthalle 

25.11. Köln, Kantine 


THE BONES 

26.08. Weinheim, Cafe Central 
29.08. Augsburg, Kantine 
31.08. Münster, Sputnikhalle 
01.09. Köln, Essigfabrik 
02.09. Hamburg, Knust 


ROYAL REPUBLIC 

07.10. Berlin, Astra 

23.10. F-Straßburg, La Laiterie 

24.10. Münster, Jovel Music Hall 

25.10. Kiel, Die Pumpe 
08.11. Bremen, Schlachthof 

10.11. Köln, E-Werk 

30.11. Karlsruhe, Substage 
05.12. Frankfurt, Batschkapp 
06.12. Trier, Europahalle 

13.12. Nürnberg, Löwensaal 

17.12. Lindau, Club Vaudeville 

19.12. Dresden, Alter Schlachthof I 


JD MCPHERSON 

11.09. Frankfurt, Orange Peel 
12.09. Stuttgart, Zwölfzehn 
13.09. Köln, Underground 
14.09. Hamburg, Logo 
15.09. Berlin, Roter Salon 


DONOTS 

02.10. Bremen, Schlachthof 
03.10. Hamburg, Große Freiheit 
04.10. Erfurt, HsD 
05.10. München, Backstage Werk 
06.10. Lindau, Club Vaudeville 

11.10. Zürich, Härterei Club 

12.10. Karlsruhe, Substage 

13.10. Stuttgart, LKA Longhorn 

17.10. Hannover, Capitol 

18.10. Magdeburg, Factory 

19.10. Dresden, Alter Schlachthof 

20.10. Berlin, Astra 

25.10. Kassel, Musiktheater 

26.10. Würzburg, Posthalle 

27.10. Rostock, M.A.U. Club 


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_ ...und 30.000 weitere Veranstaltungen auf_ 

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DER OX-SHOP 


Das 

Ox-Kochbuch 



Das Ox-Kochbuch I 

Vegetarische und vegane Rezepte 
nicht nur für Punks 
9,20 Euro inkl. Versand 

Nach über 25 Ox-Ausgaben haben wir teils eigene, 
teils von den Leserinnen eingesandte Rezepte zusam¬ 
mengefasst und um Gastrezepte ergänzt. 

Wert gelegt wird auf verständliche Anleitungen und vor 
allem auf den Spaß beim Kochen: alle Rezepte sind 
mit Musiktips versehen. 



Das Ox-Kochbuch III 

Kochen ohne Knochen: Die feine fleischlose 

Punkrock-Küche 

9,90 Euro inkl. Versand 

Noch mehr Rezepte zum „Kochen ohne Knochen“, 
noch mehr vegetarische und vegane Köstlichkeiten 
von simpel bis anspruchsvoll. Dazu gibt‘s noch 
Einkaufstipps und interessante Interviews: 

Mit einem Bio-Gärtner, einer Bäuerin, einem 
Pommesbudenbesitzer und einer vegetarischen Köchin. 



Das Ox-Kochbuch II 



Moderne vegetarische Küche für Punkrocker 

4 yp * •> 3 

11 

und andere Menschen 



11,25 Euro inkl. Versand 



Auch hier finden sich auf rund 200 Seiten leckere 



fleischlose Rezepte von Szenegrößen und anderen 


Menschen, die ein weiteres Mal mit der Besonderheit 



aufwarten, dass zu jedem Beitrag ein Tip abgedruckt 

1 M ii 

Q?S/ > 

ist, welche Platte von welcher Band sich als „Koch- 
und Ess-Soundtrack” am besten eignet. 



Das Ox-Kochbuch IV 

Kochen ohne Knochen - noch mehr vegetarische 
und vegane Punk-Rezepte 

9,90 Euro inkl. Versand - Exklusiv bei uns mit Siebdruck- 
Schutzumschlag 

Für das erste Ox-Kochbuch mit Farbseiten haben Leser der 
ersten drei Ox-Kochbücher, Szene-Menschen und Punker- 
Mütter ihre Rezepte aufgeschrieben, unter anderem Billy Gould 
(FAITH NO MORE), Barney (NAPALM DEATH), Steve Albini, Kurt 
(CONVERGE) Mille (KREATOR) und Andre & Tom (MAROON). 




Das Ox-Kochbuch-Merch 

Hand- und Geschirrtuch 3,90 Euro + Versand 

Grau-blauer Karo-Look, „Kochen ohne Knochen“ ist eingewebt 

Küchenmesser 4,50 Euro + Versand 

Griff aus Kirschholz, Karottenlogo auf der Klinge eingeätzt 

Pizzamesser 4,90 Euro + Versand 

Edelstahl, Karottenlogo auf der Klinge eingeätzt 

Buckelsmesser 8,50 Euro + Versand 

Buckelform & Holzgriff, Karottenlogo auf der Klinge eingeätzt 


diverse Ox-Kochbuch-Merch-Spezialpakete unter www.ox-fanzine.de/kochbuch-merch 


Profimesser 17,50 Euro + Versand 

Molybdänstahl, Karottenlogo auf der Klinge eingeätzt 

Küchenschürze 18,90 Euro + Versand 

Schwarze Bio-Bauwolle mit Karottenlogo aus rotem Zwirn 

Frühstücksbrettchen 8,00 Euro + Versand 

Melamin, 23,5 x 14,5 cm mit Illustration von Rautie 

Pfannenwender 3,00 Euro + Versand 

Unbehandeltes FSC-Buchenholz, mit Karottenlogo bedruckt 

KoK-Stofftasche 8,50 Euro + Versand 

Grüne Fairtrade-Bio-Stofftasche, mit Karottenlogo bedruckt 

Stofftasche 3,00 Euro + Versand 

Schwarz, mit rotem KoK-Logo bedruckt 

Kochbuch-Buttons 2,50 Euro + Versand 

Drei bunte Buttons mit Illustrationen von Rautie 



Das Ox-Kochbuch- 
Dreierpack 

30,35 Euro inkl. Versand 

Besteht aus Ox-Kochbuch 1,2 
und 3, der Ox-Stofftasche oder 
dem Ox-Küchenmesser sowie 
einem Ox-Kochbuch-Button. 



Das Ox-Kochbuch- 
Viererpack 

40,25 Euro inkl. Versand 

Besteht aus Ox-Kochbuch 1,2, 

3 und 4, der Ox-Stofftasche oder 
dem Ox-Küchenmesser sowie 
einem Ox-Kochbuch-Button. 


Das Pizzakarton-Paket 


25,00 Euro + Versand 



2 x Ox-Pizzamesser, 1 x Ox- 
Hand- und Geschirrtuch, 

1 x Ox-Stofftasche, 1 x Ox- 
Kochbuch-Buttons und dazu 
das Ox-Kochbuch 1,2,3 oder 4; 
alles verpackt in einem Original- 
Pizzakarton. 



Die Ox-Kochbuch-Pakete 

Alle Pakete nach Wahl mit Kochbuch 1, 2, 3 oder 4, im schwarzen Ox-Geschenkkarton mit aufgedruckter Ox-Karotte. 
Versand im speziellen Umkarton, also keine Versandbeschädigung! Alle Pakete sind individuell erweiterbar - einfach 
weitere Artikel einzeln dazubestellen. (Nähere Beschreibungen dazu unter www.ox-fanzine.de/kochbuch). 


Das S-Paket 
25,00 Euro + Versand 

Kochbuch 1,2, 3 oder 4 + 
Küchenmesser + Geschirrtuch + 
Buttons + Tasche 


Das M-Paket 
40,00 Euro + Versand 

Kochbuch 1,2, 3 oder 4 + 
Küchenmesser + Geschirrtuch + 
Buttons + Tasche + Schürze 


Das L-Paket 
55,00 Euro + Versand 

Kochbuch 1,2, 3 oder 4 + 
Küchen messer + Pizzamesser 
+ Frühstücksbrettchen + Pfan¬ 
nenwender + Geschirrtuch + 
Buttons + Tasche + Schürze 


Das XL-Paket 

80,00 Euro + Versand 

Alle vier Kochbücher + 
Küchenmesser + Pizzamesser 
+ Frühstücksbrettchen + 
Pfannenwender + Geschirrtuch + 
Buttons + Tasche + Schürze 



Die Ox-Kapu- 
zenjacke schwarz, 
inkl. Ox-Button 
30,00 Euro + Versand 
Hinten Kapu, vorne 
Reißverschluss, auf der 
linken Brust das Ox-Lo- 
go silbern eingestickt. 
Aus Bio-Baumwolle und 
mit FairWear-Zertifikat. 
Dicke Stoffqualität, relativ 
lang geschnitten, für 
Männer in M, L und XL, 
für Frauen in M. 



Die Ox-Tasse 

5,00 Euro + Versand 
Dein Kaffee oder Tee 
schmeckt aus diesem 
hübschen Becher aus 
mattiertem Glas noch 
viel besser! Dauergete¬ 
stet im Ox-Büro, ca. 0,21 
Inhalt, beidseitig mit Ox- 
Logoaudruck. 



KOCHEüW : 
OHnE KnOCHEfl 


Kochen ohne 
Knochen #8 

3,50/10,00 Euro inkl. 
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Das Magazin für Men¬ 
schen, die kein Fleisch 
essen. Einzelausgabe für 
3,50 Euro, Abo über drei 
Ausgaben für 10 Euro 
(Ausland: 13 Euro) 
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Fuze Magazine 

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Einzelausgabe für 2,50 
Euro, Abo über sechs 
Ausgaben für 12 Euro 
(auch ins Ausland) 
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Alles was ein 
Fanzine braucht 

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Kurz vor dem 
Arsch der Welt 
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Mehr und weniger Auto¬ 
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Stille (Ox-Autor, Konzert- 
Dauergast, Comic- 
Zeichner, Plattensammler 
und wandelnde Musik- 
Enzyklopädie). 



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Ein Bildband über 20 Jahre 
Punkrock-Live-Fotografie 
von Ox-Fotograf Christoph 
Lampert 

180 Seiten, Hardcover, 
Deutsch und Englisch, 
Format 235 x 285 mm 
(ca. A4), S/W und Farbe 


OX-FANZINE 16 














































DER OX-SHOP 


TAUSCHE ABO 

GEGEN SHIRT ODER TASSE! 

Wer das Ox bis zum 30. September 2012 neu abonniert, wer ein Abo verschenkt 
oder als Ox-Abonnent einen neuen Abonnenten wirbt, der bekommt von uns 
das Ox-T-Shirt (weißer Ox-Skull auf schwarzem Stoff) ODER die Ox-Tasse 
(schwarzes Ox-Logo auf mattiertem Glas) geschenkt! 

Das Kleingedruckte: Das Angebot gilt in dieser Form nur für Deutschland. Bitte gebt 
die Adresse desjenigen, der das T-Shirt erhalten soll, unten im Aboformular in der 
Zeile „Adr. Geschenkabo“ oder im Onlineformular unter „Nachricht“ an sowie die 
gewünschte Größe: M, L, XL, Girlie M. Für Auslandsabos müssen wir leider wegen der 
hohen Portokosten für den Shirt- oder Tassen-Versand 3,50 Euro extra berechnen (in 
diesem Fall sind statt 33 Euro also 36,50 Euro fällig. Ist kein T-Shirt oder keine Tasse 
gewünscht, bleibt es bei 33 Euro). 


4 




DIE ABO-PRÄMIEN 

Jeder Neu-Abonnent nimmt an der Verlosung dieser Prämien teil. 
BITTE WUNSCHTITEL ANGEBEN! 

Von dem Bielefelder Label Coffeebreath And 
Heartache haben wir eines der 15 Testpressungs- 
Exemplare der PJ & Brian Bond-Split-12“ „Brother 
Bones/Baby Bones“ bekommen, mit exklusivem 
Siebdruck-Cover und gestempeltem Label. 

Und dazu gibt’s ein weißes Label-Shirt in Größe L 
(Bio, fairtrade; von fairtrademerch.com) 




SCHEISSE 

BLEIBT 

SCHEISSE 

KOTZRE1Z 


• Von Concrete Jungle Records haben wir jeweils drei Exemplare folgender Platten zu verlosen: 
KOTZREIZ Scheiße Bleibt Scheisse 7“ (Farbiges Vinyl, limitiert auf 500 Stück) 

DEATH BY STEREO Growing Numb/Modern Man 7“ (Farbiges Vinyl, imitiert auf 600 Stück) 
VERSUS THE WORLD Drink. Sing. Live .Love. (Limitierte Digipak-CD inkl. Bonustrack) 
ADOLESCENTS American Dogs In Europe EP (Limitierte Digipak-CD) 

• Vom Klett-Cotta-Verlag haben wir drei Exemplare von „Commando - Die Autobiographie von 
Johnny Ramone“ in der deutschen Übersetzung inklusive diverser Top-Ten-Listen von Johnny 
Ramone und vielen, teilweise unveröffentlichten Bildern. 

• Und von der Surfrock-Band TIKI KINGS aus Frankfurt am Meer haben wir 
zehn Exemplare ihrer CD „Surf! Savage! Sacrifice!“ abzugeben. 


Abo per Internet. 

Nutzt ganz einfach den Shop unter www.ox-fanzine.de/abo - oder schickt uns eine E-Mail 
an abo@ox-fanzine.de, in der ihr Zahlungsweise (am besten Bankeinzug, dann Bank, BLZ + 
Konto-Nr., oder Überweisung), Abo-Beginn (Nr. ??) und eure Adresse angebt. 

Abo-Fragen? 

Ruft uns an unter 0700 - 7865 7625 oder schickt eine E-Mail an abo@ox-fanzine.de 

Umgezogen? Neue Bankverbindung? 

Bitte teilt uns immer rechtzeitig mit, wenn sich eure Anschrift oder eure Bankverbindung 
ändert. Die Post liefert das Heft auch bei einem Nachsendeauftrag nicht nach, sondern 
vernichtet es. Wir schicken euch in diesem Fall das Heft gerne erneut zu, kürzen aber das 
Abo um eine Ausgabe. Anfallende Bankgebühren (bis zu 10 Euro!) bei einer geplatzten 
Lastschrift (kein Geld drauf oder neue Bank) müssen wir an euch weitergeben. 

Ox-Leser werben Ox-Leser. 

Du bist Ox-Abonnent(in) und kannst jemanden davon überzeugen, das Ox auch zu 
abonnieren? Dann bekommst du zur Belohnung dein Abo um eine Ausgabe verlängert. 
Zusätzlich hat die oder der Glückliche dann noch die Chance, bei der Abopämien-Verlosung 
abzustauben. Und das geht so: Du schickst uns das Formular des/der Glücklichen und 
packst einen Zettel mit dazu, auf dem dein Name steht und „Ich habe XY geworben“. Im 
Onlineformular bitte Nachricht unter „Nachricht“. 

Das Ox-Geschenkabo. 

Du zahlst und teilst uns im Formular in der Zeile bei ** mit, wer ab welcher Ausgabe das Ox 
bekommen soll. Das Geschenkabo verlängert sich nicht automatisch und kostet so viel wie 
ein normales Abo. Im Onlineformular bitte Name des Beschenkten unter 
„Nachricht“ eingeben. 


Bestellbedingungen 

• Aus dem Ausland nur Bezahlung per Vorabüberweisung (IBAN: DE03 3601 0043 
0451 104 37, BIC: PBNKDEFF, Postbank Essen, Inh. Joachim Hiller) 

sowie per paypal an redaktion@ox-fanzine.de. 

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OX-FANZINE 17 









































Ä PETER PANK UND: HARDCORE! (TEIL 39) 



©ANDREAS MICHALKE (MONOBRUTAL.WORDPRESS.COM) 


VON KLAUS N. FRICK 

Was zuvor passierte: 

Seit einigen Wochen hat sich Peter Meißner alias Peter Pank in eine Reihe 
von Problemen verstrickt - und das, obwohl er in ein kleines Dorf am Rand 
der Schwäbischen Alb gezogen ist, um Stress aus dem Weg zu gehen: Ärger 
mit den Neonazis, die sich in dem Dorf sammeln, und Ärger mit einer Gruppe 
von Leuten, den er sich nicht einmal erklären kann. Deshalb fährt er im Januar 
1987 mal wieder nach Stuttgart - in Begleitung von Chris, einer jungen Frau 
aus der Hardcore-Szene ... 

Schaute ich zu den Fenstern des kleinen „Restaurants“ hinaus, kam mir die Welt grau 
und unwirklich vor. Die Scheiben hätten eine gründliche Reinigung nötig gehabt: Sie 
waren von einer dünnen Schicht aus altem Fett überzogen, dazu kam feiner Wasserdampf, 
der sich wie eine schützende Patina über alle glatten Flächen gezogen hatte. Sogar wenn 
ich im Westen von Stuttgart gewohnt hätte, wäre ich kein Stammkunde in dieser Kneipe 
geworden. 

Mich sprachen weder die Stimmung der wenigen Gäste noch die gesamte Atmosphäre an. 
Aber vielleicht lag das einfach daran, dass ich lieber in einer anderen Stadt und in einem 
anderen Lokal gewesen wäre. Vielleicht sollte ich einfach auf dem Absatz kehrt machen 
und die Kneipe verlassen, vielleicht bot sich mir die Chance, alles hinter mir zu lassen und 
einen neuen Anfang in einer anderen Gegend zu wagen. 

„Was ist, wenn die auch nicht Bescheid wissen?“, fragte Chris, die schräg hinter mir stand. 
„Oder wenn sie dich ganz blöd anlügen?“ Sie sprach leise, so dass ich ihre Stimme kaum 
verstehen konnte. Ein Lautsprecher in der Ecke oberhalb des Tresens verbreitete türkisch 
klingende Popmusik, die für meine Begriffe ziemlich leierte und vor allem viel zu laut und 
zu verzerrt eingestellt war. 

„Gut möglich.“ Ich hob die Schultern. „Aber ich muss ja irgendwas versuchen.“ Ich wies 
auf den Mann hinter dem Tresen, der sich wieder an den Dönerspieß begeben hatte. „Ich 
glaube nicht, dass wir von ihm eine Auskunft bekommen können. Entweder tut er nur so, 
oder er versteht wirklich kein Wort deutsch.“ 

Hinter uns klingelte es, die Tür wurde aufgeschoben. Mit einem Schwall kalter frischer 
Luft kam ein Mann herein, der aussah, als hätte er in den vergangenen zehn Tagen immer 
in einer Mülltonne übernachtet. Er trug alte Kleidungsstücke, die wahrscheinlich genü¬ 
gend Wärme spendeten, aber ziemlich angeschmuddelt wirkten; sein hageres Gesicht 
bedeckten graue Bartstoppeln. Wässrig-blaue Augen blickten unter dicken Brauen und 
einer zerknautschen Baskenmütze hervor. 


Ohne uns zu beachten, ging er direkt nach vorne und stellte sich neben mich. Er wuchtete 
eine Plastiktüte auf den Tresen, die bis zum Rand mit leeren Flaschen gefüllt war. „Leergut, 
Achmed“, sagte er lautstark. „Ich brauch’ mal wieder Geld.“ Sein Atem roch nach Fusel, 
sein Mantel nach Schmutz und Schimmel. 

Der Türke am Dönerspieß legte das Messer zur Seite, mit dem er gearbeitet hatte. Gemäch¬ 
lich näherte er sich dem Mann. Ohne ein Wort zu sagen, nahm er die Tüte, stellte sie auf 
seiner Seite des Tresens auf den Boden und zählte über ein Dutzend Flaschen ab. Ebenso 
wortlos schob er danach einige Münzen über den Tresen, und der andere nahm sie. 
„Danke, Achmed!“, sagte der graubärtige Mann. „Bist ein guter Kumpel.“ Er nickte dem 
Türken grüßend zu, dann verließ er das kleine Restaurant, als habe er etwas dringendes 
zu erledigen. 

Der Türke ging zurück an seinen Dönerspieß. Langsam hob er sein Messer, langsam setzte 
er es an den sich drehenden Fleischklumpen, und ebenso langsam schnitt er feine Streifen 
davon ab. Die Fetzen sahen aus wie verbrannte Haut und wirkten alles andere als appetit¬ 
lich. Bei diesem Anblick wurde mir klar, warum ein Teil der „neuen“ Punks den Fleisch¬ 
konsum ablehnte. Mir selbst schmeckten eine heiße Wurst oder ein Braten immer noch, 
aber ich verstand die Vegetarier von Jahr zu Jahr besser. 

„Die haben seltsame Geschäfte hier“, sagte Chris leise und kicherte. „Pfandflaschen gegen 
Bargeld tauschen ... das sieht aber alles höchst harmlos aus.“ 

Ich lachte unterdrückt. „Stimmt. Sieht alles wie ein typischer Imbiss aus, nichts besonde¬ 
res, und ich würde nie auf den Gedanken kommen, dass hier was nicht stimmen könnte.“ 
„Noch weißt du nicht, ob das so ist“, erinnerte sie mich. 

Ich nickte. Mitderweile hatte ich mich darauf eingestellt, dass wir eine Weile warten muss¬ 
ten. So lange ließ ich die Atmosphäre des Restaurants auf mich wirken. Alles wirkte wie 
gebremst, als seien nicht nur die Angestellten, sondern auch die Gäste in einen dicken 
Klumpen Watte gepackt, der ihre Bewegungen verlangsamte. Die plärrende Musik aus dem 
Lautsprecher, der wie eingeschlafen am Dönerspieß stehende Mann, die wenigen Gäste: 
Ich kam mir vor wie in einem Gelände, das nicht zur realen Welt gehörte, in einer Art 
Rückzugsraum für gescheiterte Existenzen und kleine Ganoven. 

Sollten wir uns hinsetzen, vielleicht ein Getränk bestellen? Wenn die Warterei eine Weile 
dauerte, wäre das vielleicht bequemer. Aber noch während ich darüber sinnierte, wurde 
mir klar, dass ich keine Lust hatte. Die Tische und die Stühle bestanden aus stabilem 
Holz von der Marke, die man bei großen Möbelhäusern preiswert bekam und zu Hause 
selbst zusammenbauen musste. Aber alles sah aus, als wären einige Liter Langeweile und 
schlechte Laune darüber gegossen worden, und ich hatte Angst, dass mich die seltsame 
Stimmung in dem Laden ansteckte. 

Der schlanke Mann, der hinter dem Tresen gestanden und mit dem ich gesprochen hatte, 
kam durch die schmale Tür zurück. Er ließ sie offen; dahinter sah ich einen Flur, an des¬ 
sen Wand einige Schrubber und Besen hingen. Er musterte mich, sagte aber kein Wort. 
„Was ist jetzt?“, drängte ich. „Kann ich euren Chef sprechen?“ 

„Schon. Es geht um Avignon, hast du gesagt.“ Seine Aussprache war auf einmal wieder 
richtig gut. Er hatte einen schwäbischen Einschlag, aber das war alles. „Und du kannst uns 
etwas bringen, was wir brauchen?“ 

„Ich hab’ keine Ahnung, was ihr braucht. Ich will nur mit eurem Chef reden, und ich will, 
dass die nervenden Besuche im Dorf aufhören.“ 

„Ach ja, das Dorf.“ Der Mann lachte. „In Achterfingen wohnst du ja.“ Er sprach das Wort 
extrem langsam aus, als wollte er jeden Buchstaben einzeln betonen. „Und dort willst du 
sicher wohnen bleiben.“ 

„Sag mir lieber, worum es eigentlich geht, oder hol deinen Chef her“, sagte ich wütend. 
Der andere sah mich nur an, er sagte kein Wort. Dass ich nicht sonderlich willkommen sein 
würde, hatte ich im voraus erwartet; den Empfang fand ich allerdings ziemlich seltsam. 
Zumindest einen Rest von Freundlichkeit hatte ich erwartet. Aber vielleicht träumte ich da 
wieder einmal vom Guten im Menschen. 

Ich nahm die Bewegung im Flur wahr, bevor sich die Tür weiter öffnete. Ein wuchtiger 
Mann stand auf einmal im Türrahmen, breitschultrig und so groß, dass ich den Eindruck 
hatte, er käme nur mit Mühe durch einen normalen Eingang. Sein mächtiger Bauch wurde 
vom Muster seines Pullovers zusätzlich betont, das Gesicht von einem breiten Schnauzbart 
beherrscht. Er drehte sich zu den zwei anderen Männern und sagte etwas auf Türkisch; 
zumindest hörte es sich für mich so an. 

Der Dreißigjährige vor mir antwortete in derselben Sprache, ein rascher Dialog folgte. 
„Kommt bitte mit“, sagte der Dicke anschließend sehr höflich zu mir. Sein Deutsch hatte 
einen starken Akzent, war aber gut verständlich. „Ich glaube, wir müssen über Geschäfte 
reden.“ 

„Gern“, sagte ich. Ich wies auf Chris. „Aber wir sind zu zweit.“ 

„Kein Problem. Folgen Sie mir einfach, wir gehen ins Hinterzimmer. Dort ist es ruhig.“ 




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OX-FANZINE 18 



















PETER PANK 


Er wies mit dem Daumen über seine Schulter nach hinten, 
dann verschwand er. 

Neben dem Tresen gab es einen Durchgang. Ich wech¬ 
selte einen raschen Blick mit Chris, sie grinste mich auf¬ 
munternd an, und dann folgten wir dem Mann. Es ging 
durch einen schmalen Flur, der bis auf Höhe meiner Schul¬ 
ter weiß gekachelt war. Eimer standen in unregelmäßigen 
Abständen auf dem Boden, Besen und anderes Zeugs hing 
an der Wand, und der Geruch nach altem Fleisch klebte 
buchstäblich in der Luft. 

Der Flur war vergleichsweise lang, an seinem Ende ging 
es eine steile Treppe nach unten. Wir gehen in den Keller, 
überlegte ich, sonderlich vertrauenserweckend ist das aber 
auch nicht. Aber jetzt hatte ich mich auf die Angelegen¬ 
heit eingelassen, jetzt musste ich sie bis zu Ende bringen. 
Der Raum im Keller sah anders aus, als ich es erwar¬ 
tet hätte. Statt eines düsteren Gewölbes, in dem eine fla¬ 
ckernde Funzel an der Decke hing und nur spärliches Licht 
verbreitete, erblickte ich eine Bar. Zumindest wirkte der 
Raum wie eine Bar: eine Theke, einige Barhocker davor, im 
Raum selbst einige Tische, um die Stühle gruppiert waren. 
Deckenstrahler spendeten großzügiges Licht, die Steinplat¬ 
ten auf dem Boden waren blankgeputzt. 

Eine Entlüftungsanlage summte leise. Wenn in dem Raum 
Kerzen angezündet wurden und einige Leute viel rauch¬ 
ten, wurde offensichtlich trotzdem für Frischluft gesorgt. 
Unter dem bescheidenen Restaurant, das mehr schmudde¬ 
lig als appetitanregend wirkte, verbarg sich tatsächlich ein 
Geheimnis, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ob die ört¬ 
liche Polizei das überhaupt wusste? Oder der Wirtschafts- 
kontrolldienst, der solche Dönerbuden immer wieder gern 
durchschnüffelte ? 

„Setzt euch“, sagte der Mann und wies auf einen der 
Tische. „Wollt ihr was trinken?“ Die Höflichkeit war deut¬ 
lich reduziert, jetzt wirkte er eher wie ein Geschäftsmann. 
Und das höfliche „Sie“ war verschwunden. 

Erneut wechselte ich einen Blick mit Chris. Jetzt bloß kei¬ 
nen dummen Fehler!, dachte ich. „Einfach nur Wasser“, 
sagte ich. Auf ein alkoholisches Getränk wollte ich bewusst 
verzichten, auch wenn ich Lust darauf verspürte, ein Bier 
zu trinken. 

„Kein Bier, keine Cola?“ Er lachte. „Wir haben alles, und 
ihr müsst es auch nicht bezahlen.“ 

Ich schüttelte den Kopf. Meinetwegen sollte der Mann mir 
sagen, worum es eigentlich die ganze Zeit ging, und dann 
sollte er uns verabschieden. Ich hatte keine Lust, länger in 
dem Keller sitzen zu bleiben, als das unbedingt nötig war. 
„Wir sind nicht zum Vergnügen hier“, sagte Chris auf ein¬ 
mal. Ihre Stimme klang kühl, fast geschäftsmäßig, als ob 
sie eine ernsthafte Verhandlung zu führen hätte. Ich starrte 
sie verwundert an. „Sagen Sie, was Sie von meinem Freund 
wollen, und dann reden wir, was wir tun können.“ 

Es hätte nicht viel gefehlt, und mir wäre der Mund offen 
gestanden. „Mein Freund“ — hatte sie das in diesem 
Moment wirklich gesagt? Ich glaubte es kaum. Gleichzei¬ 
tig war ich froh, dass Chris die Initiative ergriffen hatte. Ich 
steckte so voller Wut und Abneigung, fühlte mich selbst 
wie in Spielball von Interessen, die mir unbekannt waren, 
dass ich im Augenblick nur trotzig reagiert hätte. 

„Und warum müssen wir da oben erst herumstehen, bevor 
Sie sich um uns kümmern?“, schob sie nach. Ihr Ton war 
höflich, keine Spur von Hektik, Druck oder Angst, eben¬ 
sowenig von zu großer Freundlichkeit. Es war, als machte 
Chris das jeden Tag. 

„Wenn ihr euch nicht hinsetzen wollt, tu ich es.“ Der 
schwere Mann trat zu einem Tisch und ließ sich in einen 
Stuhl fallen. Das Holz knarrte, als ob das Möbelstück in 
sich zusammenbrechen wollte. „Und zu trinken benötige 
ich auch nichts. Aber ich brauche etwas, das mir gehört.“ 


Chris und ich wechselten erneut einen Blick. Dann setz¬ 
ten wir uns ebenfalls: nebeneinander und dem Mann am 
Tisch gegenüber. 

Er grinste. „Na also. So ist es doch gleich gemütlicher.“ 
Er breitete die Arme aus. „Ihr müsst Verständnis für meine 
Leute da oben haben. Hätten die gewusst, welche wich¬ 
tigen Gäste ihr seid ..." Seine Stimme troff jetzt vor Iro¬ 
nie. „Sie hätten mich sofort angerufen und euch sofort 
hier herunter geleitet. Sie wissen aber nicht, um was es 
geht, weil sie nie wissen, welche Geschäfte ich eigentlich 
betreibe. Aber es muss ja nicht jeder alles wissen.“ 

„Ich weiß aber auch nicht alles“, sagte ich so ruhig, wie 
ich es konnte. In mir schrie alles danach, aufzustehen und 
wegzulaufen, aber das war jetzt Unfug. Ich musste diesen 
Besuch durchziehen, musste herausfinden, was hinter all 
dem Generve steckte. „Ich habe euch im Dezember dieses 
Päckchen gebracht, und damit war die Sache erledigt. Has¬ 
san hat es mir mitgegeben, ich habe keine Fragen gestellt, 
und er sagte, ich hätte dann nichts mehr mit alledem zu 
tun.“ 

Der Mann grinste erneut. „Das hast du gemeint, aber so ist 
es nicht. Ist dir eigentlich klar, was du transportiert hast?“ 
„Irgendwelche Drogen, nehme ich an.“ 

„Irgendwelche Drogen - das ist gut. Du hast uns ein Kilo 
bestes Kokain gebracht, besser geht es nicht, und das sollte 
erst der Anfang sein. Deine Kumpels in Avignon haben uns 
einen Gefallen geschuldet, also nicht mir persönlich, son¬ 
dern Leuten, die ich gut kenne und die so eine hochwer¬ 
tige Ware an die entsprechenden Kunden vermitteln. Was 
du transportiert hast, war vielleicht 30.000 oder 50.000 
Mark wert, also nicht sonderlich viel, aber ein schöner 
Anfang für weitere Geschäfte.“ 

Ich verstand immer noch nicht, auf was der Mann hin¬ 
auswollte. Dass ich mit der Drogenszene in Südfrankreich 
engeren Kontakt gehabt hatte, als mir heb gewesen war, 
hatte auch mit meiner Naivität zu tun gehabt, mit meiner 
Verliebtheit vielleicht auch, mit meinem Blick, der offen¬ 
sichtlich zu viele Dinge aus der Realität ausblendete. Es war 
mir klar gewesen, dass ich irgendwelche Drogen transpor¬ 
tierte, aber ich wollte keine Details wissen; ich wollte nur 
noch weg aus Avignon und heim in die Kälte von Stuttgart. 
Und jetzt holte mich dieser Dreck ein - nur was hatte ich 
damit zu tun? 

„Damit war die Sache für mich doch erledigt.“ 

„War sie nicht.“ Der Mann beugte sich vor, seine Miene 
verfinsterte sich. „Das dachtest vielleicht du, weil deine 
Kumpels in Südfrankreich so etwas behauptet haben. Aber 
du musst damals mehr mitgekommen haben: Namen, 
Informationen, sonstiges Zeugs. Es kann nicht sein, dass 
dieses Päckchen alles war, was du aus Avignon mitgebracht 
hast.“ 

„Doch!“ Ich beugte mich ebenfalls vor. „Ich hab’ keine 
Ahnung, wovon du redest. Und ich will wissen, warum 
irgendwelche Typen bei uns im Dorf herumschnüffeln. Das 
kann ich nicht brauchen.“ 

Der Mann lachte verächtlich. „Und ich kann nicht brau¬ 
chen, dass du mich offensichdich verarschen willst.“ Er 
schnaubte. „Die Gruppe in Avignon ist aufgeflogen, eine 
ganze Versorgungslinie mit dem guten Koks ist zusam¬ 
mengebrochen, und die Bullen haben alle eingelocht. Wir 
brauchen neue Kontakte nach da unten, und du müsstest 
die kennen. Du solltest uns Bescheid sagen, wenn du was 
hörst.“ 

„Was soll ich denn hören?“, fragte ich fassungslos. „Ich 
bin Punkrocker, kein Drogenheini, und ich hab’ verdammt 
noch mal nichts mit irgendwelchen Schmuggelgeschäften 
zu tun. Das ist eure Sache, nicht meine.“ 

„Das hab’ ich anders gehört. Deine verdreckten Punk- 
Kumpels hier in der Stadt ballern sich sowieso alles rein, 


was sie in die Finger kriegen, und die haben mir erzählt, 
was du in Südfrankreich mitgekriegt hast.“ 

Rotze, dachte ich voller Wut, dieses verdammte Arschloch. 
Wenn ich den noch mal in die Finger kriege, geht’s anders 
aus. 

„Ich hab’ trotzdem keine Ahnung, wovon du redest.“ 
Meine Stimme klang gepresst, das merkte ich selbst. Ich 
stand unter großer Anspannung, ich fühlte mich eingeengt 
und bedroht - und das, obwohl wir uns an einem Tisch 
gegenübersaßen und eigentlich alles ganz harmlos wirken 
sollte. „Ich habe aus Avignon nur schlechte Erinnerungen 
und dieses verdammte Postpaket mitgebracht. Ich wusste 
nicht, was da drin war, und ich habe es hier in diesem 
Lokal an der Theke abgegeben.“ Mit dem Daumen wies ich 
zur Decke, wo irgendwo über unseren Köpfen das türki¬ 
sche Restaurant war. „Mehr weiß ich nicht, mehr habe ich 
nicht zu bieten, und ich weiß nicht, was das alles soll.“ 

Ohne Ansatz und so schnell, dass ich nicht einmal den 
Schlag kommen sah, knallte mir der Typ eine in die Fresse. 
Es war eigentlich nur eine Ohrfeige, und sie kam mit dem 
Handrücken, aber sie erwischte mich mit enormer Wucht. 
Mein Kopf wurde zur Seite geschleudert, fast wäre ich vom 
Stuhl gefallen; mit beiden Händen hielt ich mich am Tisch 
fest. In meinem Mund spürte ich einen Geschmack nach 
Metall. 

Der Mann mit dem Schnauzbart lächelte mich an. „Ich 
hätte gute Lust, hier die Scheiße aus dir rauszuprügeln, 
aber ich bin ja gut erzogen.“ Er wies auf Chris. „Es sind 
Damen anwesend, und da nehme ich gern Rücksicht drauf. 
Aber du musst dich entscheiden, was du willst.“ 

„Ich ...“, setzte ich an, während ich versuchte, meine 
Gedanken zu sortieren. 

Schon kam der nächste Schlag. Wieder eine Ohrfeige, wie¬ 
der mit dem Handrücken, diesmal auf die andere Wange. 
Sie kam mir wuchtiger vor, mein Kopf schien anzuschwel¬ 
len, und eine Schmerzwelle nach der anderen jagte mir 
vom Gesicht über das Rückgrat in alle Glieder. Mir wurde 
schlecht, ich schloss die Augen. 

„Was ... was soll das?“, hörte ich Chris schreien. „Das ist 

„Schnauze!“, unterbrach sie der Mann. „Sonst fängst 
du gleich auch ein paar. Ich hab’ keine Lust, mit eurem 
Geschwätz meine Zeit zu vergeuden.“ Er schlug die Hand 
auf den Tisch, es krachte laut. Dann folgte ein weiteres 
Geräusch, das ich nicht einordnen konnte, und ich hörte, 
wie Chris laut einatmete. 

Ich öffnete die Augen. Mein ganzer Kopf schmerzte, 
er drehte sich geradezu. Vor mir auf dem Tisch lag ein 
Schnappmesser, aufgeklappt und im Licht glitzernd, gut 
dreißig Zentimeter lang. „Wir können echt anders, ihr klei¬ 
nen Scheißer“, sagte der Mann leise. Jetzt lächelte er gar 
nicht mehr. 

Scheiße, dachte ich nur noch. Scheiße, gottverdammte 
Scheiße. Auf was hab’ ich mich da eingelassen? 

Ende der neununddreißigsten Folge 

Mit einer solchen Entwicklung hat Peter Pank nicht 
rechnen können. Was eigentlich ein Informationsbe¬ 
such sein sollte, scheint in eine Begegnung mit dem 
kriminellen Mob auszuarten. Wie kommt unser Held 
eigentlich aus der Lage heraus? Mehr dazu in der nächs¬ 
ten Ox-Ausgabe - wenn es wieder heißt: PETER PANK - 
UND: HARDCORE! 


Wer wissen will, was der Autor dieses Fortsetzungsro¬ 
mans sonst so treibt, sollte seinen Blog mal besuchen: 
enpunkt.blogspot.com wird täglich aktualisiert. 



OX-FANZINE 19 

















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KOLUMNEN 


MUSIC WAS NOT 
MY FIRST LOVE ... 

... but it will be my last. Eine 
schreckliche Schnulze, die John 
Miles mit „Music“ da geschrieben 
hat und deren Text ich hier 
abgewandelt habe - aber auch 
ergreifend. Meine erste Liebe war 
Musik nicht, im Gegenteil. 

Es fing schon schlecht an, mit sogenannter und von meiner Mutter 
gut gemeinter „Musikalischer Früherziehung“ mit Orff-Instrumenta- 
rium. Voll ökopädagogisch und für Mitte der Siebziger richtig pro¬ 
gressiv. Das Problem war allerdings: zeitgleich zum Musikunter rieht, 
in dem man auf einem Glockenspiel „Sur le pont d’Avignon“ klim¬ 
perte, lief „Flipper“. Ich liebte die Serie mit dem Delphin und sah so 
gar nicht ein, weshalb ich die wegen dieses doofen Geklimpers ver¬ 
passen sollte. Also hatte ich nur im Sinn, nach Ende des Unterrichts 
möglichst schnell nach Hause zu laufen, um wenigstens die Hälfte der 
Abenteuer von Sandy, Bud und Flipper noch sehen zu können. Avi¬ 
gnon und „Bruder Jakob“ konnten mir da gestohlen bleiben. Keine 
Ahnung, wie lange ich die Musikschule mitgemacht habe, recht bald 
wohl muss meine Mutter eingesehen haben, dass ihr Ältester sich fürs 
Musizieren nicht interessiert, denn ich wurde fortan in Ruhe gelassen. 
Hier und da durfte ich in der Grundschule mal eine Triangel oder eine 
Rassel halten, beim Singen hatte ich schon bald das tonlose Mund-zur- 
Musik-Bewegen perfektioniert und was ich nicht konnte oder wollte, 
mussten meine Geschwister willig ausbaden respektive lernen, Block¬ 
flöte, Horn und was weiß ich noch. Leider kam ich dann aufs Gymna¬ 
sium. Musikunterricht bei Frau O., Herrn H. und Herrn F. Frau O. war 
nett und naiv, da konnte nicht viel passieren. Anders sah das bei Herrn 
H. aus:Typ „netter junger Kumpellehrer“, aber bei genauerer Betrach¬ 
tung ein „scharfer Hund“. Vorsingen, Transkribieren, Musiktheorie, 
schrecklich. Aber nicht so schrecklich wie Herr F., zufälligerweise der 
Bruder meiner verhassten Grundschullehrer in, die ein übler Drache 


gewesen war und mit der ich in der ersten Klasse schon auf Kriegs¬ 
fuß stand. Zitat Joachim ihr gegenüber: „Du stinkst aus dem Mund 
und ich hasse dich!“ Beides stimmte. Ihr Bruder war mir ähnlich sym¬ 
pathisch. Der Herr keifte viel rum, war unlocker, und außerdem ging 
er mit der von uns bewunderten, unfassbar teuren Revox-Stereoan- 
lage so laienhaft und gefühlvoll um wie ein Elefant mit dem Inven¬ 
tar eines Porzellanladens. Da war nur Verachtung, zudem hatte er von 
Popmusik keine Ahnung und drosch „Hey Jude“ von den BEATLES in 
die Flügeltasten, als sei es ein Marsch. Ich sang natürlich nicht mit. Zur 
Notenfindung musste dann vorgesungen werden. Gibt es etwas Grau¬ 
sameres, als pubertierende Jungs im Stimmbruch vor versammelter 
Klasse (und vor allem den Mädchen!) zum Singen zu zwingen? Man 
muss ein Sadist bar jedes pädagogischen Grundwissens sein, um das 
zu bringen. Ich hielt den Mund und kassierte stolz eine Sechs, ebenso 
wie bei der Klassenarbeit, bei der ich mich nicht mal auf das Ange¬ 
bot einließ, zumindest ein paar Noten auf das Blatt zu schreiben für 
eine Fünf. Im Zeugnis stand trotzdem keine Sechs. Verbrechen lohnt 
sich doch, ha! Mit der Oberstufe war der Pflichtmusikunterricht dann 
passe, ich wurde nicht länger gepeinigt, konnte mich in Ruhe mei¬ 
nen Platten und aus dem Radio aufgenommenen Cassetten widmen, 
denn einen eigenen Plattenspieler hatte ich schon mit zehn gehabt, für 
einen ersten Stereo-Radiorecorder hatte ich drei, vier Jahre später bei 
Wind und Wetter die katholische Kirchenzeitung ausgetragen. Musik 
interessierte mich schon, nur nicht so, wie es die Erwachsenen woll¬ 
ten. Irgendwann, ich muss 1S oder 16 gewesen sein, packte es mich 
aber doch. Diese Gitarre bei DEEP PURPLE, so wollte ich auch spielen 
können ... Dafür hätte ich sogar Unterricht genommen. Also ging ich 
ins ördiche Musikhaus, äußerte meinen Wunsch, bekam eine E-Gitarre 
eingestöpselt, griff in die Saiten - und zu hören war nur Wandergitar¬ 
rengeklimper in laut! Kein E-Gitarren-Gebrate! Was wusste ich schon 
von Effektgeräten? Ich war zu stolz, zu feige zu fragen, der Verkäu¬ 
fer zu faul mich aufzuklären, und so kam es, wie es kommen musste: 
Wenn man etwas selbst nicht kann, redet - oder noch besser! - 
schreibt man darüber. Und so wurde ich Musikjournahst... 

Joachim Hiller 


Sven Augstein nämlich. Veranstalter der Show heute, Booker meiner 
Leipzigtour, Koch und Herbergsvater. Einmal mehr einer von den 
Guten, aber wer eine Anthologie namens „Grind The Nazi Scum“ 
rausbringt, kann auch kein schlechter Mensch sein. 

Ich soll heute einige Texte lesen und ein bisschen Musik machen. 
Zwölf Leute wollen sich das anhören und scheinen es auch durch¬ 
aus zu mögen, wenn sich ein verlauster Ösi mit elf Stunden Bahn¬ 
fahrt auf dem Buckel und fünf Sternis im Magen schreiend auf dem 
Boden wälzt. 

Gelungener Einstandsabend, dann erstmal auf einen Absacker zu 
Sven und Kerstin, ist zum Glück nicht weit. Heute machen wir aber 
nicht zu lange, denn morgen steht Sightseeing im Stadtteil Con¬ 
newitz auf dem Programm. Sollte man unbedingt besucht haben. 
Soviel Farbe auf Häusern habe ich noch nie zuvor erlebt, jedes 
zweite davon eine potentielle Location für Punk-Shows und/oder 
ein veganer Imbiss. Könnte man Romane drüber schreiben. Wie 
Abo Als Leben. Der feiert heute im UT-Connewitz Releaseparty von 
„Punkrock Hooliganz", dem dritten Teil seiner Saga rund um die 
Abspaltung der „Freien Republik Connewitz“ von Deutschland. 
Gelesen von Dörthe Nikolai, Punkliteratur-Ikone Völly Tanner und 
Sven aka Lord Schelmchen. Dazwischen Musik von unter anderem 
BUTTERMAKER und DER SCHWARZE KANAL. Und ich brühe am 
Ende meine Lieder von einer der geilsten Bühnen, auf der ich je 
stehen durfte. 

Grindcore-Liedermaching nennt das Kuno, der alte Metalhead, der 
mich am nächsten Tag zu Radio Blau einlädt, wo ich On Air singe, 
lese und ein bisschen mit ihm, Sven und meinem Lektor, Bob dem 
Braumeister, plaudere. Auch schön. Danach gibt’s Vöner in der Vlei- 
scherei und einen gemütlichen Tourausklang in der Edition-Pape- 
rONE-Verlagsbuchhandlung. Meine Verleger zwingen mich zum 
Alkoholkonsum während des Lesens und dazu, zwischendurch auch 
ein paar Liedchen zu singen. 

Danach wollen wir eigentlich schlafen gehen. Aber wer schläft 
schon, wenn die Sternis im Kühlschrank schlummern und am 
nächsten Tag dafür ja eh elf Stunden im Zug zur Verfügung stehen? 

H.C. Roth 




DIE NEUN LEBEN DES KING 
BRONKOWITZ: HANDSTAND 
MIT ÜBERSCHLAG 
Karlsruhe, 28.06.2012: „Manchmal 
spielt das Leben mit dir gern 
Katz und Maus“, sang einst Udo 
Jürgens. Manchmal ähnelt es aber 
auch eher dem Anhören-müssen 
einer RAMMSTEIN-CD in einem 
lehmigen Kellerloch, in dem man 
keine Unterwäsche zum Wechseln 
dabeihat. 


Oder einem halben Liter lauwarmem, abgestandenem Mineralwas¬ 
ser, den man in einer Aula trinken muss, während vorne ein ver¬ 
härmter Buchhalter über Steuerrecht referiert. Manchmal entwickelt 
es aber auch eine achterbahnartige Rasanz, so dass einem vor lauter 
Loopings abwechselnd allmählich schlecht wird oder man adrena¬ 
linberauschten Größenwahn entwickelt. 

Im Einzelnen: April 2011 Rückkehr aus Berlin, dann mit einem 
Bein im Grab, Umzug in eine sehr genehme Zweier-WG mit einem 
Mathematiklehrer (!), mit dem man nichtsdestotrotz zusammen 
beim Frühstückskaffee SLAYER, UNSANE oder NOMEANSNO lau¬ 
schen kann, dann plötzlich wieder ein recht grausliger familiä¬ 
rer Krankheitsfall ... Und wenn man gerade denkt, man müsste 
mal wieder schwallartig erbrechen, weil das Leben so eine Pest ist, 
kommt Amor, die alte Sau. 

Ja, das war das Rundum-Überraschungspaket, in dessen doppel¬ 
tem Boden am Schluss eine neue Lebensgefährtin samt sechsjäh¬ 
riger Tochter steckte. Nun muss ich, der ich nie etwas mit Kindern 
zu tun hatte, plötzlich ein kleines Mädchen mit dem Erwerb von 
Edeka-Fußballschlümpfen über das bittere Ausscheiden der deut¬ 
schen Nationalelf bei der EM hinwegtrösten beziehungsweise mit¬ 
leiden, wenn es sich auf dem Kinderspielplatz das Knie aufschlägt 
- und erstaunt feststellen, dass ich dermaßen in meiner Rolle auf¬ 
gehe, dass in dem Fall schon fast eine Art Phantomschmerz in mei¬ 
nem eigenen Knie auftritt. 

Das ist sehr seltsam für jemanden, dem jahrelang Misanthropie 
nachgesagt wurde; schön, dass ich noch meinen Blog habe, in dem 
ich nach Herzenslust nach allen Seiten austeilen darf, sonst würde 
mir irgendwann wahrscheinlich jemand eine Reinhard-Mey-CD 
schenken. 

Zumindest einen gruseligen Umstand gibt es bei der Geschichte: 
der Musikgeschmack sechsjähriger Mädchen ist grenzwertig, und 
wenn ich noch einmal das in der Kiste mit aus CDs aus der Jugend¬ 
zeit ihrer Mutter entdeckte „Swamp thing“ von THE GRID (ein 
erstaunlicher schmerzhafter banjobetriebener Nervzapfen aus den 
Neunziger-Charts) ertragen muss, bekomme ich wahrscheinlich für 
den Rest meines Lebens ein seltsames Zucken in den Augenbrauen. 
Ansonsten kann sich meine Leserschaft zukünftig auf Kolumnen wie 
„Ein Tag im Holiday-Park“ oder „Tick, Trick und Track imTaka-Tuka- 
Land“ freuen. Sind das nicht herrliche Aussichten? / 

Stefan Gaffory (king-bronkowitz.blogspot.de) 



AUFREGEN! 

IMMER NUR AUFREGEN! 

Heute: Ich mag meine Arbeit. 
Wirklich. Aber der tägliche Weg 
dorthin ist die Hölle. 


Ich nutze öffentliche Verkehrsmittel und kenne Verspätungen 
und Ausfälle der DB. Am Zielort, von mir „Eine Stadt wie Kotze“ 
genannt, angekommen steht mir eine 25-minütige Busfahrt bevor. 
Auch hier habe ich mich an das meiste Grauen schon gewöhnt: An 
die Dame mit den abrasierten Haaren (nur vorne steht noch ein 


blondierter Pony), die mit der Bomberjacke genauso breit wie hoch 
ist und die in fünf Minuten Wartezeit mindestens zwei Zigaretten 
durchzieht und den Rauch liebevoll in ihren Kinderwagen bläst. An 
die Alkoholfahne, die meine Nase umschmeichelt, weil sich wie¬ 
der irgendein Morgens-schon-Bier-Trinker, vor/neben/hinter mich 
gesetzt hat, und die mich dazu bringt, mein eigenes Wochenend- 
Alkohol-Leben ernsthaft zu überdenken - man ahnt ja nicht, was 
man seinem Gegenüber geruchsmäßig antut. Und auch an die jun¬ 
gen Eltern habe ich mich gewöhnt, die täglich das hintere Vier¬ 
tel des Busses (das „U“) belagern, um ihre vier -bis fünfjährigen 
Kinder in die Tagesstätte zu bringen und sogar noch lauter als die 
Früchte ihrer Lenden schreien können und ihren Nachwuchs mega¬ 
laut als „kleine Pisser“ anpöbeln. 

Eine Geschichte blieb dabei aber doch hängen: Eine Mutter, Anfang 
20, wasserstofftotblondiert mit ihrem Sohn. Der Sohn, etwa fünf 
saß schweigend (ein Wunder!) mit gefalteten Händen neben ihr 
und schaute demütig auf den Boden. 

Mutter „Was machst du da?“ 

Sohn: „Beten.“ 

Mutter: „Wieso das denn?“ 

Sohn: „Das hilft mir.“ (Ich so in Gedanken: „Süüüündeee!“) 

Mutter nimmt Sohn in den Schwitzkasten, reibt ihm mit der Faust 
auf dem Kopf herum und sagt: „Na, wo ist dein Gott jetzt?“ Dann, 
die Aktion leicht abgewandelt, mit zwei Fingern an seiner Schläfe 
eine Pistole andeutend zu ihrer Freundin, die gegenüber sitzt: 
„Höhö, geil, nä? Wie im Film mit einer Knarre: ,Wö ist dein Gott 
jetzt? Hä? Wo isser?'“. 

An sich mag der geneigte Betrachter jetzt denken: „Hier wird 
wenigstens nicht der nächste GASLIGHT-ANTHEM-Sänger großge¬ 
zogen“. Ich hingegen war sprachlos, denn wenn die Mutter schon 
Atheistin war und ihr Kind ebenso erziehen wollte, benötigte sie 
zu Erziehungszwecken doch andere prominente Schützenhilfe, wie 
die darauf folgende Situation, fünf Minuten später, bewies. Als Kim- 
Melvin (der Sohn) nicht ordentlich auf seinem Platz saß, ermahnte 
seine Mutter ihn, mit dem Hinweis, sie hätte schon mit dem Weih¬ 
nachtsmann telefoniert und Kim-Melvin würde nix zu Weihnach¬ 
ten bekommen, wenn er sich nicht bald vernünftig hinsetzt. Merke: 
Ganz ohne Glaube geht es in der Kindeserziehung anscheinend 
doch nicht. 

Mit geballter Faust stellte ich in innerer Emigration (anders erträgt 
man Busfahren nicht) daraufhin folgende Forderungen auf: Version 
A, genannt „die erzkonservative Lösung“: Kinderführerschein für 
alle, damit nicht jeder alles in die Welt setzt. Version B, genannt „die 
neureiche Industriestaaten-Lösung“: Individuelles Taxi für alle für 
lau für immer. Michael Schramm 


LEIPZIGTOUR 2012 
Neulich wieder mal mit der S-Bahn 
zur Lesung. Immer schön, da 
fühle ich mich gleich so erhaben, 
so weltmännisch, wenn ich nach 
sieben Minuten Fahrt über den 
Bahnhofsplatz zur nahegelegenen 
Location schreiten kann. 

Wie weltmännisch fühle ich mich dann wohl nach elf Stunden 
Fahrt? Nach dem Passieren enger ICE-Gänge mit der Gitarre in der 
Hand. Ein Rockstar, denken sich alle, und ich fühle mich gut dabei. 
Vor allem dann beim Ankommen, dort in dieser Hammerstadt. Da 
wo am Bahnhof schon alle mit Transparenten und Megaphonen auf 
mich warten. Auf ein Taxi hingegen muss ich lange warten. Denn 
heute spielt Deutschland gegen Israel und all die Leute sind gar 
nicht wegen mir da. 

Dafür werde ich wenig später im wunderbaren Atari herzlich emp¬ 
fangen. Mit veganem Grillteller und gut gekühltem Sternburger. Von 



VOLLE FAHRT VORAUS UND 
DIE BERGE IM RÜCKSPIEGEL 
Die Karre ist nur zur Hälfte voll 
mit dem üblichen Zeug, mit dem 
man sich die Zeit vertreibt. Kokain 
und Dosenbier waren es auf der 
Hinfahrt, ein paar zerkratzte DVDs, 
ein paar alte Bücher und eine 
Flasche Eierlikör sind es auf der 
Rückfahrt. 

Inzwischen scheint eine solche Ladung den Zoll wohl einen Scheiß 
zu interessieren. Mich kümmert es von nun an genauso wenig, denn 
mein Trip ins Nachbarland Schweiz scheint nun endgültig vorbei 
zu sein. 

Mit einem seltsamen Gefühl lasse ich die Berge trotzdem hinter mir. 
Unter „seltsam“ ist in diesem Fall weniger „ambivalent“, sondern 
mehr „warum geht mir das so am Arsch vorbei?“ zu verstehen. 40 
Monate in Heidiland können doch nicht spurlos an einem vorüber¬ 
gehen. An dem Aufbau von sozialen Beziehungen habe ich herz¬ 
lich wenig gearbeitet. Aber so was wird im fortgeschrittenen Alter 
natürlich irgendwann auch mühsam. Gerade dann, wenn man nicht 
mehr mit jeder Flitzpiepe seine Abende gestalten und auch kein hal¬ 
bes Leben mit der Investition von Vertrauen in einheimische Res¬ 
sourcen verschwenden möchte. 

Seit einer Dreiviertelstunde stehe ich im Stau und vertreibe mir die 
Zeit damit, selten verwendete Nummern aus meinem Handy zu 
löschen. „Alles war schön und nichts tat weh“ ? Vieles war ziemlich 
gut, wenig tat weh. Aber dafür war umso mehr auch ganz schön 
belanglos. Zumindest kommt es mir jetzt gerade so vor. 

Vor lauter Vorfreude auf all das Neue, aber auch gerade auf das Ver¬ 
traute und Geschätzte, vor dem ich bisher wiederkehrend im Rhyth¬ 
mus von zwei bis vier Jahren fliehen wollte, keimt in mir der Enthu¬ 
siasmus auf. Es fühlt sich an, als ob mein Körper aus einem lan¬ 
gen Winterschlaf erwachen würde und vor lauter Vitalität strotzt. 
Woran mag das wohl liegen? Vielleicht ist es die Lust an der Verän¬ 
derung zur rechten Zeit - oder auch nur der Abklatsch zwischen der 
Depression und der Manie. 

Bern ist eine so hübsche Stadt. Und darüber hinaus auch noch so 
manches mehr. Als Bundeshauptstadt wirkt sie mit ihren 124.000 
Einwohnern zwar noch mickriger als Bonn vor 1999. Vergleichs¬ 
weise beeindruckt Bern jedoch mit seinem relativ facettenreichen 
Angebot an Alternativkultur. 

„Bern braucht seine Zeit. Wenn du die Stadt und die Leute gefunden 
hast, lässt sie dich nicht mehr los ...“, schrieb mir Reverend Beat- 
Man im Juni 2009. Ich scheine diesbezüglich wohl vieles falsch 
gemacht zu haben und nun zu Unrecht an dieser Stadt fast kein 
gutes Haar mehr zu lassen. Bern war gut zu mir, aber ob rückbli¬ 
ckend nicht doch alles viel geiler gewesen ist, als ich es in dieser 
Momentaufnahme in Worte fasse, werde ich wohl erst mit etwas 
mehr Abstand erkennen können. 

Vermutlich wird dies spätestens dann erst der Fall sein, wenn ich in 
der nächsten Stadt meine Zelte abbreche und das Schrumpfen deren 
Silhouette im Rückspiegel ein letztes Mal beobachte. Doch nun 
heißt es erst mal: It’s good to be back in Cologne, meine .Freunde! 

Christoph Parkinson 




LSD 

Ich bin 16 Jahre alt, als mein 
jugendlicher Leichtsinn seinen 
Höhepunkt erreicht. 


Herbst 1995. Nachdem ich erste Experimente mit Haschisch und 
Marihuana überstanden habe, ohne mir unmittelbar danach eine 
Drogenpsychose einzufangen, packt mich der Übermut. Obwohl 
ich es bereits als eine Offenbarung empfinde, nach dem Rauchen 


OX-FANZINE 21 

















KOLUMNEN 





einer Wasserpfeife einfach bloß träge herumsitzen und debil grin¬ 
send Glücksgefühle ausschütten zu können, will ich mehr. Ich 
möchte etwas Aufrüttelndes erleben, etwas wirklich Beeindrucken¬ 
des. Ich verspüre das Verlangen nach einer tief gehenden, spirituel¬ 
len Erfahrung. Etwas, wovor mich meine Mutter immer gewarnt hat. 
Als erster Schritt in diese Richtung gilt die Liebesbeziehung zu 
einem Mädchen, das ich Laura nennen möchte. Laura ist es, die 
mich dazu verführt, vom Baum der Erkenntnis naschen zu wollen. 
Ich erhalte von ihr die Einladung zu einer Verköstigung der beson¬ 
deren Art. Den Gutschein für einen Bungee-Sprung hinunter in die 
Schluchten unserer Seelen. Die Fahrkarte zu einer psychedelischen 
Achterbahnfahrt ohne Sicherheitsgurt und ohne vorherige War¬ 
tung. Das Angebot einer bewusstseinserweiternden Expedition mit 
Absturz- und Entgleisungsgefahr. Oder um es einfach ganz platt zu 
formulieren: Laura hat Bock drauf, gemeinsam mit mir „eine Pappe 
zu fressen“. 

Als „Pappe“ bezeichnet Laura ein bunt bedrucktes Stück Lösch¬ 
papier - beträufelt mit keiner geringeren Substanz als Lysergsäu- 
rediethylamid, besser bekannt unter der Abkürzung LSD. Konfetti, 
welches man sich buchstäblich auf der Zunge zergehen lässt. Da 
ich Laura hoffnungslos verfallen bin, könnte sie stattdessen auch 
vorschlagen, dass wir uns morgen mit einem Hammer gegenseitig 
den Schädel Anschlägen. Ich würde kein Veto einlegen. Ihr Wunsch 
ist mir Befehl. Ich habe sowieso nicht vor, älter als 21 zu werden. 
Unsere Vorbilder heißen Sid Vicious und Nancy Spungen. Ich fühle 
mich bereit für die Liebe. Ich fühle mich bereit für den Untergang. 
Frisch verknallt und drogengeil stimme ich mich auf meinen ers¬ 
ten LSD-Trip ein. 

Vom Anblick her habe ich es mit einer völlig harmlosen, geradezu 
kindgerecht erscheinenden Papiermarke mit Bart-Simpson-Motiv zu 
tun. Trotzdem wird mir mulmig bei dem Gedanken an die Wirkung 
einer Droge, die nicht grundlos zu den stärksten Halluzinogenen 
überhaupt zählt. Meine Mutter berichtete mir von Menschen, die 
unter Einfluss von LSD aus dem Fenster sprangen, weil sie glaubten, 
fliegen zu können. Ebenso von Ehemännern, die ihre Frau mit einer 
Axt zerstückelten, nachdem sich diese in eine Schlange verwandelt 
hatte. Bruchlandungen und Horrortrips. Suizid und Totschlag. Deut¬ 
liche Warnhinweise, die den Verdacht aufkommen lassen könnten, 
dass es angebracht sei, die gesamte Angelegenheit mit Vorsicht zu 
genießen. Doch wer hört schon auf das, was einem die Eltern erzäh¬ 
len? Schließlich gibt es Fachliteratur. Beispielsweise das Buch „LSD - 
mein Sorgenkind. Die Entdeckung einer ,Wunderdroge“‘ von Albert 
Hofmann. Und obwohl ich aufgrund von Lesefaulheit nur flüchtig 
darin blättere, macht mich die Lektüre umso neugieriger auf das, 
was mir bevorstand. 

Als der große Moment dann gekommen ist, sitze ich zusammen mit 
Laura in einem Park. Es ist ein sonniger Tag im Herbst. Der Rasen 
leuchtet grün und das darüber verteilte Laub schimmert in seinen 
unterschiedlichsten Farben. Im Hintergrund dudeln Jim Morrison 
und THE DOORS aus einem tragbaren Kassettenrekorder, den Laura 
mitgebracht hat. Zwar empfinde ich die Atmosphäre als heranwach- 
sender, engstirniger Punk insgesamt als ein kleines bisschen zu hip¬ 
piemäßig, dennoch überzeugt mich Lauras Aussage, dass man einen 
solchen Anlass mit all seinen Klischees zelebrieren müsse. Mehr als 
20 Stunden verbringen wir schlaflos in diesem Park. Mit Pupillen, 
die so riesig sind, dass man unsere Augenfarben kaum noch erken¬ 
nen kann. 

Als die Droge zu wirken beginnt, bemerke ich einen leichten Knick 
in der Optik. Begleitet von einem sanften Kribbeln im Gesicht. Alles 
um mich herum gewinnt an Faszination. Lauras Augen, der Rasen, 
das Laub, sogar Hundescheiße. Ich befinde mich im Einklang mit 
dem Universum und selbst Jim Morrison gelingt es, mich in seinen 
Bann zu ziehen. Danach überkommt mich ein Gefühl von Überheb¬ 
lichkeit. Ich fühle mich wie ein Auserwählter, der dazu bestimmt ist, 
die gesamte Welt zu erklären. So als bräuchte ich einen Computer, 
der mit meinem Gehirn verbunden ist, tun all die kostbaren Gedan¬ 
ken erfassen, auswerten und für die Außenwelt sichern zu können. 
Ich fühle mich erleuchtet. Ich fühle mich stimuliert. Es überkommt 
mich eine geradezu aufdringliche, neunmalkluge Geschwätzigkeit 
und ich stehe kurz davor zu behaupten, dass ich Jesus bin. 
Halluzinationen bemerke ich übrigens keine, außer dass ich durch 
das Ziehen an einer Zigarette die Leuchtkraft der Laternen im Park 
beeinflussen kann. Ein Phänomen, das ich als spaßig empfinde, 
mich aber nicht weiter verunsichert. Pünktlich zum Sonnenunter¬ 
gang bekomme ich dann jedoch meinen ersten Heulkrampf. Es fühlt 
sich mitderweile alles zu intensiv an. So als würde mich Gott in 
den Arm heben und mit mir schmusen wollen. Etwas zu aufdring¬ 
lich für meinen Geschmack, mit der Folge, dass ich meine Gefühle 
nicht mehr sortiert bekomme. Bald darauf rückt dann ein unmiss¬ 
verständliches Gefühl von Angst in den Mittelpunkt. Eine Höllen¬ 
angst. Auch wenn sich bisher niemand in eine Schlange verwan¬ 
delt hat oder in Stücke gehackt wurde. Es quält mich die Sorge, dass 
ich auf diesem Trip für immer hängen bleiben könnte. Die Befürch¬ 
tung, dass ich von nun an in einer Parallelwelt gefangen bin und 
nie mehr zurück in die stumpfe Realität finden werde. Die stumpfe 
Realität der Unerleuchteten, die ich soeben vermisse, wie noch nie¬ 
mals zuvor. Kurz gesagt: Ich habe Angst davor, verrückt zu werden. 
Doch als die Sonne eine Weile später wieder aufgeht, scheine ich 
das Schlimmste überstanden zu haben - und bescheuert wie ich 
leider bin, beschließe ich das LSD-Experiment im Verlauf der kom¬ 
menden Wochen noch zwei Mal zu wiederholen. Als Nächstes mit 
dem Resultat, dass ich kurz vor einem epileptischen Anfall stehe, als 
mein gesamtes Sichtfeld zu flackern beginnt, ähnlich dem Strobos¬ 
koplicht in einer Diskothek. Ihren spirituellen Höhepunkt erreicht 
meine LSD-Karriere dann allerdings mit der dritten und letzten Ein¬ 
nahme, welche dazu führt, dass ich mich mit meinem Moped stun¬ 
denlang im Kreis bewege. Währenddessen bilde ich mir ein, ich 
würde die Wüste Gobi durchqueren, obwohl ich mich nur auf dem 
Bolzplatz im Nachbardorf befinde. 

Frühling 2001. Ich bin 21 und lebe noch immer. Mir wurde weder 
der Schädel mit einem Hammer eingeschlagen noch bin ich bis¬ 
her aus einem Fenster gesprungen. Stattdessen habe ich mir meine 
erste Psychose eingefangen. Und das, ohne zuvor LSD konsumiert 
zu haben, sondern lediglich Haschisch und Marihuana. Dafür fühlt 
sich die Psychose aber fast genauso wie ein LSD-Trip an. Bloß mit 
dem Unterschied, dass der Trip nicht nur ein paar Stunden anhält, 
sondern gleich mehrere Wochen. 

Sommer 2012. Den Knick in der Optik bin ich bis heute nicht losge¬ 
worden. Ganz im Gegensatz zu all den wertvollen Erkenntnissen, die 
ich damals unter Einfluss von LSD erlangte. Diese habe ich mir im 


Verlauf der vergangenen Jahre allesamt weggesoffen. Schade drum. 
Doch immerhin erinnere ich mich an die Worte meiner Mutter, die 
einmal sagte: „Man muss im Leben nicht alles ausprobieren, um 
herauszufinden, dass es scheiße ist.“ Eine weise Frau. 

Alex Gräbeldinger 


Alex Gräbeldinger 

Bald ist Weltuntergang, bitte weitersagen! 

Das neue Buch mit 20 Kolumnen von Alex 
Gräbeldinger. Überall im Buchhandel und 
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WOCHEN WIE DIESE 
Deutschland im Juni 2012: Egal, 
zu welcher Tages- oder Nachtzeit 
Fernsehen und Radio eingeschaltet 
werden, ständig begegnet einem 
scheinbar nur ein Song: Campino 
wird nicht müde, immer wieder 
und wieder die Unendlichkeit des 
Moments einzuklagen. 

Im Grunde genommen kein schlechter Song, einer mit hohem Hit¬ 
potenzial und veritablem Mitgrölfaktor. Eigentlich deutlich besser 
als alles, was einem in den letzten Jahren zu den Fußball-Großereig¬ 
nissen musikalisch sonst so zugemutet wurde. Keine abgehalfterten 
Schlagerbarden, die es noch einmal wissen wollen. Kein Mannhei¬ 
mer Schmier lappen, der uns mit seinem Gewinsel quält. Und trotz¬ 
dem mag bei mir keine Begeisterung aufkommen. Dies liegt wohl 
vor allem an dem bitteren Beigeschmack, einfach das Gefühl nicht 
loszuwerden, dass mit diesem Song ganz bewusst und zielgerichtet 
der Erfolg über das Stadion gesucht und gefunden wurde. 

Ein Song, der einem jetzt in hoher Lautstärke aus Autos entgegen 
strömt, die bis zur Unkenntlichkeit in diversen schwarz-rot-gülde- 
nen Accessoires versteckt werden. Wo ist eigentlich das Vermum¬ 
mungsverbot, wenn man es mal braucht? Ein Song, der einem im 
Stadion aus den Kehlen tausender hässlicher Deutscher mit dicken 
Plauzen, ekligen Oberlippenbärten und stark limitierten Sanges¬ 
künsten zwischen widerwärtigen „Sieg! Sieg!“-Rufen entgegen 
geschmettert wird. Von sogenannten Fans, die vermutlich jede 
gelungene Aktion von Mesut Özil bejubeln, es aber eigentlich lieber 
hätten, wenn ihr Idol als traditioneller deutscher Recke auf den Vor¬ 
namen Wölfgang oder Karl-Heinz hören würde. 

Ein Song als perfekte Untermalung für den gelebten kollektiven 
nationalen Größenwahn. Und damit auch ja alles klappt, geht Cam¬ 
pino noch auf Nummer sicher und reist von Talkshow zu Talkshow 
und präsentiert als Sahnehäubchen auch noch eine Spezialversion 
von „Tage wie diese“, in der er mit einem zusätzlichen Sprechpart 
der deutschen Nationalmannschaft alles Gute für die EM wünscht. 
Auf dass der Song noch möglichst lange gespielt wird. Und auf dass 
die GEMA-Tantiemen auch weiterhin in großen Mengen sprudeln 
mögen! Anbiedern und Ankumpeln auf technisch hohem Niveau. 
Und das Schlimmste: die Marketingmaschinerie läuft auf Hochtou¬ 
ren und verfehlt ihre Wirkung nicht. Das Vermarktungskalkül geht 
voll auf. Und da sage noch einer, dass sich Erfolg in der Musikbran¬ 
che nicht planen lässt. 

Deutschland im Juni 2012: Nur gut, dass dieser Monat jetzt end¬ 
lich vorbei ist. Ganz ausgestanden ist das Ganze jedoch leider 
noch nicht: Schon jetzt kann man sich vor dem Jahresende gru¬ 
seln, wenn in diversen Jahresrückblicken an den Juni 2012 erinnert 
werden wird und substanzfreie Windmacher wie Claudia Roth im 
O-Ton „diesen geilen Soundtrack“ wieder hochleben lassen wer¬ 
den. Nichts für schwache Nerven und empfindliche Mägen! 

Axel M. Gundlach 


TO HELL WITH TYRANNY 
Folge 3: Left Behind 
Wir erinnern uns: Der schüchterne 
Hobbymusiker Ryan entdeckt eine 
Leiche und flüchtet kopflos vor 
der Polizei. Dann versteckt er sich 
nebenan im Schlafzimmerschrank 
eines Asi-Pärchens, das ihn nicht 
bemerkt. 

„Lass klatschen!“, brüllte die Alte, und der Kerl gab ihr ein paar hef¬ 
tige .Stöße. Er nahm sie a tergo, seine Hand griff in ihr fettiges Haar 
und bildete damit eine sogenannte Fickpalme. Unterdessen döste 
Ryan ein, und seine Gedanken flohen in die Vergangenheit. 

Der Applaus donnerte noch, als Ryan in die Saiten griff und die ers¬ 
ten Töne des nächsten Songs anspielte. Das ganze Jugendzentrum 
johlte, denn alle kannten den Hit. Der Sänger Eddy brüllte los und 
die Kids sprangen wie bekloppt auf und ab. Es war der letzte Auf¬ 
tritt seiner alten Band ROCK’N’ROLL REVOLUTION in einem klei¬ 
nen sachsen-anhaltinischen Städtchen. 

Nach dem Gig lief er ziemlich verschwitzt und verwirrt über den 
Hof. Einige Dutzend Punks und ein paar Langhaarige saßen herum 
und tranken. Er schleppte die schwere Monitorbox allein, denn er 
hatte die anderen Bandmitglieder nicht finden können. Wahrschein¬ 
lich zogen sie wieder irgendwo Speed und vertrauten drauf, dass er 
sich drum kümmern würde. Da trat ein blondes Mädchen auf ihn 
zu. „Soll ich dir helfen?“, fragte sie freundlich. Ryan glotzte nur 
dümmlich auf die steifen Nippel ihrer kleinen aber straffen Brüste 
unter dem CRASS-Shirt. 

„Äh, ja. Vielleicht“, brachte er hervor und lief rot an, als ihm klar 
wurde, dass sie seinen Blick bemerkt hatte. Sie lächelte und nahm 
die Box an einer Seite. Gemeinsam schleppten sie das Teil zum Van. 
Er öffnete die Seitentür und sie schoben sie hinein. Da fiel ihm der 
neckische Blick des Mädchens auf. Ehe er sich’s versah, sprang sie 
auf ihn zu und drückte ihre Lippen auf seine. Ryan war schockiert. 
Er taumelte, schlug mit dem Hinterkopf gegen die Wagentür und 
fiel um. Schon lag sie auf ihm und ihre Hand griff in seinen Schritt. 
„Nein!“, jammerte er. „Ich habe doch eine Freundin.“ 

„Na und?“ Sie knabberte an seinem Ohr. „Die ist doch nicht hier.“ 
„Das geht nicht. Ich ... ich bin nicht so einer.“ 

„Nun hab dich nicht so“. 

Er rang mit ihr, musste ihren knackigen Körper von dem seinen her- 




OX-FANZINE 22 












KOLUMNEN 


unter bekommen. Auf keinen Fall dürfte er Corinna untreu werden. 
„Au!“, schrie sie auf. Er hatte wohl ihr Bein eingeklemmt. „Idiot!“ 
Fluchend machte sie sich vom Acker. Ryan verschloss den Wagen 
und wollte gerade das restliche.Equipment holen, als ihn ein dump¬ 
fer Gegenstand am Kopf traf. Ohnmächtig sackte er zusammen. 
Schrille Schreie drangen von weit her an sein Ohr, und kamen 
immer näher. Die dunklen Nebel lichteten sich und er erkannte 
Feuer. Glas klirrte. „Scheiß Faschos!“, brüllte eine Stimme. 

Jetzt erkannte er eine Traube vermummter Gestalten, die auf die 
Punks einschlugen. Das Feuer kam aus einem Fenster des Jugend¬ 
zentrums. Offenbar war es von einem Molotowcocktail getroffen 
worden. 

Da hörte Ryan Schritte neben sich. Er wandte seinen schmerzenden 
Kopf und erkannte Eddy und die anderen Bandkollegen am Van, der 
einige Meter entfernt geparkt war. 

„Los, schnell. Wir müssen hier weg!“, brüllte Eddy. 

„Wo ist eigentlich Ryan?“, fragte der Drummer. 

„Scheißegal, wo der Trottel ist. Los, gib Gummi.“ 

Ryan traute seinen Augen nicht, aber sie warfen die Türen zu und 
fuhren einfach davon. 

„Wir haben die Blutspuren analysieren können, Sir“, sagte Doktor 
Martens. 

„Wieso nennen Sie mich ,Sir‘, das ist doch vollkommen bescheu¬ 
ert“, gab Kommissar Desens barsch zurück. 

„Ich dachte, das wäre cool.“ 

„Ist es nicht.“ 

„Okay.“ Der Gerichtsmediziner schaute bekümmert zu Boden. 

„Was ist jetzt mit den Spuren, Sie Rohrkrepierer?“ 

„Bitte?“ Für einen Moment schien sich Protest in den Augen des 
Forensikers zu formen, aber er verschwand so schnell wie er 
gekommen war. „Na ja, jedenfalls stand da ,Ryan‘.“ 

„Rein? Wie sauber?“ 

„Nein. Rei-en. Der englische Name. Sicher ein Hinweis auf den 
Mörder.“ 

„Überlassen Sie die Auswertung gefälligst mir!“ 

Der Doktor seufzte. KrzysztofWrath 


EUROPEANS LACK 
IN DEDICATION 

This month I want to talk about 
something l’ve noticed over the 
last few years living in Europe. 
Something that I think is missing 
from the scene here these days 
concerning bands. That something 
is dedication. 

I first noticed it when I tried to Start a band in Hamburg. I could 
go down other avenues dealing with this subject, but for the sake 
of continuity I’m gonna keep it limited to bands. Obviously, that 


sounds like a blanket Statement and I don’t mean every band or 
every person is lacking dedication. There are still plenty of hard 
working, dedicated punk rockers out there and this magazine is 
a testament to that. I will try to explain what I mean: Dedication 
means treating things which you do with passion and the energy 
that would normally be reserved for a career or family. It’s about 
being 100% fully committed to what you are doing as an ideal. 
It’s about sacrificing things which make life more comfortable. It’s 
about going above and beyond to accomplish whatever your goal is. 
I guess the feeling that people aren’t dedicated here comes from the 
fact that most people I know who are doing bands here are doing 
them as a hobby.They’re not trying to do anything original or to ins- 
pire people. They’re not trying to visit other countries and express 
their angst and rage to others. Or maybe they are trying? Still, they 
are just failing. It is extremely hard to find people who want to dedi- 
cate a few short hours a week to practice with here, let alone do a 
productive and meaningful band. Certainly a lot of Danish and Swe- 
dish bands make it overseas and tour as well as release records in SE 
Asia or North/South America. Recently, some Italian and Spanish 
bands have been doing a lot of international touring as well. 

I ask myself: why have so few bands from Germany/Austria/Swit- 
zerland not done the same? It’s not the musicianship, it’s something 
eise - a lack of motivation and drive to go beyond borders, to live 
on the edge, or live hand to mouth. I try to ask myself what are the 
factors that make people think and behave this way? There are seve- 
ral factors, I believe, but it always comes back to the rapidly decay- 
ing comfort of the first-world, socialized countries. Here, people are 
trained from birth to think that if they don’t get a profession right 
out of College they somehow won’t make a living. They go to school, 
endlessly getting training for jobs they don’t even want to do, or 
perhaps waste another two to four years studying skills they will 
never use after College. Even when they achieve their so-called „suc- 
cess“, they never have time to do anything but work. Pragmatism has 
its place but, I would contend, not in the realm of punk ideology. 
To be a punk, to me, means living outside of society, not within it. It 
means scraping by because you would rather do anything with your 
time other than make money at a boring job. If you are ultra lucky, 
maybe you can make money with something you are interested in 
but, let’s be honest: that doesn’t happen too often. I want to live my 
life, not support the System by having a „good“ job, a wife and two 
kids, a nice house and fancy car. Punk can mean a lot of things to a 
lot of people but I can’t say I’ve ever heard someone make a compel- 
ling argument why living like their parents, consuming everything 
around them is ultra punk rock. 

On touring and traveling: When I speak with my friends about tra- 
veling here, most will eite the time they went to Mallorca, SE Asia, 
or Mexico. They went as tourists, some stayed with local punks, but 
many seem rather content to rent a dirt cheap hut on the beach, sit- 
ting around all day with the other tourist sipping Daiquiris. That’s 
not punk! You may as well sit at the fucking Wal-Mart all day, buy 
Cheeseburgers at McDonald’s for every meal, and drive a SUV I hate 



/THE NEXT BIG THING 


MBX 

THE NEXT BIG THING 

TEENAGE EXCITEMENT, ROMANCE 


Does the weather suck 
there as bad as it does 
here? Even by Scottish 
Standards, the rain has 
been pretty relentless. 
Up and down the whole 
sceptic isle, people 
are having their homes 
flooded and their lives generally disrupted. Global 
warming? Nah - I blame the Olympics and all the 
codswallop that comes along with that. 


AMD MY5TfRy/ 


London is about to be locked-down while they host an even that no- 
one in their right mind could give a hoot about. This isn’t a Scot¬ 
land vs. England thing, don’t think that for a second. I’m no nationa¬ 
lst, quite the reverse but we Brits are living in a giant spoof. Maybe 
it’s playing out like The Truman Show in some far-flung universe 
where the viewers are calling the activity into question because it’s 
all getting just a tad far-fetched. John Lydon appearing on the BBC’s 
flagship political debate show „Question Time“ could never hap¬ 
pen, could it? Right smack bang in the middle of the Queen’s Jubi- 
lee? Nahh ... 

Well kids, it did. Not very „punk rock“ I know but such is life. 36 
years later ol’ John is just as much of a British Institution as the 
bloody Queen is. How’d that happen? To be honest, it doesn’t mat¬ 
ter because everything is so fucked. Real life is always more pecu- 
liar than art. It’s all really quite quaint but under no circumstances 
will I be partaking of the caterwauling strains of the new PiL release. 
So let’s see, what eise has been going on since my last epistle ... ? In 
between the continuing decline of my mother’s health I’ve been gal- 
livanting a bit here and there. I made a pilgrimage to Hüll - often 
mistaken for Hell but I quite liked it - to catch Wreckless Eric and 
Amy Rigby play the Adelphi. It’s the furthest North I could catch 
them on a weekend plus it’s the town (city?) where „Whole wide 
world“ was written. It’s also the place that the two met and subse- 
quently performed said Standard. The way the story goes, on that 
fateful night, he told her she was playing it wrong. 

So fast forward to now and the song „Do you remember that?” that 
goes: „The way it all began in Hüll, you wrote a song so magical, I 
heard it halfway ’round the world and wished that I could be your 
girl“. I honestly believe that „Do you ...” is one of the greatest love 
songs I ever heard and you’ll be able to hear it on their new album 
„A Working Museum“ that should be out by the time this mag hits 
the streets. Or around that time. Anyway, to conclude all this: I want 
to see Eric on „QuestionTime“. His full cultural icon Status came 
through when Peter Blake immortalized him lately and his friend 
and tutor in Hüll made badges to prove it. I’m the proud owner of 
one, thanks Kathy. 

And also, one year to the exact weekend that the inaugural House 
Of Rock festival saved my life, I returned to Moss Rock City for 
a seil out local show by the force of nature they call THE DAHL¬ 
MANNS. Originally the intention was to just turn up at the Oslo 


show but for some reason that didn’t happen. It was just the second 
show with the new line up but it sure was great. And I got to hang 
with most of the friends I made that first time out. A few were MIA 
but there in spirit. 

And strangely, this talk of Norway leads me to news that has quite 
literally come in now as I’m hurriedly trying to do this. BB Quattro 
has just imparted that Tim Cross has passed away today (10/07). 
Tim was a seasoned musician that played on the SUZYY LOS QUAT¬ 
TRO records as well as with TV Smith and Mike Oldfield amongst 
hundreds more. Anyway, long story short: we were driving from 
Barcelona to Madrid for a show and it was a hoot of a journey. 
Somehow the energy level hit tilt somewhere between THE YUM 
YUMS „Whatever rhymes with baby“ and some crazy TootiFrutti 
poem on some religious Station. There wasn’t a dry seat left in the 
van as we all hooted with laughter. He was a cool guy with a ton of 
stories and I’ll never forget those few days. 

That whole thing really kick started my association with Moss and 
its inhabitants. I recall BB wishing Tim could have been at HÖR to 
experience another hoot and a half but it was not to be. We’ll celeb- 
rate his memory in Madrid on August 9th. 

Let’s not go out on a downer ... something for your ears. Ostensi- 
bly a kid’s record, there’s more punk spirit swilling about the KIN¬ 
DERANGST rumpus room than you’ll find on most albums of that 
actual persuasion right now. Or perhaps pigeonhole would be more 
apt.The idea is that this will provide some top beat for your brat(s). 
Something that will ideally extricate young minds from the cesspit 
of talent(less) shows and the general malaise that haunts the main- 
stream. There could be no better role models for a mutiny agin the 
mundane than Ms Palmyra Delran and her compadre Rachelle Gar- 
niez. Kicking off with „Alphabet City“, this is old school NY punk 
pop action the way it was before the lower east side got all Disney- 
fied. The absolute highpoint is „Rat“ with Palmyra’s enunciation of 
„huh?“ during „Let’s play“ running that a close second. It’s so her I 
can’t even begin to explain. 

Debbie Harry guests on one song („Do it yourself’) so that should 
help the profile but someone should be working this up into a 
series. This is a sawy set of songs for children of all ages and a fran- 
chise begging to happen. This market is very sophisticated these 
days and there’s actually hope that in a couple of generations time, 
0*E DIRE*TION will end up in a war crimes court for their fil- 
ching of the RAMONES T-shirt design. As sacrilege goes - I applaud 
the idea but never has an institution been so badly misrepresented. 
But these gals - their altogether fizzier brew might just jump Start 
future generations to embrace populär music as true art and not 
another spreadsheet exercise. 

In among everything eise recently, I had to do a Mr Magoo imper- 
sonation for three weeks, waiting for replacement glasses. Many 
comedy moments ensued as I bumbled about wearing a pair that 
was two prescriptions old. I really couldn’t read anything. Hopeless. 
But things are OK now, there are none so blind as those that have to 
wear old gregorys. That’s Gregory Peck’s - specs in rhyming slang 
parlance. Lindsay Hutton (tnbt.co.uk) 



OX-FANZINE 23 













KOLUMNEN 


third world tourism almost as much as I hate yuppies. It’s like you 
spew all this diarrhea out of your mouth about how we are raping 
the planet, how corporations suck, and then you get on a jetliner in 
Order to fly to somewhere where the people are paid five cents a day 
to serve your lazy ass. Fuck that! Not Punk! 

The other factor making it tough to find bands here in the DIY 
scene, which show tons of dedication, and this is a big one, is the 
touring Circuit here is made to service American bands not Euro¬ 
pean bands. It is always easier somehow to tour here if you are from 
North America. Some will say that is because the bands from there 
are better, but I think that the history of European punk has proven 
that Statement invalid. I rarely see new bands on shows here play- 
ing with well known bands. No more than a few times have I seen 
any shows with more than two bands period — unless of course it is 
at a festival. A show should have at least three and up to four bands 
for your information. It helps develop the local scene when at every 
show you have a new band playing and honing their skills in front 
of an audience. Who cares if they suck? They came from five minu- 
tes away, they don’t need money, they will bring their friends, they 
will see bands do play well, and learn to do the same. 

Just a small Suggestion: limit all bands without a vinyl LP to a 20 
minute set. I just get so bored watching a band I have never even 
heard, that isn’t proficient at playing, beit out 50 minutes plus set of 
gross negligence as a band. Another Suggestion: If you are attending 
a punk show: get out of yourself and party, have some fun, dance. 
This isn’t Mozart that we are listening to here - it is raw aggressive 
noise to free you from all the bullshit you deal with everyday. Stop 
going to shows altogether if you feel otherwise! People always seem 
to be.stressed and worried about work or school here. Let me teil 
you this, I never had an iota of the time people here have and I had 
four bands, a record label and toured regularly. It is possible to make 
it work and still have a life. Did I mention I also worked 35 hours 
a week? If your idea of busy is sitting at a coffee shop, two hours 
a day, working, going to a bar for five hours and then doing it all 
over again, get a life. 

This goes out to all the musicians out there: don’t be satisfied with 
one band! Get out and play, tour, and for fuck’s sake have fun when 
you do it. Move around! The best times I ever had on tour were mee- 
ting people who lived in the towns/cities we played, who could 
share something about their lives or their culture and hopefully give 
me some insight into what it is like in their part of the world. I’m 
not saying „go out and be a rock-star“. I’m saying: go out and live 
without possessions and comfort; sleep on benches, at camp sites, 
at someone’s place whom you don’t know. Go to crazy parties with 
people you would probably never hang out with. Live without extra 
money, insurance or a backup plan — it gives you some world per¬ 
spective. That is dedication to the punk rock lifestyle that so many 
have forsaken for comfort and dull absence. Will Kinser 


THE DEATH OF WHITNEY 
HOUSTON AND ITS IMPACT ON 
HARDCORE 

Yes indeed an eye-catching by- 
line and people will read anything, 
even if now you’re not really reading 
but scanning, you’re scanning for 
words that will teil you it’s worth 
reading on and you skip and you 
skip. 

Hardcore? I thought the whole thing was about Whitney Houston. 
Sure, they don’t mention her often in all those nifty hardcore docu¬ 


mentaries, but if ever there was a sound that sent young suburban 
kids running into their garages to make their own screech, it was 
Whitney Houston belting out „I will always love you“ from every 
radio and TV. I mean that you had to be there to get a sense of how 
overwhelming it was, this massive voice, this commercial overkill 
as the media learned how to make everyone fall in love with the 
same thing. Whitney sure didn’t cause hardcore to happen; a peek 
at a simple timeline will teil you that. No, she didn’t Start it. She 
kept it going. 

Hers is another tall story of the perilous climb up the rocky slope 
of fame and all that misery as dozens of gifted ones claw for the top 
spot. Empires built on the screams of millions. The millions who 
rush out and buy the product that these stars seil, the millions that 
devour and humiliate and plainly eat their loved ones until maybe 
only the music remains, that is, if the millions haven’t already for- 
gotten or it hasn’t been rehashed in the latest dance hit. Laugh now, 
you screwers and brewers who still dream of 1983.You know how 
it was then. There was Whitney Houston everywhere. And hardcore 
was a way for a lot of people to say they demanded the freedom to 
not listen to it. It was an audio rebellion. While Whitney’s life and 
death sound pretty tragic, we must remember certain facts that make 
her lack of impact on hardcore forgivable and something of a relief 
(and mind you, these are facts, not „facts“ or facts, which, when ita- 
licized, carry a whole different level of seriousness). 

The first fact is that Whitney Houston never heard AGNOSTIC 
FRONT’s „Feel The Pain“. If she had she would have run screaming 
from the room. This almost proves her importance to hardcore as 
„the thing to be against“. Whitney Houston, being from New Jersey, 
never appeared in any of the excellent New Jersey hardcore compi- 
lations (like for example, uhhh ... there’s the one with the ... um ... 
). She never played with JERRY’S KIDS. Ok, they’re from Boston, but 
you get my drift. Misinformation is a tricky web to weave. But one 
thing is definitely true about Whitney, to hell with rumors to the 
contrary: Whitney Houston did not kill herseif after hearing LA DIS¬ 
PUTE (breathe deep).There is no way that happened. People have to 
stop talking shit is all. 

The problem with this hardcore thing is this constant definition 
bit. Hardcore is a tree with many branches.You got your old school 
sound, you got your metal variants, speed core and thrash and all 
that other metal stuff, crust core and this and that - why even use 
the term anymore? I had enough problems with it to begin with. 
You have a band and you have to find the place where it belongs. 
Or you feel you have to. But a band should be able to establish its 
own place. There should be room enough for that. I’d rather stick to 
the punk label. Punk is old enough and diverse enough to represent 
any series of musical excesses. Better than being alternative which, 
by god, means almost everything you hear nowadays. My constant 
defining line is: is the music good enough? Do you feel something 
when you hear it? Is it passionate or just paint by numbers? 

What bothers me about a lot of hardcore is its reliance on metal. 
Metal is all precision and technique. You play a certain way to get a 
certain sound. It’s almost programmable. It doesn’t sound passionate 
and spontaneous to me. It’s a constant repetition of the same ele- 
ments. Some bands handle those elements better than others. Some 
bands do more with it. But like with emo bands and the screaming, 
you can almost program the tantrum, predict it. It’s üke listening to 
fucking Wagner. You just know when the fat lady’s gonna sing. A cer¬ 
tain predictability is Teassuring, but repetition is just boring. Three 
chords can do wonders in a pop song; in hardcore three chords fast 
<-r ank up the passion and should go even farther to create a reaction. 
Most times you’ll know it the minute you hear it. 


The point is that hardcore has virtually nothing to do with Whitney 
Houston. Those two world views are diametrically opposed. Clive 
Davis will not latch onto a young hardcore band and make them big 
mainstream stars. Being out of the mainstream seems to be the dri- 
ving force behind hardcore. It will remain virtually unpalatable to 
möst, and if it’s acceptable, it’s probably not hardcore anymore. Just 
rhink about it. The legendary Status of many hardcore bands is not 
built on record sales, but on the legendary Status these bands have 
achieved solely by knocking out killer performances and making a 
deep impression on those listless punk crowds. Bands like East Los 
Angeles’ THE STAINS are a good example of a band that started out 
alongside BLACK FLAG and managed to build a legendary Status wit¬ 
hout a record - their 1983 album is yet to be re-issued by SST - 
and there are dozens of these bands, bands we know and love even 
though they maybe managed only an EP or obscure release some¬ 
where. The hardcore mindset is a totally different one. In many ways 
it’s not even about buying records. Whitney and that mentality is so 
far off the spectrum, it’s hardly worth a whole column. 

And hardcore was what you called the alternative! There was 
nowhere eise to go. THE BAD BRAINS, BLACK FLAG and MINOR 
THREAT are all as different from each other as can be. D.O.A. and 
SOCIAL DISTORTION were considered hardcore - so was HÜSKER 
DÜ before they went „College radio“ - and where do you place a 
band like THE MINUTEMEN? How about THE CIRCLE JERKS? Maybe 
it was just another word for punk until that second generation of 
bands came along to seriously dehne it like AGNOSTIC FRONT and 
THE MOB ... and then comes thrash ... metal... more elements. And 
then it becomes about what hardcore isn’t. 

I’ve never considered THE DEAD KENNEDYS hardcore. To me 
they were always punk in a way BAD BRAINS weren’t. There was 
something eise to the BAD BRAINS, an intensity that went bey- 
ond „just punk“. New York bands like VIRUS, REAGAN YOUTH 
and HEART ATTACK had that intensity, especially when you saw 
them live. It gave you the sense at times that this punk music was 
going one level higher, and it wasn’t just because all the amps were 
cranked up to „eleven“. Something happened. It was as if there was 
some kind of new experiment going on, it was all undiscovered 
turf.This is not a feeling I get often these days. I should go out more. 
Thinking too much about it is sometimes the problem, so it’s bet¬ 
ter to shut the brain down, dick onto my favorite hardcore podcast 
and just hsten and listen, may not even know a lot of the bands but 
it won’t matter, won’t even matter if they’re singing Spanish or Por- 
tuguese or Indonesian - I know that sound, that rough sweet sound 
of mangle and chaos and somehow music churning through sheer 
passion - the true guts of people who have no time to waste trying 
to be stars. Hardcore is simply it’s own world, peopled with its own 
heroes and legendary moments. It is a special language, and not eve- 
rybody speaks it. Which should make us all feel very lucky. 

TU write you something more personal next time. Something about 
New York? The URGENT FURY tracks are mixed for the album. Now 
getting mastered for vinyl. Next comes the big trip: putting out the 
record ... Peetz! Abraham Rodriguez (abrahamrodriguez.net) 


£ NOTIZ FÜR „INGO TALER“ & CO 

Der Ox-Layouter ist Grauzone und 
jsssat Üi hörte zur Gestaltung dieses Heftes: 

NACHTMYSTIUM, CARNIVORE, DARKTHRONE, MARDUK, TAAKE, 
S.O.D., NEUROSIS, GUNS N’ ROSES, SUNN O))), Neil Young, 
MANOWAR, SUTCLIFFE JÜGEND und zu aUem Überfluss auch 
noch das Frühwerk dieses irren Norwegers. Andre Bohnensack 



/RAKETEN IN ROCK 



V.A. EASY RIDER 
(USA 1969) 


Wenn Ihnen in 
einem abgelegenen 

Industriegebiet ein 

quietschender Drahtesel 
entgegenjuckelt, auf 
dem sich ein älterer 
Herr in schmucklosen 
Straßenklamotten eine 
angebissene türkische 
Pizza in die linke Achselhöhle geklemmt hat, während 
er sich mit den Händen voller Mückenscheiße eine 
Zigarette dreht, dann bin ich das. 


Und wenn Ihnen am Ufer des idyllischen Baldeneysees sündhaft 
teure Hightechfahrräder entgegenbrettern, auf denen schwitzende 
Sportskanonen in bunten Polyestertrikots bruchsichere Plastikfla¬ 
schen aus ihren eigens mit Security-Lock versehenen Halterungen 
zerren und sich pisswarme isotonische Getränke einverleiben, wäh¬ 
rend der integrierte Bordcomputer die gefahrenen Tageskilometer 
mit der Größe des hinteren Kranzgewindes multipliziert, dann sind 
das irgendwelche Gestörten. Mit ihrer rasanten Fahrweise gefährden 
sie nicht nur Enten und Wildgänse, sondern vor allem meine gute 
Laune. Ich komme vom Blues-Rock. Tempo ist mir suspfekt. 

Im übrigen lehne ich Leistungssport bei schönem Wetter mit jeder 
Faser meiner Jeansjacke ab. Ich habe ein eher entspanntes Verhält¬ 
nis zur Entspannung und herausgefunden, dass die ideale Reisege¬ 
schwindigkeit exakt zwölf Stundenkilometer beträgt. Wenn man das 
Rad so ausbalanciert, dass es während der Fahrt nicht umfallt, kann 
man dabei wunderbar die Augen schließen und meditieren. Gedan¬ 
ken durchfluten die Sinne, Sonne knallt auf die Festplatte, im Unter¬ 
holz raschelt's, oben piept ’n Vögel, da ist echt geiles Zeug dabei, 
manchmal. Farben, Formen, alles. Einfach mal ausklinken aus einer 
Welt voller Rückenschmerzen und Altersarmut. Man darf sich natür¬ 
lich nicht erschrecken, wenn man plötzlich von Nordic Walkern 
überholt wird, aber man hört sie ja schon von weitem am Klackern 
ihrer Krückstöcke. 

Richtiges Radfahren erfordert allerdings nicht nur geistige Kompe¬ 


tenz, sondern vor allem das richtige Rad. Ich empfehle da die abge¬ 
speckte Version. Die einzigen Extras, die man sich gönnen sollte, 
sind Sattel, Lenker, Reifen und Bremse. Von den 21 Gängen, die 
ein herkömmliches Trekking-Rad hat, braucht man eigentlich nur 
zwei, nämlich lauwarm und medium. Alles andere ist überflüssiger 
Scheiß. Gleiches gilt auch für die Garderobe. Wer zugunsten teurer 
und modisch höchst zweifelhafter Fahrradbekleidung auf Jeans und 
Sandalen verzichtet, sollte sich darüber im Klaren sein, dass das in 
erheblicher Weise den Stil mindert. Besonders fragwürdig sind wit¬ 
terungsresistente Gummiüberzüge mit Feuchtfilm und Reservoir. 
Wozu das ganze Theater? Wenn’s regnet, macht man einfach den 
Schirm auf und fahrt mit einer Hand! Einhändiges Fahren funktio¬ 
niert übrigens auch mit Bierflaschen, doch Vorsicht! Als ich das im 
Sommer zum letzten Mal gemacht habe, bin ich voll auf die Fresse 
geflogen. Ich muss zugeben, dass so ein Sturz das Fahrvergnügen 
doch erheblich beeinträchtigt, vor allem das halbe Jahr danach, in 
dem man mit massiven Kniebeschwerden diverse Fachärzte kon¬ 
sultieren muss. Glücklicherweise bilden Bodenkontakte bislang die 
Ausnahme. Normalerweise gleite ich dahin wie ein Papierschiffchen 
im Handwaschbecken. 

Es gibt einen Film darüber, der meine relaxte Art des Fahrradfah¬ 
rens glorifiziert und zeigt, dass ich keinen Stuss erzähle. Er heißt 
„Easy Rider“ und wird oft missverstanden. Es spricht für seine klare 
Aussagekraft, dass er im Laufe der Jahre trotzdem zum Fahrradfilm 
schlechthin avancierte. Sicher wirkt es auf den ersten Blick etwas 
befremdlich, dass die Typen in dem Film die ganze Zeit Motorrad 
fahren. Zugegeben, daran hatte auch ich eine Weile zu knacken. Bis 
mir klar wurde, dass das Motorrad natürlich nur eine Metapher ist. 
Hier steht es für die Freiheit auf zwei Rädern, für die vom Wind zer¬ 
zausten Haare und den Staub der Straße. Kurz gesagt, es steht für 
alles, was man mit dem Wort „Fahrrad“ zusammenfassen kann. Mit 
seiner unglaublich symbolischen Kraft versinnbildlicht das Fahrrad 
die Kraft der Maschine, die gespreizten Beine der Gesetzlosen und 
die zahllosen gefahrenen Kilometer. Ein weiterer Querverweis auf 
die eigentliche Intention des Films ist die Tatsache, dass die Protago¬ 
nisten ohne Helm fahren, was beim Motorradfahren ja nicht geht. 
Ich denke, dass produktionstechnische Gründe dafür ausschlagge¬ 
bend waren, die Hauptdarsteller Motorrad fahren zu lassen. Der 
Film wäre sonst vermutlich einfach zu lang geworden, denn es dau¬ 
ert seine Zeit, durch Kalifornien zu radeln. 


Auch die Songs des Soundtracks sind voller fahrradiesischer 
Anspielungen. Sie machen auch dem letzten Zweifler klar, wovon 
„Easy Rider“ wirklich handelt. So kann man nicht ernsthaft „The 
pusher“ von STEPPENWOLF hören, ohne an das Anschieben zu 
denken, etwa beim Anfahren am Berg. „Born to be wild“ thema¬ 
tisiert die latent sexuelle Sinnlichkeit, die mit dem Fahrradfahren 
einhergeht. Speziell den Rausch der Geschwindigkeit, das Fahren 
ohne Gummi und die Zigarette danach. „Wasn’t born to follow“ 
von den BYRDS behandelt den mangelnden Nutzen, den man dar¬ 
aus zieht, auf Highways der Polizei hinterherzuradeln. Schön ist 
auch „The weight“ von THE BAND. Es hat zwar keinen direkten 
thematischen Bezug zum Fahrradfahren, aber wenigstens kann 
man es leicht mit „das Gewicht“ übersetzen. 

„If six was nine“ von Jimi Hendrix ist nichts anderes als der 
geglückte Versuch, dem Hörer durch die Erwähnung von Sechs 
und Neun eine verschlüsselte Acht zu präsentieren. Natürlich 
nicht irgendeine Acht (Mann, das ist Hendrix!), sondern die Acht 
im Rad. Die mit dem verformten Blech. Nach einem Sturz. Mit 
Kniebeschwerden. In diesem Zusammenhang sollte auch der 
Song „It’s alright, ma (I’m only bleeding)“ von Roger McGuinn 
gesehen werden. Letzterer steuert auch die bezaubernde „Ballad 
of easy rider“ bei. Eine fundierte Ausarbeitung über die Auswir¬ 
kungen des amerikanischen Bürgerkrieges, den Niedergang der 
Automobilindustrie und den Nährwert von Pampelmusen, womit 
wir wieder beim Thema „Fahrrad“ wären. Und bei den ganzen 
Liedern, die es darüber gibt. Apropos Lieder: Bitte erinnern Sie 
mich daran, dass ich mir für die Ohren unbedingt noch Flick¬ 
zeug besorgen muss. 

Tom Tonk 


Tom Tonk - Raketen in Dosen 

33 1/3 Platten für die Ewigkeit 

Das zweite Buch zur Kolumne gibt 
es für 11,90 Euro (inkl. Porto) auf 
www.ox-fanzine.de käuflich zu erwer¬ 
ben. Den Leser erwarten kompetente 
Besprechungen zu 331 /3 Rockraketen, 
verfasst von Tom Tonk, selbst erfolg¬ 
reicher Musiker und Lebemann. 



OX-FANZINE 24 















KOLUMNEN 


/AUS DEM TAGEBUCH EINES GEWINNERS 


06.01.12: Nach einem unauf¬ 
geregten Dezember und einem 
Weihnachtsfest, dass sich seit 
mindestens einer Dekade im 
Stile von „Und täglich grüßt 
das Murmeltier“ zu wiederho¬ 
len scheint („Stirb langsam“, 
die tiefgefrorene Ente von Aldi, 
sternhagelvoll ...), beginnt das 
neue Jahr denkbar beschis¬ 
sen. Und vermutlich bin ich 
daran nicht ohne Schuld. Denn 
während ich das Essen immer 
schärfer würze, fast so als sei 
ich in einem Wettkampf mit mir selbst, wird die Menge Schoko¬ 
lade am Abend alles andere als weniger, da ich ihn immer noch 
bekomme, diesen Heißhunger auf Süßes, vor allem nachdem ich 
mit Winnetou für den Frieden geraucht habe. Da sind drei Twix 
genauso wenig ein Problem wie eine 200 g-Tafel Edel-Zartbit¬ 
ter von Moser-Roth. Und noch immer beherze ich den Rat meines 
Proktologen („Und vor allem müssen sie viel trinken“) vermutlich 
anders, als von ihm gedacht. Kein Wunder also, dass meine Lieb- 
lings-Hämorrhoide mit der Zeit neugieriger und mutiger wird, und 
sich langsam aber stetig weiter aus ihrem „Häuschen“ wagt, um 
auch mal andere Luft zu schnuppern. Und weil mir das noch nicht 
unangenehm genug ist, helfe ich ihr dabei ein ums andere Mal, 
unbewusst, aber mit gehörigem Druck nach, nicht zuletzt weil die 
Menge an Schokolade nicht selten einem schnellen und reibunglo¬ 
sen Ablauf entgegenwirkt. 

So auch an diesem Freitag morgen. Dabei macht mir mein neugieri¬ 
ger Freund schon seit Tagen arg zu schaffen. Er schmerzt und will so 
gar nicht mehr ins Haus, aber egal, ich habe wie immer keine Zeit 
für eine lange Sitzung. Außerdem keine Lektüre und kein Kreuz¬ 
worträtsel. Also gib ihm. „Pressen sie, Herr van Laak! Pressen sie! Ich 
kann das Köpfchen schon sehen!“ 

Eines vorweg: Es wird das letzte Mal gewesen sein, dass ich solch 
einen Druck auf meine Kehrseite ausgeübt habe. Denn was im Ver¬ 
lauf des Tages folgen wird, ist von Spaß so weit entfernt wie Kai 
Pflaume von einer guten Moderation. 

Schon der Schmerz direkt im Anschluss an die „Geburt“ ist ein 
anderer als sonst. Irgendwie stärker. Intensiver. Aber der frische 
Kamillentee wird es schon richten. Das hat er bisher immer. Kalt 
aufgelegt ein Wohltat und darüber hinaus entzündungshemmend. 
Aber auch der Tee scheint heute machtlos zu sein, und zu allem 
Überfluss muss ich jetzt auch noch mit dem Auto nach Köln ins 
Büro, und nach Sitzen ist mir im Augenblick nicht wirklich. Und 
die Fahrt ist alles andere als eine Freude. Ich versuche verzweifelt, 
das Gewicht immer so zu verlagern, dass der Schmerz erträglicher 
wird, aber die ungewohnte Haltung sticht auf Dauer im Rücken, 
und bevor ich mir einen Bandscheibenvorfall on top hole, muss ich 
zurück in die normale Sitzposition, was sofort einen mehr als unan¬ 
genehmen und dumpfen Schmerz zur Folge hat. Verdammt, was 
ist das? Kann das bitte mal Weggehen?! Ich werde auch nie wieder 
pressen! Versprochen! 

Im Büro angekommen, schafft der Wechsel vom sitzenden in den 
stehenden Zustand nur kurzfristig Erleichterung. Mittlerweile 
scheint der Schmerz positionsunabhängig, also quasi autonom sein 
Unwesen zu treiben. Und mit wachsender Intensität, wächst auch 
das Gefühl, dass mein neugieriger Freund im Zeitraffertempo an 
Größe und Umfang gewinnt, was die Geschichte nicht wirklich 
angenehmer macht. Gegen Mittag stehe ich fast nur noch am Com¬ 
puter, und am Nachmittag halte ich die Schmerzen kaum mehr aus. 
Der ganze Unterleib scheint entzündet zu pochen und ich beginne 
panisch zu werden. Um kurz nach 16.00 kann ich nicht mehr. Ich 
packe eilig meine Sachen zusammen, und lasse das von mir heute 
allein besetzte Büro im Stich. Aber das ist mir gerade sowas von egal. 
Ich habe fürwahr andere Probleme. 

Die Fahrt zurück nach Düsseldorf ist die Hölle. Natürlich, es ist Frei¬ 
tagnachmittag. Was will ich erwarten? Eine freie AS7? Hahaha ... 
Sehr witzig! Stop & Go fast über die gesamte Strecke. Aber ich nutze 
die Stops, um vielleicht doch noch einen Arzt zu finden, dessen Pra¬ 
xis auch Freitagnachmittags geöffnet hat. Ich zittere leicht, als ich 
versuche mit dem Androiden nach Proktologen in Düsseldorf zu 
googlen, während mir kalter Schweiß die Stirn befeuchtet und die 
Haare lockt. Und tatsächlich, die Praxis Dr. Schröter hat Freitagnach¬ 
mittags bis 16.30 Uhr Sprechstunde. Aber das schaffe ich jetzt nicht 
mehr. Ob Arzt und Personal womöglich etwas länger in der Praxis 
sind? Einen Anruf später weiß die Arzthelferin von Herrn Schröter 
um meine Notlage und ich, dass ich noch bis 17.00 Zeit habe, es in 
die Praxis zu schaffen. 

Noch 25 Minuten für die verbleibenden Kilometer, für die ich bei 
normal fließendem Verkehr vielleicht eine Viertelstunde brauchen 
würde. Aber der Verkehr fließt nicht normal. Und als ich von der 
A46 Richtung Ausbauende Münchener Straße abbiege, staut er sich 
bis auf die Ausfahrt zurück und es wird klar, dass ich es keinesfalls 
mehr rechtzeitig in die Praxis schaffen kann. Stattdessen versuche 
ich in diesem verdammten Stau die Schmerzen und vor allem die 
aufkommende Panik unter Kontrolle zu halten. Lange halte ich das 
nicht mehr aus. Was zum Teufel ist das nur? Ich weiß, dass diese ver¬ 
dammten arteriovenösen Gefäßpolster Schmerzen verursachen kön¬ 
nen, starke Schmerzen. Aber das hier ist anders. Das hier ist schlim¬ 
mer als jede andere Rektalkirmes, die ich bisher erleben durfte. Und 
das Ding scheint mir mittlerweile so groß zu sein, dass ich mir lang¬ 
sam Sorgen machen muss, dass es mir gleich um die Ohren fliegt 
und den Fahrersitz versaut. Ach, scheiß auf den Sitz, ich will nur, 
dass die verfluchten Schmerzen verschwinden. 

Als ich mich einige Zeit später aus dem Auto quäle und breitbeinig 
Richtung Haustür stapfe, habe ich noch die Hoffnung, dass Küh¬ 
lung, Kamille und eine liegende Position die Pein irgendwie lindern 
können, aber keine Stunde später halte ich es nicht mehr aus, und 
sitze erneut im Auto. Dieses mal allerdings nur kurz, auf dem Weg 
in die Notfallklinik, die sich bei Ankunft wie immer durch ein vol¬ 
les Wartezimmer auszeichnet. Das ist ein Phänomen, oder? An wel¬ 


chen Tagen und zu welchen Uhrzeiten sind Notfallkliniken eigent¬ 
lich schlecht besucht? Oder werden Ärzte und Personal immer so 
eingesetzt, dass einem als Notfall in der neonbeleuchteten Warte¬ 
zone nochmal die Möglichkeit gegeben werden soll, um über die 
eigenen Fehler nachzudenken? Verdammt, ich weiß doch, was ich 
falsch gemacht habe! Und ich bereue es zutiefst! Bitte helft mir! 
Jetzt! Ich kann nicht mehr! 

Doch erst nach qualvollen 7 0 Minuten auf einem der harten War¬ 
tezimmerstühle werde ich endlich zum Allgemeinarzt gebeten. Er 
ist auch schon im Behandlungszimmer, wirkt leicht gestresst, und 
bittet mich schnell zum Grund meines Besuches zu bekommen. 
„Ein Hämorrhoide, Herr Doktor. Aber schmerzhaft wie nie zuvor. 
Ich habe sowas noch nicht erlebt“, sage ich, und merke, wie mir 
dabei leicht die Stimme zittert. Nicht vor Angst, sondern eher auf¬ 
grund einer gewissen Erschöpfung, die sich angesichts des anhal¬ 
tenden Schmerzes eingestellt hat. „Na, dann lassen sie mal sehen“, 
sagt der Doktor ohne aufzuschauen, während er eine kurze Notiz in 
meine Akte schreibt. „Beugen sie sich einfach über die Liege, dann 
werfe ich mal einen Blick auf die Geschichte“. Gesagt, getan! Und 
es ist mir mittlerweile sowas von egal, dass ich mit heruntergelasse¬ 
ner Hose in einer Art und Weise über dieser Liege hänge, dass man 
mich für eine willige Krankenschwester halten könnte, die gerade 
auf den Chefarzt wartet. Ich will nur, dass der Schmerz verschwin¬ 
det. Und ich will, dass der Arzt nichts in der Region berührt, die 
seit Stunden entzündlich und hochsensibel vor sich hin pocht. Aber 
dazu kommt es nicht, denn dem Mediziner scheint ein ein kur¬ 
zer Blick zu genügen. Trotzdem kann ich nicht sagen, dass mich 
sein „Wöw!“ in irgendeiner Form beruhigt. Ich kann mir ohnehin 
nur eine Situation vorstellen, in der ein Mann mit heruntergelasse¬ 
ner Hose ein „Wow!“ gerne hören mag, aber von solch einer Situ¬ 
ation bin ich gerade viele Meilen entfernt. Leider kann der Dok¬ 
tor meine Gedanken nicht lesen und schiebt ein weiteres „Oh ... 
wow!“ nach, dass so klingt, als würde er gerade miterleben, wie 
ein Raumschiff in seinem Vorgarten landet. Aber wenigstens spannt 
mich der Gute nicht länger auf die Folter, und wirkt sogar fast ein 
wenig hektisch, als er mir auf seinem Weg zurück an den Schreib¬ 
tisch erklärt, dass es sich dabei keinesfalls um eine Hämorrhoide 
handelt, sondern um eine Thrombose, und zwar um eine Throm¬ 
bose von „beachtlicher Größe“. 

Das einzig Positive, das ich aus seiner Aussage ziehen kann, ist die 
Tatsache, dass er mich nicht gebeten hat, ein Foto machen zu dür¬ 
fen, das er in 40 Jahren noch seinen Enkeln zeigen möchte („Schaut 
mal, Kinder. Dieses Monster von Hinterausgangthrombose hatte 
euer Opa vor vielen vielen Jahren direkt vor Augen. Sie war nicht 
weiter von mir entfernt als ihr jetzt von mir. Es war einer der grö߬ 
ten Momente in meiner Karriere, diesem Ungetüm von Thrombose 
von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen!“) 

Aber... Augenblick... Thrombose? Das ist doch gefährlich, oder? 
Schwebe ich in Lebensgefahr? Muss ich sterben wegen einem ver¬ 
dammten Gerinnsel am Arsch? 

„Aber keine Angst, Herr van Laak“, scheint der Arzt meine Gedan¬ 
ken nun doch lesen zu können. „Diese Art von Thrombose ist nicht 
gefährlich. Nur leider ungemein schmerzhaft. Vor allem bei dieser 
Größe. Ich lasse ihnen jetzt eine Überweisung schreiben und dann 
gehen sie bitte sofort rüber in die Chirurgie ...“ 

In die Chirurgie? Chirurgie verbinde ich irgendwie mit Operation. 
Die wollen mich doch nicht an der Stelle ... oh nein ... bitte ... nicht! 

Selbst die Dame am Empfang, die bei meiner Anmeldung noch arg 
gestresst und unfreundlich wirkte, wünscht mir „Alles Gute!“, als 
sie mir die Überweisung in die Hand drückt, und der schmerzvolle 
Weg über den Gang in Richtung Chirurgie kommt mir vor wie der 
„Dead Man’s Walk“. Dabei hatte ich noch nicht einmal eine Hen¬ 
kersmahlzeit. Ich habe allerdings auch keinen Hunger. Aber wenn, 
ich würde Currywurst-Pommes-Majo nehmen. Gerne bio, wenn 
möglich... 

Ich verbringe weitere 45 Minuten im Warteraum der Chirurgie, 
während im Behandlungszimmer eine junge Frau scheinbar miss¬ 
handelt wird. So zumindest hört sie sich an, und ich kann nicht 
sagen, dass es mich beruhigt. Werde ich gleich stationär aufgenom¬ 
men? Wird man tatsächlich einen Eingriff vornehmen? Wie wird 
es dann beim nächsten Toilettengang? Die Mischung aus diesen 
Gedanken und den verheerenden Schmerzen macht keine Freude. 
Oh nein, ganz und gar nicht. Und mittlerweile schlägt mir das alles 
auf den Kreislauf. Auch wenn ich kein Freund von Medikamenten 
bin, von mir aus sollen sie mir gleich ein Mittel geben, dass mich 
bis morgen früh ausknockt. Ich will nur ein paar Stunden keine 
Schmerzen haben. 

Da geht die Türe zum Behandlungszimmer auf. Eine junge Türkin 
humpelt schwerfällig hinaus, wird vom Arzt gestützt und mit net¬ 
ten Worten in die Arme ihres Mannes entlassen. Mein Puls rast. Und 
jetzt? „So, sie sind Herr van Laak?“ fragt der Arzt freundlich und 
ohne sadistischen Unterton, was mich etwas beruhigt. Ich nicke, 
und er bittet mich direkt in ein steriles Behandlungszimmer, in dem 
sich neben einer Liege, zahlreichen Schränken und einem Schreib¬ 
tisch gleich drei weitere Personen befinden, von denen zwei sicher 
noch keine ausgelernten Ärzte sind. Oh no, das jetzt auch noch. Ich 
habe im Grunde nichts dagegen, Versuchskaninchen oder Anschau¬ 
ungsobjekt zu sein, aber dann vielleicht lieber bei einer Fraktur des 
Beines oder der Hand, aber doch bitte nicht mit einer verdamm¬ 
ten Arschthrombose. 

Keine Minute später hege ich mit runtergelassener Hose seitlich 
auf der Liege und soll spreizen, was zu spreizen ist, während mir 
vier Augenpaare scheinbar von unten bis in den Hals gucken wol¬ 
len. Was für eine beschissene Situation. Und das fast schon freu¬ 
dig erregte „Na, das ist ja mal ein Exemplar!“ des jungen Arztes 
macht es nicht besser. „Äber das bekommen wir schon hin, Herr 
van Laak. Ich werde die Thrombose jetzt aufschneiden, das Gerinn¬ 
sel und das ganze Blut entfernen, und dann sollten sie schnell eine 
Erleichterung spüren. Ich muss ihnen nur vorher leider eine kleine 
Spritze geben. Das könnte nochmal kurz unangenehm werden.“ 
Eine Spritze??!! Da rein??!! Kann es sein, dass das heute nicht mein 
Tag ist? Aber wenn es denn sein muss ... 

Ich zittere wie einer dieser kleinen Handtaschenhunde, als mir die 
metallene Spitze gleich viermal in und um die Thrombose fährt, und 
allein die Tatsache, dass ich liege, ist positiv zu bewerten, da ich teil¬ 


weise das Gefühl habe, mein Kreislauf könnte gleich auf die Idee 
kommen, mal eine Runde vor die Tür zu gehen. 

Die Zeit, in der wir gemeinsam auf das Einsetzen der Wirkung der 
Spritze warten, erscheint mir unendlich lang. Die schneiden mir 
gleich den Hintern auf. Ich kann es nicht glauben. 

Doch kurze Zeit später wird es Realität. Und während sich die Nägel 
meiner Zeige- und Mittelfinger in meine Daumen bohren, fühle ich 
einen dumpfen Druck, den ich nach Möglichkeit nicht noch einmal 
in diesem Leben spüren möchte. „So, Herr van Laak, den Throm¬ 
bus habe ich schon. Jetzt müssen wir die Sache nur noch kurz aus- 
bluten lassen.“ Ah, schön zu wissen. Bitte bleib bei mir, Kreislauf! 
Und damit es mir während der Ausblutzeit nicht zu langweilig wird, 
meldet sich plötzlich einer der vermeintlich angehenden Ärzte aus 
dem Hintergrund, vielleicht um mich aufzuheitern oder abzulen¬ 
ken, aber sein „Ich kenn dich doch!" kommt so ungelegen wie nur 
irgendmöglich. „Hast du was mit Musik zu tun?“ 

Haha, das darf doch alles nicht wahr sein. Was ist los? Liebes Uni¬ 
versum, war ich wirklich so böse? Was habe ich getan? „Vielleicht 
aus dem Zwischenfall in Bochum? Oder der Matrix?“ fragt er weiter, 
fast so, als stünden wir abends beim Bier in einer Kneipe in Flingern. 
Es ist mittlerweile zwar Abend, sogar ein Freitagabend, aber das hier 
ist keine Kneipe und ich liege mit ausblutender Gesäßthrombose 
auf einer verdammten Krankenhausliege und sabbere in Papierla¬ 
ken, und will einfach nicht, dass mich jemand erkennt. 

Also schmettere ich die Geschichte kurz, aber freundlich ab, weil ich 
mir in dieser ausgelieferten Position keine Feinde machen will. Was 
für eine skurrile Situation. Und die Tatsache, dass mir der „schnei¬ 
dende Arzt“ kurze Zeit später dutzende, dunkelrot gefärbte Mull¬ 
binden unter die Nase hält, auf denen das widerliche Gerinnsel wie 
eine Trophäe prangt, macht die Sache nicht weniger grotesk, viel¬ 
leicht sogar traumatisch. 

„So, Herr van Laak, ich lege ihnen jetzt noch eine der dicken Bin¬ 
den ein, die sie bitte später am Abend wechseln, da es noch erheb¬ 
lich nachbluten kann. Es kann ohnehin noch einige Tage bluten, das 
ist ganz normal. Nicht, dass sie sich da Sorgen machen. Und Sonn¬ 
tagnachmittag kommen sie bitte nochmal zur Kontrolle rein“, sagt 
der junge Mann in weiß, der mein Sohn sein könnte, während ich 
liegend versuche meine beiden Hosen in Form zu bringen, was gar 
nicht so einfach ist, mit einer fetten Mullbinde in der Kimme. „Ich 
gebe ihnen noch Schmerzmittel für die Nacht mit. Allerdings müss¬ 
ten sie schnell eine Erleichterung spüren. Außerdem Binden und 
eine Salbe. Dann wünsche ich ihnen noch einen schönen Freitag¬ 
abend, soweit das möglich ist“, sagt er nett, und verschwindet zum 
nächsten Notfall. 

Die anderen Ärzte bleiben, vermutlich weil der Anblick, den ich bei 
meinen Bemühungen biete, von der Liege zu rutschen, ohne mich 
dabei aufzusetzen, ein ganz witziger ist. Dabei muss ich ohnehin 
gleich sitzen, im Auto. Fünf Kilometer zu Fuß traue ich mir in die¬ 
sem Zustand nicht zu, zumal mein Gang nur unnötiges Aufsehen 
erregen würde. Nicht, dass ich noch an die Falschen gerate („Ey 
Alter, bist du ein schwuler Cowboy, oder was?“), die mir den Hin¬ 
tern versohlen wollen. Aua! 

Es dauert einige Zeit, bis ich im Auto eine Position gefunden habe, 
die einigermaßen erträglich ist. Ich weiß nicht, warum, aber ich 
muss auf der Fahrt durch die Stadt an die Prinzessin auf der Erbse 
denken, während ich versuche mit den Beinen soviel Druck wie 
möglich auf den Wagenboden auszuüben, um dadurch etwas 
Gewicht vom Hinterteil zu nehmen. Gleichzeitig habe ich allerdings 
das Gefühl, dass durch die Anstrengung mehr Blut durch die Wunde 
gedrückt wird. Wie man es auch macht, man macht es falsch. 

Ich bin froh, als ich endlich die Heimatadresse erreiche, mich 
irgendwann aus dem Wagen geschält und mich breitbeinig in die 
dritte Etage geschleppt habe. Verflucht, ich kann mich jetzt nicht 
einmal erschöpft auf den Sessel fallen lassen. Wie mache ich es jetzt 
also am besten? Hm... ich werde wohl mein altes Gästesofa, das als 
Staubfänger im Arbeitszimmer steht, mal wieder zum Einsatz brin¬ 
gen, es ausziehen, die Rückenlehne hochklappen, und hoffen, dass 
ich dort eine halbwegs angenehme Position finde. Ja, es ist vermut¬ 
lich die geeignetste Lösung. 

07.01.12: Zwei Stunden später. Soeben hat der neue Tag begonnen. 
Ich sitze in leichter Schräglage auf dem Sofa, den Laptop neben und 
den Fernseher vor mir. Mir geht die Haltung schon jetzt auf die Ner¬ 
ven, obwohl, oder vielleicht auch weil ich sie alle paar Minuten vari¬ 
ieren muss. Mal Schräglage links, mal Schräglage rechts, mal mit¬ 
tig, soweit letzteres überhaupt möglich ist. Außerdem kommen die 
Schmerzen wieder, trotz einigen Gläsern Wein und einer Thrombo¬ 
senzigarette, und es fühlt sich nicht so an, als habe die Schwellung 
nach der Entfernung des Gerinsel und der ganzen Ausbluterei abge¬ 
nommen. Ganz im Gegenteil. Na toll! Dabei sagt auch das Internet, 
dass der Eingriff zur schnellen Erleichterung führen soll, vorausge¬ 
setzt, er wurde richtig durchgeführt. Und was das angeht, habe ich 
gerade meine Bedenken. Der Schmerz wird fordernder und hat fast 
die Intensität erreicht, die er vor dem Schnitt hatte. Aber, wie schon 
gesagt, ich bin kein Freund von Medikamenten und will versuchen, 
die Geschichte ohne Schmerzmittel zu überstehen. 

Weitere zwei Stunden später drücke ich die 800er Ibuprofen mit zit¬ 
ternden Händen aus der Packung. Die Schmerzen sind nicht mehr 
auszuhalten. Ich glaube, sie sind schlimmer als vor dem Eingriff, 
aber vielleicht tragen die Ruhe der Nacht und die Wunde ihren Teil 
dazu bei. Diese Scheiße beginnt langsam mich zu zermürben, und 
die Angst vor dem ersten großen Gang auf das Porzellan macht es 
nicht besser. Verdammt! Verdammt!! Verdammt!!! 

Oh, und sollte ich nicht die Binde wechseln? Das Ding fühlt sich 
mittlerweile an wie ein nasser Waschlappen. Dann muss es jetzt 
wohl sein. 

Mir geht es nicht gut auf dem nächtlichen Weg zur Toilette. Nein, 
mir geht es gar nicht gut. Um ehrlich zu sein, mir geht es beschis¬ 
sen! Ich freue mich weder auf den Anblick der Binde, noch auf den 
Rest der Nacht, noch auf die kommenden Tage! „Alles wird gut“, 
denke ich, als ich die Badezimmertür leise hinter mir ins Schloss 
ziehe. „Ja, alles wird gut!“ 

Fortsetzung folgt... Tom van Laak 



OX-FANZINE 25 









Vor zwei Jahren fand sich im Ox ein Interview mit John Lydon, Jahrgang 1956, denn der hatte PUBLIC IMAGE LIMI¬ 
TED alias PiL wiederbelebt, jene Band, mit der er 1978 unmittelbar nach dem Ende der SEX PISTOLS der Öffentlich¬ 
keit klar machte, dass er zwar ein eigenwilliger Typ ist, aber alles andere als nur ein Freak und vor allem keine Mari¬ 
onette des Impresarios Malcolm McLaren. Jenseits des Schockrocks der Pistols etablierte Lydon, der hier auch so hieß 
und nicht Johnny Rotten, sich als Frontmann einer komplexen, musikalisch wandlungsfreudigen Post-Punk-Band, 
die zudem Mitte der Achtziger mit „This is not a love song“ und „Rise“ veritable Hits landen konnten, die allerdings 
durchaus von der prägnanten Stimme Lydons und seinem markanten Rotschopf nebst stechendem Blick geprägt 
wurden. 1992 waren PiL Geschichte, Lydon arbeitete an seiner Autobiografie, es folgten die SEX PISTOLS-Reunion, 
Butterwerbeclips und Dschungel-Camp. 2009 dann erste Konzerte einer neuen PiL-Besetzung, Andeutungen Lydons 
bezüglich eines neuen Albums, Rückschläge wie die Vernichtung von Aufnahmen durch den Brand in seiner Londo¬ 
ner Wohnung und den Tod seiner Stieftochter Ari Up (THE SLITS) - und im Frühjahr 2012 doch endlich der Release 
von „This Is PiL“ auf dem bandeigenen Label PiL Official Limited. Ich konnte John Lydon telefonisch in seinem Haus 
in Los Angeles sprechen, ließ mich ein auf einen schwierigen Gesprächspartner, der zwar gerne und viel redet und 
das auch noch recht blumig, aber nicht zwingend über das, was man gefragt hat... Stattdessen folgte eine interes¬ 
sante musiktheoretische Erörterung zur wahren Essenz von Musik und über den Sinn des Lebens mit einem Phil- 
antrophen, für den PiL das Mittel ist, sich künstlerisch zu artikulieren. 


John, kürzlich erschien die Doku „Punk in Myanmar“, 
und man stellt fest, dass selbst in einem Land, wie dem 
ehemaligen Burma scheinbar die erste Band, die man 
als Punk entdeckt, die SEX PISTOLS sind. Fragst du 
dich nie, was du damals eigentlich losgetreten hast? 
Nein! Und das ist wohl die allerbeste Punk-Einstellung, 
haha. Ich bin nicht eingebildet genug, um zurückzubli¬ 
cken und mich in leuchtenden Farben darzustellen. Ich 
will mich nicht in der Vergangenheit verlieren. Ich bin die 
gleiche Person wie damals, ich mache mehr oder weni¬ 
ger das Gleiche, nur dass ich bedingt durch all die Zeit, 
die ich auf diesem Planeten verbracht habe, eine ganze 
Menge Wissen erworben habe und meine Ziele nun viel 
genauer spezifiziert sind. Ich hatte einen guten Start ins 
Leben, in musikalischer Hinsicht. Meine Kindheit hinge¬ 


gen war voller Schmerz und Tragödien, und ähnlich war 
die Erfahrung, in einer Pop-Band zu sein, denn das ist der 
mehr oder weniger passende Ausdruck. Ich konnte ganz 
gut Texte schreiben damals, sie hatten eine Bedeutung, sie 
bedeuteten auch mir etwas, und sie sprachen andere Men¬ 
schen an. Warum das damals alles funktionierte? Weil wir 
den Mut hatten, ehrlich zu sein. Nach heutigen Standards 
mag das wie ein simpler Trick erscheinen, aber das war 
es nicht. Ich war einfach nicht an Eingebildetheit interes¬ 
siert, und auch nicht an sieben Todsünden, und gleichzei¬ 
tig hatte es was damit zu tun, sich lustig zu machen über 
Durchschnitdichkeit und Gier. Und die Fähigkeit zu Ironie 
war ebenfalls wichtig. 

Wer hat dir diese Fähigkeiten vermittelt? 

Ich habe immer schon gerne gute Bücher gelesen und 


mich für Filme interessiert. Und ich wollte immer schon 
die richtige Antwort auf alle meine Fragen kennen. Und 
ich bin kein leichtgläubiger Idiot, habe einen ehrlichen 
Wörking-Class-Background, wo man mit einem guten 
Humor ausgestattet ist. Mir wurde schon früh klar, dass 
die Gesellschaft Menschen wie mich höchstens sehen, aber 
nicht hören will, wie es sich für Dienende gehört. Ich habe 
das Gegenteil daraus gemacht und dafür gesorgt, dass mich 
so viele Menschen wie nur möglich hören auf diesem Pla¬ 
neten. Und dieser Lärm hat dann sogar noch ein Echo her¬ 
vorgebracht, aus verschiedenen Gründen in verschiedenen 
Kulturen. Letzten Endes sind aber alle Menschen gleich, 
überall auf der Welt. Wenn du wahrhaftig bist, wird das 
überall verstanden. 

Auch in Burma. 

Und weißt du warum? Weil ich nicht aus einer Generation 
stamme, die vom Fernsehen verblödet wurde. Ich bin nicht 
so aufgewachsen, dass ich Menschen aus einem fremden 
Land für Außerirdische gehalten hätte. Die Deutschen 
haben das natürlich vor einer Weile mal anders gesehen, 
hahaha. „Don’t mention the war!“, fallt mir dazu nur ein. 
Das war von John Cleese aus „Fawlty Towers“, ich weiß. 
Die Szene, als die Deutschen zu Besuch sind ... 

Exakt! Wir waren damals zu SEX PISTOLS-Zeiten also ein¬ 
fach nicht „über-gebildet“, wir waren einfache Typen, und 
solche Menschen kommen miteinander überall gut klar. 
Mich erinnert das an alte Folk Music, ganz losgelöst von 
der Kultur, aus der sie stammt. Die verbindet einfach die 
Menschen, und deshalb mag ich sie. In diesem Kontext 
sehe ich PiL und die Pistols als Folk Music. Es ist unschul¬ 
dige, ganz simple, aber auch gut gemachte Musik, die 
sich nicht verkleiden muss. Musik hat vor allem etwas mit 
Emotionen zu tun. Musik versucht Gefühle zu erklären, die 
Stimme des Sängers bringt diese Gedanken zum Ausdruck, 
während die Instrumente die Natur imitieren. Diese Kom¬ 
bination ergibt eine Botschaft von großer Tiefe. Manches 
lässt sich nicht in Worte fassen, aber mit einem Instrument 
lässt sich das Gefühl wiedergeben. Und das ist für mich die 
Essenz von Musik. 

Macht das Musik zur universellen Sprache? 

Menschlichkeit ist die universelle Sprache, und Mitgefühl. 
Leider herrscht oft das Gefühl vor „Oh, die sind anders, 
bring sie um!“. Das ist die Botschaft, die hier in den USA 
propagiert wird, im Land der Schwarzeneggers. 

Was macht mm die Musik, den Charakter von PiL aus? 

Charakterliche Tiefe. Wenn man jung ist, hat man zwar 
alle Optionen und gibt sein Bestes, kennt aber noch nicht 
alle Antworten und beherrscht sein Handwerk auch noch 
nicht so perfekt. Je länger man aber auf diesem Planeten 
ist, desto mehr weiß man und kann sich selbst mehr und 
mehr die richtigen Fragen stellen. Man kann sich so weiter¬ 
entwickeln, weg von der bloßen Attacke auf Institutionen,. 
hin zur Erkundung eigener Irrtümer. Und daraus ergibt 
sich eine Weiterentwicklung, man kann zu einem besseren 
Menschen werden - und hat die Chance, das, was man tun 
will, auch richtig zu machen. 

Wie weit bist du auf diesem Weg gekommen? 

Ich bin ja erst 50 Jahre jung und habe noch einen wei¬ 
ten Weg vor mir. Nein, Quatsch, ich will hier doch keine 
Altersdiskriminierung betreiben. Wobei ich sagen muss, 
dass ich alte Narren nicht leiden kann. Menschen, die alt 
und dumm sind, die ertrage ich nicht. Wie kann man alt 
und dumm sein? Man hatte doch genug Zeit dazuzulernen! 
Aber Moment, ich bin gleich wieder da, ich muss eben 
dafür sorgen, dass dieser Handwerker aufhört, mit seinem 
Bohrhammer so einen Lärm zu veranstalten, ich verstehe 
kaum mein eigenes Wort. (...) So, jetzt geht es wieder. 
Wie du weißt, kommt meine Frau ja aus Deutschland und 
beherrscht also den entsprechenden Tonfall, den Handwer¬ 
kern klarzumachen, dass sie ruhig zu sein haben. Es gibt 
Situationen, da ist elaborierte Höflichkeit unangemessen. 
Wie genau verfolgt deine Gattin deine Arbeit, gibt sie 
dir Feedback? 

Nora sagt immer, PiL seien live zu laut. Aber an der Laut¬ 
stärke ward sich nichts ändern. Das hat sich in den letz¬ 
ten zwei Jahren gezeigt, in denen wir fast ständig auf Tour 
waren. Durch diese ständigen Konzerte waren wir sehr gut 
eingespielt und so fiel es uns leicht, neue Lieder zu schrei¬ 
ben. Es war wde eine Erleichterung, diese neuen Lieder auf¬ 
nehmen zu können. 

Du hattest PiL also vermisst in den Jahren zwischen 
1992 und 2009? 

Ja, und diese Pause war auch nicht meine Schuld, ich 
wollte nicht inaktiv sein. Das Problem waren die Ver¬ 
träge, an die ich gebunden war, und so musste ich mich 
in Geduld üben. Jetzt ist zum Glück alles anders, wir finan¬ 
zieren alles selbst, sind komplett unabhängig und es ist gut 
so. Finanziell ist man natürlich etwas eingeschränkter, aber 
erstaunlicherweise hat das der Musik enorm gut getan. Was 
bedeutet ein Plattenvertrag heute denn schon? Statt viel 
Geld bringt er doch letztlich nur große Schulden. Und da 
fängt dann das Problem an. Und wie immer eine Platten¬ 
firma solche Verträge strukturiert, wir als Bandmitglieder 
haben nie die Chance, sie zu verstehen - dazu muss man 
Buchhalter sein. Es ist ein Spiel, ein übles Spiel, denn ich 
kenne viele Musiker, die sich aus dem Geschäft komplett 


OX-FÄNZINE 26 











PIL-DIE ALBEN 

Im Dezember 1978, gerade einmal sechs Monate nach ihrer Gründung, veröffentlichen 
PiL ihr Debüt „Public Image - First Issue“, dem bereits die erfolgreiche Single „Pub¬ 
lic Image“ vorausgegangen war. Das Line-up besteht zu dieser Zeit aus John Lydon, dem 
Gitarristen Keith Levene, Jah Wobble am Bass und Drummer Jim Walker. Diese Konstella¬ 
tion soll aber nicht lange bestehen, denn bereits bevor 1979 das zweite Album erscheint, 
verlässt Jim Walker die Band und wird in Folge von einer Reihe neuer Schlagzeuger 
ersetzt, die sich jedoch selten länger als ein paar Wochen in der Band halten können. 
„Metal Box“ wird schließlich 1979 auf drei 12“s in einer Metallbox veröffentlicht. Ein 
Jahr später verlässt Jah Wobble die Band, die die nächsten zwei Jahre ohne Bassist arbei¬ 
tet. Das erste Live-Album, „Paris Au Printemps“, das im Januar 1980 aufgenommen 
wurde, erscheint Ende 1980. „Metal Box“ wird außerdem unter dem Namen „Second 
Edition“ als Doppel-LP noch einmal veröffentlicht. 1981 folgt das dritte Studioalbum 
„Flowers Of Romance“. Kurz darauf stoßen Drummer Martin Atkins und Bassist Pete 
Jones wieder zur Band. Letzterer bleibt aber nur ein Jahr lang und verlässt PiL 1983 zeit¬ 
gleich mit dem letzten Gründungsmitglied neben Johny Lydon, Keith Levene. Zusammen 
mit einigen Session-Musikern, die extra für Shows angeheuert werden, gehen Lydon und 
Atkins auf Japantour, in deren Folge das zweite Live-Album „Live In Tokyo“ erscheint. Im 
gleichen Jahr veröffentlichen PiL mit „This is not a love song“ ihren größten Chart-Erfolg. 
1984 erscheint das nächste Album „This Is What You Want ... This Is What You Get“, 
das bereits seit 1982 unter dem Namen „Commercial Zone“ geplant war, jedoch in dieser 
Form wegen der ständigen Mitgliederwechsel nie fertiggestellt wurde. John Lydon veröf¬ 


album 

.:: i===^n: 


fentlicht seine erste Solo-Single „World Destruction“ mit der Band TIME ZONE. Während 
den Aufnahmen zum 1986 erschienenen Album „Album“ (je nach Format auch „Com¬ 
pact Disc“ oder „Cassette“) arbeitet Lydon lediglich mit Session-Musikern zusammen 
und ist somit das einzige feste Mitglied von PiL. Für die anstehende Tour stellt er aller¬ 
dings wieder ein festes Line-up auf, bestehend aus John McGeoch (ex-MAGAZINE) an 
der Gitarre, Allan Dias am Bass, Keyboarder und Gitarrist Lu Edmonds und Bruce Smith 
am Schlagzeug. In dieser Konstellation wird auch das 1987 veröffentlichte sechste Studio¬ 
album „Happy?“ aufgenommen. Ein Jahr später muss Lu Edmonds die Band aus gesund¬ 
heitlichen Gründen verlassen. 

1989 folgt mit „9“ das neunte Album von PiL, die beiden Live-Alben mitgerechnet. Kurz 
darauf verlässt Bruce Smith die Band. Das Best-Of-Album „The Greatest Hits So Far“ 
erscheint 1990. Neben den Remixes von alten Songs enthält es auch die neue Single 
„Don’t ask me“, die wie „Rise“ von „Album“ ein kommerzieller Erfolg wird. PiL, mittler¬ 
weile nur noch aus John Lydon, John McGeoch und Allan Dias bestehend, nehmen 1992 
zusammen mit Session-Musikern „That What Is Not“ auf, das für die nächsten 20 Jahre 
das letzte Studioalbum der Band bleiben soll. Lydon will sich nach der Veröffentlichung 
mehr auf seine Solokarriere konzentrieren, 1997 erscheint sein Album „Psycho’s Path“. 
Nach einigen Rereleases und Best-Ofs finden PiL 2009 in der Besetzung John Lydon, Lu 
Edmonds, Bruce Smith und Scott Firth wieder zusammen und veröffentlichen im Mai 2012 
ihr neuntes Studioalbum „This Is PiL“. 

Christina Wenig 



zurückgezogen haben, weil sie den Druck nicht mehr aus- 
halten konnten, der von den großen Labels auf die Künst¬ 
ler ausgeübt wird. So gesehen ist es gut, zu sehen, dass die¬ 
ser Teil des Musikbusiness, in dem Kontrollfreaks das Sagen 
haben, im Niedergang begriffen ist. Deshalb lautet mein 
Rat an alle Musiker: Verschulde dich nicht bei einem Label, 
kämpf dich auf eigene Faust durch, es ist es wert. Und sei 
geduldig. 

Das Album, die Interviews, die ich gelesen habe, ver¬ 
mitteln den Eindruck, dass du die Arbeit mit PiL sehr 
genießt. 

Oh ja! Wir sprechen intern von der „PiL zone“. Der Aus¬ 
tausch zwischen Band und Publikum bei den Konzerten ist 
erstaunlich, auf den Konzerten herrscht eine sehr freund¬ 
liche Atmosphäre - das ist etwas, für das es sich wirk¬ 
lich zu leben lohnt. PiL-Konzerte sind weniger etwas zum 
Zuschauen als zum Zuhören, die Menschen sollen sich 
wohlfühlen. Wir beschäftigen uns mit den grundlegenden 
Themen der menschlichen Existenz, wir propagieren kei¬ 
nesfalls irgendein Pop-Ikonentum. 

Dabei sehen viele in dir aber genau das. 

Was soll ich dagegen tun? Ich kann nichts dagegen tun, 
wenn Menschen in solchen Kategorien denken wollen. 
Ich weiß nur, dass viel mehr hinter unserem Tun steckt. 
Zum Beispiel die Texte. Weshalb ich sehr deutlich rede und 
singe, so dass man die auch versteht. Ich lege großen Wert 
auf saubere, korrekte Aussprache. Andererseits ist es aber 
auch gar nicht so wichtig, jedes einzelne Wort zu verste¬ 
hen, das ich singe, stattdessen sollte man sich auf die Musik 
einlassen, auf die Gefühle, die ein Song vermittelt. 

Gibt es ein gemeinsames Thema, das die Lieder des 
Albums verbindet? 

Zufälligerweise ja. Da seit dem letzten Album so viel Zeit 
vergangen ist, fühlten wir als Band das Bedürfnis zu erklä¬ 
ren, wo wir herkommen. Damit meine ich nicht primär 
Punkrock, denn wir als Menschen haben schon vor die¬ 
ser Zeit existiert. Und so fingen wir bei der Kindheit an, 
so dass die Emotionen, die hinter unseren Liedern stecken, 
klarer werden. Letztlich lautet das Thema „PiL vs. die Sie¬ 
ben Todsünden“ - in zwölf Lieder verpackt. In „The room 
I’m in“ geht es um das deprimierende Leben im sozialen 
Wohnungsbau. Ich bin in so einer Siedlung aufgewachsen, 
ich weiß von der Drogenabhängigkeit, die ein Aufwachsen 
in so einer deprimierenden Umgebung mit sich bringt, 
und ich erzähle davon, wie man all dem zu entkommen 
versucht. Wie man die Erfahrung macht, dass man bei dem 
Versuch, all dem zu entkommen, komplett auf sich alleine 
gestellt ist. Wenn man mal von einer Droge abhängig ist, 
kommt man von der nur wieder los, wenn man sich selbst 
dafür entscheidet - und ich weiß, wovon ich rede, ich hatte 
damit in jungen Jahren zu tun. Im Leben bist du immer 
genau dann auf dich allein gestellt, wenn es am wenigs¬ 
ten passt: negative Gedanken, Abhängigkeiten, Tod. Wenn 
du ganz auf dich alleine gestellt bist, kannst du aber her¬ 
ausfinden, wer du wirklich bist, was deine wahren Werte 
sind. Du kannst dann davor davonlaufen und so negativ 
weitermachen wie zuvor, oder du analysierst dich selbst 
und kommst du zu einer glücklicheren Folgerung. 

Wann war für dich dieser Punkt gekommen? 

Als ich anfing, Lieder zu schreiben. Man hat nur einmal 
im Leben die Chance, etwas komplett richtig zu machen, 


zumindest habe ich diese Feststellung gemacht. Für mich 
war es das Songwriting. Und ich habe mir geschworen, 
nie wieder nicht die Wahrheit zu sagen. Ich will, dass 
meine Worte meine echten Erfahrungen reflektieren, das 
mit anderen Menschen teilen und hoffe, dass es dem einen 
oder anderen hilft. Dabei geht es mir nicht darum, dass mir 
jemand auf die Schulter klopft, sondern es ist mir Beloh¬ 
nung genug, wenn auch andere Menschen die Erfahrung 
machen, sich selbst besser zu verstehen und zu lernen, 
nicht andere mit ihrem Tun zu beeinträchtigen. Das ist für 
mich Freiheit in ihrer reinsten Form. Lerne deine Feinde zu 
lieben und stelle fest, dass sie gar nicht deine Feinde sind! 
Stattdessen sind es nur Menschen, die eine andere Meinung 
haben. Die meisten meiner besten Freunde ticken völlig 
anders als ich, und das macht es unglaublich spannend, 
sich mit ihnen zu treffen. Nein, das bedeutet nicht Faust¬ 
kämpfe und den Versuch, die Weltherrschaft anzustreben. 
Nein, wir diskutieren, stimmen in manchem überein und 
in manchem nicht, und das ist angenehm. 

Nun gibt es aber auch Dinge, über die man offensicht¬ 
lich nicht in Ruhe diskutieren kann, etwa das Thema 
Israel. Du musstest 2010 Kritik einstecken, weil du 
dazu bereit warst, mit PiL ein Konzert in Israel zu spie¬ 
len, trotz einer internationalen Boykott-Initiative gegen 
Israel wegen des Umgangs mit den Palästinensern. 

Ich verstehe das ganzer Theater nicht! Sind Juden nicht 
auch Menschen, haben die nicht auch das Recht, PiL live zu 
sehen? Ja! Unterstütze ich die israelische Regierung? Nein! 
Ich habe noch nie irgendeine Regierung oder irgendeinen 
Politiker unterstützt, ich vertraue denen allen nicht, das ist 
nicht meine Welt. Für US-Präsident Obama allerdings ver¬ 
spüre ich Bewunderung. Er hat massive Probleme geerbt, 
aber er zeigt in seinem Umgang etwa mit seiner Familie, 
dass er Mensch geblieben ist. Das finde ich beeindruckend. 
Aber das „Shit System“ drängt ihn in die Ecke, das „Shit 
System“ will sich nicht verändern. Und dafür unterstütze 
ich ihn. Mein größter politischer Held ist allerdings Gan¬ 
dhi. Von ihm stammt das wundervolle Konzept des gewalt- 
freien Widerstands - es ist wohl das beste philosophische 
Konzept, eine Lektion, die die Menschheit lernen sollte. Es 
gibt keinen Grund, sich gegenseitig umzubringen - wenn 
dir das politische System nicht passt, dann hilf ihm nicht 
auch noch. Ja, ich verstehe, dass es Situationen gibt, in 
denen man sich verteidigen muss gegen eine übermäch¬ 
tige Kraft, aber das ist dann ein Akt der Verteidigung und 
nicht der Aggression. 

Wie sieht es mit dir aus, hast du in letzter Zeit mal 
irgendwo gegen irgendwas protestiert? 

In den letzten Jahrzehnten eher weniger. Die Occupy Wall¬ 
street-Bewegung hat mich aber beeindruckt, denn sie 
scheint ohne Führer und ohne eigennützige politische 
Motive auszukommen. Es ist eine sehr vielfältige Bewegung 
sehr verschiedener Menschen, die sich hinter dem Banner 
des Protestes gegen die Wall Street gewaltfrei vereinen und 
dabei ihre Meinungsunterschiede hintenanstellen. Institu¬ 
tionen wie die Wall Street sind ein Symbol dafür, was in der 
Welt schiefläuft. Die Occupy-Proteste sind ein wichtiger 
Schritt in die richtige Richtung - Steine auf McDonald’s 
zu werfen, das bringt doch nichts. Das ist hirnloser Vanda¬ 
lismus, das stellvertretende Einprügeln auf einen Sünden¬ 
bock. Das tun nur Menschen, die nicht in der Lage sind, das 


wirkliche Problem zu erfassen. Wenn Gewalt deine Lösung 
ik, bist du Teil des Problems. Ich bin der Meinung, dass 
man im Bereich von Musik und Literatur viel zu diesem 
Thema beitragen kann. Sich Gedanken zu machen befreit 
deinen Geist und deinen Körper - lass deinen Geist und 
deinen Körper tanzen! Genau diese Funktion erfüllt PiL für 
mich. Es ist dann immer ein schönes Gefühl, wenn einem 
das Pubhkum bei einem Konzert darin folgt. Ich beobachte 
immer genau, was das Publikum bei unseren Konzerten 
tut, es ist mein Antrieb. Wenn die Menschen Spaß haben, 
haben auch wir Spaß, das Ganze wird eine „glorious PiL 
zone“! Mich erstaunt immer, wie unterschiedlich unser 
Publikum ist, es besteht aus so ganz verschiedenen Men¬ 
schen, das ist für mich einer der erstaunlichsten, überwäl¬ 
tigendsten Aspekte von PiL. Wir schaffen es, sowohl Teen¬ 
ager-Girls wie Uni-Professoren zu begeistern, Menschen 
verschiedenster Herkunft und Religion. 

Was ist der Trick? 

Kein Trick, es ist einfach so. Man muss ehrlich sein, dann 
kommt das von allein. Was man tut, muss von Herzen kom¬ 
men. Es geht bei unseren Konzerten nicht um so was wie 
„Wöw, da kommt Johnny, was hat der denn heute an?“ Was 
nicht heißt, dass ich nicht auch großen Spaß an schöner 
Kleidung habe. Was man trägt, kann zum Charakter einer 
Situation beitragen, aber es kann nicht die bestimmende 
Kraft sein. Kleidung ist ein Accessoire, kein zentrales Ele¬ 
ment. Ich trage auf der Bühne das, worin ich mich wohl¬ 
fühle, und das kann von einem Stück aus dem Second- 
hand-Laden bis zu einem Designerstück reichen. Grund¬ 
sätzlich mag ich Modedesigner, ich schätze den künstle¬ 
rischen Aspekt von wirklich originellem Design. Das ist 
nicht anders als bei einem Autor: Ich mag es, wenn sich 
ein Schriftsteller dem Leser wirklich öffnet. Man mag im 
Detail anderer Ansicht sein, aber der Aspekt totaler Ehr¬ 
lichkeit verdient Respekt. Das finde ich wundervoll, das 
ist wieder so eine Situation, in der das Gehirn zu tanzen 
beginnt. Auch mit einem Film ist das möglich, er kann dich 
in eine andere Welt entführen, eine Erfahrung jenseits dei¬ 
nes Körpers. 

Fällt dir spontan ein Künstler ein, der dich wirklich 
begeistert? 

Aus einem deutschen Blickwinkel heraus möchte ich Hun¬ 
dertwasser erwähnen. Er hat fantastische Architektur und 
Bilder geschaffen. Und ich schätze auch Kandinsky. Von 
Musik müssen wir gar nicht erst anfangen zu reden, da sind 
es so viele, die ich liebe. Und das beinhaltet ganz triviale 
Popmusik, die ich für ihre klaren Signale, ihre direkte Wir¬ 
kung und ihre Überschwänglichkeit schätze. Im Gegen¬ 
satz dazu hatte ich schon immer auch eine Vorliebe für 
extrem experimentelle Musik. Ich habe ein waches Auge 
für Dinge, die meinen Intellekt ansprechen, und das bein¬ 
haltet auch Dinge, die mich schocken, wo ich mich frage, 
wie der Künstler das geschafft hat, wo das herkommt, was 
Sinn und Zweck sind. Vor diesem Hintergrund habe ich 
die Absurdität von RAMMSTEIN genossen. Die haben eine 
bekloppte Science-Fiction-Optik mit Heavy-Metal-Elemen- 
ten kombiniert und damit wundervoll unterhalten. 

Damit hatten RAMMSTEIN im Ausland noch mehr 
Erfolg als in Deutschland, wo man oft etwas erschro¬ 
cken war über deren Symbolik, etwa ihr Spiel mit Nazi- 
Ästhetik. 

►► WEITER AUF SEITE 28 


OX-FANZINE 27 









►► FORTSETZUNG VON SEITE 27 



» Ich bin wie der schwarze Ritter in Monthy Pythons „The Holy Grail“: keine Arme und 
Beine mehr, aber trotzdem gebe ich nicht auf.« 


Es kommt immer wieder vor, dass Kulturen sich von ihren 
eigenen seltsamen Auswüchsen abwenden. Die Fortschritt¬ 
lichkeit darin erschreckt. Bei RAMMSTEIN kam ein selt¬ 
sames Bild von Sexualität noch mit dazu, es war immer 
die Rede von überhöhter Männlichkeit und so. Aber was 
für eine Männlichkeit ist das denn, wo Männer Frauenklei¬ 
der tragen? Mir gefiel auch immer die Absurdität von Cap- 
tain Beefheart. Der Humor, der in seiner Musik zum Aus¬ 
druck kam, war überwältigend. Ich habe ihn nie persön¬ 
lich getroffen, aber oft ist es auch gut, wenn man nur das 
Werk eines Menschen genießt und ihn nicht auch noch 
persönlich kennen lernt. Oft genug führt das dazu einer 
Konfrontation ... 

Auch zu Enttäuschung? 

Ja. Man hat große Erwartungen an eine Person, die mit 
hoher Wahrscheinlichkeit nicht zutreffend sind, wenn 
man sich dann persönlich kennen lernt. Man wertet und 
urteilt dann, und das ist nicht gut. Ich bin deshalb ein eher 
schüchterner, zurückgezogen lebender Mensch, versuche 
es zu vermeiden, meine musikalischen und literarischen 
Helden zu treffen. Das verwirrt einen nur. 

Du erwähntest eben zwei Maler, die dich inspiriert 
haben. Das Artwork des neuen PiL-Albums hast du 
selbst gemalt. 

Ja, ich habe das PiL-Album-Artwork schon immer selbst 
gemalt. Als ich noch klein war, wollte ich immer Künsder 
werden*- aber auch Schriftsteller, und Meeresbiologe. Vor 
dem Hintergrund der Musik stellte sich dann heraus, dass 
ich dadurch meine Interessen auf verschiedenster Ebene 
ausleben kann. In künstlerischer Hinsicht bin ich also ein 
sehr glücklicher Mensch. Ich habe eine sehr pragmatische 
Herangehensweise etwa ans Malen, ich denke nicht viel 
nach, sondern lege einfach los. Ich mache, was ich mache, 
und versuche meine Fähigkeiten zu verbessern, ohne 
einen Gedanken daran zu verschwenden, wie das vielleicht 
den Mythos um meine Person nähren könnte. Ich freue 
mich, wenn das dann jemandem gefällt, der Rest, etwa 
irgendwelche Preise, ist mir egal. Ich habe noch nie etwas 
gemacht, um mit anderen zu konkurrieren. Ich mag es ein¬ 
fach nicht, zu anderen in Wettbewerb zu treten. Ich ver¬ 
stehe nicht, wie etwas, das meinen Gedanken entspringt, 
mit den Gedanken oder Werken eines anderen Menschen 
in Wettstreit treten sollte. Es sind doch alles nur verschie¬ 
dene Aspekte einer ganz grundlegenden menschlichen 


Erfahrung. Wie absurd, sich vorzustellen, die Weitsicht von 
einem Menschen könnte besser sein als die eines anderen. 
Absurd! Das ist der Grund, weshalb ich mich Preisverlei¬ 
hungen fast immer widersetze, weshalb mir Chart-Positio¬ 
nen nichts bedeuten. 

Und wenn du eine Anfrage für eine Preisverleihung 
bekommst, wie reagierst du? 

„Die Antwort lautet: Nein!“ So einfach. Ich brauche nie¬ 
manden aus der Musikindustrie, der mir sagt, ich sei bes¬ 
ser als irgendwer anderes. Die einzige Ausnahme ist die 
Verleihung von so was wie einem „Lifetime Achieve- 
ment Award“, als die Würdigung des Lebenswerks, weil 
das nicht auf der Konkurrenz zu jemand anderem beruht. 
Bei so einer Gelegenheit bringe ich dann auch schon mal 
meine Trauer über den Tod eines anderen Menschen zum 
Ausdruck. Ich habe unlängst erst meine Stieftochter ver¬ 
loren. 

Du sprichst von Ari Up von den SLITS. 

Ja, Ariane war die Tochter meiner Frau Nora. Ich war bald 
danach bei den NME Awards in London und ging da des¬ 
halb hin, um von ihr zu erzählen, um sicherzustellen, dass 
die Musikwelt sich an sie erinnert. 

Ein Unglück kommt, wie man so sagt, selten allein, und 
ungefähr zur gleichen Zeit hast du auch erste Aufnah¬ 
men zum Album bei einem Feuer in deiner Londoner 
Wohnung verloren. 

Ich hatte schon einige Songs als Vörproduktionen, und die 
sind verbrannt, ja. Nenn’ das wegen mir „göttliche Vör- 
hersehung“, ich bin tatsächlich froh, dass das passierte. So 
musste ich noch mal ganz von vorne anfangen, ich konnte 
nicht in das Projekt reingehen mit irgendwas Altem. 
Faulheit brachte mich nicht weiter, jetzt war 100% Ein¬ 
satz gefragt. Wobei da zuerst schon auch ein Gefühl von 
Angst hochkam: Verflucht, ich habe ja rein gar nichts! Das 
war wie Schwimmen zu lernen, indem man an der tiefen 
Seite des Beckens ins Wasser springt. Man lernt dann sehr 
schnell, wie man sich über Wasser halten kann. 

Dazu muss man aber eine furchtlose Person sein. Hat dir 
schon mal etwas Angst gemacht? 

Ich habe Angst davor, mein Publikum zu enttäuschen. 
Man spricht da immer von Lampenfieber, und ich leide 
sehr darunter. Ich kann vor einem Auftritt, egal wie groß 
oder klein der ist, nichts essen. Da ist immer diese Angst, 
jemanden zu enttäuschen. Wenn ich dann aber auf der 


Bühne stehe, ist das alles vergessen und ich genieße die¬ 
sen Moment. Wahrscheinlich ist das die beste Methode, die 
Spreu vom Weizen zu trennen, haha. Entweder man traut 
seinen Instinkten - oder nicht. 

Kürzlich ist der Film „Sons of Norway“ angelaufen, eine 
kleine norwegische Indie-Produktion, in der es um eine 
Vater-Sohn-Beziehung in den späten Siebzigern geht - 
und um Punkrock. Du hast da eine kleine Nebenrolle. 

Das ist ein fantastischer Film! Ich hatte zuerst meine Beden¬ 
ken, aber es stellte sich heraus, dass die Macher sehr nett 
waren. Es geht da tun die Geschichte eines 14-Jährigen, es 
ist eine schöne Komödie, die aber auch etwas Pathos mit¬ 
bringt. Das Drehbuch ist wirklich gut, die schauspieleri¬ 
schen Leistungen - von meiner mal abgesehen, haha ... — 
sind gut. 

Das war jetzt „fishing for compliments“! 

Hahaha, nein, aber Norwegen ist verdammt kalt im Win¬ 
ter, und wenn du da im T-Shirt draußen im Schnee stehst, 
ist das schon ein kleines Handicap. Da schrumpft dir alles 
zusammen ... zuerst das Hirn. Ich konnte mich echt in den 
Jungen, den Hauptdarsteller hineinversetzen: mit zerbro¬ 
chenen Familien kenne ich mich aus. Ich hatte im Vor¬ 
feld einen Clip mit ihm zu sehen bekommen - und dann 
direkt zugesagt. Der Film ist wirklich herzerwärmend, er 
hat meine volle Unterstützung. 

Bekommst du denn des Öfteren Filmangebote? 

Das Schauspielern interessiert mich nicht wirklich. Ich res¬ 
pektiere gute Schauspieler, aber ich selbst bin darin nicht 
gut. 

1983 hast du in dem italienischen Psychothriller „Cop¬ 
killer“ mitgespielt, an der Seite von Harvey Keitel. Und 
ursprünglich sollten PiL auch den Soundtrack einspie- 
len. Was ist dir davon in Erinnerung geblieben? 

Harvey! Der ist echt ein komplett Verrückter! Seitdem 
habe ich ihn immer wieder mal getroffen und wir verste¬ 
hen uns echt gut. Damals kannte er meinen echten Hinter¬ 
grund nicht, er hatte nur das über mich mitbekommen, 
was in der Presse stand. Als wir diese Hürde überwunden 
hatten, war es einfach. Wir drehten ja in Italien, und das 
war für uns beide echt hart. Da trafen drei Kulturen aufein¬ 
ander. Was den Soundtrack betrifft, so verwundert es mich 
etwas, dass wir mit PiL eigentlich nie Anfragen für Sound¬ 
tracks bekommen haben, denn ich finde, unsere Musik eig¬ 
net sich gut dafür. 

Warum? 

Weil wir schöne Bilder schaffen mit unserer Musik, Land¬ 
schaften - im Kopf des Zuhörers. Eigentlich ideal also. 

Du wohnst in Los Angeles, du bist nah dran an diesen 
Leuten. 

Nein, ich gebe mich mit denen nicht ab. Ich umschmeichle 
die nicht. Außerdem ist es ja okay, wie es für uns läuft, 
wir sind zufrieden. Warum sollte man das verkomplizie¬ 
ren, für Projekte anderer Leute arbeiten, sich anheuern las¬ 
sen, anstatt selbst das Projekt zu leiten. Das ist nicht meine 
Art. Ich bin nicht gerne von anderen abhängig, schon gar 
nicht finanziell. Ich schulde niemandem auch nur einen 
Penny, ich bin nicht daran interessiert, etwas nur des Gel¬ 
des wegen zu tun. Ich mache ungern Schulden. Das hat 
mein Leben über die Jahre durchaus verkompliziert, aber 
ich fühle mich so besser, wenn ich morgens aufstehe. 

Vor zwei Jahren waren Konzerte in Deutschland ange¬ 
setzt, die dann doch nicht stattfanden. Was war los - und 
wann spielt ihr hier mal wieder? 

Ich weiß auch nicht, was genau da schief lief. Letztlich 
spielten wir dann woanders in Europa. So schwer kann es 
aber ja eigendich nicht sein, eine Tour mit uns zu veran¬ 
stalten. Ich weiß aber auch, dass man mir manchmal nicht 
so recht traut, was etwas mit meiner Vergangenheit zu 
tun hat. Viele im Musikgeschäft denken, ich sei schwierig 
und würde ihnen nur Probleme bereiten. Das war nie der 
Fall, aber das ist eben ein Mythos, der über mich verbrei¬ 
tet wird. Ich habe noch nie leichtfertig ein Konzert abge¬ 
sagt, da müsste ich mir schon beide Arme und Beine bre¬ 
chen - und wäre trotzdem da. Ich bin da wie der schwarze 
Ritter in Monthy Pythons „The Holy Grail“: keine Arme 
und Beine mehr, aber trotzdem gebe ich nicht auf - so 
fühle ich mich manchmal. Das ist eine fantastische Szene, 
die gefiel mir schon, als ich sie das erste Mal sah. Der bri¬ 
tische Humor geht sehr tief, und britische Comedians 
haben schon viele gesellschaftliche Probleme auf ihre spe¬ 
zielle Art angesprochen und auch zu ihrer Lösung beigetra¬ 
gen. Durch Comedy kann man die Idiotie vieler politischer 
Denkweisen erkennen. Politik ist heute von Kompromissen 
geprägt, das ist das Problem. Es geht viel mehr darum zu 
erkennen, was das Richtige ist, und das dann auch durch¬ 
zuziehen. Wenn das aber deinen politischen Grundsätzen 
widerspricht - dann ändere sie, denn sie sind dann offen¬ 
sichtlich falsch. Ich versuche deshalb, in meinem Leben 
nach diesem Grundsatz zu handeln. 

Warst du schon mal versucht, selbst in der Politik aktiv 
zu werden? 

Was? Nein! Warum? Ich bin ein Radikaler, ich habe keine 
Lust auf diese Spiele, auf dieses Showbusiness. Davon halte 
ich mich fern. 

John, ich danke dir für deine Zeit. 

Joachim Hiller pilofficial.com 


OX-FANZINE 28 












Dave Smalley gehört zu den wenigen Musikern, die nicht bloß eine Randnotiz in der Musikgeschich¬ 
te sind. Er sang bei DYS, den göttlichen DAG NASTY, ALL, DOWN BY LAW und den SHARPSHOO- 
TERS und kann von sich behaupten, mehr als nur ein Klassikeralbum eingespielt zu haben. 2004 ka¬ 
tapultierte er sich dann durch einen, wie er heute sagt, dämlichen Essay auf conservativepunk.com 
ins Aus. Vor dem DYS-Konzert im Kölner MTC nahm sich Dave ausgiebig Zeit für dieses Interview. Er 
entpuppte sich dabei als äußerst sympathischer Mensch, der eine Menge zu erzählen hat. Zudem er¬ 
scheint dieser Tage mit „Champions At Heart“ ein neues DBL-Album. 


Dave, wie waren bisher die Reaktionen auf DYS? 

Sehr nett. Weißt du, was für mich total spannend ist? Es 
ist eine DYS-Tour. DYS existierten von 1981 bis 1985 und 
waren nie in Europa, weil es damals einfach nicht üblich 
war. Höchstens die Spitze der Hardcore-Bands wie BLACK 
FLAG oder die DEAD KENNEDYS gingen auf Europatour. 
Ich hatte Bedenken, ob sich überhaupt jemand für DYS 
interessieren würde, aber die Reaktionen waren durchweg 
positiv. Die Leute kennen die Texte, und das nach über 25 
Jahren Bandpause! Die erste Show war im Conne Island 
in Leipzig auf einem Hardcore-Festival mit TERROR und 
DEATH BEFORE DISHONOR. DYS haben eine Menge Rock 
im Sound, so dass ich imsicher war, ob wir musikalisch auf 
solch ein Festival passen würden, aber es war toll. Dann 
haben wir in Fulda mit den 7 SECONDS gespielt, was ein¬ 
fach unglaublich war. Wir waren an diesem Abend wirk¬ 
lich gut. Das klappt leider nicht immer. Manche Bands sind 
an manchen Abenden einfach nur gut, an anderen sind sie 
großartig, und wir waren ehrlich großartig in Fulda. Es 
fühlte sich gut an. 

Ich würde gerne einen kleinen Streifzug durch deine 
musikalische Karriere machen. Über DYS haben wir 
schon etwas gesprochen, aber was hat dich überhaupt 
bewogen, mit dem Singen zu beginnen? 

Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber es gab zwei wich¬ 
tige Dinge, die beide mit Erwachsenen zu tun haben, als 
ich noch ein Kind war. Ich bin heute ein starker Verfech¬ 
ter von musikalischer Erziehung in der Schule, was leider 
aktuell massiv zurück gefahren wird, weil das Geld fehlt, 
aber Kinder brauchen musikalische Erziehung. Es eröffnet 
ihnen neue Horizonte. Ich hatte in der fünften und sechs¬ 
ten Klasse eine Lehrerin, die bemerkte, dass ich singen 
konnte. Wir haben im Unterricht gesungen uiyi sie sagte, 
dass ich eine schöne Stimme habe. Also gab sie mir bei 
Aufführungen immer eine tragende Rolle und ermutigte 
mich, mit dem Singen weiterzumachen. Sie war eine tolle 
alte Dame. Dann habe ich noch im Kirchenchor gesungen. 
Meine Eltern haben mich dazu gebracht und ich mochte 
es wirklich sehr. 

Und wie alt warst du, als du zum ersten Mal in einer 
Punkband gesungen hast? 

Meine erste Band hatte ich in der Highschool. Sie hieß NO 
SUCCESS und wir hatten folgerichtig auch keinen Erfolg, 
haha. Wir kamen nie aus dem Proberaum heraus. Das muss 
in der zehnten Klasse gewesen sein, als ich 15 Jahre alt 
war. Ein Freund von mir, Erik, dessen Mutter aus Deutsch¬ 


land kam, hatte einen älteren Bruder namens Fritz. Fritz hat 
uns zu THE CLASH und DEAD KENNEDYS mitgebracht. Das 
war in Virginia. Er kam immer an und meinte: „Hört euch 
das an - Plastic Bertrand! Oder das - THE UNDERTONES!“ 
Erik und ich saugten alles in uns auf, wie Verdurstende in 
der Wüste. Das hat mein Leben sehr beeinflusst. 

Als du damals bei DYS warst, gab es da Eifersüchteleien 
mit anderen Bands wie GANG GREEN oder NEGATIVE 
FX? 

Nicht dass ich wüsste. Das Interessante an der Bostoner 
Szene der frühen Achtziger war, dass es gar nicht genug 
von uns gab, um auf irgendwen eifersüchtig zu sein. Wir 
mussten uns ständig prügeln, weil wir anders aussahen. Ich 
habe gelernt zu kämpfen. Wenn du aussahst wie ein Punk, 
standen die Chancen gut, dass du mit irgendeinem Spin¬ 
ner Ärger bekamst. Es gab nur so wenige von uns, dass 
wir Zusammenhalten mussten. Eifersucht oder Neid habe 
ich nie gespürt. 

Tony von den ADOLESCENTS erzählte in einem Inter¬ 
view, dass es nur so etwas wie freundschaftlichen Wett¬ 
bewerb zwischen den Bands gab und wenn Außenste¬ 
hende Stress machen wollten, hielten alle zusammen. 

Ja, absolut! So war es in Boston auch. In Südkalifornien gab 
es mit den ADOLESCENTS, den GERMS, BLACK FLAG oder 
WASTEDYOUTH Bands, die alle eigenständig klangen, so 
dass es gar keinen Wettbewerb geben musste. In Boston gab 
es DYS, GANG GREEN, JERRY’S KIDS, F.U.’s, SSD, und jede 
Band klang anders. Warum hätten wir uns bekämpfen sol¬ 
len? Der Feind war die Welt, haha. 

Warum hast du DYS damals verlassen? 

Nun, das zweite DYS-Album ging mehr in Richtung 
Rock und Metal, was daran lag, dass wir an den Instru¬ 
menten besser wurden. Plötzlich konnten wir Soli spielen 
und taten das auch. Die Songs wurden länger. Wir lieb¬ 
ten Rock und Metal. Meine Lieblingsbands sind bis heute 
MOTÖRHEAD, AC/DC, IRON MAIDEN oder JUDAS PRIEST. 
Auch die frühen METALLICA waren und sind fantastisch. 
Als METALLICA das erste Mal nach Boston kamen, spielten 
sie in einem total kleinen Club und die gesamte Boston- 
Crew stand in der ersten Reihe. Es war das Großartigste, 
was ich bis dahin in meinem Leben gesehen hatte. Das war 
direkt, nachdem „Kill ’em All“ veröffentlicht wurde. Sie 
waren einfach unglaublich gut. DYS wurden dann zu einer 
Metal-Band. Wir waren mit die erste Punkband, die die¬ 
sen Weg ging. SSD taten dies zur gleichen Zeit aus den glei¬ 
chen Gründen - sie wurden einfach besser an den Inst¬ 


rumenten. Vielleicht waren wir damals der Zeit voraus, 
denn heute ist es normal, Metal und Hardcore zu kom¬ 
binieren, aber damals war es neu und viele Leute moch¬ 
ten es nicht. Ich kann mich erinnern, dass wir nach New 
York fuhren, um uns mit. Elektra Records zu treffen, die 
daran interessiert waren, uns unter Vertrag zu nehmen. Sie 
wollten, dass wir uns entscheiden, ob wir eine Metal- oder 
eine Punkband sein wollten. Als Punkband wollten sie uns 
nicht haben. Wir haben viel diskutiert, ob wir nun lieber 
Punk oder Metal sein wollten, wobei ich es immer besser 
fand, beides zu vermischen. Nach einer Bandprobe gingen 
wir in ein Diner, wo wir immer hingingen, um etwas zu 
essen, wir unterhielten uns erneut darüber und kamen zu 
dem Entschluss uns aufzulösen. Da gab es kein böses Blut 
oder Streit. Wir saßen einfach da, aßen einen Hamburger 
und lösten DYS auf. 

War das, bevor du mit DAG NASTY in Kontakt kamst? 

Ja. Das heißt, ich kannte Brian bereits, denn DYS spielten 
mit MINOR THREAT einige Shows, und bevor ich nach 
Boston zog, bin ich in D.C. immer zu den Shows gegan¬ 
gen, um GOVERNMENT ISSUE und all die anderen tollen 
Bands dort zu sehen. 

Apropos DAG NASTY: Ist es nicht an der Zeit für ein 
neues DAG NASTY-Album?„Four On The Floor“ kam 
1992, „Minority Of One“ 2002 und jetzt haben wir 
2012 ... 

Haha, ja, ich denke auch, dass es langsam Zeit wird. Ich 
spreche regelmäßig mit Brian darüber, aber er ist so stark 
bei BAD RELIGION eingebunden. Ich hoffe wirklich sehr, 
dass wir noch ein Album machen. 

Als ich mich auf dieses Interview vorbereitet habe, las 
ich noch einmal das Interview, welches wir vor zehn 
Jahren für Ox #48 gemacht hatten. Damals mochte ich 
das gerade erschienene „Minority Of One“-Album gar 
nicht, weil ich dachte, es klänge zu sehr nach BAD RELI¬ 
GION, aber inzwischen ist es mein DAG NASTY-Lieb- 
lingsalbum. 

Das höre ich gerne. Es ist auch mein Lieblingsalbum. Das 
Album hat Kraft und Leidenschaft und eine Menge Emo¬ 
tionen. Mit Brian haben wir einen der besten Gitarristen 
weltweit dabei und Colin und Roger bilden eine einma¬ 
lige Rhythmussektion. Ich denke, dass Brian und ich beim 
jeweils anderen das Beste hervorbringen, auch wenn wir 
in vielen Dingen sehr verschieden sind. Brian ist mein 
Freund. Wenn wir Zusammenarbeiten, machen wir uns 
gegenseitig besser. Seine Art, Musik zu machen, bringt bei 
mir Seiten hervor, die sonst eher verborgen bleiben. 

Ich mag den Titelsong sehr. Er hat den vielleicht besten 
Text, den ich je gelesen habe. 

Danke. Es ist nie leicht, eine Minderheit von nur einer Per¬ 
son zu sein. Die Welt ist voller Angepasstheit und Gleich¬ 
förmigkeit - auch oder gerade im Punkrock! Ich denke 
nicht, dass man um jeden Preis versuchen sollte, anders zu 
sein, aber man sollte keine Angst davor haben, sein Leben 
auf seine Weise zu leben. Es ist oft hart, denn jeder will, 
dass du zu seiner Sicht der Dinge passt. Ob das nun die 
Gesellschaft ist, dein Freund oder deine Freundin, Ehe¬ 
frau oder -mann, Lehrer, Polizei, wer auch immer. Immer 
heißt es: tu dies nicht, tu das nicht, das kannst du nicht tun. 
Doch! Und die Menschen, die sagen, dass sie es doch tun 
können, bewundere ich. Thomas Edison ist wer weiß wie 
oft gescheitert, als er die Glühbirne erfinden wollte, aber er 
hat einfach nicht aufgegeben. 

Lass uns über diese Conservative-Punk-Sache reden. Die 
Seite ist mittlerweile offline, also worum ging es da? 

Das war 2004, und das war einfach nur dämlich von 
mir. Was ich machen wollte, hat nicht funktioniert und 
ich bereue es wirklich sehr. Weißt du, ich bin in vieler¬ 
lei Hinsicht ein sehr liberaler Mensch. Damals hatte ich 
Angst, Punkrock könnte zu gleichgeschaltet werden. Jeder 
dachte dasselbe, sagte dasselbe und tat dasselbe und das 
ist für mich das genaue Gegenteil von dem, was Punk 
sein sollte. Ich mag es, wenn ich bei einem Konzert Men¬ 
schen treffe, die normal aussehen, die fünf Iros haben, Ska¬ 
ter, Hardcore-Typen - ich mag diese ganzen Unterschiede 
und genieße es, dass es sie gibt. Ich habe dann einen dum¬ 
men Essay geschrieben, über den ich gar nicht groß nach¬ 
gedacht habe. Ich habe den Text sehr schnell geschrie¬ 
ben und wollte eigentlich darauf hin weisen, dass Punk¬ 
rock facettenreich sein sollte, auch politisch gesehen. Du 
denkst anders als ich denke, und das ist gut so, solange 
jemand nicht verrückt ist. Ich meine, ich will keine Nazis 
oder einen, der es gutheißt, Menschen zu töten, das ist 
krank. Paul Weller von THE JAM hat irgendwann mal geäu¬ 
ßert, dass er die Torys, also die britischen Konservativen 
wählen würde, und alle sind ausgeflippt. Dabei wollte er 
die Leute nur wachrütteln. Ich fand seine Aussage damals 
auch schrecklich. Heute verstehe ich, warum er das damals 
gemacht hat. Er hat sein Ziel auch nicht erreicht. Ich habe 
etwas Blödes geschrieben, ich bedaure das heute sehr. Ich 
habe es auf dieser Website gepostet, was eine blöde Idee 
war. Ich würde es nicht wieder tun. 

Haben dich die heftigen Reaktionen darauf überrascht? 
Ein wenig schon. Aber ich habe diesen Fehler nur einmal 
gemacht und bedaure ihn wirklich. Niemand ist perfekt, 


OX-FANZINE 30 











auch ich nicht. Menschen bauen Scheiße. Und ich habe 
Scheiße gebaut. Eigentlich lohnt es sich auch nicht mehr, 
darüber zu sprechen. Ich meine, ich bin für die Homo- 
Ehe, unterstütze die Frauenbewegung, all diese Dinge, die 
selbstverständlich sein sollten. Aber in diesem Artikel habe 
ich ein sehr schlechtes Bild von mir vermittelt. 

Und was genau ist „konservativ“ für dich? Oder muss 
ich imbedingt einen Iro und Bondagehosen tragen, um 
Punk sein zu dürfen? 

Gleichförmigkeit ist nie gut, egal, wo sie auftaucht. Libe¬ 
ral, konservativ oder links - wir heften uns alle immer sel¬ 
ber irgendwelche Label an. Weißt du, ich spiele für mein 
Leben gern Poker, was eine sehr amerikanische Tradition 
ist. Ich treffe mich mit ein paar Freunden und dann spie¬ 
len wir bis drei Uhr morgens. Diese Freunde, mit denen 
ich mich treffe, unterscheiden sich in ihrem jeweiligen 
Lebensstil völlig. Einige haben Kinder, andere nicht. Einige 
arbeiten für die Regierung, andere sind selbständig. Einige 
sind Liberale, andere Konservative, wobei konservativ in 
Amerika etwas anderes bedeutet als in Europa. Wir sind zu 
acht und ich mag sie alle. Punkrock bedeutet für mich, sein 
Leben zu leben und es gut zu leben. Man muss versuchen, 
die Welt zu verbessern. Wir haben vielleicht 70 oder 80 
Jahre, wenn wir Glück haben, was nicht viel Zeit ist. In den 
ersten 18 Jahren ist man verwirrt und sucht seinen Platz 
im Leben. Zwischen dem 18. und sagen wir 70. Lebens¬ 
jahr hat man dann die Möglichkeit, etwas zu bewegen, 
danach geht die Gesundheit den Bach runter. Man hat nur 
ein verdammt kleines Zeitfenster, etwas zu bewegen, und 
ich versuche Menschen zu ermutigen, diese Zeit zu nut¬ 
zen. Warum sollte man nicht wenigstens versucht haben, 
die Welt zu verbessern, bevor man abtritt?! 

Über deine Zeit bei ALL findet man seltsamerweise 
keine Informationen im Internet. Wie war das damals? 

Als ich bei DAG NASTY war, spielten wir auch einige 
Shows mit den DESCENDENTS, und als ich davor noch bei 
DYS war, spielten wir auch mit BLACK FLAG. Bei diesen 
Gelegenheiten lernte ich Bill Stevenson kennen, der immer 
schon ein toller Drummer und Musiker war und heute 
noch ist. Irgendwie hat Bill gehört, dass ich es bedauerte, 
keine Band mehr zu haben und rief mich damals in Israel 
an. 

Was hast denn damals in Israel gemacht? 

Nachdem ich DAG NASTY schweren Herzens verließ, weil 
ich weiter zur Schule gehen wollte, war ich für ein Jahr in 
Israel, um danach aufs College zu gehen, da war ich 20 
oder 21. Meine Eltern konnten sich einen weiteren Schul¬ 
besuch von mir nicht leisten und Förderprogramme gab es 
nicht. Ich hätte ein Darlehen aufnehmen können, aber das 
zahlt man ewig zurück. Da bot sich mir die Möglichkeit, 
durch ein Jahr in Israel doch weiter lernen zu können, also 
musste ich mich entscheiden. Bill rief mich also aus Los 
Angeles in Jerusalem an - -mehrfach - und seine Telefon¬ 
rechnung lag bei weit über 1.000 Dollar, haha. Wir unter¬ 
hielten uns einfach. Wir sprachen über Musik, das Leben, 
und über ALL. Bill ist ein toller Mensch, sehr smart und 
sehr lustig. Er meinte damals, dass Milo auch wieder zur 
Schule gehen wollte und ich der einzige Sänger wäre, den 
er an Milos Stelle in seiner Band haben wolle. Er wollte 
diese neue Band, ALL sollte sie heißen, und ich sollte der 
Sänger sein. Wir waren uns einig, es zu versuchen und 
auch, dass wir nicht die DESCENDENTS fortführen woll¬ 
ten, die ohne Milo nicht die DESCENDENTS wären. Es ist 
wie bei DOWN BY LAW Ohne Sam und mich funktio¬ 
niert die Band nicht. Oder nimm DYS. Ohne Jonathan und 
meine Wenigkeit kann es DYS. nicht geben. Es gibt viele 
Bands, die ohne den Originalsänger nicht funktionieren. 
Okay, BLACK FLAG sind ein Gegenbeispiel, denn sie hatten 
Keith Morris, Dez Cadena, Henry Rollins, Chavo, und es 
funktionierte, aber das ist die Ausnahme. Wir wollten nicht 
die DESCENDENTS II sein, höchstens mal einen DESCEN- 
DENTS-Song als Zugabe spielen. Und das taten wir dann. 
Warum haben sich eure Wege nach nur zwei Alben wie¬ 
der getrennt? 

In meinem ersten Jahr bei ALL waren wir neun Monate 
am Stück auf Tour. Damals war es anders als heute, wo wir 
in einem Hotel übernachten - nichts Besonderes, einfach 
nur zwei Mann pro Zimmer, aber immerhin ein ordentli¬ 
ches Bett. Damals schliefen wir bei irgendwem auf dem 
Fußboden, auf einem Sofa, das vielleicht nach Katzenpisse 
stank, oder direkt im Van. Das war ein hartes Leben. Die 
ALL-Jungs waren das gewohnt und wollten weiter touren, 
aber ich war nach den neun Monaten absolut am Ende. Ich 
sagte ihnen dann, dass ich so nicht weitermachen wollte 
und konnte. 

Und dann hast du DOWN BY LAW gegründet. War das 
1992? 

Das muss schon früher gewesen sein. Wegen ALL lebte 
ich in Los Angeles. Ich zog in eine eigene Wohnung und 
begann Songs zu schreiben. ALL und CHEMICAL PEOPLE, 
eine tolle Band, waren gut befreundet und ich rief Dave Naz 
an und erzählte, dass ich ein paar Songs geschrieben hätte 
und mit ihm aus Spaß etwas jammen wollte. Wir trafen 
uns und so entstanden „Right or wrong“, „Dreams away“ 
und einige andere Songs, die später auf dem ersten Album 


landeten. Wir holten die anderen CHEMICAL PEOPLE mit 
ins Boot und es klang gut. Also spielten wir irgendwann 
aus Spaß ein Konzert. Beim zweiten Konzert, das fand im 
Anti-Club statt, waren alle neugierig. Klingt die Band nach 
DYS? Oder ALL? Oder DAG NASTY? Aber wir klangen ganz 
eigenständig und die Leute mochten uns. Also spielten wir 
noch eine Show im Coconut Teaser zusammen mit GREEN 
DAY, die damals noch völlig unbekannt waren. Sie kamen 
extra aus Berkeley, um dieses Konzert zu spielen. Eigentlich 
war es nur eine Geburtstagsparty, bei der die Geburtstags¬ 
kinder ihre Lieblingsbands buchten. Meine Frau, die Gra¬ 
fikerin ist, suchte uns aus, Joy Aoki, die fürs Flipside Fan¬ 
zine schrieb, suchte GREEN DAY aus. Der Coconut Teaser 
ist ein ganz kleiner Laden. Auf der Party war zufällig auch 
Brett Gurewitz. An diesem Abend waren DOWN BY LAW 
perfekt. Kennst du diese Momente, in denen einfach alles 
perfekt läuft? Das ist besser als alles andere. Besser als jede 
Droge und sogar besser als Sex, haha. Du fühlst, wie die 
Euphorie durch deinen Körper strömt. So was passiert ein¬ 
fach und du kannst es nicht steuern. An diesem Abend ist 
uns das passiert. Und dann kam Brett zu mir, stellte sich 
vor mit: „Hi, ich bin Brett Gurewitz, ich finde euch toll 
und ich will euch unter Vertrag nehmen. Kommt mit raus 
zu meinem Volvo.“ Das machten wir dann, unterhielten 
uns ein wenig und - zack - hatten wir einen Plattenver¬ 
trag bei Epitaph. 

Mit diesem Line-up haben DOWN BY LAW nur zwei 
Alben eingespielt, „Down By Law“ und „Blue“. Warum 
kam dann die Trennung? 

Gute Frage. Ich kann nicht für jeden von uns sprechen, 
aber ich glaube, der Hauptgrund war, dass DOWN BY LAW 
als Projekt gedacht war. Wir wollten ein paar Songs zusam¬ 
men schreiben und hatten nie geplant, Konzerte zu geben. 
Dann spielten wir doch live, bekamen einen Plattenvertrag, 
gingen plötzlich auf Tour, auch in Europa. Es wurde immer 
zeitaufwändiger. Das hatte keiner von uns geplant. Es 
wurde immer schwieriger für die Bandmitglieder, die Jobs 
oder eine Freundin hatten. Ein normales Leben ist nicht 
mehr möglich, wenn man ständig unterwegs ist. Ich wollte 
mehr davon, die anderen aber nicht, was absolut verständ¬ 
lich ist. So etwas passiert ständig. BLINK-182 hatten das 
gleiche Problem, weil Tom nicht so oft touren wollte wie 
Marc und Travis. Oder nimm PENNYWISE. Jim Lindberg 
verließ die Band, weil er nicht mehr touren wollte. 
CHEMICAL PEOPLE haben danach mit „Arpeggio 
Motorcade“ nur noch ein Album gemacht. 

Ja, es ist ein ungewöhnliches, aber tolles Album mit Quer¬ 
flöten und so. Dave Naz arbeitet inzwischen als ziemlich 
erfolgreicher Fotograf. 

Das letzte DOWN BY LAW-Album „Windwardtidesand- 
waywardsails“ erschien 2003. Was ist danach mit der 
Band passiert? 

Wir haben uns nie aufgelöst. Es gab zwar Zeiten, in denen 
einige Monate nichts passiert ist, aber hin und wieder 
haben wir Konzerte gegeben oder irgendetwas aufgenom¬ 
men. Aktuell haben wir ja ein neues Album aufgenom- 
men. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass ich es 
richtig gut finde. Ich würde es neben „Punkrockacademy- 
fightsong“ und „All Scratched Up!“ einordnen. Jeder, der 
es bislang gehört hat, ist gleicher Meinung. Bill Stevenson 
hat es in seinen Blasting Room Studios gemixt. Es heißt 
„Champions At Heart“, was soviel bedeuten soll, dass wir 
im Leben vielleicht nicht die Gewinner sein können, aber 
in unseren Herzen schon, indem man ein guter Mensch 
ist. Es ist auf DC Jam Records erschienen, die auchT.S.O.L., 
FISHBONE, THE ADICTS oder JFA unter Vertrag haben. 
Warum habt ihr Epitaph damals verlassen? War das ihre 
oder eure Entscheidung? 


Das kommt darauf an, wen du fragst, haha. So um 1997 
herum haben wir nicht mehr soviel getourt, wie Epi¬ 
taph es gerne gesehen hätte. Ich würde sagen, dass es auf 
Gegenseitigkeit beruhte. Ich hege da keinerlei Groll, Epi¬ 
taph ist immer noch ein tolles Label. Sie haben viel für die 
Musik getan, gerade in der Zeit von 1990 bis 1997. BAD 
RELIGION, NOFX, PENNYWISE, RANCID - alles fantasti¬ 
sche Bands. Es war wie in den frühen Dischord-Jahren: ein 
Label hatte all die verdammt guten Bands. MINOR THREAT, 
GOVERNMENT ISSUE, S.O.A., TEEN IDLES, MARGINAL 
MAN, DAG NASTY. Was? All diese Bands sind auf diesem 
kleinen Label, das dieser Typ da, Ian, von zu Hause aus 
betreibt? Unglaublich! Brett hat in Los Angeles eigentlich 
das Gleiche getan, nur eben zehn Jahre später. In den späten 
Achtzigern waren es dann Cruz Records, die ALL, CHEMI¬ 
CAL PEOPLE oder BIG DRILL CAR hatten. DC Jam machen 
das eben heute. FISHBONE - klasse! T.S.O.L. - megaklasse! 
DOWN BY LAW - hoffentlich klasse, haha! Darren, der das 
Label betreibt, rief uns an und fragte nach Aufnahmen. Wir 
schickten ihm ein paar Demos und er schickte uns umge¬ 
hend ins Studio. Es war, als würde lange unterdrückte Ener¬ 
gie endlich frei gesetzt. 

Dann gab es noch THE SHARPSHOOTERS. 

Die waren nur ein Projekt und sind es auch geblieben. Ich 
mag Mod-Musik sehr gerne. In einer perfekten Welt würde 
ich eine Vespa und eine Lambretta besitzen und über¬ 
all diese Target-Sticker hinkleben. THE KINKS, THE HIGH 
NUMBERS, die frühen THE WHO, THE JAM - ich liebe die¬ 
sen Sound einfach. Mit den SHARPSHOOTERS haben wir 
versucht, Mod-Musik zu machen. 

Du hast auf vielen Platten gesungen, die heute als Klas¬ 
siker angesehen werden. Ist das eine Belastung für dich? 

Es ist ein Segen. Wenn du mir 1982, als „Brotherhood“ 
von DYS erschien, gesagt hättest, dass 2012 noch über das 
Album gesprochen werden würde, hätte ich dich für ver¬ 
rückt erklärt. Wir hätten doch 1982 niemals gedacht, dass 
wir 2012 mit DYS auf Europatour gehen würden. Und 
dann kamen DAG NASTY und wir nahmen „Can I Say“ 
auf. Meine liebste Erinnerung an diese Zeit ist die, wie ich 
den Gesang aufnahm. Das war im Keller von Don Zienta- 
ras Haus, gleich neben der Waschküche, und da sah ich, 
wie Ian MacKaye den Kopf schüttelte. Ich ging zu ihm, 
weil ich dachte, er fände meinen Gesang nicht gut. Aber 
er meinte nur: „Mann, ich denke, das wird eines der bes¬ 
ten Dischord-Alben überhaupt.“ Ich dachte mir: „Heilige 
Scheiße! Ian findet es gut.“ Dieser Moment hat mir viel 
bedeutet und ich werde immer noch sehr emotional, wenn 
ich daran zurückdenke. Bei DOWN BY LAW war es so mit 
„Punkrockacademyfightsong“. Die Platte war überall. „500 
miles“ habe ich neulich erst in Tampa, Florida gehört, als 
ich an einer Bar vorbeiging. 

Gehst du selbst noch als Fan zu Konzerten? 

Ja, natürlich. Wenn ich kein Musikfan mehr wäre, könnte 
ich mich auch von einer Brücke stürzen. Leider kann ich es 
nicht so oft tun, wie ich gerne wollte. Ich habe vier Kinder, 
bin mit DOWN BY LAW viel unterwegs. Neulich habe ich 
CAKE gesehen. Ist zwar keine Punkband, sie sind aber sein- 
witzig. Auf Tour sehe ich aber auch eine Menge Bands, wie 
7 SECONDS neulich. Kevin und ich haben rumgealbert und 
meinten nur, ob wir 1984 hätten? DYS und 7 SECONDS, 
und die Leute kommen immer noch zu unseren Konzerten. 
Konntest du je von der Musik alleine leben? 

Ja. DOWN BY LAW haben eigentlich die ganzen Neunziger 
hindurch soviel eingebracht, dass wir davon leben konn¬ 
ten. Mal sehen, ob das neue Album uns wieder dahin brin¬ 
gen kann. 

Dave, danke für deine Zeit. 

Guntram Pintgen downbylaw.com 


OX-FANZINE 31 













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2011 spielten TURBONEGRO auf den Hamburger Weltturbojugendtagen - mit einem neuen Sänger. Hank, der 15 Jahre lang ikonenhaft für die Osloer De- 
athpunks den Frontmann gemacht hatte, hatte 2010 die Band verlassen, die Ideen, Vorstellungen und Lebensweisen passten nicht mehr zusammen. Und 
nun also ein Neuer? Konnte das gutgehen? Die meisten Fans waren sich nach dem Auftritt einig: es konnte. Und die Band sah es genauso. Sogar Hank, der 
Mann mit den Arschraketen, war ersetzlich. Weitere Konzerte folgten, und nun mit „Sexual Harassment“ sogar ein neues Album, mit dem sich die Norwe¬ 
ger mal wieder neu erfinden. Tony Sylvester heißt der „neue Hank“, kommt aus London, ist seit den Neunzigern schon in verschiedenen anderen Bands 
aktiv gewesen, unter anderem bei DUKES OF NOTHING, und arbeitet zudem seit langem im Punkrock-Business, etwa für das alteingesessene Londoner 
Label-Studio-Vertriebs-Konglomerat Southern Records. Tony, der bei TURBONEGRO unter dem Namen The Duke of Nothing läuft, beantwortete bereit¬ 
willig meine Fragen, die immer wieder um das Thema kreisten „Wie ist es, wenn man plötzlich Sänger seiner Lieblingsband wird?“ 


Tony, was hast du heute gemacht? 

Gearbeitet, wie immer. Ich arbeite seit vielen Jahren für 
Southern Records, kümmere mich sowohl um deren Stu¬ 
dio wie um die „Katalogpflege“, also die Rereleases. Ich 
arbeite schon ewig für Southern, ich war 21, als ich da 
angefangen habe, und habe seitdem immer irgendwas 
gemacht, das mit Musik zu tun hat. Das Gute an Southern 
ist auch, dass man dort Verständnis für meine Bandaktivitä¬ 
ten hat und weiß, dass ich meine Arbeitszeiten danach aus- 
richten muss. Genau genommen habe ich seit meinem 16. 
Lebensjahr immer irgendwas gemacht, was mit Musik zu 
tun hat, und es erstaunt mich manchmal selbst, dass ich 
nie etwas „Richtiges“ gearbeitet habe. Ich habe Konzerte 
veranstaltet, Platten verkauft, war in Bands, und so weiter. 
Meine Eltern haben das, glaube ich, nie verstanden, aber 
mittlerweile haben sie sich damit abgefunden. Haha, ich 
habe die eigentlich immer schon mit allem enttäuscht, was 
ich gemacht habe. 

Nun haben sie aber doch endlich einen Grund, stolz auf 
dich zu sein: Seit einem Jahr bist du der Sänger einer 
weltweit bekannten und verehrten Band. 

Ich glaube, sie sind angesichts dieser Tatsache eher amü¬ 
siert als stolz. Ich wohne zusammen mit meiner Schwes¬ 
ter und meinen Neffen, und für die führe ich ein seltsames 
Leben: Ich fahre ein paar Tage weg, komme wieder, zeige 
ihnen den Scheiß, der in einer fremden Sprache über mich 
geschrieben wurde, und die finden das lusüg. 

Die werden doch aber sicher mal etwas gegooglet haben 
und dürften beispielsweise über die Arschraketenbilder 
deines Vorgängers gestolpert sein. So was verlangt nach 
Erklärungen. 

Erstaunlicherweise wurde das bislang nicht thematisiert - 
und ich bin froh darüber. Wenn es so weit kommen sollte, 
werde ich mir was überlegen, haha. 

Und was ist nun mit den Erwartungen des TURBONE- 
GRO-Publikums in Hinblick auf deine Bühnenshow? 

Ich denke, die Turbojugend will vor allem Beständigkeit: 
Die Leute wollen die Band live sehen, und sie muss gut 


und professionell sein. Das bekommen sie von mir, hahaha 
- und nach dem Konzert besaufe ich mich dann mit den 
Fans. Ich bin mir natürlich im Klaren darüber, wie wichtig 
die ganze Inszenierung drumherum war, aber ich würde 
sagen, heute ist es wichtiger, einfach eine gute, überzeu¬ 
gende Band zu sein. Ich denke, die Leute werden das ver¬ 
stehen. Und unsere Konzerte sind ja immer noch ein Spek¬ 
takel, eine gute Show - auch ohne Arschraketen. 

Kannst du dich noch an deine erste Begegnung mit TUR¬ 
BONEGRO erinnern? 

Oh ja! Im Rahmen meines Jobs bekam ich ein Paket mit 
Platten in die Hand, verbunden mit einer Anfrage, die in 
England zu vertreiben. Darunter war „Ass Cobra“, und es 
war einer dieser Momente im Leben, in denen man echt 
verwirrt ist. Ich hielt die Platte in der Hand und wusste 
nicht, was ich davon halten sollte: dieses Cover im Look 
von „Pet Sounds“ von den BEACH BOYS, diese homose¬ 
xuelle Aufmachung der Band auf dem Foto, und im Vor¬ 
dergrund ein deutscher Schäferhund. Dazu diese Songti¬ 
tel mit Referenzen an Alice Cooper und männliche Sexu¬ 
alität — das war bizarr! Ich hatte jedenfalls das Bedürfnis, 
mich genauer mit der Band zu beschäftigen. Dazu kam die 
Musik, dieser arrogant wirkende, seltsame, harte, heavy 
Sound, angelehnt an US-Hardcore, aber mit melodiösem 
Unterton - das erinnerte mich an POISON IDEA, das gefiel 
mir. Seitdem liebe ich die Band. 

Ich erinnere mich, dass ich seinerzeit ein Interview mit 
TURBONEGRO machte und überhaupt nicht wusste, 
woran ich bei ihnen bin: Sind die echt, ist das inszeniert? 

Mir ging es genauso, ich brauchte auch eine Weile, um 
herauszufinden, was es mit dieser Band auf sich hat. Ihr 
Image war beinahe schon beängstigend. Es gibt nur wenige 
Bands, die so einen eigenen Charakter haben, in der jedes 
Bandmitglied als eigene Persönlichkeit wahrgenommen 
wurde und wird. Speziell zu jener Zeit Mitte/Ende der 
Neunziger hoben sie sich krass ab von allen anderen Bands. 
Mir kam es so vor, dass sich alle anderen Bands damals 
sehr ernst nahmen, Post-Hardcore und Post-Punk waren 


angesagt. Und dann kamen TURBONEGRO und waren das 
exakte Gegenteil von allem. Ich sah sie dann allerdings erst 
1998 auch einmal live, sie tourten erst da mit der „Apo- 
calypse Dudes“-Tour in England. Und es war eine Über¬ 
raschung, denn was ich da sah und hörte, war eine ganz 
andere Band. Ich hatte sie als aggressiv und simpel in Erin¬ 
nerung, doch die Band auf der Bühne hatte diesen star¬ 
ken Glam-, Glitter- und Camp-Einschlag, war eher Classic 
Rock als Hardcore mit der starken Präsenz von Euroboy. Es 
war eine andere Band, aber auch die blies mich um, aber 
eben anders als vorher. Damals gründete ich dann die Tur¬ 
bojugend London. Persönlich getroffen habe ich die Band 
dann erst nach der Reunion von 2002. Ich war ein richtig 
großer Fan, ich organisierte eine Releaseparty zum „Scan- 
dinavian Leather“-Album 2003, und so weiter, ich wurde 
für die Band zu so einer Art Berater, ich kannte mich aus 
mit der Musikpresse in England. Als dann 2005 „Party Ani- 
mals“ erschien, machte ich die Pressearbeit in England für 
TURBONEGRO und so war ich damals immer in Kontakt 
mit der Band. 

Wie kam es dann letztlich dazu, dass die Band dich 
fragte, ob du ihr neuer Sänger werden willst? 

Das war Toms Idee. Wir hatten in der Zeit davor nur wenig 
voneinander gehört, sie spielten kaum mal in England. 
Dann ergab es sich, dass ich im Mai 2011 nach Oslo flog 
um, um mir dort ein Konzert von Boyd Rice anzuschauen. 
Ich mailte Tom im Vorfeld, er kam auch zum Konzert, und 
so trafen wir uns nach langer Zeit mal wieder. Er fragte 
mich dann direkt, ob ich nicht Lust hätte, beim anstehen¬ 
den Weltturbojugend-Konzert in Hamburg als Gastsänger 
mit ihnen aufzutreten. Er hatte auch schon andere Leute 
gefragt, etwa Keith Morris von OFF! und Damian von 
FUCKED UP. Ein paar Tage später rief er mich an, und ich 
sagte zu. 

Banderfahrung hattest du schon. 

Genau, ich war bei DUKES OF NOTHING und bis letz¬ 
tes Jahr in 33, einer kleinen Hardcore-Band, die ich mit 


OX-FANZINE 32 













Freunden zusammen hatte. Die Sache mit TURBONEGRO 
war insofern etwas blöd, da wir damals ein paar Konzerte 
mit GALLOWS hätten spielen können, aber meine Bandkol¬ 
legen hatten Verständnis. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, 
ob das was werden würde mit mir und TURBONEGRO, ich 
hatte meine Bedenken. Seltsamerweise klappte dann aber 
alles richtig gut. 

Warum „seltsamerweise“? 

Ich dachte, dass meine Stimme sich zu sehr von Hanks 
unterscheidet, und dann die ganzen alten Songs mit neuem 
Gesang ...? Meine Stimme ist viel rauher und aggressiver. 
Ich bat deshalb darum, bei den Proben eher Songs zu 
spielen, wo Hank mit relativ tiefer Stimme singt, und das 
klappte ganz gut, und so wurde ich allmählich sicherer. Ich 
fragte Tom, was er von meiner Leistung hält, und er sagte 
nur „You’re in!“. Und bei den Turbojugend-Tagen klappte 
dann auch alles. 

Was denkst du, was die anderen bei TURBONEGRO 
überzeugt hat, dass du der Richtige bist? 

Sie waren von dem Live-Auftritt angetan, ihnen gefiel 
meine etwas aggressivere Art. Und du musst sehen, dass die 
Jahre davor echt hart waren für sie. Die Band gab es schon 
seit zwanzig Jahren, der Sänger war 2009 ausgestiegen, 
Euroboy musste gegen seine Krebserkrankung ankämpfen, 
Chris, der langjährige Drummer, war nicht mehr dabei, 
Rune ebenfalls ... Sie vermissten es, live zu spielen, die 
ganze Band-Erfahrung. Ich brachte dann die nötige Aggres¬ 
sion und „Hunger“ mit, und die Rolle des neuen Drum¬ 
mers Tommy darf man auch nicht unterschätzen, der ist 
richtig gut. Der bringt den Sound der Band aus dem Hin¬ 
tergrund sehr druckvoll voran. Ich glaube, die anderen in 
der Band hatten einfach Spaß an der neuen Interpretation 
der Lieder, die sie seit Ewigkeiten spielten, die für sie schon 
etwas zur Routine geworden waren. 

Wie ist dein Status in der Band? Die kennen sich alle 
schon ewig, und ich habe immer den Eindruck gehabt, 
dass die Rollenverteilung ziemlich klar ist, dass Tom die 
Ideen hat und steuert. 

So stimmt das nicht: TURBONEGRO hat drei Gehirne. Tom 
ist der, der die Band in der Öffentlichkeit vertritt, er ist der 
„Ideologe“, er gibt die Interviews, und da kann man schon 
den Eindruck haben, er sei der zentrale Mann in der Band. 
Aber da ist auch noch Rune, der Mann fürs Praktische, fürs 
Geschäft. Und natürlich Knut alias Euroboy, der mit seinem 
Gitarrenspiel sogar den Songs den finalen Glanz verpasst, 
die er gar nicht selbst geschrieben hat. Rune spielt zudem 
die Rhythmusgitarre, die wichtig ist, deren Bedeutung aber 
oft unterschätzt wird. Tommy darf man auch nicht verges¬ 
sen, der war jahrelang der Drum-Techniker der Band, er 
kennt alles im Detail und ist entsprechen auch ein wichti¬ 
ger Teil der Band. Es hat übrigens eine ganze Weile gedau¬ 
ert, bis ich angefangen habe, von TURBONEGRO nicht 
mehr als „sie“ sondern von „wir“ oder „uns“ zu bespre¬ 
chen. Aber das ist wohl normal, und ich bin jetzt auch ein 
richtiger Teil der Band, war bei den Albumproben dabei, 
habe mich auch am Songwriting beteiligt. 

Habt ihr euch schon ein spezielles Image für dich aus¬ 
gedacht? 

Das war ganz einfach: Tom und ich haben in Oslo rum¬ 
gealbert, uns irgendwelche Fotos auf dem Handy gezeigt, 
und da war eines dabei von mir beim Londoner „Tweed 
Run“, einem historischen Fahrradrennen, und das gefiel 
Tom so gut, dass mein Name feststand: ich wurde der 
Duke of Nothing. Das ist ja das alte Spiel von TURBONE¬ 
GRO, und es ist zweigleisig: einerseits geht es darum, rich¬ 
tig gute Songs zu schreiben, andererseits um das Spiel mit 
Rock’n’Roll-Klischees. Und zu mir als Engländer passt 
dann natürlich , irgendwie mit dem Klischee des Adligen 
zu spielen, wobei das auch etwas in Richtung „Clockwork 
Orange“ geht. Aber auch „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ passen 
dazu, Sherlock Holmes, Benny Hill, Fußball-Hooligans - 
all das fließt in die Rolle ein. Und ich sehe mein Auftre¬ 
ten auf der Bühne irgendwo zwischen Freddy Mercury und 
James Brown, hahaha. 

Klingt nach einer Menge Spaß! Doch es gibt sicher auch 
Schattenseiten, oder? 

Es ist schon eine neue Situation, und ich habe wirklich 
unterschätzt, wie groß das mediale und auch das Publi¬ 
kumsinteresse an TURBONEGRO ist. Ich bin in die ganze 
Sache viel stärker eingebunden, als ich dachte. Außerdem 
ist es doch ein ganzes Stück anstrengender, mit TURBO¬ 
NEGRO auf der Bühne zu stehen. Vorher bellte ich ein paar 
kurze Hardcore-Songs, jetzt brauche ich mehr Stehvermö¬ 
gen für ein 90-Minuten-Set, zudem sind bei TURBONE¬ 
GRO keinerlei Tricks im Einsatz. Ich habe mich wirklich 
reingekniet, um fit zu werden für die neue Rolle, und die 
Mühe zahlt sich aus. Ich finde ja, dass Drummer und Sän¬ 
ger in einer Band unterschätzt werden, da ist wirklich 90 
Minuten Höchsdeistung gefragt. 

Wurdest du in dieser Hinsicht von deinen neuen 
„Arbeitgebern“ ins Gebet genommen? 

Nein, ich habe das schon selbst festgestellt. Der Unter¬ 
schied zu meinen bisherigen Bands ist einfach, dass das 
alles Bands waren, von denen keiner was erwartete. Wenn 
wir irgendwo auftraten, dann als Vorband, und so kamen 


die Leute wegen der anderen Band, oder um ganz allge¬ 
mein einfach ein Konzert zu sehen - aber nicht wegen 
uns. Ich stellte mich da hin, sang, und es war gut, irgend¬ 
welche Erwartungen des Publikums spielten keine Rolle. 
Jetzt aber hat das Publikum Erwartungen, basierend auf der 
20-jährigen Geschichte der Band, und die Leute bezahlen 
ordentlich Eintritt, um sie zu sehen. Bei meinen früheren 
Bands kam es schon mal vor, dass ich zu besoffen war, um 
noch was geregelt zu bekommen, das ist bei TURBONE¬ 
GRO nicht drin. Da muss man sich ganz auf den Auftritt 
konzentrieren. 

Dein Vorgänger hatte so seine Probleme mit dem 
Rock’n’Roll-Lifestyle, Drogen und so weiter haben ihm 
nicht gutgetan. Hat man so was im Hinterkopf? 

Ich will da nicht ins Detail gehen, aber ich glaube Hanks 
Probleme hatten nur bedingt etwas mit der Band zu tun, 
sondern eher mit seinem Leben vor und neben der Band. 
Wenn es eine direkte Folge von Rock’n’Roll wäre, müsste 
ja jeder, der in einer Band spielt oder singt, so drauf sein. 
Und ich habe auch kein schlechtes Gewissen, dass ich 
Hank aus der Band gedrängt hätte oder so, denn das ist ja 
nicht der Fall, er hatte die Band mit Ankündigung verlas¬ 
sen, ich kam erst später ins Spiel. Die große Mehrheit der 
Fans findet auch gut, was ich mache, aber natürlich gibt es 
ein paar, die kritisieren, es sei jetzt ohne Hank nicht mehr 
wie früher. Aber das hat auch nie jemand behauptet, das 
ist jetzt eine neue Band. Andererseits ist es einfach so, dass 
TURBONEGRO in ihrer eigenen Liga spielen: Sie haben 
Deathpunk erfunden, und wenn TURBONEGRO sagen, das 
ist Deathpunk, dann ist das Deathpunk. Und wer es immer 
noch nicht kapiert: die anderen, alten TURBONEGRO kom¬ 
men nie wieder zurück, also nimm die oder keine. Wenn 
du die neuen nicht willst, schön, dann hör dir die ganzen 
alten Platten an, aber sei nicht kindisch. 

Auf dem neuen Album „Sexual Harassment“ findet sich 
ein Titel namens „Rise below“ - ist es Zufall, dass ich da 
an „Rise above“ von BLACK FLAG denke? 

Haha, natürlich! Aber da steckt auch was von „death from 
above“ und „death from below“ drin. Es klingt einfach gut. 
Dann verrate mir doch bitte auch, was an „sexueller 
Belästigung“ so gut klingt, dass man sein Album so beti¬ 
telt? 

Der Titel geht auf ein Erlebnis von Knut zurück: der war in 
einer Disco, der DJ spielte irgendeine alte Detroit-Techno- 
Nummer und er wollte wissen, wie der Song heißt, und 
er versuchte das mit der iPhone-App Shazam herauszufin¬ 
den. Ein paar Sekunden später stand auf seinem Display 
„Sexual Harassment“ - der Name des Künsders - und er 
musste lachen. Er erzählte Tom die Geschichte, der fand sie 
gut, und da bei TURBONEGRO der Albumtitel wohl immer 
als Erstes steht, war der gefunden. Wir diskutierten dann 
zwar noch ein paar andere, kamen aber immer wieder auf 
den zurück, er ist einfach zu perfekt: Das steckt Sex drin, 
und auch „ass“, hahaha. Außerdem ist der Titel von so 
einer gewissen kindischen Naivität, dass er uns auch des¬ 
halb gefiel. Wir spönnen herum und kamen darauf, dass 
das ja auch der Name einer Band aus der hintersten nor¬ 
wegischen Provinz von Mitte der Achtziger hätte sein kön¬ 
nen. Und was die Möglichkeit betrifft, dass sich jemand 
von dem Titel beleidigt fühlt, so kann ich mir das bei TUR¬ 
BONEGRO sowieso nicht mehr vorstellen. Aber sei versi¬ 
chert, der Titel soll keinerlei Billigung der entsprechenden 
Verhaltens implizieren. 

Wie ist das für dich, wenn du all die alte TURBONE- 
GRO-Songs singst, Texte, die nicht von dir stammen, 
die von Nicht-Muttersprachlern geschrieben wurden? 
Wobei Happy-Tom ja ein halber Amerikaner ist. 

Stimmt, Tom hat in den USA gelebt und ist zweisprachig 
aufgewachsen. Abgesehen davon ist das Englisch der Nor¬ 
weger generell phänomenal. Von daher sind mir die Texte 
von TURBONEGRO noch nie irgendwie seltsam vorgekom¬ 
men. Vielmehr spielen sie immer wieder mit Englisch als 
Fremdsprache, etwa durch Hanks übertriebenen Akzent 
bei seinen Ansagen. Mir ist also bei keinem Song irgend¬ 
was aufgefallen, das mir komisch vorkam. Die Texte der 
neuen Platte sind aber vielleicht schon etwas „englischer“. 
Wie hat die britische Musikpresse auf dich reagiert? 

Eine große Rolle spielen TURBONEGRO hier nicht. Nach 
Norwegen kommt für uns erst mal Deutschland und dann 
vielleicht an vierter Stelle England. In der Tageszeitung 
Guardian kam gerade ein Artikel, und ansonsten waren die 
Reaktionen bislang auch gut. Aber das ist kein Vergleich mit 
Skandinavien, wo die Band ein echtes Phänomen ist. 

Was steht für den Rest des Jahres an? 

Festival und Touren! Erst Europa, dann USA und Austra¬ 
lien, und nächstes Jahr geht es so weiter, denke ich. Ich 
freue mich drauf, denn die Stimmung in der Band ist rich¬ 
tig gut. Es fühlt sich wie eine neue Band an, alle sind total 
enthusiastisch, und das ist erstaunlich für eine Band, die 
schon über 20 Jahre existiert. Mir hat sich mit der Rolle 
des Sängers da eine Gelegenheit geboten, die ich nie für 
möglich gehalten hätte. Und die anderen hätten wohl auch 
nicht gedacht, dass es für sie noch mal diese Chance geben 
würde. It’s pretty good right now. 

Tony, danke für deine offenen Antworten. 

Joachim Hiller turbonegro.com 



sich fügen heißt lügen 


SLIME Herbsttour 


02.10. Dresden - Schlachthof 
03.10. Chemnitz - AJZ 
04.10. Göttingen - Musa 

10.10. Karlsruhe - Substage 

11.10. Frankfurt - Zoom Club 

13.10. Essen - Zeche Carl 

17.10. Hannover - Faust 

18.10. Bremen - Schlachthof 

19.10. Kiel - Die Pumpe 

25.10. Köln - Gebäude9 

26.10. Münster-Sputnikhalle 
07.11. Würzburg - Posthalle 
08.11. Erlangen - E-Werk 

09.11. München - Theaterfabrik 

14.11. A- Wien - Arena 

16.11. Stuttgart - LKA Longhorn 

22.11. Düsseldorf - Zakk 

23.11. Osnabrück - Rosenhof 

24.11. Magdeburg - Factory 
01.12. Aachen - Musikbunker 
06.12. Berlin -S036 

14.12. Leipzig - UT Connewitz 

20.12. Hamburg - Markthalle 


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RUBÄCK 

KONZERTE 


OX-FANZINE 33 







THE HIVES 


DER TYRANNOSAURUS HIVES STIRBT NIEMALS AUS 


Es gibt wohl kaum selbstbewusstere Interviewpartner als THE HIVES. Bescheidenheit suchte man bei den Schweden ja schon immer vergeblich, die wurde 
wahrscheinlich 1993 auf dem Weg zur ersten Show über Bord geworfen und lieber durch ein paar wohlgenährte Egos ersetzt. Aber wenn man dann mal 
genau hinschaut, sieht man, dass THE HIVES eine wirklich hart arbeitende Band sind, die sehr hohe Maßstäbe an sich selbst setzen und mit Leib und Seele 
dem Rock’n’Roll verfallen sind. Und das Selbstbewusstsein ist ja auch angebracht, haben die fünf Herren doch mit „Lex Hives“ gerade ihr bestes Album 
seit einigen Jahren herausgebracht. Die damit verbundene Rückkehr zur DIY-Ethik und zum energiegeladenen Garagerock dürfte ihnen in Punkrock- und 
Rock’n’Roll-Kreisen zum Comeback verhelfen, obwohl sie ja eigentlich nie weg waren. Drummer Chris, Gitarrist Nikolas und Bassist Matt sind dementspre¬ 
chend zufrieden, als sie über das neue Album, die Arbeitsweise der Band und darüber, wie Rock’n’Roll sein sollte, sprechen. 


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Fünf Jahre liegen zwischen dem neuen Album „Lex 
Hives“ und dem Vorgänger „The Black And White 
Album“. Was habt ihr so getrieben während dieser Zeit? 
Chris: Weißt du, wir sind recht bekannt dafür, gute Live- 
Shows zu spielen. Deshalb wollen Leute auf der ganzen 
Welt, dass wir in ihrem Land spielen. Ich denke, dass die 
ziemlich faul sind, sie reisen nicht in andere Länder, um 
uns zu sehen - also müssen wir in jedem Land der Welt 
spielen. Das haben wir bis jetzt noch nicht ganz geschafft, 
aber wir versuchen es. Wir versuchen, immer mehr Länder 
nach einem neuen Album zu besuchen, und deshalb tou¬ 
ren wir immer ziemlich lange. Wir waren nach „The Black 
And White Album“ fast drei Jahre unterwegs. 

Und anschließend habt ihr gleich angefangen, neue 
Songs aufzunehmen? 

Nikolas: Genau. Zumindest haben wir an neuen Sachen 
gearbeitet. Ich glaube, ich kam so um die Weihnachts¬ 
zeit von der letzten Tour nach Hause. Eigentlich sollte ich 
danach ein bisschen frei haben, aber gleich am nächs¬ 
ten Morgen war ich in meinem Studio und habe ein paar 
Sachen aufgenommen. Es gibt tatsächlich nur einen einzi¬ 
gen Grund, warum man so was tut: weil es Spaß macht. 
Chris: Das erste Stück, das wir für „Lex Hives“ gemacht 
haben, entstand vor über zwei Jahren in Berlin in den 
Hansa-Studios. Da arbeitet ein Freund von uns, Mika Lind¬ 
berg, der hat schon an frühere Alben Hand angelegt. 

Ich habe den Eindruck, dass ihr dieses Mal alles kom¬ 
plett selbst in der Hand hattet: also Produktion, Aufnah¬ 
men und Veröffentlichung. War das ein anderer Prozess 
als bei den früheren Alben? 

Chris: Wir haben schon die letzten zwei Alben selbst ver¬ 
öffentlicht, haben sie dann an ein großes Label lizensiert, 
in dem Fall Interscope. Aber dieses Mal sind die Lizenzen 
an verschiedene Labels auf der ganzen Welt gegangen. Es 
hatte sowohl Vor- als auch Nachteile, das Interscope für 
alles verantwordich war. In manchen Ländern sind wir 
richtig durchgestartet, aber zum Beispiel in den USA fie¬ 
len die Reaktionen zurückhaltender aus. Deswegen arbei¬ 
ten wir jetzt weltweit mit verschiedenen Leuten, die die 
Band mögen, und nicht nur mit einem einzigen großen 
Unternehmen. Das ist völlig neu für uns, wir haben vorher 
nicht so gearbeitet. 

Nikolas: Wir möchten damit vermeiden, dass ein einzi¬ 
ges Label diktiert, wie viel Arbeit weltweit in ein Album 


gesteckt wird. Denn wenn dem Hauptbüro unser Album 
nicht gefallen sollte, wird das auch im Rest der Welt so aus- 
sehen, auch wenn es anderen vielleicht sogar gut gefal¬ 
len hätte. 

Und ihr würdet sicherlich auch sagen, dass das neue 
Album das beste ist, das ihr je gemacht habt, stimmt’s? 
Chris: So ist es. Denn es wird niemals so weit kommen, 
dass wir ein Album machen, das wir nicht besser finden 
als das vorherige. Es gibt aber unterschiedliche Gründe, 
aus denen auch unterschiedliche Alben resultierten. Man 
hat eine Vorstellung davon, wo man mit dem Album hin¬ 
möchte, und dann kommen dabei eben verschiedene Plat¬ 
ten heraus. Aber wir mögen sie alle. Dass wir „Veni Vidi 
Vicious“ mögen, bedeutet aber nicht, dass wir nicht „Lex 
Hives“ auf andere Art noch mehr mögen. 

Gibt es denn eine konkrete Weiterentwicklung von 
einem HIVES-Album zum nächsten? 

Nikolas: Ja, die sind für uns sehr verschieden. Die ers¬ 
ten drei haben eine ähnliche Entstehungsgeschichte, 
haben sich aber letztlich auch von einander unterschie¬ 
den. „The Black And White Album“ war eine ganz andere 
Geschichte, da haben wir mit diesen ganzen Produzenten 
und berühmten Leuten gearbeitet. Wir mögen das Album, 
aber als es fertig war, wollten wir wieder einen Schritt 
zurück machen, und das neue Album sollte wieder so 
HIVES-mäßig wie möglich werden. Wir saßen zusammen 
und haben überlegt, wie wir das hinbekommen. Wenn wir 
etwas so HIVES-mäßig wie möglich machen wollen, sollte 
es besser niemanden geben, der sich da einmischt. Also 
haben wir versucht, alles selbst zu produzieren, selbst ein¬ 
zuspielen und für alles eigene Ideen zu entwickeln. Wir 
sind damit sehr zufrieden. Ist es demnach das beste Album, 
das wir je gemacht haben? Natürlich ist es das! 

Nach „The Black And White Album“ schien es, als sei 
die Hauptsache für die Leute eure Zusammenarbeit mit 
Timbaland und den anderen Typen. Nervt es nicht auf 
Dauer, wenn nur interessant ist, mit wem ihr einen Song 
aufgenommen habt? 

Matt: Das kommt darauf an. Man bekommt die ganze Zeit 
diese Fragen gestellt. Es hat uns mehr belastet, bevor wir 
es gemacht haben, aber hinterher war es eine gute Sache. 
Es war eine großartige Erfahrung, denn wir haben viel 
gelernt, es hat uns durchweg positiv beeinflusst. 


Nikolas: Die Frage überrascht einen auch nicht, denn wir 
waren erfolgreich im Rock und die waren erfolgreich im 
HipHop, oder wie auch immer die das nennen. Es ist ein 
bisschen, als würde man ein Album mit dem Präsidenten 
der Vereinigten Staaten machen, jeder würde dann fragen: 
„Wie war das, mit dem Präsidenten ein Album aufzuneh¬ 
men?“ Es ist eigendich immer dasselbe, sobald jemand 
„Außergewöhnliches“ dazukommt, fangen Leute an, sol¬ 
che Fragen zu stellen - vermutlich sogar mehr, als wenn 
wir ein Album mit einem Staatsoberhaupt gemacht hätten. 
Matt: Seid ihr etwa politisch geworden ...? 

Nikolas: Ja, so was in der Art. 

Aber irgendwie seid ihr ja schon politisch: Das neue 
Album heißt ja „Lex Hives“ - das Gesetz der HIVES ... 
Nikolas: Wir stellen immer einen Haufen Gesetze auf, bei 
allem, was was wir tun. Das „Lex Hives“ beinhaltet, was 
genau so großartig an den HIVES ist. Man kann also fra¬ 
gen: Warum sollten THE HIVES ein Album machen, das 
genau nach THE HIVES klingt? Weil es unglaublich gut sein 
wird. Ich würde sagen, so wie unsere Lieblingsbands ja 
auch immer viel Persönlichkeit besaßen, hatten wir immer 
das Gefühl, dass wir auch eine bestimmte Persönlichkeit 
haben, und die ist eben HIVES-typisch. Das war immer so, 
denn wenn wir irgendetwas gemacht haben, konnte man 
genau sagen: „Nee, das ist nicht sehr HIVES-mäßig.“ Oder 
wir machen ein Video und wissen einfach: „Oh, das ist 
sehr HIVES-mäßig.“ Wir hatten immer unsere eigene Iden¬ 
tität und die sollte sich auf diesem Album voll entfalten. 

Das erinnert mich an Bands wie KISS, die auch zu einer 
großen „Marke“ wurden. Jeder kennt das KISS-Logo. 
Möchtet ihr das auch erreichen, dass THE HIVES eine 
bekannte Marke werden? 

Nikolas: Da denke ich auch an THE RAMONES, DE AD 
KENNEDYS, AC/DC, MISFITS, THE ADICTS. Alle Bands, 
die wir mögen, vor allem die Garagerock-Bands aus den 
Achtzigern wie THE FUZZTONES und DEAD MOON, hat¬ 
ten eine unverwechselbare Persönlichkeit. Nicht unbe¬ 
dingt so wie Frank Sinatra, bei dem jeder weiß, wie er aus¬ 
sah, und seine Lieder kennt - darauf kann man stolz sein. 
Was nun KISS angeht, die haben damit echt etwas über¬ 
trieben. Viele Leute vergessen bestimmt, dass die eigentlich 
Musik machen und nicht nur irgendwelche Cartoon-Figu¬ 
ren sind. Das mag ich an meinen Lieblingsbands, dass sie 


OX-FANZINE 34 


FOTO: ANNIKA BERGLUND 









in dieser Beziehung so weit gehen. Das ist genial, grenzt aber manchmal schon an Dumm¬ 
heit, was ich auch mag. So wie Litde Richard mit Pompadour-Frisur auf die Bühne kommt 
und einfach krassen Rock’n’Roll abliefert. Das ist es, was ich sehen will: ich will, dass 
meine Rock’n’Roll-Idole Leute sind, die ich mir live ansehen will. Das ist auch der Grund, 
warum ich mir keine Shows von Pop-Bands anschaue, die sich beim Spielen nur auf die 
Füße starren, ich finde das einfach nicht interessant und es gibt mir nichts. 

Ist das auch eine wichtige Sache für THE HIVES? Das Publikum zu unterhalten und 
sich eben nicht nur auf die Füße zu starren? 

Chris: Wir sehen uns als Entertainer und haben immer versucht, die Band zu sein, die wir 
selbst gerne sehen würden, um Spaß zu haben. Wenn wir uns scheiße fühlen wollten, dann 
würden wir nicht zu unseren Shows gehen. Wir sind da, um die Leute zu unterhalten und 
ihnen ein Erlebnis zu schenken, dass sie nie vergessen werden. 

Nikolas: Rock’n’Roll ist außer Kontrolle geraten, als die Bands anfingen, sich selbst zu 
ernst zu nehmen. Rock’n’Roll muss übertrieben sein, es muss Spaß machen. Es wurde von 
20 Besoffenen in einem Raum erfunden, die Spaß hatten. Und die haben sich nicht auf die 
Füße gestarrt. Außer sie dachten vielleicht, das wäre die lustigste Sache der Welt, haha. Was 
für witzige Füße! Da muss Action sein. 

Lasst uns über den Albumtitel sprechen: Ihr hattet „Veni Vidi Vicious“ und jetzt „Lex 
Hives“ - man könnte denken, dass ihr ein Faible für historische römische Anspielun¬ 
gen habt. Seid ihr wirklich interessiert an römischer Geschichte? 

Nikolas: Ja, ich denke schon. Es klingt auch gut. Der Titel „HowWe Made A Record About 
The Law About The Hives“ hätte sich nicht besonders eindrucksvoll angehört. „Lex Hives“ 
hingegen schon, genau wie „Tyrannosaurus Hives“. 

Matt: Alle Wege führen nach Rom und die ganze Mythologie ist sehr interessant, auch die 
Architektur. Aber das ist nicht unser Hauptgedanke. 

Nikolas: Wir sind nicht davon besessen, es sind nur zwei von fünf Alben, die diese Refe¬ 
renzen haben. Wir mögen es, es ist witzig. Wir haben ja auch französische Songtitel, viel¬ 
leicht haben wir generell ein linguistisches Interesse. 

Aber das Römische Reich brach zusammen, die Dinosaurier sind ausgestorben - ich 
will eigentlich nicht, dass THE HIVES aussterben ... 

Matt: Das ist nun mal der Lauf der Natur. 

Nikolas: Aber der „Tyrannosaurus Hives“ ist nie ausgestorben, der bleibt für immer. 

Denkt ihr, dass ihr bereits Dinosaurier der Rockmusik seid? 

Nikolas: Nein. Wenn man darüber nachdenkt, warum die Dinosaurier und das Römische 
Reich nicht mehr existieren, so liegt es daran, weil sie nur auf sich selbst fokussiert waren. 
Aber die HIVES machen Rockmusik, und das ist etwas, das ewig währt. Darum hören die 
Leute auch immer noch die ganz frühe Rock’n’Roll-Musik. Und die besteht aus Noten und 
bestimmten Posen, was immer populär bleiben wird. Was unsere Selbstwahrnehmung als 
Dinosaurier angeht: Wir haben darüber nie nachgedacht, und letztes Jahr haben wir dann 
bemerkt, dass nächstes Jahr unser 20-jähriges Jubiläum sein wird. So hat sich das aber nie 
für uns angefühlt, uns kommt es eher so vor, als hätten wir gestern erst angefangen. Ich 
betrachte vielleicht die ROLLING STONES oder AC/DC als Dinosaurier des Rock’n’Roll, 
aber wann immer ich mir eine Show von ihnen ansehe, finde ich sie immer noch großar¬ 
tig. Falls sie also Dinosaurier sind, dann sind sie verdammt großartige Dinosaurier. 
Überrascht es euch tatsächlich, dass ihr schon so lange dabei seid? 

Nikolas: Es überrascht uns mehr, als dass es etwas Besonderes für uns wäre. Es fühlt sich 
aber ein bisschen komisch an, dass es schon 20 Jahre sind. Wir haben es verpasst, unser 
Zehnjähriges zu feiern, denn wir haben irgendwann festgestellt: „Oh, das war ja schon 
letztes Jahr.“ Wir dachten darüber nach, unser elfjähriges Jubiläum zu feiern, aber das 
haben wir dann auch nicht gemacht. Vielleicht feiern wir das nächste Jubiläum, oder wir 
sind wieder viel zu sehr damit beschäftigt, eine unglaubliche Rock’n’Roll Band zu sein, 
und vergessen es wieder. 

Chris: Wir haben darüber nachgedacht, die Tatsache zu feiern, dass wir mit diesem Album 
fertig sind. Haben wir aber dann auch nicht gemacht. Wir wollen einfach live spielen, das 
ist die größte Party überhaupt. Ich denke, wir setzen uns einfach mal zusammen und fei¬ 
ern, dass das Album fertig ist, denn wir sind sehr zufrieden damit. Und während wir das 
tun, können wir darüber nachdenken, ob wir etwas machen sollten, wenn wir 20 werden. 
Nikolas: Bis jetzt ist es wie eine endlose Achterbahnfahrt: man weiß nicht, ob man mitten¬ 
drin, am Anfang oder am Ende der Fahrt ist. Im Moment genießen wir es einfach. 

Ihr wirkt wie eine sehr selbstbewusste Band. Seid ihr dennoch sehr kritisch, wenn ihr 
ein Album macht? 

Nikolas: Ja, sehr kritisch. Deswegen sind wir auch so selbstbewusst und zufrieden, wenn 
ein Album fertig ist: weil es großartig ist! Aber es ist eine Tortur, ein Album zu machen, mit 
schlaflosen Nächten, in denen man denkt: Der Part ist nicht so gut wie dieser Part, und die¬ 
ses oder jenes müssen wir ändern. Man ist die ganze Zeit am Verbessern. Man nimmt etwas 
auf und ändert permanent Sachen, die einem nicht gefallen. Es ist, wie eine Wand zu ver¬ 
putzen und zu streichen - man spachtelt überall Löcher zu. 

Wie entstehen eure Alben denn im einzelnen, kommt jemand bereits mit einem kom¬ 
pletten Song an oder entwickelt ihr die Songs erst zusammen im Studio? 

Nikolas: Das ist ganz verschieden, jeder Song entsteht auf andere Weise. Wir wollen das 
auch so. Manchmal jammt die Band zusammen, manchmal sind es Ideen, die aus ande¬ 
ren Bereichen kommen, manchmal fängt alles mit einem Witz, einer Melodie oder Bassli¬ 
nie an. Wir wollen, dass jeder Song seine eigene Persönlichkeit hat, nur daher kommt die 
ganze Dynamik. Wenn man die Songs immer auf die gleiche Art schreibt, hört sich das an 
wie bei einem Singer/Songwriter, der mit der Melodie auf der Gitarre beginnt und dann 
die Texte draufpackt. Dann gliedert er den Song in Strophe, Refrain, Strophe, Zwischen¬ 
spiel, Refrain, Refrain, und das war es dann. Das wollen wir ändern, denn wir möchten, 
dass jeder Song verschieden ist, und das braucht Zeit. Es bedeutet, dass man die Songs 
nicht wie am Fließband schreibt, jeder Song muss wie eine neue Erfindung sein. 

Was ist euer Lieblingssong auf „Lex Hives“? 

Chris: Das ist ganz unterschiedlich. Aber ich bin ziemlich angetan von „Wait a minute“, 
ich denke, der ist verdammt genial. Ich liebe alle zwölf Songs. Es ist nicht so, dass man, 
wenn man einen Song liebt, die anderen dafür nicht mag. Es sind alles deine Babys. 

Matt: Ich glaube, mein Favorit ist „Midnight shifter“, denn der ist komplett in D gespielt. 
Nikolas: Wie Chris schon gesagt hat, ist das unterschiedlich. Jeder Song war mein Favorit 
in dem Moment, als wir ihn aufgenommen haben. Ich mag „Go right ahead“ und „Patrol- 
ling days“, aber „Midnight shifter“auch. 

Letzte Frage: Wenn ihr die Welt für einen Tag regieren könntet, was würdet ihr ändern? 
Chris: Ich würde alles Schlechte vernichten, inklusive Kriege und Krankheiten. Ich würde 
jeden glücklich, gesund und zum HIVES-Fan machen. 

Klingt ja irgendwie nach einem schönen Hippie-Traum. 

Nikolas: Ja, lasst uns alle Hippies werden. 

Gary Flanell thehivesbroadcastingservice.com 

Mitarbeit: Christina Wenig 



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OX-FANZINE 35 








BREAKING THE RUIES SINCE 1979 


Die US-Punkband FLIPPER aus San Francisco ist seit 33 Jahren aktiv. Als Anfang der Achtziger Jahre viele Bands in der aufstrebenden Hardcore-Punk- 
Szene versuchten, möglichst schnell zu spielen, blieben FLIPPER ihrem gedrosselten Tempo und ihrem schweren, lärmenden Sound treu und prägten 
damit nicht nur Gruppen wie NIRVANA (Kurt Cobain trug 1992 während der „MTV Saturday Night Unplugged Live“-Performance ein selbstgemaltes 
FLIPPER T-Shirt) oder MELVINS, sondern nahmen quasi Grunge und Noise-Rock vorweg. Allerdings sorgten Todesfälle - mit Will Shatter (1987) und John 
Dougherty (1997) starben gleich zwei Bassisten an einer Überdosis Heroin -, Unfälle (Sänger Bruce Loose erlitt 1993 bei einem Verkehrsunfall schwere 
Rückenverletzungen und ging danach einige Jahre am Stock), sowie weitere gesundheitliche Probleme (Bruce Loose bekam erst vor einigen Jahren sei¬ 
ne Heroinsucht in den Griff) für einige Unterbrechungen. Anlässlich einiger GBGB’s-Benefizkonzerte fand die Band 2005 wieder zusammen und konn¬ 
te 2006 für Promo-Gigs zum Film „American Hardcore“ Krist Novoselic (ex-NIRVANA) als Bassisten gewinnen. Novoselic blieb einige Jahre und FLIP¬ 
PER veröffentlichten mit ihm zusammen sogar zwei neue Alben. Im April 2012 waren FLIPPER in der Besetzung Rachel Thoele (Bass), Ted Falconi (Gitar¬ 
re), Steve DePace (Schlagzeug) und Bruce Loose (Gesang) nicht nur in Hamburg zu Gast, sondern Steve, Bruce und Ted standen freundlicherweise auch 
zu einem Interview bereit. 


Bevor wir über FLIPPER sprechen, möchte ich gerne 
wissen, wie ihr mit Punk in Berührung gekommen seid. 
Wie war das bei dir, Bruce? 

Bruce: Punk entdeckte ich durch einen ehemaligen Mit¬ 
schüler, den ich 1977 wieder traf. Das war für mich das 
Richtige, das war vorherbestimmt. Der Anstoß, selbst aktiv 
zu werden, kam durch Malcolm McLaren und seine SEX 
PISTOLS. Uns war bereits damals klar, dass das etwas ganz 
anderes war, ein komplett kommerziehes Projekt. 

War Punk für dich etwas Politisches oder war die musi¬ 
kalische Seite interessanter? 

Bruce: Es war die Geisteshaltung! Diese Freiheit zu denken, 
das war ein Unterschied zur herkömmlichen Denkweise in 
San Francisco. Es war egal, wer du bist. Diese Möglichkei¬ 
ten und Freiheiten in der Ausdrucksweise, die haben mich 
angesprochen. 

Steve, du warst zusammen mit Will Shatter bereits vor 
FLIPPER in einer Punkband aktiv, richtig? 

Steve: Genau, das waren NEGATIV TREND. Wir haben nur 
kurz zusammen gespielt, aber in dieser Zeit immerhin eine 
4-Track-EP veröffentlicht, die sehr gut ankam. Für mich 
begann es wirklich, als ich die SEX PISTOLS sah, bei ihrer 
letzten Show im Januar 1978 in San Francisco. Als ich das 
gesehen hatte, wusste ich, das wih ich machen. Wir hatten 
in San Francisco mit Mabuhay Gardens einen der angesag- 
testen Punk-Clubs, da hingen alle ab und alle aufregenden 
Bands waren dort zu sehen. 

Ted, auch du hast bereits vor FLIPPER Musik gemacht. 
Wie kamst du zum Gitarrespielen? 

Ted: Joe Rees, der Gründer von Target Video, war ein Kum¬ 
pel von mir. Er nahm Videos von den ganzen anderen 
Punkbands auf, die aus San Francisco kamen. Da gab es 
eine Bands namens MUTANTS, das waren Freunde von mir. 
Eines Tages war ich mit denen bei Joe im Studio, und dann 
haben sie für mich eine Gitarre angeschlossen, das war s. 
Danach gründete ich zuerst die Band RAD COMMAND. 

Du hast einen Kunst-Background und entwirfst auch die 
Albumcover. Wie bist du damals auf das charakteristi¬ 
sche FLIPPER-Logo mit dem Fisch gekommen? 

Ted: Das Fischsymbol gibt es ja schon lange, das ist ein 


sehr altes chrisdiches Symbol. Es gibt den Christenfisch, 
den Darwin-Fisch und den Footballfish, Himantolophus 
beziehungsweise Peitschenangler. Ich habe ein ganz ein¬ 
faches Logo gemalt, einen Footballfish mit Zähnen und 
einem Kreuz als Auge. Es gab dann bald überall in San Fran¬ 
cisco Graffiti mit dem FLIPPER-Fisch und „FLIPPER rules“. 
Wie entstand der Bandname FLIPPER? 

Ted: Das war bei unserem ersten Gig in San Francisco. Auf 
der anderen Straßenseite, gegenüber von dem Club, in dem 
wir spielen sollten, befand sich das San Francisco Aqua¬ 
rium. Und dann riefen die ganzen Kids: „Flipper, Flipper, 
wir wohen Flipper sehen!“ 

Steve: Sie meinten natürlich den Fisch! 

Ted: .Und da dachten wir uns: Das ist unser Name, wir 
nennen uns FLIPPER. 

Bruce: Kam der Name nicht von Ricky ...? 

...Williams (ex-SLEEPERS) und Gründungsmitglied von 
FLIPPER. 

Ted: Nein, das stimmt auch nicht. Ricky hatte zwar ganz 
viele Haustiere mit dem Namen Flipper, sein Goldfisch, 
seine Katze und so weiter, sie alle hießen Flipper. Das war 
der einzige Name, den er sich merken konnte, deshalb 
passte der Name auch für ihn gut. 

Die ersten Studioaufnahmen entstanden aber erst nach 
Rickys Rauswurf mit Bruce als Sänger. Wie kam Bruce 
zur Band? 

Ted: Weißt du, bei Ricky und Will gab es eine Art Riva¬ 
lität, wer die meisten Drogen nimmt. Ricky stand dann 
mit geöffnetem Mund und geschlossenen Augen vor dem 
Publikum und wartete darauf, was ihm die Leute in den 
Mund stecken würden. Er war immer fertiger und handelte 
sich zweimal eine Überdosis ein. Wir haben daraufhin per 
Anzeige einen neuen Sänger gesucht. Bei einem Gig fehlte 
Ricky dann und zufälligerweise war Bruce an diesem Tag 
oder einige Tage davor wieder zurück in San Francisco. Wir 
hatten mit Bruce eine Menge Songs geprobt, bevor er uns 
verheß, und als er zurückkam, war es, als ob er nie weg 
gewesen wäre. Ricky war raus, Bruce war drin. Ricky starb 
1991 an einer Überdosis. 


Ted, in einem Interview sagtest du, dass du mit deinem 
Gitarrenspiel keine Saxophonlinien imitieren möchtest, 
sondern lieber versuchst, wie ein Triebwerk zu klingen. 
Hast du eine spezielle Technik? 

Ted: Ich versuche, so viel Lärm wie möglich zu erzeu¬ 
gen und spiele verschiedene Sachen, Teil-Akkorde, ganze 
Akkorde, zupfe die Saiten, schlage auf und ab, aber ich 
spiele keine Leads. Dann habe ich begonnen, meine Ver¬ 
stärker zu modifizieren. Ich habe ein P.A.-System, das ich 
für die Gitarre nutze. Ich habe zwei Verstärker, der eine ist 
mit allen möglichen merkwürdigen Effektgeräten aufge¬ 
baut, der andere hat nur einige wenige Effekte. Es klingt 
dann so, als wären es zwei Leute. Mit dem Bass ist es 
genauso, wir haben zwei Bassverstärker, einer ist mit allem 
möglichen schrägen Scheiß aufgemotzt, und der andere 
ganz normal. So haben wir diesen Big-Ass-Orchestra- 
Sound. Auch wenn viele Leute anders darüber denken, ich 
nenne es Rhythm & Noise. In den Anfangstagen haben wir 
dies alles nach und nach erfunden. Einzelne Effekte wie 
Flanger, Wave-Shifter und so weiter, heute ist dieses Zeug 
in Form von Effektschienen absolut üblich, waren in den 
späten Siebzigern brandneu. Die haben wir dann bei Kon¬ 
zerten mit eingesteckt und hatten so nach jedem Gig ein 
weiteres Effektgerät. 

In den frühen Achtzigern galt es als das Nonplusultra, 
so schnell wie möglich zu spielen, es entstand Hardcore. 
Warum seid ihr nicht auf diesen Zug aufgesprungen? 
Steve: Wir haben lange davor begonnen und waren auf 
unseren Stil ausgerichtet. Die San Francisco-Punkszene 
hatte, ähnlich wie die europäische oder einige andere, viele 
Bands und auch viele verschiedene Musikstile. Als Hard¬ 
core aufkam, wirkte das strikt und festgeschrieben. Jeder 
spielte im gleichen Stil und den gleichen Sound. Für uns 
stellte es sich so dar, dass damals diese vielen verschiede¬ 
nen musikalischen Nischen entstanden und dann wieder 
verschwanden. Es blieb nur der Hardcore-Zirkel zurück, 
und wir blieben übrig. 

Ted: Die Blaupause für Hardcore waren MIDDLE CLASS 
und Straight Edge, und dann ging es mit BLACK FLAG als 
eine Art von Hardcore weiter, wurde aber metallischer. Wir 


OX-EANZINE 36 









haben keine Blätter mit den einzelnen Noten, wir wollen 
nur spielen und Spaß haben. Der Gedanke daran, etwas so 
festgelegt zu spielen, dass du in drei Jahren noch immer 
genau das Gleiche spielst, so etwas strebt keiner von uns 
an. 

Bruce: Das wäre langweilig, absolut langweilig. 

Aus diesem Grunde ist wohl auch „Sex bomb“ bei vielen 
Bands als Coversong beliebt. Vor allem ist auch der Text 
einfach: „She’s a sex bomb, my baby, yeah“ ... 

Steve: Simpel, „Sex bomb“ ist sehr einfach. 

Ted: Stimmt, „Sex bomb“ wird von recht vielen Bands 
gecovert. „Ha ha ha“ wurde früher auch oft gecovert. 

Gibt es einen Lieblingscoversong? 

Steve: Eine ganz vernünftige Version gibt es von UNSANE, 
sie covern „Ha ha ha“, das gefällt mir wirklich sehr gut. 

Ihr habt mir eurer Musik zwar viele Leute und Bands 
wie R.E.M., NIRVANA oder MELVINS inspiriert, aber 
schmerzt es nicht, wenn der eigene kommerzielle Erfolg 
ausbleibt? 

Ted: Wir hatten keine Möglichkeit, kontinuierlich zu arbei¬ 
ten. Wir hatten Unterbrechungen. Jede Unterbrechung, 
weil jemand starb, war wie ein Stillstand und wir muss¬ 
ten dann wieder bei Null beginnen. Dann passierte wieder 
etwas und wir mussten wieder neu starten. 

Steve: Unsere Musik war nie Mainstream. Wir wurden, 
außer bei College-Radiostationen, deshalb auch nicht im 
Radio gespielt. Wir kamen mit keinem Pop-Punk-Hit, son¬ 
dern hatten Hits in unserem Stil, wie „Sex bomb“. Es gäbe 
hierfür sicherlich viele Gründe anzuführen, aber eine Tat¬ 
sache möchte ich noch erwähnen: Während der Achtziger 
Jahre, mit unserem Original-Line-up von 1979 bis 1987, 
waren wir in der Underground-Szene wirklich groß. Erst 
1990 hatten wir die Möglichkeit, noch einmal neu zu star¬ 
ten. Wir kamen, nachdem Will Shatter starb, mit einem 
neuen Bassisten zurück. Wir unterschrieben bei einem 
Majorlabel und waren wirklich ernsthaft dabei, bis Bruce 
diesen Unfall hatte. Es hat jetzt keinen Sinn, darüber zu spe¬ 
kulieren, was aus uns sonst geworden wäre. 

Bruce: Aber sogar nachdem 1992 wir bei Rick Rubins 
Label Def American Records unterschrieben hatten, wur¬ 
den wir nicht gespielt, selbst bei MTV gab es nur um drei 
Uhr morgens die Meldung „FLIPPER haben bei American 
Records unterschrieben“, das war alles. 

Ihr hattet viele Rückschläge zu verkraften, was hat euch 
dazu gebracht, jedes Mal wieder neu zu starten? 

Ted: Es macht Spaß zu spielen. 

Bruce: Es ist in unseren Herzen, in unserem Blut, in unse¬ 
ren Gedanken. Wir wollen versuchen, rauszugehen und die 
Welt mit unserer Musik etwas zu verändern, den Leuten 
etwas beibringen, es gibt tausend Gründe. 

Ted: Bezüglich der Bassisten gibt es noch einen wichtigen 
Aspekt, denn jeder einzelne brachte seine Einflüsse und 
persönliche Art mit in die Band ein, sei es Novoselic, Dou- 
gherty oder Rachel. Es ist also nie so gewesen, dass wir 
lange in derselben Besetzung gespielt haben. Zu verschie¬ 
denen Zeiten waren verschiedene Leute in der Band und 
wir wurden besser in dem, was wir taten. Das gehört alles 
mit auf den Tisch, wenn wir über Motivation sprechen. Auf 
dieser Tour spielen wir vornehmlich in kleinen Clubs, in 
der Hoffnung, unseren Namen bei den Leuten wieder in 
Erinnerung zu rufen. 


Wie kam Rachel, die neue Bassistin, zur Band? 

Steve: Novoselic wollte nicht mehr auf Tour gehen. Wir 
kennen Rachel bereits ganz lange, seit den frühen Acht¬ 
zigern. Sie ist eine Freundin und spielte in verschiedenen 
Gruppen, zuletzt bei VAN GOGH’S DAUGHTER. Sie spielt 
übrigens auch Schlagzeug, aber der Bass ist ihr Hauptins¬ 
trument. 

Das Besondere an der Musik von FLIPPER ist, dass sie 
nicht leicht zu konsumieren ist. Du musst darüber nach- 
denken und dich darauf einlassen. Das wollen aber viele 
Leute nicht, für sie muss es leicht konsumierbar sein. 
Steve: Leicht konsumierbar, na vielen Dank. Und genau 
das ist der Grund, warum wir mit unserer Musik nicht bei 
einem Mainstream-Publikum landen können. Musik sollte 
hübsch und nett sein, eben leicht zu konsumieren. 

Das trifft auch auf die Hardcore-Szene zu, einige mei¬ 
ner Bekannten hören Hardcore, können aber mit eurer 
Musik nichts anfangen. 

Steve: Das sind engstirnige Leute. Die sehen nur eine 
Sache, und das ist für sie das Größte. 

Ted: Die Musik, die wir in den Achtzigern und in den 
Neunzigern mit John gemacht haben, ist aber wie¬ 
der anders als die beiden Alben, die wir mit Novoselic 
gemacht haben. Vom Sound her machen wir jetzt etwas 
ganz anderes als 1980. Wenn du auf der anderen Seite die 
alten Sachen aus heutiger Sicht hörst, dann ist es sicherlich 
manchmal schwere Kost. 

Punk ist also keine Kategorie der Musikindustrie, son¬ 
dern steht für euch für musikalische Offenheit. 

Steve: Genau, darum dreht es sich beim Punk: die Hal¬ 
tung, das Denken, Kunst und die Freiheit, Kunst als etwas 
Offenes zu sehen. Weißt du, die Bands, die als erfolgreiche, 
populäre Punkbands auftreten, die nutzen nur den Begriff 
„Punk“. Sie nennen sich selbst Punk, das sind aber die, die 
mit einem bestimmten Stil oder einem bestimmten Format 
konform gehen. Ich möchte gar nicht beurteilen, ob das 
nun gut oder schlecht ist, ich stelle es einfach nur fest. Ich 
denke GREEN DAY waren in dieser Hinsicht die Ersten. Sie 
schrieben gute Songs, aber GREEN DAY ist Pop. „Dookie“ 
funktioniert bei den Kids, bei den Zwölfjährigen, dadurch 
wurden sie so groß. Da sind mir RANCID lieber, die kamen 
als verdammte CLASH-Coverband hoch. Als ich die ers¬ 
ten Songs von denen hörte, da dachte ich, das wären THE 
CLASH. Aber alle, seien es GREEN DAY, RANCID oder OFF¬ 
SPRING, haben diesen kommerziellen Sound. 

Die Idee des schlicht gehaltenen FLIPPER-Debütalbums, 
„Album - Generic Flipper“, haben PiL später mit ihrem 
„Album“, sagen wir mal: „kopiert“. War das 1987 ver¬ 
öffentlichte FLIPPER-Album „Public Flipper Limited“ 
eine Reaktion darauf? 

Steve: Johnny Rotten begann damit 198S und wir haben 
drei Jahre später darauf geantwortet. Dazu gibt es eine wit¬ 
zige Geschichte. Als PiL 1981 das erste Mal in San Fran¬ 
cisco waren, waren wir die Band im Vorprogramm. Und 
ich glaube, es war das zweite Mal, dass sie nach San Fran¬ 
cisco kamen. Sie hielten eine große Pressekonferenz ab, 
abends in einem Nachtclub. Wir haben davon gehört und 
sind da auch hin. Das war alles eher als Witz gedacht, ich 
glaube, da waren gar keine Presseleute anwesend, sondern 
nur Punk-Kids, haha, die aber versicherten, sie seien von 
der Presse. Einer von denen stellte immer wieder die glei¬ 


chen Fragen und erst nach dem dritten oder vierten Mal 
haben die das geschnallt. Viel witziger war aber folgendes: 
PiL hatten draußen eine große Limousine über zwei Park¬ 
plätze geparkt und Ted krabbelte auf Händen und Knien 
herum und malte auf alle Radkappen den Footballfish. Ein 
Jahr später oder so hatten wir einen Auftritt in New York 
im Danceteria. Als wir nach unserem Set von der Bühne 
gingen, wir hatten gerade eine wirklich tolle Version von 
„Sex bomb“ gespielt, kam ein Typ zu uns, und stellte sich 
als Nile Rodgers vor. Er war Gitarrist in der Band CHIC. Die 
hatten damals einen Disco Hit, „Le freak“, und Nile Rod¬ 
gers wurde später ein sehr bekannter Produzent. Es war 
fünf Uhr morgens und dieser Typ sagte zu uns: „Das war 
wirklich großartig. Kommt mit an die Bar, ich spendiere 
euch einen Drink.“ Er spendierte uns also einen Drink und 
lud uns ein, am nächsten Tag zu Warner Brothers zu kom¬ 
men. Er hatte die Musik zu einem Film geschrieben. Es war 
sein erster Soundtrack, und er wollte, dass wir bei der Vor¬ 
stellung dabei sind. Wir sind dann dahin und haben uns 
diesen Film mit dem Titel „Soup For One“, es war eine 
Komödie, angesehen. Keith Levine von PiL saß mit seiner 
Freundin oder Frau genau vor uns im Publikum. Nach der 
Filmvorführung sind wir alle zusammen im Fahrstuhl nach 
unten gefahren und als wir mit Keith zusammen im Fahr¬ 
stuhl standen, da erzählte ich ihm die Geschichte: „Weißt 
du, als ihr das letzte Mal in San Francisco wart, da malte Ted 
den Footballfish auf eure Radkappen, haha.“ Und er sagte: 
„Ja, und wir wurden deshalb verklagt. Der Autoverleih ver¬ 
klagte uns, zum Glück ist die Plattenfirma für den Schaden 
aufgekommen.“ 

Bruce: Da fällt mir noch die Geschichte ein, wie wir die 
BEASTIE BOYS und Rick Rubin zusammengebracht haben. 
Ted: Das war in den frühen Achtzigern, als wir das erste 
Mal in New York spielten, im Mudd Club, da sahen wir 
auch zum ersten Mal die BEASTIE BOYS. 

Steve: Besser gesagt, sie haben uns gesehen, denn sie 
kamen zu unserer Show. Ich hatte mich vorher mit ihnen 
draußen bestimmt eine Dreiviertelstunde unterhalten und 
war überrascht, wie cool die drauf waren. 

Ted: Sie konnten nicht rein und saßen draußen auf der 
Straße. Wollten sie nicht den Eintritt mit italienischen Lire 
bezahlen? 

Bruce: Ja, stimmt, wir sind dann alle raus und haben uns 
so wie Rugbyspieler im Kreis um sie herumgestellt und sie 
so an der Kasse vorbeigeschleust. 

Steve: Und die Vorgruppe, das war Rick Rubin mit seiner 
Band mit dem Namen HOSE. 

Rick Rubin war ja nicht nur der Produzent bei „Ame¬ 
rican Grafishy“, sondern bereits lange vorher ein gro¬ 
ßer FLIPPER-Fan. 

Steve: Genau, und sie spielten einige unserer Songs. Wir 
kamen ja aus San Francisco, und in unserer Szene ver¬ 
suchte nie jemand, so zu klingen wie eine andere Band. 
Jeder wollte einzigartig sein und seine Sache machen. Da 
wurden keine andere Bands gecovert, und Rubins Band 
coverte unsere Songs. Das war für mich frech. Ich wurde 
richtig wütend auf die und habe mein Bier auf die Bühne 
geworfen. Als ich dann später auf der Bühne stand, habe 
ich geschimpft: „Welche Scheißband spielt unsere Songs?“ 
Das war der Abend, an dem wir Rick Rubin und die BEAS¬ 
TIE BOYS trafen. 

Kay Werner flipperrules.com 


33 JAHRE FLIPPER 

1979: Gründung in San Francisco. Ricky Williams 
(Gesang), Will Shatter (Bass, Gesang), Ted Fal- 
coni (Gitarre) und Steve DePace (Schlagzeug). 
Noch vor der ersten Aufnahme - das Vinylde¬ 
büt erfolgte mit dem Song „Earthworm“ auf der 
Compilation „SF Underground“ (Subterranean) - 
wurde Ricky durch Bruce Loose (Gesang, Bass) 
ersetzt. 

1980: Erste 7“ „Love Canal/Ha Ha Ha“ (Thermi¬ 
dor, div. Releases u.a. auf Subterranean und Alter¬ 
native Tentacles). 

1981: Zweite 7“ „Sex Bomb/Brainwash“ (Subter¬ 
ranean), sowie „Ha ha ha“ auf „V.A. - Let Them 
Eat Jellybeans“, einer exzellenten Hardcore- und 
Punk-Compilation auf Jello Biafras Label Alterna¬ 
tive Tentacles. 

1982: Erstes Album „Album - Generic Flipper“ 
(Subterranean) und dritte 7“ „Get Away/The Old 
Lady Who Swallowed A Fly“ (Subterranean), mit „Life“ ein weiterer wichtiger Sampler¬ 
beitrag auf „V.A. - Rat Music For Rat People“ (Go! Records). 

1984: Zweites Studioalbum „Gone Fishin’“ (Subterranean). In dem mit Graffiti versehe¬ 


nen Bus auf dem Cover wohnte seinerzeit der Gitarrist Ted Falconi. Erstes Live-Album 
„Blow’n Chunks“ (Roir). 

1987: Das Live-Doppelalbum „Public Flipper Limited - Live 1980-1985“ (Subterranean) 
wird veröffentlicht. Nach dem Tod des Bassisten Will Shatter durch eine Überdosis Heroin 
am 09.12.1987 legt die Band bis 1990 eine Pause ein. 

1991: Erste 7“ „Someday/Distant Illusion“ (Subterranean) mit dem neuen Bassisten John 
Dougherty. 

1992: Kurt Cobain trägt während einer NIRVANA-MTV-Session ein selbstgemaltes FLIP- 
PER-T-Shirt. Gründungsmitglied Ricky Williams stirbt am 21.11.1992 an einer Überdosis 
Heroin. 

1993: Rick Rubin produziert und veröffentlicht das erfolgreiche Comeback-Album „Ame¬ 
rican Grafishy“ (Def American). Nach einem schweren Verkehrsunfall des Sängers Bruce 
Loose legt die Band eine Pause ein. 

1997: Der zweite Bassist John Dougherty stirbt am 31.10.1997 an einer Überdosis Heroin. 
2005: Anlässlich einiger CBGB’s-Benefizkonzerte steht die Band - Bruce Loose geht noch 
am Stock - erstmals wieder auf der Bühne, mit Bruno DeSmartass (war bereits 1982 kurz¬ 
zeitig FLIPPER-Bassist). 

2006: Krist Novoselic (ex-NIRVÄNA) wird neuer FLIPPER-Bassist. 

2009: In Zusammenarbeit mit Jack Endino werden zwei neue Alben veröffentlicht, einmal 
das Studioalbum „Love“ sowie das Live-Album „Fight“ mit Aufnahmen aus dem Jahr 2007 
(beide MVD Audio). Da Krist nicht mehr für weitere Tourneen zur Verfügung steht, nimmt 
Rachel Thoele (ex-FRIGHTWIG, MUDWIMIN, VAN GOGH’S DAUGHTER) seinen Platz ein. 





OX-FANZINE 37 
















MITTEN INS GESICHT 

LARS FREDERIKSEN 

RANCID-Sänger Lars Frederiksen, der dieser Tag auch parallel mit seiner Oi!-Band THE OLD FIRM 
CASUALS aktiv ist, kann nicht verbergen, dass er tätowiert ist. Wo andere Tätowierte zumindest 
langärmlig und mit Hemdkragen ihre Hautbemalung noch bürojobkompatibel tarnen können, hat 
Frederiksen sich längst schon für ein Leben als Außenseiter entschieden, trägt seine Tattoos auch 
auf Hals und Händen sowie im Gesicht. Ich sprach mit ihm über seine Motive (bildhafter wie men¬ 
taler Art), unterstützt von Sebi von STOMPER 98, der Lars in Sachen prozentualer Hautbedeckungs¬ 
quote beinahe ebenbürtig ist. Wer den RANCID-Frontmann übrigens aufgrund seines Äußeren, we¬ 
gen der medialen Darstellung und Präsenz für einen harten Knochen, einen Angeber, einen Punk- 
Helden oder sonstwie in absoluten Begriffen sehen will, könnte nicht falscher liegen: Lars ist ein net¬ 
ter, freundlicher, zuvorkommender, vorsichtiger Mensch, der bedingt durch die gemeinsame Liebe 
zu Oi! in Sebi einen Seelenverwandten gefunden hat. 


Lars, was war dein erstes Tattoo, wo hast du es machen 
lassen - und wie hast du dich direkt danach gefühlt? 
Lars: Ich war elf und ließ mir das Wort „Oi!“ aufs Schien¬ 
bein tätowieren. Vom Schienbein ist das, weil ich damals 
noch nicht ausgewachsen war, auf den Fußknöchel gewan¬ 
dert. Ich fühlte mich damals großartig, es war das Beste, 
was ich bis dahin gemacht hatte. Ich wollte immer schon 
ein Außenseiter sein, deshalb entschied ich mich für Punk¬ 
rock, für Skinhead. Allerdings musste ich das Tattoo vor 
meiner Mutter verstecken. Irgendwann sah sie es dann, 
und sie wurde echt wütend, sie sagte: „Es hat mich neun 
Monate gekostet, diese Haut zu machen, und du ruinierst 
sie in 20 Sekunden!“ 

Sebi: Ich kenne das: Ich war 14, als mein Vater meine 
„ACAB“-Tätowierung entdeckte. Wir gingen schwim¬ 
men, aber ich wollte nicht ins Wasser, dazu hätte ich meine 
Socken ausziehen müssen - und da drunter war das Tattoo. 
Aber es half alles nichts ... und es setzte eine Strafpredigt, 
wobei ich ihm dann erzählte, ACAB stünde für die Anfangs¬ 
buchstaben des Namens meiner Freundin, haha. 

Was für Vorstellungen und Befürchtungen stecken hin¬ 
ter solch erschrockenen Reaktionen von Eltern, warum 
werden Tattoos als etwas Schlechtes angesehen? 

Lars: Meine Mutter kommt aus Dänemark, sie wuchs wäh¬ 
rend der Nazi-Besetzung des Landes auf und musste als 
kleines Kind miterleben, wie ihre Familie von den Nazis 
vor ihren Augen erschossen wurde, wie bei einer Exeku¬ 
tion. 1960/61 wanderte sie aus Dänemark in die USA ein, 
und nachdem ich dann 1971 geboren wurde, war mein 
Vater schon bald kein Thema mehr - ich war drei, als er 


uns verließ, er ging wieder nach Dänemark. In unserem 
Haus herrschte immer eine sehr ängstliche Stimmung, und 
ich denke, das hat mit den Erfahrungen meiner Mutter im 
Krieg zu tun, mit dem Verlust ihrer Angehörigen. Ich kann 
mir kaum vorstellen, was das für ein Gefühl für sie gewe¬ 
sen sein muss - für mich war es schon sehr traumatisch, 
vor einigen Jahren meinen Bruder zu verheren, und noch 
mehr für meine Mutter - wer will schon sein Kind überle¬ 
ben? Heute bin ich selbst Vater, und wenn mein Sohn mich 
eines Tages auf eine Tätowierung ansprechen sollte, würde 
ich mit ihm in ein Tattoo-Studio gehen, sobald er 16 ist. 
Ich würde ihm nur empfehlen, sich nichts Blödes tätowie¬ 
ren, etwa einen Tribal-Ring um den Arm oder so, haha. 
Aber was weiß ich denn schon, was aus meinen Kindern 
mal werden wird? Der Einfluss von Eltern ist begrenzt. Ich 
hoffe, sie übernehmen meine Moralvorstellungen, werden 
zu weltoffenen, vorurteilsfreien Menschen. Ich muss da 
immer wieder an meine Mutter denken, wie schwer es für 
sie war, zwei Jungs großzuziehen, und das vor dieser Fami¬ 
liengeschichte. Ich habe mich noch nie so richtig mit ihr 
darüber unterhalten, nur einmal fragte sie mich, warum 
ich mich für dieses Leben entschieden habe, das ich führe. 
Ich antwortete: Mom, du hast deine Heimat verlassen, als 
du 20 warst, du kanntest kein Wort auf Englisch, gingst 
nach Amerika - und jetzt sag mir mal, warum sich unsere 
Persönlichkeit unterscheiden soll? Sie meinte daraufhin, 
ich hätte wohl Recht. Wir sind beide Piraten, Wikinger, 
wir haben unseren eigenen Kopf. Wir haben allerdings erst 
wieder zueinandergefunden nach dem Tod meines Bru¬ 
ders. Sie wollte nie, dass ich Punk bin. In den frühen Acht¬ 


zigern, ich war da gerade elf, fing ich an, mit Skinheads 
rumzuhängen, und damals stand ich wegen Einbruchs 
erstmals vor einem Jugendrichter. Mein Anwalt sagte, ich 
solle bloß nichts davon erzählen, dass ich mich mit Punks 
oder Skinheads abgebe. Und so fragte dann der Richter, ob 
ich mit Punkrockern und Skinheads herumhänge, und ich 
antwortete „Yes, that’s right!“ 

Sebi: Ich war 15, als ich erstmals vor Gericht stand. Meine 
Mutter saß hinten im Saal und weinte, es ging um Ein¬ 
bruch und Körperverletzung, und ich bekam 100 Sozial¬ 
stunden aufgebrummt. Das war ein riesiges Drama, der 
Bewährungshelfer kam zu uns nach Hause, und natürlich 
verstand keiner, was mich umtrieb. Heute habe ich selbst 
Kinder und kann sehr gut verstehen, wie sich meine Eltern 
fühlten. 

Lars: Ich bekam zwei Wochen Jugendarrest und 400 Stun¬ 
den Sozialstunden - und ein Jahr auf Bewährung. Zudem 
bekam ich noch Hausarrest, durfte nur zur Schule raus 
oder mit meiner Mutter. Bei dem Einbruch hatte ich 20 
Dollar erbeutet, die hatte ich behalten, und als mich meine 
Mutter dann zu Tower Records fuhr, kaufte ich von den 
20 Dollar das „Strength Thru Oi!“-Album, haha. Von dem 
gestohlenen Geld! 

Und da sage noch einer „Crime doesn’t pay“! Gab es 
einen Punkt, an dem du bewusst entschieden hast, 
dass die Konventionen der Gesellschaft für dich keine 
Bedeutung haben? Ich denke da speziell an den Schritt, 
sich im Gesicht tätowieren zu lassen. 

Lars: Ich habe das damals bewusst gemacht, weil sonst nie¬ 
mand das machte. Das ist über 20 Jahre her, damals ließ 
ich mir die Fingerknöchel tätowieren, den Nacken und 
eben das Gesicht. Ich machte das, weil ich mich außer¬ 
halb der Gesellschaft stellen wollte. Die Typen, mit denen 
ich aufgewachsen bin, wurden entweder One-Percent- 
Biker, gingen zu den Hells Angels, starben früh, saßen im 
Knast oder waren Junkies. Das waren also meine „Vorbil¬ 
der“, aber ich hatte ja noch meine Musik - und meinen 
älteren Bruder, der schon in den Achtzigern Skinhead war. 
Die Hosen, die ich heute Abend trage, sind übrigens von 
ihm, und vor meinen Bruder trug sie mein Vater. Damals 
waren Sta-Prest einfach nur billige Arbeitshosen, die nie¬ 
mand haben wollte. Wenn ich die heute anziehe, lacht 
mich meine Frau immer aus: „Hast du wieder deine Haus¬ 
meister-Hosen an?“ Ansonsten ist es okay für sie, was ich 
mache, nur fett dürfe ich nicht werden, sagt sie, denn die 
meisten Skinheads, die sie sehe, seien fett. Um auf deine 
Frage zurückzukommen: Ja, es war eine bewusste, absicht¬ 
liche Entscheidung, denn ich wusste ja, dass ich für den 
Rest meines Lebens diesem Lebensstil, dieser Musik treu 
bleiben würde. 

Und das wolltest du nach außen hin zeigen, indem du 
den Rückweg in die „normale“ Gesellschaft blockiert 
hast? 

Lars: Ja, denn ich wusste doch, dass mein Leben die Musik 
ist. Ich wusste nicht, in welchem Umfang das der Fall 
sein würde, aber ich war mir klar darüber, dass Punkrock 
meine Musik ist, dass ich nur so glücklich sein kann. Ich 
muss aber auch sagen, dass da auch der Aspekt eine Rolle 
spielt, dass ich mich durch die Tattoos selbst dazu gezwun¬ 
gen habe. 

Das ist also die harte Schiene - im Gegensatz zu zwar 
auch schon recht mutigen Hautbildern auf den Armen 
oder dem Oberkörper, die aber nur bis zum Handgelenk 
oder dem Shirtkragen gehen und damit einer normalen 
„Karriere“ nicht im Weg stehen. 

Lars: Das ist nicht meine Sache, ich bin ein „Lifer“, ein 
Lebenslänghcher, ich mache diesen Scheiß zu 100%. Und 
die Menschen, mit denen ich befreundet bin, denen ich 
mich nahe fühle, Sebi etwa, sind genauso drauf. Aber auch 
wir können ein „normales“ Leben führen, er hat Frau und 
Kinder, ich auch. Auch wir sind Familienväter und Ehe¬ 
männer, und unsere Gattinnen lieben uns für das, was wir 
sind. 

Sebi: Genauso ist es. Jenseits der Band ist mein Leben ziem¬ 
lich normal, ich habe Kinder und einen Job, in dem sich 
zum Glück niemand für meine Tattoos interessiert. Der ein¬ 
zige Grund, der heute gegen noch mehr Tattoos spricht, 
ist meine Frau. Die sagt, ich hätte doch echt schon genug. 
Lars: Hahaha, ich kenne das: „Was willst du denn? Du hast 
doch genug Tattoos, wem willst du noch was beweisen?“ 
Hahaha! 

Sebi: Hehe, „Du hast eine Schlange auf den Kopf tätowiert 
und keine Haare mehr, was willst du noch?“ 

Lars: Meine Frau hat mir gedroht, sich auch eine Glatze 
zu rasieren, wenn ich mich noch mal im Gesicht tätowie¬ 
ren lasse. Das hatte sie schon mal ... und es steht ihr nicht. 
Also füge ich mich. 

Was war die bislang mieseste Reaktion auf deine Tat¬ 
toos? 

Lars: In Schweden wurde mir bei verschiedenen Gelegen¬ 
heiten der Zutritt verweigert. Und irgendwo mitten in den 
USA wurde ich in einem Restaurant einfach nicht bedient. 
In Japan kann ich nicht in ein Fitness-Studio gehen, für 
die sind Tätowierte Mafia-Angehörige. Ich wurde schon 
bespuckt, man hat mich als „Schwuchtel“ beschimpft, und 
so weiter. 


OX-FANZINE 38 





Was denkst du, warum lösen Tätowierungen bei man¬ 
chen Menschen so negative Reaktionen aus? 

Lars: Weil du der Gesellschaft damit sagst, dass dich alle 
am Arsch lecken können. Weil wir Tätowierte zum Aus¬ 
druck bringen, dass uns nicht interessiert, was die Gesell¬ 
schaft uns bieten kann. Weil wir ein besseres Leben für uns 
selbst nach unseren eigenen Bedingungen schaffen. Schau, 
ich bin nicht mal als Angehöriger der Arbeiterklasse aufge¬ 
wachsen, meine Familie gehörte zu den „working poor“, 
zu den Menschen, die sich zwar abmühen, aber bei denen 
das Geld trotz aller Plackerei nicht zum Leben reicht. Wor¬ 
king Class, das bedeutet für mich, sich aus eigener Kraft 
ein besseres Leben erarbeiten zu können, zu deinen eige¬ 
nen Bedingungen. Ich war schon immer so drauf, dass ich 
gesagt habe „Fuck society, I wanna do my own thing!“ Ich 
kümmere mich um mich selbst, ich will ein besseres Leben 
haben, will glücklich sein - und nicht in die Falle tappen, 
die sonst Menschen meiner Herkunft blüht: birth - school 
- work - death. Das ist nicht mein Ding, ich will mein 
eigenes Leben leben, und ich hoffe, ich kann das meinen 
Kindern vermitteln. Ich hoffe, sie nehmen von mir zumin¬ 
dest an, dass sie das machen, was ihnen wichtig ist - und 
das, ohne jemand anderen dabei zu verletzen. Wobei ich in 
dem Fall, dass jemand meiner Familie oder meinen Freun¬ 
den etwas antun will, für nichts garantieren kann. Wer sich 
in der Hinsicht mit mir anlegt, hinter dem bin ich her und 
werde nicht aufgeben, bis ich den Job erledigt habe! So bin 
ich aufgewachsen. 

Hat dich deine Frau wegen oder trotz deiner Tattoos 
„genommen“? 

Lars: Vor mir war sie nie mit einem Mann zusammen, der 
Tattoos hatte, und sie selbst hat kein einziges. Sie weiß, dass 
die Tattoos einfach zu mir gehören, und ich bin froh dar¬ 
über, dass ich viele Tattoos schon hatte, als wir uns kennen 
lernten. So weiß ich, dass die Frau, die ich liebe und mit 
der ich Kinder habe, mich um meiner selbst willen hebt. 
Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es ihrerseits 
auch eine gewisse Stärke braucht, um mit seltsamen Bli¬ 
cken anderer Menschen umzugehen, oder? Bei Eltern¬ 
abenden oder ähnlichen Veranstaltungen fällst man ja 
schon irgendwie auf... 

Lars: Ha, zu dem Thema kann dir Sebi sicher auch eine 
Menge erzählen, denn es ist einfach so: Sobald du ein Kind 
hast, ist das Leben vorbei, das du vorher kanntest. 

Sebi: Klar, vorher hast du nur dein eigenes Leben und das 
deiner Frau oder Freundin im Blick. Seit ich Kinder habe, 
bin ich ruhiger geworden, und was immer ich tue, ich 


denke dabei an die Kids. Party bis spät am Abend am Sams¬ 
tag? Nicht mehr drin, am Sonntag muss ich früh raus, zum 
Fußballspiel - weil ich das will, und nicht, weil ich das 
muss. 

Ist da auch Bedauern, dass das alte Leben vorbei ist? 
Lars: Überhaupt nicht. Aus allem, was ich bislang in mei¬ 
nem Leben getan habe, habe ich eine Lehre gezogen, mal 
eine gute, mal eine schlechte. In meinem Leben gibt es 
zwei Wendepunkte: der eine ist der Tod meines Bruders, 
der andere die Geburt meines Sohnes. Als der geboren 
wurde, zog mein ganzes bisheriges Leben an mir vorbei, 
wie ein Film. Ich habe eine Viertelstunde lang nur geheult, 
Wasserfalle von Tränen, ich erinnerte mich an all die Todes¬ 
fälle in meinem Leben, die Freunde, die erschossen wur¬ 
den, sich umgebracht haben, sonstwie ums Leben kamen. 
Mein Sohn hat mein Leben verändert, ich liebe es immer 
noch, Punk- und Oi!-Musik zu machen, aber ich mache 
letztlich alles für meine beiden Kinder. 

Wie reagieren die auf deine Tattoos? 

Lars: Sie nehmen sie meist gar nicht wahr. Und wenn 
doch, sagt Wölfgang immer „Papa, das hier will ich auch 
mal!“, oder „Was bedeutet das?“ 

Sebi: Emil, der ist fünf, erklärt mir immer genau, was er 
mal für Tattoos haben will, wenn er alt genug ist: einen 
Dämon, einen Drachen - und einen Pokemon, hahaha. 
Meine Kids nehmen meine Tattoos eigentlich die meiste 
Zeit gar nicht wahr. Mit meinem Ältesten, der ist zehn, saß 
ich letzten Sommer allerdings mal im Eiscafe, und plötz¬ 
lich sagte er, er wolle gehen. Ich fragte warum, er habe 
sein Eis doch noch gar nicht aufgegessen, und er sagte, 
die Leute würden uns alle so komisch anschauen. Ich habe 
mich in dem Moment echt geschämt, aber dann zu ihm 
gesagt, er solle sein Eis aufessen, wir bleiben. Ich sagte ihm, 
es sei mir egal, wie die Leute mich anschauen. 

Solche Situationen sind hart, oder? 

Lars: Man muss solche Situationen „normalisieren“, so 
machen wir das. Im Falle von Wölfgang ist es einfach, er 
mag Tattoos, und als ich ihn mal von der Schule abholte 
und mich seine Freunde fragten, warum ich so viele Tat¬ 
toos habe, sagte ich, dass ich Bilder möge. „Und warum 
hast du die dann auf deinem Körper?“, worauf ich ant¬ 
wortete, dass ich allen Menschen zeigen wolle, wie bunt 
die Welt sein kann. 

Sebi: Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Kinder 
sehr vorurteilsfrei und positiv auf Tätowierungen reagie¬ 
ren. Das ändert sich leider oft, weil ihnen Eltern oder 


Großeltern irgendwelchen Mist erzählen. Sexismus, Ras¬ 
sismus, Homophobie - die existieren nur, weil irgendwer 
diesen Scheiß den Kindern oder Jugendlichen beibringt! 
Wir wohnen in einer Gegend, wo Menschen aus aller Welt 
leben, mit ihren Kindern, und unsere Kinder spielen mit 
denen - was für einen Grund sollte es geben, ihnen das zu 
verbieten? Weil es Albaner sind, oder Rumänen, Roma? Wir 
haben einen großen Garten, und manchmal komme ich 
von der Arbeit und da toben 15 Kinder herum. 

Lars: Bei Wölfgang und seinen Freunden ist das genauso, 
und wir hatten auch schon „Tattoo-Partys“. Ich lege Punk¬ 
rock auf, mache Tacos, und die Kids vergnügen sich mit 
so wasserlöslichen Abziehbild-Tätowierungen - das ist 
immer ein großer Spaß. So was normalisiert das Thema Tat¬ 
toos für die Kids. Dazu kommt, dass wir in San Francisco 
leben, und das ist eine sehr offene, liberale Stadt, mit einer 
großen schwulen Community, vielen Afro-Amerikanern 
und Asiaten - als Weißer ist man da oft Angehöriger einer 
Minderheit. Ich will, dass meine Kinder multikulturell auf¬ 
wachsen, dass die Hautfarbe nichts mit gut oder schlecht 
zu tun hat, dass es dumme Menschen überall gibt, dass 
das nichts mit Hautfarbe, Herkunft oder sexueller Präfe¬ 
renz zu tun hat. 

Joachim Hiller rancidrancid.com 




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OX-FANZINE 39 

































VON PUNK ZU FOLK 

THE LEVELLERS 

Seit 1988 sind die LEVELLERS aus Brighton bereits aktiv, und obwohl sie sich dieser Kategorisierung 
verweigern, müssen sie sich seitdem immer anhören, sie seien eine Folkrock-Band. Ganz von der 
Hand zu weisen ist diese Einordnung nicht, auch die Instrumentierung mit Geige trägt dazu bei, die 
Art der Komposition, doch egal, wie man das Genre nun bezeichnet, in einem Atemzug mit CHUM- 
BAWAMBA und NEW MODEL ARMY genannt zu werden, dagegen haben sie sicher nichts einzuwen¬ 
den, denn da gibt es viele Verbindungen. Zum einen ist da diese Affinität zur Punk-Szene, auch wenn 
sie heute musikalisch nur noch schwer nachvollziehbar ist, zum anderen die klar linke, ja anarchi¬ 
stische Ausrichtung, mit deutlichen politischen Texten und damit eine Verwurzelung in jener Szene, 
die einst auch CRASS hervorbrachte. Die LEVELLERS waren immer zu erfolgreich für eine „richtige“ 
Underground-Band, aber kamen auch nie im Mainstream an, denn sie sind eine eigenwillige Band, 
die seit über zehn Jahren mit „Beautiful Days“ ihr eigenes Festival veranstaltet. „Whoever puts their 
hand upon me to govern me is a usurper, a tyrant, and I declare them my enemy“, lautet das anarchi¬ 
stische Glaubensbekenntnis der Engländer, die damit ein klareres Statement abgeben als so man¬ 
che angeblich politische Punkband. Ich sprach mit Gründungsmitglied Jeremy Cunningham (Bass) 
über das neue Album „Static On The Airwaves“. 


Mitte der Achtziger war die britische Anarcho-Punk- 
Szene mit Bands wie CRASS, CONFLICT oder CHUMBA- 
WAMBA sehr aktiv und wie man liest, ist das der Hinter¬ 
grund, vor dem ihr eure Band gegründet habt. 

Ja, das bringt es auf den Punkt. Wir waren damals in der 
Hausbesetzerszene aktiv, es waren die Jahre unter Thatcher 
als Premiermimsterin, als sich die Schere zwischen Arm 
und Reich massiv öffnete. Das politisierte uns, wir hör¬ 
ten Bands wie CRASS und gründeten dann die LEVELLERS 
- da war ich 21. 

Was habt ihr damals gemacht? Häuser besetzt und über 
Politik diskutiert? 

Ja, so ungefähr. Und viel getrunken haben wir auch, 
haha. Wir hatten alle ähnliche Überzeugungen Poli¬ 
tik und Gesellschaft betreffend, oder zumindest gingen 
wir davon aus, und dementsprechend hatten wir eigent¬ 
lich gar keinen Grund für große Diskussionen. Wir leb¬ 
ten damals schon in Brighton. Ich reiste seinerzeit für drei 
Monate nach Marokko, und als ich zurück in England war, 
beschloss ich, meine beiden Bass-Gitarren zu verkaufen. 
Ich hatte keinen Bock mehr auf Musik, mir waren da zu 
viele Leute beteiligt, die nur Rockstar werden wollten und 
tagelang Gitarrensoli übten. Letzdich behielt ich die Instru¬ 
mente und wir gründeten stattdessen unsere eigene Band, 
die vor allem nicht so sein sollte wie die anderen. Wir hat¬ 
ten ja keine Ahnung, dass irgendwer Gefallen an uns fin¬ 
den würde. 

Brighton wirkt auf den Touristen ja wie ein pittoreskes 
kleines Städtchen. Wie war das Leben dort? 

Hauptmotivation für unser politisches Engagement damals 
war die rechte Thatcher-Regierung. Brighton, da hast du 
schon Recht, ist ein schöner Ort mit einer sehr entspann¬ 
ten Atmosphäre. Deshalb zog ich dort hin aus South Lon¬ 
don, wo ich aufgewachsen bin. Da wurde ich permanent 
angefeindet wegen meiner Dreadlocks, ich hatte irgend¬ 
wann die Schnauze voll und ging nach Brighton, um dort 
Kunst zu studieren. Dort waren alle Leute total nett zu mir, 
und so blieb ich dort, wo ich nicht ständig blöd ange¬ 


macht wurde, wo es keinen störte, wie ich aussah. Man 
hatte damals dort den Eindruck, dass die Leute, die mit der 
Regierung nicht einverstanden waren, irgendwie zusam¬ 
menrückten, um darüber zu reden, wie man die Situation 
ändern kann. 

CRASS und die Menschen in deren Umfeld wurden in 
dieser Hinsicht recht aktiv. Was habt ihr getan? 

Wir haben Fragen gestellt in unseren Texten. Ein Song auf 
unserem ersten Album heißt „I have no answers“, und der 
bringt auf den Punkt, wie wir damals fühlten. Wir reflek¬ 
tieren in unseren Texten von jeher, was wir gerade so den¬ 
ken, was um uns herum vor sich geht. Damals, Ende der 
Achtziger, empfanden wir die Situation als sehr schlimm, 
und so hatten wir immer genug Themen. 

Damals habt ihr, ähnlich wie CRASS, in einer Art Kom¬ 
mune zusammengewohnt. 



Das entsprach unserem Lebensstil, wir waren Teil der D.I.Y.- 
Kultur, für uns galt immer, dass man dafür etwas tun muss, 
wenn man Veränderung will. Man muss bereit sein, die Ver¬ 
antwortung für sein eigenes Tun zu übernehmen. Wir leb¬ 
ten damals in zwei Häusern, die allerdings keine Kommu¬ 
nen in dem Sinne waren, wie man das aus den Sechzi¬ 
gern im Kopf hat. Es waren gute Orte, um sich künstle¬ 
risch zu betätigen. 

Und wie lebst du heute? 

Ganz normal, in meiner eigenen Wohnung - mit Garten. 
Ich lebte viele Jahre, bis Mitte der Neunziger, in einem 
alten Autobus, aber den habe ich dann verkauft. In diesem 
Bus zu leben war ein Statement, ich war mobil und deshalb 
anonym, aber dann wurden die Gesetze geändert, und das 
Leben für sogenannte „Traveller“ wurde immer schwieri¬ 
ger. Ich hatte irgendwann einfach genug davon. 

Die Traveller-Szene war schon immer eng mit den gro¬ 
ßen Pop-Festivals wie Glastonbury verbunden. Mit 
„Beautiful Days“ habt ihr 2003 euer eigenes jährliches 
Festival geschaffen. 2012 treten Mitte August beispiels¬ 
weise PiL und Frank Turner auf. Ist in dessen Organisa¬ 
tion die ganze Band involviert? 

Ja, wir sind alle eingebunden. Ich bin für das Artwork ver¬ 
antwortlich, jeder hat seinen eigenen Verantwortungsbe¬ 
reich. Das Bandprogramm stellen wir zusammen, indem 
jeder von uns Vorschläge macht. Wir versuchen, ein Festi¬ 
val zu machen, das denen ähnelt, auf die wir früher selbst 
gerne gegangen sind - etwas Chaos ist okay, und die Atmo¬ 
sphäre muss gut sein. 

Und ihr macht so manches anders: Man darf sogar seine 
eigenen alkoholischen Getränke mitbringen. Das ist 
ein krasser Unterschied zu den sonstigen großen Fes¬ 
tivals, die von den internationalen Brauereikonzernen 
gesponsert werden. 

Ja, wir sagen „Bring your own“, aber wir haben natürlich 
auch eigene Verkaufsstände, an denen die Getränke wirk¬ 
lich billig sind. Wir haben uns einfach überlegt, was wir 
früher gemacht haben, und wir haben immer unsere eige¬ 
nen Getränke mitgebracht. Wir versuchen, auch die gan¬ 
zen Kontrollen auf ein Minimum zu beschränken. Es ist für 
uns immer wieder ein Erlebnis, über das Gelände zu lau¬ 
fen, mit den Leuten zu sprechen, über ihre Ideen zu dis¬ 
kutieren, zu erleben, wie sich die D.I.Y.-Kultur entwickelt. 
Ich finde das sehr ermutigend, und diese Gegenkultur lag 
uns schon immer am Herzen. Wir haben beispielsweise in 
den Neunzigern auch ein Buch mit dem Titel „The White 
Book“ veröffentlicht, das war damals ein Adressbuch mit 
den Kontaktdaten aller Protestgruppen, Alternativ-Künst- 
ler und so weiter in Großbritannien, mit dem Ziel, diese 
Menschen besser zu vernetzen. Wir hatten damals den Ein¬ 
druck, die Linke verschwende zu viel Zeit mit Diskussio¬ 
nen über eigentlich belanglose Details, während die Rechte 
viel aktiver und direkter zur Sache ging. Wir wollten damit 
die Linke stärken. 

Ihr kommt aus der Punk-Szene, habt euch dem Folk 
zugewendet, mögt aber, wie man liest, den Ausdruck 
„Folkpunk“ oder „Folkrock“ nicht. 

In den Pubs, in denen wir damals in Brighton verkehrten 
- nur zwei oder drei ließen Typen wie uns überhaupt rein, 
da gab es viele Vorurteile - wurde viel Folk-Musik gespielt, 
Irish Folk. Im The Eagle beispielsweise, im Zentrum von 
Brighton. Ich kam also nach drei Monaten aus Marokko 
zurück, war pleite, musste meine Gitarren verkaufen, 
und sprach deshalb im Eagle ein paar Leute an. So traf ich 
Mark, der dann unser Sänger wurde, und wir kamen ins 
Gespräch, diskutierten über die lahme Szene in Brighton, 
wo es den Bands offenbar nur darauf ankam, um jeden 
Preis bekannt zu werden. Wir hatten dann die Idee, doch 
einfach eine Band zu gründen, die die Musik spielt, die 
wir selbst gerne im Pub hören würden. Wir hatten festge¬ 
stellt, dass die ganzen alten Folk-Songs eigentlich Protest¬ 
lieder waren, die inhaltlich dem Punkrock ziemlich nahe 
waren. Irgendwie gefielen die uns aber sogar noch bes¬ 
ser als Punk-Songs, denn Folk ist wirklich auf Grassroots- 
Level, dreht sich um die ganz grundlegenden Themen. Und 
so war die Ausrichtung unserer Band klar. 

Nim ist es ein altes Klischee, dass Punks keine Hippies 
mögen beziehungsweise mochten - und Folk ist schon 
ziemlich hippiemäßig ... Wie passte das doch zusam¬ 
men? In den letzten Jahren haben Bands wie FLOGGING 
MOLLY oder REAL McKENZIES ja bewiesen, dass Folk 
und Punk durchaus zusammenpassen. 

Wir haben da nie einen Konflikt gesehen, obwohl wir ja 
durchaus aus dem Punkrock kommen und keinen Hip¬ 
pie-Background haben. Punks und Hippies sind sich im 
Grunde von ihrer Ideenwelt her recht ähnlich, sie haben 
nur andere Frisuren. Für uns waren seinerzeit CRASS 
wegen ihrer anarchistischen Einstellung wichtig. CRASS 
spielten damals auf dem Hippie-Festival in Stonehenge, 
das war wirklich extrem hippiemäßig und wurde später 
von den Behörden verboten. Wir fanden diese Verbindung 
interessant, die Hippies und wir waren uns in der Denk¬ 
weise her sehr ähnlich, und wir verstanden nicht, wieso 
Punks und Hippies sich - der allgemeinen Einschätzung 
nach - hassen sollten. Vor allem gefiel uns der Aspekt, dass 


OX-FANZINE 40 








Folk auch rein akustisch funktioniert, dass man sich mit 
seinen Instrumenten überall hinsetzen und spielen kann, 
ganz ohne Verstärker. 

Ihr macht das schon seit über 20 Jahren, aber wie nehmt 
ihr die eben erwähnten „neuen“ Bands des Genres wahr, 
gibt es Verbindungen? 

Klar, wir haben schon mehrfach mit FLOGGING MOLLY 
gespielt, die waren auch schon auf unserem Festival. Die 
sind aber doch eher eine Punkband mit Folk-Elementen, 
während wir als LEVELLERS zwar von unseren Ideen und 
unserer Herkunft her Punks sind, aber nicht unbedingt 
musikalisch. Letzten Endes zählt für mich aber sowieso nur, 
ob eine Band gute Songs hat und eine gute Message. Ich 
muss die Meinung ja nicht teilen, wichtig ist mir die Lei¬ 
denschaft, mit der sie vertreten wird. 

Kannst du für mich noch das Rätsel eures Namens lösen? 
Der ist vom historischen Background her sehr nah dran 
an dem von NEW MODEL ARMY, die euch wiederum 
stilistisch und von den Ideen her nahe sind. 

Unser Name hat tatsächlich was mit der historischen „New 
Model Army“ zu tun. Die Levellers waren ein Gruppe von 
Akteuren im Englischen Bürgerkrieg ... 


... der von 1642 bis 1649 zwischen den Anhängern 
König Karls I. von England und jenen des englischen 
Parlaments ausgetragen wurde. 

Die Levellers waren so was wie Linksradikale, und letzt¬ 
lich wurden sie von den eigenen Leuten, von Oliver Crom- 
well und seinen parlamentarischen Truppen exekutiert - 
obwohl man eigentlich auf der gleichen Seite kämpfte. Die 
Levellers hatten sich aber geweigert, sich an den Erobe¬ 
rungstruppen zur Besetzung Irlands zu beteiligen. Sie 
waren der Meinung, Irland gehöre den Iren. Und so ließ 
Cromwell die meisten Levellers umbringen. Uns gefiel der 
Name wegen dieses Hintergrunds, zum anderen gab es in 
Brighton auf einem Gelände namens The Levels mal ein 
Umsonst-Festival, und dazu passte der Name auch. Außer¬ 
dem bezeichnet „leveller“ im Englischen jemanden, der 
Unterschiede ausgleicht. Mit unserem linken Hintergrund 
fanden wir das passend. Nicht zu vergessen und wichtig 
für mich als Künsder: der Name sieht geschrieben gut aus. 
Du bist für das Artwork zuständig, von dir stammt auch 
das bekannte „Rolling Anarchy“-Logo. 

Wir mochten schon immer gute Bandlogos, die müssen 
für die Leute leicht kopierbar sein, so dass sie leicht und 


einfach eigene T-Shirts machen können, es mit einer Schab¬ 
lone irgendwo hinsprühen können. Ich war beispielsweise 
schon immer ein großer Fan von EINSTÜRZENDE NEU¬ 
BAUTEN und deren Logo, oder nimm das CRASS-Logo. Das 
sieht man irgendwo und du weißt, worum es geht, ohne 
den Namen gelesen zu haben. So etwas Markantes such¬ 
ten wir auch, bis wir dann auf Tour in Amerika ein Sym¬ 
bol gesehen hatte, das uns begeisterte, und einer kritzelte 
es schnell auf ein Blatt Papier und ich spielte dann mona¬ 
telang damit herum, um es „richtig“ aussehen zu lassen, 
wobei mir ein Freund mit seinem Computer half. 

Euer neues Album „Static OnThe Airwaves“ ist kürzlich 
erschienen. LEVELLERS-Business as usual? 

Ich finde, es ist viel akustischer als die Sachen, die wir in 
den letzten Jahren gemacht haben. Wir haben uns etwas 
stärker auf den Folk-Aspekt unserer Musik besonnen, 
wohingegen das Album davor heavier, punkiger war. Mich 
erinnert das neue Album stark an unsere ersten beiden Plat¬ 
ten. Das ist eher passiert, als dass es eine bewusste Ent¬ 
scheidung war, wir hatten nur das Bedürfnis, wieder etwas 
akustischer zu klingen. 

Joachim Hiller levellers.co.uk 



DIE NEUEN KÖNIGE DES SKA? 

BUSTER SHUFFLE 

Ich stehe vor der Eingangstür des Sonic Ballroom in Köln-Ehrenfeld, als mir lauthals „A message to 
you, Rudy“ entgegen dröhnt, ein Song der 1967 von Dandy Livingstone geschrieben wurde, aber vor 
allem durch das THE SPECIALS-Cover, das 1979 sogar in den UK-Charts war, berühmt geworden ist. 
Der Soundcheck ist also noch in vollem Gange. Ich gehe rein und sehe, wie Jet Baker, Frontmann von 
BUSTER SHUFFLE, in typischer Jerry-Lee-Lewis-Manier seitlich zum noch sehr spärlichen Publikum 
vor seinem Klavier sitzt. Er und der Rest der Band sind gerade dabei, ihren Sound möglichst perfekt 
einzustellen und sich in Stimmung für die Show am späten Abend zu bringen. Vor Beginn ihres Auf¬ 
trittes bin ich aber noch mit Jet zum Interview verabredet, Kontrabassist Tim Connell, der sehr gutes 
Deutsch spricht, gesellt sich mit dazu, und so sitzen wir bei im Biergarten und unterhalten uns über 
die Entwicklung von BUSTER SHUFFLE, Jets Hund und einen mysteriösen Koffer. 


Jet, ihr werdet die neuen, die jungen MADNESS genannt. 
Was hältst du selbst davon? 

Jet: Ich denke, wir haben einige Einflüsse von klassischen 
englischen Bands. Vor allem THE SPECIALS undTHE CLASH, 
aber natürlich auch MADNESS. Und Rock’n’Roll-Einflüsse 
wie zum Beispiel Chuck Berry kommen noch hinzu oder 
THE WHO. Alles Mögliche eben. Und daraus ergibt sich 
dann ein spezieller Mix, der unsere Musik ausmacht. 

Wann habt ihr BUSTER SHUFFLE gegründet und wie 
kamt ihr zu eurem Bandnamen? 

Jet: Gegründet haben wir die Band 2008, als wir begon¬ 
nen haben, in London aufzutreten. Kurz darauf haben wir 
bereits an unserem ersten Album „Our Night Out“ gear¬ 
beitet, das wir dann 2009 veröffentlicht haben. Wir kann¬ 
ten uns aber alle schon länger, haben alle in verschiede¬ 
nen Bands gespielt und uns dann zusammengetan, um ein 
bisschen was anderes zu machen als die anderen. Und so 
haben wir BUSTER SHUFFLE gegründet. Unser Bandname 
ist im Londoner Cockney-Slang eine Aufforderung zum 
Tanzen, was eine gewisse Ironie beinhaltet, da wir alle ver¬ 
dammt schlechte Tänzer sind. 

Eure Besetzung hat sich innerhalb des letzten Jahres ver¬ 
ändert. 

Jet: Wir haben mit Pete Oag an der Hammondorgel sowie 
unseren beiden Backgroundsängerinnen Carrie Grif¬ 
fith und Debz Bridgeman noch Freunde dazu geholt. Das 
bedeutet vor allem mehr Spaß unterwegs, da wir mehr 
Leute zum Feiern haben. Musikalisch sind wir dadurch 
noch vielseitiger geworden. Die beiden Frauen können 
natürlich viel höher singen. Dadurch ist unser Sound ins¬ 


gesamt voller geworden und geht irgendwie noch mehr ab. 
Euer erstes Album habt ihr noch selbst produziert. Jetzt 
seid ihr bei People Like You Records unter Vertrag. Was 
bedeutet das für euch als Band, was hat sich geändert? 
Jet: Das bedeutet vor allem, dass wir für die Produktion 
unseres neuen Albums mehr Geld und mehr Zeit hatten, da 
wir uns jetzt nicht mehr noch um die vielen anderen Dinge 
rundherum kümmern müssen. Wir konnten uns jetzt voll 
und ganz auf das Einspielen der neuen Songs konzent¬ 
rieren. Das ganze Drumherum ist jetzt viel professionel¬ 
ler. Und unser erstes Album, das ich zunächst mit einem 
Freund selbst produziert hatte, wurde jetzt remastert und 
mit zwei Bonussongs versehen neu aufgelegt. Bisher war es 
nur in Großbritannien erhältlich, jetzt kann man es auch 
in Deutschland und in ganz Europa ohne Umwege kau¬ 
fen. Gerade Deutschland ist ein sehr wichtiger Markt. Und 
durch PLY sind wir internationaler aufgestellt. So ein Label 
hat einfach ein verdammt großes Netzwerk, das wir als 
Band alleine nicht haben. Mit den Leuten von PLY arbeiten 
wir sehr gut im Team zusammen. 

Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen? 

Jet: Wir haben letztes Jahr in Leipzig beim Endless Summer 
Festival gespielt. Das war sehr cool. Nachdem wir einige 
Shows in Deutschland gespielt hatten, kam ein deutscher 
Booking-Agent auf uns zu und hat uns zu dem Festival 
eingeladen. Da hat sich dann, glaube ich, zunächst eini¬ 
ges im Hintergrund abgespielt, der Agent hat zunächst mit 
PLY gesprochen, kam dann auf uns zu und hat uns gefragt, 
ob wir unser Album auch in Deutschland vertreiben wol¬ 
len, was wir natürlich wollten. Und dann hatte er mit PLY 


direkt ein Label parat, das Interesse an uns hatte. Wir beka¬ 
men den Kontakt und dann ging alles ganz schnell und 
unkompliziert. 

Ihr habt gerade euer zweites Album aufgenommen. Bist 
du damit zufrieden? 

Jet: Ja, ich denke schon. Wenn man intensiv an einem 
neuen Album arbeitet, dann ist das manchmal sehr hart 
und man verliert die Distanz zu dem Album, kann also 
nicht mehr wirklich beurteilen, ob es gut oder schlecht 
ist. Aber ich habe es mit ein bisschen Abstand ein paar Mal 
gehört und letzte Woche haben wir dann auch zum ersten 
Mal einige der neuen Songs live gespielt und so die Rück¬ 
meldung der Zuschauer bekommen. Und, ja, ich bin wirk¬ 
lich zufrieden. 

Was hat sich vom ersten zum zweiten Album verändert? 
Jet: Das erste Album war insgesamt eingängiger, die Melo¬ 
dien waren sofort da. Ich denke, dass unser neues Album 
vom Songwriting her ein Fortschritt ist, die Lieder sind 
etwas weniger eingängig, entwickeln sich aber dafür mit 
jedem Hören immer stärker und sind deshalb vielleicht 
auch über einen längeren Zeitraum interessant. Deshalb 
denke ich, dass unser neues Album definitiv eine Entwick¬ 
lung nach vorne ist. 

Worum geht es in eurem neuen Song „Made in China“? 
Jet: Das ist eigentlich eine klassische Liebesgeschichte. 
Dabei geht es um das Spielzeug meines Hundes Baxter, ein 
Bluthund übrigens. Das Spielzeug ist so ein kleines Quiet¬ 
scheteil aus Gummi. Mein Hund und das Gummiteil sind 
die besten Freunde, er ist ganz verrückt danach. Es ist die 
Geschichte von der Liebe eines Hundes zu seinem Spiel¬ 
zeug. Eines Tages habe ich die beiden beim Spielen beob¬ 
achtet und mir das Spielzeug mal etwas genauer ange¬ 
schaut. Darauf stand dann „Made in China“ und ich dachte 
„Ein guter Titel für ein Lied“. So in etwa ist der Song ent¬ 
standen. Eine romantische Geschichte, haha. 

Auf eurem neuen Album gibt es Kollaborationen mit 
einigen bekannten Musikern... 

Jet: Ja, wir haben Mickey Gallagher von THE BLOCKHEADS 
respektive THE CLASH, und Roddy Radiation von THE SPE¬ 
CIALS gefragt, ob sie nicht mit uns ein paar Songs auf¬ 
nehmen wollen. Beide kamen dann zu uns ins Studio und 
haben mit uns gemeinsam die Songs „Brothers & sisters“ 
und „Doesn’t really matter“ aufgenommen. Mit Ian Catski¬ 
lian von ART BRUT und Wag von THE INFIDELS, die beide 
gute Freunde von uns sind, haben wir „So such of much“ 
beziehungsweise „Elvis vs. Wag“ eingespielt. Es macht ein¬ 
fach Spaß, mit interessanten Musikern zusammenzuarbei¬ 
ten, und bringt ein Album auch irgendwie ein gutes Stück 
nach vorne. 

Zum Schluss: Was schätzt du am Tourleben? 

Jet: Zum Beispiel, dass wir ständig irgendwelche wichtigen 
Dinge vergessen. Letztens haben wir sogar einen Verstär¬ 
ker vergessen! Und auch Tims Kontrabass haben wir mal 
stehen lassen, was einfach unglaublich ist, denn so etwas 
kann man eigentlich gar nicht übersehen! Wenn du also 
später irgendwelche Dinge findest... die gehören uns. 
Tim: Ich habe letzens in der Nähe meiner Wohnung einen 
schwarzen Koffer gefunden. Ich wohne in Süd-London, 
einer eher üblen Gegend. Den Koffer haben wir dann für 
unseren Merchandising-Kram mit auf Tour genommen, 
und an der Grenze zu Frankreich wurden wir von Schwei¬ 
zer Zollbeamten angehalten. Die haben das ganze Fahr¬ 
zeug auf den Kopf gestellt, wirklich alles ausgepackt, hat¬ 
ten Hunde dabei, die sich natürlich direkt auf den Koffer 
gestürzt haben. Wir wussten ja nicht was vorher mit dem 
Koffer war und hatten dementsprechend Panik. Glück¬ 
licherweise war in dem Koffer aber nichts weiter als ein 
leeres Portmonee, ansonsten hätten wir echte Probleme 
bekommen können. 

Philip Jonke bustershuffle.co.uk 


OX-FANZINE 41 











Die Ende der Achtziger in London gegründeten GALLON DRUNK - damals aus James Johnston (vocals, guitar, organ), Mike Delanian (bass), Max De- 
charne (drums) und Joe Byfield (maracas) bestehend - gehören zweifelsohne mal wieder in die Kategorie „criminally overlooked bands of the nineties“. 
Auch wenn ihr dunkler, brodelnder und noisiger Swamprock zwischen Punk, R&B und Jazz, den die Band auf ihren ersten beiden Platten „You, The Night 
... And The Music“ (1992) und „From The Heart Of The Town“ (1993, hierzulande auf City Slang veröffentlicht) exzessiv praktizierte, damals von nicht 
wenigen Menschen anerkennend in einem Atemzug mit Tom Waits oder Nick Cave genannt wurde, was ja leider nicht gleichbedeutend mit kommerzi¬ 
ellem Erfolg sein muss. Wenn man so will, alternative Qualitätsmusik der Neunziger und dementsprechend auch mit der nötigen Zeitlosigkeit und stilis¬ 
tischen Klasse ausgestattet. 


Nach „From The Heart Of The Town“ verließ Schlagzeu¬ 
ger Decharne die Band und gründete die THE FLÄMING 
STARS, die sich mehr an den gepflegten Vintage-Klängen 
der TINDERSTICKS orientierten. Wobei auch Johnston 
auf der dritten Platte „In The Long Still Night“ (1996, 
City Slang) das Feedback deutlich zurückfuhr, was dann 
noch viel stärker für das erst sechs Jahre später ent¬ 
standene nächste Studioalbum „Fire Music“ auf Sweet 
Nothing galt (das Soundtrack-Album „Black Milk“ von 
1999 mal nicht mitgezählt). Spärlich gestreute Relea¬ 
ses und ständige Line-up-Wechsel dürften insofern 
dazu beigetragen haben, dass GALLON DRUNK schnell 
in Vergessenheit gerieten. Zumal Johnston - letztend¬ 
lich alleiniger Motor der Band - in den 2000er Jahren 
endgültig seine Erfüllung als Mitglied der BAD SEEDS 
gefiuiden hatte (bereits Mitte der Neunziger war er 
dort als Ersatzgitarrist dabei, etwa bei einem „Top of the 
Pops“-Auftritt von Cave und Kylie Minogue) und erst 
2007 mit „The Rotten Mile“ wieder unter dem Namen 
GALLON DRUNK ein Lebenszeichen von sich gab, das 
allerdings komplett unterging. Dieser Tage erschien 
weitere fünf Jahre später mit „The Road Gets Darker 
From Here“ dennoch ein neues, wieder hervorragendes 
Album dieser Ausnahmeband, dem es hoffentlich dies¬ 
mal besser ergehen wird. Deshalb an dieser Stelle ein 
ausführliches Gespräch mit diesem ungemein charis¬ 
matischen Sänger/Gitarristen/Organisten, der inzwi¬ 
schen auch mit Lydia Lunch bei BIG SEXY NOISE spielt. 

James, auf eurer Website ist in großen Letter zu lesen 
„GALLON DRUNK sind zurück“, die Frage dabei lau¬ 
tet für mich, sind GALLON DRUNK überhaupt jemals 
„weg“ gewesen? 

Nun, seit der letzten Platte „The Rotten Mile“ sind fünf 
Jahre vergangen, was für manche Bands eine lange Zeit ist. 
Da wir mit der Platte viel aufTour waren und mit den Auf¬ 
nahmen für die neue Platte schon bereits seit dem letzten 
Jahr beschäftigt waren, erschien es uns nicht so lang. Aber 
es ist auch viel passiert seit „The Rotten Mile“. Wie ich 
finde, eine tolle Platte, aber ich weiß nicht, ob sie die Ver¬ 
breitung gefunden hat, die sie verdient hätte. 

Um ehrlich zu sein, war mir bis vor Kurzem gar nicht 
bewusst, dass diese Platte überhaupt existiert... 

Oh, tatsächlich? Mit dem neuen Album soll das aber dies¬ 


mal anders laufen und das freut uns auch. Um auf deine 
Frage zurückzukommen, wir sind also nicht wirklich 
„weg“ gewesen, wir haben nur viel mit anderen Bands 
gespielt und haben das gemacht, was wir eigentlich immer 
tun. Und dann ergab sich die Gelegenheit, mit Clouds Hill 
und Johann Scheerer als Produzent zusammenzuarbei¬ 
ten. Das war purer Zufall, aber so passieren ja oft die bes¬ 
ten Dinge im Leben. Wir wussten sofort, dass es die rich¬ 
tige Mischung von Leuten war, bei der man sich wohl füh¬ 
len konnte. Im selben Studio in Hamburg hatte ich auch 
schon ein Album mit FAUST aufgenommen, vor drei Jah¬ 
ren war das, glaube ich. Ich kannte Johann also bereits und 
die Leute im Studio. Als er GALLON DRUNK dann das erste 
Mal live als Trio spielen sah, wollte er mit uns unbedingt 
eine Platte in seinem Studio aufnehmen, was ich für eine 
gute Idee hielt und auch unverzüglich umsetzen wollte. 
Und wie imgewöhnlich ist es für eine Band aus London, 
ein Album in Hamburg aufzunehmen? 

Zuerst einmal war es echter Luxus für uns, von dieser all¬ 
täglichen Routine wegzukommen, wo einem alles viel zu 
vertraut ist, und sich ganz auf eine Sache zu konzentrieren. 
Natürlich spiegelt so ein Album das tägliche Leben wider, 
aber wir konnten uns völlig darauf konzentrieren, es auf¬ 
zunehmen und uns darin zu verlieren. Es war toll, in Ham¬ 
burg zu sein, wir nahmen drei unterschiedliche Sessions 
auf und blieben die ganze Zeit im Studio. Mir hat das sehr 
gefallen. 

Meinst du denn, die Platte würde anders klingen, wenn 
ihr sie in London aufgenommen hättet? 

Ja, ich denke schon. Zum einen, weil wir sie sicher nicht 
in solch einem Studio aufgenommen hätten, einem per¬ 
fekt ausgerüsteten Analogstudio, von denen es in London 
nur wenige gibt. Wir hätten auch nicht die ganze Zeit im 
Studio bleiben können, alles wäre viel hastiger passiert. 
Obwohl es sich bei den meisten der Songs der Platte um 
die Versionen der ersten Aufnahmen handelt - Overdubs 
gibt es dabei kaum. Und man muss sich wirklich wohl füh¬ 
len, um Musik so aufnehmen zu können, ohne das gehetzte 
Gefühl, um fünf Uhr fertig sein zu müssen und dann mit¬ 
ten in der Hauptverkehrszeit nach Hause zu fahren. 

Dir war also vor allem das analoge Feeling beim Aufneh¬ 
men der Platte wichtig... 

Ja. Digital ist natürlich besser, um deine Musik nachträg¬ 
lich zu bearbeiten, aber Analogaufnahmen sind schon 


etwas Besonderes. Jemand muss aufpassen, wenn sich das 
Band dem Ende nähert und man nur noch eine Minute 
übrig hat. Es macht die Sache spezieller und wertvoller, 
wenn man die Chance hat, so einen Moment auf Band fest¬ 
zuhalten. Und wenn man diesen Moment verpasst, ist er 
weg. Anstatt hinterher nur tausend kleine Teilchen zusam¬ 
menzukleben, das ist einfach etwas ganz anderes. Vor allem 
bezogen auf unsere Arbeitsweise, denn wir wollen eine 
Version eines Songs, die zu einem bestimmten Zeitpunkt 
passiert ist. Wenn wir die Platte woanders aufgenommen 
hätten, wären vielleicht ganz andere Songs dabei herausge¬ 
kommen, da wir recht unvorbereitet mit den Aufnahmen 
begannen, wir hatten nur kleine Songideen, die auf mei¬ 
nem Diktiergerät waren. Einzelne Gitarrenriffs und Bruch¬ 
stücke von Texten, die wir vor Ort zum Leben erwecken 
wollten, damit alles spontaner ist und wir nicht schon im 
Vorfeld zu viel an diesen Ideen arbeiteten. So haben wir 
aber auch schon auf alten Platten wie „From The Heart Of 
The Town“ gearbeitet, wo wir ebenfalls recht unvorberei¬ 
tet ins Studio gingen. 

Wenn man „The Road Gets Darker From Here“ aller¬ 
dings mit euren alten Platten vergleicht, fallt auf jeden 
Fall auf, dass sie einen ausgeprägten Jam-Session-Cha¬ 
rakter hat. 

Das stimmt, die Platte ist sehr rauh. Dafür ist auch Johann 
verantwortlich, der „The Rotten Mile“ kannte und liebte. 
Er wollte den Sound noch trockener hinbekommen und 
das Schlagzeug mehr in den Vordergrund holen. Das war 
auch unser Gedanke, aber wir neigen dazu, viele Platten 
aus den Sechzigern zu hören, die weicher sind und viel 
Hall besitzen, und er ermutigte uns, den Sound wesentlich 
trockener aufzunehmen. Dadurch klingen die Gitarren und 
das Schlagzeug viel aggressiver und dreckiger. 

Würdest du tatsächlich sagen, dass das neue Album 
wesentlich aggressiver ist als „The Rotten Mile“ ist, eine 
ebenfalls sehr „rohe“ Platte? 

Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Simon Wring, 
einer unseren besten Freunde und Bassist der Band, schon 
sehr lange sehr krank war und dadurch nicht mehr in der 
Lage war, mit der Band zu spielen und mit ins Studio zu 
kommen. Das kommt auf der Platte zum Ausdruck, nicht 
unbedingt auf traurige Weise, aber die Frustrationen des 
täglichen Lebens spielten dabei sicher eine Rolle. Und es 
wäre unehrlich gewesen, die Auseinandersetzung mit sol- 


OX-FÄNZINE 42 





chen Dingen nicht zu berücksichtigen. Und als wir zurück 
nach London kamen, mussten wir erfahren, dass Simon 
gestorben war, eine echte Tragödie. Das Brutale daran ist, 
dass das Leben einfach weitergeht. Wir haben die Platte 
in seinem Andenken aufgenommen und er hat auch star¬ 
ken Einfluss darauf gehabt, aber wir machen halt weiter. 
Wir haben jetzt einen neuen Bassisten namens Leo Kurunis 
und fuhren mit ihm vor einem Monat wieder ins Clouds 
Hill Studio und nahmen dort ein Live-Set auf, das als 10“ 
herauskommen wird. Wir haben da die Hälfte des neuen 
Albums als Live-Versionen aufgenommen, was richtig gut 
klingt. 

Nachdem du ja bei FAUST gespielt hast, wundert es 
mich fast etwas, dass das neue Album recht kurz ausge¬ 
fallen und diesbezüglich überhaupt nicht Krautrock- 
like ist. 

Ja, bei FAUST haben wir 20-minütige Songs gespielt, das 
ist wirklich ekstatisch und fantastisch, ich liebe das. Aber 
wenn man dann zu seiner eigenen Musik zurückkehrt, will 
vielleicht nicht bewusst dem entgegenwirken, aber auf 
jeden Fall etwas anderes machen. Deshalb sind wohl eher 
kurze Songs auf der Platte. 

Auf jeden Fall konnte man schon immer bei GALLON 
DRUNK eine gewisse Acidrock/Trance/Drone-Quali- 
tät heraushören. Hatte das auch etwas mit Krautrock zu 
tun? 

Ich weiß nicht genau, wo das herkommt, aber es stimmt 
auf jeden Fall, was die ersten beiden Platten betrifft, und 
auch live. Aber es stammte definitiv nicht daher, dass ich 
damals Krautrock-Bands gehört habe. Die repetitive Struk¬ 
tur der Songs von Bo Diddley hat sicher mehr damit zu tun, 
wo wir dann jede Menge Feedback darüber legten, eine 
Kombination von Dingen, die wir mochten. FAUST haben 
in den Siebzigern auch so etwas gehört, ich weiß, dass sie 
Bo Diddley und VELVET UNDERGROUND mögen. 

Und wie sieht das live aus, sind eure Song nicht dazu 
gemacht, auf einer Bühne weitaus epischer umgesetzt zu 
werden? 

Ja, wir haben durchaus Gefallen an einem übertriebe¬ 
nen Abschluss von Songs, das zieht sich durch unsere 
gesamte Karriere. Die Songs werden ja ständig neu inter¬ 
pretiert, zum Beispiel seit wir mit Leo spielen, haben sie 
sich unweigerlich verändert. Es macht ja auch keinen Sinn, 
sie genauso zu spielen wie auf Platte, zumal wir auch nicht 
immer alle Instrumente zur Verfügung haben. Wir spie¬ 
len auch immer noch Songs von „FromThe Heart OfThe 
Town“. Wir spielen sie jetzt schon so lange, und wenn du 
dir anhörst, wie wir sie jetzt spielen, klingen sie vollkom¬ 
men anders. Man bemerkt das gar nicht, aber sie verändern 
sich mit der Zeit. Es wäre auch langweilig, sie genauso zu 
spielen, ich glaube, wir könnten das auch nicht. Ich weiß 
auch gar nicht mehr, wie sie auf den alten Platten über¬ 
haupt geklungen haben, haha. 

Hast du ein für dich herausragendes Beispiel für eine 
Band, die immer anders geklungen hat, wenn du sie live 
gesehen hast? 

Jedes Mal, wenn ich SUICIDE live gesehen habe, waren sie 
fantastisch. Ich habe sie das erste Mal in den Achtzigern 
gesehen. Manchmal fing ein Song an und ich fragte mich, 
was das sein könnte, und dann entwickelte sich etwas 
komplett anderes daraus. Ich habe sie mir immer gerne 
angeschaut, ich glaube, ich habe sie fünf- oder sechsmal in 
London gesehen. Ansonsten fallt mir spontan keine andere 
Band ein. Als ich bei den BAD SEEDS gespielt habe, haben 
sich die Songs auch immer sehr verändert. Es war eine 
bewusste Entscheidung von Nick, mit den Songs zu spie¬ 
len, damit sie jedes Mal anders klingen, und auf jeder Tour 
gab es eigentlich andere Versionen der Songs. 

Wie kam es damals dazu, dass du bei den BAD SEEDS 
gespielt hast? 

Das erste Mal spielte ich 1994 bei den BAD SEEDS als Ersatz 
für Blixa Bargeld, der wegen eines Theaterstücks verhindert 
war. Zu der Zeit waren die BAD SEEDS mit Lollapalooza in 
den Staaten unterwegs, diesem riesigen Tour-Festival. Wir 
haben da über 40 Gigs gespielt in zweieinhalb Monaten, 
wo ich Gitarrist war. Ich habe sie zuerst durch meinen Bru¬ 
der Ian Johnston kennen gelernt, der ein Buch über Nick 
Cave geschrieben hat. Festes Mitglied wurde ich dann, als 
Blixa die Band verließ, das muss 2002 oder 2003 gewesen 
sein. Ich war dann mit ihnen bis 2007 oder 2008 zusam¬ 
men auf Tour und habe mit ihnen im Studio aufgenom¬ 
men. Die BAD SEEDS sind auf jeden Fall ein gutes Beispiel 
für eine tolle Live-Band. 

Wie einflussreich war die Zeit bei den BAD SEEDS auf 
deine eigene Musik? 

Zum Teil hat das GALLON DRUNK sicher beeinflusst, aber 
wir haben ja für eine Weile nicht wirklich viel mit der Band 
gemacht, bis wir dann „The Rotten Mile“ aufgenommen 
haben. Wenn ich mir die Platte jetzt anhöre, klingen GAL¬ 
LON DRUNK für mich eigentlich, wie wir immer geklun¬ 
gen habe, ich kann da keine speziellen Einflüsse feststellen. 
Jemand schrieb mal über euch: „One thing that can’t be 
said about GALLON DRUNK is that they’re easy to listen 
to.“ Was hältst du von dieser Einschätzung? 

Haha! Hat meine Mutter das geschrieben? Na ja, es hat 
einfach Spaß gemacht, es so zu machen. Es hängt natür¬ 


lich auch davon ab, wer sich das anhört, und manche 
Leute werden es sicherhch ziemlich schrecklich finden. 
Aber wenn ich an die neue Platte denke, glaube ich nicht, 
dass es schmerzhaft ist, sich das anzuhören. Es ist groovy, 
man kann dazu auch tanzen. Sicherlich handelt es sich um 
intensive Musik, aber das ist einfach die Musik, die wir 
machen wollen. 

Interessant ist bei GALLON DRUNK eigentlich immer 
gewesen, dass zwar in der Regel Vergleiche mit Leuten 
wie Tom Waits und eben Nick Cave herangezogen wur¬ 
den, die Band aber dennoch von Anfang an ungemein 
charakteristisch klang. In was für einem musikalischen 
Umfeld wurde die Band damals eigentlich gegründet? 
Das war 1988. Wir haben damals noch nicht live gespielt. 
Ich und der damalige Bassist Mike gingen seinerzeit in ein 
Studio und nahmen zwei Songs auf, packten die auf eine 
Single, wussten aber nicht, was wir damit machen soll¬ 
ten. Ich weiß auch gar nicht mehr, warum wir das über¬ 
haupt gemacht haben, haha. Wir hatten, glaube ich, auch 
nie vor, tatsächlich live aufzutreten. Ich lebte damals mit 
dem früheren Schlagzeuger und Marakas-Spieler zusam¬ 
men in einem Haus und wir begannen zu proben. Und 
direkt von Anfang hatte es etwas Einzigartiges an sich, 
wegen der Instrumentierung, wir hatten ja keinen Gitar¬ 
risten. Ich war der Sänger und konnte nicht beides gleich¬ 



zeitig tun. Der Schlagzeuger Nick hatte nur ein Tom Tom 
und so hatte unsere Musik gleich dieses Bo Diddley-Fee- 
ling. Der grundsätzliche Sound der Band entwickelte sich 
so sehr schnell, auch wenn unsere Songs vielleicht noch 
nicht so toll waren, aber das war uns auch egal, wir wollten 
einfach ein bisschen Krach machen. Es gab da auch keinen 
Karriereplan oder so was. Wir kannten auch keine ande¬ 
ren Bands zu diese Zeit oder fühlten uns mit einer spezi¬ 
ell verbunden. Wir haben damals zwar viel mit STEREOLAB 
gespielt, die toll waren, aber zwischen uns und ihnen gab 
es keine großen Gemeinsamkeiten. 

Was war 1988 ansonsten musikalisch in London los, was 
hat die Presse damals abgefeiert? 

So genau kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es 
waren Bands wie THE WONDER STUFF, so grungy Kram 
eben, aber nichts, woran einer von uns wirklich interes¬ 
siert war. Es ist erstaunlich, wie abgeschnitten man von sol¬ 
chen Sachen sein kann, besonders damals, wenn man kein 
Radio gehört hat und es sich nicht leisten konnte, viel auf 
Konzerte zu gehen. Man arbeitete sich stattdessen durch 
Secondhand-Plattenläden und kaufte sich Platten von Lee 
Hazlewood. Das muss vielen Leuten heute wie das fins¬ 


terste Mittelalter erscheinen, aber es hatte auch seine guten 
Seiten, haha. 

Hast du denn zu dieser Zeit viel John Peel gehört? 

Eigentlich nicht, aber bevor ich nach London zog, war das 
noch der Fall, weil es der einzige Kontakt zur Außenwelt 
für mich war. Ich wohnte 30 oder 40 Meilen von Lon¬ 
don entfernt und habe damals jede Nacht seine Sendung 
gehört. Du hast da nicht nur THE BIRTHDAY PARTY oder 
THE GUN CLUB gehört, er spielte auch Bo Diddley, How- 
lin’Wölf oder THE POP GROUP ... Ich habe auch das erste 
Mal EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN im Radio gehört, was 
einem heute sicher nicht mehr passieren wird. Das war 
natürlich toll, weil man so in sehr gebündelter Form 
Musikgeschichte vermittelt bekam. 

Man kann immer lesen, dass GALLON DRUNK direkt zu 
Beginn recht populär waren in England. Wie siehst du 
das rückblickend? 

Schwer zu sagen, denn das Geld, was durch die Platten 
reinkam, ging dann gleich wieder für Touren in den Staa¬ 
ten, etwa mit Morrissey, drauf, da blieb nicht viel hängen. 
Wir waren auch auf dem Cover des Melody Maker, was toll 
war, das brachte uns viel Aufmerksamkeit und wir waren 
bei großen Touren als Vorband dabei. 

Ihr habt ja ebenfalls sehr früh Erfahrungen mit Major¬ 
labels sammeln können, hat sich dadurch damals etwas 
für euch positiv verändert? 

„From The Heart OfThe Town“ kam damals in den USA 
auf Warner raus. Das war zu der Zeit, als wir dort die Tour 
mit Morrissey gemacht haben. Aber eigendich hatten wir 
dadurch nur noch weniger Unterstützung. Unter Vertrag 
nahm uns damals übrigens Seymour Stein, der auch die 
RAMONES entdeckt hatte. Zu dieser Zeit hat man ihn aller¬ 
dings gerade aus dem System hinausbefördert, weil er als 
rückschritüicher alter Irrer angesehen wurde, der so was 
wie Richard Hell unter Vertrag nahm. Aber er hat all diese 
fantastischen Sachen ausgegraben. Doch wenig später ver¬ 
schwand er aus der Firma und wir waren nur noch eine 
der unzähligen anderen Bands, die bei Warner unter Ver¬ 
trag waren. 

Was bei GALLON DRUNK immer gut herauszuhören 
war, ist die Affinität zu Soundtracks, vor allem bezogen 
auf ein Genre wie Film Noir. Und tatsächlich habt ihr ja 
1999 für einen obskuren griechischen Thriller namens 
„ Black Milk“ die Musik aufgenommen, und neben dir 
findet man da auch Blaine L. Reininger von TUXEDO- 
MOON in der Besetzungsliste. 

Das stimmt, aber wir haben auch schon Musik fürs Fern¬ 
sehen und für andere Filme aufgenommen. Das kommt 
natürlich daher, dass ich mir auch viele Soundtracks 
anhöre, Lalo Schifrin, John Barry und Ennio Morricone. 
Was den Film angeht ... Blaine lebt ja schon länger in 
Athen und kannte den Regisseur. Und als wir damals in 
Athen auftraten, spielten wir den letzten Gig zusammen 
mit Blaine, eine recht ungewöhnliche Kombination, aber 
dadurch ergab sich die Sache mit dem Film. 

Neben „Clean“ von Olivier Assayas gehört zu deinen 
anderen Filmcredits auch die Hauptrolle in Ken Russells 
skurrilem Spätwerk „The Fall of the Louse of Usher“ 
von 2001. Welche Erinnerungen hast du an diesen letz¬ 
ten wahren Regie-Exzentriker, der Ende 2011 leider 
verstarb? 

Er war ein ganz bemerkenswerter Mensch, auch wenn ich 
nicht weiß, wie berühmt seine Filme wie etwa der gro߬ 
artige „Die Teufel“ außerhalb Englands waren ... Es han¬ 
delte sich wieder um einen dieser seltsamen Zufälle, da 
damals jemand, mit dem ich zusammenarbeitete, mich 
ihm vorstellte und er wollte, dass ich in einem Film von 
ihm mitspielte. Aber die Finanzierung des Projekts stand 
plötzlich auf der Kippe, er wollte den Film aber trotzdem 
drehen und tat das dann auf eigene Faust in seinem Gar¬ 
ten. Einer der anderen Darsteller war sein Gärtner. Es war 
alles ziemlich merkwürdig und lustig, wie bei einem frü¬ 
hen John Waters-Film. Russell entpuppte sich jedenfalls als 
unglaublich charmant, auch wenn er einen seltsamen Ruf 
besitzt, was aber vor allem mit seinen Filmen zu tun hat, 
oder mit manchen seiner Darsteller wie Oliver Reed. Als 
ich das erste Mal in seinem Haus war, schauten wir uns 
alte expressionistische deutsche Stummfilme an. Und sein 
Haus war voller Klassikplatten, die er mir dann in einer 
Lautstärke vorspielte, die ich sonst nur von irgendwelchen 
Gigs gewohnt war. Wir betranken uns dann, bis ich irgend¬ 
wann völlig weggetreten war. Am nächsten Tag um sechs 
Uhr weckte er mich dann mit einigen Sexpuppen im Arm 
und meinte: Wir müssen die noch vor sieben aufgeblasen 
haben, bevor der Postbote kommt. Er kettete mich dann für 
eine Szene an einem Bett in seiner Garage an, direkt unter 
einem großen Steakmesser, was eine Billigversion von „Die 
Grube und das Pendel“ werden sollte. Das war im Januar 
und es war wirklich arschkalt. Mittendrin entkam dann 
ein Schaf aus einem Stall, das er wieder einfangen musste, 
während ich an dieses Bett gefesselt war. Er war zwar wirk¬ 
lich äußerst exzentrisch, aber auch völhg begeistert von 
Musik und Film. Er vergötterte etwa Filme wie „Eraser- 
head“. Und es war wirklich lustig, mit ihm dazusitzen und 
ein GALLON DRUNK-Album anzuhören. 

Thomas Kerpen gallondrunk.com 


OX-FANZINE 43 










Nach „Red Album“ (2007) und „Blue Record“ (2009) folgte im Juli 2012 mit „Yellow & Green“ ein Qua- 
si-Doppel-Album von BARONESS aus Savannah, Georgia. Die 2003 gegründete Band, die ihren Al¬ 
ben zwei EPs und ein Split-Album vorausgehen ließ und die über Relapse veröffentlicht, hat sich mit 
dem neuen Doppelalbum musikalisch stark verändert, ihr Sound ist ruhiger und fokussierter gewor¬ 
den, vom sludgigen Metal der früheren Jahre ist nur noch am Rande etwas zu spüren. Ich sprach mit 
Sänger und Gitarrist John Dyer Baizley über seine Band und seine Kunst. 


John, was machst du derzeit? 

Wir bereiten uns auf die nächste Tour vor, und das bedeu¬ 
tet, dass wir sechs Stunden am Tag proben. Viel zu tun also. 
Euer neues Album hat uns etwas überrascht: Von Sludge 
und Metal keine Spur mehr, wie kommt das? 

Beim Songwriting haben wir eigentlich nichts anders 
gemacht. Wir sind zu viert, wir wohnen in verschiedenen 
Städten, wir haben jetzt wie zuvor die Platten in Einzel¬ 
teilen geschrieben und die dann vor dem Studiotermin in 
einer einmonatigen Probesession zusammengeführt. Aber 
es stimmt schon, die neue Platte ist anders als die davor. 
Wir haben am Ende der Touren zu „Blue Record“ festge¬ 
stellt, dass uns ein paar Dinge an unserer Musik fehlten, vor 
allem live. Ich meine damit Klänge, die wir selbst gerne 
bei anderen hörten, aber die es bei unserer eigenen Musik 
nicht gab. Es ist nicht so, dass sich unser Fokus verändert 
hätte, aber unsere Fähigkeiten als Musiker und Songwri- 
ter haben sich geändert, wir merkten, dass wir jetzt Sachen 
umsetzen können, die wir früher nicht hinbekommen 
haben, und gleichzeitig passierte bei uns viel zu viel zur 
gleichen Zeit. 

Wie soll ich das verstehen? 

Man kann das mit einem Feuerwerk vergleichen: Ständig 
passiert da was, hier ... und da ... und dort, und man kommt 
kaum dazu, etwas anzuschauen, weil woanders schon der 
nächste Sternenregen niedergeht, alle läuft simultan. Wir 
wollten nun versuchen, dem einzelnen Effekt mehr Auf¬ 
merksamkeit zu verschaffen. Zumindest kamen mir unsere 
Shows immer so vor, als ob da zig Sachen parallel lau¬ 
fen. Uns interessierte, was man tun kann, damit die Musik 
etwas einfacher wird, dass sie Raum zum Atmen hat, dass 
man es schafft, sie in eine andere Richtung zu lenken, so 
dass man sich auf andere Weise artikulieren kann. Uns war 
wichtig, diese Veränderung jetzt umzusetzen, um nicht auf 
der Stelle zu treten, nicht wieder ein Album mit der glei¬ 
chen Musik zu machen. Das wäre für uns langweilig gewe¬ 
sen. Vor sieben Jahren oder so war Metalcore total ange¬ 
sagt, Freunde von uns spielten auch in solchen Bands, und 
mit der Zeit wurde es für die schon beinahe schmerzhaft, 
ein neues Album zu schreiben. Immer diese Breakdowns in 
den Songs, immer die gleiche Schiene. „Warum macht ihr 
das dann?“, fragte ich, und bekam zur Antwort, das würde 
das Publikum eben erwarten und sonst würde sich das 
Album nicht verkaufen. Diese Mentalität ist aber komplette 
Scheiße! Wir wollen Musik machen, die zum Ausdruck 
bringt, wer wir sind und wo wir im Leben stehen. Wir 


wollen abwechslungsreiche Musik machen, die unserem 
breiten musikalischen Interesse entspricht. Und so war die 
einzige Option für uns, uns zu verändern, und das Ergebnis 
dieses Prozesses ist das neue Album. Ich halte es darüber 
hinaus für wichtig, dass eine Band alle fünf Jahre zurück¬ 
blickt, betrachtet, was sie geschaffen hat, dann alles nie¬ 
derreißt und alles neu aufbaut. Dazu kam, dass wir durch 
das ständige Touren auch etwas den Plan verloren hatten. 
Habt ihr das neue Material schon live gespielt? 

Wir waren in den USA gerade mit MESHUGGAH und 
DECAPITATED unterwegs und haben immer zwei der 
neuen Stücke gespielt. Das Publikum war uns gegenüber 
teils richtig feindselig eingestellt, die wollten MESHUG¬ 
GAH sehen, doch die Songs kamen phänomenal gut an, 
wie wir an den Kommentaren im Internet ablesen konnten. 
Das ist ein gutes Zeichen, ich denke, das Album wird gut 
ankommen. Vor allem aber brauchten wir als Band diese 
drastische Richtungskorrektur. Wenn eine Band mal ein 
paar Jahre existiert, muss man sich darüber klar werden, 
dass man nicht ewig Musiker bleiben wird, dass das wahr¬ 
scheinlich nur eine Phase in deinem Leben ist, die ein paar 
Jahre dauert, so lange wie man das rein körperlich durch¬ 
steht. Da empfinde ich es als sehr einschränkend, in diesem 
Zeitraum immer nur das Gleiche zu machen. Keiner, der 
Musik macht, will doch noch nach zehn Jahren exakt da 
stehen, wo er zu Beginn war. Unser Wechsel ist drastisch, 
und das sollte er auch sein. Wenn nun ein paar Leute den¬ 
ken, unsere EPs seien unsere besten Platten, dann muss ich 
sagen, dass diese Leute ein begrenztes Geschmacksempfin¬ 
den haben. Wenn du gerne immer wieder die gleiche Platte 
hörst, dann schalte irgendeinen Radiosender ein und hör 
dir NICKELBACK an oder LINKIN PARK. Die machen seit 
15 Jahren immer nur das Gleiche. 

Das neue Album hat offensichtlich einen Doppeltitel, 
umfasst 18 Songs und läuft 75 Minuten. Ein Doppelal¬ 
bum also, oder zwei Alben auf einmal? 

Irgendwas in der Art. Wir hatten eine Menge Songs 
geschrieben, und uns war bald klar, dass es entweder ein 
superlanges Album wird, worauf wir aber keine Lust hat¬ 
ten, oder dass die Stücke auf zwei Scheiben aufteilen wer¬ 
den. Wir haben die Songs so aufgeteilt, dass jede Scheibe 
für sich als Album durchgehen kann, beide aber zusam¬ 
men Sinn ergeben. Ich bin ja selbst Musikfan, und wenn 
ich an eine Platte mit 7 5 Minuten Spielzeit gerate, höre ich 
die nicht in Gänze mit gleichbleibender Aufmerksamkeit 
an. Und so haben wir eben zwei „Akte“ daraus gemacht. 


Steckt hinter den Farben Rot, Blau, Gelb und Grün 
irgendein Zusammenhang, korrespondieren die irgend¬ 
wie mit der Musik? 

Dazu gibt es keine aufregende Geschichte. Wir wollten ein¬ 
fach diese Farbthematik noch ein Album länger durchzie¬ 
hen, so mussten wir auch nicht lange über den Titel nach- 
denken. Die Farben als Titel haben wir uns ausgedacht, um 
die Sache möglichst einfach zu halten, um den Zuhörer 
im Vorfeld nicht zu sehr zu beeinflussen, so dass man sich 
dem Album ohne große Vorbelastung widmen kann, sich 
überraschen lassen kann. 

Da sich die Musik in den drei Jahren seit dem letzten 
Album verändert hat - hat sich auch deine Malerei ver¬ 
ändert? 

Die Sicht von außen auf diese Veränderungen ist eine ganz 
andere als meine Wahrnehmung. Ich empfinde das alles 
nicht als Wandel, sondern als Wachstum. Das mag wie 
Wortklauberei erscheinen, aber mir ist diese Unterschei¬ 
dung wichtig. Ich als Künstler will mich nicht verändern, 
ich will wachsen, ich will, dass sich meine Arbeit entwi¬ 
ckelt. Sowohl meine Musik als auch meine Malerei sind 
gewachsen, etwa in Hinblick auf die Menge an Inspiration, 
die in sie geflossen ist. Als ich jünger war, habe ich wie 
viele andere Künstler auch eher auf Einwirkungen reagiert, 
während ich heute eher reflektiere. Die Tage, als ich jung 
und wütend war und auf diese Wut mit Geschrei antwor¬ 
tete, sind vorbei. Wütend bin ich immer noch, und auch 
frustriert, aber ich reagiere anders darauf, nämlich mit 
Reflexion und Überlegtheit. Und das wirkt sich natürlich 
auf meine Bilder und die Musik aus. 

Hat der schwarze Schwan, der im Artwork auftaucht, 
eine besondere Bedeutung für dich? Wofür steht er? 

Er hat eine Bedeutung, aber die will ich nicht erklären. Wir 
nehmen das Band-Artwork aber immer schon sehr ernst, 
wir investieren viel Zeit in die Konzeption. Im Artwork fin¬ 
den sich kleine Geschichten und Details von jedem Band¬ 
mitglied, vieles aus meinem Unterbewusstsein, Unde¬ 
finierbares, und eben auch Symbole wie der schwarze 
Schwan. Ich könnte das alles erklären, aber das nähme dem 
die Spannung, finde ich. 

Ein bisschen mehr wüsste ich schon gern ... Was faszi¬ 
niert dich an einem schwarzen Schwan? 

Ich interessiere mich generell für Mythologie, und der 
Schwan an sich ist schon ein starkes mythologisches Sym¬ 
bol. Das ist kein Geheimwissen, da reicht es aus, mal bei 
Wikipedia nachzuschauen. Vor Jahren tourten wir mal in 
Australien und dort auch in Westaustralien, also Perth, und 
der dortige Wappenvogel ist der schwarze Schwan, weil er 
so besonders und eine Ausnahme ist. Für mich steht der 
Schwan für eine bedrohte Kreatur, deren Symbolcharak¬ 
ter wohl ihre reale Bedeutung übersteigt. Im Grunde ist 
der schwarze Schwan ein Vogel wie jeder andere auch, aber 
wir „beladen“ ihn mit all diesen Bedeutungen. Ich finde es 
deshalb auch interessant, einen Moment wie den auf dem 
Albumcover darzustellen, wo man eine unmittelbar bevor¬ 
stehende Gewalttat annimmt - es ist der Moment, kurz 
bevor etwas sehr Schönes zerstört wird. Das finde ich inte¬ 
ressant, solche Gedanken verfolgen mich. Generell tauchen 
solche Vorstellungen deshalb immer wieder in meinen Art- 
works auf, ich achte sehr genau darauf, welche Symbole 
ich in meinen Bildern verwende, auch wenn die oft nur 
von uns vieren in der Band entschlüsselt werden können. 

Als wir uns vor drei Jahren unterhielten und du uns ein 
Bild zur Verwendung als Cover gabst, warst du im Inter¬ 
net noch fast unsichtbar. Heute haben sowohl BARO¬ 
NESS wie auch du selbst sehr gut gepflegte Seiten. Wie 
kam es zu dem Sinneswandel? 

Ehrlich gesagt interessiert mich das Internet immer noch 
nicht. Die Website entstand mit der Hilfe meiner Frau und 
eines guten Freundes. Die fanden es dumm, wie verbissen 
ich ablehnte, mich selbst etwas zu promoten. Die beiden 
kümmern sich um die Website, ich selbst habe damit kaum 
was zu tun. Was mich im Leben interessiert, hat nichts mit 
dem Internet zu tun. Ich musste aber einsehen, dass ich 
nach all den Jahren, in denen ich meine Siebdrucke nur 
auf Tour verkauft hatte, mich doch mal dem Verkauf über 
einen Webshop öffnen musste. Wir touren ja nicht überall, 
also schloss ich viele Menschen vom Kauf eines meiner Bil¬ 
der aus, und dieses Argument überzeugte mich. 

Druckst du selbst? 

Nein, ich arbeite mit der hervorragenden Siebdruckerei 
Burlesque Of North America in Minneapolis zusammen, 
ich habe kein Händchen für dieses Handwerk. Es interes¬ 
sieren sich auch immer mehr Menschen für meine Arbei¬ 
ten, wie ich feststellen muss. Das ist nichts, was mich 
umtreibt, aber ich nehme das schon wahr. Es läuft also 
ganz gut, ich muss eigentlich ständig Aufträge ablehnen, 
weil ich nicht die Zeit dafür habe, was gut und schlecht 
zugleich ist. Ich bin eigentlich schon bis 2014 ausgebucht, 
das ist verrückt. Ich habe mich zuletzt um unser eigenes 
Artwork für Album, Merch und Poster gekümmert, davor 
um das einer Band aus Atlanta namens TIGER! TIGER!. 
John, besten Dank für deine Auskünfte. 

Joachim Hiller aperfectmonster.com 

baronessmusic.com 


OX-FANZINE 44 





„The medium is the message“, hieß es 1964 bei dem kanadischen Philo¬ 
sophen Marshall McLuhan. Eigentlich könnte man dieses Diktum getrost 
auf die Musik von PG.LOST übertragen. Auf ihrer Europatour im Frühjahr 
stellten sie mit „Key“ ein Album vor, das kompakter als alle Vorgänger¬ 
releases klingt. Hört man Mattias Bhatt, einem der zwei Gitarristen der 
schwedischen Post-Rock-Band, genau zu, scheint sich das Quartett gera¬ 
dezu vehement dagegen zu wehren, auf eine eindeutige Aussage reduziert 
zu werden. 

Mattias, ihr wart vor einiger Zeit in China und Korea auf Tour. Mit welchen Erwar¬ 
tungen seid ihr damals aufgebrochen? Gerüchten zufolge wurdet ihr sehr gut aufge- 
nommen. 

Wir waren bereits in China, Hongkong und Taiwan und wussten schon, dass es dort gro߬ 
artig sein würde. Eines der Ziele dieser Tour war jedoch, mehr Länder zu besuchen und 
neben den großen Städten auch die kleineren zu bespielen. In Südkorea hatten wir sechs 
Konzerte und später erfahren, dass das wohl eine Art Rekord für eine ausländische Band 
ist, total cool! Ich denke, dass die Subkulturen dort wachsen, insbesondere in China gibt 
es eine gute Musikszene. Viele Bands fangen gerade an und es ist nicht mehr lange hin, bis 


chinesische Bands um die Welt touren werden. Wir planen, im Sommer neue Songs auf¬ 
zunehmen und ein Split-Vinyl mit der Instrumentalgruppe WANG WEN rauszubringen. 
Wo habt ihr euer neues Album „Key“ aufgenommen und hatten die äußeren Umstände 
Einfluss auf eure Arbeit? Mir drängten sich Assoziationen von Isolation und endlosen 
Wäldern auf - das Artwork bestätigte das dann, es sind viele Tiere zu sehen. 

Wir haben das Album in einem Studio außerhalb Norrköpings aufgenommen. Ein sein- 
ruhiger Ort, an dem wir letzten Herbst zwei Wochen verbrachten und herumexperimen¬ 
tierten, bevor wir später auch das Mixing dort machten. Es mag sich prätentiös anhö¬ 
ren, aber wir möchten keine bestimmte Message herüberbringen und sind sehr vorsich¬ 
tig, wenn es darum geht, was Artwork, Titel und Visuals für uns bedeuten. Das könnte die 
Assoziationen blockieren bei Menschen, die unsere Musik hören oder uns live sehen. Wir 
ziehen es vor, die Sachen abstrakt zu halten und nur ein paar Anstöße zu liefern, selbst eine 
eigene Bedeutung oder Message darin zu entdecken. 

Trotzdem sind die Songtitel auf der Rückseite des Coverartworks in eine Art Geschichte 
eingebettet. Das weist auf ein Konzept hin, wobei die ziemlich philosophische Rich¬ 
tung der Geschichte einer eher esoterischen Herangehensweise an Musik eher wider¬ 
spricht. 

Am Anfang basierte alles, was wir gemacht haben, nur auf Emotionen und allem, was sich 
zu der Zeit richtig anfühlte, bei „Key“ jedoch war es etwas anders. Wir hatten die Idee, 
eine Gruppe von uns sehr geschätzten Menschen zusammenzubringen, die ein Konzept 
zu Musik, Kunst und Visuals ausarbeiten sollten. Also präsentierte Valentin Mellström uns 
seinen Entwurf für das Cover, als wir einige Songs aufgenommen hatten, reichten wir sie 
an den britischen Filmemacher Craig Murray weiter, der für jeden einzelnen Track Visu¬ 
alisierungen ausarbeitete. Wir haben Craig sogar nach Schweden geholt, damit er in der 
Umgebung unserer Heimatstadt Norrköping Landschaften und andere Dinge, die uns ins¬ 
pirieren, filmen kann. Aus all dem setzt sich das Thema von „Key“ ungefähr zusammen. 
Ihr seid mm sechs Jahre dabei und habt euch in dieser Zeit künstlerisch merklich ent¬ 
wickelt, nicht nur was das Songwriting, sondern auch die Atmosphäre anbelangt. 
„Key“ scheint aber dissonanter, härter als die Vorgängerreleases. 

Wir hatten immer einen bestimmten Sound im Sinn. Der Hauptunterschied zwischen 
damals und heute ist, dass wir wesentlich besser darin sind, dieses Ziel zu erreichen. Ich 
würde aber nicht sagen, dass „Key“ dissonanter, härter sei. Vielleicht aber präziser. 

Wie steht ihr eurem alten Output gegenüber? 

Ich bin zufrieden und kann die Unterschiede zwischen den einzelnen Alben zunehmend 
genießen. Für uns sind die Alben auch eng mit dem Prozess des Schreibens und Aufneh¬ 
mens verbunden, sie erinnern uns jetzt daran, wie wir damals drauf waren. Ein Soundtrack 
unseres Lebens, besser als jedes Fotoalbum. 

Im Interview mit dem Fuze betonte Drummer Martin Hjertstedt, dass ihr eher 
wenig mit der heutigen Musik anfangen könnt. Stattdessen hört ihr lieber MOGWAI, 
GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR oder MONO. Was genau stört oder fehlt euch 
heutzutage, zumal in der Post-Rock-Szene? 

Es ist schwierig, solche Fragen zu beantworten, schließlich sind wir vier verschiedene 
Menschen. Zeitgenössische Musik stört uns nicht per se, und was Post-Rock angeht, so 
hören wir lieber die Bands, die uns damals angefixt haben, und das sind eben MOGWAI, 
GY!BE und MONO. 

Fühlt ihr euch der Post-Rock-Szene - wenn man von so einer sprechen kann - ver¬ 
bunden? 

Wir haben kein Problem damit, so gelabelt zu werden, und die oben genannten Bands 
übten in der Tat einen großen Einfluss auf uns aus. Wir machen Instrumentalmusik ohne 
Einschränkungen, wir tun, worauf wir Lust haben, und denken nicht allzu viel darüber 
nach. Wir hören selbst nicht sonderlich viel Post-Rock, lassen uns woanders inspirieren, 
aber ich kann nachvollziehen, warum Leute uns diesem Stil zuordnen. Letztlich sind wir 
Teil einer Musikszene, die weltweit betrachtet und nicht zuletzt in Schweden sehr klein ist, 
und das trägt einmal mehr zu einer Verbindung bei. 

Zudem sagte Martin, es gebe keine Band mehr, die „100% originell“ sei. Was ist in 
euren Augen das Alleinstellungsmerkmal, was macht PG.LOST für euch einzigartig? 

„Originell“ steht im Post-Rock-Kontext dafür, dass man sich immer selbst erneuern und 
mit seinen Instrumenten und Sounds experimentieren muss. Das stört mich ein wenig, 
wir haben kein solches Ziel. Wir versuchen nur, aus unseren Instrumenten und Amps das 
Meiste herauszuholen. Wir wollen ein Orchester der Herzen sein, oder vielleicht so, wie 
es jemand kürzlich ausdrückte: „Ihr seid wie der Schrei meiner Seele“. Diese Herange¬ 
hensweise an Musik ist einzigartig für uns und macht uns zumindest zu 66,6% originell. 
Das reicht uns. 

Kristoffer Cornils pglost.com 





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OX-FANZENE 45 



















Als Konzertbesucher muss man damit klarkommen, dass 
ihr eine extrem laute Band seid. Ist das Programm oder 
passiert das einfach? 

Oliver: Es ist uns nicht wichtig, laut zu sein um der Laut¬ 
stärke willen. Es macht uns aber einfach Spaß, laut zu spie¬ 
len, wir genießen das. Das ist aber von Ort zu Ort, von Club 
zu Club verschieden. Wir haben uns da als Band im Laufe 
der Zeit etwas verändert, wobei sich das grundsätzliche 
Anliegen, verrückten, abgefuckten Rock’n’Roll zu spielen 
und intensive, mitreißende Konzerte zu geben, nicht ver¬ 
ändert hat. Meist klappt das, manchmal auch nicht. 

Dion: Ich will einfach nur Spaß haben, mich gut fühlen, das 
ist mein Hauptantrieb. Und ich will, dass die Leute weg¬ 
geblasen, mitgerissen werden von unserer Musik. Ich will 
die Leute richtig treffen, da muss sich diese „Whoaaaa!!!“- 
Effekt einstellen, das muss etwas sein, was sie noch nie vor¬ 
her gesehen und gehört haben. 

Oliver: Wir spielen, um die Menschen zu überwältigen, 
auf allen Sinnesebenen. Unsere Konzerte müssen eine 
besondere Erfahrung sein, wir sind nicht die Band, die im 
Hintergrund spielt, während du gemütlich zu Abend isst. 

Was muss man tun, um als Band so ein Level an Intensi¬ 
tät zu erreichen? Ihr verausgabt euch auf der Bühne ext¬ 
rem, ihr wirkt wie in Trance. 

Oliver: Man muss einfach in der richtigen Stimmung sein. 
Dion: Es ist hart, das auf Tour jeden Abend zu bringen. 
Oliver: Wir spielen jeden Abend ein anderes Set, und wir 
spielen mit extremer Lautstärke, was zur Folge hat, dass du 
vorher nie genau weißt, was für ein Geräusch du machst, 
sondern immer erst in dem Moment, in dem du den 
Akkord spielst. Wir improvisieren in unserem Set viel, und 
wir arbeiten mit starken Lichteffekten, so dass wir selbst 
meist nicht genau sehen, was gerade vor sich geht. Das hat 
zur Folge, dass man so richtig eins wird mit der Musik, du 
verlierst dich in der Musik. 

Ihr habt also eine stark psychedelische Komponente. 
Oliver: Definitiv! Und es ist uns ganz wichtig, dass wir 
Spaß haben an dem, was wir da machen, dass es uns mit¬ 
reißt - erst dann können wir das Publikum mitreißen. Wir 
brauchen keine Drogen, um uns abzuschießen, das erle¬ 
digt stattdessen der Wahnsinn dessen, was wir da veranstal¬ 
ten. Wir haben Erfahrungen mit verrückten Drogen, aber 
die machen dich alle nicht so kaputt wie ein Konzert mit 
dieser Band zu spielen. Ich kann mir ohne Ende Acid rein¬ 
hauen, dann ticke ich irgendwann aus und rufe die Bul¬ 
len, aber das ist nichts gegen die Gefühle, die unsere Musik 
bei uns auslöst. 

Ihr habt eure Musik gerade als schmutzigen Rock’n’Roll 
beschrieben - was beinhaltet das für euch? 

Dion: Dass unsere Musik schmutzig, nicht perfekt ist, dass 
wir uns keine großen Gedanken über Details machen. Statt¬ 
dessen lassen wir Veränderungen zu, schätzen das Uner¬ 
wartete. 

Oliver: Nur dann kann irgendwas Großartiges mit dem 
Sound passieren. Es geht uns bei unseren Konzerten um 
eine Erfahrung, das ist kein Fashion-Statement, kein Hype, 
es geht nicht darum, sich zu besaufen oder mit Drogen 
vollzupumpen. Wir wollen stattdessen etwas machen, das 
echt ist. Ich habe oft bei Bands das Gefühl, dass sie einem 
was vormachen, vieles wirkt aufgesetzt. Es mag ja cool aus- 
sehen, wenn jemand sich tagelang damit beschäftigt hat, 
seine Lederjacke mit Nieten zu verzieren, aber das hat 
nichts mit meinem Verständnis von Punk zu tun. Es geht 
uns nicht darum, cool auszusehen. Ich habe an sich nichts 
gegen Mode und alles, was damit zusammenhängt, nur ist 
das nicht unser Ding. Es geht uns um die Musik, wir als 
Personen müssen da nicht im Vordergrund stehen. 

THE JESUS AND MARY CHAIN werden immer wieder 
als Vergleich genannt, und speziell in den frühen Jahren 
waren die in ihrem Auftreten wohl ähnlich extrem wie 
ihr heute. Oliver, wie kamst du erstmals mit der Band 
in Kontakt? 

Oliver: Ich habe ihr „Psychocandy“-Album auf einem Kir- 
chen-Flohmarkt gekauft, zwischen lauter religiösen Plat¬ 
ten. Ich habe die Platte oft gehört, und ich weiß noch, 
wie ich damals mal Kopfschmerzen hatte, die Platte auf¬ 
legte - und die Schmerzen verschwunden waren. Offen¬ 
sichtlich hat die Musik also eine seltsame therapeutische 
Wirkung. Ich finde es auch cool, dass man bei der Platte 
eigentlich nicht weiß, welche Instrumente die da spielen: 
Sind das Gitarren oder Kreissägen? Das ist ein interessan¬ 
tes Mysterium und dieser Aspekt ist mir wichtig an Musik: 
Was ist das für ein Geräusch, wo kommt das her, wie wird 
das gemacht? Das ist wie bei einem guten Buch, wo sich 
vieles in deiner Fantasie abspielt, wo du Bilder in deinem 
Kopf hast - und oft enttäuschst bist, wenn du dann den 
Film zum Buch siehst. So muss auch Musik funktionieren, 
und das funktioniert bei Bands wie THE JESUS AND MARY 
CHAIN oder MY BLOODY VALENTINE. 

Dion: Ich schätze THE JESUS AND MARY CHAIN auch sehr, 
und ich finde, in gewisser Weise haben die durchaus auch 
etwas mit den SEX PISTOLS gemeinsam - sie waren eine 
Rock’n’Roll-Band. Aber sie haben aus dem Rock’n’Roll ihr 
ganz eigenes Ding gemacht. 

Joachim Hiller deathbyaudio.net 

aplacetoburystr angers.com 


Oliver, Anfang 2012 kam eure EP „OnwardsToTheWall“ 
und die hat mich umgehauen, fünf Songs, fünf Hits. Nun 
ist das Album raus, und das enttäuscht keinesfalls, wirkt 
aber doch etwas anders. Warum dieser Unterschied? 
Oliver: Wir haben zig Songs geschrieben und aufgenom¬ 
men, und wir mussten uns irgendwann entscheiden, wel¬ 
che auf die EP und welche auf das Album kommen. Wir 
haben wirklich endlos gebraucht, bis all die Lieder im 
Kasten waren, viel länger als beabsichtigt - ich hoffe, in 
Zukunft geht das wieder etwas flotter. Das lag daran, dass es 
Probleme gab mit unserem vorherigen Drummer und wir 
letzten Endes alles noch mal neu aufgenommen haben. So 
dauerte alles ein Jahr länger als geplant. Aber gefallt dir das 
Album wirklich nicht? 

Es gefallt mir! Aber die EP ist viel diverser, da sind alle 
fünf Songs unterschiedliche Hits, während das Album 
mehr aus einem Guss erscheint. 

Oliver: Hm ... schwer zu sagen für mich, ob auf dem 
Album irgendwelche „Stand-out“-Songs sind ... Ich mag 
das Album jedenfalls, und auch wenn da vielleicht keine 
herausstechenden Songs dabei sind, erwische ich mich 
doch immer dabei, zu überlegen, welcher Song mir besser 
gefallt, welcher weniger. Keine Ahnung, ob das ein gutes 
oder ein schlechtes Zeichen ist. Ich glaube, alle Songs sind 
wirklich gut, deshalb stechen nicht einzelne besonders 
hervor. Allerdings haben wir die beiden Platten separat auf¬ 
genommen, wenn auch direkt hintereinander. 

Habt ihr euch faktisch wirklich ein Jahr nur mit dem 
Aufnehmen des Albums beschäftigt? 

Oliver: Wir haben ein paar Konzerte gespielt, aber die 
Arbeit an EP und Album nahm tatsächlich sogar eineinhalb 
Jahre in Anspruch. Wir haben in unserem eigenen Studio 
aufgenommen, und das Album ist auch erst kurz vor dieser 
Frühjahrstour fertig geworden, zu der wir vor anderthalb 
Monaten aufgebrochen sind. Und außerdem haben wir ja 
auch noch anderes zu tun, wie Freunde treffen, Bücher 
lesen, Ausgehen - in New York gibt es immer was, mit dem 


man sich ablenken kann. Das Leben ist großartig, es gibt 
so viele schöne Dinge, die man erleben kann. Und meine 
Gitarreneffektgerätefirma Death By Noise habe ich ja auch 
noch, die läuft gut und hält mich auf Trab. 

Im letzten Interview hast du dich euphorisch über den 
gerade unterschriebenen Deal mit Mute Records geäu¬ 
ßert, doch das ist jetzt vorbei, ihr seid jetzt bei Dead 
Oceans. 

Oliver: Es war cool, auf Mute zu sein, auf dem gleichen 
Label wie DEPECHE MODE und so weiter. Aber im tägli¬ 
chen Geschäft kam es mir oft so vor, als sei das ein Label, 
das so denkt, wie man in dem Business vor Jahren gedacht 
hat und was damals Sinn machte - und nicht, was im heu¬ 
tigen Musikgeschäft angebracht ist. Vielleicht ist es auch 
anders für eine Londoner Band, auf Mute zu sein, ich weiß 
es nicht. Wir merkten nur, dass unsere Art zu arbeiten nicht 
so gut zu deren Arbeitsweise passte und nicht unseren 
Erfordernissen entsprach. Die ganzen finanziellen Quere¬ 
len bei der Trennung von Mute vom Mutterkonzern EMI 
halfen natürlich auch nicht. Und so machten wir uns auf 
die Suche nach einem neuen Label, fanden Dead Oceans, 
smarte Leute, die wissen, wie man sich heute im Musik¬ 
geschäft bewegen muss und die den Teil der Arbeit leis¬ 
ten, um den wir uns nicht selbst kümmern wollen. Dead 
Oceans ist ein richtiges Indielabel aus Bloomington, Indi¬ 
ana, eng verbunden mit Secretly Canadian und Jagjaguwar, 
und die führen den Laden, so wie wir selbst ein Label füh¬ 
ren würden. 

Dion: Es ist ein sehr familiäres Verhältnis, man hat da nicht 
das Gefühl, nur in einer Geschäftsbeziehung zu stehen. 
Oliver: Mute war auch okay, die erfüllten auch unsere 
Wünsche, aber im direkten Vergleich fühlte sich das viel 
mehr wie ein Band-Label-Verhältnis an als jetzt, wo einfach 
ein paar Leute an der gleichen Sache arbeiten. Wir sind 
eine schmutzige, schmuddelige, abgefuckte Band, da ist es 
schön, mit Menschen zu arbeiten, die damit klarkommen. 


Mit den Jahren ist mein Musikgeschmack nicht „weicher“ geworden, sondern im Gegenteil, ich su¬ 
che immer mehr nach Extremen, habe wenig Lust auf Kompromisse. Mit NAPALM DEATH, WOLVES 
IN THE THRONE ROOM und Ä PLACE TO BURY STRANGERS sind es seit geraumer Zeit gleich drei 
Bands, deren Konzerte es immer wieder schaffen, in Sachen Härte, Lautstärke und Intensität alles an¬ 
dere zu toppen. Von den beiden Erstgenannten unterscheidet sich die New Yorker Band um den Gi¬ 
tarreneffektgerätebastler Oliver Ackermann stilistisch zwar erheblich, doch was die auf den Spuren 
von THE JESUS AND MARY CHAIN lärmende Formation auffährt, ist beachtlich: extrem laut und feed¬ 
backverhallt die Musik, dazu immer wieder Stroboskoplicht und das mit reichlich, aber völlig un¬ 
peinlich und antibombastisch eingesetztem Kunstnebel garniert. Wer nach diesen 60 Minuten nicht 
völlig verstrahlt aus dem Club taumelt, ist unempfänglich für wirklich intensive Musik. Vor dem Kon¬ 
zert im Kölner Gebäude 9 sprach ich mit Oliver und Dion über das neue Album „Worship“, das kürz¬ 
lich auf Dead Oceans erschienen ist. APTBS sind Oliver Ackermann (guitar/vocals), Dion Lunadon 
(bass guitar) und Jason „Jay Space“ Weilmeister (drums). Um zu wissen, warum APTBS so klingen, 
wie sie klingen, lohnt übrigens ein Besuch der Website von Ackermanns Firma Death By Audio und 
das Genießen der dort abgelegten Beispielsounds ... 


OX-FANZINE 46 












Mit „The Plot Against Common Sense“ haben FUTURE OF THE LEFT mittlerweile ihr drittes Studio¬ 
album herausgebracht. Nach dem Ausstieg von Bassist Kelson Mathias sind sie nicht mehr zu dritt, 
sondern mittlerweile sogar zu viert - Zuwachs bekamen sie in Form von Julia Ruzicka und Jimmy 
Watkins. Am Sound hat das nicht wirklich etwas geändert: Geboten wird weiterhin kantiger, lär¬ 
miger Rock mit Andy „Falco“ Falkous’ sarkastischen Texten. Nachdem ein Telefoninterview termin¬ 
lich nicht zustande kam, beantwortete der Sänger/Gitarrist in seiner gewohnt launigen Art meine 
Fragen per Mail. Ex-MCLUSKY-Kumpane Jon Chapple scheint sich dabei nicht unbedingt größter Be¬ 
liebtheit zu erfreuen, die Komma-Taste dagegen schon ... 


Es hat ein wenig gedauert, bis „The Plot Against Com¬ 
mon Sense“ veröffentlicht wurde. Ich habe deine Blog- 
Posts gelesen, in denen du geschrieben hast, dass das 
Album ursprünglich schon im Juni 2011 aufgenommen 
wurde. Was war der Grund für die Verzögerung? 

Wir haben im Juni 2011 begonnen, das Album aufzuneh¬ 
men, was nur durch die Verfügbarkeit des Studios, in dem 
wir aufnehmen wollten, verzögert wurde. Eigentlich woll¬ 
ten wir das Album innerhalb von drei Wochen aufneh¬ 
men, aber es gab noch stille Reserven. Zum Beispiel war 
„Sheena is a T-shirt salesman“ bis zum Oktober noch gar 
nicht geschrieben, obwohl es den Songtitel schon länger 
gab. Der verlängerte Aufnahmeprozess gab mir die Mög¬ 
lichkeit, noch mehr an meinen Texten zu arbeiten. Beschis¬ 
sener Tiefgang und so. 

Nachdem ihr so lange an den Songs gearbeitet und sie so 
oft gehört habt, nerven sie euch nicht so langsam? 

Während wir ein Album machen, hören wir uns die Songs 
unzählige Male an, und natürlich schwindet die Liebe für 
sie. Wie dem auch sei, manchmal hilft die zeitliche Distanz 
von einem oder zwei Monaten, die Sache wieder anzuge¬ 
hen. Und jedes Mal, wenn wir sie bei unseren Konzerten 
spielen - was selbst schon wieder erquickliche Momente 
sind, für uns zumindest -, erinnern wir uns an ihre Qua¬ 
litäten. Zudem sei angemerkt, dass wir uns immer freuen, 
an neuen Songs zu arbeiten. 

Ihr habt auf jedem eurer Alben Synthesizer benutzt, ich 
habe dieses Mal das Gefühl, dass sie noch mehr zum Ein¬ 
satz kommen. Andere Songs sind melodischer als ältere 
FUTURE OF THE LEFT-Titel. „Goals in slow motion“ 
zum Beispiel geht schon in Richtung Rocksong. 

Das sind einfach die Songs, die wir dieses Mal geschrieben 
haben. Bei sechs Stücken auf dem Album haben wir Syn¬ 
thesizer benutzt und bei zehn, inklusive des HiddenTracks, 
haben wir das nicht. Vielleicht verwirrt die Tatsache, dass 
die Gitarren manchmal Synthesizer-Sounds nachahmenn. 
Ich bin mir mit dir einig, dass „Goals in slow motion“ ein 
geradeaus rockender Song ist, zumindest musikahsch - er 
sollte genauso klingen wie SUGAR. 

Nach dem Lesen deiner Songtexte und der Posts im Blog 
bekommt man den Eindruck, es mit einem sehr zyni¬ 
schen Menschen zu tun zu haben. Wie wichtig ist dir 
Sarkasmus im Alltag? 

Sarkasmus ist nur ein Teil des Comedy-Kanons und wird 
von Halunken als erste Zuflucht benutzt, aber ja, natürlich. 
Kannst du erzählen, dass meine Komma-Taste kaputt ist? 
Ich habe mich an so vielen Umformulierungen versucht, 
dass es meine eigentlich recht flinken Finger ermüdet hat. 
Die Texte sind ein Markenzeichen von FUTURE OF 
THE LEFT. Kannst du mir sagen, wie du an neuen Tex¬ 
ten arbeitest und was wichtige Themen für deine Texte 
sind? 

Die Texte ergeben sich einfach aus unseren Persönlichkei¬ 
ten, sobald die Songs langsam eine Form erhalten. Es gibt 
keine Meetings, in denen wir relevante Themen bespre¬ 
chen - sie entstehen einfach aus unserem Leben und wer¬ 
den zu Zwei- bis Vier-Minuten-Song-Momenten. 

Du bist jetzt sieben Jahre bei FUTURE OFTHE LEFT und 
warst seit 1996 bei MCLUSKY. Inwieweit sich dein Ver¬ 


hältnis zur Musikindustrie in diesen 16 Jahren verän¬ 
dert hat? 

Die Musikindustrie geht mir am Arsch vorbei. 

Könnt ihr von der Musik leben? 

Ich glaube, da fragst du den Falschen. Ich habe etwa ein 
Drittel meines benötigten Einkommens in den letzten zehn 
Jahren mit Musik gemacht und komme gerade so über die 
Runden. Allerdings war das nicht genug, um in den letzten 
paar Jahren Steuern zu bezahlen. So drängend die finanzi¬ 
ellen Sorgen auch sind, wäre es doch traurig, wenn es nur 
darum ginge. 

Was sind eure Jobs neben der Band? 

Alles und nichts. Julia arbeitet an einer Musikschule und 
als Assistentin eines Stand-up-Comedians. Jim war Film- 
Double und arbeitete in letzter Zeit in einer Fabrik und auf 
Baustellen. Jack ist Koch oder Barmann. Ich bin Aushilfsbü¬ 
rokraft, obwohl ich früher als Totengräber gearbeitet habe. 
Ich wasche mir die Hände besonders gründlich, wenn ich 
Hemd und Krawatte trage. Besagen Gerüchte. 

Wie arbeitet ihr an neuen Titeln, mit der „klassischen“ 
Jam Session im Proberaum? 

Yup, die klassische Jam Session. Die schnelle und rück¬ 
sichtslose Verwirklichung von Ideen in einer Umgebung 
ohne Angst und Spaß. Hoffentlich. Manchmal klappt’s 
nicht, das ist das Risiko. 

Jetzt ein wenig Klischee-Denken: Denkst du, FUTURE 
OFTHE LEFT sind eine Noise-Rock-Band? 

Nein. Wir sind eine „noisy rock band“, aber keine Noise- 
Rock-Band. Melodien sind das Wichtigste an unserer 
Musik. 

Welche anderen Bands hörst du selbst am liebsten? 

WIRE. Das war’s. 

Kennst du eine Band namens JAPANDROIDS? Sie haben 
in der Vergangenheit schon MCLUSKY gecovert und auf 
dem neuen Album ist ein Song namens „The house that 
heaven built“, der mich an euren Titel „The hope that 
house built“ erinnerte... 

Ja, ich habe von ihnen gehört. Sie sind nette Typen. 

Was sind die Zukunftspläne von FUTURE OF THE LEFT, 
ausgedehntes Touren? Werdet ihr nach Deutschland 
kommen? 

Wir werden so viel touren, wie wir es hinbekommen und 
ich würde sehr gerne wieder in Deutschland spielen. 

Ist es wahr, dass du gerade an einem Buch arbeitest? 
Kannst du vielleicht andeuten, worum es in dem Buch 
gehen wird? 

Ich kann dir gar nichts dazu sagen, weil ich noch weit von 
der Fertigstellung entfernt bin. Ich schreibe nur, wenn ich 
ein bisschen Zeit habe - normalerweise mit der Hilfe von 
Kommas. 

Ein letzte Frage: Bekommst du etwas von Jon Chapp- 
les musikalischen Aktivitäten nach MCLUSKY mit, wie 
etwa SHOOTING AT UNARMED MEN - und was hältst 
du davon? 

Ich war jahrelang mit Jon in einer Band, deswegen kann 
ich dir sagen, wie seine Bands klingen, ohne sie gehört zu 
haben: einige tolle Ansätze und unbestrittenes Talent, das 
nicht richtig ausgearbeitet klingt. Das ist es, was er macht. 

Michael Schramm futureoftheleft.net 



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PSYCHOMLY AND ROCK'N'ROLL: PEOPLELIKEYOOSHOP.COM 


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OX-FANZINE 47 























JOEY CAPE 

_ HAT NOCH LANGE NICHT GENUG 


Manchmal fällt es mir ja schwer zu glauben, dass Joey Cape wirklich nur eine Person ist und nicht 
zehn Doppelgänger hat. Der Gute hat nämlich mehr Bands und Projekte, als man überhaupt in einem 
Interview abarbeiten kann. Neben den üblichen Verdächtigen LAGWAGON und ME FIRST AND THE 
GIMME GIMMES ist Joey auch noch Frontmann der seit einiger Zeit auf Eis gelegten BAD ASTRO¬ 
NAUT und Teil des Akustikprojekts SCORPIOS. Ganz nebenbei hat er auch noch eine äußerst erfolg¬ 
reiche Solokarriere, gerade wurde auf Destiny Records sein zweites Album veröffentlicht, und mit 
BAD LOUD steht schon wieder ein neues Projekt in den Startlöchern. Wenn das mal nicht genug Ge¬ 
sprächsstoff bietet ... 


Joey, warum kommt dein zweites Soloalbum „Doesn’t 
Play Well With Others“ erst ein Jahr nach dem US- 
Release in Europa raus? 

So richtig veröffentlicht habe ich es ja eigentlich gar nicht. 
Ich habe es auf meiner Website angeboten, bei Amazon 
und anderen Seiten im Internet. Wer das Album also haben 
wollte, konnte es auch irgendwie kriegen. Es gab aber keine 
Promo dafür, kein Label, keine Leute, die für mich Inter¬ 
views mit so tollen Menschen wie dir arrangiert haben. Es 
ist also wirklich cool, dass Destiny sich dafür interessiert 
hat, obwohl ich das Album schon vor über zwei Jahren 
gemacht habe. Es ist zwar vor einem Jahr schon erschie¬ 
nen, aber kommt jetzt sozusagen erst richtig raus. Um 
ehrlich zu sein, wohte ich einfach kein Label, das ist der 
ursprüngliche Grund. Ich wollte versuchen, das alleine zu 
machen, und nur direkt mit dem Netzwerk zu arbeiten, das 
ich bereits hatte. Das hat nicht so gut funktioniert. 

Deine Akustiksongs klingen ja schon tun einiges ernster 
als die Songs, die du mit deinen Bands spielst. Sind LAG¬ 
WAGON oder die GIMME GIMMES Möglichkeiten für 
dich, um noch mal Kind zu sein, während du solo eher 
„erwachsen“ bist? 

Was die GIMME GIMMES betrifft, ist das zu 100% richtig. 
Da muss man nicht viel Mühe oder Arbeit reinstecken, wir 
spielen einfach, das ist großartig! Ob das auf LAGWAGON 
zutrifft, weiß ich nicht so recht. Ich glaube nicht, dass die 
Texte sich wirklich unterscheiden. LAGWAGON haben ein¬ 
fach diesen Sound, der die Songs anders klingen lässt als 
bei meinen Akustikversionen. Der Songwriting-Prozess ist 
aber der Gleiche, ich schreibe über mein Leben, über das, 
was passiert. Auf einer Akustikplatte hört man das dann 
vielleicht deutlicher, man versteht eher die Bedeutung und 
das Gefühl kommt direkter rüber. Ich glaube nicht, dass es 
da große Unterschiede gibt. Außer dass das Soloalbum sehr 
traurig ist, haha. Viele schlimme Dinge sind in dem Jahr 
passiert, jetzt kann ich darüber lachen: „Hey, all my friends 
were dying! Haha!“ So meine ich das natürlich nicht, aber 
manche Sachen muss man eben mit Humor nehmen, um 
sie verarbeiten zu können. 

Bevor du „Doesn’t Play Well With Others“ veröffent¬ 
licht hast, hast du jeden Song des Albums einzeln raus¬ 
gebracht. Würdest du das wieder tun? 

Ich weiß nicht, ob ich das noch mal könnte, es war schwie¬ 
rig. Mir gefällt diese Idee sehr, dass man so eine direkte Ver¬ 


bindung zu den Leuten hat, die sich dafür interessieren, 
und mit ihnen darüber reden kann. Es ist besser, als ahe 
paar Jahre ein Album zu machen und dann auf einmal die¬ 
sen Haufen an Songs mit all ihren Inhalten zu veröffentli¬ 
chen. Jeder Song wird so als ganz individuelles Werk gese¬ 
hen, seine Bedeutung und sein Gefühl werden viel inten¬ 
siver wahrgenommen. Das ist großartig, aber wenn man 
tourt, um sein Geld zu verdienen, ist es ziemlich schwie¬ 
rig, einen Song pro Monat zu fertig zu stellen. Aber wenn 
ich reich wäre und zu Hause bleiben könnte, dann würde 
ich das die ganze Zeit so machen. Ich kann es nur wärms- 
tens empfehlen. 

Deine Tochter spielt eine ziemlich wichtige Rolle in dei¬ 
nem Soloprojekt. Bindest du sie so ein, damit sie sich 
daran gewöhnt, dass ihr Dad Musiker ist, und damit du 
noch möglichst viel Zeit mit ihr verbringen kannst? 

Es ist eigentlich ganz einfach, ich hänge einfach gerne mit 
ihr rum - ich hebe sie sogar mehr als meine Frau. Also 
nutze ich jede Gelegenheit, um Zeit mit ihr zu verbringen 
und mit ihr etwas zu unternehmen. Als sie in dem Alter 
war, in dem sie anfing, Bilder zu malen, hat mich ihr Art- 
work einfach umgehauen! Sie ist wirklich ein talentiertes 
Kind und ist das Beste, was mir jemals passiert ist. 
Vielleicht solltet ihr eine Vater-Tochter-Band gründen. 
Das ist mein Traum! Ich bin eigentlich dafür, dass man 
junge Menschen das machen lässt, was sie wollen. Sie hört 
ahe möglichen Musikrichtungen, die ich nicht mag - und 
das ist okay, denn ich wih, dass sie frei entscheiden kann. 
Aber die eine Sache, zu der ich sie zwinge, ist Klavierspie¬ 
len. Ich glaube, es ist ein Geschenk und eine Gabe, wenn 
man ein Instrument spielen kann, denn Musik - auch 
wenn ich mich jetzt vielleicht anhöre wie ein Hippie - 
ist die einzige universell verständliche Sprache. Es ist diese 
eine Sache, die verschiedene Kulturen verbindet. Daran 
glaube ich und deshalb will ich, dass sie ein Instrument 
spielen kann. Aber gleichzeitig hoffe ich ein bisschen ego¬ 
istisch, dass ich sie mit auf Tour nehmen kann, wenn sie 
16 ist. Das Lustige daran ist, als ich ihr das blöderweise 
mal sagte, lachte sie und meinte: „Nein, Dad, das will ich 
nicht!“ Haha, ich meine, ich bin ihr Dad, also bin ich für 
sie wahrscheinlich die uncoolste Person auf diesem Plane¬ 
ten. Aber wir werden sehen ... Sie mag viele von meinen 
Akustiksachen, sie ist kein Fan von LAGWAGON und sie 
mag die GIMME GIMMES nicht. 


Lass uns über das Cover des Albums sprechen: Wie bist 
du auf die Idee gekommen, so ein Foto mit dir halbnackt 
zu verwenden? 

Dazu gibt es eine ganz witzige Geschichte: Die Unterwä¬ 
sche, die ich auf dem Foto trage, gehört meiner Frau. Ich 
trage die sehr gerne, sie ist sehr bequem. In den USA habe 
ich einen Bookirig-Agenten, der sich um meine Akustik- 
Shows kümmert. Er sagte mir die ganze Zeit: „Du musst 
irgendein Promo-Foto haben!“ Aber ich werde eigent¬ 
lich nicht gerne fotografiert. An einem Tag hatte ich eben 
gerade diese Unterhose in meinem Haus an, denn es ist 
mein Haus, ich kann da tragen, was ich möchte! Mein 
Agent rief mich an und drängelte: „Ich brauche bis mor¬ 
gen die Fotos!“ Meine Frau sagte nur: „Na dann los!“ Und 
wir haben einfach ein paar von diesen Fotos gemacht. Er 
fand sie großartig und sagte, wir sollen sie verwenden. Das 
hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn man ein Akus¬ 
tikalbum macht, ist man irgendwie nackt, weil man sein 
ganzes Herz da hineinsteckt. Also schaute ich mir noch mal 
das Bild an und dachte: „Das ist perfekt, ich liebe es!“ Es 
hat mich repräsentiert: ich war in meinem Wohnzimmer 
und um meine Füße herum liegen die Spielsachen mei¬ 
ner Tochter. Das war aber nicht geplant, es ist einfach so 
passiert. 

Vor kurzem wurde mit „Acoustic Volume 2“ dein zwei¬ 
tes Split- Album mit Tony Sly veröffentlicht. Ihr beiden 
seid ja fast wie ein altes Ehepaar, es gibt sehr viele Paral¬ 
lelen zwischen euren Karrieren und denen eurer Bands. 
Hab ihr immer ein Auge darauf, was der andere gerade 
so macht? 

Tony und ich sind eigentlich sehr unterschiedliche Cha- 
raktere.Aber es stimmt schon, dass wir eine ziemlich enge 
Beziehung haben. Wir sind uns in unserem Privatleben und 
als Musiker sehr nahe - auch im wörtlichen Sinne, da wir 
nur etwa 45 Minuten voneinander entfernt leben -, wie 
zwei Schiffe, die nebeneinander hertreiben. Es ist unmög¬ 
lich für mich, nicht zu wissen, was Tony gerade so macht. 
Er ist ein alter Freund, wir haben so viele Gemeinsamkeiten 
und sind oft zusammen auf Tour. Es ist eine Art Seelenver¬ 
wandtschaft, wir sind wie Brüder. Er ist allerdings größer 
als ich ... sehr viel größer, haha. Und ich bin viel schlauer. 
Eine Frage muss ich dir natürlich stellen: Wie sieht es 
mit den Plänen für ein neues LAG WAGON-Album aus? 
Wir sprechen gerade darüber und planen, noch dieses Jahr 
mit der Arbeit daran zu beginnen. Jeder in der Band will 
wirklich ein neues Album machen. Wenn man ein Album 
macht, will man aber wirklich daran glauben, man will 
komplett davon überzeugt sein. Und um das zu schaf¬ 
fen, muss man sich seiner Band-Identität bewusst sein. 
Wenn ich etwas für LAGWAGON schreibe, ist es so, dass 
ich morgens aufwache und denke, „Ja, das ist es!“, und 
jedem anderen in der Band geht es genauso. Doch diese 
Situation hat sich für uns eben noch nicht wieder erge¬ 
ben. Aber wir sind so viel aufTour und dadurch wird unser 
Feuer wieder entfacht, jeder ist motiviert und schmiedet 
Pläne. Ich denke, die Kreativität fließt bald wieder und 
dann legen wir los. Denn ich mache kein Album mit dieser 
Band, wenn ich nicht völlig davon überzeugt bin, denn so 
was haben wir noch nie gemacht und ich will nicht jetzt 
damit anfangen. Es wird schwierig, denn die Leute wol¬ 
len immer die alten Songs hören. Wenn wir also ein neues 
Album machen, muss alles 100% passen. 

Du hast mal erwähnt, dass du nicht wie Ozzy Osbourne 
enden willst, sondern lieber aufhörst, bevor du zitternd 
auf der Bühne stehst und dich lächerlich machst. Das 
liegt aber noch in weiter Ferne, oder? 

Kommt ganz auf den Abend an, haha. Größtenteils bin ich 
aber körperlich noch recht fit und fühle mich ganz gut. 
Aber es gibt manche Abende auf Tour, an denen ich auf 
der Bühne stehe und mich fühle, als wäre ich 60. Ich habe 
Bands gesehen, mit denen ich aufgewachsen bin, die ich 
sehr mochte, und dann standen sie in irgendwelchen Clubs 
vor sehr wenigen Leuten, angezogen wie Kids, obwohl sie 
über Fünfzig waren - das ist echt kein schönes Bild. Punk¬ 
rock war schon immer etwas für junge Menschen, aber 
ich betrachte diese Musik auch als Kunst. Ich achte mehr 
auf den kreativen Prozess und den Song an sich, deswe¬ 
gen muss es nicht immer eine Punk-Show sein. Ich könnte 
auf jeden Fall für den Rest meines Lebens Akustik-Shows 
spielen, solange es noch ein paar Leute glücklich machen 
würde. Die Sache mit Ozzy Osbourne ist eben, dass er 
kaum noch singen kann und die ganze Zeit am Zittern ist. 
Und da denke ich nur: „Oh Gott, ich will nicht so enden!“ 
Vielleicht werde ich ja eine etwas andere Version von Ozzy 
Osbourne. ME FIRST 
AND THE GIMME GIM¬ 
MES könnten nämlich 
auch für immer so wei¬ 
termachen. Wir haben 
da wie gesagt nicht viel 
zu tun, wir ziehen uns 
nur dumme Kostüme an 
und spielen die Songs 
anderer Leute. 

Christina Wenig 

joeycape.com 



OX-FANZINE 48 






DAN O’MAHONY, SÄNGER UND AKTIVIST 

NO FOR AN ANSWER 

In der Geschichte des Hardcore/Punk gab es einige einprägsame Bandlogos wie zum Beispiel das 
stilisierte DK für DEAD KENNEDYS, die vier Balken von BLACK FLAG, der Slam-Dancer von D.R.I. 
oder der Affe von GORILLA BISCUITS. Das Eindrucksvollste war für mich allerdings immer der kahl¬ 
köpfige Riesentyp in Rückenansicht, der emporsteigt und mit seinem Finger gen Himmel weist - das 
Logo der Straight-Edge-Band NO FOR AN ANSWER aus O.C., California. 1993 stand ich gespannt mit 
großen Augen vor der Bühne und im Hintergrund hing ein Banner mit genau diesem Logo. Als die 
Band die Bühne betrat und ihr Sänger Dan O’Mahony herein kam, war mir klar, es war nicht ohne 
Grund gewählt. Die Energie und die Aggression, die er auf der Bühne rüberbrachte, waren für mich 
neu und überwältigend, und passten genau auf das Logo. So eine Performance und so ein Charis¬ 
ma bei einem Sänger hatte ich zuvor bei noch keiner anderen Band gesehen und ist bis heute kaum 
zu toppen. Fast 20 Jahre sind seitdem vergangen und endlich konnte ich Dan einige Fragen stellen. 


Dan, wie erklärst du dir, dass NO FOR AN ANSWER eine 
der wichtigsten Straight Edge Bands überhaupt waren 
und sind? 

Ich würde uns niemals als so wichtig bezeichnen, weil es 
vermessen und arrogant wäre, dies zu behaupten, aber es 
ist schön zu hören, wenn das jemand über uns sagt. Wenn 
uns eines zu etwas Besonderem gemacht hat, dann war es 
unsere nonkonformistische Haltung. Unsere Musik klang 
nicht viel anders als bei jeder anderen Band auch, aller¬ 
dings scheuten wir uns nicht, unbequeme Aussagen zu 
machen oder menschliche Fehler einzugestehen. 

Euer Bandlogo ist sehr einprägsam und passt zu der 
Musik von NO FOR AN ANSWER. Steckt eine tiefere 
Bedeutung dahinter? 

Nichts für ungut, aber ich weiß nicht, ob das Logo eine 
Bedeutung an sich hat. Es repräsentiert, oder besser gesagt: 
es steht für die Band an sich. 

Erzähl uns doch bitte etwas über die Bands, in denen du 
mitgewirkt hast. 

Ich war in den vielen Bands immer der Sänger und habe 
die Texte geschrieben. In manchen habe ich mich auch um 
das Visuelle gekümmert, in anderen waren Gavin Oglesby 
oder John Yates für Cover und Ähnliches verantwortlich. 
Die Bands, bei denen ich noch gesungen habe, waren 
CARRY NATION, 411, VOICEBOX, GOD FORGOT, SPEAK 
714 und JOHN HENRY HOLIDAY. 

Lebst du immer noch in Orange County, California? Wie 
ist die Hardcore-Szene heutzutage dort, was hat sich seit 
1989 verändert? 


Es ist lustig, dass du danach fragst, weil ich O.C. in zwei 
Wochen verlassen werde, um näher an meinem Job zu 
sein. Es sind zwar nur 18 Meilen, aber eigentlich gehört 
es dann zu L.A. Ich beschäftige mich heute mehr mit mei¬ 
nen zentralen Werten, meiner Politik und sehe mich mehr 
als Aktivist, als mich gerade mit der lokalen Musikszene 
zu beschäftigen. Die meisten Leute, zu denen ich aus der 
Hardcore-Szene Kontakt habe, sind Menschen von früher. 
Veränderungen sind etwas, wozu ich jedem raten kann, so 
wie ich mich ziemlich aus der heutigen aktiven Hardcore- 
Szene zurückgenommen habe, um andere Dinge zu tun. 
Für welche Art von Politik stehst du? Was heißt das, 
wenn du sagst, du bist Aktivist? 

Meine politischen Belange sind ganz einfach: Ich möchte, 
dass mehr und mehr Menschen begreifen, wie die Regie¬ 
rung arbeitet, nämlich mit der Manipulation von Meinun¬ 
gen und Ansichten. Ich bin sehr tolerant und stehe deshalb 
für Gesetze oder Politik, die für gleiches Recht für alle ste¬ 
hen und dieses auch beschützen. Ein Aktivist zu sein heißt 
einfach nur, ein politisch aktives Individuum zu sein, und 
das bin ich nun mal. 

Wie schätzt du die Situation in der heutigen Hardcore- 
Szene ein? 

Wenn es um neue Sachen geht, kann ich nicht viel dazu 
sagen. Aber es scheint mir, als gäbe es eine Art Nostalgie, 
die schlussendlich darin besteht, den alten Sachen Respekt 
zu zollen. 

Kannst du uns ein paar gute neue Bands aus den USA 
empfehlen? 


Asche auf mein Haupt, aber OFF! ist die einzige „neue“ 
Band, die ich höre. 

Bist du immer noch in irgendeiner Art verbunden mit 
der Hardcore/Punk-Szene? 

Ich bezeichne mich selbst als Autor und Aktivist, und in 
diesem Sinne fühle ich mich mehr verbunden mit den 
Werten des Hardcore als mit irgendeiner anderen Art von 
Musik, die ich in all den Jahrzehnten kennen gelernt habe. 
Wie bezahlst du deine Rechnungen? 

Ich habe zwei Jobs: Zum einen bin ich Journahst und als 
freier Mitarbeiter angestellt, zum anderen manage ich ein 
Restaurant mit Bar. 

Du sagtest, du bist ein Schriftsteller, erzähl uns doch 
etwas über deine Veröffentlichungen. 

Ich habe zwei Taschenbücher geschrieben, das eine han¬ 
delt von persönlichen Erlebnissen und das andere von dem 
Leben auf Tour. Ein drittes mit dem Titel „Like Music, Like 
Magic, Like Wörds, Like War“ wird bald erscheinen. Des 
weiteren schreibe ich noch Geschichten übers Boxen und 
persönliche Dinge für einige lokale Magazine. Ab und zu 
verfasse ich noch politische Leitartikel für verschiedene 
Seiten im Internet. 

Was ist wichtiger für dich: das Schreiben oder Musik zu 
machen? 

Schreiben, weil man da einen sehr großen Spielraum hat, 
aber Songs schreiben mag ich auch immer noch sehr. 

Was bedeutet es für dich, in einer Band zu sein? Es hatte 
immer den Anschein, dass ihr mehr zu sagen hattet als 
andere Bands. 

Ich war niemals ein großartiger Sänger, aber ich dachte, 
dass ich ein ziemlich helles Köpfchen bin, und dass ich mit 
geschickt gewählten Worten und Aktionen eine gewisse 
soziale Verantwortung ausüben kann. Das alles zusammen 
macht das Singen zu etwas Wichtigem. 

Welche Dinge machen dich heutzutage besonders 
wütend? 

Ich habe keinen Bock auf Rechtsextremismus oder irgend¬ 
welche Vorurteile. Ich verachte jede Art von durch Religion 
motiviertem Hass, aber das ist genau das, was sich in mei¬ 
nem Land erneut ausbreitet. 

Wie fühlst du dich dabei, nach all den Jahren wieder auf 
der Bühne zu stehen? 

Es ist eine viel größere körperliche Anstrengung als früher, 
aber ich genieße es immer noch und überlege, es wieder 
öfter zu machen. 

Was bedeutet Straight Edge für dich und wie denkst du 
im Jahr 2012 darüber? 

Straight Edge war eine aufregende Subkultur innerhalb 
einer Subkultur und damals ein sehr positiver Einfluss in 
meinem jungen Leben. Heutzutage spielt es keine Rolle 
mehr für mich. Ich werde auch nicht die Tatsachen verdre¬ 
hen, dass es einfach nur so war. Ehrlich gesagt, denke ich 
überhaupt nicht darüber nach. Ich lebe nach meinen Vor¬ 
stellungen und Gewissen. Mit 44 Jahren ist es echt schwer, 
sich mit diesen zwei Worten zu charakterisieren. 

Kannst du dir vor stellen, mit NO FOR AN ANSWER oder 
einer anderen Band wieder nach Deutschland auf Tour 
zu kommen? 

Oh ja, das kann ich sehr gut, und ich würde es sehr gern, 
wenn es eine Möglichkeit gibt, dass ich dabei meinen Job 
nicht verliere, oder wenn mein Umfeld es erlaubt. 

Was weißt du über Deutschland? 

Um ehrlich zu sein, habe ich eine Menge Zeit dort zuge¬ 
bracht. Ich habe vor einigen Jahren eine Frau in Hannover 
kennen gelernt und bin immer wieder dort gewesen. Für 
einen netten Amerikaner ist es echt ein cooler Platz zum 
Leben. Ich habe einige Zeit in einer Vielzahl von besetz¬ 
ten Häusern verbracht, wo mich das politische Bewusstsein 
und die Leidenschaft wirklich beeindruckt haben. 

Kennst du einige Bands aus Deutschland? 

Nicht mehr. Schande über mich, ich weiß! 

Andreas Zengier facebook.com/dan.omahony. 9 



OX-FANZINE 49 

















Man könnte denken, dass man bei KMPFSPRT auf abgeklärte Typen trifft, die alles schon gesehen 
haben und die mit all dem in stoischer Manier umgehen. Und obwohl sie in der Vergangenheit mit 
anderen Bands einiges an Erfahrungen gesammelt haben, ist dies eine Fehleinschätzung. Stattdes- 
sen zeigen sie sich auf eine wunderbare Weise aufgeregt und voller Tatendrang, wie man es sich 
doch eben von einer neu gegründeten Punkband erhofft. Man darf also gespannt sein, was es von 
KMPFSPRT in Zukunft noch zu hören und sehen geben wird. In der Zwischenzeit kann man sich an der 
frisch geschlüpften EP „Das ist doch kein Name für ’ne Band“ (Redfield Records) erfreuen und viel¬ 
leicht mal bei Gitarrist David nachhorchen, wie das alles so passiert ist. 


Wie kommt es, dass ihr nun mit deutschen Texten arbei¬ 
tet? Sowohl bei FIRE IN THE ATTIC als auch bei DAYS 
IN GRIEF wurde auf Englisch gesungen. Wollt ihr euch 
damit von diesen Vorgängerbands distanzieren? 

Distanzieren würde ich nicht sagen, auch weil ich als Ein¬ 
ziger von uns vieren in keiner dieser Bands war. Die ande¬ 
ren wollen das aber, glaube ich, auch nicht. Sie sind stolz 
darauf, was sie mit den anderen Bands erreicht haben, mei¬ 
ner Meinung nach auch zu recht. Als das alles zu Ende ging, 
habe ich mit unserem Sänger Richard überlegt, was wir mit 
einer neuen Band machen wollen. Wir waren um vier Uhr 
morgens in der Kneipe. Diesen Gedanken, auf Deutsch zu 
singen, hatte ich schon lange, dachte aber, dass ich das eh 
vergessen kann und da höchstens mal bei einem anderen 
Projekt was versuchen könnte. Und auf einmal sagt Richard 
an diesem Abend, er fände das geil, mal auf Deutsch zu 
singen, und ich hab mich total gefreut. Wir zwei haben 
uns das dann alles so ein bisschen zurechtgelegt, aber auch 
gedacht, dass es vielleicht nicht leicht werden würde, die 
anderen beiden zu überzeugen. Die waren aber recht offen 
dafür. Trotzdem war das anfangs eher als Versuch angelegt. 
Wir machen halt nicht diesen typischen Punk, zu dem man 
super deutsch singen kann, wie FRAU POTZ oder MUFF 
POTTER. Ich finde, da klingen wir musikalisch sehr viel 
amerikanischer, und deswegen wussten wir nicht, ob das 
passt. Dazu kam, dass Richard vorher noch nie gesungen 
hat. Da ist viel Neues zugleich passiert und es war ein fri¬ 
scher Start für uns alle. Dass dann alles doch so gut klappt, 
hat uns selbst überrascht. 

Würdest du sagen, dass KMPFSPRT eine politische Band 
sind? Ihr wurdet in einem anderen Interview gefragt, 
wogegen ihr kämpft, und da sprachst du von Rassismus 
und Ungerechtigkeit. In den Texten steckt das ja nicht 
so konkret drin. 

Es ist schwierig zu sagen, dass man eine politische Band ist, 
weil man da schnell in einer Schublade landet, in die man 
gar nicht rein will. Wir sind vier Personen, die alle politisch 


denken, aber nicht unbedingt gleich. Deswegen würde ich 
bei KMPFSPRT nicht von einer politischen Band sprechen, 
die eine bestimmte Message vertritt. Natürlich vereinen 
wir uns gegen Rassismus und Sexismus, aber das sollte ja 
im Punk selbstverständlich sein, da muss man nicht weiter 
drüber reden. Wir sind aber nicht SLIME und haben keine 
Parolen. Unsere Texten sind aber auch nicht verklausuliert. 
Auf der EP ist zum Beispiel mit „Affengeld“ ein offensicht¬ 
lich gegen Kapitalismus gerichteter Song und da sind auch 
Texte gegen das Töten von Tieren. Wir schreien halt nicht 
„Fleisch ist Mord!“, weil das schon hundertmal gemacht 
wurde, und ich glaube auch, dass man das sprachlich span¬ 
nender verpacken kann. Jeder kennt diese Themen und wir 
positionieren uns da nur noch mal in der Punk-Szene und 
sagen, wir sind gegen Tiermord, wir sind gegen Rassismus 
und für ein freies Leben, in dem alle gleich viel haben. Ich 
weiß nicht, ob uns das zu einer politischen Band macht. 
Wir schreiben über das, was wir wollen, also kann es um 
alles Mögliche gehen. 

Ist der Plattentitel „Das ist doch kein Name für ’ne 
Band“ ein Seitenhieb auf ewig gleiche Fragen, wie eben 
zum Beispiel nach der Entstehung des Bandnamens? 

Das ist eigentlich eher ein Seitenhieb auf uns selbst und 
unser Umfeld. Wir hießen ja vorher LYON ESTATES und 
haben dann festgestellt, dass es in Italien schon eine Band 
gibt, die so heißt, und die sind sogar ganz cool. Wegen 
eines neuen Namens war ich wieder mal mit dem Richard 
in einer Kneipe und hab da KAMPFSPORT vorgeschlagen 
und dachte im nächsten Moment selbst, dass das ja ein¬ 
fach krass prollig klingt und man meinen könnte, wir 
wären die deutschen BIOHAZARD. Richard schlug dann 
vor, einfach die Vokale wegzulassen und diese crazy Hips¬ 
ter-Schreibweise zu benutzen. Davon mussten wieder die 
anderen beiden überzeugt werden, was in dem Fall auch 
nicht so einfach war. Inzwischen sind sie überzeugt. Es war 
natürlich klar, dass man diesen Namen auch mit Inhalt fül¬ 
len muss, weil wir ja ganz lieb sind und keine Prolls. Dass 


gerade in dem Kontext KMPFSPRT funktioniert, find ich 
total super. Der Name der EP spielt eben genau auf diese 
Geschichte an. Und der kommt auch von Helge Schnei¬ 
der, da gab es die Textzeile „Das ist doch kein Name für 
’ne Katze“. Wir hören häufig Sachen von Helge Schneider 
im Bandbus und darauf wird man auch künftig noch Ver¬ 
weise bei uns finden. 

Ich finde, dass sich zwischen den Songtiteln und dem 
Inhalt eurer Texte manchmal ein kleiner Kontrast auf¬ 
tut, weil die Titel so ein Augenzwinkern besitzen, wäh¬ 
rend die Inhalte gar nicht mal so lustig sind. Ist das 
absichtlich so? 

Darüber machen wir uns gar nicht so viele Gedanken. 
Unsere Texte drehen sich um das, worüber wir gerade so 
nachdenken, und das ist dann schonmal ernsterer Natur. 
Wenn einem etwas wichtig ist, dann geht man auch ernst 
daran. Die Titel sind später entstanden. Die hießen vorher 
alle „der HOT WATER MUSIC-Song“ oder so etwas. Irgend¬ 
wann kam die Ansage, dass wir noch zwei Tage haben, uns 
Titel auszudenken, damit die EP ins Presswerk gehen kann, 
und dann haben wir uns zusammengesetzt und überlegt. 

... in der Kneipe? 

Nee, diesmal tatsächlich vorm Rechner, das musste ja auf¬ 
geschrieben werden. Interessanterweise haben die Titel tat¬ 
sächlich etwas mit den Songs zu tun, nur nicht immer so 
offensichtlich. In „Wie du bist schon fertig? Wir fangen 
gerade erst an“ geht es zum Beispiel darum, wie das ist, 
mit Mitte 30 noch mal eine neue Band aus dem Boden zu 
stampfen und das alles noch einmal mitzumachen. Viele 
Leute, die früher dabei waren, sind inzwischen Techno-DJs 
oder machen Indie und tragen komische Hüte - und wir 
sind nach wie vor Punk und Hardcore. 

Merkt man im Bandalltag, dass bei euch schon einige 
Erfahrung dahintersteckt? 

Ich finde, dass sich das extrem auswirkt. Ich bin, wie schon 
erwähnt, der Einzige, der nicht in diesen Bands dabei war, 
und ich komme da in ein sehr strukturiertes Umfeld rein. 
Wir umschiffen manche Anfängerfehler. Wir reden zum 
Beispiel nicht mit einigen Zeitschriften, wir spielen auch 
mal eine Show nicht, wenn man dafür sieben Stunden 
fahrt, 30 Euro bekommt und vor 20 besoffenen Skinheads 
spielt. Früher hätte man das vielleicht gemacht. Es gibt 
einen Erfahrungsschatz und davon zehren wir schon. Auf 
der anderen Seite ist die Band für uns alle so neu und da 
ist bei allem, was wir machen, so ein euphorisches Gefühl 
dabei, das man das letzte Mal mit 18 hatte, als das erste 
Mal mehr als 20 Zuschauer bei deinem Konzert waren. Es 
ist bei uns eine Mischung aus Erfahrung und was Neuem. 

Ihr habt ja vermutlich über die Zeit schon einiges an 
Kontakten gesammelt. Macht es das für euch einfacher, 
Fuß zu fassen und Shows zu kriegen? 

Wir haben das große Glück, dass wir mit Creative Talent 
eine gute Booking-Agentur haben. Die Supporten uns per¬ 
fekt und diese ganzen Connections kommen natürlich 
dazu. Man tauscht sich mit anderen Bands aus. Wir spielen 
mit Freunden zusammen, bei denen in der Stadt, und dafür 
holen wir sie nach Köln. Auf der einen Seite ist das immer 
noch D.I.Y. und andererseits hilft uns die Konzertagentur, 
eine Tour auf die Beine zu stellen, und kann auch mal eine 
größere Show zu vermitteln. Die sind auf uns zugekom¬ 
men, weil sie unsere Songs cool fanden, das war schön. 

In was für einen musikalischen Kontext würdest du 
KMPFSPRT setzen? 

In vielen Reviews stand etwas von MUFF POTTER und 
TURBOSTAAT. Das finde ich ja überhaupt nicht. Da sieht 
man einfach, wie wenig Referenzen es für eine Band gibt, 
die weder Deutschpunk ist noch diese Hamburger-Schule- 
Schiene fährt. Das Treffendste, was ich gehört habe, hat 
Walter Schreifels von den GORILLA BISCUITS gesagt, als 
wir mit denen zusammen gespielt haben. Er meinte, wir 
wären eine Mischung aus HOT WATER MUSIC und TITLE 
FIGHT. Das unterschreibe ich beides gern und Walter 
Schreifels widerspricht man auch nicht. 

Das war für euch ohnehin ein Riesending, mit denen zu 
spielen, oder? 

Klar, das war die Band überhaupt für mich. Als ich 15 oder 
16 war, hab ich immer am Bonner Hauptbahnhof rumge¬ 
hangen, Dosenbier gesoffen und SLIME und TOXOPLASMA 
und so was gehört. Da ging es auch wirklich bergab mit der 
Schule. Ich bin vom Gymnasium geflogen, von der Real¬ 
schule geflogen und irgendwann hab ich die GORILLA BIS- 
CUITS-Platte in die Finger gekriegt. Die waren musikalisch 
hundertmal besser als diese ganzen schimmligen Punk¬ 
bands. Textlich auch viel schlauer. Nach ein paar Mona¬ 
ten hat es klick gemacht und danach war ich sieben Jahre 
Straight Edge, Vegetarier bin ich durch die auch geworden. 
Mit denen zu spielen, das war einfach ein Traum. 

Wie wird nach dieser EP das Album werden? Ist da mit 
Veränderungen zu rechnen? 

Wir haben schon ein paar Songs fertig, aber das wird 
wohl noch bis nächstes Jahr dauern. Es bleibt melodisch 
und wird an manchen Stellen vielleicht sogar noch melo¬ 
discher, aber die Extreme werden extremer. Die poppigen 
Parts werden noch poppiger und die harten Parts werden 
härter. 

Bianca Hartmann kmpfsprt.tumblr.com 


OX-FANZINE 50 




SILBERHOCHZEIT 



11. Juni 1987 | Berlin begeht seine 750-Jahr-Feierlich- 
keiten mit einer Eisenbahnsonderschau auf verschiede¬ 
nen Bahnhöfen der Stadt. Gezeigt wird unter anderem der 
Funktriebwagen 188 101, Spitzname „Funkeule“ - am 
gleichen Abend lernen Weilo und Co im Frankfurter Volks¬ 
bildungsheim den zukünftigen Mitmusiker Philipp bei 
einem HÜSKER DÜ-Konzert kennen. 

03. August 1987 | Mitten in der Golfkrise erblickt Gary 
Alexis Medel Sato - heute Spieler des FC Sevilla - in Santi¬ 
ago de Chile das Licht der Welt. Auch die hessischen Musi¬ 
ker feiern an diesem Abend Geburtstag und einigen sich 
inmitten trunkener Monty-Python-Zitate auf den Band¬ 
namen des Siegers von „Trottel der feinen Gesellschaft“, 
einen Herren namens „Boxhamster“. 

09. November 1989 | Berlin. Ein wahrhaft historisches 
Datum, denn die BOXHAMSTERS spielen zum ersten Mal 


BOXHAMSTERS 

Beinahe so lange wie meine Gattin kenne ich die BOXHAMSTERS. Verrückt. Gut, wenn es im Leben 
Konstanten gibt. Meine „Silberhochzeit“ mit der Band aus Gießen, die unzählige andere deutsch¬ 
sprachige Punkbands beeinflusst hat, nahm ich zum Anlass, deren Sänger und Gitarrist Martin „Co“ 
Coburger um eine kommentierte Liste denkwürdiger BOXHAMSTERS-Daten zu bitten. Hier ist sie. 
Joachim Hiller 


in der zukünftigen Hauptstadt - als Support von ALL im 
Ecstasy Club. 

10. November 1989 | Auf dem Weg zum nächsten Kon¬ 
zert in Mönchengladbach befällt die nichts ahnenden, 
radiolosen Reisenden angesichts einer westwärts total 
überfüllten Autobahn der leise Verdacht, dass hier Zehntau¬ 
sende Republikflucht begehen wollen. Wir hätten das Zen¬ 
tralkomitee der SED gerne telefonisch gewarnt, aber es war 
auf der Transitstrecke kein Ostmünzgeld für die öffentli¬ 
chen Fernsprecher zur Hand. 

04. September 1993 | Während Mats Wielander bei den 
US-Open seinen Gegner Mikael Pernfors nach vier Stun¬ 
den und einer Minute in fünf Sätzen bezwingt, gibt Gitar¬ 
rist Weilo auf der Ox-Bootsparty in Oberhausen seinen 
Abschiedsauftritt. Eine Zugabe mit Neuzugang Niels wird 
zu fünft gespielt. 

September 1998 | Nachdem monatelang der Ruin mit 
knöchernen Fingern an die Tür geklopft hat, muss die Air¬ 
line der Philippinen den Konkurs anmelden. Ersatzhal¬ 
ber kommt dafür in Gießen das erste Hamsterbaby auf die 
Welt. Ob dies bereits in Feinabstimmung mit der neuen 
Oberstufen- und Abiturverordnung des Hessischen Kultus¬ 
ministeriums dieser Tage zusammenhängt, wird nie restlos 
geklärt werden können. 

November 2003 | Damals, als Mainz noch in der zwei¬ 
ten Liga kickte: Nach einem St. Pauli-Spiel dort Randale am 
Frankfurter Hauptbahnhof. Pauli-Fans, Taunus-Nazis, Bun¬ 
desgrenzschutz und mittendrin unser alter Freund Weilo. 
Für ihn voller Herzblut ein Solokonzert gespielt und nach 
zehn Jahren wieder für einmal gemeinsam auf der Bühne 
in Frankfurts ältestem besetzten Haus. Und mitten im Pub¬ 
likum - in Cowboystiefeln - der Programmdirektor von 
RTL und strahlt... 

April 2009 | Anlässlich einer 2 5-jährigen Abi turfeier eines 
namhaften Giessener Bildungsinstituts fällt in der Lauda¬ 
tio der Schulleitung die Bemerkung, dass nicht nur die so 
oft zitierten, späteren Ministerpräsidenten Hans-Joachim 
(SPD) und Bernhard Vogel (CDU) ruhmvoll die Schul¬ 


bänke dieser Einrichtung drückten, sondern auch zwei 
Absolventen des hier versammelten Jahrgangs namentlich 
wegen musikalischer Verdienste hoch hervorzuheben sind. 
Co und Niels laufen rot an. 

Oktober 2010 | Die zunehmende Globalisierung macht 
auch vor den BOXHAMSTERS keinen Halt: eifrige Hörer 
fliegen von Mexiko gen München ins Backstage ein, nor¬ 
wegische Polarkreis-Geburtstagskinder beschenken sich 
mit einem Konzertbesuch im Chemnitzer Bunker und der 
Chef einer kleinen taiwanesischen Plattenfirma (Formosa 
Punk Records) wird im Hamburger Knust gesehen. Vorläu¬ 
figer Höhepunkt dieser alarmierenden Globalisierung wird 
ein Auftritt im Frankfurter Nachtleben, wofür Zuschauer 
aus Berlin, London und sogar Sydney angereist kamen. 
Gut nur, dass die Pressesprecherin von ATTAC von alldem 
nichts mitbekam - sie stand nämlich auch gleich links vor 
der Bühne ... 

30. Juli 2011 | Die Wassermassen, die dieser Tage verhee¬ 
rend über Mecklenburg-Vorpommern hereinbrachen, lös¬ 
ten auf einem Festivalgelände nahe Rostock eine unvor¬ 
stellbare Schlammschlacht aus, die sich die sowjetische 
Generalität 1941 sicher seinerzeit gerne auch schon für 
den Monat Juli gewünscht hätte. Mitten im Konzert auf 
dem Force Attack betritt ein freundliches Punker-Pärchen 
samt Geistlichem die Bühne, um kirchlich getraut zu wer¬ 
den. Ringe braucht es keine, die werden später tätowiert. 

11. August 2012 | Die Welt hat sich verändert. Griechen¬ 
land und Italien konnten der Bundesrepublik mittels Adria¬ 
bonds erfolgreich aus der Finanzkrise helfen und zum ers¬ 
ten Mal ist das Herzogtum Liechtenstein bereit, über die 
Reduzierung von Nuklearsprengköpfen zu verhandeln. Seit 
dem letzten Wochenende feiert die Band Silberhochzeit 
und Joachim und Cobi sitzen im rosenumsäumten, lau¬ 
schigen Pavillon auf eine Weißbierhalbe und freuen sich 
auf den morgigen Besuch ihrer historischer Youngtimer 
von Alfa und Porsche auf dem Oldietreff am Butzbacher 
Segelflugfeld. 

Martin „Co“ Coburger boxhamsters.net 



WE DIDN’T SPLIT UP AND WE DIDN’T TAKE A BREAK! 

UNSANE § 


Ein Interview mit Chris Spencer von UNSANE? Da sagte ich zu, ohne vor¬ 
her groß darüber nachzudenken. Schließlich gehören die drei New Yor¬ 
ker schon jahrelang zu meinen absoluten Lieblingsbands. Demzufolge war 
bei mir die Freude groß, einen äußerst aufgeräumten und gut gelaunten 
Chris Spencer am Telefon zu haben, der aber leider für die erschöpfen¬ 
de Beantwortung meiner vorher notierten Fragen weitaus weniger Zeit 
brauchte als gedacht. 

Anfangs widerlegte er gleich meine in letzter Zeit aufgestellte Behauptung, UNSANE hät¬ 
ten sich nach „Visqueen“ mal wieder aufgelöst. CELAN und Dave Currans Band PIGS seien 
demnach eher Seitenprojekte gewesen, der Kontakt der Bandmitglieder untereinander 
habe in dieser Zeit aber weiterhin bestanden. „We didn’t split up and we didn’t take a 
break“, wie Chris ausdrücklich betont. Er hatte zu dieser Zeit eine Freundin in Berlin, Dave 
arbeitete mit den MELVINS und auch ansonsten hatten sie jede Menge zu tun, aber er blieb 
mit dem Rest der Band immer in Kontakt. 

Das unter diesen Umständen nicht mehr ganz so überraschende neue Album „Wreck“ 
erschien diesmal auf Alternative Tentacles, was natürlich die Frage aufwirft, ob es ein ein¬ 
maliger Ausflug zu diesem Label bleiben würde, so wie „Visqueen“ auf Ipecac, oder ob 
mit AT derzeit ein Vertrag besteht. „Ich war auf einer MELVINS-Show in San Francisco und 
traf dort Jello Biafra, den ich bereits lange kenne, und er fragte, ob wir eine Platte für ihn 
machen würden, so einfach war das. Wer könnte da nein sagen?“ 

Gedanken über ein anderes Label hat sich die Band aber trotzdem noch nicht gemacht, 
denn momentan hat das neue Album absolute Priorität, und danach werde man sehen, wie 


und wo die Geschichte weitergeht. Nur höchstwahrscheinlich nicht auf Exile On Main¬ 
stream, wo das CELAN-Debüt erschienen ist, denn Chris lässt an dem Label kein gutes Haar, 
vor allem in Bezug auf den Vertrieb der Platte. Auf Ox-Nachfrage zeigte sich aber auch 
Exile-Macher Andreas Kohl seinerseits wenig begeistert von der anstrengenden Zusam¬ 
menarbeit mit Spencer. 

Auch ein neues CELAN-Album ist geplant, da Chris weiterhin gute Kontakte nach Berlin 
hat - seine Freundin lebt nach wie vor dort, er selbst wohnte schon in Kreuzberg, Prenz¬ 
lauer Berg und Mitte - und er weiterhin gerne in dieser Besetzung arbeiten würde, aber 
das wird noch einige Zeit dauern. Die Frage nach CELAN und dem Einfluss dieses Neben¬ 
projekts auf die neue Platte stellt sich beim Anhören des Tracks „Stuck“ automatisch, des¬ 
sen überraschend balladeske Schwere viele Parallelen zu genanntem Projekt aufweist, was 
Chris auch bestätigt, der darin das Ergebnis einer kreativen Entwicklung sieht. „Ich arbei¬ 
tete schon länger an solchem Zeug und hatte einfach Lust darauf, solch einen Song auf 
dem Album zu haben.“ 

Wobei ja Innovationen nicht unbedingt UNSANEs Sache sind. So ist die Mundharmonika, 
die 1995 auf „Alleged“ erstmals auftauchte, mittlerweile obligatorisch, was auch auf star¬ 
ken Blues-Einflüsse beruht - Robert Johnson etwa nennt Chris genauso als Inspirations¬ 
quelle wie andererseits JOY DIVISION - und phasenweise geht man sogar noch weiter 
in der Bandgeschichte zurück. Vinnie Signorellis Drumming auf dem Opener „Rat“ etwa 
erinnert an das Debüt Anfang der Neunziger, an die ähnlich vertrackte Rhythmik von Char¬ 
lie Ondras, als der noch lebte und hinterm Schlagzeug saß. - eine Feststellung, die Chris 
durchaus als Kompliment auffasst. 

Dennoch hat sich im Vergleich seitdem einiges verändert: Spielten UNSANE Mitte der 
Neunziger hierzulande höchstens vor einer Handvoll Zuschauer, sieht das mittlerweile 
anders aus: „Auf unserer Tour mit den MELVINS war der Zuspruch ganz ordentlich. Wahr¬ 
scheinlich, weil es uns schon so lange gibt und wir verschiedene Leute beeinflusst haben, 
da denken sich die Leute eher, dass sie mal hören wollen, wie wir klingen“, vermutet 
Chris. Als „lebende Legende“ möchte er sich trotzdem nicht bezeichnen lassen. „Keine 
Ahn ung, wie du darauf kommst“, sagt er lachend, so wie er auch das komplette Interview 
immer wieder mit launigen Bemerkungen auflockert, die leider in diesem Kontext nicht 
verwertbar sind. Sein Schlusswort an die Leserschaft allerdings ist ein guter Rat, den man 
beherzigen sollte: „Most people suck. Be nice.“ 

Stefan GafFory unsanenyc.com 


UNSANE VON 1998 BIS HEUTE 

1988 wird UNSANE von Chris Spencer, Pete Shore und Charlie Ondras gegründet, drei 
Jahre später erscheint das selbstbetitelte Debütalbum der New Yorker, das mit seinem 
rauhen Sound nicht nur wegweisend für den Noise-Rock der folgenden Jahre ist, son¬ 
dern auch die Serie der blutigen Coverartworks der Band einläutet. 1992 stirbt Drummer 
Charlie Ondras an einer Überdosis Heroin und wird von Vinnie Signorelli ersetzt. Ein Jahr 
nach Erscheinen des zweiten Albums „Total Destruction“ 1993 verlässt auch Pete Shore 
die Band, sein Nachfolger wird Dave Curran. 1995 und 1998 erscheinen die beiden Alben 
„Scattered, Smothered & Covered“, dessen Single „Scrape“ in Heavy Rotation auf MTV 
läuft, und „Occupational Hazard“. Nach einer mehrjährigen Pause kehren UNSANE 2005 
mit „Blood Run“ zurück, 2007 folgt „Visqueen“ und nach weiteren fünf Jahren erscheint 
2012 schließlich das siebte Studioalbum „Wreck“. 


OX-FANZINE 51 























OBLIVIANS, GORIES, DEVIL DOGS, LITTLE KILLERS, RAUNCH HANDS, THEE MIGHTY CAESARS, 
LYRES, PAGANS - macht es klick? Wenn nein, gehört eure Plattensammlung auf den Sondermüll. 
Noch nie zu „Back From The Grave“-, „Las Vegas Grind“- oder „Teenage Shutdown“-Compilations 
den Watusi, Hully Gully oder Mashed Potato getanzt? Dann sind eure Partys scheiße und die Chan¬ 
cen hoch, dass Crypt Records einigen, vor allem jüngeren Leuten tatsächlich kein Begriff sein wird. 
Kein Wunder, war es doch im letzten Jahrzehnt auffallend ruhig um das Label. Anfang des Jahres mel¬ 
dete Crypt sich mit einer Release-Offensive zurück, knackte mit dem Debütalbum der Londoner Ra¬ 
daubrüder ATOMIC SUPLEX die Grenze des 100. Releases und feierte schon längst 20-jähriges Be¬ 
stehen. Grund genug und höchste Zeit, sich an der Aufarbeitung der Geschichte der Ausnahme- 
Rock’n’Roll-Schmiede zu versuchen. 


Einfach wird das nicht. Eine Auseinandersetzung mit der 
Geschichte von Crypt Records kommt eher einer biografi¬ 
schen Abhandlung als einem trockenen Labelporträt gleich. 
Alles rankt sich um Tim Warren - Label-Chef, Promoter, 
Plattenladenbesitzer, Tourbegleiter, Rock’n’Roll-Geek, 
DJ, Besessener - oder viel eher um sein Leben: Umzüge, 
Pleiten, Niederlagen, Rip-Offs, Fehlkalkulationen; Crypt 
wächst und entwickelt sich in unabdingbarer Verzahnung 
mit dem Lebensweg seines Gründers. Sollte Crypt wirklich 
jemandem kein Begriff sein? Hat man sich jemals ernsthaft 
mit Rock’n’Roll beschäftigt, wird man über das markante 
Labellogo auf einer Plattenrückseite gestolpert sein. Sixties- 
Punk-Nerds nennen die „Teenage Shutdown“-Sampler ihr 
Eigen, TEENGENERATE werden sicherlich so manche Pri¬ 
vatparty in ein Fuzz-Desaster verwandelt haben und den 
NEW BOMB TURKS wurde in manchen Wohnungen ein 
eigener Schrein für ihren High-Energy-Powerpunk gebaut. 
Von turbulenten Tassle-Twirler-Sounds und Teenpunk- 
Rereleases bis zu primitivem Bluespunk oder obskuren 
Exotica-Shakern: Crypt bedient die ganze Palette an Musik¬ 
stilen, die sich unter der Parole „Cool & Crazy“ vereinen 
lassen und ist und bleibt damit eines der faszinierendsten 
und prägendsten Labels der Rock’n’Roll-Geschichte. Doch 
zunächst eine Rückblende in die Achtziger. 

„BACK FROM THE GRAVE“ : 1983 

Tim Warren wurde 1960 in New York geboren, zog im 
Alter von zwei Jahren mit seiner Familie auf die Philip¬ 
pinen und 1964 nach Griechenland, blieb dort, bis er 
14 Jahre alt war, und kaufte seine erste Platte, „Exile On 
Main Street“ von den ROLLING STONES. 1974 zogen 
die Warrens zurück in die USA und es kam, wie es kom¬ 
men musste: Tim wurde Record-Junkie. Er stieß auf Punk¬ 
rock, kurz bevor New Wave seinen Siegeszug antrat, sah 
die RAMONES live, lernte Bands wie THE DAMNED, DMZ 
und THE CRAMPS kennen und schätzen, und fing 1978 an, 
in zahlreichen Plattenläden zu arbeiten, was sich bis 1983 
ohne Unterbrechung fortsetzen sollte. 

Er flog vom College und hielt sich mit mehreren Neben¬ 
jobs über Wasser. Ende der Siebziger arbeitete er in einem 
Plattenladen in Amherst, Massachusetts, dann in Maine in 
einer Tankstelle und machte seine ersten Gehversuche als 
DJ. Drei Mal pro Woche legte er für jeweils zehn Dollar 
pro Nacht auf. Im Oktober 1980 zog er zurück nach New 



York und jobbte weiterhin in einem Recordshop. Er fing 
an, einige Tapes mit bis dahin unveröffentlichten Sixties- 
Punk-Singles aufzunehmen und traf eines Tages während 
der Arbeit auf Billy Miller, der 1978 zusammen mit Miriam 
Linna das Kicks Magazine gründete, aus dem 1986 wiede¬ 
rum Norton Records entstand. Miller ermutigte Tim zur 
ernsthaften Umsetzung seiner Reissue-Gehversuche. 

Die tatsächliche Geburt von Crypt Records lässt sich kaum 
genau datieren. Ende der Siebziger begannen die ersten 
Ideen in Tims Kopf zu spuken. Im März 1982 fasste er dann 
die ersten handfesten Pläne, diese umzusetzen. Unter dem 
Titel „Songs The Cramps Taught Us“ kompilierte er Fif- 
ties- und Sixties-Originalsingles all der Songs, die jemals 
von den CRAMPS durch den Fleischwolf gedreht wur¬ 
den. Ohne finanzielle Rücklagen sah er sich dann jedoch 
gezwungen, das Vorhaben, diese auf einer Doppel-LP zu 
veröffentlichen, erst einmal wieder auf Eis zu legen und für 
weitere Zeit in einem New Yorker Plattenladen zu arbeiten, 
„weitere 14 Monate für reiche Idioten und kaum mehr als 
drei Dollar die Stunde zu schuften“, wie er Gildas Cosperec 
im Dig It! #28 berichtet. Am 4. August 1983 verkaufte er 
mit seiner damaligen Frau Caroline einen Teil ihrer Hoch¬ 
zeitsgeschenke und konnte damit die 3.000 Dollar Kos¬ 
ten für die Pressung seiner ersten Platte aufbringen: den 
ersten Teil der mittlerweile legendären „Back From The 
Grave“-Serie. Der Sixties-Reissue-Markt war zu diesem 
Zeitpunkt von einigen guten Garage-Compilations wie 
der „Pebbles“-Reihe, den ersten Teilen von „Chosen Few“, 
„OffThe Wall“, „Boulders“ oder „Texas Flashbacks“ domi¬ 
niert. Viele von denen mutierten mit zunehmender Zahl 
hinter der „Völ.“-Angabe zu dem, was den Großteil der 
Rerelease-Sampler ausmachte: eine krude Mischung aus 
gniedeligem Psych-Wahnsinn, Proto-Bubblegum, unaus¬ 
gegorenem Sixties-Folk und einigen Teenpunk-Stücken in 
wechselnder Qualität. Beim „Back From The Grave“-Sam- 
pler legte Tim jedoch viel Wert darauf, die aggressive Seite 
des Genres zu dokumentieren und konzentrierte sich auf 
Aufnahmen aus den Jahren 1964 bis 1967. Es sind laute, 
fuzzschwangere Gitarren, sägende Vöcals und Texte über 
Hass, Lust, Chaos und all die anderen Problematiken, die 
einen zwischen Pubertät und fast abgelaufener Adoleszenz 
eben so bewegen, die „Back From The Grave“ zu den bes¬ 
ten Garage-Comps überhaupt machen. 



Auch bei den Linernotes ist BFTG den anderen Samp¬ 
lern überlegen: neben den grundlegenden Informatio¬ 
nen holte Tim sich auch direkt bei den Bandmitgliedern 
Anekdoten, Geschichten zur Entstehung der Aufnahmen 
und kurze biografische Abrisse ihrer Mitglieder ein und 
bezahlte im Gegenzug sogar meistens die Lizenzen - ein 
weiteres Novum im Wust der Sixties-Rereleases. Gleichzei¬ 
tig sind seine Linernotes voller Enthusiasmus, geprägt von 
seinem New Yorker Zungenschlag, und teilen den ein oder 
anderen Seitenhieb in Richtung artsy fartsy Psych-Gefrickel 
aus. Um das Ganze abzurunden, konnte MortTodd gewon¬ 
nen werden, Tims Kritzeleien für das Cover umzusetzen: 
ein Zombie, der diverse Devotionalien moderner Musik 
zu Grabe trägt. Tim brachte somit eine Menge ungehobel¬ 
ter Teenpunk-45s erstmalig auf großformatiges Vinyl und 
verpasste dem ganzen Rerelease-Sumpf einen gehörigen 
Arschtritt, der bis heute nachhallt - BFTG gilt immer noch 
als Paradebeispiel für die wilde Seite des Sixties-Sounds. 

ERSTE GEHVERSUCHE MIT 
„MODERN BANDS“: 1984-1989 

1983 zog Tim zu seiner Frau Caroline nach Paris und 
ließ dort einen Teil seiner Reissue-Veröffentlichungen 
als French Editions pressen und erfreute sich recht guter 
Absatzzahlen auf dem französischen Markt. 1984 schmie¬ 
dete Tim mit den RAUNCH HANDS dann erste Pläne, 
auch Platten von zeitgenössischen Bands herauszubrin¬ 
gen, musste jedoch feststellen, dass für deren erste beiden 
Alben („El Rauncho Grande“, 1984 und „LearnTo Whap- 
A-Dang“, 1986 - beide wurden letztendlich von Relativity 
veröffentlicht) eine ganz andere Ebene zur Finanzierung, 
Promo, Anzeigenschaltung etc. betreten werden musste, 
die zu diesem Zeitpunkt weit außerhalb seiner finanziellen 
Mittel lag. Nichtsdestotrotz waren die RAUNCH HANDS 
die erste „moderne Band“, die je über Crypt veröffentlicht 
wurden, indem sie sich auf „Back From The Grave“ Völ. 3 
(1986) mogelten. Im gleichen Jahr folgten dann DMZ, die 
zwischen 1976 und 1978 aktiv waren, mit der „Live At 
Barnaby’s“-LP und zwei Live-Alben der LYRES. Die erste 
wirklich moderne Band, um die Tim sich kümmerte - 
inklusive Promo, Tourbegleitung, Anzeigen und so weiter 
- waren THE WYLDE MAMMOTHS aus Stockholm, die Tim 
bezüglich der Veröffentlichung ihrer beiden Alben „Go 
Baby Go!!“ (1987) und „ThingsThat Matter“ (1988) kon¬ 
taktierten. Zu diesem Zeitpunkt hat das Billy Childish-Fie- 
ber auch auf Tim übergegriffen und er schmiedete Pläne, 
THEE MIGHTY CAESARS mit einer (Non-)Hit-Collection 
auch in den USA bekannt zu machen. So flog er nach Lon¬ 
don, suchte mit Billy einige Songs aus und der Plan wurde 
umgesetzt. 

Nach einem weiteren Zwischenstop in Göteborg und der 
Trennung von Caroline kehrte Tim in die USA zurück und 
hing weiterhin mit den RAUNCH HANDS und den RAT 
BASTARDS rum, die später zu den DEVIL DOGS werden 
sollten. Mit den Releases einer überschaubaren Anzahl 
moderner Bands brachte er eine neue Rock’n’Roll-Welle 
ins Rollen. Wie sich schnell herausstellte, war Amerika 
jedoch nicht das richtige Land, um mit dieser Musik etwas 
zu erreichen. 

Im August 1989 lernte er seine zukünftige zweite Frau 
Micha in Basel während einer RAUNCH HANDS-Show 
kennen und sah sie in Freiburg wieder. Als es nach der 
Tour Zeit wurde, nach New York zurückzufliegen, waren 
die beiden ineinander verliebt. Ein Jahr später heirateten 
sie in Las Vegas und beschlossen, nach Hamburg zu zie¬ 
hen. Die Prä-Hamburg-Zeit war eher von Reissues geprägt; 
trotzdem hatte Tim bis dahin einige zeitgenössische Bands 
im Röster: die Cowpunks NINE POUND HAMMER („The 
Mud, The Blood, And The Beers“ 1988), DEVIL DOGS (mit 
ihrem selbstbetitelten Album, 1989), die Billy Childish- 
Projekte THE HEADCOATS (die 1990 „Beach Bums Must 
Die“ und „The Earls Of Suavedom“ veröffentlichten) und 
THEE MIGHTY CAESARS (mit „English Punk Rock Explo¬ 
sion“ und „John Lennon’s Corpse Revisited“ im Jahr 1988, 
1995 veröffentlichten sie „Surely They Were The Sons 
Of God“ ebenfalls auf Crypt). Tim schaltete zunehmend 
Anzeigen, bekam immer mehr Demos zugeschickt und 
sollte zukünftig zunehmend mit modernen Bands Zusam¬ 
menarbeiten. 

THE HAMBURG YEARS & „POWERPUNK“- 
EXPLOSION: 1989-1998 

Zeitgleich mit dem Umzug nach Hamburg und der Eröff¬ 
nung des ersten Cool & Crazy-Ladens setzte Tim auch 



OX-FANZINE 52 



























die Pläne zur Veröffentlichung einer RAUNCH HANDS- 
Platte um. „Pay Day“ erscheint 1989, „Have A Swig“ und 
„Fuck Me Stupid“ erscheinen ein respektive drei Jahre 
später. In den fast zehn Jahren, die Tim in Hamburg ver¬ 
brachte, sorgte Crypt mit einer Flut an Veröffentlichun¬ 
gen für Aufsehen. Anfang der Neunziger die nächsten drei 
Alben der High-Energy-Garage-Punks DEVIL DOGS („Big 
Beef Bonanza“, 1990; „30 Sizzling Slabs!“, 1992 ; „Satur- 
day Night Fever“, 1993). Mit dem Motor-City-Garage- 
soul-Sound der GORIES („Outta Here“, 1992 und „I Know 
You Be Houserockin’“, 1994, als Rerelease ihrer ersten 
beiden Alben auf New Rose) und dem Gospelpunk der 
OBLIVANS („SoulFood“, 1995; „Populär Favorites“, 1996; 
„... Play 9 Songs With Mr. Quintron“, 1997) aus Mem¬ 
phis veröffentlichte er die wahrscheinlich besten Gara¬ 
gepunk-Alben der Neunziger und legte mit JON SPEN¬ 
CER BLUES EXPLOSION („Crypt-Style!“, 1992; „Extra 
Width“, 1993; „Orange“, 1994 - letzteres ist das zweit- 
bestverkaufte Album auf Crypt) die Grundsteine für den 
Siegeszug des Bluespunk. Alle Releases von Crypt zwi¬ 
schen 1989 und 1998 aufzuzählen, würde den Rahmen 
sprengen, erwähnt seien die großartigen TEENGENERATE 
(„Get Action“, 1994), die LoFi-Weirdos COUNTRY TEA¬ 
SERS („Satan Is Real Again“, 1996 und „The Pastoral - Not 
Rustic - World Of Their Greatest Hits“, 1995), DM BOB 
& THE DEFICITS („Bad With Women“, 1996, und „Bush 
Hog’n Man“, 1997), FIREWORKS, PLEASURE FUCKERS, 
THE BEGUILED, LOS ASS-DRAGGERS, LAZY COWGIRLS, 
THE DIRTYS.THE REVELATORS und BANTAAM ROOSTER. 

Seine vermutlich größten Erfolge feiert Crypt mit den 
NEW BOMB TURKS, die maßgeblich einen Stil prägten, 
der sich etwas später unter dem Begriff Powerpunk eta¬ 
blierte, und deren 1993er Debütalbum „Destroy Oh Boy“ 
bis heute die meistverkaufte Platte auf Crypt ist. Nach zwei 
weiteren Alben („Information Highway Revisited“, 1994, 
und „Pissing Out The Poison - Singles & Other Swill ’90- 
’94“, 1995) wechselten die NEW BOMB TURKS zu Epi¬ 
taph, veröffentlichten dort „Scared Straight“ (1996), „At 
Rope’s End“ (1998) und „Nightmare Scenario“ (2000) 
und mussten dann jedoch aufgrund „niedriger Verkaufs¬ 
zahlen“ - das heißt 30.000 verkauften Platten - gehen. 
Tim zieht den Vergleich: der Großteil aller Alben der Crypt- 
Bands verkauften sich gerade mal zwischen 300- und 
4.000-mal. Eine Band wegen „lediglich“ 30.000 verkauf¬ 
ter Platten vom Label zu schmeißen, sei kaum besser als das 
Verhalten der Major-Scheusale Sony oder BMG. „Hey Epi¬ 
taph, try some bands that seil 600, you lazy fucks!“ 

Allein im Jahr 1995 veröffentlichte Crypt insgesamt 14 
Alben, was ihnen - nachdem sich in den vorangegangen 
dreieinhalb Jahren 50.000 Dollar Miese angehäuft hatten - 
finanziell beinahe das Genick brach. Zeitgleich gab es um 
die amerikanische Vertriebssituation einigen Hickhack, der 
Crypt schlussendlich zu Matador und deren Vertriebscon¬ 
nections führte. Tim konnte sich nun sicher sein, zeitnah 
und garantiert für die Verkäufe ausgezahlt zu werden, zog 
damit aber auch Missgunst auf sich, wie etwa aus den Rei¬ 
hen des Maximumrocknroll-Fanzines 

1994 stieß Dirk zur Crypt-Crew. Seine jahrelange „Karri¬ 
ere“ als Kunde des Ladens hatte ihn wohl dazu qualifiziert, 
zu diesem Zeitpunkt als Aushilfsjob neben seinem Studium 
im Laden arbeiten zu können. Daraus entwickelte sich 
letztendlich eine mittlerweile 18 Jahre andauernde Zusam¬ 
menarbeit, in welcher Dirk sich um Cool & Crazy Ham¬ 
burg, den Mailorder, sowie den Vertrieb kümmert. Im Som¬ 
mer 1997 wurde das Gebäude, in dem sich der Plattenla¬ 
den befand, von einem Investor gekauft und anschließend 



die Miete verdreifacht. Man entschloss sich, den Laden vor¬ 
erst zu schließen. 

TOURBEGLEITUNG, PLEITEN, BURNOUT: 

DAS ENDE DER „MODERN BANDS “-ÄRA 

In den Neunzigern konzentrierte Tim sich nicht nur dar¬ 
auf, Platten moderner Bands herauszubringen, sondern 
setzte auch alles in Bewegung, um sie in Europa auf Tour zu 
schicken, und fuhr oftmals selber mit. Bereits 1989 buchte 
er die erste, dreimonatige Eurotour der RAUNCH HANDS, 
borgte sich von zwei Freunden jeweils 15.000 Dollar, 
kaufte einen Van in Eindhoven, die Backline in New York 
und ließ diese dann nach Europa verschiffen. „Schwierige 
Umstände“ wäre dafür nicht der richtige Ausdruck, „Mord 
trifft es wohl eher“, resümiert Tim. Zusätzlich musste er 
persönlich für alles aufkommen: Verpflegung, Sprit, Ziga¬ 
retten für die Band. In Spanien verbrachten sie insgesamt 
drei Wochen, gaben in der Zeit aber nur vier (sic!) Kon¬ 
zerte - immerhin wurde an diesen Tagen immer von den 
Clubs für Getränke und Catering gesorgt. „Ich verbrachte 
drei Wochen mit fünf Kerlen, die nichts Besseres zu tun 
hatten, als mit ihren versoffenen Ärschen irgendwo rum¬ 
zuliegen. Wir wurden geboren, um Amateure zu bleiben“. 

Am Ende der Tour begann mit der Motorreparatur für eine 
horrende Summe eine langwierige Periode immer wieder 
auftretender und kostspieliger Schäden am Van. Zu dieser 
Zeit war die Nachfrage in Europa nach Crypt-Bands jedoch 
nicht überragend: „Damals, also insbesondere von 1989 
bis 1992, waren in Europa vor allem Sixties-.Rockstars* 
wie die FUZZTONES, SubPopLedZep-Grungekram oder 
Harte-Jungs-Poserrock angesagt. Es war der Wahnsinn, mit 
Crypt-Bands da einen Fuß rein zu kriegen - bis dann im 
März 1993 sowohl das erste NEW BOMB TURKS-Album als 
auch deren Tour einschlug wie eine Bombe und die Clubs 
auf einmal auch mehr als die üblichen 400 Dollar bezahlen 
konnten. Das galt jedoch bei Weitem nicht für die ande¬ 
ren Bands. Ich glaube, dass die Ermüdung von all dem gan¬ 
zen Aufwand für das Booking und die Promo, und dann 
auch durch die insgesamt 33 Touren in sieben Jahren, die 
jeweils zwischen 30 und 70 Tagen dauerten, schlussendlich 
der Hauptauslöser dafür waren, dass wir später damit auf¬ 
hörten, uns um moderne Bands zu kümmern. Das war ein¬ 
fach zu viel für ein kleines Label“. 

Tim kann auch heute noch auf Abruf mit den Absatzzah¬ 
len seiner Veröffentlichungen - getrennt nach Markt und 
Jahr - um sich werfen, hebt Verträge jahrzehntelang auf, 
hat eine penible Erinnerung an Daten und Nummern. Er ist 
dafür bekannt, die wilden Seiten des Rock’n’Roll-Lebens 
mitzunehmen, aber gleichermaßen ehrlich und aufrichtig 
mit seinen Bands umzugehen. Verständlich, dass er dem¬ 
entsprechend leiden muss, wenn er einen Stapel seiner 
liebsten Rockabilly-45s veräußern muss, um Rechnungen 
begleichen zu können. 

Zusätzlich zur Überbelastung durch den hohen Labelout¬ 
put veränderte sich 1996 die Club-Landschaft maßgeb¬ 
lich: die Besucherzahlen sanken, Abmachungen seitens 
der Promoter wurden nicht eingehalten, Techno und elek¬ 
tronischer Mist traten ihren Siegeszug an und gleichzei¬ 
tig nahmen die Verkaufszahlen der Crypt-Platten rapide 
ab. 1998 zog Tim sich für längere Zeit zurück, analysierte 
die Finanzen und Verkaufsstatistiken und stellte dann fest, 
dass jeder einzelne Release ein Riesenhaufen Geld gekos¬ 
tet hat. Bei exakter Betrachtung verschlangen die meisten 
Alben der Crypt-Bands mehr Geld, als sie überhaupt ein- 
bringen konnten. Die Kosten für die ASS-DRAGGERS belie¬ 




fen sich auf fast 20.000 DM, die ersten Alben von REVE¬ 
LATORS und DM-BOB schluckten jeweils zwischen 15.000 
und 16.000 D-Mark, BANTAM ROOSTER ca. 12.800 DM 
und selbst für das dritte OBLIVIANS-Album musste Tim 
1.000 Mark draufzahlen, nur um einige Beispiel zu nen¬ 
nen. Und das nur in Europa; die Verkaufszahlen in den USA 
sahen wesentlich dürftiger aus. Zusätzlich musste Tim sich 
von zwei seiner Bands den Rip-Off-Vörwurf gefallen lassen 
- und das obwohl er niemals von einer Band Geld dafür 
genommen hat, um seine Telefonrechnungen für die Orga¬ 
nisation von Gigs oder Portokosten für den Promo- und 
Poster-Versand an Booker, Clubs, etc. zu begleichen. 

Warum also sich weiterhin für eine Band den Arsch auf¬ 
reißen, die noch nicht mal in ihrem eigenen Land selber 
eine Tour auf die Beine gestellt bekommt und sich zusätz¬ 
lich auch noch dermaßen daneben benimmt? So entschloss 
Tim sich 1997, zukünftig nicht mehr mit modernen Bands 
zusammen zu arbeiten. Die zweite LP von BANTAM ROOS¬ 
TER war noch in der Pipeline, aber mehr Releases aktuel¬ 
ler Künstler waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ange¬ 
dacht. Nach den finanziellen Rückschlägen, jahrelangem 
Zuzahlen bei den Touren der Bands und den rapide sin¬ 
kenden Verkaufszahlen hatte Tim die Schnauze voll. Den¬ 
noch: „Ich bereue heute nichts von all dem. Ich kann mit 
Stolz sagen, zur Entwicklung des US-Rock’n’Rolls beige¬ 
tragen zu haben, zu dem ganzen Rummel um amerikani¬ 
sche Garage-Bands in Europa. FLAMIN’ GROOVIES, STOO- 
GES, LYRES, FLESHTONES, REAL KIDS - um die hat sich in 
Amerika doch niemand geschert, während die hier total 
durch die Decke gingen.“ 

Während der Touren konnte Tim sich zumindest gewiss 
sein, genügend Crypt-Platten zu verkaufen, von denen ein 
Großteil der Recordstore-Typen immer noch nichts wissen 
wollte. „Wir haben jede verdammte LP, CD oder Single von 
Club zu Club geschleppt und den Leuten den Crypt-Spirit 
in den Rachen gestopft.“ Er ist stolz, all das auf sich genom¬ 
men zu haben und auf diese Weise eine europäischen Fan¬ 
base für all die Bands aufgebaut zu haben, deren Alben sich 
kaum verkauften und die kaum mit Style und Rockstar- 
Habitus punkten konnten. Amerikanische Bands schafften 
es schon immer eher in Europa zu etwas Berühmtheit und 
wurden hier laut Tim seit jeher geschätzt. 

Ein weiterer Faktor, der Tim resignieren ließ, war die Fan¬ 
zine-Landschaft in den Neunzigern, wie er im Dig It 
#28 berichtet. „Die Zines wurden von 16-jährigen Epi¬ 
taph/Fat Wreck-Poppunkteenybopper-Knalltüten mit 
einem Rock’n’Roll-Wissen gleich Null gemacht und 
ich wäre bescheuert gewesen, diesen Kids meine Platten 
zum Besprechen zu schicken. Die Zine-Szene war zu die¬ 
sem Punkt eigentlich ziemlich tot und ich möchte nicht 
die Zines, die mit viel Hingabe arbeiten, an den Pran¬ 
ger stellen, aber es gab diese beschissene Flut von Fanzi¬ 
nes von Kids, deren Leben von Bands wie NOFX, RANCID, 
GREEN DAY, SCREACHING WEASEL, etc. angeblich verän¬ 
dert wurde und womit ich rein gar nichts zu tun haben 
wollte. Und andersrum sicher auch nicht: ,Hey grandpa 
rock’n’roll, you’re old, old-fashioned and square!' - Yes 
indeed, I am, Junior, but please, no mayonaisse on my 
Whopper, kiddo“ (Dig It! #28). 

RÜCKKEHR IN DIE USA UND 
HAUS-QUERELEN: 1999-2006 

Tim entschloss sich, in die USA zurückzukehren, ließ Crypt 
Europa in den Händen von Dirk, verließ Hamburg am 13. 
Januar 1999 und verbrachte die folgenden zwei Wochen 


►► WEITER AUF SEITE 54 




OX-FANZENE 53 

































►► FORTSETZUNG VON SEITE 53 



damit, in Utah, Colorado und Nordkalifornien nach einem 
Haus zu suchen. Ein ruhiges Dorf irgendwo in den Bergen 
sollte es werden. Während eines Schneesturms stieß er auf 
einen Stadtteil vonTruckee in Kalifornien, der seit dem 19. 
Jahrhundert unberührt zu sein schien, und beschloss zu 
bleiben. Er mietete ein Haus und fuhr nach Los Angeles, 
um kistenweise Platten, Singles und CDs sowie die ganze 
Technik aus dem Crypt USA-Büro in zwei Lastwagen¬ 
touren nach Truckee zu verfrachten. Als er dann die bei¬ 
den PAGANS-Reissues (bereits 1994 brachte er „Everyboy 
HatesYou“ heraus; 2001 sollten dann dann „Shit Street“ 
mit Studioaufnahmen und das pinkfarbene Album mit 
Demor-Recordings von 19 7 8 bis 7 9 erscheinen) in Angriff 
nahm, musste er feststellen, dass für eine Veröffentlichung 
der Platten kein Geld übrig war. Brett, der sich während 
Tims Abwesenheit um Crypt USA kümmerte, hatte sich 
mit 31.000 Dollar vom Crypt-Konto bereichert und wurde 
selbstverständlich gefeuert. So blieb Tim erst mal keine 
andere Möglichkeit, als das restliche Geld zusammen zu 
halten und Crypt USA neu aufzubauen. 

Etwas später kamen Micha und Hund Bando nach und Tim 
zog mit ihnen im Mai ins kalifornische Inverness, einem 
350-Seelen-Dorf, gelegen auf einer Halbinsel im Nord¬ 
westen des Marin County. Dort lebten sie bis zum Juni 
2000 und luden dann abermals den ganzen Crypt-Krem- 
pel sowie ihren Hausrat in zwei große Trucks, um ins über 
3.000 Meilen entfernte Frenchtown in New Jersey umzu¬ 
ziehen. Im Dig It! #28 äußert sich Tim im Interview: „Wir 
haben nicht wirklich vor, hier jemals wieder wegzuziehen 

- es ist ein wunderbares kleines Städtchen mit keiner einzi¬ 
gen Shopping Mall und keinem Fastfood-Abschaum.“ 

Das Haus war aus dem Jahr 1865, so dass einiges an 
Instandsetzungsarbeiten anfiel. Zudem half Tim regel¬ 
mäßig, die Häuser seiner zwei Schwestern zu restaurie¬ 
ren und ging regelmäßig seinem Bruder in dessen Cafe 
in NYC zur Hand. Dazu sagte er: „Zu sagen, man sei im 
Baugewerbe, erscheint mir weniger blamabel, als anzuge¬ 
ben, man hätte im Musikbusiness zu tun.“ Zusätzlich zur 
Arbeit am Haus, die sich zunehmend als ausweglos heraus¬ 
stellte, und dem miserablen Zustand von Crypt USA ver¬ 
kündete auch noch EFA, der deutsche Vertrieb von Crypt 
Records, seine Pleite und brachte Tim in weitere finanzielle 
Schwierigkeiten. Doch die Arbeit an dem Haus stellte sich 
als Fiasko heraus und hielt ihn weiterhin in den USA fest; 
dem Savage Magazine berichtete Tim in dieser Zeit: „Ich 
habe meine Rückkehr in die USA etwa ein Jahr, nachdem 
ich hier angekommen bin, bereut. Alles was ich möchte, 
ist hier raus! Dank der zurückgebliebenen Bush-Regierung 
und ihrer Big-business-friendly-hands-off-Einstellung und 
dem Wall-Street-Arschlochtum wurde die ganze Mittel¬ 
schicht durch das Subprime-Hypotheken-Durcheinander 
wirtschaftsunfähig gemacht - das Haus lässt sich nicht ver¬ 
kaufen und ich werde hier wohl noch eine Weile festhän¬ 
gen.“ Und es sollte tatsächlich bis 2008 dauern, bis er das 
Hause los wurde. 

„HÄVING Ä RECORD STORE IS Ä GOOD WÄY 
TO GO BROKE“: BROOKLYN 2006-2008 

Rückblickend ist Tim überzeugt, dass die Rückkehr in die 
USA inklusive Hauskauf der größte Fehler seines Lebens 
war. Sechs Jahre Arbeit und der finanzielle Aufwand für 
Reparaturen sowie Steuern führten letztendlich zu nichts 

- 2006 setzte er alles daran, das Haus zu verkaufen, aber 
es sollte eineinhalb Jahre während der Bush-Ära dauern, 
bis es schließlich dazu kam. Während dieser Zeit wurde 
das Label nur mit minimalen Lebenserhaltungsmaßnah¬ 
men bedacht. Im gleichen Jahr fing Tim dann jedoch wie¬ 
der Feuer und eröffnete - wenn auch mit unsicheren 
Zukunftsaussichten und auf wackeligen finanziellen Bei¬ 
nen - den Cool & Crazy-Laden in Brooklyn in unmittel¬ 



barer Nachbarschaft zu den heruntergekommensten Knei¬ 
pen und Clubs. „In New York gab es zu diesem Zeitpunkt 
keinen einzigen vernünftigen Rock’n’Roll-Plattenladen 
und so zog ich mit dem ganzen Crypt-Lager und Mail¬ 
order sowie dem Masteringstudio nach Brooklyn und - 
ob schlauerweise oder aus Blödheit kann ich nicht genau 
sagen - eröffnete Cool & Crazy Brooklyn. Diese Zeit hatte 
ihre guten als auch schlechten Momente. Gut waren die 
Tatsache, einen Ort zu etablieren, an dem man gutes Zeug 
kaufen konnte, und die zahlreichen Stunden in der grandi¬ 
osen Rock’n’Roll-Kellerbar Don Pedros.“ Zunächst gestal¬ 
tete er den Laden als Green Door Shop, kümmerte sich 
also um Mastering-Tätigkeiten im Hinterraum und wenn 
ein Kunde klingelte, öffnete er und packte Bestellungen 
im Vörraum. Später heuerte er Leute an, die sich um den 
Laden zu richtigen Öffnungszeiten kümmern konnten. 

Drei Viertel seiner Kunden waren Europäer und insgesamt 
reichte die Nachfrage nicht aus, um den Landen anständig 
zu refinanzieren. Zudem verbachte Tim zunehmend Zeit 
an fremden Tresen und gesteht im Nachhinein ein, dass 
er wohl nicht dafür geschaffen ist, einen Laden am Lau¬ 
fen zu halten; vor allem in Zeiten, in denen kaum Inter¬ 
esse an so einem Geschäft besteht. Releasetechnisch war 
es in den Jahren der Hausreparatur sehr still um Crypt. Das 
LITTLE KILLERS-Debüt von 2003 verkaufte sich zwar ver¬ 
hältnismäßig gut, aber all die Kosten für die Instandset¬ 
zung des Hauses und für die zwei Gerichtsprozesse, die er 
führen musste, um es wieder loszuwerden, ließen keinen 
Spielraum für Veröffentlichungen moderner Bands. So ver¬ 
öffentlichte er statt des ersten Albums von KING KHAN & 
BBQ SHOW nur ihre „Teabag Party“-Single (2007), schlug 
auch das Angebot aus, das dritte BLACK LIPS-Album zu ver¬ 
öffentlichen, und scherte sich weiterhin recht wenig um 
moderne Bands. 

Im Juni 2008 verstarb sein Hund Bando, der letzte gemein¬ 
same Nenner in seiner Beziehung zu Micha, und sie trenn¬ 
ten sich. Er machte den Laden dicht, und als zeitgleich 
Sarah Palin und John McCain als Präsidentschaftskandida¬ 
ten auf den Plan traten, entschloss er sich, die USA wie¬ 
der zu verlassen. Er besorgte sich ein Ticket nach Hamburg 
und verbrachte zehn Tage mit der Suche nach einem Apart¬ 
ment, nur um einzusehen, dass Hamburg völlig überteu¬ 
ert ist. Er erweiterte seinen Suchradius auf einen Bauern¬ 
hof zwischen Hamburg und Berlin, fand aber schlussend¬ 
lich einen ehemaligen Kindergarten zum Verkauf in Berlin. 
Als er herausfand, dass dessen Kaufpreis ungefähr dem ent¬ 
sprach, was er für die Miete einer New Yorker Wohnung in 
nur sechs Jahren ausgeben würde, schlug er zu und kehrte 
den USA nach fast zehn Jahren abermals den Rücken zu. In 
der Zwischenzeit hatte Dirk auch eine neue Immobilie in 
Altona für den Crypt-Laden in Hamburg gefunden. Er und 
Tim verbrachten vier Wochen damit, den Laden zu reno¬ 
vieren und einzuräumen. Im September 2005 öffnete denn 
der neue Cool & Crazy-Laden auf 24 Quadratmetern in der 
Julius-Leber-Straße. 

DÄMMERSCHLAF & ZARTES 
„COMEBACK“-RUMOREN: 2008-2012 

Tim richtete sich in Berlin ein und konzentrierte sich erst 
mal auf seine (Re-)Mastering-Tätigkeiten - es blieb ruhig 
um Crypt. Doch im Mikrokosmos rumorte es - einige 
Crypt-Bands waren wieder umtriebig: THE GORIES und 
THE OBLIVIANS spielten gemeinsam einige Shows in 
Europa und konnten 15 Jahre nach ihrer Auflösung 800 
zahlende Gäste in den Festsaal Kreuzberg in Berlin locken, 
eben der Stadt, in der sie 1992 gerade 60 Besucher sehen 
wollten. 2010 veröffentlichte NEW BOMB TURKS-Sän- 
ger Eric Davidson sein Buch „We Never Learn - The Gunk 
Punk Undergut, 1988-2001“ und feiert aus diesem Anlass 
zwei Nächte lang in Belgien und den Niederlanden mit 



Lesungen, DJ-Action von Tim und Dirk und Auftritten von 
JOHNNY THROTTLE. In ein Konzert eben dieser Band 
geriet Tim im Februar 2009 und beschließt, mit ihnen in 
derselben Nacht ihre „Sick Of Myself / Job In The City“- 
7“ herauszubringen, gibt sie im Mai im Presswerk in Auf¬ 
trag und bekommt sie im Februar 2010 dann endlich aus¬ 
geliefert. 

Im Dezember 2011 meldet sich Crypt endgültig zurück 
und begeht mit ATOMIC SUPLEX und deren „Bathroom 
Party“-LP das Jubiläum ihres 100. Releases. Die nächs¬ 
ten Veröffentlichungen sollten im Single-Format kom¬ 
men und lassen nicht lange auf sich warten: Bob Taylors 
„Wöwsville/After Hours“, „Scream“ von RALPH NIELSEN 
& THE CHANCELLORS - der wohl wildeste Rock’n’Roll- 
Song aller Zeiten - und „Horizontal Action“ der PSYCHO- 
SURGEONS werden Anfang 2012 herausgebracht und zei¬ 
gen, dass Crypt sich offenbar auf das zurückbesinnt, als 
was es einmal mit der Idee zu „Back From The Grave“ 
angefangen hat: als Reissue-Label. 

Denn stellt man sich die Frage, welche Crypt-Veröffentli¬ 
chungen wohl von der längsten Haltbarkeit sind, wird man 
wohl immer wieder auf ihre Reissues stoßen: die legen¬ 
dären Garage-Compilations der „Back From The Grave“- 
Reihe, Sixties-Teenpunk ä la „Teenage Shutdown“, trashy 
Novelty-Rock’n’Roll wie auf „Talkin’ Trash!“, den Surf- 
killern der „Strummin’ Mental“-Sampler, Rockabilly- 
Oddballs der „Sin Alley“s werden es wohl sein, die das 
musikalische Erbe von Crypt ausmachen. Aber auch die 
Blütezeit der Releases von modernen Bands schlägt sich 
nachhaltig im Punkrock-Kanon nieder: „Destroy Oh Boy“ 
von NEW BOMB TURKS sowie „Saturday Night Fever“ 
gehören nach wie vor zum Besten, was die Neunziger 
musikalisch hervorgebracht haben, und es ist allerhöchste 
Zeit, Platten wie „Blue Dirge“ von BEGUILED verspätete 
Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. 

Eine lückenlose Aufarbeitung der Geschichte um und von 
Crypt ist wohl eher ein Ding der Unmöglichkeit. Kaum 
ein Label kann nach knapp 20 Jahren so eine unstete Ent¬ 
wicklung vorweisen und hat diesbezüglich alle Höhen und 
Tiefen durchgemacht. Und Menschen, die nach all den 
Jahren immer noch so viel Leidenschaft wie Tim Warren 
an den Tag legen, sind wohl rar gesät. Gerade deswegen 
ist Crypt wohl eines der wichtigsten und stilprägendsten 
Rock’n’Roll-Labels überhaupt und hat sich nie verbiegen 
lassen. Zugegeben, nicht jede Veröffentlichung mag den 
individuellen ästhetischen Standards genügen, aber vor der 
Disziphn und dem Arbeitsethos kann man eigentlich nur 
den Hut ziehen. 


Die Frage, was die Zukunft bringt, scheint unangebracht: 
Tim hat dazugelernt, will sich nicht mehr in finanzi¬ 
elle Wagnisse stürzen, plant nichts voraus. Crypt hat sei¬ 
nen Dienst bereits getan: unzählige Sixties-No-Hit-Wön- 
ders wurden über die Compilations am Leben erhalten, der 
Boom in den Neunzigern verhalf all jenen Bands zu Auf¬ 
merksamkeit, die sonst in einem elenden Nischendasein 
vor sich hinvegetiert hätten und Crypt macht deutlich, dass 
Attitüde und Hingabe wesentlich mehr wert sind als Style 
und Posertum. In Zeiten, in denen eine funktionierende 
Maschinerie, die sich zur Veröffentlichung eines Albums in 
Gang setzen muss, scheinbar nichts mehr wert ist, kämpft 
ein Label wie Crypt auf verlorenen Posten. Umso erfreuli¬ 
cher ist es dann, wenn Tim und Dirk trotz allem den Laden 
am Laufen halten, alte Sachen nachpressen, dann und 
wann einen neuen Knaller veröffentlichen und mit jedem 
Wort die Begeisterung für das,was sie machen, rüberbrin¬ 
gen. Rock’n’Roll ist eben immer noch nicht tot, sondern 
scheint gerade wieder zu erwachen. 

Matti Bildt cryptrecords.com 



IM NÄCHSTEN OX: INTERVIEW MIT CRYPT-BOSS TIM UND MAILORDER-MANN DIRK. 


OX-FANZINE 54 


















I JJLjJLiJ J J JQizP* u j J J h 

YOUR LOCAL PLATTENLADEN: GREEN HELL - UNDERDOG - BURNOUT 


NÄTIONS*ÄFIRE 


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BOLT 
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M&n RirrilsrR.52 beim grunen^aser 21 

MH MIM m\ - 


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*> 


MACH MIR DEN HIRSCH 

ANTLERED MAN 

Sie kommen aus London, spielen ziemlich unkategorisierbar-komplexen 
(Post-)Hardcore mit Noise-Kante und haben kürzlich auf dem Berliner La¬ 
bel Noisolution das Album „Giftes Parts 1 And 2“ veröffentlicht. Die 2009 
gegründete Band mit Geweih besteht aus Danny Fury (guitar), Damo Eze- 
kiel Holmes (vocals), Sam Ray (Bass) und Oliver Parker (Drums). Meine 
Fragen beantwortete Damo. 

Da mich euer Bandname so fasziniert, muss ich einfach fragen: „ander“ heißt 
„Geweih“, aber was ist ein „Antlered Man“? Ich erinnere mich noch schwach an den 
Pop-Punk-Helden Rev. Norb, der immer einen Helm mit Geweih trug ... 

Es ist ein Name, der es uns ermöglicht, jede Art von Musik zu spielen. Hätten wir uns 
„Metal Thunderdome“ genannt, dann könnte man mit Sicherheit sagen, dass wir Metal 
machen. Aber bei ANTLERED MAN können so viele Bilder und Ideen entstehen, und du 
hast viele Freiheiten in dem, was du tust. Außerdem klingt das verdammt Respekt einflö¬ 
ßend, mit einem „Antlered Man“ würde man nie irgendeine Scheiße abziehen. Wir wis¬ 
sen, dass es ein Buch aus dem Jahre 1926 gibt mit dem Titel „The Strange Case OfThe Ant¬ 
lered Man“, aber das haben wir erst herausgefunden, nachdem wir uns so genannt hat¬ 
ten. Wir haben es auch nie gelesen, da es nicht mehr gedruckt wird und daher sehr teuer 
ist. Ach ja, Rev. Norb von BORIS THE SPRINKLER, der wusste wirklich, wie man sich gut 
anzieht. Das trifft es schon ganz gut, aber wir tragen keinen Helm, unsere Geweihe wach¬ 
sen uns direkt aus dem Schädel. 

Noch eine Namensfrage: Damo Ezekiel - deine Eltern haben ja ziemlich imgewöhn¬ 
liche Namen für dich ausgesucht. Hast du sie jemals danach gefragt, wie sie darauf 
gekommen sind? 


Mein richtiger Name ist eigentlich Damien Ezekiel Holmes, aber seit ich zwölf bin, nen¬ 
nen mich alle nur „Damo“ - so viel also dazu. Mein Vater hat mir die Bedeutung meines 
Namens erklärt: er stammt aus der Bibel, obwohl keiner in der Familie religiös ist. Viel¬ 
leicht hat er zuviel LSD genommen und sich wohl gedacht, das würde schön klingen. Aber 
jetzt glauben mir die meisten Leute nicht, dass das mein richtiger Name ist, die denken, es 
sei ein Künstlername. Wenn ich mir selbst einen Künsdernamen geben würde, würde ich 
mich wahrscheinlich „Megavoice McGee“ nennen. Also vielen Dank, hebe Eltern. 

Mir gefallt das Artwork eures Albums. Wie habt ihr die Künstlerin Joni Marriott ken¬ 
nen gelernt und warum denkt ihr, dass ihre Arbeit zu eurer Musik passen? 

Wir haben Joni letztes Jahr auf unserer Deutschlandtour kennen gelernt. Ihr Freund Philipp 
spielt in einer Band namens NERVEN. Arne hat ihn angerufen und gefragt: „Eine meiner 
Bands hat einen Auftritt in Saarbrücken, können sie bei euch übernachten?“ Philipp wollte 
aber erst unsere Musik hören, um zu überprüfen, ob wir nicht irgendeine Scheißband 
sind. Glücklicherweise mochte er unsere Musik und so konnten wir bei ihm Unterkom¬ 
men. Wir trafen die beiden also und an diesem Abend haben wir bestimmt 60 Flaschen 
Bier und zwei Flaschen Wodka getrunken und uns bei voller Lautstärke BLACK FLAG- und 
MELVINS-Platten angehört. Wir kamen sehr gut miteinander klar und Joni zeigte uns dann 
ihre Sachen, und wir fanden sie großartig, dachten, dass sie perfekt zu so einem schrägen 
Sound wie unserem passen. Also haben wir sie noch am selben Abend gefragt, ob sie für 
uns das Artwork machen möchte. Als wir wieder in England waren, haben wir ihr unsere 
Texte geschickt und sie machte dazu individuelle Zeichnungen, die zu jedem einzelnen 
Song passten, und zeichnete sogar die kompletten Lyrics. Es sieht umwerfend aus und wir 
sind so froh, dass wir sie getroffen haben. 

Eure Texte scheinen euch ziemlich wichtig zu sein, ihr druckt sie sogar im Booklet ab. 
Viele Bands machen das heutzutage gar nicht mehr, und bei Downloads scheinen sie 
auch keinen mehr zu interessieren. Durch diese „digitale Plage“ werden Booklets und 
somit auch Texte anscheinend immer unwichtiger. Wie seht ihr das? 

Haha, „digitale Plage“, das gefällt mir! Die Texte sind uns tatsächlich sehr wichtig und 
wir haben schon gemerkt, dass viele Bands sich gar nicht mehr wirklich Gedanken dar¬ 
über machen, was sie schreiben. Ich glaube, wir sind wohl eine der wenigen Londoner 
Bands, bei denen es tatsächlich nicht bloß um London geht. Wir sind nicht beschränkt auf 
eine Insel der Seligen, wir wollen unsere Botschaft weltweit verbreiten. Danny schreibt all 
unsere Texte, und das macht er ziemlich gut. Ich sorge nur dafür, dass sie cool klingen - 
oder versuche es zumindest. Aber all die Dinge, über die er schreibt, sind Dinge, an die wir 
glauben und über die wir miteinander sprechen. Manchmal bringt er drei Seiten mit Lyrics 
für einen Song mit, manchmal nur ein Busticket, auf dessen Rückseite schon der ganze 
Text steht, das kommt auf den Song an. Da die Texte beim Hören der Songs sehr schnell 
auf dich zukommen und auch schnell wieder vorbei sind, wir aber gleichzeitig so viel Zeit 
in sie gesteckt haben, sollten wir sie dann auch abdrucken, damit die Leute sie lesen kön¬ 
nen. Ich hätte gerne ein neues Album gekauft als junger Mann, das Booklet herausgenom¬ 
men und die Texte gelesen. Das gehört alles zur Musik dazu, daran kannst du dich festhal- 
ten, während du zuhörst. 

Arne von eurem Label Nois-O-Lution scheint einer eurer größten Fans zu sein. Was 
sieht er in euch ... habt ihr ihn je danach gefragt, was ihn an euch fasziniert? 

Arne ist großartig, ein echter Punkrock-Fan. Wir sind so glücklich, dass wir ihn kennen 
gelernt haben und dass er mit uns arbeitet. Er hat unsere Energie erkannt und weiß, dass 
wir eine tolle Performance hinlegen, wenn er jemanden zu einer unserer Shows mitbringt. 
Er ist ein mutiger Typ, wenn es um Musik geht. Er will etwas, das anders, das eine Her¬ 
ausforderung ist, und er wird dir immer offen sagen, was er mit dir vorhat. Ich glaube 
nicht, dass wir ihn je darauf angesprochen haben, was er an uns so gut findet. Als wir uns 
in Hamburg getroffen haben, waren wir zu sehr beschäftigt mit Biertrinken und Kickern. 
Musikalisch seid ihr sehr schwer einzuordnen. Gibt es Bands oder Genres, die für euch 
alle gleichermaßen interessant sind? Was verbindet euch als Band sonst noch? 

Wir mögen Bands wie THE DILLINGER ESCAPE PLAN, MELVINS und Mike Patton. Die 
machen nur die Musik, die sie machen wollen und nicht das, was andere von ihnen erwar¬ 
ten. Wir machen die Musik eigentlich auch nur für uns selbst, so dass wir als Musiker 
glücklich damit sind, und hoffentlich gefällt sie dann auch den anderen. Wir wollen nicht 
in irgendwelche Schubladen gesteckt werden, da wir immer experimentieren. Wer weiß 
also schon, was für Musik wir in fünf Jahren machen werden? Wir könnten ein komplett 
neues Genre erschaffen und uns dann wieder komplett davon ab wenden, hahaha. Wir sind 
eine Band, weil wir schon sehr lange Freunde sind und schon einiges zusammen durch¬ 
gemacht haben, sowohl Gutes als auch Schlechtes. Wir mögen die gleichen Filme, Bands, 
Kunst und wir halten uns alle für die besten Musiker der Welt. Mit solchen Leuten sollte 
man engen Kontakt haben. Es ist ein bisschen wie verheiratet sein. 

Welche Rolle spielt die Band in eurem Leben? Da ihr in so einer teuren Stadt wie Lon¬ 
don lebt, habt ihr bestimmt noch ein Leben außerhalb der Band. 

Die Band ist unser Leben. Wir haben Teilzeitjobs, aber das ist für keinen von uns etwas 
langfristiges. Das machen wir nur, um unsere Miete zu bezahlen, denn wie du bereits 
erwähntest, hat die „digitale Plage“ viele Musiker gezwungen, aufzugeben, die damit viel 
Geld verdienen wollten. Aber das ist uns egal, wir waren schon immer arm. 

Joachim Hiller antleredman.co.uk 

Übersetzung: Christina Wenig 



OX-FANZINE 56 















Sechs Jahre alt war Carlos Cipa, als er die ersten Klavierstunden nahm. Mit 
16 lernte er Schlagzeug, um mit einigen Freunden eine Hardcore-Band zu 
gründen. Von da an probierte er sich in diversen Genres von Jazz bis In- 
die und experimentiert mittlerweile mit verschiedenen Instrumenten. Mo¬ 
mentan hofft er auf einen Studienplatz an der Hochschule für Musik in The¬ 
ater im Fach Klassische Komposition. Bis dahin vertreibt er sich die Warte¬ 
zeit bis zum Wintersemester eben mit der Veröffentlichung seines Debü¬ 
talbums „The Monarch And The Viceroy“ im Juni und einer kurzen Euro¬ 
patour im Oktober. 

Im Zentrum des Albums steht jedoch der Flügel der Marke Steinway & Sons, mit dem 
Carlos die zwölf Stücke seines ersten Albums im heimischen Wintergarten in München 
aufnahm. Als Klassik-Pianist versteht sich Carlos trotzdem schon lange nicht mehr. Seine 
Ausflüge in den Hardcore-, Punk- und Screamo-Bereiche sieht er als Bereicherung sei¬ 
nes Erfahrungsschatzes an: „Mir hat das vor allem gezeigt, wie es ist, selbst Musik zu 
machen. Am Klavier bleibt man ja im Regelfall immer auf die Interpretation beschränkt. 
Beim Schlagzeug ist das einfach anders, man lernt das Instrument zu spielen und einzuset¬ 
zen. Das erste Mal mit den eigenen Songs auf der Bühne zu stehen, ist einfach etwas ande¬ 
res als zum hunderttausendsten Mal eine Beethoven-Sonate zu spielen.“ 

Als Musiker betrachtet er sich in erster Linie, in zweiter Instanz als Komponist. Einer¬ 
seits betont er die Rolle, die Populärmusik für seine Entwicklung gespielt hat, den Ein¬ 
fluss von klassischer Musik und Komponisten wie Claude Debussy und Erik Satie räumt er 


aber ebenfalls unumwunden ein: „Bei manchen Stücken kann man sicherlich von Kompo¬ 
sition sprechen, zu manchen anderen passt wohl eher der Begriff Songwriting. Die Struk¬ 
turen sind teilweise von der normalen Pop-Form beeinflusst. Ich habe mich beim Schrei¬ 
ben meiner Stücke nicht auf irgendein Genre festgelegt oder mich von irgendetwas beein¬ 
flussen lassen. Die Stücke sind sehr intuitiv in ganz bestimmen Momenten entstanden.“ 

„The Monarch And The Viceroy“ klingt dementsprechend hybrid, steht im Spannungs¬ 
feld von klassischer Klaviermusik und beinahe poppigen Melodien. Das spiegelt sich allein 
schon in den Titeln wider: Bukowski-Zeilen lieh sich der 22-Jährige ebenso wie Episoden¬ 
namen der Fernsehserie „Six Feet Under“, mit „Nocturne“ zollt er der Tradition klassischer 
Klaviermusik Tribut. Hört man genau hin, scheint sich seine Beschäftigung mit Hardcore 
und Jazz gleichermaßen niedergeschlagen zu haben. Tatsächlich sprüht „The Monarch And 
The Viceroy“ vor Lebhaftigkeit, die sich nicht mit dem Klischee eines Beethoven-Inter¬ 
preten decken mag. Hier und dort nimmt Carlos das Tempo raus, variiert rhythmisch. 
„Ich habe schon von vielen Seiten gehört, dass der Rhythmus auf dem Album sehr auffäl¬ 
lig ist“, stimmt er zu. „Das liegt wohl am ehesten an meinen relativ eigenen und oft vari¬ 
ierenden Begleitmustern in der linken Hand. Auch wenn diese meistens intuitiv gespielt, 
also fast improvisiert sind, habe ich doch großen Wert darauf gelegt, dass es immer wie¬ 
der Neues gibt.“ 

Nichtsdestotrotz gibt sich das Debüt minimalistisch, beschränkt sich auf ein einziges Ins¬ 
trument. „Das ist sozusagen meine persönliche .Verarbeitung* mit dem Klavier“, sagt Car¬ 
los, der für sein zweites Album gerne mit weiteren, ausgefallenen Instrumenten experi¬ 
mentieren möchte und schon ein Bandprojekt in Planung hat. Für die Zukunft schließt er 
auch die Filmmusik als weiteres Standbein nicht aus. „Ich habe bis jetzt zwei Kurzfilme mit 
einem jungen Münchner Regisseur gemacht, bei denen wir uns total gut zusammengefun¬ 
den haben. Musik zum Bild zu komponieren war natürlich eine ganz andere Erfahrung, als 
die Stücke für das Album zu schreiben.“ 

Das überstrapazierte Label „Film-Score-Musik“, das vielen der Acts, die wie Carlos auf 
Denovali Records veröffentlichen, aufgedrückt wird, sieht er kritisch: „Film Score ist eine 
Ecke, in die Musik gedrängt wird, wo sie schnell ihren eigenen Charme verliert. Versteh 
mich nicht falsch, ich hebe Filmmusik, vor allem aus den Fünfzigern. Aber ich wollte, 
dass meine Musik für sich steht. Früher war Filmmusik wesentlich kunstvoller und auch 
dadurch viel beeindruckender. Heutzutage will einfach jeder nach Hans Zimmer klingen. 
Es geht nur darum, möglichst schnell möglichst fett zu klingen. Trotzdem könnte ich mir 
auch für die Zukunft vorstellen, Filmmusik zu machen, würde aber niemals davon abkom- 
men, einen hohen Anspruch an die Musik zu legen. Wenn das dann zeitlich oder finanzi¬ 
ell nicht zu verwirklichen ist, dann werde ich wohl leider nicht damit dienen können.“ 

Das sind selbstbewusste Worte von einem verhältnismäßig jungen Musiker. Die kann er 
sich allerdings erlauben, schließlich hat er nicht nur eine eindrucksvolle Vita vorzuwei¬ 
sen, die auch Auftritte mit Bands wie THIS WILL DESTROYYOU, A WINGED VICTORY FOR 
THE SÜLLEN und LIBRARY TAPES mit einschließt, sondern auch sein Ziel stets fest vor 
Augen: „Ich bin eigentlich jemand, der sich nur auf eine Sache konzentriert, und das ist 
die Musik.“ 

Kristoffer Cornils denovali.com/carloscipa 



Nach ständigen Lobgesängen auf diese Konzeptband, die es vermag, mit ihrem Postcore starke visu¬ 
elle Eindrücke heraufzubeschwören, sich selbst aber schön im Hintergrund hält, wirft das neue Al¬ 
bum „Trials“, produziert von Matt Bayles (der bereits ISIS und MASTODON zum richtigen Sound ver- 
holfen hat), nun so manche Frage auf. Das Quartett ist bereits seit 2004 aktiv, erhielt kürzlich den Rit¬ 
terschlag in Form eines Auftritts auf dem SXSW in Austin, Texas. Soweit die Fakten. Nun galt es aber, 
die mystische Aura der Luxemburger zu knacken. Wer so innovativ ist und dessen Stil sich so rasant 
entwickelt, der hat doch was zu verbergen!? Drummer Sacha Schmitz war so freundlich, ein paar Ge¬ 
heimnisse auszuplaudern. 


Es gibt heutzutage viele Bands, die auf visueller Ebene 
ihre Musik unterstützen. Seht ihr euch selbst als Band, 
deren Ansatz über den bloßen Klang hinausgeht? Ist so 
etwas planbar? 

Wir experimentieren eben sehr viel mit verschiede¬ 
nen Ideen und Klängen und versuchten auch nie, wie 
eine bestimmte andere Band zu klingen. Darüber hinaus 
machen wir nichts absichtlich. Unsere zwei Gitarristen 
sind einfach totale Soundeffekt- und Fußpedal-Nerds, sie 
investieren viel Zeit in diese Spielereien und flippen dann 
total aus, wenn sie etwas Neues entdeckt haben. Für das 
neue Album haben sie viel mit Loops gearbeitet und auch 
künstliche Klänge benutzt, wie Orgel- oder Piano-Effekte, 
die man sehr deutlich auf „Trials“ hören kann. Es gibt nur 
einige echte Keyboardsounds, die von unserem Produzen¬ 
ten Matt Bayles eingespielt wurden. 

Hat eure Musik auch einen politischen Hintergrund? 
Schließlich heißt ein Song „Myanmar“ und ein anderer 
„North Korea“. 


Beides sind ja instrumentale Nummern und sie haben 
keine implizite politische Bedeutung für uns. Wir versu¬ 
chen eben immer, die Atmosphäre des Songs einzufangen, 
wenn wir ihn benennen. Als wir „North Korea“ schrie¬ 
ben, haben wir eine Dokumentation über Touristen gese¬ 
hen, die dort Urlaub machten. Diese Besucher wurden die 
gesamte Zeit ihres Aufenthalts ständig observiert und es 
entstand eine unerträgliche Spannung, zugleich ekelte uns 
diese Bespitzelung an. In dem Song gibt es ähnliche Span¬ 
nungsbögen und auch aufgrund der seltsamen Klangland¬ 
schaften nannten wir ihn dann „North Korea“. Zwischen 
„North Korea“ und „Myanmar“ gibt es musikalische Par¬ 
allelen, also benannten wir den anderen Track auch nach 
einem diktatorischen Regime. 

Viele Musiker engagieren einen bekannten Produzen¬ 
ten, tun einen tollen Sound zu bekommen. Kritiker die¬ 
ser Vorgehensweise sagen, es ersticke den bandeigenen 
Klang. Gibt es diese Gefahr eurer Meinung nach wirk¬ 
lich? 


Ich kann da nur für uns sprechen und ich finde, dass „Tri¬ 
als“ keine Ähnlichkeiten zu den anderen Alben hat, die 
Matt bisher produzierte. Jeder Produzent hat seine Hand¬ 
schrift und natürlich auch Wiedererkennungsmerkmale, 
aber man muss dabei schon den individuellen Geist eines 
Albums am Leben erhalten. Außer Matt hatten wir bisher 
keinen anderen Produzenten, also weiß ich nicht, wie sie 
arbeiten, aber Matt hat versucht, unseren Sound zu erhal¬ 
ten, uns aber zugleich motiviert, die Songs so gut und tight 
wie möglich einzuspielen. 

So manche Band pflegt heute leider gewisse Rockstar- 
Attitüden, ihr jedoch zum Glück nicht. Statt Bandfotos 
gibt es die Texte im Booklet, ihr wirkt geerdet. Wird man 
schnell egozentrisch, wenn man auf die Bühne geht und 
die Leute einen beklatschen? 

Erstmal: Fotos von der Band im Booklet sind fürchterlich! 
Manche Bands generieren diese Rockstar-Attitüde, wenn 
sie auf der Bühne sind. Dann ist es wohl eher Teil der Show. 
Wir denken nicht daran, so etwas zu tun. Wir veranstalten 
seit zehn Jahren Indie-Shows in Luxemburg und arbeiten 
teilweise auch in Venues, da hat man natürlich eine andere 
Perspektive. Man weiß, was hinter, auf und vor der Bühne 
passiert. Während man die technischen Details klärt, ist 
kein Platz für aufgeblasene Egos, soviel steht fest. 

Im „Artefacts“-Video spielt ihr Gitarre in den Wäldern 
und lauft durch den Schnee, in eurem Artwork finden 
sich ebenfalls Bäume; all dies scheint kein Zufall zu sein. 
Existiert ein Konzept, an das ihr euch bewusst haltet? 
Alles, was wir tun, machen wir als Band. Wir diskutieren 
viel, treffen dann die Entscheidungen. Diese Stimmigkeit 
in den genannten Bereichen, die so nach Absicht aussieht, 
ist tatsächlich aber bloßer Zufall gewesen. Anfangs dach¬ 
ten wir über das Artwork für „Trials“ nach und wir woll¬ 
ten unbedingt mit dem Künstler Kit Mason arbeiten. Wir 
wussten, dass es etwas Unterkühltes, aber doch Organi¬ 
sches sein soll, um die Stimmung der Musik einzufangen, 
die sich bereits abzeichnete. Darüber hinaus wollten wir 
eher mit Fotos als mit Zeichnungen oder Gemälden arbei¬ 
ten. Wir haben Kit dann gesagt, dass er doch auch mal ein 
paar Bilder aus dem Wald mailen könnte, und das war dann 
genau das Richtige für unser Cover. Einige Wochen später 
bekamen wir ein Video-Storyboard für „Artefacts“, unse¬ 
ren ersten Clip - und es passte einfach genau zum Artwork 
und fing die Stimmungen ein, die wir transportieren woll¬ 
ten. Ein glücklicher Zufall. 

Thomas Eberhardt 

mutinyontheboimty.bandcamp.com 


OX-FANZINE 57 













ANARCHIE BETRÜGT DICH NIE 

BLACK STAR 
FOUNDATION RECORDS 

Das Programm des schwedischen Labels reicht von ATLAS LOSING GRIP über HOLMES bis zu 
PG.LOST, von Punkrock über Singer/Songwriter-Klänge bis zu Postrock, eine musikalisch rote Li¬ 
nie gibt es nicht, wohl aber eine inhaltliche. Denn Emil, der bei Black Star Foundation aus Malmö die 
Fäden in der Hand hält, ist Anarchist und Verfechter des D.I.Y.-Gedankens. Nachdem wir uns nach 
vielen Mails kürzlich in Wuppertal auch persönlich kennenlernten, schickte ich ihm bald darauf ein 
paar Interviewfragen - per Mail. 


Emil, was ist die Black Star Foundation? 

Ich war schon immer sehr begeistert von der D.I.Y.-Kultur, 
obwohl ich als 16-jähriges Szene-Kid diesem Begriff noch 
gar nicht kannte. In kleinen Städten entwickeln die Leute 
ja Leidenschaften für verschiedene Dinge, zum Beispiel für 
Sport, in meinem Fall war es die Musik. In einer Band zu 
sein macht aber viel mehr Spaß, wenn man auch Shows 
spielen kann, und wenn sich keiner für dich darum küm¬ 
mert, musst du dich eben selbst kümmern. Keine unse¬ 
rer Bands veröffentlichte richtige Alben, wir haben Demo¬ 
tapes aufgenommen. Nach einer Weile entwickelte sich die 
Szene, stark beeinflusst von der aufkeimenden Hardcore/ 
Punk-Szene in Umeä. Als wir also Demos verschickten, 
Shows buchten und abgelehnt wurden von jedem Label, 
das es gab, wenn wir uns bewarben, muss ich wohl drauf 
gekommen sein, dass ich in der Lage bin, mein eigenes 
Label zu betreiben. Und nebenbei bemerkt, das war, bevor 
es das Internet gab. Und so entstand Black Star Foundation. 
Dein Labelkatalog reicht zurück bis ins Jahr 1999. Wie 
sieht die Labelgeschichte aus, was sind die Höhen und 
Tiefen? 

Am Anfang haben wir viel mit anderen Labels zusammen¬ 
gearbeitet und versucht, unsere Bands so viel wie mög¬ 
lich touren zu lassen. Zu dieser Zeit spielte ich selbst in 
einigen Bands, die sehr viel unterwegs waren, zum Bei¬ 
spiel CHILDREN OF FALL. Dadurch konnte ich natürlich 
unsere Veröffentlichungen immer mitnehmen, wenn wir 
auf Tour waren. Außerdem habe ich während dieser Zeit 
einen guten Überblick bekommen, welche Fanzines Pro¬ 
momaterial bekommen sollten, und habe auch viel mit 
Veranstaltern über die Bands auf dem Label gesprochen. 
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass viele Leute 
bei den Shows vorbeikamen, um mal zu checken, was es 
so Neues gab. Wir hatten immer einen tragbaren CD-Player 
dabei, so dass die Leute sich die CDs direkt am Merch- 
stand anhören konnten, das hat man wohl sehr zu schätzen 
gewusst. Höhen und Tiefen gab es natürlich vihle in unse¬ 
rer Geschichte. Einen Deal mit dem skandinavischen Ver¬ 
trieb Sound Pollution und vor allem mit Cargo für den Rest 
Europas zu bekommen, war für uns ein großer Schritt. Die 
größten Enttäuschungen waren Bands, die sich zu schnell 
wieder aufgelöst haben, oder Touren absagen zu müssen 
aus Gründen, die man nicht kontrollieren kann, Grenzkon¬ 
trollen zum Beispiel oder Probleme mit dem Auto. Alles in 
allem wurden wir aber nicht allzu sehr abgezockt, denke 
ich. 

Der schwarze Stern im Labelnamen ist offensichtlich ein 
Verweis auf Anarchismus. Welchen Hintergrund hat das? 

Ein Label braucht einen Namen, und da ich selbst Anarchist 


bin, dachte ich, dass das ziemlich gut passt. Ich wollte die 
Bands immer so weit wie möglich mit in die Arbeit einbe¬ 
ziehen und die Struktur eines Kollektivs möglichst beibe¬ 
halten. Am Anfang war das Label eine Non-Profit-Organisa- 
tion, also eine „Foundation“, eine Stiftung, in der die Bands 
auch richtige Mitgheder waren, somit auch an der Gestal¬ 
tung des Labels mitwirken konnten und grundlegenden 
Einfluss hatten darauf, wie es aufgebaut ist. Etwas alleine 
zu machen, kann Spaß machen, aber es macht oft viel mehr 
Spaß, etwas gemeinsam zu machen. Man bekommt immer 
neuen Input, kreative und gute Ideen von anderen Men¬ 
schen, das hat letztlich so viel beigetragen zu diesem Label. 
Es gab bei den Bands ein paar Leute, die haben sich da auch 
wirklich eingebracht, und das hat so jahrelang ziemlich gut 
funktioniert. Leider hat uns das Finanzamt vor ein paar Jah¬ 
ren gezwungen, diese Struktur zu ändern. Trotzdem versu¬ 
chen wir weiterhin, die Bands bestmöglich mit einzube¬ 
ziehen. Ich möchte, dass sie sich als Teil von etwas sehen, 
das viel mehr sein kann als nur ein Label. 

Musikalisch auf „Anarcho-Punk“ festgelegt ist BSF des¬ 
wegen aber nicht wirklich. Wo liegen deine musikali¬ 
schen Interessen, was verbindet die Bands auf deinem 
Label, die ja recht unterschiedlich sind. 

Ich glaube, es kommt vor allem auf die Haltung der Band 
an. Die Bands auf dem Label müssen natürlich keine Anar¬ 
chisten sein oder in allem bis in letzte Detail überein¬ 
stimmen. Aber an irgendeinem Punkt muss man immer 
etwas gemeinsam haben, etwas, worauf man sich eini¬ 
gen kann und auf dem künftige Projekte aufbauen können. 
Alle Bands auf dem Label sind in irgendeiner Form poli¬ 
tisch eher links, Vegetarier oder Veganer, Feministen oder 
haben sonst wie gute Ansichten bei Themen, die uns wich¬ 
tig sind. Allgemein finde ich es nicht so wichtig, die Bands 
in bestimmte Schubladen zu stecken. Wenn eine Band eine 
gute Einstellung hat, ist es immer möglich zu erkennen, 
worum es ihnen geht. Bands ohne Botschaft oder eine 
gewisse Haltung sind für mich uninteressant. Um Zusam¬ 
menarbeiten zu können, braucht man eine solide gemein¬ 
same Basis. Natürlich braucht es einige Gespräche bis man 
diesen Punkt erreicht, aber am Ende lohnt sich das. Sowohl 
als Label als auch als Band investiert man so viel, nicht nur 
Geld, auch Zeit und Energie. Auf diesem Level der alter¬ 
nativen „Musikindustrie“ ist es die Sache nicht wert, ein 
Projekt mittendrin abzubrechen, nur weil man sich nicht 
mehr einigen kann. 

Wie sieht die Szene in Schweden aus, der du angehörst? 

Ich würde sagen, hier gibt es nicht viel an Szene, das wirk¬ 
lich erwähnenswert wäre. Es gibt Millionen von Bands in 


Schweden, aber von neuen Bands erfahre ich höchstens 
etwas, wenn ich den amerikanischen Blog „It’s a trap“ lese, 
oder ich treffe sie auf Konzerten in Deutschland. Es gibt 
nicht viele Magazine oder Fanzines hier, die die Fülle an 
existierenden Bands abdecken können. Außerdem kannst 
du die Bands in Schweden live kaum sehen, es ist schwie¬ 
rig, Auftritte zu bekommen und Leute dafür zu interes¬ 
sieren, da auch hinzugehen. Früher gab es hier eine rie¬ 
sige alternative Szene, aber das hat sich geändert, und das 
ist natürlich ätzend. Es wird immer mal wieder versucht, 
etwas Leben in die Szene zu bringen, das hängt dann von 
einigen wenigen Menschen ab, und wenn die ihr Interesse 
verlieren oder umziehen müssen, hat sich die Sache bald 
erledigt. Es ist in vielen schwedischen Städten sehr schwie¬ 
rig, Venues zu finden, in denen man Shows spielen kann, 
das hat meist wirtschaftliche Gründe. 

Was machst du sonst noch? 

Eigentlich zu viel. Ich habe angefangen, für eine schwedi¬ 
sche Promo-Agentur zu arbeiten, die Idle Production heißt. 
Dann arbeite ich manchmal als Bibliothekar — ich finde 
den demokratischen Aspekt von öffentlichen Büchereinen 
als öffendiche Orte, die nicht nur da sind, um sich infor¬ 
mieren zu können, sehr wichtig. Wobei die Möglichkeit 
der freien Informationsbeschaffung natürlich auch wich¬ 
tig ist. Ich versuche, mich so weit wie möglich mit Poli¬ 
tik zu beschäftigen. Außerdem habe ich eine neun Monate 
alte Tochter, mit der ich auch möglichst viel Zeit verbrin¬ 
gen möchte. Ich laufe auch viel. Zur Zeit laufe ich Halbma¬ 
rathons, aber ich will versuchen, so gut in Form zu kom¬ 
men, dass ich bald einen ganzen Marathon laufen kann. 
Weiterhin trainiere ich ein bisschen Wing Chun und koche 
gerne vegan. 

Gibt es Labels, die dich in deiner beeinflusst haben oder 
immer noch beeinflussen? 

Ja, natürlich. Am Anfang hatte vor allem das ördiche Label 
No Looking Back Records einen großen Einfluss auf mich. 
Das wurde von Hakan und Per gegründet, die heute bei 
DIVISION OF LAURA LEE spielen. Desperate Fight war 
auch wichtig. Day After Records aus Tschechien war ein 
starkes Label, das seinen eigenen Vertrieb aufgebaut hat 
und das auch fortgeführt hat, als es größer wurde. Refuse 
Records aus Polen war schon immer ein reines D.I.Y.-Label 
aus Überzeugung, das gibt es sogar schon länger als uns. 
Ebullition Records aus den USA ist für mich das perfekte 
Vorbild für ein alternatives Label. Die hatten immer einen 
sehr großen Einfluss auf mich. 

Was fasziniert dich an der Labelarbeit, wie sieht deine 
Labelpolitik aus? 

Zu sehen und zu erfahren, dass es wirkhch möglich ist, 
etwas zu verändern. Nach zwölf Jahren sind wir zwar nicht 
das größte Label hier, wir haben nicht die meisten Veröf¬ 
fentlichungen, aber es ist dennoch sehr schön, das Label 
unter unserem Einfluss wachsen zu sehen. Ich bin immer 
sehr zufrieden, wenn ich mit einer Band lange Zusammen¬ 
arbeiten kann, wenn beide Seiten glücklich sind und man 
das Gefühl hat, dass auch beide etwas davon haben. Heut¬ 
zutage ist es zwar schwieriger, aber immer noch faszinie¬ 
rend, ein Label zu betreiben, das physische Datenträger 
veröffentlicht. Die Bedingungen sind heute anders als vor 
zwölf Jahren, als wir angefangen haben, doch irgendwie 
haben wir es geschafft, uns daran anzupassen. Und was 
die „Labelpolitik“ betrifft, so ist es mir wichtig, die Bands 
immer so weit wie möglich in die Prozesse einzubezie¬ 
hen. Und es ist mir wichtig, keine schriftlichen Verträge 
machen, sondern sich aufeinander zu verlassen und Abma¬ 
chungen mit den Bands zu treffen, mit denen beide Sei¬ 
ten zufrieden sind. 

Zum Schluss: Was bedeutet D.I.Y. ganz grundlegend für 
dich, wenn es um das Label geht? 

Für mich beziehungsweise uns war der Grundgedanke 
immer, dass man sich nicht einfach hinsetzt und wartet, 
dass jemand anderes die Arbeit für einen macht, wenn man 
es eigendich auch selbst machen können. Wir selbst sind 
die einzigen, die uns Grenzen setzen können, und in krea¬ 
tiver Hinsicht kann uns niemand sagen, dass etwas unmög¬ 
lich ist. 

Joachim Hiller blackstarfoimdation.com 

Übersetzung: Christina Wenig 



OX-FANZINE 58 
















„From the musk to the man to the guillotine, from the musk to the man to the 
satellites of death“. Das ist ED SCHRADER’S MUSIC BEAT, mach was draus! 
Ed und Mitstreiter Devlin Rice mit geschlossenen Fragen zu bombardie¬ 
ren, wäre da sicherlich keine gute Idee, also mal was anderes probieren: 
als Einstieg ein kurzer Denkanstoß, danach Schlagwörter. Die beiden sind 
schließlich äußerst kreativ im Umgang mit Zusammengewürfeltem und 
werden sich schon etwas Brauchbares daraus basteln. Und es funktioniert. 
Teilweise zumindest. Die eigene Kurzbeschreibung ,,ED SCHRADER’S 
MUSIC BEAT ist ein Rockduo aus Baltimore, das sich - entgegen landläu¬ 
figer Behauptungen - ernst nimmt“ setzt Devlin immerhin schon mit sei¬ 
ner ersten Aussage außer Kraft. Es folgen hochkonzentrierte Fakten vom 
Feinsten! Oder so. 

Drei Gründe, warum jeder ED SCHRADER’S MUSIC BEAT hören sollte ... 

Devlin: 1. Die Texte haben bei ED SCHRADER’S MUSIC BEAT noch eine Bedeutung, sie 
sind die Hauptpfeiler, um die wir unsere Songs schreiben. 2. Jeder durchlebt ja im Laufe 
eines Tages oder gar eines ganzen Lebens eine große Bandbreite von Gefühlen. Unsere 
erste Platte „Jazz Mind“ spielt mit diesen Gefühlen. Kurz gefasst: Du kannst mit Ed Schrä¬ 
ders Hilfe eventuell etwas über dich selbst herausfinden. Nur, um das klarzustellen: Wir 
nehmen uns selbst nicht wirklich sonderlich ernst. 3. ED SCHRADER’S MUSIC BEAT wird 
dich nicht allzu viel Zeit kosten, einmal „Jazz Mind“ durchhören dauert lediglich um die 
20 Minuten. 

Nonsens. 

Ed: Meiner Meinung nach muss man, um überhaupt irgendwas von Wert im Leben errei¬ 
chen zu können, gelegentlich den einen oder anderen Notausstieg einbauen, der es 
ermöglicht, das Hirn komplett abzuschalten. Für mich ist das „Ken Griffey Jr. Baseball“ für 
das SNES, ein nettes überschaubares Spielchen mit bizarr realistischen Ergebnissen, wenn 
man es mal mit richtigem Baseball vergleicht. Aber es lenkt mich ein bisschen von der 
Musik ab und befreit mich davon, ein erwachsener Mann sein zu müssen - der ich sowieso 
nie sein werde. Viele werden es wahrscheinlich für absolut sinnlos und bescheuert halten, 
eine ganze Saison zu spielen, aber das ist eben die Recyclingtonne meiner Gefühle. Oder 
eher: Spielen ist die Recyclingtonne unserer Gefühle. 


Stimmung und Musik. 

Ed: Ich habe herausgefunden, dass ich nur zehn Minuten Ricky Gervais’ Podcast hören 
muss, wenn ich wütend bin. Dann identifiziere ich mich so sehr mit Karl Pilkington, dass 
mich gar nicht mehr interessiert, warum ich überhaupt schlecht gelaunt war. Danach lege 
ich Elton John auf, trinke eine Tasse Kaffee und gehe in den Lebensmittelmarkt. 

Brauchbare Instrumente. 

Ed: Die Brauchbarkeit oder eben ihr Fehlen hängt sehr von der Person ab, die dieses Instru¬ 
ment besitzt. Du musst Objekte auf eine Weise gebrauchen, die dich nicht in eine Abhän¬ 
gigkeitsbeziehung führt. Ich sehe oft Künstler, die so technikabhängig sind, dass sie völ¬ 
lig zusammenbrechen, wenn ein Schräubchen fehlt oder wenn sie feststellen, dass sie auf 
einem Festival in einer Stadt spielen, wo man nicht über das Projektorkabel verfügt, das 
sie gerade brauchen. Sie verhalten sich wie ein Kind, das die Wärme und den Schutz sei¬ 
ner Mutter benötigt und so in eine Art Isolation gerät. Nun werden sie aber mit den sich 
ewig ändernden Landschaften konfrontiert, mit denen sie eigentlich interagieren sollten 
anstatt das Publikum dazu zu zwingen, ständig nur zu ihnen zu kommen, in dieses insel¬ 
artige Universum, das sie im Schlafzimmer kreiert haben, während sie Pop-Tarts vernascht 
und Gras geraucht haben. Große Kunst sollte den Zuschauer mitreflektieren. Er ist es ja 
schließlich, der über das vollständige Denkmuster verfügt, das die Erfahrung, deine Auf¬ 
führung zu sehen, definiert. Du musst den Nerv treffen und das kannst du nicht, indem du 
dich in die Vorhersehbarkeit komplexer Pedal-Arrangements und Legionen von überfüll¬ 
ten Backing-Tracks verkriechst. 

Unbrauchbare Instrumente. 

Ed: Multi-effects Pedals. Wie Dan Deacon schon sagte, „they’re for cheapskates“, die sind 
für Geizkragen, und du bekommst auch das, was du dafür bezahlst... 

ED SCHRADER’S MUSIC BEAT-Konzerte. 

Ed: Wir sind fest im Hier und Jetzt verwurzelt und spielen für die Leute, die uns tatsäch¬ 
lich zuschauen und nicht für das Wembley-Stadion im Kopf. 

Einflüsse. 

Ed: Patti Smith, Elvis Costello, WHITE HOUSE, R.E.M., CURRENT 93, Dan Deacon, THE 
SWANS, THE BIRTHDAY PARTY, Elton John und Bernie Taupin, LET’S ACTIVE, THE BEA¬ 
TLES, BLOOD BABY, WIRE, Boyd Rice, THE POLICE, GUIDED BY VOICES, BIG BLACK, 
SONIC YOUTH, DOUBLE DAGGER, QUICKSAND, NIRVANA, ARAB ON RADAR, DOOMS- 
DAY STUDENT, Robyn Hitchcock, Roger Miller, THE CLOSE LOBSTERS, THE SMITHS, 
David Bowie. 

Touren. 

Devlin: Konstantes Touren dient so einer Art Aufblühen. Es gibt viele Bands, die jemanden 
für die Öffentlichkeitsarbeit anheuern und es dann zwar auf die Hauptseite einer Home¬ 
page oder das Titelblatt eines Magazins gebracht haben, aber dann doch vergessen werden, 
weil sie live schlichtweg nicht präsent sind. Diese Leute bedenken aber einfach nicht, dass 
jeder inzwischen so vielen Bands und Künsdern ausgesetzt ist, dass man einfach „on the 
road“ bleiben muss und so mit einer guten Live-Show auch dauerhaft in Erinnerung blei¬ 
ben kann. Außerdem verleiht Touren dem, was du tust, eine Art Daseinsberechtigung. Na ja, 
deine Mom wird immer mögen, was du machst, diesbezüglich ist ihre Meinung allerdings 
die eines abgestumpften Trottels. 

Ed: Touring ist wie eine Präsidentschaftskampagne, du musst da rausgehen und auf Tuch¬ 
fühlung gehen, „press the flesh“ - nein, nicht so, du Perversling. Aber mal ernsthaft, der 
Warner-Chef wird nicht bei dir unter dem Bett nach der tollen Demo-Aufnahme suchen, 
während du „Mario Kart“ auf dem N64 spielst und Bongs mit deinem Saxophonspieler 
ziehst. Krieg deinen verdammten Arsch hoch und hör endlich auf damit, Weichei-Ausre- 
den zu erfinden oder jemand anderen für dich erfinden zu lassen - sei ein Mann! 
Plattensammler. 

Devlin: Sind sehr wichtig! Obwohl ich zu pleite bin, um mir regelmäßig Platten zu kau¬ 
fen, genieße ich den Prozess, eine Sammlung zusammenzustellen. Für mich sind Leute 
mit großen Sammlungen so eine Art Historiker. Sie erhalten vergessene Kunst. Außerdem 
sind Sammler echte Musikliebhaber und ständig auf der Suche nach gelungener Musik, 
live oder anderweitig. 

Ed: Ich habe nie Platten gesammelt. Ich baue da mehr auf glückliche Zufälle, zum Beispiel 
in ein Cafe zu gehen und zu denken: „Was ist das denn?!“ 

Coverart. 

Devlin: Da muss ja schließlich was vorne drauf sein, oder? Es ist uns echt schwer gefallen, 
Bilder zu finden, die zu „Jazz Mind“ passen könnten. Unserer Meinung nach sind die bes¬ 
ten Albumcover diejenigen, die die Stimmung oder das Gefühl des gesamten Albums trans¬ 
portieren, egal, ob sehr komplex oder einfach und sachlich. Sie verleihen einem Album 
eine Identität. So wie bei den ersten beiden B-52’s-Alben: Nur zwei Fotos der cool ausse¬ 
henden Band vor einem knallig einfarbigen Hintergrund. Und genauso hören sich diese 
Alben auch an. Ultracool und einfach. Schrille Partytypen, die Musik machen. Da gibt es 
sicherlich noch viele andere gute Beispiele, aber mir fallt gerade keins ein. 

Ed: Wer zum Teufel will sich schon ein hässliches Albumcover ansehen? Würdest du eine 
Packung Müsli kaufen, auf der ein abgetriebener Affenfötus abgebildet ist? Na ja, ich 
würde das selbstverständlich machen, haha. 

Anke Kalau edschradersmusicbeat.blogspot.de 




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Das zweite Album erhältlich ab 
dem 31. August 2012 als CD, 
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OX-FANZINE 59 
















SATURIERTE WOCHENENDPUNKS 

MNMNTS 

2011 erschien eine Platte auf dem renommierten Berliner Label Adagio830, die durchweg auf posi¬ 
tive Resonanz stieß. Dabei handelte es sich um die erste Veröffentlichung der Trierer Band MNM¬ 
NTS, die zwar auf Vokale im Bandnamen verzichtete, dafür aber mit „The Good Life“ ein ziemlich 
rundes Album gezimmert hatte, das mit einem Fuß im Emo der Neunziger stand und das andere Bein 
kräftig auf dem Parket des Hardcore tanzen ließ. Dass das Debüt so rund geworden ist, liegt zuletzt 
vielleicht auch daran, dass die Band fast zwei Jahre geprobt, live gespielt und sich auch personell 
gewandelt hat, bis ein Ergebnis in Form einer LP auf dem Tisch lag. Ein weiterer Line-up-Wechsel 
zeichnete sich dann während des Entstehens dieses Interviews ab. Sänger Seb, der mit seiner krat¬ 
zig-atemlosen Stimme und den Tanzeinlagen auf der Bühne viel zum Sound und der Qualität von MN¬ 
MNTS beigetragen hat, entschied sich kurz nach Ostern, die Band zu verlassen. Zu Wort kommen die 
beiden Gitarristen Andre und Sebastian. 


Was treibt einen Haufen Endzwanziger dazu, irgend¬ 
wann 2008 in Trier eine Band zu gründen? Ich hoffe, das 
Jahr stimmt, immerhin habt ihr im Januar 2009 schon 
in Darmstadt gespielt, da noch als MONUMENTS. 
Sebastian: Das Jahr stimmt, allerdings waren wir damals 
eher noch knackige Mittzwanziger, mit leichten Aus¬ 
schlägen nach oben. Im Großen und Ganzen entsprangen 
MNMNTS unseren sich treffenden Lebenslinien; Andre zog 
gerade von Kassel nach Trier, ich selbst von Bonn aus. Jan 
kannte ich noch aus gemeinsamen Schultagen. Na, und 
bei den ersten Proben ist dann definitiv der Funke über¬ 
gesprungen. Uns war eigenüich von Beginn an klar, dass 
das ganz gut funktionieren könnte. Wir wollten und wol¬ 
len Songs schreiben, die dafür gemacht sind, live gespielt 
zu werden - und nebenbei wollten wir natürlich noch ein 
bisschen über die Welt meckern. Übrigens witzig, dass du 
die Show in der Oetinger Villa erwähnst, das war mit JUST 
WENT BLACK und circa eine Woche, bevor wir unseren 
ersten Sänger rausgeworfen haben. Damals war noch alles 
ziemlich chaotisch bei uns, wir waren irgendwie so was 
wie die Vorstufe einer Band, haha! 

Also live zu spielen als klares Ziel der Band. Klappt das 
mit dem Touren so, wie ihr es euch vorgestellt habt? Es 
gibt immer wieder Bands, die es nicht schaffen rauszu¬ 
kommen, weil die Verpflichtungen der Bandmitglieder, 
wie Beruf, Studium etc., nicht unter einen Hut zu brin¬ 
gen sind. 

Andre: Ja, da sprichst du einen wichtigen Punkt an, der 
auch bei uns immer wieder zum Problem wird. Jan ist Leh¬ 
rer und kann nur in den Ferien touren, Sebastians Studium 
ist in den letzten Zügen, so dass er auch immer mehr zu 
tun hat, und auch bei mir geht der Jahresurlaub oftmals 
hauptsächlich für die Band drauf. Bei Seb ist nun sogar der 
Punkt gekommen, dass Beruf und Band nicht mehr mitein¬ 
ander vereinbar sind, so dass er gerade ganz frisch ausstei¬ 
gen musste. Er ist als selbstständiger Tätowierer auf seine 
Wochenendaufträge angewiesen und das war in der jün¬ 
geren Vergangenheit immer wieder sehr schwierig. Nach 


unserer Tour rund um Ostern hat er dann einen Schluss¬ 
strich gezogen. Wir bedauern das sehr, da er den Sound 
von MNMNTS schon ziemlich geprägt hat und auch ein 
super Kerl ist, aber wir respektieren seine Entscheidung 
natürlich. Glücklicherweise haben wir direkt einen Nach¬ 
folger gefunden. Er heißt Philipp und wird ab sofort der 
neue Sänger der MNMNTS sein. Super Typ, starke Stimme. 
Komplett anders als Seb, aber geil. Wir hoffen schon bald 
wieder live zu spielen. Mal sehen, wie dann so die Reak¬ 
tionen sind. 

Sebastian: Und um die Frage vorwegzunehmen: Nein, 
diese ständige Unruhe bei uns ist nicht der Motor für 
unser kreatives Schaffen, haha. Ich jedenfalls wäre wahn¬ 
sinnig froh, wenn diese Besetzung jetzt bis mindestens 
2073 bestehen bliebe. 

Hat es länger gedauert, bis das angesprochene Chaos in 
der Band sortiert war? Eure erste Veröffentlichung war 
nämlich „erst“ 2010 eine Vierer-Split-10“ auf Redfield 
Records. 

Sebastian: Das kann man wohl sagen. Im Grunde war das 
eine einjährige Katharsis, denn zwischen Anfang 2009 und 
Anfang 2010 waren wir komplett ohne Sänger/Sängerin. 
Die Notlösung war dann, dass Andre und ich den Gesang 
so gut es eben ging übernommen haben, da wir die Band 
nicht völlig auf Eis legen wollten. Da kam es dann schon 
mal vor, dass wir nur zu dritt auf der Bühne standen, wie 
bei einer Show in Kassel, als Andre kurzfristig krank wurde. 
Zudem half uns damals Dominik von TORPEDO HOLIDAY 
am Schlagzeug aus, weil Jan in der Hochphase seines Refe¬ 
rendariats steckte. Von ursprünglich fünf standen also nur 
zwei MNMNTS-Mitglieder auf der Bühne, haha! Die Split- 
Platte ist demnach auch ein bisschen das Produkt dieser 
Zeit, mehr war einfach nicht möglich. Die Songs von „The 
Good Life“ beispielsweise entstanden - mit Ausnahme 
der drei Songs, die bereits auf dem 2008er Demo waren 
— innerhalb von zwei, drei Monaten. Das klingt jetzt viel¬ 
leicht etwas klischeehaft, aber dieses schwierige Jahr war 


tatsächlich sehr wichtig für uns, so sehr es uns auch auf 
den Sack ging. Aber mittlerweile haben wir echt eine Art 
Galgenhumor im positiven Sinne entwickelt - uns kann 
einfach nichts mehr schocken. Denn eigentlich passieren 
dir als Band ja ständig unvorhergesehene Dinge. Und in 
dieser Hinsicht haben wir ein recht gutes „Krisenmanage¬ 
ment“ entwickelt. 

Eure LP „The Good Life“ erschien dann Anfang 2011 
auf Adagio830, meiner Meinung nach großartiges Label. 
Wie kamt ihr zu diesem Glück? 

Andre: Adagio830 ist wirklich grundsympathisch und 
ich kenne niemanden, der je ein schlechtes Wort über das 
Label verloren hätte. Wir können das im Übrigen sofort 
bestätigen: Robert ist supernett, er kümmert sich hervor¬ 
ragend und seine Veröffentlichungen sprechen zudem für 
sich. Wir könnten nicht glücklicher sein. Das Ganze kam 
so zustande, dass wir einige Rohfassungen aus dem Stu¬ 
dio nach Berlin geschickt haben — und Robert antwortete 
umgehend, dass er Bock darauf hat. Und das war es dann 
auch schon. 

Kommen wir näher auf die Platte zu sprechen: Das Art- 
work hat Benny von Druckwelle-Design gemacht, der 
bei euren Konzerten auch immer dabei ist und eure 
Touren fahrt. Seid ihr in Wahrheit doch ein Sextett? 
Andre: Auf jeden Fall, Benny ist der beste Typ, der sich 
oftmals mehr für die Band aufopfert als wir anderen. Er 
war bisher bei jeder Tour dabei und gehört einfach dazu. 
Der Vorteil ist, dass Benny wirklich mit jedem Menschen 
auf der Welt gut klarkommt. Deswegen denken auch alle 
immer, dass die MNMNTS so eine sausympathische Band 
sind. Das hegt aber eigentlich nur an Benny, haha. Der Fair¬ 
ness halber muss man aber dazu sagen, dass wir mit Maxi 
auch noch einen siebten und supernetten Mann an Bord 
haben. Er ist der Kerl fürs Steuer, da sollte man Benny bes¬ 
ser nicht dran lassen. Wir gehen bald wieder ins Studio, um 
eine 7“ aufzunehmen. Zur Zeit steht die Idee im Raum, ein 
Foto von Maxi und Benny auf jeweils eine Seite des Covers 
zu drucken. Fände ich ziemlich angemessen, mal sehen. 

In erster Instanz drehen sich eure Texte um persönliche 
Befindlichkeiten. Die Texte tragen aber auch eine „poli¬ 
tische“ Tiefe in sich. Warum habt ihr solche Gedanken 
und Anliegen nicht explizit formuliert? 

Sebastian: Nun, in „Phoney bohemians, asshole avant- 
garde“ haben wir das ja zum Teil. Aber eben nur da, das 
stimmt schon. Ich würde uns auch nicht als „politische 
Band“ bezeichnen; vor allem, weil ich dabei immer an 
US-Stadion-Punkrock denken muss. Das kommt mir oft 
einfach zu patronisierend daher. Da finde ich es besser, 
wenn sich die Leute selbst ihre Gedanken zu den Mecha¬ 
nismen der Welt machen. Aber natürlich sind wir durch¬ 
aus politische Menschen, wenn du so willst. Ich meine, 
wer sich zur D.I.Y.-Szene zugehörig fühlt, sollte einfach 
an gewisse gemeinsame Werte glauben, da gibt es defini¬ 
tiv einen Grundkonsens. Das mag vielleicht elitär wirken, 
klar. Aber das „Bekenntnis“ zu diesen Werten ist ja freiwil¬ 
lig und keine Bürde. Jede Szene vertritt eben ihre eigenen 
Wahrheiten. Zudem würden wir uns, einmal von den ele¬ 
mentaren Fragen abgesehen, kaum einigen können, politi¬ 
sche Statements abzugeben, mit denen wir alle ausnahms¬ 
los einverstanden sind - über viele Dinge könnten wir uns 
in der Band herrlich streiten. Und ich denke auch, dass 
unsere „Hörerschaft“ politische Angelegenheiten recht 
unterschiedlich bewertet, aber eben in den fundamenta¬ 
len Dingen mit uns übereinstimmt. „Politik“ und „Gesell¬ 
schaftskritik“ wirken entweder zu mächtig oder zu hohl. 
Von daher wollen wir da gar nicht groß herumpredigen, 
sondern gehen tatsächlich, wie du oben geschrieben hast, 
auf die persönliche Ebene. Wir erzählen also in erster Linie 
Storys, wie das so ist, als Male White Middleclass Post-/ 
Punk-Kid in diesen Zeiten in diesem Teil der Erde aufzu¬ 
wachsen. 

Inhaltlich wurde sich ja auch mit der „Szene“ auseinan¬ 
dergesetzt. Wie sieht denn generell gerade euer Interesse 
an Hardcore und Punk aus? 

Sebastian: Eigentlich ist Jonas der Einzige von uns, der 
noch überwiegend Hardcore hört. Schuld an diesem 
Umstand ist wohl die Tatsache, dass wir anderen mittler¬ 
weile Methusalem-ähnliche Altersstufen erreicht haben. 
Aber weißt du was? Ich glaube, dass ein geiles Riff oder 
eine nette Melodie sich an beinahe jeden Musikstil anpas¬ 
sen lässt, ohne an Geil- oder Schönheit zu verlieren. Und 
da kann es nur von Vorteil sein, dass bei uns verschiedene 
Geschmäcker aufeinander treffen. Musik hat so viel mehr 
zu bieten als nur D-Beat und Beatdowns! 

Abschließend noch die Frage, wie für MNMNTS das gute 
Leben aussieht? 

Andre: Irgendwie gibt es ja mehrere gute Leben im Leben. 
Bezogen auf die Band ist das natürlich die Zeit auf Tour: 
Der Alltag wird komplett ausgeklinkt, alle sind nett zuei¬ 
nander, geben sich Mühe und man kann jeden Abend das 
machen, was man liebt. Klingt pathetisch, ist aber so. Aber 
es gibt genauso ein gutes Leben beim Arbeiten, in der 
Familie, mit seinen Freunden. Und eine Sache, die dabei 
in allen „guten Leben“ eine wichtige Rolle spielt, ist Kaf¬ 
fee. Vielleicht ist das die Antwort auf deine Frage: Kaffee! 
Matin Nawabi myspace.com/ wearemonuments 


OX-FANZINE 60 











Eine Band existiert nicht nur kurz vor dem neuestem Release oder einer anstehenden Tour, taucht je¬ 
doch zumeist nur dann in Magazinen auf. Eigentlich traurig, denn zu erzählen gibt es immer etwas. 
Rory, der äußerst sympathische Frontmann von ACHILLES und SOUL CONTROL nahm sich die Zeit, 
um fünf Jahre nach deren letzten ACHILLES-Release etwas rückblickend und doch hochaktuell über 
die Band aus Rochester, NY, USA zu reden. 


Rory, ACHILLES gibt es seit 2004, bislang gab es zwei 
EPs , zwei Split-Releases und zwei Alben. Euer letztes 
Album „Hospice“ hat bald fünf Jahre auf dem Buckel. 
In der Zwischenzeit wurden eure Platten jedoch nicht 
vergessen, sondern größer, mächtiger und oft in einem 
Atemzug mit Bands wie BOTCH genannt und so hat 
insbesondere „Hospice“ auch den Status eines Klassi¬ 
kers erreicht. Wie siehst du das Ganze heute, speziell in 
Bezug auf den Entstehungsprozess und die textlichen 
Inhalte von „Hospice“? Was bedeutet dir dieses Album 
und diese Band? 

Als Erstes möchte ich mich dafür bedanken, dass du 
unsere Sachen so beschreibst und auch das Wort „Klassi¬ 
ker“ fällt, denn wir selbst würden unsere eigenen Sachen 
nie so sehen. Nun, wenn ich an den Entstehungsprozess 
von „Hospice“ zurückdenke, dann muss ich lächeln. Wir 
haben damals nicht daran gedacht, ein Album zu machen. 
Wir haben einfach geprobt, Songs geschrieben. Wir fingen 
immer damit an, ältere Songs zu spielen und dann über¬ 
zugehen in eine Art Jam-Modus. Irgendwann winden dar¬ 
aus Songs und daraus wurde „Hospice“, die für mich bis 
heute die natürlichste aller Platten ist, die ich je mit einer 
Band schrieb oder aufnahm. Ich denke, ein Grund dafür, 
warum dieses Album so einfach entstand, ist die Tatsa¬ 
che, dass wir nie irgendwelchen Druck an uns heranlie¬ 
ßen. Wir sind Freunde und musikalisch in alle Richtun¬ 
gen offen und wir lachen hinterher auch schon mal über 
die eine oder andere Idee. Aber dieses Album beschreibt 
uns als Band. Es entstand in einer Phase unseres Lebens, an 
der keiner von uns jemals etwas ändern wollen würde. Es 
war so viel los und ausgerechnet diese Platte entstand auf 
problemlose und natürliche Art und Weise. Sie ist Ausdruck 
unser Freundschaft und der Möglichkeit, einfach offen und 
kreativ und ohne Grenzen zu arbeiten. Für uns ist es genau 


die Platte, die wir machen mussten und konnten. Sie fühlt 
sich nach uns an, nach Spaß, sie fühlt sich stark an, weil wir 
einfach eine enge Beziehung zu uns hatten, die bis heute 
andauert. Was die Texte betrifft, bin ich auch heute noch 
absolut zufrieden mit „Hospice“. Denn auch die Texte 
flössen gerade so aus mir heraus. Ich weiß nicht, ob ich 
mich heute noch so fühle wie damals, aber ich bereue kein 
einziges Wort auf dem Album. Ich schätze die Texte auch 
angesichts einer Veränderung, in einem anderen Blickwin¬ 
kel, der sich im Laufe der Zeit automatisch einstellt. 

Wie du bereits sagtest, ist „Hospice“ mehr ein Album 
von Freunden unter dem Deckmantel einer Band. Sind 
ACHILLIES auch heute noch menschlich so tief mit¬ 
einander verbunden? In euren Leben hat sich doch 
bestimmt musikalisch wie auch allgemein eine Menge 
verändert. Ist die Band immer noch ein wichtiger 
Lebensinhalt von euch, auch in Bezug auf die geschäftli¬ 
che Seite wie Merchandise, Shows ...? 

Ja, ACHILLES sind immer noch so! Obwohl wir etwas mehr 
planen müssen, um eine Bandprobe oder eine Show auf 
die Beine stellen zu können. Es ist also mehr Organisati¬ 
onsarbeit außerhalb des Proberaums. Das Musikmachen 
ist immer noch auf der gleichen Ebene. Gerade, weil wir 
als Band und als Menschen gewachsen sind. Der einzigen 
Druck, den wir spüren, ist die Tatsache, dass wir nicht so 
viel tun können, wie wir eigendich wollen, etwa wenn es 
um das Spielen von Shows geht. Aber dann machen wir 
halt einen Schritt zurück und entspannen uns. Die Band¬ 
proben sind für uns wie eine Runde Kartenspielen mit 
Freunden: eine Aktivität, die uns zusammenbringt. Wir 
hängen ab und machen Musik. Die Band ist eine Konstante 
in unserem Leben, die sich sehr gut anfühlt und immer 
noch so frisch und aufregend ist, weil sie auch eine Art 
Auszeit vom Alltag ist. Wir existieren auf einer ganz ande¬ 


ren Ebene als die meisten anderen Bands. Zum Beispiel 
Dinge wie Merchandise waren noch nie Problem. Rob ist 
Künstler und kümmert sich um so ziemlich alles für uns 
in Richtung Design und das klappt so sehr gut. Was Shows 
betrifft, da nehmen wir mit, was geht, aber leider ist das 
nicht sehr viel. 

Wie sieht euer musikalisches und privates Leben neben 
ACHILLES aus? 

Wir arbeiten mit ACHILLES seit einiger Zeit an einer neuen 
EP, was aufgrund unserer anderer Verpflichtungen nicht 
gerade einfach ist. Einen Song spielen wir bereits live. 
Wir sind sehr gespannt auf die neuen Aufnahmen und die 
Richtung, in die es gehen wird. Sonst spielt Chris Gitarre 
bei POLAR BEAR CLUB, was bedeutet, dass er ständig mit 
ihnen aufTour ist und hart für PBC arbeitet. Josh arbeitet an 
der Uni für einen Fachbereich, der sich um Stadtparks und 
den Wiederaufbau von Städten kümmert. Außerdem spielt 
er Disc Golf und geht angeln, wann immer er kann. Rob ist 
Kunstlehrer und hat zwei wundervolle Kinder. Außerdem 
unterrichtet er Sport an der Highschool. Ich singe noch 
bei SOUL CONTROL und arbeite in einem Restaurant und 
liebe Artisan Coffee und Fantasy-Romane. 

Worin liegt für dich der Unterschied zwischen dem Tex¬ 
teschreiben für SOUL CONTROL und ACHILLES? 

Ich schreibe meine Texte nicht für bestimmte Bands. Ich 
versuche, so viel wie möglich zu schreiben, um in einem 
Fluss zu bleiben, und mir so eine Art Katalog anzulegen, 
aus dem ich dann auswählen kann. Wenn es an einen Song 
geht und ich mich für einen Text entscheiden muss, dann 
bestimmt die Gesamtstimmung des Songs, welchen Text 
ich nehme. 

Inwiefern fühlst du dich mit der Hardcore-Szene ver¬ 
bunden oder siehst du das Ganze einfach allgemein als 
„Musik“? 

Ich liebe Hardcore und Punk und ich fühle mich damit 
definitiv verbunden. Es gibt einen Grund, warum ich in 
dieser „Welt“ bin: Die Musik, die wir machen, ist greifbar 
und es ist etwas, womit ich mich in Verbindung bringe, 
von dem ich ein Teil bin. Ich versuche so oft es geht, mir 
neue Bands anzusehen. Es ist aufregend zu sehen, wie 
junge Bands groß werden, in den gleichen Zusammen¬ 
hängen, mit denen auch ich zu tun habe. Ich fühle mich 
mehr mit Hardcore und Punk verbunden, als allgemein mit 
Musik. Ich liebe Musik natürlich über alles, aber Musik an 
sich hat alleine nicht die emotionale Stärke für mich wie 
Hardcore und Punk. 

Kannst du uns einen Einblick in deine lokale und die 
US-Hardcore-Szene geben? 

Die US-Hardcore-Szene ist verwöhnt bis verdorben. Die 
lokale Szene von Rochester, NY ist klein, aber aufregend, 
jedoch auch wechselhaft. Manchmal gibt es haufenweise 
neue Kids, die sich aber ein Jahr später für nichts mehr 
interessieren, außer es ist cooler als Hardcore. Das Ganze 
ist für die meisten nur so lange akzeptabel, bis sie aus der 
Szene herauswachsen. Leider gibt es auf lokaler Ebene zu 
viele unterschiedliche Fraktionen, die eine Stadt und die 
Szene dann auch noch aufspalten. 

Abschließend ein Ausblick auf 2012: ACHILLES, SOUL 
CONTROL und private Pläne? 

ACHILLES werden weiter an der EP arbeiten und hoffent¬ 
lich ein paar Shows mehr spielen. SOUL CONTROL werden 
ein paar US-Shows spielen und hoffentlich Zentralame¬ 
rika und Europa einen Besuch abstatten. Außerdem wür¬ 
den wir sehr gerne in Japan und Australien touren. Privat 
werde ich unermüdlich versuchen, mein Wissen über Kaf¬ 
fee zu erweitern, und mir hoffendich irgendwann ein Haus 
kaufen. Außerdem werde ich wohl eine paar neue musi¬ 
kalische Projekte beginnen. Ich freue mich auf alles, was 
noch kommt. 

Michael Baum achillesband.com 


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OX-FANZINE 61 













THE STORY OF THE POGUES 

JAMES FEARNLEY 

Es ist kurz vor 18 Uhr und ich sitze zu Hause vor meinem Telefon und warte darauf, dass ich mit 
James Fearnley, Gründungsmitglied und Akkordeonspieler der irischen Folk-Punk-Legende THE 
POGUES, verbunden werde. James hat gerade pünktlich zum 30-jährigen Bestehen der POGUES 
das Buch „Here Comes Everybody - The Story Of The Pogues“ veröffentlicht. Ich habe dann einen 
gut aufgelegten James Fearnley in der Leitung, der gerade in seinem Haus in Los Angeles weilt. Es 
ergibt sich ein sehr interessantes Gespräch, in dessen Verlauf wir über seine Vergangenheit, sein 
Buch und die Zukunft sprechen. Und er gewährt mir, soweit das möglich ist, ehrliche Einblicke in das 
Verhältnis der Band zu ihrem charismatischen und vom Alkohol gezeichneten Sänger und Songwri- 
ter Shane McGowan. 


James, ich habe gehört, dass du mal in Deutschland 
gelebt hast. Stimmt das? 

Na ja, „in Deutschland gelebt“ würde ich das nicht nen¬ 
nen. Ein deutscher Freund von mir lebte damals in Mar¬ 
burg. Das war 1977. Ich wollte ihn besuchen, aber es gab 
ein Missverständnis und er war gerade in Spanien, als ich 
ankam. Aber zum Glück war seine Freundin da und so 
hatte ich wenigstens ein Dach über dem Kopf. Einen Tag 
später wollte sie mit einer Freundin nach Berlin fahren. Da 
ich gerade nichts anderes vorhatte, bin ich mitgefahren. 
Ich war dann von Oktober bis Weihnachten in Berlin und 
es war eine sehr aufregende Zeit damals in Deutschland. 
In meiner Erinnerung sind noch die RAF-Hexenjagd, das 
Stammheim-Gefangnis und das Attentat auf Hanns Mar¬ 
tin Schleyer, ja die ganze Baader-Meinhof-Sache damals. 
Es war ein politisch sehr unruhiges und aufregendes Jahr. 
Mit etwa elf Jahren hast du schon angefangen, Klavier 
zu spielen... 

Ja, schon zu Schulzeiten hatte ich Klavierunterricht. Meine 
Eltern wollten das damals so. Und wie sich im Nachhinein 
herausstellen sollte, war es eine gute Wahl. Doch zunächst 
kam alles anders. Als ich 14 war, wurde ich gefragt, ob 
ich nicht in einer Band Bassgitarre spielen wolle. Und ich 
wollte natürlich, hatte aber keine Bassgitarre. Die anderen 
Jungs aus der Band und ich versuchten, in den Sommerfe¬ 
rien Geld für Instrumente zu verdienen, was mir aber nicht 
gelang. Als ich dann Geburtstag hatte, bekam ich von mei¬ 
ner Mutter eine spanische Gitarre geschenkt. Als ich damit 
zur Bandprobe kam, waren die anderen sehr irritiert, haha. 
Später habe ich aber doch noch zur Bassgitarre gefunden. 
Fällt es dir leicht, ein neues Instrument zu erlernen? 

Bei den POGUES habe ich ja bei den Aufnahmen zu unse¬ 
ren Alben schon verschiedene Instrumente gespielt, zum 


Beispiel Cello beim „Turkish song of the damned“ oder 
Klavier bei „Hells ditch“. Ja, es fällt mir relativ leicht, weil 
ich immer genau weiß, wie es sich anhören soll.Technisch 
gesehen spiele ich sicherlich keines der Instrumente per¬ 
fekt, aber es macht mir einfach Spaß, Geräusche zu machen 
und diese dann auf ein Ziel hin auszurichten. 

Welche musikalischen Einflüsse haben dich in deiner 
Jugend geprägt? 

Damals habe ich THE CREAM gehört. Eric Clapton fand ich 
großartig oder Peter Green, ein hervorragender Gitarren¬ 
spieler. David Bowie, ein bisschen LED ZEPPELIN und ein 
kleines bisschen auch DEEP PURPLE. Und natürlich Rory 
Gallagher. Das waren damals meine wichtigsten Einflüsse. 
Hattest du damals schon eine klare Vorstellung davon, 
was du mal machen möchtest? 

Ich wusste schon immer, dass ich mal Musiker werden 
wollte. Es war damals für mich die einzige Möglichkeit, 
von meiner Familie wegzukommen. Und das meine ich 
nicht böse. Ich denke, jeder sucht in dem Alter einen Weg, 
um selbständig zu werden. Meine Eltern hatten eine Firma 
in Manchester, aber ich wollte auf keinen Fall ins Familien¬ 
unternehmen einsteigen und den Rest meines Lebens im 
Büro sitzen. Und so habe ich dann immer mehr zur Musik 
gefunden - und die Musik immer mehr zu mir. 

Dann hast du dich der Band THE NIPS angeschlossen 
und einen Menschen kennen gelernt, der dich bis heute 
immer irgendwie begleitet hat... 

Das war 1980. Da waren die NIPS schon fast am Ende. 
Ich habe durch die Musikzeitschriften damals von 
Shane gehört, da war ständig die Rede von ihm. Shane 
O’Hooligan wurde er seinerzeit überall genannt. Und dann 
habe ich ihn schließlich beim Vorspielen für die NIPS zum 
ersten Mal getroffen. 


Und als es mit den NIPS zu Ende ging, hast du bereits 
mit dem Schreiben angefangen? 

Da habe ich dann wirklich erst mal meine Gitarre gegen 
eine Schreibmaschine getauscht. Aber ich schreibe eigent¬ 
lich schon mein ganzes Leben lang. Nichts Spezielles. Mal 
dies, mal das. Und die Belohnung ist jetzt zum 30-jährigen 
Bandbestehen die Veröffentlichung meines Buches „Here 
Comes Everybody - The Story ofThe Pogues“. 

Bei den NIPS hat auch Jon Moss, der spätere Drummer 
von THE CULTURE CLUB, gespielt, die dann kurze Zeit 
später berühmt wurden. Ich habe gelesen, dass die dich 
auch haben wollten... 

Jon Moss kam mit einem Demotape vom CULTURE CLUB 
in meine Wohnung, wir hörten es uns gemeinsam an. Ich 
war damals offen für fast alles und hätte in nahezu jeder 
Band gespielt. So war ich auch kurz davor, mich Billy Idols 
GENERATION X anzuschließen, und habe kurz bei ALIEN 
SEX FIEND gespielt, und noch bei vielen anderen Bands 
um London herum. Wenn Jon Moss, Boy George oder 
irgendjemand sonst sich damals bei mir gemeldet hät¬ 
ten, dann hätte ich sofort ja gesagt. Ich denke aber auch, 
dass Jon Moss mit dem damaligen Gitarristen von CUL¬ 
TURE CLUB zufrieden sein konnte. Und ein Telefon hatte 
ich damals auch nicht. Auf jeden Fall hat er sich nicht mehr 
gemeldet und so ist nichts daraus geworden. 

Doch dann hast du ja doch noch eine Band gefunden ... 
Am 26. August 1982 kam Jem Finer zu mir und erzählte 
mir, dass Shane noch von unserer gemeinsamen Zeit bei 
den NIPS wusste, dass ich Klavier spiele. Sie suchten aber 
jemanden, der Akkordeon spielt. Ich bekam ein Akkor¬ 
deon und sie gaben mir eine Woche Zeit, um mich vor¬ 
zubereiten. Anfang September habe ich mich dann in Sha- 
nes Wohnung mit den beiden zu den ersten Proben getrof¬ 
fen und es lief ganz ordentlich. Die beiden wollten mich 
auf jeden Fall an Bord haben. Und mit Shanes Kumpel Spi¬ 
der Stacy, mit dem er zusammen THE NEW REPUBLICANS 
gegründet hatte, und unserem damaligen Drummer John 
Hasler, die ich beide zum ersten Mal bei unserer ersten 
Show am 5. Oktober 1982 getroffen habe, waren wir erst 
mal komplett. Ach nein, da war ja noch Cait O’Riordan, 
unsere weibliche Bassspielerin, die ich jetzt fast vergessen 
hätte. Also waren wir auf einmal zu sechst und hatten am 
5. Oktober unseren ersten Auftritt im Pinder of Wakefield. 

Vor einigen Jahren habe ich irgendwo gelesen, dass ihr 
keine neuen Sachen mehr aufhehmen wollt... 

Oh, ich denke das ist keine Frage des Wöllens, sondern 
eher eine Frage der Zeit. So genau weiß ich eigentlich gar 
nicht, warum wir nichts Neues mehr veröffentlicht haben. 
Vielleicht auch, weil die neuen Sachen nicht mehr so gut 
waren wie die alten. Und wir sind immer noch zufrieden 
damit, auf unserer Tour die alten Sachen zu spielen. 

Also besteht die Möglichkeit, dass von den POGUES 
doch noch mal etwas Neues kommt? 

Ich würde niemals nie sagen, was das angeht. Aber aktuell 
... ich weiß es einfach nicht. 

Also frage ich mal ganz direkt: Ist Shane das Problem, 
was euren kreativen Prozess angeht? 

Shane war, ehrlich gesagt, schon immer ein Problem. Aber 
das meine ich nicht böse. Ich bin froh, dass er dabei ist, 
und genieße es, Zeit mit ihm zu verbringen. Seit ich ihn 
kenne, war es aber immer irgendwie problematisch mit 
ihm. Er ist eben ein sehr exzentrischer Typ. 

Letztes und vorletztes Jahr habe ich euch in Deutschland 
live gesehen. Ich hatte immer den Eindruck, dass du und 
die anderen Bandmitglieder häufiger etwas genervt auf 
Shanes extravagantes Verhalten reagiert habt. Täuscht 
der Eindruck? 

Das ist schon richtig und beschreibt genau die Banddy¬ 
namik der letzten 30 Jahre. Deshalb haben wir auch zwi¬ 
schendurch eine Pause gemacht. Aber das macht ande¬ 
rerseits auch den Reiz aus und ist vor allem auch für die 
Zuschauer sehr interessant. Die Zuschauer wollen eben vor 
allem Shane sehen. 

Kann man sagen, dass die POGUES ohne Shane nicht die 
wahren POGUES sind? 

Ja, da stimme ich mit dir überein. Aber andererseits ist 
Shane alleine natürlich auch nicht die POGUES. Shane 
braucht uns und wir brauchen Shane. Wir haben es ja eine 
Zeit lang ohne ihn versucht und es war okay. Aber mehr 
auch nicht. 

Gab es keine Möglichkeit, Shane damals mit seinen Dro¬ 
genproblemen zu helfen? 

Das ist eine wirklich schwierige Frage. Ich denke, er war 
sehr weit davon entfernt, sich helfen zu lassen. Und wir 
waren einfach nicht qualifiziert genug, um ihm Hilfe 
anbieten zu können. Die beste Hilfe, die wir ihm damals 
geben konnten, war wohl ihn gehen zu lassen. 

Und wie sieht es heutzutage hinsichtlich Drogen bei 
ihm aus? 

Ganz genau kann ich dir das im Moment gar nicht sagen. 
Ich weiß es einfach nicht. Was den Alkohol angeht, denke 
ich, dass es besser geworden ist. Manchmal ist er betrunken 
und manchmal nicht. Meistens aber nicht mehr, obwohl 
es so aussieht. Aber Shane ist eben ein ganz besonderer 
Typ mit all seinen Schwächen. Ich habe in meinem gan- 


OX-FANZENE 62 














zen Leben keinen Menschen wie ihn getroffen und genieße 
trotz aller Probleme immer die Zeit mit ihm auf Tour. 

Dein Buch „Here Comes Everybody - The Story OfThe 
Pogues“ wurde gerade veröffentlicht. Warum sollte es 
jemand lesen, der sich für die POGUES interessiert? 

Ich hoffe ja, dass das Buch nicht nur Menschen anspricht, 
die sich für die POGUES interessieren. Aber das werden wir 
noch sehen. Wenn ich ein Fan wäre, würde mich das Buch 
vor allem deshalb interessieren, weil es von einem Mitglied 
der Band geschrieben wurde. Es wurden ja bereits einige 
Bücher über uns von Leuten außerhalb der Band geschrie¬ 
ben. Das Buch behandelt die Zeit zwischen meinem ers¬ 
ten Treffen mit Shane 1980 bei einer Probe seiner dama¬ 
ligen Band THE NIPPLE ERECTORS und dem Punkt, an 
dem wir unseren Sänger entlassen mussten. Das war 1991. 
Das erste Kapitel beschreibt den Tag, an dem wir als Band 
zusammengekommen sind, um uns zu beraten, was wir 
mit Shane machen sollen, als er total außer Kontrolle gera¬ 
ten ist. Wir haben ihn in den Raum bestellt, in dem wir uns 
alle versammelt haben, um ihm mitzuteilen, dass wir ihn 
rausschmeißen werden. Und er hat sich einfach nur hinge¬ 
setzt und gefragt: „Wie habt ihr das so lange ausgehalten?“ 
Auf dem Frontcover des Buches ist Shane im Vorder¬ 
grund zu sehen und der Rest von euch im Hintergrund 
mit dem Rücken zu ihm gewandt. Was kannst du mir zu 
diesem charakteristischen Bild sagen? 

Und das ist noch gar nicht alles, was das Bild ausdrückt. 
Da hast du noch etwas übersehen. Shane war ein absolu¬ 
ter Chaot, wie einige andere von uns übrigens auch. Doch 
Shane war der König der Chaoten. Er hatte aber auch noch 
eine andere Seite. An dem Nachmittag, als das Foto von 


Shane entstanden ist, das war im Frühjahr 1985 in Ber¬ 
lin, da war er einfach nur unterwegs und hat ein paar Blu¬ 
men gepflückt, die er dem Fotografen zeigen wollte. Völ¬ 
lig harmlos. Diese Blumen sieht man auch auf dem Foto. 
Er hatte eben auch eine ganz andere Seite, die einfach nur 
harmlos und fast schon kindlich war. Das wollte der Foto¬ 
graf mit diesem Bild auch dokumentieren. 

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus, mit den 
POGUES und persönlich? 

Mit den POGUES möchte ich gerne weiterhin auf Tour 
gehen. Ich genieße ihre Gesellschaft. Sie waren schon 
immer so etwas wie meine zweite Familie. Und jetzt, 
nachdem meine Eltern gestorben sind, da sind sie sogar so 
etwas wie meine erste Familie geworden. Ich werde wei¬ 
terhin schreiben. Aktuell arbeite ich gerade an einem zwei¬ 
ten Buch, einer fiktiven Geschichte. Ich habe hier in Los 
Angeles eine Band, CRANKY GEORGE, zusammen mit Der- 
mot Mulroney, seinem Bruder Kieran und dem Plattenpro¬ 
duzenten Brad Wood am Bass, sowie dem Percussionisten 
Sebastian Sheehan Visconti. Wir befinden uns gerade etwa 
in der Mitte der Produktion unseres ersten Albums. 

Vor Kurzem ist mit Barney McKenna das letzte Grün¬ 
dungsmitglied der legendären DUBLINERS gestor¬ 
ben. Kanntet ihr euch gut? Kannst du mir was über ihn 
erzählen? 

Ich mochte alle DUBLINERS, die ich getroffen habe, sehr. 
Leider habe ich Luke Kelly und daran Bourke nicht kennen 
gelernt. Und wir alle waren sehr angetan von Ronnie Drew. 
Sein Tod war ein großer Verlust für uns alle. Barney war ein 
sehr hebenswerter Mensch - exzentrisch, vergesslich und 


oft wirkte er sogar geistesabwesend. Es war sehr traurig zu 
sehen, wie sehr er gealtert ist seit unserer ersten Zusam¬ 
menarbeit 1987, viel mehr als es bei Ronnie Drew oder 
John Sheehan der Fall war. Ich kann dir nicht die Story von 
Barney erzählen, aber soweit ich weiß, mochte er uns auch 
sehr gerne. Er konnte sich nie einen Namen merken und 
musste ständig von hier nach da geführt werden, weil er 
sich immer so leicht ablenken ließ. Irgendwann dann habe 
ich mich gefragt, wie er es immer noch schafft, Banjo zu 
spielen. Doch wenn er seinen Arsch auf einen Stuhl gehievt 
und sein Banjo in die Hand genommen hatte, dann war 
er auf einmal wieder so geschickt und fingerfertig wie eh 
und je, dann hat er das Banjo unter seinen Fingern zum 
Leben erweckt. 


Philip Jonke pogues.com 




THE BONES sind eine der Bands, die die Coolness mit Löffeln gefressen haben. Da wird nicht lange 
geschnackt und das neue Album „Monkeys With Guns“ nicht zerredet mit endlosen Ergüssen über 
Inspiration, Motivation oder Einstellung. Stattdessen gibt es straighten Kick-Ass Punk’n’Roll, ohne 
Rücksicht auf Verluste. Diesem Motto blieb auch Sänger Beef Bonanza beim Interview treu, auf tiefe 
Einblicke in seine Seele konnte man lange warten. Aber ist ja eigentlich auch überflüssig, Hauptsa¬ 
che die Musik lädt wieder zu wilden Rock’n’Roll-Nächten ein. Und bei wem dann vielleicht doch noch 
die eine oder andere Frage offengeblieben ist, dem kann ich von Beef nur ausrichten: „We’re THE 
BONES, man - we don’t fucking care!“ 


Was hat es mit dem Namen des neuen Albums auf sich? 

Der Titel „Monkeys With Guns“ ist eine alte Redewendung. 
Es bleibt jedem selbst überlassen, darüber nachzudenken, 
was es bedeuten könnte. Was würde passieren, wenn du 
einem Affen eine Knarre geben würdest? Das kann man nie 
wissen. Das Gleiche kann man auch auf THE BONES über¬ 
tragen: Was würde passieren, wenn du den BONES eine 
Gitarre in die Hand drücken würdest? Die Leute sollen 
darüber nachdenken: Was kann das bedeuten? Was könnte 
passieren? Etwas Unerwartetes? Würde der Affe verstehen, 
wie man eine Knarre benutzt? Würden THE BONES verste¬ 
hen, wie man eine Gitarre benutzt? Und wenn wir dann 
hören, was die Leute denken, was es bedeutet, dann ist das 
total großartig, denn da gibt es viele Missverständnisse, 
viele dumme Ideen - ich hebe es! Es ist toll zu hören, was 
die Leute darüber denken. Wir wissen die Antwort, aber 
wir werden sie niemandem verraten. Vielleicht haben wir 
einen etwas komischen Sinn für Humor, haha. 

Das Artwork versinnbildlicht ja ziemlich gut eure Atti¬ 
tüde ... 

Ja, man kann versuchen, uns einzusperren, aber man kann 
uns einfach nicht stoppen! Man kann unsere Hände hinter 
unserem Rücken fesseln, aber wir werden immer noch den 
Mittelfinger zeigen. Wir machen, was wir wollen, mittler¬ 
weile ist das schon Album Nummer 5 und es war noch kei¬ 
ner in der Lage, uns aufzuhalten. 

Eure Musik klingt ja auch immer so, als ob ihr der Welt 
den Mittelfinger zeigt und feiert, egal wie schlecht 


gerade alles ist. Woher kommt diese Energie und diese 
Art von Enthusiasmus? 

Ich denke, das kommt vom Leben an sich. Zu viele Bands 
versuchen, das Leben schwieriger zu machen, als es eigent¬ 
lich ist - zu viele Leute tun das überall auf der Welt. Wir 
wollen einfach sagen: „Das ist die Musik, die wir machen 
- mögt es oder lasst es.“ Soweit mögen es die Leute, haha. 
Das Leben kann hart sein, aber was einen nicht umbringt, 
macht einen stärker. Das ist eine alte Redensart, aber mach 
das Beste daraus und zieh dich nicht selbst runter, nur weil 
deine Lage gerade nicht perfekt ist. Wenn ich jemanden 
zitieren müsste, wäre es wohl Monty Python: „Always look 
on the bright side of life“, haha. Dem stimme ich voll zu. 
In was für Situationen schreibt ihr solche Lyrics wie zu 
den Songs „Cemetery Sue“ oder „Wendy“? Das sind ja 
nicht gerade alltägliche Themen ... 

Doch, eigentlich schon, haha. Bei solchen Songs werden 
wir von allen möglichen Sachen beeinflusst: von Filmen, 
von Überschriften in Zeitschriften oder so. Wir nehmen 
unsere Musik natürlich schon ernst, aber wir sind gerne 
ein bisschen ironisch. Es macht Spaß, Menschen zu verwir¬ 
ren. Sie fragen sich: „Was meinen die damit?“ Manchmal 
haben unsere Texte eine bestimmte Bedeutung, manchmal 
ist uns das scheißegal und wir denken einfach nur, es ist 
lustig. Das ist bestimmt wieder dieser verrückte BONES- 
Humor. Und „Wendy“ bezieht sich auf Wendy O. Williams 
von den PLASMATICS. 

Auf eurem neuen Album ist ein Song mit dem Titel 


„Burnout boulevard“, der also so heißt wie euer letztes 
Album. Das ist ja schon ein bisschen irritierend. 

Das irritiert dich? Gut! Deswegen haben wir den Song 
gemacht, haha. Nein, unser erstes Album heißt ja „Scre- 
wed, Blewed And Tattooed“ und auf dem zweiten Album, 
„BiggerThan Jesus“, hatten wir einen Song, der „Screwed, 
blued and tattooed“ hieß. Auf „Burnout Boulevard“ hat¬ 
ten wir den Song „Straight flush ghetto“, was der Titel von 
Album Nummer drei war. Also machte es Sinn für uns, auf 
diesem Album einen Song namens „Burnout boulevard“ 
zu haben. Das ist so unser Konzept, wir machen das nur, 
um die Leute anzupissen, haha. 

Hattet oder habt ihr Pläne, aktiver in Amerika zu wer¬ 
den? 

Ähm, na ja ... Ja, das könnten wir schon machen. Vor ein 
paar Jahren waren wir sechs Wochen lang auf Tour in den 
Staaten. Natürlich könnten wir das wieder machen, aber 
da dreht sich alles um die Logistik. Man braucht viel Zeit, 
um zu reisen, wir haben das ganze Gepäck und am Ende 
müssen wir dabei ja etwas verdienen. „Pay to play“ macht 
überhaupt keinen Sinn, die Zeiten sind vorbei. Wir kön¬ 
nen hier nicht einfach abhauen und das machen, nur weil 
wir gerade Bock darauf haben. Wir brauchen dafür einen 
guten Grund. Es ist wirklich toll, in den USA auf Tour zu 
sein, aber gleichzeitig müssen wir die Angst haben, dass 
wir nach Hause kommen und nicht genug Geld haben, um 
unsere Familien zu versorgen. Also werden wir da nicht 
noch einmal sechs Wochen lang touren, aber vielleicht ein 
paar Tage lang an der Ost- oder Westküste, mehr nicht. Das 
kommt auf die Angebote an. Ich meine, das hier ist die 
Realität. Wenn man ein Kid ist, träumt man davon, ständig 
auf Tour zu sein. Natürlich ist das cool, aber irgendwann 
merkt man, dass man eben auch überleben muss. 

Ist die Band für euch also eher ein Hobby oder seht ihr 
sie als euren Beruf an? 

Nein, wir haben ja auch noch richtige Jobs. Ich meine, die 
Band ist kein Fulltimejob, aber immer noch ein Job. Gleich¬ 
zeitig ist es auch nicht richtig, das als Job betrachten, denn 
„einen Job zu haben“ hört sich nicht besonders toll an. Es 
ist einfach ein Teil von uns, ein Teil von dem, was wir sind 
und wie wir aufgewachsen sind. Ich wüsste nicht, was ich 
ohne die Musik machen würde. Natürlich würde ich zu 
Hause bei meiner Familie sein und arbeiten oder so, aber 
die Musik ist ein Ventil, um Aggressionen und Frustration 
rauszulassen. Ich mache das jetzt schon seit so vielen Jah¬ 
ren, ich könnte damit nicht aufhören. 

Ist es schwierig, in so einer kurzlebigen Zeit eine feste 
Fanbase aufzubauen und sich selbst treu zu bleiben? 

Die ganze Gesellschaft ist so gestresst und das Musik¬ 
business ist heutzutage nicht besonders zuverlässig, man 
weiß nicht, was in einem oder zwei Jahren passieren wird. 
Manchmal weiß man nicht einmal, was in einem Monat 
passiert, „here today, gone tomorrow“.Wir sind jetzt schon 
eine Weile dabei und haben ein paar Alben veröffentlicht. 
Unsere Fanbase ist die ganze Zeit gewachsen und nach 
der Veröffentlichung des neuen Albums und den ersten 
Reviews, die wir so gelesen haben, wächst sie immer noch. 
Wir machen immer noch, was wir wollen, und bleiben uns 
treu. Das ist, was wir machen wollen, das ist, wie wir klin¬ 
gen, das ist, wie wir Songs oder ein Album machen, das ist 
einfach THE BONES. Wenn uns die Leute deswegen stressen 
wollen, ist das ihr Problem und nicht unseres. 

Christina Wenig bonesrocknroll.com 


OX-FANZINE 63 



















31 JAHRE GARAGE-PUNK 

THE NOMADS 

Manches wird mit den Jahren einfach immer besser. So auch die 1981 gegründeten schwedischen 
Garage-Rock-Urgesteine THE NOMADS. Vor kurzem überraschten sie ihre Fangemeinde mit dem 
großartigen neuen Album „Solna“ - und das elf Jahre nach dem letzten regulären Studioalbum „Up 
Tight“. Es war ruhig geworden um die Stockholmer in der letzten Zeit und abgesehen von den Ver¬ 
öffentlichungen „Showdown 2 - The 90’s“ (2002) und „Nomadic Dementia“ (2006) hörte man kaum 
etwas von der Band, die oft als Ursprung und Vorlage für THE HIVES, HELLACOPTERS und GLUE- 
CIFER genannt wird. Ich traf mich mit Sänger Niklas „Nix“ Vahlberg in Stockholm und unterhielt 
mich mit ihm über Vergangenheit und Gegenwart einer der wichtigsten Garage-Punk-Bands un¬ 
serer Tage. 


Seit dem letzten Interview mit den NOMADS in Ox #36 
sind 13 Jahre vergangen. Was hat sich getan bei euch seit 
den späten Neunzigern und warum hat man so lange 
nichts mehr von euch gehört? 

Das war eine recht aktive Phase damals. Um das Jahr 1999 
herum erlebten die NOMADS eine Art Revival. Zu dieser 
Zeit waren Bands wie THE HELLACOPTERS sehr popu¬ 
lär und davon profitierten wir eindeutig, sie nannten uns 
oft in Interviews als einen wichtigen Einfluss. Das war 
mit Sicherheit einer der Gründe, warum es damals plötz¬ 
lich ein sehr wiedererwachtes starkes Interesse an den 
NOMADS gab. Wir haben wirklich eine lange Reise hinter 
uns, und im Laufe der letzten drei Jahrzehnte erlebten wir 
mehrere Karrierehöhepunkte und mindestens ebenso viele 
Tiefpunkte. Mitte der Achtziger, Mitte der Neunziger und 
Ende der Neunziger — das waren definitiv die drei Glanz¬ 
zeiten der NOMADS. Wir waren damals sehr zufrieden mit 
unseren zwei White-Jazz-Alben „Big Sound 2000“ und 
„Up Tight“. 2001 gingen wir auf Tour und ich erinnere 
mich heute insbesondere gerne an die damalige Deutsch¬ 
landtour zurück. Nach mehreren Jahren des totalen Desin¬ 
teresses strömten plötzlich wieder Fans zu unseren Kon¬ 
zerten in Deutschland. Das war nicht immer so gewesen: 
1996 spielten wir ein Konzert in Lübeck. An jenem Abend 
kam kein einziger Konzertbesucher zu unserem Gig. Ein 
Fiasko, haha. 2001 lief es, wie gesagt, wirklich sehr gut für 
die NOMADS, aber wir entschieden uns nach der Tour den¬ 
noch, in Sachen Rock’n’Roll zukünftig ein wenig kürzer zu 
treten. Meine Frau und ich bekamen damals ein Kind und 
auch die anderen in der Band hatten plötzlich ^neue Prio¬ 
ritäten im Leben. Die NOMADS wurden mehr und mehr 
ein Hobby-Projekt. 

Hat sich deiner Meinung nach über die Jahre etwas am 
klassischen Sound der NOMADS geändert? 

Etwas, das sich ungefähr zeitgleich mit „Up Tight“ abzu¬ 
zeichnen begann, war die Entwicklung von Chips und 
Björnes Songwriting mehr und mehr in Richtung Power¬ 
pop. Der Sound der NOMADS entfernte sich damals ein 
wenig von klassischem Garage-Rock und Punk und wurde 
mehr zu einem Gemisch aus Powerpop und Garage-Punk. 
Powerpop haben wir im Endeffekt schon immer gemocht. 
Bands wie FLAMIN’ GROOVIES.THE PLIMSOULS und BIG 
STAR haben uns von Anfang an beeinflusst, nur gehört 


hat man das früher nicht so deutlich. Erst mit „Up Tight“ 
begann sich unsere Vorliebe für Powerpop herauszukristal¬ 
lisieren, und auf unserem neuen Album „Solna“ hört man 
das natürlich noch stärker. Gute Pop-Melodien, Refrains, 
Chöre und Backing Vocals, all das ist uns heute mit Sicher¬ 
heit wichtiger als damals in den Achtzigern. Zum Teil ist 
das also eine natürliche Entwicklung. Gleichzeitig haben 
wir aber auch auf „Solna“ die wesenüichen Elemente des 
typischen NOMADS-Sounds beibehalten. „Hangman’s 
walk“ zum Beispiel ist ein klassischer Garage-Rock- 
NOMADS-Song. 

Ein wenig überraschend ist ja eure Zusammenarbeit mit 
Universal Music in Schweden. Wie kam der Kontakt mit 
dem Majorlabel zustande? 

Viele Leute wunderten sich, wie eine Band, die eigent¬ 
lich nie besonders kommerziell erfolgreich war und von 
der man darüber hinaus mehr als zehn Jahre nichts gehört 
hat, plötzlich auf dem größten Plattenlabel der Welt lan¬ 
den kann. Die Menschen, mit denen wir bei Universal in 
Schweden zu tun haben, sind richtige Musik-Nerds und 
ich habe nur gute Dinge über unsere Zusammenarbeit zu 
berichten. Sie mochten unsere neue Platte ganz einfach 
und wollten sie herausbringen, das ist alles. 

In Ox #36 sprachst du darüber, dass sich die NOMADS 
Anfang der Achtziger als eine Art Reaktion auf die Trans¬ 
formation sahen, die Punk zu dieser Zeit durchmachte. 
Punk entwickelte sich damals in andere musikalische 
Stilrichtungen wie Hardcore, Oi! oder Post-Punk weiter 
- und diese Entwicklungen fandet ihr eher langweilig. 
1980/81, als wir die NOMADS gründeten, waren wir 
nach wie vor besessen vom ursprünglich Punkrock. Wir 
wuchsen ja 1976/77 mit all den klassischen Punkbands 
auf und diese bedeuteten Anfang der Achtziger immer 
noch unglaublich viel für uns. Die erste RAMONES-Platte 
hatte schließlich unser Leben für immer verändert. 1978 
war es ja bereits wieder vorbei mit der ersten Punk-Welle. 
1980/81 begann sich Punkrock in für uns eher merkwür¬ 
dige Richtungen weiterzuentwickeln. Englischer Oi! und 
Hardcore-Punk, das war nicht wirklich unsere Welt. Das 
war uns einfach zu wenig Rock’n’Roll und hatte zu wenig 
Melodie. Als in England zu dieser Zeit Post-Punk mehr 
und mehr mit Goth zu liebäugeln begann, da wussten wir 


direkt, dass das definitiv nicht unser Ding war. Was ameri¬ 
kanischen Hardcore betraf, so fanden wir einige Bands sein- 
gut, die frühen BLACK FLAG zum Beispiel. Trotzdem emp¬ 
fanden wir all das als nicht annähernd so gut wie all die 
großartigen Bands, die es in den Siebzigern gegeben hatte. 
Mit Bands wie THE GUN CLUB und THE CRAMPS fühlten 
wir uns allerdings sehr im Geiste verbunden. THE CRAMPS 
beriefen sich auf 50s-Rockabilly und THE GUN CLUB hat¬ 
ten alte Blues-Größen wiederentdeckt. Unser Ansatz war 
damals, auf den alten Rockabilly und 60s-Rock’n’Roll 
zurückzugreifen, weil uns ganz einfach keine der damals 
aktuellen Punk-Spielarten gefiel. Garage-Bands wie THE 
SONICS, die heute fast jeder kennt, waren damals ja völ¬ 
lig unbekannt. 

2008 spielten die NOMADS ein legendäres Konzert mit 
Roky Erickson - ein Erlebnis für euch. 

Das war ein großer Moment in der Geschichte der 
NOMADS. Wir sind alle schon ewig Fans von Roky Erick¬ 
son. Die Veranstalter des Festivals wollten Roky damals 
unbedingt buchen und es war geplant, dass er ein akusti¬ 
sches Set spielen sollte. Sie hatten nämlich kurz zuvor Keven 
McAlesters Dokumentarfilm „You’re Gonna Miss Me“ 
gesehen. Rocky schien seine psychische Erkrankung in den 
Griff bekommen zu haben und begann, wieder akustische 
Konzerte zu geben. Rockys Manager meinte damals aber, 
dass Rocky nach wie vor nicht in der Lage sei, ganz alleine 
aufzutreten, Roky bräuchte eine Backing-Band für das 
Konzert. Dieser besagte Manager war ein großer NOMADS- 
Fan und stellte dann den Kontakt her. Roky selbst wusste 
sicher nicht, wer wir waren — der hatte damals andere 
Dinge im Kopf, haha. Zwei Wochen hatten wir Zeit, um die 
Songs zu proben. Als Roky dann nach Schweden kam, hat¬ 
ten wir genau eine einzige Probe mit ihm vor dem eigent¬ 
lichen Konzert. Ich erinnere mich, dass es extrem heiß war 
an diesem Tag und Roky keine Lust hatte, das ganze Set zu 
durchzuspielen. Also probten wir nur ungefähr die Hälfte 
der Songs, aber wir kannten Rokys Live-Aufnahmen mit 
den EXPLOSIVES und wussten ungefähr, was wir zu erwar¬ 
ten hatten. Wie auch immer, das Konzert war ein voller 
Erfolg. Roky hatte immer noch eine großartige Stimme und 
schien sich auf der Bühne wohlzufühlen. 

Auf „Solna“ findet sich mit „American slang“ auch ein 
Coversong. 

„American slang“ ist ein Song von Jack Oblivian. Jack 
beschrieb diesen Song einmal als eine Art NEW YORK 
DOLLS-Hommage. Ich mochte den Song schon immer. Ich 
habe Jack mehrmals persönlich getroffen, sowohl in Stock¬ 
holm als auch in Memphis. Wir sprachen damals darü¬ 
ber, dass die NOMADS gerne ein Cover einspielen wollten. 
Jack findet unsere Version übrigens so gut, dass er über¬ 
legt, unser neues Song-Arrangement selbst bei Live-Kon- 
zerten zu spielen. 

Wo wir schon bei den NEW YORK DOLLS sind: Du hast 
Johnny Thunders mehrmals persönlich getroffen. In 
den frühen Achtzigern lebte er mit seiner schwedischen 
Freundin in Stockholm. Was für Erinnerungen hast du 
an die Zeit Anfang der Achtziger? 

Wir haben mehrere Male mit Johnny Thunders gespielt 
und ähnlich wie bei Roky ist damit für uns alle ein Traum 
wahr geworden. 1981 oder ’82 habe ich Johnny zum ers¬ 
ten Mal getroffen. Er war damals in tragisch schlechter Ver¬ 
fassung und konnte kaum die Augen öffnen bei einem sei¬ 
ner Auftritte. Ich besuchte danach noch viele seiner Kon¬ 
zerte und die waren manchmal katastrophal, manchmal 
aber auch einfach großartig. Die NOMADS waren mehr¬ 
mals alsVörband bei Johnnys Konzerten dabei. 1989 hatte 
Hans den Song „Beyond the valley of the dolls“ geschrie¬ 
ben. Dieser Song klang ein wenig wie eine Johnny-Thun- 
ders-Nummer. Zu dieser Zeit wohnte Johnny in Hägersten, 
einem Bezirk von Stockholm. Wir riefen ihn an und frag¬ 
ten, ob er nicht Lust hätte, zu uns ins Studio zu kommen 
und ein Gitarrensolo einzuspielen. Unglaublicherweise 
sagte er zu. Das war schon großartig, Johnny Thunders mit 
auf einer NOMADS-Platte zu haben! Leider lebte er danach 
bekanntlich nicht mehr allzu lange. 

Der schwedische Musik-Streaming-Dienst Spotify 
erfreut sich - auch bei Punk-Fans - wachsender Beliebt¬ 
heit, gleichzeitig gibt es viele kritische Stimmen, etwa 
warum Künstler nur so einen äußerst geringen Betrag 
als Vergütung erhalten. Was sagst du als Musik-Fan aber 
auch Urheber dazu? 

Ich befinde mich jetzt in einem Lebensabschnitt, in dem 
ich einfach keine Zeit und Energie habe, ständig in Plat¬ 
tenläden nach neuen Alben zu suchen. Das musikali¬ 
sche Angebot auf Spotify ist immens, das Ganze ist ein¬ 
fach sehr praktisch. Klarer Nachteil ist unter anderem die 
recht bescheidene Tonqualität, aber darüber kann ich hin¬ 
wegsehen. Als Urheber muss ich sagen, dass mit Spotify 
in Schweden vieles besser geworden ist. Vor Spotify kaufte 
nämlich niemand mehr CDs und lud einfach alles illegal 
herunter. Urheber erhalten sehr niedrige Beträge, ja, das 
stimmt. Aber es geht bereits aufwärts und die Beträge wer¬ 
den in der Zukunft steigen. Eine legale Alternative zur ille¬ 
galen Piraterie zu haben ist jedenfalls viel wert. 

Robert Buchmann thenomads.se 


OX-FANZINE 64 









PSYCHED OUT IM OSTEN 

THE SONIC BEAT EXPLOSION 


Im April 2010 sah ich THE SONIC BEAT EXPLOSION als Opener der SEWERGROOVES im Kölner So¬ 
nic Ballroom, wo sie den Hauptact zwar nicht an die Wand spielen konnten, aber durch eine mitrei¬ 
ßende Show voller Spielfreude begeisterten. Danach verlor ich die Band aus den Augen, doch ange¬ 
sichts ihres wirklich guten und stark von THE FLÄMING SIDEBURNS und THE HELLACOPTERS be¬ 
einflussten zweiten Albums „Sister Psychosis“ war es an der Zeit, der Band etwas Aufmerksamkeit 
zukommen zu lassen. 


Martin, stelle die Band kurz vorrWann, wo und von wem 
gegründet? Sind heute noch die gleichen Leute dabei? 

THE SONIC BEAT EXPLOSION sind Zeze an der Gitarre, 
Pete an den Drums, Stötzi am Bass, ich bin verantwortlich 
für Gesang und Gitarre und habe die Band auch im Jahr 
2004 ins Leben gerufen. Bis auf unseren Bassisten sind alle 
von Beginn an dabei. 

Im Vergleich zum ersten Album klingen die neuen Auf¬ 
nahmen wesentlich „internationaler“ - woran liegt’s? 

Na ja, man entwickelt sich halt über die Jahre immer wei¬ 
ter und erweitert auch sein Spektrum. Dadurch dass wir 
aus einem wirklich kleinen Dorf in der tiefsten Zone kom¬ 
men, hatten wir auch nicht so viele Reibungspunkte mit 
anderen Musikeinflüssen. Die erste Zeit liefen bei uns im 
Proberaum wirklich „High Visibility“ und „By The Grace 
Of God“ von den HELLACOPTERS rauf und runter. Das 
erste Album von uns würde ich eher als Selbsterfahrung 
ansehen. Wir sind damals mehr oder weniger ohne Plan zu 
Paul Smith ins Studio gegangen und hatten uns nicht wirk¬ 
lich Gedanken darüber gemacht, was am Ende herauskom¬ 
men soll. Dass am Ende die Scheibe über Cargo Records 
lief, damit hätte keiner von uns gerechnet. 


Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jürgen Hendel¬ 
meier, der ja durchaus einen Namen hat und euch einen 
Topsound gebastelt hat? 

Wir wussten, dass ein gutes Studio alleine nicht ausreicht, 
um eine gute Platte zu machen. Wir selbst haben keine 
Ahnung, an welchem Mischpultregler du drehen musst, 
damit es gut klingt. Daher haben wir immer geschaut, wer 
unsere Lieblingsplatten abgemischt hatte. Die FLÄMING 
SIDEBURNS-Alben und BABY WOODROSEs „Money For 
Soul“ sind einfach top. Und so haben wir Jürgen Hendl¬ 
meier einfach mal angeschrieben und ihn gefragt, ob er 
Bock hätte und was der Spaß kosten würde. Als dann tat¬ 
sächlich seine Zusage kam, waren wir echt ziemlich über¬ 
rascht. Die Zusammenarbeit mit ihm lief super. 

Euer neues Album lässt ja keinerlei Zweifel an euren Vor¬ 
bildern. Musikalisch höre ich mehr als einmal die FLĬ 
MING SIDEBURNS oder die HELLACOPTERS durchblit¬ 
zen, während ihr im Artwork mit dem an SONIC’S REN¬ 
DEZVOUS BAND angelehnten Logo und der Platten¬ 
firma Psycho T Records ja nicht mehr mit dem Zaun¬ 
pfahl, sondern einem Telefonmast winkt. 

Danke! Ich verstehe das für mich als Kompliment. Nein, 


im Ernst, es ist nun einmal die Mucke, mit der wir aufge¬ 
wachsen sind, und das steckt einfach in uns drin. Wir wol¬ 
len das Rad nicht neu erfinden, nur auf unsere Weise inter¬ 
pretieren. 

Als ihr als Opener der SEWERGROOVES angekündigt 
wart, habe ich aufgrund eures Namens eher eine Beat¬ 
oder Powerpop-Band erwartet, war dann aber ange¬ 
nehm überrascht. 

Freut mich. Vor THE SONIC BEAT EXPLOSION hatten wir 
für kurze Zeit den Namen HELTER SKELTER - da hättest du 
wahrscheinlich John Lennon und Charles Manson erwar¬ 
tet, haha. Also nach unserer Umbenennung kamen schon 
ein paar merkwürdige Aussagen. Aber das ist lange her und 
mittlerweile kann sich ja jeder im Internet davon überzeu¬ 
gen, welche Musik sich hinter dem Namen verbirgt. 

Euer erstes Album ist im Ox nicht wirklich schlecht 
besprochen worden, aber eine Übersättigung im Genre 
wurde angemerkt. Hat sich die Situation geändert? Oder 
reichen die Originale? 

Ich finde das immer etwas verwunderlich, denn wenn 
eine Band nach AC/DC oder MOTÖRHEAD klingt, kräht 
kein Hahn danach. Aber sobald du ein paar skandinavi¬ 
sche Töne durchklingen lässt, wird heftig diskutiert. Der¬ 
zeit würde ich aber eher sagen, dass wir schon unseren 
eigenen Stil entwickelt haben oder stetig weiterentwickeln. 
Man wächst von Song zu Song und von Gig zu Gig. Wir 
arbeiten schon an neuem Songmaterial und da klingt der¬ 
zeit nichts nach Skandinavien. 

Wie kommt man als junger Bursche, der durch die 
dunklen Wälder Ostdeutschlands trollt, dazu, High- 
Energy-Rock spielen zu wollen, anstatt sich - Achtung: 
Vorurteil - der Ausländerhatz und miesem Rechtsrock 
zu widmen? 

Das frage ich mich auch manchmal ... Nein, dein Vorurteil 
kann ich zu 100% bestätigen, möchte da aber im Moment 
nicht weiter drauf eingehen, da wir gerade ein laufendes 
Gerichtsverfahren gegen so ein paar Drecksfaschobirnen 
laufen haben. Nur so viel - wir lassen uns nichts gefallen! 
Ihr habt schon einige Konzerte mit bekannteren Bands 
gespielt. Was waren die Highlights und worauf hättet ihr 
rückblickend lieber verzichtet? 

Schwer zu sagen, denn eigentlich finde ich es besser, mit 
einer befreundeten Band einen feuchtfröhlichen Abend 
zu verbringen, als mit Dick Dale dann kein einziges Wort 
zu wechseln. Cool war es in jedem Fall, einmal mit DEAD 
MOON die Bühne geteilt zu haben. 

Guntram Pintgen sonicbeatexplosion.com 



Branded 


Mailorder 


GGt THG UJilDGSt. HiPPGSt. 

loooest bnd uieiRoest 

RECORDS IUS0UN0fl.at.DG 

BONTEMPI, MARCEL - Big fat spider vs. spiderman 7 

BRANDED - Evil gone wrong LP 

DANNY COBB - My isabella 7 

FABS - That's the bag i'm in 7 

FADEAWAYS - Raw, wild & wretched LP 

FELINES -Daddy walk 7 

GUN CLUB - Pastorat hide & seek LP 

HAUNTED -1-2-5 7 

LEFT LANE CRUISER - Pain killers LP/CD 

MARYS KIDS - Say no LP 

PANIC BEATS - Without warning LP 

ROCKY - Flash & crash 7 

SICK ROSE - Month of the rose LP 

SOUNDTRACK OF OUR LIVES - Throw it to the universe LP/CD 

STEVE ADAMYK BAND - Take it back 7 

TY SEGALL BAND - Slaughterhouse DolO/CD 

V/A - Beat from badsville - trash classics from Vol.1 2x10 

V/A - International vicious society Vol.6 LP 

V/A -The Rhythm shack LP 

VINYL STITCHES - All strapped up LP 


ROUICBT RECORDS. 


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THE SKATOONS 

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DEUTSCHSPRACHIGER SKA PUNK 
MUCKE ZUM ABGEH'N: RAFIKI-ROCKS.DE 

2TONE PUNKROCK SUBLIME STYLER 



OX-FANZINE 65 

































TOP-ADRESSE FÜR EUROPÄISCHEN POP-PUNK 

MONSTER ZERO RECORDS 

In den letzten Monaten sind auf dem niederländischen Label Monster Zero mehrere herausragende 
Tonträger im RAMONES-Pop-Punk-Stil von Bands aus diversen europäischen Ländern erschienen. 
Beispielhaft sind Veröffentlichungen der niederländischen THE WINDOWSILL, der belgischen THE 
PRICEDUIFKES, der englischen THE HOTLINES, der französischen MALADROIT oder der italie¬ 
nischen THE MANGES zu nennen. Einer der Macher hinter dem Label, Kevin Aper, ist alles ande¬ 
re als ein Unbekannter: ein Hansdampf in allen Gassen, der mit seiner Band THE APERS schon lan¬ 
ge aktiv in der Pop-Punk-Szene unterwegs ist, viel erlebt hat und noch mehr erzählen kann. Kevin ist 
in den letzten Jahren bereits zweimal im Ox zu Wort gekommen, hier ging es aber zumeist um seine 
Band. Höchste Zeit, dass auch einmal die bisherigen und zukünftigen Aktivitäten von Monster Zero 
genauer beleuchtet werden. 


Monster Zero? Da fallt mir als Erstes der gleichnamige 
Song der QUEERS ein. 

Das ist richtig. Ein toller Song, nach dem wir uns benannt 
haben. 

Wer ist „wir“, wer mischt bei Monster Zero mit? 

Monster Zero ist ein unabhängiges Punkrock-Label, das 
seine Heimat in Lekkerkerk vor den Toren Rotterdams 
gefunden hat. Der Kontakt nach außen wird hauptsächlich 
von Ivo Backbreaker und mir gehalten, wir beide waren 
und sind, einige werden es wissen, mit den APERS aktiv. 
Aber wir allein schaffen natürlich nicht die ganze Arbeit. 
Da gibt es noch zwei bis drei aktive Helfer, die uns im Hin¬ 
tergrund mit technischen und organisatorischen Tätigkei¬ 
ten unterstützen, zum Beispiel mit grafischen Arbeiten. 

Du lebst aber nicht mehr in den Niederlanden, oder? 
Richtig, die Liebe und die Sehnsucht nach den Bergen hat 
mich nach Innsbruck verschlagen. 

Ist das kein Problem für das alltägliche Label-Geschäft? 

Nein, nein, per Computer kann ich viele Tätigkeiten von 
Österreich aus erledigen. Das ist alles kein Problem. Da ich 
auch die Kontaktperson für viele Bands in ganz Europa bin, 
ist es egal, ob ich das von Lekkerkerk oder von Innsbruck 
aus mache. Und ob ich Sachen von den Niederlanden oder 
von Österreich aus mit der Post verschicke, ist auch nicht 
entscheidend. 

Und seit wann seid ihr schon als Monster Zero aktiv? 

Monster Zero gibt es seit 2007. Aber erst 2008 — oder war 
es sogar erst 2009? - gab es den ersten Tonträger bei uns, 
die „Banana Brain“-CD von den MUGWUMPS. Dazu muss 
man wissen, dass wir uns nicht als Label verstehen, das nur 
Platten und CDs rausbringt, wir organisieren zum Beispiel 
auch Partys, Shows und Touren. Ganz wichtig ist dabei 
natürlich der sogenannte „Monster Zero Mash“, ein Festi¬ 
val, auf dem vorrangig die Bands von unserem Label auf¬ 


treten. Bis jetzt gab es den Monster Zero Mash fünfmal seit 
2007, die ersten vier fanden in Rotterdam statt, der letzte 
in Innsbruck. 

Monster Zero ist ja nicht das erste Label, bei dem du 
aktiv bist. Du konntest ja bereits Erfahrungen bei 
Stardumb Records sammeln. 

Richtig, bei Stardumb habe ich 1999 angefangen, vor eini¬ 
gen Jahren habe ich mich aber bei diesem Label zurückge¬ 
zogen, das Label wird heute nur noch von Stefan geführt. 
Das Label ist heute auch längst nicht mehr so aktiv wie frü¬ 
her. Stefan bringt heute nur noch etwa zwei bis vier Sachen 
pro Jahr raus. Zur Zeit arbeitet er an einem Kunstbuch von 
Kepi Ghoulie, übrigens ein super Typ. 

Und was hast du während deiner Stardumb-Zeiten für 
deine Aktivitäten bei Monster Zero so gelernt? 

Vor allem habe ich gelernt, dass man nicht zu enthusias¬ 
tisch sein darf. Wir haben früher Aufnahmen von Bands 
bekommen, die wir total super fanden, und haben dann 
gleich 1.000 CDs und 500 LPs pressen lassen. Und hin¬ 
terher hatten wir Schwierigkeiten, die Alben zu verkaufen. 
Und wie geht ihr heute bei Monster Zero mit diesem 
Problem um? 

Ich denke, dass wir dort eine gute Lösung gefunden haben. 
Wir sehen uns in erster Linie als Partner der Bands. Wir 
wollen die Bands darin unterstützen, gute Konzerte zu 
spielen, tolle Touren hinzulegen und ihre Platten erfolg¬ 
reich zu verkaufen. Wir haben gute Erfahrungen damit 
gemacht, dass wir Auflage und Kosten zwischen Band 
und Label teilen. Wenn wir von einem Album beispiels¬ 
weise 1.000 CDs pressen lassen, dann gehen davon 500 
Stück an die Band und 500 Stück bleiben bei uns. Das hat 
den Vorteil, dass das Risiko bei beiden Parteien hegt. Die 
Band kann sich dann nicht einfach bequem im Proberaum 
zurücklehnen, sondern hat auch ein Interesse daran, dass 


sich das Album erfolgreich verkauft. Und wenn das dann 
gut läuft, ist das auch für beide Seiten vorteilhaft. 

Wie ist das Verhältnis zwischen Stardumb und Monster 
Zero? Seht ihr euch als Konkurrenten? 

Ich sehe kein Label als Konkurrenz an, mit einigen haben 
wir auch schon zusammengearbeitet. Das neue Album von 
THE WINDOWSILL ist beispielsweise bei uns als CD und 
bei Stardumb als LP rausgekommen. 

Aber was ist, wenn man eine Band aufbaut und die 
Band dann zu einem anderen Label wechselt und dort 
„abräumt“. Bist du dann nicht enttäuscht? 

Nein, wirklich nicht. Wenn die Band zum Beispiel zu 
einem größeren Label wechselt, das sie noch besser pro- 
moten kann, ist das für mich absolut in Ordnung. Das 
gönne ich der Band dann auch. Ich hoffe natürlich, dass 
der Kontakt nicht abreißt und auch unser Einsatz für sie 
gewürdigt wird, mehr erwarte ich aber nicht. Der Band 
wünsche ich dann auf alle Fälle viel Glück und viel Erfolg. 

Gibt es etwas, das Monster Zero ganz besonders macht? 

Uns geht es nicht nur darum, Platten zu veröffentlichen. 
Uns ist es zum Beispiel ganz wichtig, dass wir die Bands 
von unserem Label live zusammenbringen. Es gibt so etwas 
wie ein Monster-Zero-Familiengefühl, auch wenn sich das 
jetzt bestimmt total hippiemäßig anhört. Für ein klei¬ 
nes Label ist es heute lebenswichtig, über entsprechende 
Kontakte zu verfügen. Wir haben es in den letzten Jah¬ 
ren geschafft, die Kontakte und Freundschaften zwischen 
unseren Bands zu intensivieren. Davon profitieren letzt¬ 
lich alle. Wenn wir eine italienische Band haben, die in 
Frankreich spielen will, dann kann MALADROIT weiter¬ 
helfen. Und die Jungs von MALADROIT können sich dann 
im Gegenzug sicher sein, dass ihnen von unseren italie¬ 
nischen Bands geholfen wird, wenn sie mal durch Italien 
touren wollen. Die können dann ganz schnell die entspre¬ 
chenden Kontakte hersteilen. Als wir etwa mit den APERS 
in England unterwegs waren, hat uns Ben von den HOT¬ 
LINES als zweiter Gitarrist verstärkt. 

Und wie rekrutiert ihr jetzt die Bands für euer Label? Ist 
euer Hintergrund mit den APERS ein Türöffner? 

Die APERS und Monster Zero sind natürlich eng miteinan¬ 
der verbunden, das ist nicht zu leugnen. Einen Großteil der 
Bands, die wir aktuell rausbringen, kennen wir schon sehr 
lange und sind auch schon zusammen mit ihnen getourt. 
Die APERS waren da sicher schon sehr hilfreich. 

Wird dann auch das nächste APERS-Album bei Mons¬ 
ter Zero erscheinen, das würde doch Sinn machen, oder? 
Mit den APERS sind wir nach wie vor bei Asian Man 
Records, wir fühlen uns da super wohl und wollen daran 
auch nichts ändern. In den nächsten Wochen soll dort auch 
ein Live-Album von uns erscheinen, das wir im Juni 2011 
in Nordenham eingespielt haben. Außerdem wird es auch 
noch einen Rerelease von unserem 200 ler-Album geben. 
Asian Man ist ein Vorbild für uns, Mike ist auch ein super 
Typ, hat viele tolle Platten von großartigen Bands rausge¬ 
bracht, ist sich aber trotzdem treu geblieben und agiert 
nach wie vor aus seiner Garage heraus. Einfach vorbildlich. 

Es gibt Bands, die tolle Alben rausbringen, live aber 
nicht überzeugen können. Andererseits gibt es auch 
Bands, die die absoluten Live-Granaten sind, aber im 
Studio eher enttäuschen. Welche Erfahrungen habt ihr 
da mit euren Bands gemacht? 

Live-Shows und Studioalben sind schon zwei sehr unter¬ 
schiedliche und wichtige Facetten. Bei den Live-Auftritten 
spielt natürlich auch die Erfahrung eine wichtige Rolle, die 
meisten Bands, die ich kenne, werden von Show zu Show 
immer besser. Aber insgesamt sehe ich da bei unseren 
Bands überhaupt keine Probleme, denn sind wir mal ehr¬ 
lich, letztlich geht es auch um die Begeisterung der Band. 
Wer mit Begeisterung bei der Sache ist, wird tolle Alben 
abliefern und dann auch live nicht enttäuschen. 

Ihr habt auf eurem Label Bands aus vielen unterschied¬ 
lichen europäischen Ländern am Start, aber bisher noch 
keine deutsche Band. 

Stimmt, das ist eigentlich merkwürdig. In der Vergangen¬ 
heit gab es zahlreiche gute Bands in Deutschland, die für 
ihren RAMONES-Pop-Punk bekannt waren. Ich denke da 
an Bands wie die REEKYS, die NIMRODS, die BACKWOOD 
CREATURES oder natürlich die genialen SONIC DOLLS. 
Mit einigen dieser Bands sind wir auch befreundet und ich 
muss sagen, dass ich als großer Fan der SONIC DOLLS auch 
jederzeit ungehört neue Songs von ihnen auf Monster Zero 
rausbringen würde, und da bin ich mir sehr sicher, dass 
diese Band keinen Techno-Schrott abliefern würde. Leider 
sind die meisten dieser Bands heute nicht mehr so aktiv. 
Und wenn wir heute Platten und CDs rausbringen, dann 
geht das eigen dich nur mit Bands, die live viel unterwegs 
sind oder aufgrund ihrer Bekanntheit auch ohne Auftritte 
noch ausreichend Tonträger verkaufen. 

Ihr habt in der Vergangenheit einige Alben nur auf CD 
rausgebracht, wie sieht es mit Vinyl bei euch aus? 
Prinzipiell muss man sagen, dass Vinyl geil ist und wir 
Vinyl-Liebhaber sind. LPs haben mit Sicherheit mehr 
Zukunft als CDs. Gerade bei LPs darf man aber auch nicht 
übersehen, dass sie in der Produktion und gerade auch im 
Vertrieb deutlich teurer sind. Wir verschicken auch unsere 


OX-EANZINE 66 










Tonträger über einen eigenen Mailorder. Und wenn wir 
dann eine LP von Holland nach Italien schicken und die 
LP kostet zehn Euro und die Versandkosten betragen eben¬ 
falls zehn Euro, dann stimmen hier einfach die Relatio¬ 
nen nicht mehr. Das ist nicht so wie in den USA, wo du 
die Päckchen auch über große Entfernungen, zum Beispiel 
von Los Angeles nach New York, für kleines Geld verschi¬ 
cken kannst. Da hast du heute mit CDs einfach noch bes¬ 
sere Möglichkeiten. Aber Vinyl liegt uns schon am Herzen. 
Wir arbeiten mit Mailordern in Japan, in den USA, in Aus¬ 
tralien, Österreich, Italien, Spanien und Frankreich eng 
zusammen. Und natürlich pflegen wir auch Kontakte nach 
Deutschland. Hier arbeiten wir mit Soundflat zusammen, 
Lutz ist ein netter Kerl, auch ihn kennen wir schon lange. 
Was ist mit Downloads? 

Das machen wir als Label selbst nicht. Das überlassen wir 
komplett den Bands. Die haben dann noch die Möglichkeit, 
etwas Extra-Kohle zu verdienen. Die meisten unserer Bands 
nutzen das dann auch. 

Könnt ihr von Monster Zero leben? 

Natürlich nicht, Monster Zero ist nichts weiter als ein gro¬ 
ßes und wichtiges Hobby für uns, Geld wollen wir damit 
nicht verdienen. Es macht uns einfach richtig viel Spaß. 
Und wenn eine Veröffentlichung Geld abwirft, wird dieses 
sofort wieder in das Label gesteckt. 

Wie viele Veröffentlichungen gibt es bisher auf Mons¬ 
ter Zero, was kann man in den nächsten Monaten von 
euch erwarten? 

Bis jetzt sind rund 20 CDs, LPs und EPs erschienen, zuletzt 
eine EP von den MANGES, ein Album von den PONCHES 
aus Italien und eines von den MURDERBURGERS aus 



Schottland. Gerade die MURDERBURGERS starten gerade 
richtig durch. Hier müssen wir realistisch sein, ich kann 
mir vorstellen, dass die MURDERBURGERS nicht mehr 
lange auf Monster Zero veröffentlichen werden, da stoßen 
wir mit unseren Möglichkeiten bald an unser Limit. Aber 
auch das PONCHES-Album ist klasse, schön im MANGES- 
Stil, einfach, aber kompakt, übrigens produziert von And¬ 
rea Manges. 

Wenn man über Monster Zero spricht, kommt man an 
eurem Logo nicht vorbei. Was hat es damit auf sich? 

Richtig, unser guter Goomba, der klassische Feind von 
Super Mario. Der darf auf keiner Platte oder CD von uns 
fehlen, im Original schön mit Joint im Mundwinkel. Übri¬ 
gens bekommt jede Band ihren eigenen Goomba für ihre 
Platten, wobei wir immer versuchen, Eigenarten der Band 
beziehungsweise ihrer Heimat einzubauen. So verfügt der 
WINDOWSILL-Goomba über Holzschuhe, der MALAD- 
ROIT-Goomba über ein Baguette oder der HOTLINES- 
Goomba über eine Bärenfellmütze. Nur eins wundert mich 
selbst: Wir haben schon mehrere italienische Bands bei 



uns, aber wir haben noch keinen Goomba mit einer Pizza. 
Ich frage mich gerade, wie wohl ein deutscher Goomba 
aussehen wird. Mit Sauerkraut und Stahlhelm? 

Ich würde eher sagen, mit Bratwurst und Bier. Ja, der 
würde wahrscheinlich statt dem Joint eine ordentliche 
Bratwurst im Mund haben. 

Welche Ziele habt ihr noch mit Monster Zero? 
Selbstverständlich ist es unser Ziel, gute europäische Pop- 
Punk-Bands aufzuspüren und bekannter zu machen. Dar¬ 
über hinaus würden wir gerne zu einem Gütesiegel für 
den europäischen Pop-Punk werden. Überragend wäre es 
natürlich, wenn wir eine Stellung erreichen könnten wie 
Lookout Records Anfang der Neunziger Jahre. Da konnte 
man ungehört fast jede Platte kaufen. Auf jeden Fall wol¬ 
len wir unserem Stil treu bleiben und nur Musik veröffent¬ 
lichen, die uns auch gefällt. Metal und Hardcore wird es 
bei uns definitiv nicht geben. So eine Situation wie bei Epi¬ 
taph, dass plötzlich ganz unterschiedliche Stilrichtungen 
veröffendicht werden, wollen wir unbedingt vermeiden. 
Axel M. Gundlach monsterzero.nl 



Seit einigen Jahren sind THE DIMENSIONS schon in den Clubs des Landes unterwegs. Wer sich mit 
poppigen Melodien und geradlinigem Punk auseinandersetzt, muss längst schon Notiz von ihnen 
genommen haben. Früher haben sie als Heimatort Ibbenbüren angegeben, doch mittlerweile woh¬ 
nen sie in einer eigens gegründeten WG im Asihochhaus in Köln-Nippes. Mit ihrer neuen LP ,, Ante- 
lopes“ (Zeitstrafe) liefern THE DIMENSIONS den perfekten Soundtrack für den Sommer. Ich begleite 
die Band nun schon seit den ersten Shows im Keller von Drummer Franky und habe mich deshalb für 
einen Plausch mit Maarten getroffen, der anschließend einen Termin in Hürth als Background-Kas¬ 
per für eine „DSDS“-Aufzeichnung hatte. Zu trinken gab es Bier. 


Maarten, im Titelstück „Antelopes“ stellst du fest, dass 
ihr keine Antilopen seid, da ihr euch nicht von Löwen 
verjagen lasst. Welche Tiere seid ihr dann? 

Ganz einfach: wir sind keine üblichen Antilopen, sondern 
geile Power-Antilopen, die man nicht so einfach wegbrül¬ 
len kann. 

Mit welchen besonderen Fähigkeiten? 

Durchhaltevermögen und grazile und flinke Bewegun¬ 
gen. Das kommt durch die langen Stelzen, die die Anti¬ 
lopen haben. 

Was hat sich jetzt dadurch verändert, dass ihr eure 
Debüt-LP mit Zeitstrafe auf einem etablierten Label 
rausbringen konntet? 

Da gibt es neben den offensichtlichen Vorteilen wie der 
üblichen Labelarbeit im größeren Rahmen auch noch Vor¬ 
züge, die erst mal nicht so auffällig sind. Jetzt sitzt noch 
jemand im Hintergrund, dem auch was an dem Erfolg der 
Platte liegt. Wir haben viel mehr Möglichkeiten, Shows zu 
spielen. Ein anderer Vorteil ist, dass ich beim Media Markt 
unsere LP vor die neue Scheibe von den DONOTS legen 
kann. Hehe. 

Anders als bei Skulls In Heaven früher. Ich hab gehört, 
der gute Mensch, der dahinter steckt, saß eine Zeit lang 
im Knast? 

Munkelt man. Wir wissen das nicht sicher und wir wissen 
nicht, was da los war. Da scheint irgendwas mit Gras-Deals 
gelaufen zu sein. Unsere Platten sind hoffentlich nicht der 
Grund. 

Das klingt ja noch relativ harmlos. Ich dachte, da seien 
noch krummere Geschichten passiert. 

Das Gute an der Sache war dann aber, dass er uns die Plat¬ 
ten, die noch über waren, als Abschiedsgeschenk zuge¬ 
schickt hat. Das ist nämlich ein total netter Typ. Die Zusam¬ 


menarbeit war so gesehen echt ziemlich geil und es war 
das erste Mal, dass uns jemand die Chance gegeben hat, 
was zu veröffentlichen. Der scheint auch mittlerweile 
einen Laden in Cottbus zu betreiben. So einen Headshop. 
Geiler Werdegang - vom Labelbesitzer zum Headshop- 
Betreiber. Vielleicht machen wir so was ja auch mal. Von 
einer Band zu Kneipenbesitzern. Haha. 

Eine DIMENSIONS-Kneipe. Geile Idee! Am Besten bei 
euch in der WG. Da könntet ihr die Leute nicht nur zum 
Trinken, sondern auch zum Tanzen bringen. Eure Songs 
sind viel tanzbarer geworden. 

Wobei wir den Mitgrölfaktor auch nicht links liegen las¬ 
sen. Bei unserer Release-Show in Ibbenbüren zum Beispiel 
wurde viel mitgesungen ... aber auch getanzt! 

Du hast vorher schon die Leute mit deinem rein elek¬ 
tronischen Nebenprojekt ELECTROHEAD zum Tanzen 
gebracht. 

Die witzigste Show war in Stuttgart, als ich spontan auf 
die Bühne bin. Die Leute kannten die Songs und sind total 
ausgerastet. Hat viel Spaß gemacht. Ich war total betrun¬ 
ken und hab zuvor noch eine Art Stand-up-Comedy-Show 
abgezogen. 

Gibt es da mal was Neues zu hören? 

Leider nein. Zu meinem Geburtstag verschenke ich ein paar 
Songs, aber neue Songs als ELECTROHEAD werde ich nicht 
mehr veröffendichen. 

Was macht deine Modelkarriere? Hast du bald wieder 
Aufträge in Paris, wie läuft das ab? 

Ich bin in einer Kartei von so einer Agentur und die rufen 
mich dann ab und zu an, falls die jemanden brauchen. Das 
dauert dann meistens nur ein Wochenende und ist häu¬ 
fig, oder wie in meinem Fall immer, in Paris, auch wenn 


die Agentur das auch in anderen Modemetropolen macht. 
Da das immer recht kurzfristig und mit viel Aufwand ver¬ 
bunden ist, hab ich denen auch erst zwei Mal Zusagen kön¬ 
nen. Gibt aber viel Geld, hehe. Beim letzten Mal bin ich 
aber nach einer durchzechten Nacht am nächsten Tag kraft¬ 
los irgendwann zusammengebrochen. Das Geld hab ich 
immerhin schon bekommen. 

Zurück zum eigentlichen Thema: was hat es mit dem 
Asihochhaus auf sich? 

Es bot sich einfach an, als wir alle nach Köln gezogen sind 
beziehungsweise Franky innerhalb Kölns umziehen wollte, 
dass wir zusammen eine Wohnung nehmen. Wir sind 
dann in einem Hochhaus in Nippes fündig geworden. Das 
müsste 2009 gewesen sein. Irgendwann haben wir uns bei 
YouTube Songs von HAMMERHEAD reingezogen und ein 
Video von dem Song „Asihochhaus“ zeigt halt die ganze 
Zeit unser Haus. 

Im unsanierten Zustand. 

Genau. Seitdem muss der Song als Name für unsere WG 
herhalten. 

Wer übernimmt welche Aufgaben in der Wohnung bei 
euch? 

Franky kocht würzig und hat den Brühevorrat im Auge, 
Simon hält den Fernseher sauber und ich putze nackt das 
Klo. 

Welche Songs sind auf dem „Asihochhaus-Tape“ gelan¬ 
det, das ihr Ende 2011 als Vorgeschmack auf die LP raus¬ 
gebracht habt? 

Von den 14 Songs, die wir aufgenommen haben, sind zehn 
auf der LP gelandet. Die vier, die wir noch über hatten, sind 
jetzt auf dem Tape. Auf die B-Seite haben wir noch Songs 
gepackt, die mit den Aufnahmen für die zweite 7“ einher¬ 
gingen. Dazu kommt noch ein Akustikstück, das wir wäh¬ 
rend der Demo-Aufnahmen für TOMORROW TOMOR- 
ROW in meinem Keller eingespielt hatten. 

Songs wie „OLW“ hätten es aber locker auf die LP schaf¬ 
fen können. Der hat ja ein riesiges Hitpotenzial. 

Wir wollten einfach eine knackige Platte machen und des¬ 
halb mussten wir eine Auswahl treffen. Einige passten dann 
einfach nicht mehr so gut in die Trackliste. Hätte es andere 
Songs getroffen, wäre ich mindestens genau so enttäuscht 
darüber. Das „Asihochhaus-Tape“ war dann aber noch mal 
wichtig, um eben jene Songs dann doch irgendwie an die 
Leute zu bringen, und andererseits, um eine relativ lange 
Zeit zu überbrücken, weil es uns wichtig war, die LP dann 
zur passenden Jahreszeit zu veröffentlichen. 

Bands wie ASTPAI machen es gerade vor: Habt ihr 
Ambitionen, mal in den USA zu touren? Euch wird in 
Reviews immer wieder ein sehr amerikanischer Sound 
nachgesagt. 

Klar, da hätten wir schon Bock drauf, aber erst mal pei¬ 
len wir noch nähere Ziele an. Vielleicht geht mal was in 
den Niederlanden oder Belgien. Auf England hätte ich auch 
Lust. 

Der erste Song der LP beginnt mit ausgelassener Stim¬ 
mung und einem Freudenschrei bei „Cut it out“ und 
bietet trotzdem immer noch genug Platz für Momente 
der Einsamkeit. Ziemlich schizophren. 

Die Platte musste einfach fröhliche Riffs, schwermütige 
Texte, Krach und was weiß ich beinhalten. Die ganze Band¬ 
breite an Stimmungen und Gefühlen. Ich bin kein Typ, der 
die Hälfte des Lebens ausblendet. 

Hauke Struck thedimensions.blogsport.de 


OX-FANZINE 67 









Unser bedenklichster Schweizer Politiker lieferte den Namen für eines der amüsantesten Punk-Fan- 
zines ever: Blocher Youth! In Ausgabe Nummer zwei gab es da ein Ox/Hiller-Interview, in der Num¬ 
mer eins (Frühling 1996) berichteten die 15-jährigen Herausgeber von einem Konzertbesuch, in 
welchem eine verkleidete Band erwähnt wurde, welche „krank! Krank aber geil!“ gewesen sei. Ge¬ 
meint waren damit die MÖPED LADS aus Luzern, welche im August ihr 20-jähriges Jubiläum feiern. 


Als sich die MOPED LADS (auf die MOTÖRHEAD-Pünkt- 
chen wird heute verzichtet) 1992 formierten, handelte es 
sich nicht um eine Horde Teenager, welche gerade ihre 
erste Band startet - Ronnie, Randy, Sony und Sammy hat¬ 
ten nämlich bereits Schweizer Punkgeschichte geschrie¬ 
ben! Die bekannteste Vorgängerband waren CRAZY, deren 
Hit „Ech well frei si“ („Ich will frei sein“) einigen ein 
Begriff sein dürfte. CRAZY veröffentlichten ein Album 
(„No Chance“, 1980) und eine unbetitelte 4-Track-12“ 
(1981) bevor sich die Gruppe trennte und Ronnie Moped 
(aka Mongi) als Gitarrist bei R.A.K. (RADIKAL ANARCHIS¬ 
TISCHES KOMMANDO) für kurze Zeit wieder in Erschei¬ 
nung trat. Neben den durchgeknallten TAKE A VIRGIN 
(Sony Mopeds Ex-Band, welche 1989 ein James-Last-Tri- 
butalbum veröffentlicht hat) dürften aber auch die Six- 
ties-Garage-Rocker FLYING SHRIMPS und THE REACTION 
unvergessen geblieben sein - glücklich, wer den Voodoo 
Rhythm-Sampler „Garage Punk Switzerland“ sein Eigen 
nennt. In den unzähligen Neben- und Vorgänger Projek¬ 
ten, die mit Beteiligung von Moped-Brüdern entstanden 
sind, wurde Gitarrenmusik verschiedenster Art gefrönt - 
bei den MOPED LADS allerdings geht es auch nach 20 Jah¬ 
ren immer noch kompromisslos zur Sache. Schnurgera¬ 
der Drei-Akkorde-Punkrock ist angesagt, gesungen wird in 
Englisch, Deutsch und Luzerner Mundart. 

Im Beiheft zur 2004 erschienenen LP „Dead People Smell 
Louder“ ist nachzulesen, wie Sony als auch Randy ihre 
Aktivitäten als Konzertveranstalter intensivierten — erst 
bloß im Sedel, später als JOHNNY MOPED COMMANDO/ 
J.M.C. unter anderem auch in der Schüür, einer zusätz¬ 
lich erkämpften Location im Zentrum von Luzern, welche 
nebenbei nächstes Jahr übrigens ebenfalls das 20-jährige 
Jubiläum feiern wird. Nicht mehr bloß für die J.M.C.-eige- 
nen Veranstaltungen, sondern schweizweit zeichnet Sony 
heute Konzertplakate in einem der beiden S6del-Ateliers 
- wobei er übrigens schwört, jeweils „vom weißen Papier 
bis zum Endresultat nur die Sounds, um die es bei dem 
Plakat oder Flyer geht, zu hören“. Dieses Atelier teilt er mit 
Drummer Sammy Moped, der sich mit knallbunten Bildern 
einen Namen gemacht hat — zu bestaunen auf der MOPED 
LADS-Website. 

Musikalisch konzentriert man sich heute auf die Haupt¬ 
band, in den 20 Jahren Bandgeschichte sind die Lads aber 
auch schon aufgetreten als TONY & THE MARSHALLS 
(„mal Punk-Versionen von volkstümlichen Schlagern, mal 
Siebziger-Jahre-Disco-Heuler“), als G.G.’S KIDZ („ein Tri¬ 
bute an G.G. Allin“) oder als RAMONIACS („eigene Ver¬ 


sionen von über 30 RAMONES-Klassikern im Zippy-Pin- 
head-Outfit, den hohen Kopfansatz aus chirurgischem 
Plastilin hergestellt“). Heute ist Dandyboy außerdem mit 
SIN LOGICA unterwegs („deftige Kost irgendwo zwischen 
WOLFPACK und MOTÖRHEAD“ um den Romp-Infola- 
den und Fanzine-Herausgeber Fix) und Sammy mit ADO 
(„herrlich schräge Pop-Perlen“), gespielt unter anderem 
auf Kinderinstrumenten. Sony selber war zuletzt als Gast¬ 
sänger bei den FAILED TEACHERS zu hören sowie als Jin¬ 
gle-Lieferant für das ziemlich gute (!) Radio 3fach. 

Sony, seid ihr denn noch gar nicht müde? 

Nein! Wir alle sind schon sehr früh in unserer Jugend in die 
Punk-Sache hineingerutscht und wurden dadurch so etwas 
wie geimpft. Diese Impfung hält irgendwie fürs Leben. 
Zudem haben wir auch eine Menge erlebt und durchge¬ 
standen in dieser Zeit. Die MOPED LADS sind eine Thera¬ 
pie. Ohne sie müssten wir vielleicht das Gesundheitssys¬ 
tem belasten und den Psychiater aufsuchen. So aber kön¬ 
nen wir noch immer lautstark Dampf ablassen. Wir haben 
vor, das so lange zu machen, bis der Körper die Energie 
dazu nicht mehr aufbringen und der Geist keine Songideen 
mehr ausschütten wird. Wir können es nicht verstehen, 
wenn Musiker in unserem Alter zur Antwort geben: „Och, 
weißt du, wir sind jetzt schon über 40 und da muss man es 
ein bisschen laid back angehen, da kann man nicht mehr 
so losrocken.“ Wieso nicht?! Du hast einen alten Blueser 
wie John Lee Hooker oder Muddy Waters auch nie gefragt, 
ob er denn nie müde wird, den Blues zu zelebrieren. Das 
ist ein Leben. Unser Blues war und ist halt der Punk, denk 
an UK SUBS und „Another kind of blues“. Zudem sind die 
Zeiten nicht besser geworden heute, sondern eigentlich ist 
alles noch schlimmer, obwohl wir schon vor vielen Jahren 
dagegen angestunken haben. Da kann man nicht relaxter 
werden, das macht einem noch wütender. Auch im Hin¬ 
blick auf unsere Kinder. 

Als Einflüsse gebt ihr gerne die ganz offensichtlichen 
Namen Johnny Moped, RAMONES und PETER AND THE 
TEST TUBE BABIES an. Was wird heute außerdem bevor¬ 
zugt gehört? Sind irgendwelche aktuellen Punkbands 
interessant oder seid ihr gänzlich auf die alte Schule 
fixiert? 

Wir sind eigentlich auch gar nicht so sehr auf Punkbands 
fixiert. Wir haben zwei Ohren, die wollen in ihrem Leben 
so viel aufsaugen wie möglich, eine soundmäßige Welt¬ 
reise antreten sozusagen. Aber Punkrock ist halt immer 
der Träger des Ganzen, wohin wir wieder zurückkehren. 


Unsere Jugend war schon sehr fulminant, stürmisch und 
bunt. So kommt es halt, dass der Soundtrack der damaligen 
Zeit sich einfach auf unseren Festplatten eingebrannt hat. 
Das bedeutet aber, dass wir mit ganz vielen Sounds auf¬ 
gewachsen sind. Es war auch eine Zeit der Entdeckungen. 
Neben Punkrock gab es ja auch eher synthetische Klänge 
damals, ob in England mit den ganzen Post-Punk-Sachen 
oder dem Anfang der NDW mit Bands wie DAF. Oder 
wir entdeckten den Reggae oder dann die Sechziger, und 
schließlich noch prähistorischer, die Fünfziger mit dem 
ganzen Rockabilly-Zeug, resultierend dann im Psychobilly. 
Unser Musikgeschmack ist wirklich breit gefächert - also 
von Metal über Soul zu Punk. Aber mit den MOPED LADS 
frönen wir einfach den drei Akkorden! Da gibt es ja auch 
verschiedene Varianten, das sehen wir nicht so eng, denn 
wir haben ja alle Strömungen mal durchschwommen in 
unserem Leben. Manchmal haben wir mehr Bock darauf, 
es hymnisch zu gestalten, dann wieder rasend wie zu bes¬ 
ten Skateboard Zeiten. Neue Bands verfolgen wir durch¬ 
aus, denn wir veranstalten ja selbst ab und an immer noch 
Punkrock-Konzerte. 

Thommy beziehungsweise Dandy Moped, den fünf¬ 
ten und jüngsten der Brüder, kenne ich noch ein biss¬ 
chen aus der Luzerner Squatter-Szene Ende der Neunzi¬ 
ger - bei euch dreht es sich aber meistens um den Sedel. 
Magst du den Punks vom Ox ein bisschen was darüber 
erzählen? 

Eigendich waren alle von uns irgendwann mal in Haus¬ 
besetzungen verwickelt, aber du hast Recht: die MOPED 
LADS sind im Zusammenhang mit dem Sedel beinahe nicht 
mehr wegzudenken. Nicht nur, weil wir seit Anbeginn der 
Band oder unserer Vorgängerbands unsere Proberäume 
da oben haben. Nein, Ronnie war mit CRAZY auch aktiv 
an der Entstehung des Sedels als Kulturzentrum beteiligt: 
Ihr Soundmann, Werni Heller, hatte zusammen mit einem 
anderen Punkrocker, Felix Hodel von IV-SEX, mittels einer 
Flyer-Aktion in der Stadt Proberäume angeboten — die sie 
gar nicht hatten! Darauf meldeten sich viele Musiker und 
Bands; und daraus entwickelte sich dann der Trägerver- 
ein „Interessengemeinschaft Luzerner Musiker“. Der Sedel 
ist ein trutziger Gefangnisbau aus den 1930er Jahren, der 
vor der Stadt auf einem Hügel thront und ab Anfang der 
Siebziger Jahre bis 1981 ungenutzt zu einem Biotop ver¬ 
kam. Begünstigt durch die Zürcher Jugendunruhen - und 
auch weil Luzern damals gerade die erste Besetzung in der 
Altstadt erlebte - waren die damaligen Stadtväter gewarnt 
und beschlossen, den Ostflügel des Gebäudes während 
eines zweijährigen Versuches freizugeben. Vom Trägerver¬ 
ein wurde verlangt, dass der Verein selbsttragend sein und 
ein Hausmeister „zum Rechten schauen“ müsse ... 

Gute alte Schweizer Umgangssprache ... 

Zudem verboten sie öffentliche Veranstaltungen. Einen der 
ersten Proberäume bezogen CRAZY. Und im ehemaligen 
Speisesaal der Häftlinge wurde der Club eingerichtet, wo 
Mongi/Ronnie die erste Bar betrieb, denn natürlich wurde 
das Live-Verbot „umgangen“. Zwei Jahre später schlie߬ 
lich wurde auch der Westtrakt freigegeben und so befin¬ 
den sich heute unter dem Sedel-Dach 60 Proberäume, zwei 
24-Track-Aufnahmestudios, zwei große Ateliers und natür¬ 
lich der 300 Leute fassende Club, dessen Bühne ursprüng¬ 
lich aus den Bänken der Knastkapelle gebaut wurde. 

Und was erwartet uns in Zukunft von euch? 

Wir haben beschlossen, keine CDs mehr zu veröffentli¬ 
chen. Und wenn ein Album, dann muss das so lange war¬ 
ten, bis wir ein Best-Of aus den veröffendichten 7“-Vinyl¬ 
singles daraus basteln können. Wir haben noch nie eine 
Single veröffentlicht und das wollen wir dieses Jahr mit 
einer Doppel-7“ nachholen. Unser Sound ist etwas für 
Liebhaber und so ist es auch mit den Vinylsingles, also 
gehört das zusammen. Natürlich wird man die Stücke auch 
irgendwo herunterladen können. Geht wohl nicht ohne, 
aber da entgeht einem dann ein schmuckes Kleinod an Art- 
work, haha. Große Touren werden wir wohl nicht mehr 
hinkriegen in der nächsten Zeit, da einige von uns doch 
ziemlich anderweitig eingespannt sind, aber wir werden 
sicher diverse Bühnenbretter berühren, egal ob auf die¬ 
ser oder der anderen Seite der Grenze. Und dann - wenn 
uns die Songideen nicht ausgehen — machen wir weiter 
damit. In 20 Jahren hat sich durchaus die eine oder andere 
Geschichte zugetragen, die einem vor Lachen Tränen in die 
Augen treibt. Alleine über Ronnies Aktionen könnte man 
ein Buch schreiben, was wir vielleicht auf seinen Fünfzigs¬ 
ten hin, der nicht mehr lange auf sich warten lässt, machen 
werden. Wir haben in den letzen 20 Jahren unglaublich 
viele tolle Leute kennen gelernt, die wir nicht vergessen 
werden und sind an Orte gekommen, die wir wohl in 
einem normalen Leben nie gesehen und erfahren hätten. 
Das ist schon eine tolle Sache! Diese Situationen, wenn hin¬ 
ter dem Schlagzeug aus Abwasserrohren ein gelbes Rinn¬ 
sal fließt oder wenn man beim Punk & Disorderly Festi¬ 
val in Berlin nach einer 40 Minuten langen, zerknitterten 
Fahrt im Auto viel zu spät aufs Gelände gebracht wird und 
gleich beim ersten Knochenstrecken auf der Bühne hun¬ 
dertprozentig abdrückt, das sind das einfach Erlebnisse, die 
eine Band auch irgendwie prägen. Wenn uns die Songideen 
nicht ausgehen, machen wir weiter damit. 

Benedikt „Lepra“ Gfeller mopedcityrock.ch 


OX-FANZINE 68 








Gebrochene Knochen und gestohlene Ausrüstung, auf Böden schlafen, 
fünf D.I.Y.-Alben, und Millionen von Meilen in einem Tourbus ... Die aus¬ 
tralische Band THE GO SET ist Punkrock bis auf die Knochen. Sie wur¬ 
den schon mit THE POGUES und THE CLASH verglichen und haben eine 
Vorliebe für politische Texte. Kurz vor der Veröffentlichung ihres fünften 
selbstbetitelten Studioalbums kehrte die Aussie-Band zum vierten Mal in 
ebenso vielen Jahren nach Deutschland zurück. Ich sprach mit Sänger und 
Songwriter Justin Keenan. 

Ihr stammt aus Australien, wie ist die Musikszene da unten? 

Das Leben in Australien ist fantastisch. Es ist ein wirklich schönes Land und wir können 
uns glücklich schätzen, dass wir eine Menge Luxus haben, wie Reichtum, Platz und eine 
Umwelt, die viele Länder nicht haben. Die Musikszene ist gesund, obwohl wir unsere 
Bevölkerungszahl relativ klein ist - ungefähr 20 Millionen. Es gibt Zeiten, in denen Rock¬ 
musik ganz groß ist, und Zeiten, in denen elektronische Musik wesentlich beliebter ist — 
es ist ein Zyklus. Es ist allerdings ein schwieriges Land, um aufTour zu gehen. Die meisten 
Städte sind 800 bis 1.000 Kilometer voneinander entfernt, und wir haben kein Straßen¬ 
netz, wie es das in Deutschland gibt, so kam es, dass wir bis zu zehn Stunden unterwegs 
waren, um von einer Stadt in die andere zu fahren. Heutzutage fliegen wir durchs Land, 
wenn wir zu Hause aufTour gehen. 


Erzähl mal etwas darüber, wie die Band entstanden ist. 

Die Band wurde 2003 gegründet. Ich und Bassist Mark Moran sind beide mit Eltern auf¬ 
gewachsen, die uns dazu gezwungen haben, irische Volksmusik zu hören. Seine Eltern und 
meine Großeltern sind irischer Abstammung und sie kommen aus der gleichen Gegend 
von Irland, dementsprechend haben wir viel gemeinsam. Als ich jünger war, habe ich es 
geliebt, mir Punkrock anzuhören, weil es das komplette Gegenteil von dem darstellte, 
was ich gezwungen wurde zu hören, als ich ein Kind war. Ich mochte einfach die Ener¬ 
gie dahinter. Ironischerweise sind Punk- und Folkrock nicht unbedingt so unterschied¬ 
lich. Wenn man die Verzerrer wegnimmt, ist Folk extrem politisch und wütend. So, und 
da sind wir nun, eine Band, die Dudelsack und andere traditionelle Instrumente mit ver¬ 
zerrten Gitarren und Punk-Riffs verbindet. 2003 haben wir unser erstes Album „Sing A 
Song Of Revolution“ aufgenommen. Seitdem haben wir 2005 „The Hungry Mile“, 2007 
„A Journey For A Nation“ und 2008 „Rising“ veröffentlicht, außerdem einige Compila- 
tions und ein Live-Album. 

Ihr habt eine erstaunliche Arbeitsmoral, scheint ständig aufTour zu sein.Wie haltet 
ihr das Gleichgewicht zwischen der Band und eurem Privatleben? 

Manchmal ist es wirklich schwierig. Der Schlagzeuger in unserer Band hat gerade sein ers¬ 
tes Kind bekommen, und ich habe zwei kleine Jungen. Manchmal ist es besonders schwer 
für mich, weil ich die Jungs allein erziehe, allerdings unterstützt mich meine Familie sehr. 
Meine Kinder haben durch das Reisen einige tolle Erfahrungen gemacht, aber es ist ein 
ständiger Balanceakt, die Kinder und die Musik im Gleichgewicht zu halten. Es ist einfach 
wichtig für uns, lange Pausen zwischen den hektischen Phasen zu haben. 

Du beschäftigst dich in deinen Texten viel mit Politik und gesellschaftlichen Entwick¬ 
lungen. Was zählst du zu den wichtigsten Themen in der heutigen Welt? 

Offensichtlich ist die Umwelt ein riesiges Problem, und das schon viel länger, als die meis¬ 
ten Leute wissen. Ich bin außerdem der Meinung, dass die Kluft zwischen Arm und Reich 
immer größer wird. Manche Länder verschulden sich immer mehr und in vielen Fäl¬ 
len stehen wir mit einiger Wahrscheinlichkeit vor einer einer katastrophalen humanitären 
Krise. Dazu geführt haben eine wachsende Bevölkerung, ein nicht nachhaltiger Lebensstil 
und extremer Reichtum. 

Dies ist eure vierte Europatour. Warum kommt ihr immer wieder zurück? 

Abgesehen von dem fantastischen deutschen Bier? Wir lieben es, nach Europa zu kom¬ 
men, weil es so viel Geschichte und Kultur hat, und es scheint einfacher möglich, aufTour 
zu gehen. Die Städte sind wesentlich näher beieinander, als wir gewohnt sind, man kann 
fast jeden Abend der Woche eine Show spielen. Es scheint, als gäbe es da mehr Potenzial, 
bekannt zu werden. 

Dies ist euer fünftes Studioalbum in acht Jahren, das ist eine ganz schöne Leistung. 
Du bist der Hauptsongwriter der Band, was gibt dir die Inspiration für deine Lieder? 

Ich habe Musik schon immer gemocht als ein Weg, eine Geschichte zu erzählen, oder um 
eine Meinung zu äußern. Heutzutage gibt es so viel schreckliche Musik, die keine Seele 
hat. Ich fühle mich immer wieder dazu inspiriert, eine Geschichte zu erzählen, oder einen 
Standpunkt durch Lieder auszudrücken, weil ich die Idee mag, dass Musik in den Men¬ 
schen Gefühle erzeugen kann - Glück, Trauer, Zorn. Ich mag es, diese Energie auf die Men¬ 
schen zu übertragen. Es gibt so viele wichtige Themen heutzutage, und es hat noch nie 
eine Zeit gegeben, in der es breiteren Zugang zum Weltgeschehen gab als heute durch 
das Internet. 

Sandra Deuchting thegoset.net 



Selten hat mich eine Band der neuen Punk-Generation so begeistert und 
mitgerissen. „Proud“, das aktuelle Album der vierköpfigen Band, ver¬ 
mengt die Qualitäten von FAR FROM FINISHED und RANCID zu einem 
spritzigen Hit-Cocktail, dessen elektrifizierende Leichtigkeit ansteckend 
ist. Rund, unverbraucht und mit dem nötigen Biss zeigt die Band, warum 
Boston immer noch „brennt“. Also beamen uns nach 2009 und tun so, also 
ob im lokalen Jugendzentrum „so eine junge Ami-Band“ für spontane Be¬ 
geisterungsstürme gesorgt hat. Zum Glück konnten wir nach dem Gig noch 
einen Tonträger ergattern: „Serf City USA“. Groß ist die Freude über eine 
„absolut heiße Band“ - die Entdeckung schlechthin! Ganze drei Jahre spä¬ 
ter ist die Band in unseren Breiten trotzdem noch im unteren Bereich der 
Erfolgsleiter. Weil später immer noch besser ist als nie, sehe ich dieses 
Interview mit Drummer Steve auch noch mal als nachdrückliche Auffor¬ 
derung an, sich dringend mit diesem quirligen Quartett zu beschäftigen. 

Steve, schnell die Basics zu deiner Band, bitte. Und warum zum Teufel gibt es „Proud“ 
in Europa kaum irgendwo? 

Ich spiele Schlagzeug. Matt Pruitt und Jon Cautzik bearbeiten die Gitarren und singen. Jam- 


son Hollis spielt Bass. Wir sind eine „ska influenced punk rock band from Boston“.That’s 
it! Wir haben mit einer Menge europäischer Labels gesprochen, um „Proud“ über sie ver¬ 
treiben zu können, aber irgendwie ließ sich nichts arrangieren. Shit! Du kannst es aber 
online beziehen. Sehr ärgerlich war auch, dass wir auf unserer vergangenen und ersten 
Europatour letzten Sommer nicht genug CDs zum Verkaufen im Gepäck hatten. Toll, oder? 
Wie war’s denn trotzdem? So wirklich bekannt seid ihr hierzulande ja noch nicht... 

In Deutschland zu spielen war großartig! Überwiegend haben wir in kleinen Clubs gespielt 
und waren wirklich sehr angetan von den Reaktionen. Uns kannte ja eigentlich niemand, 
das hat uns schon beeindruckt. Zur Zeit haben wir noch keine konkreten Pläne, wieder 
nach Europa zurückzukehren. Aber wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Das 
wäre schon super, wenn’s klappt. 

Im Gegensatz zu vielen anderen Punkbands aus Boston macht ihr einen eher sonni¬ 
gen, für Boston untypischen, weniger rauhen Sound. Woran liegt’s, gibt es Vorbilder? 

Haha, ich würde sagen, unseren Sound hat bis jetzt noch niemand als „sonnig“ bezeichnet. 
Du hast aber nicht ganz Unrecht. Jon sagt immer, dass wir „glücklich klingende Songs über 
traurige Dinge“ machen. Das trifft für mich den Nagel auf den Kopf. Ich werde immer eine 
Schwäche für guten Pop-Punk haben und wir fühlen uns regelrecht verpflichtet, eingän¬ 
gige Hooklines und Refrains zu schreiben. Und wir wollen es einfach halten. Helden? Die 
üblichen Verdächtigen wie THE CLASH, OPERATION IVY, GREEN DAY etc. 

Lass uns in die Bostoner Untergrundmusikszene abtauchen. Kürzlich erschien mit 
„Still Beating“ eine „free online-only“ Compilation (performermag.com/stillbe- 
ating.html) , die sich ausschließlich dieser Szene widmet. Was ist derzeit angesagt? 
Inwiefern seid ihr, über die Band hinaus, in der Szene aktiv? 

Boston hat eine verdammt gute und vielfältige Punk-Szene. Ich bin nicht ganz im Bilde, 
was gerade angesagt und hip ist. Wie eigentlich überall hängen wir auch hier in unse¬ 
rer Freizeit in Bars ab und treffen dort unsere Leute, gehen zu Konzerten, mehr eigent¬ 
lich nicht. 

„Stolz“ zu sein ist hierzulande ein heißes Eisen, vor allem wenn es darum geht, „gut“ 
von „schlecht“ zu unterscheiden. Ihr verseht gleich ein ganzes Album mit dem Titel 
„Proud“. Also, Hand aufs Herz: Worauf seid ihr stolz? 

Ich bin absolut stolz darauf, dass wir zusammen mit haufenweise Bands, die wir wirklich 
schätzen und zu denen wir aufblicken, durch die Welt touren können. Unglaublich irgend¬ 
wie! Wir haben einige wirklich bemerkenswerte Menschen kennen gelernt, von denen ich 
nie im Leben dachte, sie mal zu treffen. Aber viel mehr als das ehrt es mich, wenn wir von 
Leuten erfahren - und das sind nicht wenige! die sich in unseren Songs wiedergefun¬ 
den haben und positive Kraft daraus gewinnen konnten. Das ist ein unfassbar prickelndes 
Gefühl und motiviert uns wie Hölle! 

Dieses gedruckte Fanzine hat über 20 Jahre auf dem Buckel! Analoge Punk-Medien 
sind noch lange nicht tot. Spielen gedruckte Fanzines in den Staaten überhaupt noch 
eine Rolle? 

Ich kann dir, wenn ich ehrlich bin, nicht wirklich sagen, wie es um gedruckte Punk- 
Medien bei uns steht. Wie vieles andere auch, scheint sich aber alles in Richtung online 
und digital zu entwickeln, was für die meisten auch vollkommen okay ist. Ich bekomme 
oft Mails von Leuten wie dir, um Interviews zu machen. Das bereitet mir immer Freude 
und es ist gut zu sehen, dass jemand seinen Beitrag leistet, damit unser Zeug zugänglich 
und bekannt ward. Also: vielen Dank! 

LarsWeigelt havenotsboston.com 


OX-FÄNZINE 69 

















EACH ONE TEACH ONE _ 

EMPOWERMENT 

EMPOWERMENT sind in Stuttgart verwurzelt, sowie in deren Vorgängerband SIDEKICK, die be¬ 
reits vom Charisma, der Integrität und der Bühnenpräsenz von Frontmann Jogges profitierte. Nur 
die Texte sind inzwischen deutsch, an Sprengkraft jedoch haben die alten Stadtfalken nichts einge¬ 
büßt. Das Gespräch zum Debüt „Gegen.Kult“, erschienen bei Acuity.Music/Let It Burn, ist im Nach¬ 
hinein betrachtet sehr von ideellen Themen geprägt, was aber irgendwo auch passt. Hardcore is 
more than music. 


Lass uns doch mal bei SIDEKICK anfangen und dann 
über EMPOWERMENT sprechen. 

Zu SIDEKICK gibt es 2012 im Grunde nicht viel zu sagen. 
Wir haben am 08.01.2005 unser „letztes Gebet“ ausge¬ 
kotzt und das war es. War eine coole Zeit, an die ich gerne 
zurückdenke, mit der ich viel verbinde und die sicherlich 
auch einiges bewegt hat, gerade in Stuttgart. Mit den Jungs 
habe ich meine Jugend und mit manchen schon meine 
Kindheit verbracht. Zusammen sind wir in dieser Gegen¬ 
kultur groß geworden, teilen also ganz schön viel und 
jeder geht heute seinen Weg, ohne den Blick für den ande¬ 
ren zu verlieren — auch wenn wir uns nicht mehr so oft 
sehen. Jedoch bin ich ein Mensch, der nach vorne blickt 
und den Moment annimmt, im Hier und Jetzt lebt. Der 
Moment heißt EMPOWERMENT und darüber können wir 
gerne reden. 

Bei vereinzelten Begegnungen habe ich dich als Spaßvo¬ 
gel kennen gelernt. Inwieweit findet diese Seite an dir 
Einzug in die Songs? 

Müsste ich mich selbst charakterisieren, so würde ein gro¬ 
ßer Teil in mir sicher den Spaßvogel widerspiegeln. Gerne 
labere ich mit den Jungs Bullshit und wir lachen viel 
über den geistigen Dünnschiss, den wir produzieren, und 
die abgedrehten und durchgeknallten Dinge, die uns so 
durchs Hirn schießen. Jedoch bin ich sicherlich auch ein 
sehr nachdenklicher und emphatischer Mensch, der sich 
Gedanken über das Leben macht, dem es nicht scheißegal 
ist, was um ihn herum passiert. Ich achte und wertschätze 
mein Gegenüber sehr und versuche, diese Haltung auch 
zu leben. „Söhne vergessener Straßen mit einem Lächeln 
im Gesicht“, so beschreibe ich es in einer Textpassage auf 
der neuen Platte. In meinen gesungenen Worten spiegelt 
sich also eher der „Stadtfalke“ wider als der Spaßvogel. 
Der klare Blick des Falken durchleuchtet diese kranke, ver¬ 
fiele und neurotische Gesellschaft und ich versuche das, 
was mich umgibt, das, was mich geprägt hat, in meinen 
Texten zu verarbeiten und mich authentisch auszudrücken. 
Mir ist es wichtig, eine klare Message zu senden und den¬ 
noch nicht platt und stumpf zu klingen, aber auch nicht 
abgehoben und kryptisch. 

Was hat es mit dem Song „Szerelem“ auf sich? 


Die Musik für einen Song steht immer schon vor den Tex¬ 
ten und ich versuche dann, den Vibe des Songs zu catchen. 
Schließe meine Augen und versuche reinzuspüren. An was 
erinnert er mich? Was für Bilder entstehen beim Hören? 
Was erzeugt er für ein Gefühl, für eine Stimmung? „Szere¬ 
lem“ hat was ganz Majestätisches in mir geweckt. Das Riff 
klingt mächtig, irgendwie stolz und königlich für mich. 
Meine Freunde und die, die ich im Herzen trage, sind mir 
heilig, erfüllen mich mit Stolz. Vorherrschende Parabel in 
meinem Leben - irgendwie königlich. „Szerelem“ ist also 
ein Liebeshed an die Meinen. Meine Großeltern kamen 
aus Ungarn und „Szerelem“ heißt „Liebe“ auf Ungarisch. 
Auf der Platte widme ich ihn deshalb auch den beiden. Sie 
sind beide verstorben und ich hab sie von Herzen geliebt - 
mein Großvater war sehr prägend für mein Leben und ich 
bin stolz auf das, was er geschaffen hat. 

Die aktuellen an den Hardcore angelehnten Strömun¬ 
gen sind größtenteils ohne Message, um nicht zu sagen: 
ohne Inhalte, obwohl sie einer sehr politischen Subkul¬ 
tur entspringen. Worin siehst du die Ursachen? 

Stimmt schon, dass in vielen Texten nur Blabla, Tod und 
Teufel zu finden ist. Viele Bands suhlen sich in vorgege¬ 
benen Etiketten, Verhaltenskodexen oder Dresscodes. Kli¬ 
schees erfüllen, unkritisch und unreflektiert, Hauptsache, 
es passt ins Genre. Ich denke, jede subkulturelle Strömung 
ist auch nur ein Spiegelbild der derzeitigen Gesellschaft 
und des vorherrschenden Zeitgeistes. „No culture without 
subculture“ werfe ich dennoch mit in den Topf und rühre 
um. So bedingen sich diese beiden Pole gegenseitig. Blicke 
ich in diese Welt, so nehme ich sehr stark Oberflächlich¬ 
keiten wahr. „Wie geht’s?“ ist längst nur Floskel im täg¬ 
lichen Dialog. Interessiert es überhaupt jemanden, wie es 
dem Gegenüber geht? Hauptsache Spaß, Hauptsache Enter¬ 
tainment, Hauptsache, ich stehe gut da und ecke nur an, 
wenn ich es mir auch wirklich leisten kann oder es gerade 
en vogue ist. Dieses „in Sicherheit leben“ und für alles 
abgesichert sein, das ist omnipräsent. Neurotische Angst, 
kein mutiger Schritt nach vorne, kein Strukturen-Auflö- 
sen - kein Mut. Vielleicht ein kleiner Erklärungsversuch zu 
deiner Frage: Wir sind zu angepasst. Wir sind zu übersät¬ 
tigt. Wir sind vollgefressen und träge. „Live your heart and 


never follow“, so heißt es in einem HOT WATER MUSIC- 
Song. Wir sind frei und können was ändern - let’s do it. 

Viele Leute mit weit weniger Bedeutung für die hie¬ 
sige Musiklandschaft haben bereits ein Buch geschrie¬ 
ben. Wann trittst du in die Fußstapfen von CRO-MAGS- 
John Joseph? 

Jetzt ist Musikmachen für mich dran und meine „Kurz¬ 
geschichten“ und Reflexionen sind in meinen Texten oder 
auch in Interviews zu finden. Cooles Medium, da brauche 
ich gerade kein Buch dafür. Obgleich ich sagen möchte, 
dass es einen großen Reiz für mich hat, mal ein Buch zu 
schreiben - später im Leben, wenn die Zeit dafür reif ist. 
Der Release-Wahnsinn ist derart intensiv, dass viele 
ältere Klassiker wegen der Informationsüberflutung 
leider untergehen. Braucht die Hardcore-Bewegung 
eine Besinnung auf ihre Wurzeln, und wie macht man 
Jugendliche mit den Klassikern bekannt, was ja parado¬ 
xerweise im Metal viel besser funktioniert? 

Each one teach one. In jeder Crew gibt es ja immer ein 
paar jüngere Dudes und ich muss sagen, dass es bei uns in 
Stuttgart bis jetzt immer ganz gut funktioniert hat. Diese 
Haltung muss vielleicht auch von jedem gelebt werden. 
Ich selbst hänge ja nicht mit irgendwelchen Kids rum, 
fände ich irgendwie unpassend, wegen des Altersunter¬ 
schieds und so. Was soll ich mit denen reden? Über die 
ersten Sackhaare oder den ersten Fick? Aber ganz im Ernst, 
wenn ich dann und wann jüngere Bands sehe und die jun¬ 
gen Kids auf Konzerten wahrnehme, dann haben doch alle 
ihre BLACK FLAG-Buttons und MINOR THREAT-Patches 
und BAD BRAINS-Shirts an und so. Es gibt ja immer wie¬ 
der so eine Art Renaissance in der Szene. Da werden dann 
„alte Helden“ entdeckt und versucht, möglichst „origi¬ 
nell“ zu covern. Vor ein paar Jahren haben alle Rotzlöffel 
versucht, nach LEEWAY und Neunziger-Jahre-CRO-MAGS 
zu klingen. Dann war eine Zeit lang UNDERDOG die Sau, 
die durchs Dorf gejagt wurde. Eine Retro-Achtziger-Welle 
gab es auch schon. Youth-Crew-Style kommt auch alle paar 
Jahre wieder ins Rennen. Das schärft bei aller Peinlichkeit 
ja auch irgendwie den Blick für die alten Bands. Hardcore 
war doch aber auch schon immer recht progressiv und ich 
behaupte, dass sich Hardcore rein musikalisch alle paar 
Jahre neu erfindet. Es gibt nicht „den Hardcore“. Gibt es 
noch Bands wie CHOKEHOLD, STRUGGLE und UNBRO¬ 
KEN? Fragst du einen über 40-Jährigen nach diesen Bands, 
springt er dir mit dem nackten Arsch ins Gesicht und fragt 
dich, was die Scheiße soll, während hingegen Jungs und 
Mädels Ende 20 und Anfang 30 sicher von „alter Schule“ 
und Sozialisation sprechen, wenn diese Bands ins Rennen 
kommen. Wo setzen wir also an, wenn wir von alten Bands 
sprechen? 

Inwieweit hat Stuttgart 21 die ganze EMPOWERMENT- 
Chose angeheizt und einen Track wie „Blanker Hass“ 
mit dem Aufruf zum Antifaschismus, zur Solidarität und 
zur Demokultur vielleicht erst ermöglicht? 

„Konflikt“ ist eher der Song, der sich mit der S21-Sache 
auseinandersetzt und Emotionen dieser Zeit spiegelt, an 
den Pranger stellt und sicherlich auch den Konflikt bei uns 
im Kessel reflektiert. Da beziehen wir klare Stellung, ohne 
dabei dogmatisch zu sein. Selbstverständlich bin ich noch 
immer Stuttgart-21-Gegner und sage: „Ich habe diese 
Scheiße nicht gewollt“, sage jedoch auch, es gibt bei wei¬ 
tem wichtigere Dinge, die die Menschheit betreffen. Der 
Widerstand hat und hatte auch schon immer eine Schat¬ 
tenseite, eine ganz konservative und dogmatische Kom¬ 
ponente, mit der ich mich zu keinem Zeitpunkt identifi¬ 
zieren konnte. Mit Sicherheit hat dieser Aufstand der Bür¬ 
gerlichen ein gewisses Wachrütteln und Hinschauen in der 
„Normalo-Tagesschau-Bevölkerung“ erzeugt, wenn auch 
sicherlich nur im Kleinen. Dies finde ich positiv. PMA! Es 
ist wichtig, auf die Straße zu gehen und für seine Sache 
einzustehen. Ob EMPOWERMENT da jedoch eine tragende 
Rolle spielen, wage ich zu bezweifeln. Wir sind ein Tropfen 
im unendlichen Ozean, nicht mehr, nicht weniger. 

Macht es dich auch stolz, wenn du bedenkst, dass eben 
Leute wie die Jungs von MY HERO DIED TODAY, SIDE¬ 
KICK, Per Koro, BLACK FRIDAY ’29, TERROR undTRUE 
BLUE Hardcore einer breiten Masse zugänglich gemacht 
haben und auch Dinge und Infrastrukturen geschaffen 
haben, die in den Neunzigern schlichtweg nicht vorhan¬ 
den waren? 

Inwieweit die oben genannten Namen der breiten Masse 
den Weg zugänglich gemacht haben, weiß ich nicht. Schaue 
ich meinen Bro Patrick Kitzel/ex-TRUE BLUE an, der mit 
REAPER eine gute Platte nach der anderen rausbringt und 
es authentisch am Leben hält, dann habe ich dafür Res¬ 
pekt. Das Gleiche gilt für Scott und die TERROR-Crew. Ich 
persönlich liebe TERROR und achte und schätze den Weg 
der Brüder sehr. Für mich stinkt da auch nichts nach Sell- 
out und Kommerz. Marco war bei MY HERO DIED TODAY, 
richtig? War jetzt nie so meine Mucke, aber ich kenne 
Marco und die Avocado-Crew schon ewig und auch hier 
achte und schätze ich ihr Schaffen. In der Summe waren 
die Neunziger sicher wegweisend für viele Menschen, die 
jetzt am großen Hardcore-Kuchen partizipieren, vielleicht 
sogar profitieren. Ich mag Menschen, die ihre Roots nicht 
leugnen und nicht vergessen, woher sie kommen. 

Thomas Eberhardt deutschpunk.blogspot.de 


OX-FANZINE 70 




WEIL DIE WELT UNS NICHT GEFÄLLT _ 

VORKRIEGSJUGEND 

Die Berliner Hardcore-Punk Band VORKRIEGSJUGEND existierte gerade mal zwei Jahre (1982- 
1984), spielte in dieser Zeit knapp über 30 Gigs, veröffentlichte eine 7“ sowie ein Album. Insgesamt 
sind das gerade mal 20 Songs. Das ist nicht viel, aber reichte aus, um Kultstatus zu erreichen. Als stol¬ 
zer Besitzer der auf 900 Stück limitierten Doppel-7“ „Heute Spaß, morgen Tod“ aus dem Jahr 1983, 
gekauft bei Vinyl Boogie in der Gleditschstraße, sitze ich nun, 29 Jahre später und fast auf den Tag 
genau, an dem ich VKJ (zusammen mit STROMSPERRE) zum ersten Mal live im S036 gesehen habe, 
zusammen mit dem Gründungsmitglied und VKJ-Schlagzeuger Jürgen Heiland einen Steinwurf vom 
„Esso“ entfernt in einer typischen Kreuzberger Kneipe. Umringt von In-Läden und Latte-Macchiato- 
Stuben ist hier drinnen die Zeit scheinbar stehen geblieben. Ein durchaus passender Ort, zumal Jür¬ 
gen nicht über die Gegenwart sprechen möchte. Also begeben wir uns auf Spurensuche. 


Der Bandname VKJ stammt noch aus alten Frankfurter 
Startbahn-West-Zeiten und wurde von Jürgen mit nach 
Berlin genommen: „Ich bin ein sogenannter Wehrdienst¬ 
verweigerer, der 1980 nach Berlin gekommen ist, um 
damit die Bundeswehr zu umgehen.“ In Westberlin, wie 
eine Insel in der DDR gelegen, galten wegen des durch 
den Zweiten Weltkrieg bedingten Vier-Mächte-Status die 
Gesetze der Bundesrepublik Deutschland nicht in vollem 
Umfang, so etwa mussten dort mit Erstwohnsitz gemeldete 
junge Männer nicht den Pflichtwehrdienst (und auch kei¬ 
nen Zivildienst) ableisten. Wer konnte, setzte sich also nach 
Berlin ab, statt Ärsche oder Waffen zu putzen. Auch die spä¬ 
teren Bandmitgheder Klaus Hicker und Michael Weindl 
waren BW-Flüchtlinge aus Westdeutschland und kamen 

1982 nach Berlin-Kreuzberg. Die beiden machten bereits 
zuvor in Freising zusammen mit dem späteren zweiten 
VKJ-Gitarristen Sepp Musik. In einem besetzten Kreuzber¬ 
ger Haus trafen sie auf Jürgen, und es wurde nicht nur eine 
Band begründet, sondern man lebte oder besser gesagt: 
vegetierte gemeinsam in besetzten Häusern. Ohne Strom, 
aber mit fließend Wasser (von den Wänden), solange bis 
geräumt wurde. Dann ging es in das nächste Haus, wieder 
Müll, Ruinen, Mauer, Stacheldraht und DDR-Grenzwach- 
türme in Sichtweite. 

Der erste VKJ-Bassist wurde durch Bomber ersetzt und 

1983 entstand so etwas wie ein festes Line-up und eben 
auch die „Heute Spaß, morgen Tod“-Single, heute ein 
gesuchtes Sammlerobjekt. „Ja, Vinyl Boogie, dieser And¬ 
reas ... Diese Doppelsingle, die hat er verkauft ohne Ende. 
Das lief dann so ab: Wir wurden alle paar Wochen von ihm 
angerufen, dann konnten wir in den Laden gehen und uns 
dort 50 D-Mark abholen.“ Songs wie „Vaterland“, „Rache“ 
oder „Wir sind die Ratten“ wurden Klassiker und bildeten 
nicht nur den passenden Soundtrack zum Straßenkampf, 
sondern wurden in der Folgezeit gerne gecovert, so auch 


von RAWSIDE, welche VKJ gleich ein ganzes Tributalbum 
widmeten. Das Coverfoto der 7“ zeigt die damalige Band¬ 
unterkunft in der Görlitzer Straße 37, hier waren auch 
Mitglieder der DEUTSCHEN TRINKERJUGEND sowie die 
„Görlitzer Flugstaffel“ beheimatet. Das waren kaputte Jun¬ 
kies, die - in dem Glauben, sie könnten fliegen - aus dem 
Fenster gesprungen sind. 

Mit der Single im Rücken ging es für VKJ plötzlich nach 
oben und die Band fand sich im Vorprogramm von briti¬ 
schen Bands wie ADICTS oder ONE WAY SYSTEM wieder, 
in einer komplett anderen Welt: „Wir kannten damals den 
für die Europatournee zuständigen Manager. Der hat dann 
gemeint, er zahlt das aus eigener Tasche und wir können 
als Vorgruppe mitfahren. Als Vorgruppe mitfahren musst du 
dir so vorstellen: du fährst mit einem kaputten VW-Bus los, 
alles stinkt nach Pisse, alles ist kaputt und die ... na egal, wir 
haben es geschafft.“ 

Was Jürgen nicht ausspricht: Hier trafen Welten aufeinan¬ 
der, Hausbesetzerpunks und Straßenkämpfer auf der einen 
Seite und Bands, die sich im abgetrennten Backstagebe¬ 
reich vor dem Gig mit Haarspray und Schminke aufstylen 
auf der anderen. Aber hier liegt vielleicht auch der Grund 
für die große Wertschätzung, die der Band noch immer 
entgegenschlägt: VKJ haben ihre Texte mehr oder weniger 
wirklich gelebt. „Na ja, je nachdem. Vielleicht auch nicht. 
Da sollte man nicht zu viel reininterpretieren, Songs wie 
,Rache* waren ziemlich billig, fand ich. Bei allem Respekt, 
wir waren nur fertig. “ 

Nach der Doppel-7“ folgte mit dem selbstbetitelten VKJ- 
Debütalbum 1984 ein weiterer Meilenstein. Doch zuvor 
wurde der Bass von Markus „Bomber“ Noack an Thomas 
„Heschel“ Rickert weitergereicht und mit Sepp „Fuchs“ 
Ehrensberger (später JINGO DE LUNCH) als zusätzli¬ 
chem Leadgitarristen entwickelte die Band ihren typischen 
Sound weiter. Neben Hardcore-Punk-Klassikern wie „Auf¬ 


stand im Ghetto“, „Der Sarg“ oder „Tilt“ zeigten Songs 
wie „Die letzte Schlacht“ oder „The end“ sehr eindrucks¬ 
voll die musikalischen Möglichkeiten der Band auf. Hier 
begannen aber auch die ersten Schwierigkeiten. Da ein 
Album für Vinyl Boogie eine Nummer zu groß war, mel¬ 
dete sich ein gewisser Rocky, der später mit „Kein Dank 
an Rocky“ auf dem VKJ-Album erwähnt wird. „Das war 
wegen den rechtlichen Querelen, die damals so abliefen. 
Da kommt ein super Kumpel von dir und sagt: .Komm, 
ich habe Geld, ich bringe eine Platte raus.' Dann hatten 
wir plötzlich eine Platte, was eigentlich niemand wollte. 
Die wurde viel gekauft, und plötzlich denkst du, was ist 
denn jetzt los?“ 

Und auch innerhalb der Band brodelt es immer heftiger, da 
Sepp und Jürgen unter dem Namen ZERSTÖRTE JUGEND 
zusammen mit dem ehemaligen VKJ-Bassisten Bom¬ 
ber ein weiteres Bandprojekt am Laufen hatten (VKJ mit 
Doom-Einschlag und teilweise englischsprachigen Texten, 
Anspieltip: „Tanz aus dem Ghetto“). Die Band war gespal¬ 
ten, ein Teil wollte noch etwas anderes machen und ein 
anderer wollte die gesamte Energie in die VORKRIEGSJU¬ 
GEND stecken. Als die ZJ dann auch noch quasi in flagranti 
von Sänger Klaus im Proberaum erwischt wurde, war end¬ 
gültig Schluss. 

Jürgen denkt ohne Wehmut zurück: „Also meine Meinung 
ist, wenn man seine Sache gut macht, sollte man sie gut 
machen und aufhören, bevor man Scheiße baut.“ Dies ist 
wohl ein weiterer Grund für den unglaublichen Kultsta¬ 
tus, den VKJ auch heute noch besitzen, sie haben rechtzei¬ 
tig das Handtuch geworfen. Im Internet taucht der Name 
VKJ als Referenztreffer bei zahlreichen Deutschpunk-Inter¬ 
netauktionen auf. Informationen über die Band findet man 
hingegen kaum und selbst die spärlichen Einträge sind Jür¬ 
gen ein Dorn im Auge: „Du siehst dich auf diesem Bild¬ 
schirm und hast es gar nicht erlaubt. Du möchtest nicht, 
dass so etwas von dir dargestellt wird. Klar kannst du dage¬ 
gen angehen und Wikipedia schneidet das wieder raus. 
Aber wie kann es sein, dass so etwas passiert?“ 
Zustimmung findet lediglich die sehr lesenswerte Band¬ 
biografie im Booklet der „Wir sind die Ratten“ VKJ-Zusam- 
menstellung. Diese Compilation enthält alle Songs der Dop¬ 
pel-7“ und des Debütalbums, ist auf Vinyl (Weird System) 
und als CD (Destiny) erhäldich. Die CD kommt zusätzlich 
mit 13 Minuten unveröffentlichtem Filmmaterial, Inter¬ 
view und Proberaumclips. Der Vollständigkeit halber sei 
noch erwähnt: 1998 gab es mit der EP „Widerstand dem 
Teutonenland“ ein kurzzeitiges Lebenszeichen unter dem 
Namen VKJ mit Jürgen Heiland als einzigem Originalmit¬ 
glied. Aktuell ist Jürgen als Gastsänger auf dem Album „Der 
Luxus unter wilden Tieren“ von KUMPELBASIS zu hören. 
Kay Werner myspace.com/vorkriegsjugend 



OX-FANZINE 71 















SWAMP BLUES UND KATHARSIS 

CRIME & THE CITY SOLUTION 

Manch einer behauptet, dass es der Gesang von Simon Bonney und die Musik von CRIME & THE CITY SOLUTION gewesen seien, die Nick Cave zu einer 
Zeit beeinflussten, als dieser noch mit seiner Band THE BOYS NEXT DOOR wie David Bowie und Art Rock klingen wollte. CRIME & THE CITY SOLUTION, 
1977 in Sydney von Sänger Simon Bonney ins Leben gerufen, waren die ersten Jahre bis 1985 überschaubar produktiv in Sachen Veröffentlichungen, was 
sich schlagartig änderte, als die Band 1985 mit dem Multi-Instrumentalisten Mick Harvey und dem 2009 verstorbenen Gitarristen Rowland S. Howard von 
den zuvor aufgelösten THE BIRTHDAY PARTY mit neuem musikalischen Rückgrat wie Phoenix aus der Asche auferstand und fortan von Swamp Blues und 
Katharsis geprägte Alben auf Daniel Millers Mute Records veröffentlichten. 


Bereits ihre erste EP „The Dangling Man“ war ein dunk¬ 
les Fanal. Während der Studio-Sessions kam Schlag¬ 
zeuger Epic Soundtracks als Bandmitglied hinzu, wel¬ 
cher zu diesem Zeitpunkt für Mute Musikerbiografien 
schrieb und bereits in Bands wie den SWELL MAPS (mit 
seinem Bruder Nikki Sudden) und bei RED CRAYOLA 
mitgewirkt hatte. Gerade Rowland S. Howard erschien 
die Band nach der Zeit mit THE BIRTHDAY PARTY wie 
eine kreative Befreiung. 

Nach dem fulminanten Album „Room Of Lights“ fand 
mit „Shine“ ein musikalischer Wandel statt, nachdem 
die Brüder Rowland und Harry Howard die Gruppe ver¬ 
lassen hatten, um THESE IMMORTAL SOULS zu grün¬ 
den, und Gitarrist Alex Hacke (EINSTÜRZENDE NEU¬ 
BAUTEN) sowie Thomas Stern und Chrislo Haas, Grün¬ 
dungsmitglied von DAF und LIAISONS DANGEREU- 
SES, die Band verstärkten. Die Musik wurde durch den 
sphärischen Einsatz elektronischer Versatzstücke melo¬ 
diöser, weniger kantig und verlor die einfache Struktur 
des Blues, generierte aber immer noch eine dunkle Fas¬ 
zination. 

Anfang der Neunziger Jahre löste sich die Band auf und 
Simon Bonney zog in die USA. Vor Ort suchte er neue 
Musiker, mit denen er sein erstes Soloalbum „Forever“ 
(1992) einspielte. Nicht nur in seinen Songs beschwört 
Bonney das Schicksal des unsteten Wanderers, denn die¬ 
ses Leben führte er auch. Nach der Veröffentlichung des 
Albums packte er alle seine Habseligkeiten zusammen, 
um mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter die Reise 
durch den amerikanischen Kontinent anzutreten. Das 
Cover zum Folgealbum „Everyman“ (1995) zeigt Bilder 
der reisenden Familie. Die Songs spiegeln die Gegeben¬ 
heiten des unermüdlichen Nomadendaseins wider: sie 
entstanden größtenteils auf den Highways. Dann wurde 
es ruhig um den Musiker, der sich mittlerweile in Det¬ 
roit niedergelassen hatte. 

Im Herbst 2011 belebte er mit seiner Frau Bronwyn 
Adams CRIME & THE CITY SOLUTION neu. Alex Hacke 
ist auch wieder mit dabei und dessen Lebensgefährtin, 
die Künstlerin Danielle de Picciotto, ist für die Illust¬ 
ration der Website der Band und das Artwork des neuen 
Albums zuständig. Im Herbst 2011 gab die Band einige 
Konzerte in den USA, bei denen auch Bonneys Freund 
David Eugene Edwards (WOVEN HAND, 16 HORSEPO- 
WER) mitwirkte. Im April 2012 waren sie im Studio in 
Detroit und anschließend nahm sich Simon Bonney ein 
wenig Zeit für ein Interview. 

Simon, du hast CRIME & THE CITY SOLUTION nach 
etwas mehr als 20 Jahren wieder ins Leben gerufen. Was 
hast du neben deinen beiden Soloalben sonst gemacht in 
der Zeit und wie bist du in Detroit gelandet? 

Die Band hat sich ja offiziell nie aufgelöst, aber als Bron¬ 
wyn und ich in die USA zogen, hatten wir so viele andere 


Dinge zu tun. Die Familie spielte eine große Rolle. Aber 
nun sind wir zurück und die Aufnahmen zum neuen 
Album sind sehr gut gelaufen. Wir sind sehr zufrieden 
damit. Seit Mitte der Neunziger Jahre mache ich immer 
wieder Musik in Detroit, aber zuletzt war nun das erste 
Mal, dass daraus wirklich ein eigenständiges Album ent¬ 
standen ist. Ich denke, dass Detroit - so wie damals Ber¬ 
lin vor der Wiedervereinigung, als wir am Soundtrack zum 
Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ mitwirkten 
- sehr gut zu CRIME &THE CITY SOLUTION passt. Detroit 
hat etwas von einer zerfallenden Erhabenheit, ein gefalle¬ 
nes Empire und nicht zuletzt wie Berlin einen sehr leben¬ 
digen musikalischen Underground. 

Wie bist du nach all den Jahren wieder mit Alex Hacke 
von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN in Kontakt gekom¬ 
men und was war deine ganz persönliche Motivation, 
CRIME &THE CITY SOLUTION wieder zu beleben? 

Nun, das bringen wohl die Möglichkeiten des Internets mit 
sich. Es scheint so, dass man nun wirklich jeden weltweit 
mit einem Click erreichen kann: alte Freunde, sogar Lehrer, 
verloren gegangene Eltern und eben befreundete Musiker. 
Ich hatte schon lange geplant, ein neues Album mit CRIME 
& THE CITY SOLUTION einzuspielen. Die Idee ist über 
viele Jahre gewachsen, aber letztlich ist eben immer etwas 
dazwischen gekommen. Ich hatte kleine Kinder, und wäre 
ich zu dieser Zeit mit der Band auf Tour gegangen, wäre 
ich sehr lange unterwegs gewesen, was für mich nicht in 
Frage kam. Jetzt sind meine Kinder älter und eigenständi¬ 
ger, und ich kann auch wieder regelmäßig aufTour gehen, 
ohne dass meine Familie darunter leidet. Und letztlich ist 
die Zeit erst jetzt für mich, Bronwyn und Alex reif gewe¬ 
sen, wirklich mit den Aufnahmen loszulegen. 

Danielle de Picciotto, die Lebensgefährtin von Alex 
Hacke, hat das Artwork für eure Website gestaltet. Wird 
Danielle auch das Coverartwork des neuen Albums ent¬ 
werfen? 

Danielle ist ein richtiges und vollwertiges Mitglied von 
CRIME & THE CITY SOLUTION und sie wird für das 
gesamte Artwork des Albums zuständig sein. Dies schließt 
auch diverse Projektionen und Aufbauten auf der Bühne 
mit ein, wenn wir aufTour gehen werden. Ich freue mich 
sehr darüber, dass sie dabei ist, da ich schon immer wollte, 
dass das Gesamtbild der Band - und dazu gehört eben auch 
das Bühnenbild — in einem stimmigem Gesamtkonzept 
steht, wie wir das beispielsweise auch bei unseren Auftrit¬ 
ten während der Arbeit für „Der Himmel über Berlin“ mit 
Wim Wenders hatten. Ich wollte die Musik schon lange 
stärker mit visuellen Arrangements ergänzen. Dies verstärkt 
nicht nur die Musik, sondern auch die Texte und das Ver¬ 
ständnis und die Fantasie der Zuhörer. Für mich wird das 
Gesamtbild der Band besser als es jemals zuvor. 

Im März 2012 haben Mick Harvey, Phil Calvert, der 
ehemalige Schlagzeuger von THE BIRTHDAY PARTY, 


der erstmals nach 30 Jahren wieder mit Mick auf der 
Bühne stand, sowie die Schwester von Rowland S. How¬ 
ard, Angela Howard, ein Konzert zu seinem Gedenken 
in Melbourne gespielt. Rowland war auch Mitglied bei 
CRIME & THE CITY SOLUTION. Wie ist deine Erinne¬ 
rung an ihn? 

Meine schönsten und intensivsten Erinnerungen an Row¬ 
land sind sicherlich ganz frühe, als ich ihn 1978 in Syd¬ 
ney getroffen habe. Er kam gerade mit Ollie Olsen aus Mel¬ 
bourne, um seine damalige Band YOUNG CHARLATANS 
musikalisch zu verstärken. Beide - Rowland und Ollie - 
gehörten sicherlich zu den aufregendsten, interessantes¬ 
ten und exotischsten Menschen, die ich bis dato getrof¬ 
fen hatte. Sie verkörperten so ziemlich alles vom dem, was 
ich idealerweise mit Musik assoziierte, und wohin ich mit 
meiner Musik und der Band wollte. Dieses erste Treffen war 
ein starkes und prägendes Erlebnis in meinem Leben. 

Ihr habt soeben die Songs für das neue Album einge¬ 
spielt. Unter welchen Einflüssen stehen die Texte und 
die Musik? 

Meine Texte sind stark von den Erlebnissen und Eindrücken 
auf meinen Reisen geprägt. Manchmal sind es auch Filme 
oder ganz spezielle Themen, die ich in der Zeitung gele¬ 
sen habe, die Eingang in die Lyrics finden. Da ich so gut 
wie keine Musik höre, spielen andere Musiker und deren 
Texte eher eine untergeordnete Rolle als Quelle der Inspi¬ 
ration. Als ich jung war, habe ich viel Bob Dylan, Lou Reed 
und Van Morrison gehört und das waren auch alles damals 
wichtige Einflüsse. Um ehrlich zu sein, bin ich oft auch zu 
wenig motiviert, neue Musik zu erkunden und für mich 
zu entdecken. Die meisten Sachen, die ich höre, finde ich 
durch Zufall. Irgendwann hat mich ein guter Freund auf 
WOVEN HAND aufmerksam gemacht. Die Texte von David 
Eugene Edwards sind sehr beeindruckend und inspirierend 
für mich. Sie zeigen ein tiefes Verständnis für die Dinge, die 
wirklich von Bedeutung sind, die Wert und Wahrhaftigkeit 
haben. Es findet sich in seinen Songs immer eine wunder¬ 
bare Hingabe, da gibt es keinen überflüssigen Ballast: alles 
ist stimmig und hat Tiefe. Musikalisch ging meine Reise oft 
über LED ZEPPELIN, DEEP PURPLE, BLACK SABBATH oder 
FUNKADELIC. 

Wenn du auch nicht unbedingt bewusst nach neuer 
Musik suchst, gehst du noch zu Konzerten, um dich mit 
neuen Einflüssen zu beschäftigen? 

Nicht wirklich, aber ich war sehr froh, eben WOVEN 
HAND für mich entdeckt zu haben, und ich bin natürlich 
immer offen dafür, was meine Freunde für Musik hören. 
Aber um ehrlich zu sein, passiert das nicht zu oft. Ich 
lese eher ein gutes Buch, schaue mir einen guten Film an 
oder beschäftige mich lieber mit Malerei als mit Musik, 
die gerade irgendwie angesagt ist. Kürzlich bin ich auf 
die Band SUAVITY’S MOUTHPIECE aufmerksam gewor¬ 
den sowie auf eine Künsderin namens Monique Ortiz, 
die bereits in der Band A.K.A.C.O.D. gemeinsam mit Musi- 


OX-FANZINE 72 









kern von MORPHINE und BINARY SYSTEM gespielt hat. 
Ich mag ihre Musik sehr. Sie spielt Bass und singt, aber ich 
habe ihre Musik auch eher beiläufig entdeckt. 

Wie hat Daniel Miller von Mute Records reagiert, als 
du ihn wegen des anstehenden neuen Albums angeru¬ 
fen hast? 

Um ehrlich zu sein: zurückhaltend bis verhalten. 

Du lebst in Detroit, das einst mit Bands wie MC 5 und 
THE STOOGES so etwas wie die Keimzelle in Sachen 
US-amerikanischem Punk war. Gibt es diesen Geist in 
Detroit noch? 

Detroit ist natürlich seit einiger Zeit in erster Linie vom 
ökonomischen Zerfall geprägt. Die Wirtschaftskrise hat 
Detroit sehr viel härter getroffen als die meisten anderen 
amerikanischen Städte. Unglaublich viele Menschen haben 
ihren Job und ihr Haus verloren. Aber ganz typisch für Det¬ 
roit ist, dass die Stadt nicht klein zu bekommen ist und 
so gibt es einen immer noch enorm lebendigen musikali¬ 
schen Underground. Die Szene ist hier sehr aktiv. Musiker 
wie Mathew und Troy, die Bass und Keyboards bei CRIME 
&THE CITY SOLUTION spielen, richten sich zu Hause ihr 


Heimstudio ein und lassen den Geist weiterleben, der diese 
Stadt bestimmte. Man kann die beiden für keinen Moment 
davon abhalten, Musik zu machen. Solche Musiker treiben 
die Szene an. Und so ist das Szenario gegenwärtig eher 
zweigeteilt: ökonomisch stirbt die Stadt, aber musikalisch 
lebt sie weiterhin sehr intensiv. 

Du bist in Australien geboren, hast unter anderem in 
London und Berlin und vielen anderen Orten gelebt 
und seit vielen Jahren in den USA. Wie würdest du deine 
„emotionale Bindung“ zu diesem Land beschreiben? 

Ich lebte in der Zeit der beiden Präsidentschaften von Bush 
Senior und Bush Junior in Los Angeles. Meine Kinder sind 
dort aufgewachsen. Ich hatte einen regulären Job, einen 
Pickup-Truck, ein Haus und um ehrlich zu sein, war ich 
die meiste Zeit glücklich mit diesem Leben. Ich mochte 
es, meinen Kinder bei ihrer Entwicklung zuzusehen, mit 
dem Truck herumzufahren und einfach mein eigenes Ding 
zu machen. Ich weiß, das mag sich für dich etwas gewöh¬ 
nungsbedürftig anhören, aber ich habe es immer sehr 
geschätzt, meinen Lebensunterhalt mit solider handwerk¬ 
licher Arbeit zu bestreiten, und auf diese Weise war Los 
Angeles eine wichtige Durchgangsstation und generell 


eine entscheidende Zeit in meinem Leben voller Höhen 
und Tiefen. 

Bist du noch in Kontakt mit Musikern aus der Vergan¬ 
genheit, speziell aus deiner Zeit in Berlin? 

Ich habe noch engen Kontakt mit einem Freund aus die¬ 
ser Zeit, aber ansonsten ist das im Wesentlichen Alex Hacke 
von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, mit dem ich in Kon¬ 
takt bin. 

Zum Schluss die ganz entscheidende Frage nach dem 
Erscheinungsdatum der neuen Songs und einer mögli¬ 
chen Tom- auch in Deutschland. 

Wir planen mit 13 Musikern und Künsdern eine kleine 
Tour in Europa im Oktober und November. Es wird defi¬ 
nitiv einige Dates in Deutschland geben, aber ich kann 
dir jetzt noch nicht genau sagen, wann und in welchen 
Städten. 2013 wird es dann noch eine umfangreiche Tour 
geben. Im September wird dann auf Mute noch eine Com¬ 
pilation mit Songs von CRIME & THE CITY SOLUTION aus 
der Zeit in Berlin erscheinen und im Februar 2013 kommt 
das neue Album „American Twilight“ raus. 

Simon, vielen Dank für das Interview. 

Markus Kolodziej crimeandfhecitysolution.com 



NEW YORK, LOWER EAST SIDE: HOME SWEET HOM E! 

R0SENK0PF 

Pieter Schoolwerth ist Maler, DJ und Organisator der mittlerweile weit über die Grenzen von New 
York bekannten Wierd-Party-Events und -Konzerte und hat mit seinem vor einigen Jahren gegrün¬ 
deten Label Wierd Records vor allem im Bereich Minimal Wave und Minimal Electronics Bands wie 
XENO & OAKLANDER, Frank Turner, AUTOMELODI, LED ER EST oder MARTIAL CANTEREL ver¬ 
öffentlicht. In jüngster Zeit fanden aber auch Bands wie VAURÄ, hervorgegangen aus der New Yor¬ 
ker Band BLACKLIST, auf seinem Label eine Plattform, die in ihren Einflüssen zwischen Post-Punk 
und Industrial Noise stehen. Sein aktueller Geniestreich ist ohne Zweifel R0SENK0PF, ein New Yor¬ 
ker Trio, dessen Mitglieder zuvor in diversen Punkbands aktiv waren (DETESTATION, THRILLER, 
DAWN OF HUMANS), bevor sie 2010 R0SENK0PF gründeten. Und hier hat das Trio der New Yor¬ 
ker No-Wave-, Industrial- und Noise-Bewegung wieder neuen Auftrieb gegeben. Ihr Sound ist eine 
bassbetonte Industrial-Post-Punk-Apokalypse, die Vergleiche mit SUICIDE, SWANS oder DNA nicht 
scheuen muss. Allerdings findet sich in ihrer Musik auch die schleppende Dunkelheit der frühen 
SAINT VITUS zu Zeiten von „I bleed black“. Das Trio, bestehend aus Bassistin Saira Huff, Sänger und 
Gitarrist Soren Roi und Schlagzeuger Emil Bognar-Nasador, dringt in einen Strudel dunkler Sounds¬ 
capes ein, mitten in das Auge des Orkans. Schoolwerth kategorisierte völlig zu Recht ihr selbstbeti¬ 
teltes Debütalbum als seine bisher soundtechnisch dunkelste Veröffentlichung. Grund genug, R0- 
SENK0PF ein paar Fragen zu stellen, welche die charmante Saira beantwortete. 


Saira, die Dunkelheit in eurer Musik klingt teilweise fast 
endzeitlich und apokalyptisch. Da werden auch Erinne¬ 
rungen wach an die New Yorker No-Wave-Bewegung 
Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger Jahre. Was 
sind zentrale Einflüsse bei euch? 

Der größte Einfluss ist das Leben selbst und die Umstände, 
unter denen jeder Einzelne lebt. Die Einflüsse, die du jetzt 
aus unserer Musik heraushörst und sich speziell auf New 
Yorker Bands beziehen, kommen eher von Soren und Emil, 
die beide auch in New York geboren sind. Zusammen 
haben wir alle ein breites Spektrum musikalischer Vorlie¬ 
ben, die von HAWKWIND, David Bowie, ROXY MUSIC, 
DEEP PURPLE bis hin zu FUNKADELIC reichen. Aber 
natürlich spielen Punk und andere Genres speziell aus den 
Achtziger Jahren auch eine große Rolle sowie psychedeli¬ 
sche Musik aus den Sechziger Jahren. Letzdich fließt alles 
ein, was emotionale Tiefe hat und eine gewisse Dunkelheit 
in sich birgt. Soren ist sehr interessiert an vielen elektro¬ 
nischen Sachen und Neo-Folk. Bands wie SKINNY PUPPY 


und APHEX TWIN sind sehr wichtig, aber vor allem sind 
es auch Rowland S. Howard und THE BIRTHDAY PARTY, 
die Soren inspirieren. Emil hingegen ist komplett offen 
für verschiedene musikalische Strömungen und völlig 
undogmatisch in Bezug auf Musik. Er mag, und das wird 
dich überraschen, das „Voodoo“-Album von D’Angelo, 
MAGMA, MICE PARADE und lässt sich aber auch durch 
Tape-Loops, den Krach vorbeifahrender Züge und Bau¬ 
lärm inspirieren. Für einen Schlagzeuger durchaus nach¬ 
vollziehbare Einflüsse. 

Songs wie „Heed“ und „Untitled“ haben auch diese 
Dunkelheit zwischen WARSAW und JOY DIVISION in 
sich. Wie kommt ihr auf solche Songs? 

„Untitled“ ist der erste Song, den wir geschrieben und 
zusammen eingespielt haben. „Heed“ ist auch ein älte¬ 
rer Track. Wir haben hier keine spezifischen Einflüsse oder 
Inspirationsquellen. Jeder kommt mit einer ganz eige¬ 
nen emotionellen Konditionierung ins Studio, wir pro¬ 
ben einige Stunden, bis der Song unserer Auffassung nach 


musikalisch und in seiner Intensität funktioniert, und 
so entstehen diese Songs - es entwickelt sich aus dem 
Moment heraus. 

Was macht ihr neben R0SENK0PF sonst? Ich denke, 
New York kann hier Plattform für viele Möglichkeiten 
sein. 

Ursprünglich bin ich nach New York gezogen, um mich 
weniger mit Musik denn mit dem Thema Mode zu beschäf¬ 
tigen, um hier etwas weiterzukommen. Neben den Band¬ 
aktivitäten verbringe ich die meiste Zeit mit der Entwick¬ 
lung meines eigenen Modelabels und arbeite als professi¬ 
onelle Schneiderin und Designerin. Ich bin an allem inte¬ 
ressiert, was mit dem Design von Klamotten bis hin zum 
Erforschen verschiedener Materialien und der Entwicklung 
von neuen Schnitttechniken zu tun hat. Ich bin dankbar 
dafür, dass ich genau das machen kann, was ich auch will. 
Soren studiert gegenwärtig Leder- und Accessories-Design 
am Fashion Institute of Technology. Das FIT in New York 
ist in diesem Bereich eine wirklich renommierte Univer¬ 
sität. Und er verdient sein Geld im Home Sweet Home, 
einer Bar und Veranstaltungsort in Manhattan, in der Pieter 
Schoolwerth von Wierd Records regelmäßig seine Veran¬ 
staltungen organisiert, und in der wir letzte Woche unsere 
CD-Release-Party hatten. Emil hat gerade seinen Abschluss 
in Percussion gemacht und spielt außer bei R0SENK0PF 
noch in anderen Bands. Er bastelt gegenwärtig viel an 
Industrial-Tapes und Experimental Performances. 

Mit welchen Clubs und welchen Bands fühlt ihr euch in 
New York besonders verbunden? 

Es gibt so viele großartige Clubs und Bars, die du besu¬ 
chen solltest, in denen wirklich regelmäßig aufregende 
Bands spielen, die uns auch nahestehen, wie SPICOLI, 
DECREPIT JAW, PHARMAKON, PERDITION, HANK WOOD 
&THE HAMMERHEADS. Da sind auch viele Bands von den 
lokalen Labels wie Sacred Bones, Dais, Toxic State Records 
und natürlich unser Label Wierd Records. Auf allen die¬ 
sen Labels findest du Bands, mit denen wir teilweise auch 
zusammen auftreten. 

Ich habe den Eindruck, dass Soren seinen intensiven 
„Scream-Gesang“ eigentlich weniger als Gesang im 
engeren Sinne denn als ein zusätzliches Instrument ein¬ 
setzt. 

Genauso ist es auch. Soren versteht ihn wirklich mehr als 
ein zusätzliches Instrument. Ich denke, ihm ist der Begriff 
„LeadVocals“ auch eher suspekt. Diese Art, sich durch eine 
bestimmte Form des Schreiens auszudrücken, ist für Soren 
ganz normal und resultiert aus seiner Vergangenheit in 
diversen Punkbands. Die Texte selbst haben eher den Cha¬ 
rakter von Geboten oder Anweisungen, nicht im Sinne 
eines erzählerischen Stils, sondern eher als fast unkont¬ 
rollierte und eruptive Ausbrüche mit einer sehr impulsi¬ 
ven Betonung, um ihnen mehr Bedeutung und Power zu 
geben. 

Exakt das hat mich bei euren Live-Shows sofort an Alan 
Vega und SUICIDE erinnert. Habt ihr einen besonderen 
Bezug zu dieser New Yorker Institution? 

Wir haben eigentlich zu keiner Band einen wirklich aus¬ 
geprägten Bezug in Gestalt einer Referenz oder Reminis¬ 
zenz. Soren ist großer Fan von SUICIDE, dennoch ist er 
der Auffassung, dass der musikalische Ansatz von SUICIDE 
ein komplett anderer ist als der unsere, ebenso die Perfor¬ 
mance auf der Bühne. Viele sagen uns nach Konzerten, dass 
wir auf der Bühne sehr hypnotisch sind, vor allem auch 
durch Emils sehr perkussive und intensive Art und Weise 
Schlagzeug zu spielen. SUICIDE und Alan Vega waren doch 
eher mehr in Richtung Avantgarde und antagonistisch in 
ihrer Musik und in der Form, dies auf der Bühne auszu¬ 
leben. Obwohl wir vielleicht ab und an auch „avantgar¬ 
distisch“ sind, haben unsere Songs doch immer eine klare 
Struktur und sind sehr straight forward. 

Markus Kolodziej rosenkopf.bandcamp.com 


OX-FANZINE 73 








Sharon Woodward ist eine britische Independent-Regisseurin, die seit vielen Jahren schon an diversen 
britischen Filmhochschulen und bei der BBC jungen Leuten das unabhängige Filmgeschäft näher bringt, 
sie in Sachen Dokumentarfilm und Regieführung unterrichtet. Kurz vor der Jahrtausendwende, der kom¬ 
merziellen Auftragsarbeiten überdrüssig, gründete Sharon ihre eigene Produktionsfirma Mischief Enter¬ 
tainment und drehte diverse Freelancer-Werke über Menschen am Rand der Gesellschaft, wie bei¬ 
spielsweise „Interviewing Vampires From Poole“, eine Doku über eine seltsame Gruppierung, die ihrem 
Selbstverständnis nach Vampire sind und mit dem sie auch auf den Filmfestspielen in Cannes und Edin¬ 
burgh auf sich aufmerksam machte. Nachdem sie „This Is England“ gesehen hatte, kam ihr die Idee, ihre 
eigene Jugend als Skinheadgirl in einer Dokumentation zu verfilmen. „Thank you! Skinhead Girl“ ent¬ 
stand, eine Hommage fernab der üblichen Berichterstattung über Skinheads. 


Sharon, wie kamst du zum Filmemachen? 

Ich habe bereits 1984/85 erste Erfahrungen beim Film 
gesammelt, damals habe ich aber hauptsächlich geschau- 
spielert. 1986 habe ich einen einjährigen Lehrgang für 
Arbeitslose belegt, der zusammen mit der Oxford Film¬ 
makers Cooperation veranstaltet wurde, und habe dabei 
Videos für Gemeinden, Jugendzentren und Seniorenzent¬ 
ren gedreht. Dann ging ich an die Newport Film School in 
Wales, heute ist das die Universität von Wales. Dort habe 
ich Dokumentation und Filmschnitt studiert, habe aber 
auch einen Kurzfilm namens „Morning After The Night 
Before“ gemacht, der einen Studentenpreis des Walisischen 
Filmrats gewonnen hat. Anschließend habe ich beim BBC 
in Wales als Assistentin und Mitarbeiterin im Schnitt gear¬ 
beitet und dann bei Tyne Tees Television als zweite Schnit¬ 
tassistentin an einem Spielfilm. Später ging ich zur Natio¬ 
nal Film and Television School und drehte den Film „The 
Journey“, der ebenfalls ein paar Preise gewann. 

Wie lange machst du jetzt schon Filme? 

Ich habe insgesamt sechs Jahre lang das Handwerk gelernt, 
aber wirklich angefangen habe ich 1992, als ich zum ers¬ 
ten Mal freiberuflich gearbeitet habe. Also mache ich jetzt 
seit ungefähr 20 Jahren Filme. Ich drehe größtenteils für 
Gemeinden, obwohl ich manchmal auch das Verlangen 
habe, einen Film alleine für mich zu machen. Von 2003 bis 
2010 habe ich zusammen mit jungen Menschen zwischen 
16 und 25 gearbeitet, die körperlich oder geistig behin¬ 
dert sind. Das ist eine großartige Möglichkeit, che Persön¬ 
lichkeit von Menschen zum Vorschein zu bringen. Wenn 
jemand zum Beispiel Probleme mit dem Sprechen hatte 
und nur Zeichensprache benutzte, war das Filmemachen 
eine tolle Art zu kommunizieren. Diese jungen Leute haben 
auch Preise für ihre Filme gewonnen. 

Was bedeutet es für dich, unabhängig Filme zu drehen? 
Für mich bedeutet es, dass man nicht Teil der Mainstream- 
Industrie ist. Es ist also ein bisschen wie bei Indielabels. 
Das Gute daran ist, dass du die Freiheit hast, einen Film zu 
machen, ohne dass dir jemand sagt, wie du ihn schneiden 
oder welches Zielpublikum du damit ansprechen sollst. 
Andererseits hat man Geldprobleme. Wenn das, was du 


tust nicht massenkompatibel ist, bekommst du auch keine 
Unterstützung der Filmindustrie. 

Und wie findest du dann Geldgeber für deine Filme? 

Bei meinen eigenen Filmen habe ich mich darum immer 
selbst gekümmert. Ich habe immer erst Unterstützung 
bekommen, nachdem ich etwas gedreht und mögliche 
Geldgebern die Ausschnitte gesehen hatten. Im Vorfeld 
habe ich nie Geld bekommen, immer nur, nachdem die 
Leute gesehen haben, was ich gedreht hatte. Von Screen 
South habe ich jedoch tatsächlich ein Angebot für „Thank 
You Skinhead Girl“ bekommen. Sie wollten mir ein biss¬ 
chen Geld geben und waren daran interessiert, daraus 
einen Spielfilm zu machen. Allerdings wollten sie dafür 
einen weiteren Redakteur engagieren, einen Blick auf die 
Produktion werfen, und gegebenenfalls noch etwas dre¬ 
hen. Über dieses Angebot habe ich eine Woche lang nach¬ 
gedacht, bevor ich mich bei ihnen gemeldet habe. Ich 
konnte an nichts anderes denken und habe gegrübelt, 
was ich tun sollte. Letztendlich habe ich abgelehnt. Screen 
South hat darauf gelassen reagiert und mir ein bisschen 
Geld für die Musikrechte in Großbritannien gegeben, mehr 
konnten sie nicht tun, ohne wirklich beteiligt zu sein. Ich 
denke, ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Sunny 
Bastards hat mir jetzt geholfen, den Film einem breiteren 
Pubhkum zugänglich zu machen, wofür ich sehr dankbar 
bin. Der Film ist auf Festivals in Edinburgh, Italien, Indien, 
Esdand, der Türkei und Bulgarien sehr gut angekommen. 
In Bulgarien hat er den Preis für die beste Dokumentation 
bekommen. Ich bin also froh, dass ich den Film veröffent¬ 
lichen konnte, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. 
Was war dein allererstes Filmprojekt? 

Der erste Film, an dem ich beteiligt war, entstand mit 
einer Theatergruppe namens „Teenage Zits“, der ich ange¬ 
hörte. Als einige der Mitglieder wechselten, beschlossen 
wir, einen Film zu machen. Also haben wir Spendenauf¬ 
rufe gestartet und schafften es, etwas Geld zusammenzube¬ 
kommen. So um 1984/85 drehten wir dann das Improvi¬ 
sations-Drama „Not A Girl Anymore“. Channel 4, ein neuer 
Sender in Großbritannien, kaufte es und zeigte es in der 
Show „Turn It Up“. Es war ein schrecklicher Film, der mit 


heute sehr peinlich ist, aber durch ihn habe ich angefan¬ 
gen, mich fürs Filmemachen zu interessieren. 

Wie wählst du deine Themen aus? 

Ich verdiene mein Geld wie schon gesagt größtenteils 
damit, Filme für andere zu machen, also für Gemein¬ 
den, Unternehmen und Bildungseinrichtungen. Außer¬ 
dem unterrichte ich Film und Filmwissenschaft und bin 
zur Zeit in einem „Artists in Residence“-Programm, das 
den Austausch zwischen Künstlern verschiedener Kul¬ 
turkreise fördert. Dennoch habe ich von Zeit zu Zeit das 
Bedürfnis, einen Film ganz alleine für mich zu machen, 
dann überkommt mich meine Leidenschaft. Mich interes¬ 
siert das menschliche Verhalten, warum wir die Dinge tun, 
die wir tun. Ich richte die Kamera oft auf mich selbst, um 
ein Thema zu ergründen. Mit dieser Art des Arbeitens bin 
ich noch nicht fertig. 

So hast du auch deine Jugendzeit in „Thank You Skin¬ 
head Girl“ erforscht. Wie hat sich dieses Filmprojekt 
entwickelt? 

Im britischen Fernsehen sah ich 2006 einen Trailer zu 
„This Is England“, ein Film von Shane Meadows. Da wurde 
„Louie Louie“ von TOOTS AND THE MAYTALS gespielt. 
Ich dachte mir, dass ich diesen Film sehen muss, wenn er 
ins Kino kommt. Zur Premiere bin ich extra mit meinem 
Mann nach London gefahren, der nie ein Skindhead war 
und für den es sehr spannend war, das zu sehen. Hinterher 
dachte ich sehr viel über den Film nach, darüber, inwie¬ 
fern er meine eigenen Erfahrungen widerspiegelte. Ich 
dachte über das Skinhead Girl nach, das ich einst war und 
über diese prägenden Teenagerjahre. Kurz darauf machten 
mein Mann und ich Urlaub, und auch in dieser Zeit musste 
ich ständig über diese Phase meines Lebens nachdenken. 
Als ich zurückkam, fand ich im Internet einen Blog des 
Fotografen Gavin Watson. Er war selbst in seiner Jugend 
Skinhead gewesen und lebte in High Wycombe, nur einen 
Bezirk von mir entfernt in Oxford. Seine Posts bekräftigten 
mich in meinen Überlegungen, und schließlich dachte ich, 
dass ich einen Film über meine Erfahrungen machen muss, 
da sie zu wichtig sind, um sie nicht zu dokumentieren. So 
kam ich also auf die Idee. 

Wie haben deine Freunde, Kollegen und Familie darauf 
reagiert? 

Als „Thank You Skinhead Girl“ in Großbritannien erschien, 
habe ich mit körperlich und geistig behinderten Jugend¬ 
lichen gearbeitet. Sehr viele Leute wussten nichts über 
meinen Hintergrund und meine Teenagerzeit. Die meis¬ 
ten Leute, die mich nicht gut kannten, dachten wohl, dass 
ich nur Filme für Gemeinden mache. Als ihnen bewusst 
wurde, dass ich mal ein Skinhead war, waren sie sehr 
überrascht. Viele Jugendarbeiter - außer denen, die mich 
bereits aus den Achtzigern kannten - folgerten daraus, wie 
üblich, dass ich Rassistin gewesen sein muss. Glücklicher¬ 
weise schrecke ich nicht vor Diskussionen zurück. Es hatte 
den Anschein, als ob viele Leute, die Sozialarbeit studiert 
hatten, diesem Thema sehr naiv gegenüber standen. Das 
hat mich überrascht und anfangs richtig genervt, da die 
Leute immer denken, dass Skinheads Rassisten sind. Jedoch 
begriff ich dann, dass es eine großartige Möglichkeit für 
mich war, mit einigen Missverständnisse aufzuräumen, 
und das tat ich dann auch. Viele dieser Leute hatten noch 
nie etwas von SYMARIP, Prince Buster, Dandy Livingston 
oder dem schwarzen Skinhead und Ska-Sänger Laurel Ait- 
ken gehört. Einige meiner Freunde kennen mich schon seit 
frühester Jugend, also musste ich mich denen gegenüber 
nicht rechtfertigen, aber die Leute, mit denen ich zusam¬ 
mengearbeitet habe, waren überrascht. Ich denke, die 
meisten, die mich nicht aus meiner Jugend kannten, waren 
schockiert, dass ich einen ziemlich krassen Arbeiterklasse- 
Hintergrund habe. 

Für dich bedeutete das Skinhead-Dasein eine Flucht aus 
häuslicher Gewalt in eine Gruppe, die auch als gewalttä¬ 
tig eingestuft wird. Denkst du, dass die Skinhead-Szene 
ein guter Umgang war? 

Ich war im Kinderheim, als ich Skinhead wurde, und für 
mich war es eine Möglichkeit, frei zu sein. Ja, die Skin¬ 
head-Szene ist gewalttätig und wir waren es auch. Aber ich 
denke das war so, weil wir Teenager waren. Die meisten 
Jugendlichen sind voller Hormone und Testosteron und 
wollen sich beweisen. Ich denke, alle jungen Menschen 
entwickeln ein aggressives Verhalten gegenüber Autoritäten 
und anderen Gruppen von Jugendlichen. In einem gewis¬ 
sen Maß sind Jugendliche dazu programmiert, aggressiv zu 
sein und auch so aufzutreten. Ich glaube nicht, dass andere 
Jugendgruppierungen sich anders ausgedrückt haben. Die 
Leute assoziieren allerdings Gewalt vor allem mit den Skin¬ 
heads, da die Presse es so darstellte, und dieses Bild hat 
sich bis heute gehalten. Skinheads sind genau wie Punks 
optisch sehr auffällig und sind großartige Motive für Foto¬ 
journalisten. In Anbetracht dessen, dass Skinheads ein Pro¬ 
dukt der Arbeiterklasse sind, ist es nicht wirklich überra¬ 
schend, dass dieser Kleidungs- und Lebensstil übernom¬ 
men wurde. 

Deine Lieblingsmusik war Skinhead-Reggae und Ska. 
Wie sieht es mit Punk und Oi! aus? Du hast Roddy 
Moreno von THE OPPRESSED interviewt, die zu den 
absoluten Favoriten des Oi! gehören ... 


OX-FANZINE 74 










Klar war ich vor allem von Ska und Reggae begeistert, aber 
nichtsdestotrotz liebte und liebe ich auch THE OPPRESSED. 
Ich habe bereits in anderen Interviews erwähnt, dass ich 
eine Schwäche für sie habe. Ich mochte ein paar Oi!-Bands 
und -Songs, aber ich würde mir kein komplettes Album 
anhören wollen. Ein komplettes Ska-Album würde ich mir 
allerdings schon anhören. Das ist eine persönliche Vorliebe, 
mehr nicht. „Skinhead times“ ist ein wichtiger Song für 
mich. Er ist antifaschistisch und ich hebe es, wie Roddy ins 
Mikrofon schreit und unnachgiebig fordert: „Stand up and 
defend your roots“. Skinheads entwickelten sich aus der 
jamaikanischen Kultur und der der weißen Arbeiterklasse, 
und dieser Song artikuliert das. 

Was war damals der Unterschied zwischen Punk und 
Oi! für dich? Hast du auch Zeit mit Punks verbracht? 
Heute heißt der Slogan ja oft „Punks & Skins united“ ... 

Ich sah Oi!-Musik als Sound der Arbeiterklasse-Kids, die 
Musik machten. Damit will ich nicht sagen, dass Punk das 
nicht war, aber da gab es eine größere Mischung von Punks 
aus der Mittelschicht und Arbeiterklasse. Das fand ich toll, 
die ersten Mittelschicht-Kids, die ich kennen gelernt habe, 
waren Punks. Einige Jahre später haben wir versucht, die¬ 
ses Thema im Film „Not A Girl Anymore“ ausführlicher 
zu verarbeiten. Ich habe dabei eine Figur gespielt, der mir 
selbst sehr ähnlich war: ein Ex-Skinhead Girl aus der Arbei¬ 
terklasse. Meine Freundin spielte eine Punkerin aus der 
Mittelschicht. Es geht darum, dass die beiden sich zufäl¬ 
lig in einem Pub treffen, als der wütende Gastwirt einen 
Großteil ihrer Gruppe rauswirft - nur die beiden Mädchen 
bleiben. Sie hängen zusammen rum, betrinken sich, man 
erfährt etwas über ihren unterschiedlichen Background, 
aber auch, was sie als junge Frauen verbindet. Es hat nicht 
auf allen Ebenen funktioniert, aber so läuft es manchmal. 
Die Idee entstand aus Erfahrungen, die wir alle schon mal 
gemacht haben. 

Was denkst du, wenn du Mainstream-Filme wie „Ame¬ 
rican History X“ siehst oder die typischen Dokumenta¬ 
tionen über Skinheads, die meist nur ein paar bedau¬ 
ernswerte idiotische Rassisten zeigen? 

Filmen gegenüber, die dieses Thema behandeln, stehe ich 
meist ablehnend und gelangweilt gegenüber, sie sind so 
vorhersehbar und oberflächlich, mal abgesehen von „This 
Is England“. Bei „American History X“ gab es ja einige 
Probleme während der Produktion. Der britische Regis¬ 
seur Tony Kaye hat irgendwann das Handtuch geworfen, 
weil das involvierte Hollywood-Studio nicht aufgehört hat, 
sich in die Umsetzung des Drehbuchs einzumischen. Die 
endgültige Version wurde letztendlich unter der Leitung 
von Edward Norton fertiggestellt, glaube ich. Ich weiß 
also nicht, wie der Film geworden wäre, wenn man alles 
Tony Kaye überlassen hätte. Wenn man in Mainstream-Fil¬ 
men eine Nebenhandlung und einen rassistischen Charak¬ 
ter einbinden möchte, ist es einfach, dafür einen Skinhead 
zu nehmen. Das ist sehr bequem und wirklich gute Auto¬ 
ren würden etwas so Vorhersehbares nicht tun, um eine 
Geschichte zu erzählen. 

Wie fühlst du dich dabei, wenn du siehst, was Parteien 
wie die National Front oder sogenannte „Idole“ wie Ian 
Stuart oder SKREWDRIVER der Skinhead-Szene ange¬ 
tan haben? 

Neulich habe ich eine Vorlesung am SAE Institute in 
Oxford über Ethik in den Medien gehalten und ich denke, 
Skinheads sind nur eine von vielen Gruppierungen, die in 
unserer Gesellschaft missverstanden werden. Ich finde es 
sehr traurig, dass Menschen, die rassistische und faschis¬ 
tische Ideen propagieren, zu Idolen stilisiert werden. Das 
sind meistens Menschen, die einfach anderen folgen. Sie 
schaffen es nicht, sich einer größeren Gruppe der Gesell¬ 
schaft oder der ganzen Gesellschaft zu stellen. Durch die 
Verleugnung ihrer eigenen Fähigkeiten und die Unfähig¬ 
keit, Verantwortung für ihre eigenen Fehler zu überneh¬ 


men, beschränken sie sich darauf, einer kleinen Gruppie¬ 
rung mit begrenztem Horizont anzugehören. Dann ver¬ 
künden sie stolz, dass diese Gruppe jeden ausgrenzt, der 
anders ist. Dadurch, dass sie sich selbst Wichtigkeit und 
Bedeutung zuschreiben, müssen sie sich nicht selbst hin¬ 
terfragen. Solche Menschen erreichen im Allgemeinen 
nicht viel, sie würden aus der Masse nicht herausstechen. 
Der Lauteste in einer kleinen Gruppe zu sein, bedeutet für 
sie also, dass sie beachtet werden. Wahrscheinlich haben sie 
Ablehnung durch andere Menschen erfahren, vielleicht im 
Job oder es gab etwas, das sie wollten und nicht bekom¬ 
men haben. Würden solche Leute zum Beispiel sagen, dass 
ein schwarzer Anwalt oder ein asiatischer Arzt intelligenter 
ist als sie, dass sie etwas zur Gesellschaft beitragen können, 
obwohl sie einige Bereiche des Lebens nicht so gut gemeis¬ 
tert haben? Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so 
etwas sagen würden! Aber es ist einfacher für sie, das zu 
ignorieren, als darüber nachzudenken. 

War Rassismus ein Teil der Skinhead-Szene in Oxford? 
Hast du Veränderungen in deiner Gruppe bemerkt? 

In Oxford ging es mehr um die Klasse als um die Rasse. 
Ich kann mich nur an eine Sache erinnern: als die Neo¬ 
nazi-Partei British Movement mal nach Oxford kam, wur¬ 
den sie aus der Stadt gejagt. Ich glaube, einige von ihnen 
wurden verhaftet, keiner davon kam aus Oxford oder 
war Skinhead. Vor einigen Jahren sprach ich mit Profes¬ 
sor Sean Swan von der Gonzago University in Washington, 



er hat meinen Film in einer seiner Vorlesungen gezeigt. 
Er erwähnte, dass er ein Gespräch mit dem Sänger Attila 
The Stockbroker hatte, der sagte, dass der „Oxford Men¬ 
tal Mob“ Faschisten von Veranstaltungen weggejagt hat. Ich 
weiß es nicht genau, ich war nicht in dieser Gruppe und 
auch nicht mit ihnen auf Veranstaltungen, aber es würde 
mich nicht überraschen. Diejenigen, die rechte, rassisti¬ 
sche und faschistische Propaganda verbreiteten, waren nur 
dafür und für nichts anderes bekannt. Die Skinheads, die 
ich kannte, waren schwarz und weiß, und wir hingen mit 
vielen Rüde Boys rum, die auch gemischtrassig waren. Wie 
die meisten Menschen verstand ich die Skinhead-Szene 
damals nicht als politisch. Einige machten allerdings rassis¬ 
tische Bemerkungen und ich verspürte den Drang, darauf 
etwas zu entgegnen, was ich dann auch tat. Die Menschen 
können daran glauben, woran sie glauben möchten, das ist 
mir egal. Aber ich will nichts mit Rassisten zu tun haben, 
und verstehe auch diejenigen nicht, die das tun. Also triff 
deine Entscheidung und teile mir mit, für was du dich ent¬ 
schieden hast. Wenn mir das nicht passt, war’s das. Ich bin 
sehr direkt, wenn es darum geht, zu sagen, wo ich stehe. 
Wenn dir das nicht passt, sprich ruhig nie wieder mit mir. 
Sobald die Zeiten etwas härter werden, und das wurden 


sie damals, gibt es immer Menschen, die die Unzufrieden¬ 
heit der anderen schüren und Sündenböcke dafür suchen. 
Glücklicherweise besitzen die Köpfe dieser Gruppierun¬ 
gen weder Charisma noch Charme. Wie ich bereits sagte: 
wenn sie nicht gegen andere hetzen würden, würde keiner 
bemerken, dass sie überhaupt existieren. Rassismus und 
Faschismus wachsen in einer Person, der Keim der Unzu¬ 
friedenheit fallt auf fruchtbaren Boden, vor allem in einer 
für viele Länder schweren Zeit wie dieser. Dieser Hass kann 
sich in einer Person entwickeln, die sich so daran gewöhnt, 
dass sie nicht mehr weiß, wie sie sich sonst fühlen soll. Das 
hat aber nichts damit zu tun, ein Skinhead zu sein. Rassis¬ 
ten und Faschisten sind, was sie sind, egal welche Klei¬ 
dung sie tragen. Die Rechtsradikalen machen immer Wer¬ 
bung für sich, wenn große Arbeitslosigkeit herrscht und 
es nicht viele Perspektiven gibt, da man in diesen Zeiten 
besonders gut die Schuld auf andere schieben kann. Das ist 
in den Siebzigern und Achtzigern in Großbritannien pas¬ 
siert und leider auch der Grund dafür, warum viele Euro¬ 
päer ein Bild von Rassisten und Faschisten mit rasierten 
Köpfen haben. Sie haben die Skinheads von 1969 nicht 
gesehen, obwohl viele der 2Tone-Gruppen die Musik und 
Ideen der ursprünglichen Skinheads vertreten haben. Ein 
Faschist mit einem rasierten Kopf ist kein Skinhead und 
es ist schade, dass die Medien diesen Unterschied immer 
noch nicht erkannt haben. 

Wann ist dir klar geworden, dass du kein Skinhead Girl 
mehr sein wolltest? Viele Leute sagen: egal, ob du deine 
Klamotten wechselst, einmal Skinhead, immer Skin¬ 
head, zumindest im Herzen. Würdest du zustimmen? 

Ich habe gespürt, dass das für mich nicht mehr funktio¬ 
nierte. Versteh mich nicht falsch, mir gefiel es, Skinhead zu 
sein, und es hat mir viele Jahre wirklich geholfen. Es gab 
mir Stärke und Mut und einen Platz, wo ich hingehörte. 
Aber die Skinhead Girls, mit denen ich abhing, wand¬ 
ten sich alle von der Szene ab. Ich fühlte mich allein und 
merkte, dass ich nicht für immer ein Skinhead sein würde. 
Es war wie ein Schock, ich weiß nicht genau, was pas¬ 
sierte, aber ich verstand, dass ich loslassen musste. Ich trage 
immer noch Doc-Martens-Schuhe und liebe immer noch 
die Musik, ich werde das immer in meinem Herzen tragen. 
Es war ein prägender Teil meines Lebens, es half mir durch 
einige unglaublich schwierige und komplizierte Zeiten 
und ich bin der Szene dafür sehr dankbar. Insofern stimme 
ich der Aussage zu, dass man das nie komplett ablegt. 

Du arbeitest mit Jugendlichen. Stell dir vor, sie würden 
dich fragen, wie man ein Skinhead wird - was würdest 
du antworten? Oder passiert das wirklich manchmal? 
Einmal hat eine meiner Schülerinnen meinen Film im Rah¬ 
men eines Dokumentarfilm-Seminars gesehen. Hinterher 
sagte sie zu mir, dass sie den Film mochte und nun ein 
Bedürfnis habe, sich die Haare abrasieren zu lassen. Ich 
musste lachen und wusste nicht, ob sie das ernst meinte. 
Es war mein letztes Seminar mit ihr und ich habe sie nie 
wieder gesehen. Ich weiß es also nicht, ob sie es getan hat. 
Du hast ein altes Foto für das Cover der DVD gewählt. 
Warum? 

Du meinst das Foto von mir als Skinhead Girl in Jeans 
und Doc Martens? Ich habe das online gestellt und bekam 
großartige Resonanz von Skinheads, männlichen wie 
weiblichen. Die Frauen sagten, es wäre ein wirklich coo¬ 
les Foto und würde die Skinhead Girls gut repräsentie¬ 
ren. Ich mochte Miniröcke oder Netzstrümpfe nie wirk¬ 
lich, ich trug immer Jeans. Insofern fand ich es interessant, 
dass auch Männer dieses Foto wirklich sexy fanden. Also 
dachte ich, es repräsentiert die Skinhead Girls als stark und 
sexy. Aber die Idee, es zu verwenden, kam von den Skin¬ 
heads aus dem Internet und Chris Adlern, der dieses Foto 
wirklich hebt. 

Christian Fischer mischiefpictures.co.uk 

Übersetzung: Christina Wenig 


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15.12.2012 D / Rostock / Zwischenbau 

27.12.2012 D / Berlin / Wild at Heart 

28.12.2012 D / Hamburg / Hafenklang 


booking.com 

TAICO 

10.08.2012 D / Bad Windsheim / Weinturm Open Air 
11.08.2012 D / Tarmstedt / Rock den Lukas 

21.12.2012 D/ Trier / Ex-Haus 

SIR REG 

03.08.2012 D / Düsseldorf / Tube 

04.08.2012 D / Bammersdorf -Eggolsheim / Jägersburg 

05.08.2012 D / Stuttgart / UD Festival 

06.08.2012 CH / Zürich / Eldrorado acoustic gig 

07.08.2012 CH / St. Gallen / Baracca Bar 

10.08.2012 D / Villmar / Teils Beils Festival 

11.08.2012 D / Olbernhau / Wurst & Durst Festival 

TOPPER 

27.10.2012 D / Weißenburg / Casablanca 

30.10.2012 D / Essen / Anyway 

01.11.2012 D / Chemnitz / Subway to Peter 
02.11.2012 D / Berlin / Wild at Heart 

NO LIFE LOST 

12.10.2012 D / Essen / Panic Room 

13.10.2012 D / Düsseldorf / Tube 


TV SMITH 

08.08.2012 D / Hamburg / Knust 
, _ 09.08.2012 D / Köln / Sonic Ballroom 

30.11.2012 D / Rastatt / Artcan Robert w/ EnragediMcjg>i2tyi2 D / Karlsruhe / Wagenburq 
01.12.2012 D / Bamberg / Sounds'n’Arts 11.08.2012 D / Düsseldorf / Tube 

07.12.2012 D / Stuttgart / Goldmarks 


04.08.2012 D / Peine / UJZ Peine Open Air 
05.08.2012 D / Berlin / Resist to Exist Festival 


08.12.2012 D / Lörrach / SAK w/ Maladrolts 

28.12.2012 D / München / Feierwerk 

29.12.2012 D / Berlin / Clash w/ Redska 

THER0TTR0PS 

31.08.2012 D / Göttingen / Juzi 
01.09.2012 D / Grevenbrück / OT Grevenbrück 
21.09.2012 D / Essen / Freak Show 
22.09.2012 D / Pforzheim / Haus der Jugend 

ATLAS LOSING GRIP 

10.08.2012 B / Bunsbeek / Kloemrock 
11.08.2012 D / Villmar / Teils Beils Festival 

25.10.2012 D / Kassel / Musiktheater 

26.10.2012 D / Würzburg / Posthalle 

27.10.2012 D / Rostock / MAU 

THE MOVING SOUNDS 

21.09.2012 D / Berlin / Cortina Bob 
22.09.2012 D / Hannover / Chez Heinz 
24.09.2012 D / Chemnitz / Subway to Peter 
25.09.2012 D / Hamburg / Hafenklang 
27.09.2012 D/Leer/JUZ 
29.09.2012 D / Frankfurt / Ponyhof 


Düsseldorf / Tube 

10.10.2012 D / Dresden / Chemiefabrik 

11.10.2012 D / Erfurt / Engelsburg 

12.10.2012 D / Leipzig / Stoned 

13.10.2012 D / Leipzig / Stoned 

14.10.2012 D / Aschaffenburg / Hannebambel 

16.10.2012 D / Wolnzach / Stilwirt 

17.10.2012 D / Balingen / Sonnenkeller 

18.10.2012 D/ Neuburg / Robs Bar 

19.10.2012 D / Nürnberg / Wilderer 

20.10.2012 D/Kassel/K 19 
09.11.2012 A/Wien/Arena 

RAMRIX 

24.08.2012 D / Essen / Panic Room 
w/Donots 25.08.2012 D/Wadern/U&D 
w/ Donots 28.09.2012 D / Karlsuhre / Alte Hackerei 
w/ Donots 29.09.2012 D / Auggen / Raumstation Sternen 

19.10.2012 D / Solingen / Cobra 
09.11.2012 D / Stuttgart / Goldmarks 

23.11.2012 D / Hamburg / Hafenklang 
08.12.2012 D / Herzebrok / JH Klein 
coming soon - more dates from: 

TAICO, THE OFFENDERS 
R00GHNECK RIOT.. 



OX-FANZINE 75 












DIE GUTEN KRÄFTE REVISITED 

1982 erschien das Album „1000 Takte Tanz“ der Wiener Band CHUZPE. Ein rarer Klassiker österrei¬ 
chischer Musik zwischen Punk, Post-Punk, New Wave und Proto-Indiepop. Drei Jahrzehnte später 
wurde es jetzt auf Vinyl neu aufgelegt, nachdem 2011 das punkigere Frühwerk der ehemaligen Fal- 
co-Labelkollegen zugänglich gemacht wurde. Sänger und Gitarrist Robert Wolf aka Robert Räudig 
lässt eine Geschichte Revue passieren, die möglicherweise noch nicht zu Ende ist. 



„Wenn ich jemals eine Band habe, wird sie CHUZPE hei¬ 
ßen“, erinnert sich Räudig/Wolf an eine Gewissheit seines 
jüngeren Selbst. Der 1953 geborene Musiker ist kein nost¬ 
algischer Mensch. Seine im sich langsam sommerlich auf¬ 
heizenden Wien im Juni 2012 vorgenommene Nacherzäh¬ 
lung der Bandgeschichte wirft immer wieder erhellende 
Streiflichter auf das Wien und Österreich der Vergangen¬ 
heit und Gegenwart. Dass es im Österreich der Siebziger 
Jahre kontrovers war, seiner Band ein jiddisches Wort als 
Namen („Chuzpe“ oder „Chutzpe“ aus dem Hebräischen: 
„Frechheit, Dreistigkeit, Unverschämtheit“) zu geben, darf 
als sicher gelten. „Das war für mich immer greifbar, auch 
in der Schule hatten wir eine Lehrerin, die uns immer wie¬ 
der darauf hingewiesen hat - war die Widerstandskämpfe¬ 
rin?“ Damit meint Wölf die Enteignung, Vertreibung und 
Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Nazis, 
welche die Auslöschung jeglicher linker und bürgerlicher 
Intelligenz bedeutete. Die identitätsstiftende Geschichtsfäl¬ 
schung der 1945 ausgerufenen zweiten Republik Öster¬ 
reich, dass also das kleine, arme Land das erste Opfer von 
Adolf Hitler und seiner mörderischen Spießgesellen gewe¬ 
sen sei, führte zu einem lange währenden, seltsamen 
gesellschaftlichen Scheinfrieden. Dabei waren weder der 
Nazi-Mief noch der Austrofaschismus „ausgelüftet“ oder 
in irgendeiner tauglichen Form aufgearbeitet, in manchem 
Hirnen spukten sicher noch Träume von der K.u.K.-Mon- 
archie herum. Robert Wölf: „Das Wien der Siebziger war 
schon so wie auf den Covern der frühen Ambros-Platten: 
immer ein wenig grau und farblos. In der Erinnerung sind 
selbst die Sommer so, es war immer ein bisschen kalt“. 
„Ambros“ meint Wölfgang Ambros, den bis heute akti¬ 
ven Übervater des Austropop, dem in seinen frühen Tagen 
großartige Lieder wie „Da Hofa“ gelangen, die österreichi¬ 
schen Alltag pointiert aufgriffen und reflektierten. Das Lied 
wurde übrigens von einer späteren CHUZPE-Inkarnation 
launig ins Englische übertragen. 

Musik war ein Weg in eine eigene Welt, aus dem Grau des 
Wiens der Jahre 74/75 heraus. Robert Wölf hatte eine 
Vision davon, was er mit CHUZPE machen wollte: „Eine 
Mischung aus VELVET UNDERGROUND und Wölfgang 
Ambros.“ Das Personal der im Entstehen begriffenen Band 
rekrutierte sich aus Plattensammlern und Musikfans, die 
sich vom Platten jagen auf einem Wiener Flohmarkt kann¬ 
ten, „sich und ihre Platten austauschten“. Ein zusätzlicher 
Faktor war das Auftauchen kostengünstigerer jiachgebau- 
ter E-Gitarren aus Japan. Erste Proben konnten in Roberts 
Wohnung stattfinden, begünstigt durch einen Hausmeister 
aus Jugoslawien und Nachbarn, die nicht ganz der Wiener 
Mainstream-Soziologie entsprachen. Robert, der damals 
wie Vic Godard von SUBWAY SECT als Postbote arbeitete 
und bis heute im Dienst der Post ist, las englische Musik¬ 
magazine und so drang langsam Punk in sein Bewusstsein 
und das seiner Freunde. Ein großer Katalysator war Patti 
Smith mit ihrem ersten Album „Horses“. 

Anfangs noch als „beschleunigte SWEET“ wahrgenom¬ 
men, öffnete die erste RAMONES-LP auch an der Donau, 
weit weg von Queens, New York die letzten Schleusen. 


Christian Brandl, der Bassist, wird Christian Kruzifix, spä¬ 
ter Christian Chromosom, Gitarrist Ali Griehmann wird Ali 
Krawalli, und aus Rudi Barcal an den Drums wird Rudi 
Rüpel. Der Proberaum übersiedelt aus der Wohnung in 
die Märchenabteilung (!) des Audiocenters, eines Platten¬ 
geschäfts, für das Christian Brandl arbeitet, wo CHUZPE 
nach den Öffnungszeiten mangels Nachbarn am Juden¬ 
platz ungehemmt lärmen können. 

Das „Nicht spielen können müssen“-Gebot des Punk ist 
ein wahrer Befreiungsschlag, gleichzeitig begegnen die 
ihre ersten Konzerte spielenden CHUZPE fast überall und 
zwangsläufig der „Musik kommt von Können“-Riege, die 
bisher das Wiener Musikgeschehen dominierte. Und zwi¬ 
schen Nicht-Spielen-Können wie THE CLASH und dem 
eigenen Nicht-Spielen-Können ist dabei immer noch ein 
großer Unterschied, fällt Robert Wölf beim Konzert von 
Strummer & Co. 1976 in einem Wiener Gewerkschafts¬ 
heim auf. Ein Besuch in London fokussiert die Perspek¬ 
tive wieder. Robert: „Die LURKERS haben tolle Songs, aber 
rumpeln so wie wir.“ 

Robert Räudig & Co. schreiben kurze, prägnante Lieder. 
Zwischen Hochdeutsch und Wiener Dialekt finden sie 
textlich eine Form, die sie von vergleichbaren deutschen 
Bands unterscheidet. Großtaten wie „Panik - Alanig“ oder 
„Beislanarchie“ entstehen. Letzteres fühlt der noch vor¬ 
herrschenden Subkultur auf den Zahn. Stefan Weber, Sän¬ 
ger und Mastermind der Wiener Musikkabarett-Aktionis- 
ten-Truppe DRAHDIWABERL (sowas wie vorweggenom¬ 
mene österreichische GWAR), aus deren Reihen Falco zu 
Weltruhm gelangte, hält dieses Lied für eines der brillan¬ 
testen, das je in Wien geschrieben wurde. Es erscheint mit 
dem schon erwähnten „Panik — Alanig“ und „Terror in 
Kleinbabylon“ 1979 auf der - jahrzehntelang vergriffenen 
- Compilation „Wiener Blutrausch“, die mit Beiträgen von 
in etwa ähnlich gearteten Bands wie MINISEX, MORDBU¬ 
BEN AG oder DRAHDIWABERL zu einer Art Gründermy¬ 
thos der neuen Wiener (Musik-) Szene wird. 

Im selben Jahr erscheint auch die CHUZPE-Single „ (They 
can’t beat) The beat / I love the sixties“, englisch gesun¬ 
gen/getextet und wie schon die Songtitel erahnen lassen 
eine Hommage an die Sechziger und ihre Musik. CHUZPE 
ging es nie darum, eine sortenreine Punkband zu sein, 
selbst wenn Robert in einem 1982 erschienenen Buch 
über „neue Rockmusik in Österreich“, das nach ihrem 
Lied „Die guten Kräfte“ benannt ist, als „der Johnny Rotten 
des winzigen Wiener Untergrunds“ beschrieben wurde. 
Vor allem lieb(t)en Wölf und CHUZPE Musik, Musik mit 
einem Mehr an Aufregung, Haltung und Intelligenz. 

Durch die in Österreich (nicht nur) in Vor-Internet-Zei- 
ten sehr beliebte Strategie „Erfolg durch Informationsvor¬ 
sprung (wir wissen, dass es ein Ausland gibt)“, kommen 
sie so 1980 zu einem richtigen Hit. Robert bringt aus Eng¬ 
land JOY DIVISIONs „Love will tear us aparf‘-Single mit. 
Als sie sich im Proberaum daran versuchen, das Stück zu 
covern, gefällt einem A&R-Mann von Gig Records just die¬ 
ses Stück. Vielleicht, weil Drummer Rüpel das polternde 
Originalschlagzeug durch einen Disco-Beat ersetzt - und 


der A&R Wölfgang Strobl sollte eigentlich hauptsächlich 
unbekannte Disco-Stücke zum Lizensieren aufstöbern ... 
Der monetäre Erfolg dieses Cover-Hits bleibt überschau¬ 
bar, scheitert doch der geplante deutsche Text am Nein 
des Verlags. Immerhin, CHUZPE dringen peripher in die 
Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit vor, spielen 
als „Newcomer des Jahres“ in der Wiener Stadthalle. Gig 
Records finanziert zwei weitere Singles, die Band spielt in 
dem Fernsehfilm „Neonmix“, der mit dem CHUZPE-Con- 
terpart Wilfried (der für die ERSTE ALLGEMEINE VERUN¬ 
SICHERUNG sang und dann eine Solokarriere startete) den 
(vermeintlichen) Zeitwandel der Neuen Österreichischen 
Welle thematisierte. 

Besagter Wilfried sollte dann „1000 Takte Tanz“ produ¬ 
zieren, doch die Gage von 10.000 Schilling war Gig-Boss 
Markus Spiegel zuviel. Aufgenommen wurde stattdes- 
sen „in einem günstigen, neuen Studio, die machen mir 
einen guten Preis“, so Spiegel. Der Musik und den Texten 
von „1000 Takte Tanz“ konnten die Produktionsbedingun¬ 
gen nicht wirklich etwas anhaben und wie bei nicht weni¬ 
gen wirklich „wichtigen“ Alben mag es gerade der eigen¬ 
willige, eben nicht hundertprozentig „amtliche“ Sound 
sein, der dazu beiträgt, es — auch beim Wiederhören - 
als besonders zu empfinden. Die Band — neben Christian 
und Robert mittlerweile Andi Jallits (Drums), Andi Kolm 
(Gitarre), Stephan Wildner (Tasten) - machte einen Sound, 
in dem sich von DEVO bis KRAFTWERK, von PERE UBU 
bis zur Neuen Deutschen Welle (zeitgenössische Kollegen 
wie DAF, FEHLFARBEN oder ABWÄRTS fand/findet Robert 
gut) viel wiederfindet, gleichzeitig trumpfen CHUZPE mit 
ihrem ganz eigenen Witz und einer unprätentiösen Intel- 
lektualität auf. Letztere leitet Robert Wölf im Gespräch von 
seinem Klassenbewusstsein als Arbeiterkind her - schlie߬ 
lich ist Bildung der beste Weg den Eliten Paroli zu bieten. 
Dabei verloren CHUZPE nie ihre Erdung und den Blick auf 
die unmittelbare Umgebung. Das in Österreich fast sprich¬ 
wörtlich gewordene Lied „Die guten Kräfte“ nahm seinen 
Ausgang, als Robert zwei ältere Damen begeistert über die 
schauspielerische Leistung in alten deutschen S/W-Filmen 
reden hörte. Ob der von der heimischen Justiz immer wie¬ 
der vorgeladene suspekte Ex-Finanzminister der rechts¬ 
konservativen Regierung Schüssel, Karl-Heinz Grasser, 
das Lied kennt und ein irregeleiteter CHUZPE-Fan ist - 
seine TV-Aussage „zu schön und zu klug zu sein und so 
Neid hervorzurufen“ kommt dem Text sehr nahe - bleibt 
zu bezweifeln. Zu einem wie immer gearteten „Durch¬ 
bruch“ gereichte „1000 Takte Tanz“ der Band, die bis 
Anfang der Neunziger in verschiedenen Formen existierte, 
aber nicht. Christian Brandl sprang nach heftigen Droge¬ 
nepisoden 1987 aus einem Fenster - einer der zum Glück 
wenigen, aber nicht minder tragischen österreichischen 
Rock’n’Roll-Toten. 

Robert Wolf ist frei von rückwirkenden „was wäre wenn“- 
Überlegungen, der Vater zweier Kinder nimmt die Neu¬ 
auflagen des CHUZPE-Werks (2011 erschien die 7“-Sin¬ 
gle „Nervengas“, das italienische Label Raveup Records 
veröffentlichte die LP „Anarchy Bla Bla Bla“, beide schon 
wieder vergriffen) gelassen. Nach der Band CHUZPE7 7 
REVISITED, mit der er um 2003 altes Material etwas här¬ 
ter interpretierte, tritt er die letzten Jahre solo auf, arbeitet 
an einem Album und hat zu „elektronischer Musik“ von 
CHUZPE-Kollge Andi Kolm diesem vor kurzem „Wortkas¬ 
kaden“ geschickt. Vielleicht tauchen CHUZPE wieder auf. 
Wenn sie bei einer Musik angelangen, die sie selbst gut 
finden. Mit einem Mehr an Aufregung, Haltung und Intel¬ 
ligenz. 

Rainer Krispel myspace.com/rraeudig 


OX-FANZINE 76 










MARY’S KIDS 


EINFACH NUR SPIELEN 


MARY’S KIDS aus Stockholm gehören zu jener Sorte Bands, deren Name 
mir immer wieder begegnete, von denen ich aber nie einen Song gehört 
hatte. Nachdem ich allerdings das aktuelle Album „Say No!“ zum Bespre¬ 
chen bekam, schlug mein Desinteresse schlagartig in Begeisterung um, so 
sehr haute mich deren mitreißendes Feuerwerk geilsten Siebziger-Punk- 
rocks mit herrlich geschrienem Gesang von den Socken. Nicht unschuldig 
daran ist der mitreißende Gesang von Sängerin und Gitarristin Mary Cur- 
rie, vorher Frontfrau bei MENSEN, die mir nach ihrer Europatour im April 
ein paar Fragen beantwortete. 


Mary, es ist recht schwierig, Informationen über euch zu finden. Die Webseite funkti¬ 
oniert nicht und sucht man nach MARY’S KIDS, stößt man fast ausschließlich auf reli¬ 
giöse Seiten. Wollt ihr die Existenz der Band geheim halten? 

Haha, nein, wir wollen nicht im Geheimen operieren. Wir haben nur keine Ahnung vom 
Internet und so weiter. Außerdem hassen wir es, Fotos zu machen. Am liebsten wäre uns, 
wenn sich jemand bereit erklärte, all dies zu übernehmen - bis auf die Konzerte, denn das 
ist das Einzige, was wir wirklich selbst machen wollen. 

Wie ging es los mit MARY’S KIDS? 

Unsere Geschichte ist ziemlich chaotisch. Ich komme ursprünglich aus Oslo, bin aber vor 
etwa sieben Jahren nach Stockholm gezogen. Zunächst habe ich mit meinen alten Freun¬ 
den aus Oslo weiter Musik gemacht, was sich aber wegen der Entfernung sehr schnell 


als zu schwierig entpuppte. Also habe ich begonnen, mit Leuten aus Stockholm zu spie¬ 
len. Seitdem hat sich so viel getan, dass ich dich nicht mit Details langweilen möchte. Das 
Wichtigste für mich war es, Leute zu finden, die verstehen, was ich mache, und die zudem 
noch Lust verspüren, auf Tour zu gehen und soviel wie möglich live zu spielen. Darauf 
kommt es mir an. Ich will proben, aufnehmen und live spielen. Wir haben gerade unser 
neues Album „Say No!“ auf No Balls Records in Deutschland und Ghost Highway Recor- 
dings in Spanien veröffendicht. Ansonsten gibt es bereits drei EPs von uns. 

Habt ihr schon mal irgendeine Reaktion von den JERRY’S KIDS wegen eures Bandna¬ 
mens bekommen? 

Als ich die MySpace-Seite online stellte, als wir gerade die erste EP veröffentlicht hatten, 
erhielt ich sehr viele Mails von früheren Roadies und Freunden der JERRY’S KIDS. Einhel¬ 
lige Meinung war, dass das Cover sehr gelungen war und irgendjemand schickte es sogar 
an Rockin’ Bob Cenci, den JERRY’S KIDS-Gitarristen. Seitdem stehe ich mit ihm in Kon¬ 
takt und habe ihm die Platten und ein paar T-Shirts geschickt. Ich bekam allerdings tat¬ 
sächlich auch einige Morddrohungen von JERRY’S KIDS-Fans, die den Witz nicht verstan¬ 
den haben, haha. 

Du warst ja auch bei MENSEN, die zwei hervorragende Alben und jede Menge cooler 
Singles veröffentlicht haben. Warum habt ihr euch aufgelöst? 

Das lag zum einen an meinem Umzug nach Stockholm, der es nahezu unmöglich machte, 
die Band anständig fortzuführen. Außerdem hatten wir alle auch einfach das Gefühl, dass 
unsere Zeit vorbei war. 

Macht es einen großen Unterschied, in Stockholm zu leben, verglichen mit Oslo? 

Ja, ich denke schon. Weißt du, ich bin in Oslo aufgewachsen und meine Familie und alle 
meine Freunde leben dort, aber es ist auch ein wunderbares Gefühl, wieder ganz von 
vorne anzufangen. Ich lebe meistens ohnehin in einem kleinen Häuschen in den Wäl¬ 
dern außerhalb Stockholms, wo es ruhig und beschaulich zugeht. Ich mag das - entweder 
alleine oder aufTour zu sein. Das Beste aus zwei Welten sozusagen. Was ich allerdings wirk¬ 
lich sehr vermisse, ist die Musikszene in Oslo, denn im Vergleich zu Stockholm gibt es dort 
einfach viel mehr kleinere Konzertorte oder Bars, wo Bands spielen können. 

Euer neuer Bassist heißt Tom de Borst - ist er verwandt mit Dolf de Borst von THE 
DATSUNS und IMPERIAL STATE ELECTRIC? 

Ja, er ist sein kleiner Bruder. 

Ihr habt ja auf den verschiedensten Labels veröffentlicht. Wie kam der jeweilige Kon¬ 
takt zustande? 

Ich habe ganz klassisch CDs, Mails und Briefe an jeden geschickt, der mir einfiel, haha. 

Was hat dich damals bewogen, in einer Punkband zu singen? 

Ich bin mit christlicher Popmusik und Synthie-Bands aufgewachsen und habe Punk erst 
in meinen späten Teenagerjahren für mich entdeckt, aber es als es soweit war, war es fast 
so, als würde man einen alten Freund treffen. Ich habe es einfach geliebt. Und ich wollte 
natürlich ein Teil davon sein. Leider hatte niemand Lust, mit mir Musik zu machen, daher 
ging ich irgendwann zu einem Schlagzeugkurs in einem Osloer Squat namens Blitz. Mir 
wurde rasch klar, dass ich meine eigene Musik machen wollte, also begann ich zu sin¬ 
gen und Gitarre zu spielen. Das war der Anfang von MENSEN. Ich hatte zuvor nie Gitarre 
gespielt. Ich zeigte dem Schlagzeuger, wie er spielen sollte, zeigte dem Gitarristen die 
wenigen Akkorde, die ich beherrschte, und — zack! - waren wir eine Band. Das war eine 
großartige Zeit. 

Guntram Pintgen myspace.com/maryskidsmusic 



ZU JUNG FÜR EIN ALBUM 

ELECTRIC SUICIDE CLUB 

Gegründet wurden ELECTRIC SUICIDE CLUB vor drei Jahren in Stras¬ 
bourg, Frankreich von Morgan Oliveira, seines Zeichens Frontmann der 
Gruppe, Simon Legentil am Bass und Julien Hermann am Schlagzeug. Die¬ 
se Besetzung hat auch heute noch Bestand und spielte bisher eine EP mit 
sechs Songs ein. Das Trio neigt dabei zu gepflegtem Pop-Punk und wirkt 
dabei wie eine frischere Version von BLINK-182. Vor ihrem Auftritt im Köl¬ 
ner Sonic Ballroom sprach ich mit Frontmann Morgan. 

Morgan, ihr kommt aus Strasbourg in Frankreich, erzähl mir doch mal ein bisschen 
was über eure Vergangenheit. Wann und wie habt ihr euch gegründet? 

Wir kommen aus einem Vorort von Strasbourg. Simon und ich waren Nachbarn, sind also 
zusammen aufgewachsen. Wir haben uns für die gleichen Dinge interessiert, vor allem 
Skateboard fahren und Musik hören. Und wir hatten eigentlich von Anfang an den glei¬ 
chen Musikgeschmack. Irgendwann wurde unser Interesse an der Musik immer größer 
und wir wollten eine Band gründen. Aber irgendwie fehlte da noch jemand. Als wir dann 
Julien trafen, war es perfekt, wir konnten endlich loslegen. Das war vor etwa drei Jahren. 
Seit einem Jahr machen wir professionell Musik, haben unsere Jobs gekündigt und sind 
seitdem ständig aufTour. Zunächst nur in Strasbourg, dann in Frankreich und jetzt in ganz 


Europa. Wir müssen jetzt sehr viel touren, aber das ist ja auch genau der Lifestyle, den wir 
uns vorgestellt haben. Und wir haben etwa genau so viel Geld wie vorher. 

Wie ist die Zusammenarbeit mit eurem Label Deaf Rock Records? 

DRR ist noch ein sehr junges Label und für uns als junge Band genau das Richtige. Die 
haben im Moment gerade mal vier oder fünf Bands, wachsen aber stetig. Genauso wollen 
wir mitwachsen. Der Manager von DRR gibt uns hilfreiche Tips und sagt uns sehr direkt, 
wenn wir mehr an uns arbeiten müssen. In unser Songwriting mischt sich aber niemand 
ein. Ansonsten ist es ein sehr familiäres Verhältnis, wir hängen fast jeden Tag zusammen 
rum. 

Welche grundsätzlichen Erfahrungen habt ihr auf euren Touren bisher gemacht? 

Als wir das erste Mal aus Frankreich rausgekommen sind, haben wir gemerkt, dass die 
Menschen in anderen Ländern irgendwie anders auf unsere Musik reagieren. Die Begeis¬ 
terung ist insgesamt größer. Ich habe den Eindruck, dass zum Beispiel in Deutschland das 
Interesse an Musik viel größer ist als in Frankreich oder auch England. 

Und in Deutschland gibt es auch leckeres Bier, vor allem in Bayern. Ich habe da von so 
einer Begegnung mit der Polizei in Nürnberg gehört. Erzähl doch mal. 

Na ja, wenn du es unbedingt wissen willst: Das war während der Fußballweltmeisterschaft 
vor zwei Jahren. Wir haben nichts Schlimmes gemacht. Wirklich nicht. Wir haben ein 
paar Bier zu viel getrunken und mit ein paar Flaschen herumgeworfen und -geschossen, 
eine Art Wettbewerb veranstaltet. Und immer weiter getrunken. Irgendwann kam dann die 
Polizei und hat uns mitgenommen. Wir haben dann die Nacht in der Zelle verbracht. Ein 
dumme Geschichte damals, aber jetzt können wir darüber lachen. 

Was für Musik hört ihr so? 

Wir hören sehr viel verschiedene Genres. Punk, Pop, Hardcore. Und das fließt dann alles 
in unsere Musik mit ein. Wir hören im Moment viel Hardcore, zum Beispiel GALLOWS, 
TITLE FIGHT oder CLOUD NOTHING, aber auch Indierock wie TOKYO POLICE CLUB 
oder KINGS OF LEON. Wir haben heutzutage einfach sehr gute Möglichkeiten, alles zu 
hören, was wir wollen. Durch das Internet gibt es da ja kaum noch Grenzen. 

Aber es gibt bezüglich des Internets auch Nachteile. Die Musik verliert durch illegale 
Downloads insgesamt an Wert. 

Klar, und das ist grundsätzlich sicherlich nicht gut. Aber es gibt ja auch Unmengen an 
Musik. Und wenn jemand nicht genug Geld hat, um alle CDs zu kaufen, dann soll er das so 
machen. Wir wollen hier nicht zum illegalen Downloaden aufrufen, aber es ist uns eigent¬ 
lich egal. Wir freuen uns, wenn unsere Musik gehört wird. Und wenn die Leute dann so 
auf unsere Musik aufmerksam werden, zu unseren Shows kommen, ein paar T-Shirts kau¬ 
fen und über uns reden, dann ist doch alles in Ordnung. 

Ihr habt bisher nur eine EP veröffentlicht. Wann kommt euer erstes Album? 

Im Moment fühlen wir uns irgendwie noch zu jung für ein ganzes Album. Wir wollen uns 
erst mal aufs Touren konzentrieren und das Songwriting langsam wachsen lassen. Aber wir 
haben so für Ende dieses bis Anfang nächsten Jahres geplant, ein Album aufzunehmen. 

Zu jung für ein Album, interessant... 

Ja, denn das wird schließlich unser erstes Album sein und das ist uns sehr wichtig. Da wol¬ 
len wir uns ausreichend Zeit für nehmen, denn das ist schon etwas ganz Besonderes für 
uns. Wir wollen dann wirklich stolz auf dieses Album sein. Aber wir haben gerade extra 
für diese Tour einen neuen Song geschrieben, „Chaos“, und dazu ein Musikvideo gedreht, 
das man sich auf unserer Website anschauen kann. 

Philip Jonke myspace.com/electricsuicideclub 


OX-FÄNZINE 77 









DIE OX-GESCHMÄCKS-CONTROL 






Bones / 

W 



KMPF 

SPRT 

+++ 



GALLON DRUNK 

The Road Gets Darker From Here 

Clouds Hill _ 

07,6 

01 

TOYS THAT KILL 

Fambly Rights 

Recess/Rockstar 

07,6 

01 

DINOSAUR JR. 

1 Bet On Sky 

PIAS 

07,5 

02 

DOWN BY LAW 

Champions By Heart 

DC Jam 

07,0 

03 

THE KDV DEVIATORS 
... Lost Contact! 

Drunkabilly 

07,0 

03 

THE BONES 

Monkeys With Guns 

People Like You 

06,9 

04 

DISCO//OSLO 

s/t 

Kidnap 

06,9 

04 

MISSION OF BURMA 
Unsound 

F i re 

06,7 

05 

TURBONEGRO 

Sexual Harassment 

Volcom 

06,6 

06 

KMPFSPRT 

Das ist doch kein Name für ’ne Band 

Redfield Ä 

06,5 

07 

THE ROUGHNECK RIOT 
This Is Our Day 

Bomber Music 

06,5 

07 

FIREWATER 

International Orange 

Nois-o-lution 

06,2 

08 

THE HANGMEN 

East Of Western 

Acetate 

06,1 

09 


Joachim Hiller 

Der Bluespunk reckt sein altes, grau ge¬ 
wordenes Haupt - und war noch nie so 
gut! GALLON DRUNK begeistern auf 
ganzer Linie, die herausragende Pro¬ 
duktion tut ein Übriges. (9) 


Todd und seine tödlichen Spielwaren 
sind Meister der Wiederholung und da¬ 
rin liegt der Reiz: lakonisch-melancho¬ 
lische Punksongs von ramonesker Ein¬ 
fachheit. Das ist eine große Kunst! (8) 


„I Bet On Sky“ vermittelt den Eindruck 
einer in sich ruhenden Band, die sich zu 
ihrem ganz eigenen Sound bekennt, die 
sich (und ihren Fans) hier ihre „com¬ 
fort zone“ geschaffen hat. (9) 


Je öfter ich das Album höre, desto bes¬ 
ser gefällt mir Smalleys Comeback. Im¬ 
mer noch einer der besten Hardco- 
re/Punk-Sänger, und songwriterisch 
wir kl ich gelungen. (8) 


Warum sich mit zweitklassigen Kopien 
abgeben, wenn man das Original haben 
kann? Das covert sich zwar selbst durch 
die Musikgeschichte, tut das aber so ele¬ 
gant, dass man beeindruckt ist. (8) 


Viel jünger als Mike Ness und seine 
Band, aber genauso konservativ: Grill¬ 
fest-Rock’n’Roll mit Punkanleihen. 
Sie machen alles richtig: gute Melodi¬ 
en, schmissige Songs - ich mag das. (7) 


Nachwuchs aus dem Hause PAS- 
COW respektive dem bandeigenen La¬ 
bel - und so klingt es auch, was ein Lob 
ist: Musik für die Turbostaatpotterju- 
gend. (7) 


Eine dieser eigenwilligen alten Bands, 
mit einem gewöhnungsbedürftigen 
wie faszinierenden Sound. Eine Band 
für andere Musiker und Musikkritiker 
also? Nein! (7) 

Ein lauwarmer Aufguß alter Herrlich¬ 
keit war zu befurchten, garniert von ei¬ 
nem schlechten Hank-Darsteller. Das 
Gegenteil ist der Fall: TRBNGR haben 
sich neu erfunden! (8) 


Deutsche Texte machen immer mehr 
Bands, die vorher hardcorig auf Eng¬ 
lisch brüllten. Nur wenige machen das 
wirklich gut - und KMPFSPRT gehö¬ 
ren dazu. (8) 

Folk-Punk kann nerven, aber RR gehö¬ 
ren zur Oberliga mit ihrem erstaunli¬ 
chen Mix aus NEW MODEL ARMY, BAD 
RELIGION und REAL McKENZIES. Me- 
j lodiös, melancholisch, mag ich. (8) 

Meine Kollegen hören hier „Weltmu¬ 
sik“, ich dagegen kann Ethnogeklim- 
per nicht leiden und entdecke davon 
auch nichts. Schöne Klänge zwischen 
MESCALEROS undTW/IFS. (7) 


There’s a fine line between... SUPERSU - 
CKERS und SOCIAL DISTORTION. Und 
auf der balancieren gekonnt die HANG¬ 
MEN, die selbst schon L.A.-Rockvetera- 
nensind. (7) 


Thomas Kerpen 

Der legendäre britische Radio-Mode¬ 
rator John Peel hielt GALLON DRUNK 
schon früh für eine Band mit wirklich 
einzigartigem Sound, und wer bin ich, 
ihm widersprechen zu wollen. (9) 


Mike Watt und TOYS THAT KILL tei¬ 
len sich mit San Pedro nicht nur die¬ 
selbe Heimatstadt, auch ihre Musik ist 
von derselben ursprünglichen Pun¬ 
krock-Energie beseelt. (8) 


DINOSAUR JR. goes pop? Ein acht¬ 
bares Spätwerk mit den gewohnten 
Endlos-Soli, ohne aber das grandiose 


Jens Kirsch 

Wütend, verstörend, lärmend - wer 
derartige Charakteristika in seiner Mu¬ 
sik nicht so gerne hat, der macht um 
diese Platte besser einen großen Bogen. 
Muss ich mir mal live anschauen. (8) 


Carsten Vollmer 

Doom-Blues und Death -Country meets 
Psychedelikkka. So ein du nkl e, zähe 
und klebrige Masse ist einfach unwi¬ 
derstehlich. Los! Wer will mich damit 
einreiben und ablutschen? (9) 


Powerpop meets Punkrock’n’roll! Wer Ein, zwei, richtig gute Singles machen 
sich auf Bands wie THIN LIZZY, CHE- noch kein Album, wenn man dann beim 
AP TRICK, DESCENDENTS, THE WHO nächsten Song wieder nicht zusam- 
und die RAMONES beruft, der kann ja menfindet. Zuviel Gemische ist nicht 
gar nicht viel falsch machen. (7) immer gleich Punkrock. (5) 


Eine charmante Platte, bei der es abso- Kann die jemand mal kräftig durch¬ 
lut nichts ausmacht, wenn sich die be- schütteln und zum Haare schneiden 

cuuiüä-juu, s *«__ teiligten Musiker auch mal im Ton ver- schicken? Was ist das denn für ein knö- 

Reunion- Album „Beyond“ in Sachen greifen. Ein vertontes Statement gegen deliges Nerdgeschrubbe geworden und 
Geschlossenheit zu erreichen. (7) sterilen Perfektionismus. (7) was sollen bitte solche Soli? (5) 


Mr. Ex - „Conservative Punk“ liefert ei- So was haben wir früher zum Skaten Die typischen Melodien, Hooklines 
nem hier auf erfreulich hohem Niveau gehört. Besser wurden wir dadurch und Riffs werden hier solange verdreht 
genau die Sorte „konservativen“ Punks, zwar nicht, aber wenigstens hatten wir und durchprobiert, bis wirklich der al- 
fiir den wir ihn schon seit DAG NAS- schönen, schnörkellosen US-Westküs- lerletzte Tropfen Punkrock herausge- 
TY- Zeiten so schätzen. (7) ten-Punkrock auf den Ohren. (7) quetscht ist. Warum auch nicht? (6) 


MAD SIN-Frontmann Köfte und 
Freunde verpassen Psychobilly hier mit 
Surf, Garage und Country eine wilde 
Frischzellenkur. Man könnte sie fast für 
die frühen METEORS halten. (7) 


Standbass-Geslappe und der unver¬ 
kennbare Gretsch-Gitarrentwang ma¬ 
chen diese Platte zu einem Fest für jene, 
die sich musikalisch in den Fünfzigern 
am besten aufgehoben fühlen. (6) 


Gegen den unsubtilen, besoffenen Gas- Affen mit Knarren hab ich schon oft in 
pedal-Punk’n’Roll seiner Landsleute „Planet der Affen“ gesehen und Musik 
sind Nicke Borg und seine BACKYARD wie die der BONES schon oft von ande- 
BABIES echte Schöngeister, und ich ren gehört. Beides macht trotzdem im¬ 
weiß, was ich da vorziehe. (6) mer wieder Spaß. (7) 


Yeah! Genau so macht Psychobilly rich¬ 
tig Spaß. Vollkommen durchgeknallt, 
mit vielen Soundgimmicks angerei¬ 
chert, aber der Tradition verpflichtet 
wird wild los gewreckt. (6) 


Musik für Männerfreundschaften, 
bis aus dem Bier Wasser wird und aus 
durchzechten Nächten Babygeschrei, 
dann erzählen nur noch die selben Tat¬ 
toos die gleichen Geschichten. (6) 


Mal wieder so ein blutarmer norddeut- Knackige Platte mit in der Szene sicher Kaufen und die Deutschstunde genie¬ 
scher OMA HANS/DACKELBLUT/AN- alles andere als unbekannten Beteilig- ßen. Nach dem Genuss dieser Platte 
GESCHISSEN-Abklatsch mit pseudoin- ten. Funktioniert an Konzertabenden dürften sich nun einige gehypte Bands 
tellektuellen Texten. Wirklich nur was mit PASCOW sicherlich prima, die hei- direkt wieder auflösen und die Messlat- 
i für Allesfresser“. (4) mische Anlage tut es aber auch. (7) te liegt verdammt hoch. (9) 


Auf dem dritten Album nach ihrer Wie¬ 
derauferstehung haben MOB zu einer 
Noise-Rock-Klangästhetik gefunden, 
deren Radikalität viele andere Bands 
niemals erreichen werden. (8) 


„Oh, I got erection“, heißt es sicher bei 
den meisten Turboj ugend - Anhängern 
aufgrund des neuen Albums der Nor¬ 
weger. Passabler Schweinerock, Licht¬ 
jahre von „Ass Cobra“ entfernt. (5) 


Wem FRAU POTZ zu hart ist, bekommt 
mit KMPFSPRT die Intro-kompatible 
Schmuse-Version geliefert, die zumin¬ 
dest dafür den Posthardcore-Wumms 
früher MUFF POTTER besitzt. (6) 


Beeindruckend, wie diese Band erst das Legenden hin oder her, für heutige 
Nervenkostüm des Zuhörers mit ’nem Verhältnisse klingt das alles doch sehr 
Hammer zerkloppt, nur um kurz darauf handzahm, zu skizzenhaft und nach alt - 
mit schönen Melodien zur Versöhnung bekannten Indie-Schemata funktionie- 
anzusetzen. (7) I rend. Grundsolide und nett. (6) 

Das Comeback ist geglückt! „Sexual Ha- Männer haben Haare, Gitarrenmusik 
rassment“ hat alles, was eine hervorra- ist laut und TRBNGR immer noch ver¬ 
geude Platte braucht. Klassische Brecher saut! Die Groovemaschine läuft gut ge- 
und ruppiger Bluesrock ergeben un- schmiert und flutscht hinein wie die 
term Strich jede Menge Hits. (9) Ass-Force-No. 1! (7) 

Hat man zwar alles irgendwie schon MFFPRTR oder LTHRFC sind auch kein 
hundertmal gehört, und macht trotz- Name für eine Band. Aber man muss 
dem immer wieder Spaß. Eine gute Me- den Jungs Kraft, Seele und Herz attes- 
lodie bleibt eben eine gute Melodie. (7) tieren, also nix für gelangweilte Stuben¬ 
hockerpunks. (7) 


Zwischen FLOGGING MOLLY, NEW Solide, aber vollkommen imspektakulär Einmal in der ausgewählten Geschwin- 
MODEL ARMY und SOCIAL DISTOR- waren die Begriffe, die mir beim Hören digkeit angekommen, hält die Band nur 
TION gelingt diesen britischen Rauf- dieser Folk-Punks als erstes in den Sinn einen durchschnittlichen Leistungs- 
bolden ein schwer unterhaltsamer kamen. Ein paar weitere Durchläufe Standard. Hübsch anzuhörende Feten- 
Punk-Folk-Genre-Hybrid. (8) festigten diesen Eindruck. (6) undTrinkermusik. (5) 


Tod Ashley ist nach wie vor ein fantas¬ 
tischer Sänger, aber sein Weltmusik-Ge- 
döns will wie schon auf dem letzten 
Album bei mir nicht zünden. Das sind 
nicht mehr meine FIREWATER. (5) 


Gitarren-Pop, dem im wahrsten Sinne Neo-Ethno-Punk mit wirren Pop-An- 
des Wortes keinerlei Grenzen auferlegt leihen und Multikulti-Songwriting 
wurden. Das darf dann auch nach tür- aus dem Dritte-Welt-Laden. Wer ohne 
kischer Folklore klingen oder ein wenig Stiefel Pogo tanzt, wird auch hiermit 
Bollywood-Charakter haben. (6) Spaß haben. (3) 


Eddie Spaghetti ist ein großer Fan dieses Vor meinem geistigen Auge erscheinen 
„missing links“ zwischen SOCIAL DIS- gerade Männer mit pomadierten Haa- 
TORTION und SUPERSUCKERS, kein ren und Wohnsitz in Orange County, 
Wunder angesichts dieses gut abgehan- Kalifornien, die eine Vorliebe für Gib- 
genen L.A.-Rocks. (7) son Les Pauls auf Kniehöhe haben. (8) 


Da bleibt mir zu wenig im Ohr hän¬ 
gen. Zwar sind einige Songs sehr smart 
und andere eher hart, aber das alterna¬ 
tive Feuerwerk bleibt einfach aus. Eher 
Blendgranate als Dynamit! (6) 


/// PUNK ROCK SUMMER /// 



DOWN BY LAW , 

„Champions at Heart“ CD | 10.08.2012 

Down By Law um Dave Smalley (ex-Dag 
Nasty/DYS/AII etc.) veröffentlichen mit 
„Champions at Heart“ ihr neues Studio¬ 
album mit den zukünftigen Punk Hymnen 
für die nächste Generation. 

Auf Tour im Oktober/November 2012! 




THE ADICTS 

„All The Young Droogs“ CD | 14.09.2012 

The Revolution Lives On ... Das brand¬ 
neue Studioalbum der Punkband von 
der Insel. Sie nennen sich selbst die am 
längsten existierende Punkband mit Origi¬ 
nal Line-Up. Eine Europatournee folgt im 
Frühjahr 2013! 



FISHBONE 
„Crazy Glue“ CD 

„Crazy Glue“ erschien parallel zur Premiere 
ihres Dokumentarfilmes Everyday Sun- 
shine: The Story of Fishbone! Besonders 
live sind sie mit ihrer für sie typischen hek¬ 
tischen Energie und ihrem stampfenden 
Rhythmus eine Bombe. Auf Europatour 
von Oktober bis Dezember 2012! 


m 


OX-FANZINE 78 


H’ART Musik-Vertrieb GmbH 

www.facebook.com/Hartmusik 





























DIE OX-GESCHMACKS-CONTROL 


DIE OX-REDAKTION VS. 13 AKTUELLE ALBEN 


Gary Flanell 

Brauen ihr fieses Gebräu aus Noi- 
se’n’Roll und zähem Blueseinschlag 
auch schon seit über 20 Jahren zusam¬ 
men - zum Glück ohne Aussicht auf die 
letzte Runde. (7) 


Julia Brummert 

Puh, ist das düster. Ich rieche förmlich 
den muffigen Keller, in den! das hier 
ausgedacht worden sein muss. Gespannt 
bin ich allerdings auf die Zusammenar¬ 
beit mit Dirk von Lotzow. (5) 


Gereon Helmer 

Der Twang der frühen Werke ist ge¬ 
genüber dem Kraut-Voodoo-Beat zu¬ 
rückgetreten, dennoch ein hochgradig 
hypnotisierendes, mitreißendes Psy- 
cho-Blues-Album aus einem Guss. (8) 


Mit BUZZCOCKS-Zuckerwatte-Ket- 
tensägen-Akkorden, zornigem, aber 
beseeltem Vokalgefauche und Gespür 
für eingängige Kompositionen entsteht 
hier eine sehr hohe Hitquote. (9) 


Verglichen mit stil- und sozialisati¬ 
onsprägenden Großtaten wie „Bug“ 
kein großer Wurf, trotz epischem Gi- 
tarrengegniedel und eingeschränktem 
Stimmvolumen dennoch erfreulich. (8) 


Trotz oder wegen des Trubels um Con- 
servative Punk ist DBL für mich eher 
unspannend. Dennoch: handwerlich 
okay, solide Kost, keine Experimente, 
keine Aufreger, aber auch keine Hits. (6) 


Die Zeitreise der DEVIATORS begann 
im Müllkübel hinter den Sun-Stu- 
dios, führte sie über den Wrecking Pit 
im Klubfoot direkt ins 22. Jahrhundert, 
wo Psychobilly die Welt beherrscht. (8) 


Beeindruckendes Album nach längerer 
Abwesenheit. Mehr nur als die schwe¬ 
dische Antwort auf TRBNGR - Boner Sc 
Co. wissen, wo der Trashrock-Hammer 
hängt, und wie man ihn einsetzt. (7) 


Hat gewiss seine Berechtigung, Philoso¬ 
phiestudenten tanzen ja auch gern mal. 
PASCOW nerven ja schon so sehr, DIS¬ 
CO/ /OSLO erreichen nicht mal de¬ 
ren Niveau, sie ärgern mich schlicht. (3) 


Wenn Legenden Legenden beeinflus¬ 
sen, ist die Verwertungskette noch in¬ 
takt. Mit Album Nummer sechs können 
sie nun Kids beeinflussen, die von NIR- 
VANA nie gehört haben. (6) 


Alex Schlage 

Roher, intensiver Rock’n’Roll, der in der 
Erscheinungsform bei all der heutigen 
Plastik-Grütze keine Selbstverständ¬ 
lichkeit mehr ist. Schön, auch ohne 
Hochglanzpolitur. (7) 


Scheuernde, schrammelende Gitar¬ 
ren, eine leicht mittelbare Stimme und 
doch verbirgt sich hinter dieser rohen 
Fassade viel mehr: Hymnischer Punk¬ 
rock. Der zweite Eindruck zählt! (7) 


Wo ist der Fuzz hin? Aber bei den herr¬ 
lich einlullend, verträumten Stücken 
gepaart mit J Mascis warmer Stimme 
kann man den Herren rein gar nicht 
böse sein. (8) 


Als wären DOWN BY LAW nie weg ge¬ 
wesen. Auf Dauer ein wenig langatmig, 
aber im Grunde gibt es hier lupenrei¬ 
nen 90er-Punkrock, perfekt in Sze¬ 
ne gesetzt von Sänger Dave Smalley. (7) 


Nicht dass mich Psychobilly generell 
vollends in seinen Bann ziehen könn¬ 
te. Aber diese Scheibe lässt einen doch 
angenehm in diese Welt eintauchen. Ein 
Rundumschlag, der Spaß macht. (7) 


Nach fünf Jahren THE BONES-Ent- 
zug wieder ein Versuch, unsere musi¬ 
kalischen Venen anzufixen. In der Mitte 
funktioniert das zwar nur bedingt, an¬ 
sonsten aber ein angenehmerTrip. (7) 


Herrlich, deutscher, nachdenklicher 
Punkrock geht auch noch mit Ecken 
und Kanten, und Feuer im Arsch. Dan¬ 
ke! Irgendwo zwischen dem DÜ- 
SEN-POTTER-STAAT. (8) 


Dieses minimalistische, noisige und 
psychedelische Geschrammel ist zwar 
auf Albumlänge ein wenig eindimensi¬ 
onal, aber ich kann verstehen, dass dies 
durchaus mitreißen kann. (6) 


Christina Wenig 

Dieser Garage-Blues-Rock explodiert 
beinahe vor lauter Weltschmerz und die 
teils verstörend-wilden, teils melan¬ 
cholischen Sounds ziehen einen unwei¬ 
gerlich in ihren Bann. (7) 


Das hat Ecken und Kanten, klingt nicht 
weichgespült, sondern energisch und 
rau. Leider aber auch ohne wirkliche 
Highlights.Trotzdem gut. (7) 


Ich war kurz davor, das Wort „lame“ in 
die Tasten zu hauen, aber irgendwie ge¬ 
fällt mir das doch ziemlich gut. Der 
herrlich melancholische Sound weckt 
Erinnerungen an NIRVANA. (7) 


Dave Smalleys Stimme ist ein Segen. 
Wären die Texte weniger pathosbehaf¬ 
tet und würde die Band nicht die halbe 
Welt „uniten“ wollen, würden mir die 
Songs noch besser gefallen. (7) 


Hui, das nenne ich Psychobilly! Koef- 
te kriegt einfach nicht genug und das ist 
auch gut so. Es gibt zwar viele Bands in 
dem Genre, aber diese gehört auf jeden 
Fall zu den besseren. (8) 


Jede Menge Testosteron und Energie, 
verpackt in 15 Songs zum hemmungs¬ 
losen Feiern - so muss sich Punk’n’Roll 
anhören! Die BONES wissen immer 
noch, wie es geht. (8) 


Das gibt es in der Form zwar schon, aber 
auch deutlich schlechter. Hat ordent¬ 
lich Wumms,Texte sind auch nicht zum 
Fremdschämen, sondern eigentlich 
ziemlich gut. Kann man machen. (7) 


Schwerer Stoff. Wirklich einordnen 
kann ich den vertrackten Noise-Rock 
nicht, aber ich glaube, ich finde es ganz 
gut. Langweilig wird einem mit dem Al - 
bum auf jeden Fall nicht. (6) 


Fuck, genau so will ich meinen Punk 
haben! Nicht zu glatt, aber mit Melo¬ 
dien, etwas verschroben, aber für alle 
noch nachvollziehbar. Dreckig und be¬ 
schwingt nach vorne! (9) 


Hat irgendwer da draußen geglaubt, J. 
Mascis hätte alles verlernt? Wohl nie¬ 
mand. Wenn der Großvater of Alterna¬ 
tive Rock zuschlägt, kann es ja nur gut 
werden. (8) 


Furioses Lebenszeichen von Mr. Smalley 
und seiner Bande. Bei so vielen Hym¬ 
nen verzeihe ich ihm sogar nachträglich 
seinen „Conservative punk-Schwach- 
sinn. (8) 


Endlich mal wieder eine astreine Bil¬ 
ly-Kapelle, die die Silbe Psycho ernst 
nimmt. Schwitzig, sumpfig und be¬ 
kloppt - wie MAD SIN ohne Pun¬ 
krock. (8) 


Rollercoaster, ick hör dir rattern. Der 
BONES-Greaser-Rockzirkus eröffnet 
für eine weitere Saison. Klingt aber ei¬ 
gentlich genau wie immer. Leider. (6) 


Allstar-Band spielt flotten Punk mit 
gar nicht blöden Texten, wie man ihn 
eben aus dem Norden kennt. Darf man 
sich gern ins TURBO-DÜSEN-PAS¬ 
COW-Regal stellen. (7) 

Ähnliches Phänomen wie DINOSAUR 
JR.: MISSION OF BURMA sind und wa¬ 
ren immer die Guten gut und dürfen 
auch im fortgeschrittenen Alter bezau¬ 
bernde Platten machen. (8) 


Mein Kopf wippt, ich hab lange nicht 
mehr so tollen klassischen Ufta-Uf- 
ta-Punk gehört. Liebe Booking-Agen- 
turen, ladet die Herren doch mal nach 
Berlin ein, bald! (8) 


Auf DINOSAUR JR. kann man sich ver¬ 
lassen. „Watch the corners“ und „Al¬ 
most fare“ laufen hier in Dauerschlei¬ 
fe. (8) 


Musikalisch gut, aber wenn es ein Pun¬ 
krock-Phrasenschwein für die Texte 
gäbe, DOWN BY LAW wären mittler¬ 
weile sehr arm. Zu dieser Musik kann 
man gut Bier trinken, glaube ich. (6) 


Die Geschichten, die hier erzählt wer¬ 
den, sind lustig und die Band ist ein 
Profi des Genres. Das hat Schwung und 
wird Herren mit Tolle und Damen mit 
Betty Page-Pony sicher gefallen. (6) 


Das ist so eine Band, bei der ich mich 
frage „Ach, die gibt‘s noch?“ Alles 
wie gehabt, die BONES bleiben dem 
Punk’n’Roll treu, das können und ma¬ 
chen sie wie immer gut. (7) 


Ein so wütendes „Moin, Moin" habe ich 
noch nie gehört, hier reiht sich Hit an 
Hit. Die Herren aus Oldenburg haben 
da ein beeindruckendes Debüt aufge¬ 
nommen. (9) 


Tanzbare Off-Beats treffen auf Schr- 
ammel-Garagen-Punk. Aha. Ich weiß 
nicht so recht, was ich damit anfan¬ 
gen soll. (5) 


Philip Jonke 

Das ist ganz schön harte Kost. Irgend¬ 
wie noisig, experimentell, blueslas- 
tig, melancholisch und düster. Sehr 
schwer zugänglich. Muss man schon 
drauf stehen, auf diesen Stil. (7) 


Irgendwo an der Grenze zwischen 
klassischem Old-School-Punkrock 
und Noiserock spielen TTK ihr ganz 
eigenes Ding. Und das kann sich 
wirklich hören lassen. (8) 


Viele schöne Melodien, die hinter 
der von Melancholie getragenen At¬ 
mosphäre zum Vorschein kommen, 
laute Gitarren, also alles beim Al¬ 
ten. (8) 


Keine Experimente. DBL haben auch 
neun Jahre nach dem letzten Album 
nichts verlernt, besinnen sich viel¬ 
mehr wieder auf ihre Wurzeln. Das 
hat Biss. (8) 


Ordentlicher Psychobilly-Soimd, 
der es aber nicht schafft, mich voll¬ 
ends zu begeistern. Viele gute Ansät¬ 
ze, aber zu oft fehlt die entscheiden¬ 
de Essenz. (6) 


Einfach nur cooler Punk’n’Roll. Rau, 
aber doch auch irgendwie poppig. 
Ein Teil des Sounds der 60er wird ins 
hier und jetzt transportiert. (8) 


Da knallt ein Lied nach dem anderen. 
Rau, kraftvoll und ein bisschen me¬ 
lancholisch. Das ist mal wirklich or¬ 
dentlicher Deutschpunk. (8) 


Man braucht eine Weile, um Zugang 
zu diesem sehr vielschichtigen Soimd 
zu finden. Experimenteller Noi- 
se-Rock, der relativ schwer wiegt. (8) 


Nach all den Jahren wieder in bester 
„Ass Cobra“-Form! Hank fehlt nicht, 
der Neue mit der viel kräftigeren Stim¬ 
me überzeugt, TJ klingen endlich wie¬ 
der gefährlich. (9) 


Name: doof.Titel: albern. Musik: aufge¬ 
kratzter Philosophen-Emo (siehe DIS- 
CO//OSLO). Nicht feindbildtaug- 
lich. (3) 


REALDROPKICKMCMOLLYs für Leis¬ 
tungsempfänger. Ohne Fidel und 
Quetschkommode wären sie gewiss ge¬ 
nau so langweilig. (4) 


Mit Schwung, Rebellenattitüde und fol- 
kloristischen Ambitionen begeisternd. 
Erinnert an Strummers MESCALEROS. 
Keltenpunkscheußlichkeiten meilen¬ 
weitüberlegen. (8) 


Das Gegenteil von „gut“ ist „gut ge¬ 
meint“. Unter einem anderen Bandna¬ 
men würde „Sexual Harassment“ viel¬ 
leicht origineller erscheinen. Aber was 
bringt uns schon der Konjunktiv. (5) 


Den Grundstein für eine verheißungs¬ 
volle Zukunft haben KMPFSPRT mit 
dieser EP gelegt. Clevere Hooklines tref¬ 
fen auf kehligen Gesang. Mit Geld-zu- 
rück-Garantie! (8) 


Sänger Matty Humphries grandiose 
Stimme ist die halbe Miete. Dazu: Folk- 
Punk mit der richtigen Portion Mando¬ 
line, Akkordeon und Banjo, ohne infla¬ 
tionär und aufdringlich zu werden! (8) 


Eine totale Reizüberflutung. Selbst, 
wenn die Instrumentenwahl nicht un¬ 
willkürlich war, geht das hier einen 
Schritt zu weit. Das Popgewand macht 
es auch nicht besser. (S) 


Von allen Altlasten befreit liefern die 
Denim Boys ihr bestes Album seit 
„Apocalypse Dudes“. Ist zwar noch aus¬ 
baufähig, aber fuck Hank, mein Herz 
gehört Tony Sylvester. (8) 


Nachdem ich die Band live gesehen 
habe, höre ich mir die Debüt-EP viel 
lieber an. Die musikalischen Vorbil¬ 
der sind deutlich rauszuhören, da kann 
noch ordentlich was draus werden. (7) 


Fängt stark an, ist auf Dauer aber leider 
ein bisschen eintönig. Außerdem ist die 
Folk-Punk-Schiene auch nicht wirk¬ 
lich innovativ. Schade, genug Potential 
ist vorhanden. (6) 


Eigentlich gar nicht mal so übel, aber 
in Sachen Musik bin ich wohl nicht so 
Multikulti. Das orientalische Weltmu¬ 
sik-Gedudel geht mir nämlich eher auf 
die Nerven. (5) 


Ob das so eine gute Idee mit dem neuen 
Sänger war? Die Riffs sind gut wie im¬ 
mer, klingt aber insgesamt, als hätten 
ANTISEEN ein TRBNGR-Tribute ein¬ 
gespielt. (6) 


Das sind mir ja die liebsten: Keine Voka¬ 
le im Namen haben, aber die wütende 
HWM-Kopie mit deutschen Lyrics ge¬ 
ben. Hätte auch viel kitschiger ausfallen 
können. (7) 


Puh, wieder so eine ambitionierte Folk¬ 
punk-Band. Dürfte bei allen DROP- 
KICK - McKENZIES - POGUES - Fans bei 
der letzten Runde im Pub aber großen 
Anklang finden. (S) 


Tod A bleibt der einzig wahre Erbe von 
Joe Strummers Spätwerk und fabriziert 
auch weiterhin geile Weltmusik mit 
Punk- und Outlawattitude und guten 
Melodien. (9) 


TURBONEGRO ohne Hank sind wie 
MOTÖRHEAD ohne Lemmy, und ein 
paar Ideen hätten den Denim-Brüdern 
auch nicht geschadet. TURBONEGRO 
schocken nicht mehr. (4) 


Netter Gepolter-Punk (schon Hardco- 
re?) auf Deutsch, ich finde das Geschrei 
stellenweise aber eher anstrengend. 
Lustig ist, dass der eine Sänger erfolgrei¬ 
ches Punk-Model in Japan war. (7) 


Wo die REAL MCKENZIES anfangen zu 
nerven, fangen die hier an, Spaß zu ma¬ 
chen. Sie verzichten auf dudelige Bie¬ 
rhymnen und machen ein bisschen 
mehr Punk als Folk, schön. (7) 


Ein total verrückter Mix aus Zir¬ 
kus, Bollywood, Balkan-Pop, Ska und 
Rock’n’Roll, das ist reichlich abgefah¬ 
ren, aber auch sehr hörenswert (8) 


Death- und Metal-Punk, der mich 
nicht wirklich begeistern kann. Auch 
nach mehrmaligem Hören nicht. Ein 
Lied nach dem anderen plätschert 
einfach so vor sich hin. (5) 


Hm, irgendwie nicht so mein Ding. 
Ein Lied hört sich wie das ande¬ 
re an. Textlich auch nicht so berau¬ 
schend. (S) 


Schneller, lauter und sehr „stra- 
ighter“ Folk-Punk aus UK. Traditi¬ 
on trifft Gegenwart. Viel mehr Punk 
als Folk und auch inhaltlich mit viel 
Substanz. (8) 


Orientalische Klänge? Reggae? Ska? 
Pop? Jazz? Kann sich irgendwie nicht 
entscheiden, was es ist, dieses Album. 
Das nennt man dann wohl Wor¬ 
ld-Music. Wenig mitreißend. (6) 


Rock. Nicht weniger, nicht mehr. 
Stampfig, druckvoll, mit Seele, dicker 
Hose, Stirnband, Unterhemden, Jack 
Daniels und all den Klischees, die Rock 
eben braucht. Nicht übel. (7) 


Liebeskummergeschwängerter 
Punk’n’Roll in zehnfacher Ausführung. 
Ein Hochkarat an Lässigkeit und Wohl¬ 
fühlatmosphäre, aber eben auch ohne 
große Überraschungen. (7) 


Klingt oft wie eine Western-Blu¬ 
es-Rock-Coverband auf einem Spar¬ 
kassen-Festival. Hat auch gute Parts, die 
Stimme des Sängers gehört allerdings 
nicht dazu. (4) 


Ein Ex-SUPERSUCKER macht noch 
kein Cow-Punk-Hitalbum. Für Leder¬ 
hosen, in denen nix drinhängt. Wären 
wohl gern so cool wie SOCIAL DISTOR¬ 
TION. Sind sie aber leider nicht. (5) 


Die haben sich viel bei SOCIAL D oder 
THE LIVING END abgeguckt, die ich 
sehr mag. Leider aber leiert der HANG¬ 
MEN-Sänger fürchterlich und so über¬ 
zeugt mich das rein gar nicht. (3) 


Eine Mischung aus SOCIAL DISTOR¬ 
TION und AEROSMITH ergibt den 
Sound von TH. Bluesiger Hardrock, 
dem es etwas an Schwung fehlt. (7) 



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IN THE END 


Chancellors scream 

T - INSANI high sueed 1962 
punkabilly HIANTICITY!! 


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REVIEWS 



C7D 


DEAD ENDING 

s/t 

12“ | Alternative Tentacles/Cargo | alternative- 
tentacles.com | | Ein vertraut wirkendes Logo ziert 
das Cover dieses 5-Song-Mini-Albums: nur popkul¬ 
turell imgebildete Menschen denken hier nicht sofort 
an das markante EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN- 
Logo, das sich, auf die Seite gedreht, als die Buchsta¬ 
ben D und E entschlüsseln lässt. Musikalisch freilich 
könnte man nicht falscher liegen: DEAD ENDING sind 
das neueste Bandprojekt umVic Bondi (ARTICLES OF 
FAITH, JONES VERY, ALLOY, WEATHERM AN, REPORT 
SUSPICIOUS ACTIVITY), und wer die Chance hatte, 
den Mittvierziger in letzter Zeit mal live zu sehen 
(2010 gab es eine kurze AOF-Reunion), der weiß, dass 
Bondi zwar älter und klüger, aber kein Stück weniger 
wütend geworden ist. Er ist für mich der archetypi¬ 
sche Hardcore-Sänger, sein kehlig-heiseres Gebrüll ist 
h von blaupausenhafter Qualität - denke ich an Hard¬ 
core, wie er mir heilig ist, habe ich seine Stimme im 
Ohr. Nachdem er zuletzt mit REPORT SUSPICIOUS 
ACTIVITY (mit dabei: J Robbins) eine über den Pro¬ 
jektcharakter hinausgehende Band hatte, die leider 
letztlich versandete, hat er sich mit DEAD ENDING 
nun ein neues künstlerisches Ventil gesucht. Jeff Dean 
(Gitarre, unter anderem THE BOMB), Derek Grant 
(Drums, ALKALINE TRIO) und Joe Principe (Bass, 
RISE AGAINST) sind seine sämtlich ebenfalls aus Chi¬ 
cago stammenden Mitstreiter, doch Bondi gibt durch 
sein markantes Organ und seine vorherigen Bands 
klar die Richtung vor. Ob die Band, bedingt durch die 
anderweitigen Verpflichtungen der Beteiligten, mehr 
ist als nur ein Projekt ist, wird sich zeigen müssen, 
immerhin gaben sie im Frühjahr 2012 beim „Punk 
Rock Bowling“-Festival in Las Vegas ihr Live-Debüt. 
Dass den gerade mal etwas mehr als zehn Minuten 
laufenden Nummern der S-Song-EP, die ausschlie߬ 
lich im Vinylformat (plus Download) erschienen ist, 
bald ein ganzes Album und am Ende gar eine Europa- 
tour folgt, ist zu hoffen. 

Musikalisch sind DEAD ENDING zeitlos, frei von 
modischen Deformationen, kein Nostalgietrip der 
Marke OFF!, sondern schlicht die oberste Evolutions¬ 
stufe, die man in Sachen melodiös-wütender Hard¬ 
core erreichen ka nn : was vor zehn, vor 1S, vor 20 Jah¬ 
ren gut war, ist das auch heute noch und muss (und 
wird) in fünf Jahren nicht anders klingen. Es ist Min¬ 
derheitenmusik, wie das bei von Modeerscheinungen 
freien (Neo-)Klassikern eben so ist, und dass Hardcore 
zwingend für Inhalte steht, ist bei einer unter Füh¬ 
rung von Vic Bondi stehenden Band sowieso klar. So 
gesehen setzt der studierte Historiker die RSA-Linie 
fort, ereifert sich über die tiefgreifenden Umwäl¬ 
zungen, die mit der Bankenkrise über die Amerika¬ 
ner (und die Welt) hereinbrachen („Ninety-Nine"), 
kotzt sich in „This is a stick-up“ über die unkontrol¬ 
lierbaren Großkonzerne aus („The rights of corpora- 
tions without any regulation but the lobbyist protec¬ 
tion [...] Paid promotional apologists are mocking all 
scientists amd murdering our ideals“), blickt in „All 
the way down“ in eine düstere Zukunft, übt in „Was- 
ted“ (kein Cover) grundsätzliche Zivilisationskri¬ 
tik. Ja, „da draußen“ sind Bands, die die Gedanken der 
Occupy-Bewegung aufgreifen, nur scheinen Protest¬ 
songs keinen zu interessieren - wer kritisieren könnte 
und gehört wird, schreibt lieber Fußball-Grölstamp¬ 
fer. (9) Joachim Hiller 



DOWN BY LAW 

Champions At Heart 

CD I DC Jam | dcjamrecords.com | 48:41 | | 

Neun Jahre sind seit dem letzten DOWN BY LAW- 
Album „Windwardtidesandwaywardsails“ ins Land 
gezogen und eigentlich hatte ich die Band um Sänger/ 
Gitarrist Dave Smalley bereits lange abgeschrieben, 
hauptsächlich wegen der recht schwachen letzten 
Alben, aber auch aufgrund seiner merkwürdigen Bei¬ 
träge auf conservativepunk.com etwas später. Nichts- 
destotrotz fanden Tonträger mit ihm als Sänger regel¬ 
mäßig den Weg in meinen CD-Player, vor allem „Can 
I Say“ von DAG NASTY und die ersten drei DOWN BY 
LAW-Alben. 

Während des Interviews, welches ich mit ihm Ende 
April vor der DYS-Show in Köln führte, erzählte 
Dave begeistert von diesem neuen Album, welches 
er für das Beste seit „All Scratched Up!“ hält. Nim 
sind Musiker von ihren aktuellen Alben in der Regel 
immer sehr überzeugt und die äußerst schwachen 
letzten Alben ließen mich dieses neue doch recht 
skeptisch in den CD-Schacht schieben. Aber meine 
Zweifel waren unbegründet und Dave hatte völ¬ 
lig recht, denn mit „Champions At Heart“ ist DOWN 
BY LAW tatsächlich das Kunststück geglückt, an ihre 
besten Zeiten anzuknüpfen. Zum einen ist der Sound 
endlich wieder äußerst amtlich, zum anderen laufen 
DOWN BY LAW auch beim Songwriting zu Höchst¬ 
leistungen auf. 

Aufgenommen wurden die 16 Songs in den GL Stu¬ 
dios in Florida, wo auch das Vorgängeralbum entstan¬ 
den ist. Allerdings zeichnet diesmal Bill Stevenson 
(DESCENDENTS, ALL) für den Mix verantwortlich, 
den er in seinen Blasting Room Studios gemacht hat, 
wo er ja auch unter anderem RISE AGAINST sound¬ 
technisch veredelte. Die ersten drei Songs („Bullets“, 
„Nothing“ und „New song“) alleine würden schon 
eine 10 als Wertung verdienen. Hart, schnell, dazu 
Hammermelodien und mit Daves unverwechselbarer 
Stimme versehen sind sie nahezu perfekt. „New song“ 
hat zum Beipiel wieder einen von diesen so typi¬ 
schen persönlichen Texten, die schon DAG NASTY für 
mich so besonders machten. „You’re not the person 
I thought that you could be / I’m not the worst one, 
just a son of anarchy / It’s a madhouse in my head / 
Spinning spinning seeing red“ - einfach großartig! Ein 
wenig zu viel Pathos gibt es textlich dann allerdings 
bei „Punk rock united (Step I)“, „Misfits united (Step 
II)“ und „Warriors united (Step III)“, wobei diese 
Lieder musikalisch über jeden Zweifel erhaben sind. 
„Homicide“ ist ein schneller Smasher mit ungewöhn¬ 
lich aggressivem Gesang und bei „Crystals“ schreit 
Dave mit ungewöhnlich hasserfüllter Stimme. Ob da 
die DYS-Reunion alte Energien freigesetzt hat?! Das 
Titelstück „Champions at heart“ ist ein eher ruhiger 
Song, während der Rausschmeißer „All in“ ein typi¬ 
scher DOWN BY LAW-Song ist. Wie bei allen Alben 
seit „Punkrockacademyfightsong“ ist Sam Williams 
III die zweite konstante Personalie bei DBL, während 
sich bei Bass und Schlagzeug mal wieder das Perso¬ 
nenkarussell gedreht hat, was sicher an der fast zehn¬ 
jährigen Pause hegt. 

Mit „Champions At Heart“ ist DOWN BY LAW über¬ 
raschenderweise ein starkes Album gelungen, welches 
ich in dieser Qualität im Leben nicht mehr erwartet 
hätte. Ich bin begeistert! Und nun bitte eine Deutsch¬ 
landtour. (9) Guntram Pintgen 



DINOSAUR JR. 

I Bet On Sky 

CD | Play It Again Sam | pias.com | 46:59 | | 

Gefühlt sind auf keinen Fall schon drei Jahre seit dem 
letzten DINOSAUR JR.-Album „Farm“ von 2009 ver¬ 
gangen. „I Bet On Sky“ ist das dritte Album seit der 
Reunion 2005, von der viele dachten, sie würde wohl 
nur von kurzer Dauer sein, aber die Streitereien, die 
1988 zum Ausstieg/Rausschmiss Lou Barlows führten 
(Drummer Murph ging 1993, 1997 beendete J Mas¬ 
tis das erste Kapitel DINOSAUR JR.), wurden ent¬ 
weder beigelegt oder zumindest haben Murph, Lou 
und J gelernt, miteinander klarzukommen. „I Bet On 
Sky“ ist das zehnte Studioalbum, 1985 kam das erste 
auf dem damals von Gerard Cosloy (heute einer der 
Besitzer von Matador) geführten Homestead-Label. 
Das titellose Debüt war, als ich es bald nach Erscheinen 
im Kontext meiner Begeisterung für Musik jenseits 
simplen Punks und Hardcores entdeckte, als SONIC 
YOUTH, HÜSKER DÜ und eben DINOSAUR JR. noch 
Geheimtips für Eingeweihte waren, eine Offenbarung. 
Ich weiß nicht mehr, ob wir uns damals bemühten, 
einen Namen für dieses Genre zu finden. Ziemlich 
sicher sprachen wir nicht von „Indie Rock“, so richtig 
wusste wohl niemand, wie man diese Bands, die ent¬ 
weder (wie DINOSAUR JR., die aus Lous und Js Hard¬ 
core-Band DEEP WOUND entstanden waren) eine 
Neugründung waren, sich schon immer so angehört 
hatten (SONIC YOUTH) oder einen Wandel weg vom 
Extrem-Hardcore (HÜSKER DÜ) hinter sich hat¬ 
ten, einordnen oder bezeichnen sollte. Dieser knar- 
zige, in seiner Kaputtheit sehr wohl noch punkige 
Sound war neu, anders und begeisternd, man „durfte“ 
ihn trotz seines Rückgriffs auf als konservativ gel¬ 
tende Rockmusik wie die von NeilYoung hören, alle 
anderen taten es ja auch, und in diesem Aufbrechen 
von Hörgewohnheiten ist wohl das große Verdienst 
von DINOSAUR JR. (und auch HÜSKER DÜ mit 
ihrer BYRDS-Verehrung) zu sehen. Gitarrensoli wie 
die von J Mastis? Vorher verpönt, jetzt erlaubt. Selt¬ 
sam schräger Gesang statt heiseres Bellen? Es war die 
Unperfektheit, die schraddelige Ungenauigkeit, die 
damals schon beim Opener „Forget the swan“ begeis¬ 
terte, für mich bis heute der archetypische DINO¬ 
SAUR JR.-Song. 

Was hat sich seitdem getan bei der in Amherst nahe 
Boston gegründeten Band? Nicht viel, eine Menge: 
Lou und J machten solo Karriere (SEBADOH/FOLK 
IMPLOSION beziehungsweise solo/WITCH), tobten 
sich dort aus und kehrten zu DINOSAUR JR. zurück, 
um auch bei „I Bet On Sky“, dem sechsten Album in 
der Ur-Besetzung, den Trademark-Sound der frü¬ 
hen Jahre und Alben („s/t“, 1985; „You’re Living All 
Over Me“, 1987; „Bug“, 1988) zu zelebrieren. So gut 
auch die von Mastis dominierten Platten der Neunzi¬ 
ger waren, es sind eben nicht nur dessen Gitarre und 
Gesang, sondern auch Murphs Schlagzeug und Bar¬ 
lows Bass-Spiel und Gesang (hier etwa bei „Recogni- 
tion“), die in Kombination den unvergleichlich zarten 
Schmelz eines balladesken Songs wie „See it on your 
side“ ergeben. „I Bet On Sky“ vermittelt den Eindruck 
einer in sich ruhenden Band, die sich zu ihrem ganz 
eigenen-Sound bekennt, die sich (und ihren Fans) 
hier ihre „comfort zone“ geschaffen hat. Für musika¬ 
lische Experimente sind die extrakurrikularen Aktivi¬ 
täten da, DINOSAUR JR. brauchen keine Abweichung 
von der einmal gefundenen Linie. (9) Joachim Hiller 


futureofthe ieft 



FUTURE OFTHELEFT 

The Plot Against Common Sense 

CD | XtraMile | xtramilerecordings.com | 55:53 

| | Mit „The Plot Against Common Sense“ präsentie¬ 
ren FUTURE OF THE LEFT ihr drittes Album. Genug 
Zeit und Audiomaterial für MCLUSKY-Fans also, um 
sich an Andrew „Falco“ Falkous’ neue Band zu gewöh¬ 
nen. Zeit hat sich auch die mittlerweile auf vier Per¬ 
sonen angewachsene Band genommen, denn der Auf¬ 
nahmeprozess zog sich unerwartet in die Länge. Als 
Appetizer und zur Verkürzung der Wartezeit wurde 
die EP „Polymers Are Forever“ im Frühjahr veröffent¬ 
licht, deren Titeltrack sich auch auf dem Album fin¬ 
det. Feststellen lässt sich nach dem ersten Hören fol¬ 
gendes: Viel verändert hat sich nicht. Und das ist im 
Falle der Waliser auch gut so. Der zweite Höreindruck 
offenbart dann noch einige neue Details. Gegenüber 
denVorgängeralben sind die Songs dieses Mal zumin¬ 
dest das eine oder andere Mal gestraffter. Die Single 
„Sheena is a t-shirt salesman“ kommt in knapp über 
zwei Minuten auf den Punkt und spannt auf diese 
Weise den Bogen zur Vorgängerband MCLUSKY. Das 
melodische „Goals in slow motion“ rollt straight 
geradeaus und fügt der Band eine neue musikalische 
Facette hinzu. Auch der Gesang ist ausgefeilter, als auf 
den ersten beiden Alben. Falkous wechselt ständig die 
Stimme, singt mal melodisch, mal zurückhaltend, 
mal kreischig, mal im Rockabilly-Stil, wie im Hid- 
den Track. 

Wie alle Alben von FUTURE OF THE LEFT zeichnet 
sich auch „The Plot Against Common Sense“ durch 
eine gute Portion musikalischen Wahnsinn und Fal¬ 
kous’ sarkastische Texte aus. Ursprünglich geerdet im 
Steve-Albini-geprägten Noise-Rock, nehmen die 
Songs unerwartete Wendungen an, wie das repetitive, 
schleppende „City of exploded children“, dass sich 
schleichend in einen Chorgesang mit Marschrhyth¬ 
mus verwandelt. Dass FUTURE OF THE LEFT dabei 
zum Glück nicht MARS VOLTA werden, ist sicher dem 
Talent der Band zu verdanken, die Titel immer wieder 
auf den Punkt zu bringen - und hängt natürlich auch 
mit Falkous’ abgedrehtem Zynismus zusammen. Die¬ 
ser führt erneut zu Songtiteln/zeilen für die Ewigkeit, 
wie „Robocop 4 - Fuck off Robocop“, in dem Falk¬ 
ous die Sequel-Geilheit der Hollywood-Studios aufs 
Korn nimmt. 

Auch ansonsten hagelt es in den Texten genügend 
Querverweise: Billy Corgan, Johnny Depp, Che Gue- 
vara, SLIPKNOT, NIRVANA („Girls aloud were the 
new NIRVANA, then any old shit was the new NIR¬ 
VANA“) - alle werden als Referenzen oder für Ver¬ 
gleiche herangezogen. Nicht immer politisch kor¬ 
rekt kämpft Falkous durchgängig für die gute Sache 
- seine eigene Meinung. Wie sehr er sich in dabei in 
Rage reden beziehungsweise schreiben kann, zeigt 
eine Anekdote im Vorfeld der Veröffentlichung: Auf¬ 
gebracht durch eine Rezension auf pitchfork.com sah 
sich Andrew Falkous genötigt, den verantwortlichen 
Redakteur in einem offenen Brief (zu finden in sei¬ 
nem Blog) langatmig und wortgewaltig zu zerpflü¬ 
cken — eine neue Form des Direktmarketings? 

Wie dem auch sei, „The Plot Against Common Sense“ 
ist nicht zuletzt durch den langen Reifeprozess das 
vielleicht beste FUTURE OFTHE LEFT-Album gewor¬ 
den. Mittlerweile vom Noise-Rock emanzipiert, ste¬ 
hen Krach, Pop, Provokation und Melodie gleichbe¬ 
rechtigt nebeneinander. (9) Michael Schramm 


WEIRD WORLDpräseM iert: 


► 


THEADOLESCENTS 

01.08.12 Karlsruhe, Alte Hackerei 

02.08.12 Moravska Trebova, Pod Parou Fest. 

03.08.12 Warschau, Punkt & Radio Luxembourg 

04.08.12 Ratnieki, Laba Daba Festival 

05.08.12 Tampere, Klubi 

06.08.12 Turku, Klubi 

07.08.12 Helsinki, Bar Loose 

09.08.12 Göteborg, Way Out West Festival 

10.08.12 Kopenhagen, Stengade 

11.08.12 Verden, JZ Dampfmühle Festival 

12.08.12 Hamburg, Hafenklang (& Zero Boys) 

13.08.12 Hannover, Bei Chez Heinz 

14.08.12 Tongeren, Rockcafe Sodom 

15.08.12 Köln, Sonic Ballroom 

16.08.12 Tolmin, Punk Rock Holiday 

17.08.12 Le Havre, Mac Daids 

18.08.12 Theix, Motocultor Festival 


BLITZKID 

11.10.12 St. Petersburg, tba 

12.10.12 Moskau, Relax Club 

14.10.12 Osnabrück, Bastard Club 

24.10.12 Frankfurt, Nachtleben* 

25.10.12 München, Feierwerk* 

26.10.12 Pforzheim, Haus der Jugend* 

27.10.12 Leipzig, Conne Island* 

28.10.12 Hamburg, Hafenklang* 

29.10.12 Berlin, S036* 

30.10.12 Magdeburg, Factory* 

31.10.12 Köln, Underground* 

03.11.12 Whitby, Gothic Weekend 
05.11.12 Basingstoke, Sanctuary 
08.11.12 Illingen, Juz 
09.11.12 Ulm, Beteigeuze 

* ’Hellnights' Tour 

DIVAKOLLEKTIV 

10.08.12 Gadebusch, Sommerschlacht 
25.08.12 Potsdam, Archiv 


GBH 

10.08.12 Torgau, Endless Summer 

COCKNEY REJECTS 

20.10.12 Liege, Espace George Truffaut 

ANTI-PASTI 

11.11.12 Antwerp, Kavka 

12.11.12 Köln, Sonic Ballroom 

13.11.12 Hamburg, Hafenklang 

14.11.12 Berlin, Cortina Bob 

HELLNIGHTS 2012 

(feat. BUTZKID, THE OTHER & 
BLOODSUCKING ZOMBIES FROM 
OUTER SPACE & THE FRIGHT) 

24.10.12 Frankfurt, Nachtleben 

25.10.12 München, Feierwerk 

26.10.12 Pforzheim, Bottich 

27.10.12 Leipzig, Conne Island 

28.10.12 Hamburg, Hafenklang 

29.10.12 Berlin, S036 

30.10.12 Magdeburg, Factory 

31.10.12 Köln, Underground 


u .... , 1 1 Ii jjp p m i j,, I JJ 

HOUSE OFDOLLS 

03.10.12 Aachen, Hauptquartier 
04.10.12 Köln, Sonic Ballroom 
05.10.12 Dresden, Chemiefabrik 
06.10.12 Berlin, White Trash 
09.10.12 Ostrava, Barrak MusicClub 

10.10.12 Kosice, Kollosseum 

11.10.12 Cluj Napoca, Gambrinus Pub 

KOTZREIZ 

28.09.12 Dresden, Chemiefabrik* 
29.09.12 GER-Dessau, AJZ* 

30.09.12 Hamburg, Hafenklang* 
01.10.12 Brüssel, tba* 

02.10.12 Köln, Sonic Ballroom* 
03.10.12 Chemnitz, AJZ* (+Slime) 
04.10.12 München, Feierwerk* 
05.10.12 Nürnberg, Kunstverein* 
06.10.12 Berlin, Cortina Bob* 

17.11.12 Berlin, S036 (Siempre Antifa. 

28.12.12 Oberhausen, Punk im Pott 
* + Vageenas 


THE OTHER 

12.07.12 Ballenstedt, Rock Harz Festival 
22.07.12 Köln, Amphi-Festival 

24.10.12 Frankfurt, Nachtleben* 

25.10.12 München, Feierwerk* 

26.10.12 Pforzheim, Haus der Jugend* 

27.10.12 Leipzig, Conne Island* 

28.10.12 Hamburg, Hafenklang* 

29.10.12 Berlin, S036* 

30.10.12 Magdeburg, Factory* 

31.10.12 Köln, Underground* 

17.11.12 Moskau, Relax Club 
* .Heilnights 1 Tour 

upcoming: 

AUTHORITY ZERO (Frühjahr 2013) 
DIVAKOLLEKTIV (November 2012) 

THE GENERATORS (Frühjahr 2013) 

KING CANNONS (Winter 2012) 

SLUG GUTS (Frühjahr 2013) 




Fest) 

weitere Bands / Konzerte unter: I 

www. weird-world. de / info@weird-world. de | 


«min 


OX-FANZINE 80 


















REVIEWS 


/TOP OF THE OX 



GALLON DRUNK 

The Road Gets Darker From Here 

CD I Clouds Hill | cloudshill-ltd.com | 37:10 

| | Vor fünf Jahren erschien mit „The Rotten Mile“ 
das letzte Album der Ende der Achtziger von Sän¬ 
ger/Gitarrist/Organist James Johnston gegründeten 
GALLON DRUNK. Das hatten aber nur hartnäckigste 
Fans der Band mitbekommen, wobei GD-Fans auf¬ 
grund der spärlichen Releases in den letzten zehn Jah¬ 
ren auch immer rarer geworden sind. Bedingt wurde 
diese geringe Wahrnehmung dadurch, dass die Platte 
auf einem Kleinstlabel namens Fred erschien, mit 
dem ein Londoner Galerist ein Ventil für seine musi¬ 
kalischen Vorlieben schaffen wollte, mit dem Ergeb¬ 
nis, dass diese hervorragende Platte inzwischen ent¬ 
weder gar nicht mehr oder nur zu absurden Prei¬ 
sen erhältlich ist. Das ist umso bedauerlicher, mar¬ 
kierte die Platte doch nach „Fire Music“, 2002 auf 
Sweet Nothing veröffentlicht, die Rückkehr der Band 
zum ruppigen Swamprock ihrer Früh werke „You.The 
Night ...AndThe Music“ und „FromThe Heart OfThe 
Town“ von Anfang der Neunziger. 

Nicht dass „Fire Music“ ein schlechtes Album gewe¬ 
sen wäre, ganz im Gegenteil, auch wenn Johnston - 
der wie auch in der aktuellen Besetzung zu dieser Zeit 
bereits mit Terry Edwards (brass, percussion, piano, 
organ) und Ian White (drums, percussion) zusam¬ 
menspielte - dabei mehr nach den DOORS als Nick 
Cave klang, und sogar regelrecht poppig, wie es auch 
schon auf „In The Long Still Night“ von 1996 der Fall 
war. Zuletzt trat Johnston aber vor allem als Session- 
musiker in Erscheinung und konnte dem schwachen 
2011er Album „Something Dirty“ der einen Inkar¬ 
nation der Krautrock-Institution FAUST mit seinem 
exzellenten Gitarrenspiel zu Glanzpunkten verhelfen. 
Dass es mit „The Road Gets Darker From Here“ jetzt 
auch noch mal ein neues GALLON DRUNK-Lebens¬ 
zeichen gibt, ist erfreulich, denn Johnston hat hier 
zusammen mit White und dem umtriebigen Edwards, 
der bereits mit den TINDERSTICKS, PJ Harvey, SPI- 
RITUALIZED, Nick Cave, Lydia Lunch, Tom Waits 
oder Robyn Hitchcock zusammengespielt hat, ein 
Album aufgenommen, das sich nicht hinter den bes¬ 
ten Momenten der Band verstecken muss. Es ist ein 
Album, das roh und bluesig ist, versehen mit einem 
ansteckend hypnotischen Groove. Der selige John 
Peel gab einst bezüglich GALLON DRUNK zu Proto¬ 
koll: „Why do I like them? Because they don’t sound 
like anybody eise.“ Und das unterstreicht die Band 
bei den acht Songs ein weiteres Mal auf beeindru¬ 
ckende Weise, leistet sich aber auch subtilere, leisere 
Momente wie etwa beim großartigen letzten Track 
„The perfect dancer“ mit seiner stoischen, an CANs 
„Yoo doo right“ angelehnten Rhythmik, den man sich 
in einer 20-minütigen Version gewünscht hätte. Was 
auch der einzige Kritikpunkt an dieser hervorragen¬ 
den Platte wäre, die mit 3 7 Minuten fast etwas zu kurz 
geraten ist, denn alle acht Songs besitzen eine spezielle 
Qualität, die sie dazu prädestiniert, episch und eksta¬ 
tisch ausgewalzt zu werden. Vorab wurden bereits die 
beiden Songs „You made me“ und „A thousand years“ 
als Singles veröffentlicht, beide versehen mit exklusi¬ 
ven B-Seiten-Tracks, darunter ein sehr schönes Stück 
zusammen mitTOCOTRONICs Dirk von Lowtzow, das 
sich ebenfalls gut auf dem Album gemacht hätte. (9) 
Thomas Kerpen 

►► Auf der Ox-CD zu hören. 



THE HIVES 

Lex Hives 

CD | Columbia | columbiarecords.com | | Ein 

dreifaches „Hurra“! THE HIVES sind zurück und lie¬ 
fern mit „Lex Hives“ ihr bestes Studioalbum der letz¬ 
ten acht Jahre ab. Einfach nicht totzukriegen, diese 
Schweden. Vor nunmehr 19 Jahren fanden sie sich 
in einem beschaulichen Städtchen in Schweden 
zusammen, mit keinem geringeren Plan als die Welt 
zu erobern. Ihr Siegeszug beginnt mit ihrem Debüt- 
album „Barely Legal“. Während dieses noch die Ver¬ 
tonung ihrer ungezügelten jugendlichen Energie ist, 
klingt der Nachfolger „Veni Vidi Vicious“ von 2000 
schon deutlich ausgereifter und enthält erste Hits wie 
„Hate to say I told you so“. Spätestens mit dem dritten 
Studioalbum „Tyrannosaurus Hives“ gelingt ihnen 
der Durchbruch in ganz Europa und den USA. Mit 
seinen eingängigen Bassläufen und Riffs, Singalong- 
tauglichen Songs wie „Walk idiot walk“ und dem tes¬ 
tosterongeladenen Gesang von Frontmann „How- 
lin’“ Pelle Almqvist gilt dieses Album bis heute als das 
Meisterwerk der Band. 

Außerdem handeln sich die Schweden den Ruf als 
herausragende Live-Band ein, mit einem Frontmann, 
der wohl als einer der besten Entertainer der heuti¬ 
gen Rock’n’Roll-Szene gesehen werden kann. 2007 
folgt mit „The Black And White Album“ das Sorgen¬ 
kind der HIVES: die glatt gebügelten Songs, die unter 
der Regie von Pop-Produzenten wie Timbaland und 
Pharell Williams auf einem Majorlabel entstehen, sor¬ 
gen für recht wenig Begeisterung. Es dauert fünf Jahre, 
bis sich THE HIVES von diesem verhaltenen Feedback 
erholen und mit „Lex Hives“ ihr fünftes Studioalbum 
auf die Menschheit loslassen. 

THE HIVES besinnen sich dabei in jeglicher Hin¬ 
sicht zurück auf ihre Winzeln: das Album entstand 
ganz in D.I.Y.-Manier: selbst eingespielt, selbst pro¬ 
duziert, selbst veröffentlicht. Wenn etwas gut wer¬ 
den soll, muss man es eben selber machen. So ganz auf 
Unterstützung wollte die Band dann aber doch nicht 
verzichten: die beiden Bonustracks der Deluxe Edi¬ 
tion wurden beispielsweise von Josh Homme produ¬ 
ziert. Auch musikalisch geht es wieder energischer zu 
als auf dem Vorgänger: mehr Ohrwürmer, mehr tanz- 
bare Songs, mehr Tempo - einfach mehr Rock’n’Roll. 
Unter den zwölf regulären Tracks des Albums sind 
mit „Patrolling days“ und „These spectacles reveal 
the nostalgics“ wieder punkigere Songs zu finden. 
Durch Bläserparts und Claps wagen sich Songs wie 
„Go right ahead“ und „Midnight shifter“ recht weit 
in Rock’n’Roll-Gefilde vor - gut so! „Take back the 
toys“ klingt ein bisschen, als hätte man die ROL¬ 
LING STONES mit den EAGLES OF DEATH METAL 
gepaart, während sich in „I want more“ imgezügelt 
und sehr groovig dem Größenwahn hingegeben wird, 
aber Bescheidenheit war ja noch nie so das Ding der 
Schweden. 

Natürlich sind THE HIVES nicht mehr die gleiche 
Band wie vor zehn Jahren, das kann man jetzt mit 
einer knausrigen „Früher war alles besser“-Einstel¬ 
lung hinnehmen oder die Entwicklung, die sie durch- 
gemacht haben, bewundern. An deren Ende steht ein 
Album mit zwölf großartigen Garage-Songs, die eine 
Menge Groove haben und das Können und die Wand¬ 
lungsfähigkeit der Band zeigen. Außerdem machen 
THE HIVES ja keine Lieder mehr, sondern Gesetze - 
und denen sollte man gehorchen. (9)Christina Wenig 


KMPF 

SPRT 

+++ 


KMPFSPRT 

Das ist doch kein Name für ’ne Band 
MCD | Redfield | redfield-records.de | | Sie ken¬ 
nen das alles schon längst. Sie spielten in Bands, sie 
rissen sich den Arsch auf, sie hatten große Momente 
und auch Fehlschläge. Über all das geht in erster Linie 
die Liebe zur Musik und im Fall von KMPFSPRT die 
Liebe zum Punkrock. Diese lebten die Mitglieder auch 
schon in anderen Bands wie FIRE IN THE ATTIC und 
DAYS IN GRIEF aus. Diese Bezüge lösen erstmal Ver¬ 
wunderung darüber aus, dass nun P unk mit deut¬ 
schen Texten zelebriert wird, denn von eben jenen 
Bands war man doch eher eine sehr amerikanische 
Note gewöhnt. Als Referenz boten sich da eher Per¬ 
len wie IRON CHIC oder POLAR BEAR CLUB und Co. 
an. Das Interessante ist, dass sich an diesem Umstand 
trotz der deutschen Texte tatsächlich nichts geändert 
hat. Musikalisch bleiben KMPFSPRT im amerikani¬ 
schen Punkrock verhaftet und fallen aus dem Ras¬ 
ter der diversen aufkommenden Deutschpunk-Bands 
raus. Vergleiche bieten sich in diese Richtung nicht an. 
Also betrachten wir einfach, was diese Band zu bie¬ 
ten hat. KMPFSPRT liefern auf ihrer Debüt-EP „Das ist 
doch kein Name für ’ne Band“ sechs herrlich dynami¬ 
sche Kracher-Songs, die unsere Aufmerksamkeit bis 
aufs Letzte fordern und oh ja, man darf und sollte aus¬ 
rasten. Aus rauhem Gesang, herrlichen Gitarrenriffs 
und druckvollem Schlagzeug in gepflegter und oft 
bewährter Drei-Minuten-Manier haben KMPFSPRT 
einfach mal eben sechs Hits gezaubert. Allerdings ist es 
auch das, was man von dieser Band angesichts der Vor¬ 
geschichte erwarten musste, und doch ist das toll und 
auch beeindruckend. Der Drive wird groß geschrie¬ 
ben und verzichtet dafür auf großes Brimborium. Ist 
ihnen das Songwriting schwer gefallen? Wahrschein¬ 
lich nicht. Das Schreiben deutscher Texte dagegen ist 
bekanntermaßen kein Kinderspiel, wenn man nicht 
in Pathos und Klischees versinken will, und das war 
wahrscheinlich die größte Herausforderung für die 
Band. Mit Fug und Recht kann aber ein Zeugnis mit 
dem Vermerk „Bestanden“ ausgestellt werden. 

Was das Pathos angeht, so wird es von KMPFSPRT zu 
unserer Freude vermieden, was aber wohl vor allem 
daran liegt, dass die Romantik keine große Rolle auf 
dieser EP spielen darf. Und auch wenn man ob ihres 
etwas albernen Titels annehmen könnte, dass man 
sich mit ÄRZTE-mäßigem Klamauk rumschlagen 
muss, ist das zum Glück ein Trugschluss. Nein, man 
gibt sich doch Heber kritisch. Es stellen sich schüeß- 
lich so manche Fragen. Wieso lässt sich der Hori¬ 
zont der Mitmenschen nicht erweitern, wieso kann 
man sie nicht erreichen, fragen sie sich in „Hauptsa¬ 
che es schmeckt und sieht gut aus“. Warum sollte man 
nur in der Erinnerung an die gute alten Zeiten in der 
Jugend leben, wenn man doch genauso gut einen Ver¬ 
such wagen und etwas Neues ausprobieren könnte? 
(„Wie du bist schon fertig? Wir fangen gerade erst 
an!“). Es geht um das Weitermachen und Nicht-Auf- 
geben, um Enttäuschung von Mitmenschen, um das 
Hadern mit sich selbst und um das Übel, das einem 
all das dann eben doch wieder erschwert und was es 
zu bekämpfen gilt, denn „Es wird verdammt noch¬ 
mal Zeit, dass es Zeit wird“. Angesichts all dessen gilt 
es sich nur noch zu fragen, wie das wohl weitergeht, 
wenn irgendwann der erste Langspieler von KMPF¬ 
SPRT vorliegt. (9) Bianca Hartmann 

Auf der Ox-CD zu hören. 



TURBONEGRO 

Sexual Harassment 

CD | Volcom | volcoment.com | 33:21 | | Zuge¬ 
geben, ein komische Gefühl war das ja schon, als ich 
am Freitag des diesjährigen Pfingstwochenendes 
gegen 21:30 Uhr vor der Bühne des Gelsenkirchener 
Amphitheaters stand, auf welcher gerade der bevor¬ 
stehende Auftritt der norwegischen „Deathpunks“ 
TURBONEGRO angekündigt wurde. Da war zum 
einen die Vorfreude darauf, eine der wahrscheinhch 
besten Livebands, die ich je gesehen habe wieder erle¬ 
ben zu dürfen, zum anderen aber auch eine gewisse 
Angst, ob besagte Band nicht vielleicht gerade mit 
großen Schritten in Richtung Selbstdemontage unter¬ 
wegs ist, denn schheßUch musste man mit Hank von 
Helvete einen charismatischen, wenn auch ungemein 
exzentrischen Frontmann ersetzen, der sich seit jeher 
durch eine überragende Bühnenpräsenz auszeichnete 
und, zumindest für mich, über die perfekte Stimme 
für den Sound TURBONEGROs verfügte. Noch in den 
Minuten vor dem Auftritt in Gelsenkirchen schwelgte 
ich in Erinnerungen an meine erste richtige TURBO- 
Erfahrung im Sommer 1998, als ich die Band im Sojus 
7 in Monheim zum ersten Mal live sah und von der 
ersten Minute an wie elektrisiert war von deren Show 
und insbesondere von diesem komplett wahnsin¬ 
nigen Sänger, der mit Zylinder, Satin-Cape und Spa¬ 
zierstock auf die Bühne stakste und durch seine KISS- 
Gedächtnis-Hinke um die Augen erst recht vollkom¬ 
men irre wirkte. 

Ab da war ich Fan der Band und bin es, auch wenn ich 
keine der schicken Türbojugend-Jacken in meinem 
Besitz habe, bis heute gebheben. Umso erschreckender 
waren für mich die Nachrichten, dass Mr. von Helvete 
sich auf einer psychischen Achterbahnfahrt befin¬ 
det, sich neben Alkohol und Drogen offenbar auch 
gerne den geistigen Murks von Scientology reinzieht 
und letztlich der Band den Rücken zukehrte. Um ehr¬ 
lich zu sein habe ich TURBONEGRO zu diesem Zeit¬ 
punkt abgeschrieben, denn wie wollte man diese 
Lücke bitte schön füllen? Die Antwort marschierte an 
besagtem Freitagabend mit Melone auf dem Kopf auf 
die Bühne, hört auf den Namen Tony „The Duke Of 
Nothing“ Sylvester und macht von der ersten Sekunde 
an klar, dass er der Mann ist, den eine Band wie TUR¬ 
BONEGRO braucht. Er ist zum einen ein hervorragen¬ 
der Entertainer, zum anderen besitzt der Mann eine 
der im positiven Sinne asozialsten Reibeisen-Stim¬ 
men, die man sich überhaupt vorstellen kann. Er ist 
also keine bloße Hank-Kopie (was mich enorm beru¬ 
higte, gelang es Happy Tom und Co. durch diese Per¬ 
sonalentscheidung schließlich, sich ihre „Glaubwür¬ 
digkeit“ zu bewahren und den eventuellen Vorwurf, 
bloß noch mal ’nen schnellen Euro machen zu wollen, 
geschickt zu umschiffen) und schafft es mit seinem 
Organ, dass die Band so absolut vertraut und dennoch 
vollkommen anders klingt. 

Bezogen auf die neue Platte „Sexual Harassment“ 
bedeutet das: Es gibt wieder Hits am laufenden Band 
und vor allem wieder die bandtypischen, unglaublich 
schmissigen Melodien. Egal, ob man klassische Bre¬ 
cher wie „The nihilistic army“ und „Hello darkness“ 
raushaut, oder mit „Tight jeans loose leash“ in ruppi¬ 
gen Bluesrock-Gefilden der Marke AC/DC wildert, es 
funktioniert in dieser Besetzung alles und macht erst¬ 
mals seit „Party Animais“ wieder Spaß. TURBONE¬ 
GRO haben also die Kurve gekriegt. (9) Jens Kirsch 





TERBORGRUPPE 


IR0KEN5ILENCE 


DESiTilNiYlRECÖRD'S 


9 ^ 


"Traliblut" LP/CD 
erstes Studio-Album 
seit 1t Jahren! 

LP via Plastic Bomb PBR-070 


THE OFFENDERS 


TALCQ 


Im Herbst: The Bottrops / Joey Cape & more 


OX-FANZINE 81 




























REVIEWS 


Geschmackscontrol 78 

Top Of The Ox 80 

Alben 82 

Playlists 83 

Leser- & Verkaufscharts 83 

Singles 86 

Die Bands der Ox-CD 91 

Re-Releases 92 

Sampler & Compilations 98 

Demos 100 

Fanzines 101 

DVDs 102 

Movies 103 

Bücher 106 

Comics 108 


DIE ABKÜRZUNGEN 

LP = LP, 7” = Single, CD = CD, MCD = CD-Ma- 
xisingle, 2LP = Doppel-LP, 2CD = Doppel-CD 

DIE BEWERTUNG SSKÄLÄ 

10 Ein (zukünftiger) Klassiker. 

9 Eine „Platte des Jahres“. 

8 Überdurchschnittlich gut. 

7 Rundum gelungen. 

6 Okay, ohne Höhen und Tiefen 
5 Einfach durchschnittlich 
4 Kann man noch durchgehen lassen 
3 Rumdum schwach 
2 Wirklich schlecht 
1 Schrott der allerübelsten Sorte 


EIN PAAR WORTE ZU UNSERER SKALA 

Wir werden immer wieder darauf angesprochen, dass zu 
viele Platten gut bewertet werden. Dazu ist zu sagen: Da wir 
schon im Vorfeld die nicht mal ansatzweise ins Heft pas¬ 
senden Platten aussortieren, fallen viele Kandidaten für 
eine Wertung unter 5 schon von vornherein weg. Dazu 
kommt, dass wir versuchen, jede Platte einem Spezialisten 
für das entsprechende Genre zuzuteilen, was den Noten¬ 
schnitt erfahrungsgemäß ebenfalls anhebt. Und: Wenn 
mal wieder der Platz eng wird, fliegen die miesen Platten 
als erstes raus - und die guten bleiben. Abgesehen davon: 
Alles ist subjektiv, auch unsere Bewertungen. Und fehlt 
eine Note, wollte der Autor keine vergeben, was aber nicht 
bedeutet, dass die Platte schlecht ist. 

UNSERE REVIEW-POLITIK 

Wir besprechen jeden Tonträger, der im weitesten Sinne in 
unser Heft passt. Einen Anspruch auf Rezension gibt es aber 
nicht, und wir behalten es uns vor, Tonträger unrezensiert 
in unsere „Kiste des Grauens“ auszusortieren. Grundsätz¬ 
lich bestehen wir auf der Zusendung kompletter Releases, 
das heißt „nackte“ gebrannte CDs ohne Cover etc. werden 
nicht berücksichtigt bzw. nur dann, wenn wir sicher gehen 
können, dass wir auch die fertige CD geschickt bekommen. 
Auf keinen Fall besprechen wir CDs mit ausgeblendeten 
Stücken sowie wie mit Watermark versehene CDs. Letztere 
werden von uns ohne Kommentar als unfreie, versicherte 
Pakete an das Label zurückgeschickt. Außerdem bespre¬ 
chen wir prinzipiell keine Releases, die bloß als Stream 
oder Download vorliegen. 

NOCH MEHR REVIEWS GEFÄLLIG? 

Unter www.ox-fanzine.de gibt’s über 35.000 Reviews aus 
über 70 Ausgaben, alphabetisch und nach Ausgabe geord¬ 
net, und teilweise sogar noch mehr Reviews als sich im 
Heft finden, denn oft können wir einfach nicht alles unter¬ 
bringen. Das Ganze mit komfortabler Suchfunktion nach 
Bandname, Plattentitel und Label. 


12XU 

Les Grandes Marees 

CD | Purepainsugar | purepainsugar.com | 24:30 | | 

Ja, der Bandname ist geklaut, geliehen, eine Verbeugung, 
bei/von/vor WIRE. 2008 in Lyon gegründet, veröffent¬ 
lichte man zunächst ein paar Singles, ging aufTour, spielte 
beim „Fest“ in Gainsville und nahm dann dieses Album 
auf, ein Dreier-Split-Release, an dem die Band selbst mit 
Purepainsugar sowie Bakery Outlet (USA) und Flower Of 
Carnage (USA) beteiligt sind. Mit WIRE haben die fran¬ 
kophonen 12XU stilistisch allerdings rein gar nichts zu 
tun, was keine Kritik darstellt. Ein deutlicherer Hinweis 
auf die musikalische Heimat ist da schon der „Fest“-Auf¬ 
tritt in der Stadt von No Idea Records und HOT WATER 
MUSIC: wenn ein Sänger so heiser und verzweifelt zu eher 
behäbigem Punkrock/Hardcore brüllt, liegt der Vergleich 
auf der Hand, trifft aber dann doch nur zur Hälfte. Denn 
12XU können auch nachdenklich-düster, etwa bei „Jour 
de greve“, einem schleichenden, noisigen Nummer, die 
dann doch ehr auf französische Gitarrenrock-Traditio- 
nen verweist. Dennoch, wer neben HWM auch JAWBREA- 
KER, HORACE PINKER und SAMIAM schätzt, liegt bei „Les 
Grandes Marees“ richtig. (7) Joachim Hiller 

2 BACK TOO BLACK 

Remember & Follow 

MCD | myspace.com/2backtooblack | 6:14 | | 

Schade, dass nur zwei Songs auf dieser CD drauf sind. Aber 
die widerlegen all jene, die meinen, Punk wäre nur was 
für eine bestimmte Altersklasse. Aik, Mastermind hinter 2 
BACKTOO BLACK, ist zwar Jahrgang ’48 und hat eine recht 
bewegte Vergangenheit, klingt aber mit seinen beiden Kol¬ 
legen nicht ansatzweise nach Altherren-Combo. Eher hat 
das Ganze was von frühem Punk auf der ROCKET FROM 
THE TOMBS- oder auch WIPERS-Schiene, nur etwas 
zu glatt produziert. Aber bloß zwei Songs? Da geht doch 
bestimmt mehr! (7) Gary Flanell 

_ÄAA 

ARTLESS 

s/t 

CD | Teenage Rebel/Cargo | teenage-rebel.de | 
40:43 | | 2007 gab es ein neues Lebenszeichen von ART¬ 
LESS, jener semilegendären Punkband aus dem westlichen 
Ruhrgebiet, die 1981 eine Single mit dem programma¬ 
tischen Titel „Mein Bruder is ’en Popper“ gemacht hatte. 
Teenage Rebel Records aus Düsseldorf legte das Gesamt¬ 
werk im CD-Format neu auf, es wurden auch Konzerte 
gespielt, doch dann wurde es wieder ruhig um die Band, 
bei der mit Hank Sinatra und Willi Solid noch zwei Ori¬ 
ginalmitglieder aktiv waren/sind. Und mm also ein neues 
Album, wenn man will sogar das erste richtige, denn 
„Tknzparty Deutschland“ war ja einst nur ein Tape. Braucht 
das jemand, ein Album von Endvierzigern, die sich noch 
mal einen Hauch von ihrer Jugend zurückholen wollen? 
Falscher Ansatz: Punk ist, sein Ding zu machen und auf die 
Meinung anderer zu scheißen. Entsprechend stellt sich die 
Frage nach der Notwendigkeit nicht, erlaubt ist, was Spaß 
macht. Und Spaß hatten Hank und Willi sowie der Soh¬ 
nemann des einen mit den 14 neuen Songs, das hört man. 
„Jenny, Jenny, Jenny“ etwa ist vom textlichen Gehalt her 
zwar recht pubertär, dafür ist „Ich hab John Lennon nicht 
erschossen“ ziemlich reflektiert, wie auch „Alkohol löst 
keine Probleme“. Wohingegen „Freitags Komasaufen“ oder 
der auch den KASSIERER zu Ehre gereichende „Scham¬ 
haarsong“ es erforderlich machen, über ruhrpottkompa¬ 
tiblen Humor zu verfügen. Erstaunlich ist die musikalische 
Seite: mal Rumpelpunk der alten Sorte, dann aber auch ein 
kleiner Hit wie das surfige, mit genialer Orgel ausgestat¬ 
tete „Urlaubsgrüße aus Nirgendwo“. Ich habe mich von 
auferstandenen alten Punks schon schlechter unterhalten 
gefühlt, also: Daumen hoch. (7) Joachim Hiller 

A DEAD FOREST INDEX 

Antique 

MCD | Denovali/Cargo | denovali.com | 17:55 | | 

Hinter A DEAD FOREST INDEX stehen die Brüder Adam 
und Sam Sherry aus Melbourne, die als eine Art mini- 
malistisches Duo - im Wesentlichen auf Basis von Gitarre 
und Percussions - zusammenfinden. Die Musik erinnert 
gekonnt an vergangene Wave-Zeiten und oszilliert zwi¬ 
schen den SAD LOVERS & GIANTS, UV POP und SIOUX - 
SIE 8t THE BANSHEES, zumal ein brillanter Song wie „Dis- 
tance“ durchaus an „The endless sea“ der BANSHEES erin¬ 
nert. Die australischen Brüder sind stilsichere Protagonis¬ 
ten des elegischen Schweigens in Moll. Das letzte Mal, als 
diese Art der Emotionalität so filigran und gekonnt umge¬ 
setzt wurde, geschah dies durch das Duo INTO A CIRCLE 
(„Inside out“), eine englische Wave- und Post-Goth-For- 
mation, die Mitte der Achtziger Jahre aus GETTING THE 


FEAR (einer Abspaltung von SOUTHERN DEATH CULT) 
hervorging. Junge Männer, die ursprünglich aus dem frü¬ 
hen Goth kamen und anschließend den dunklen und pla¬ 
kativen Pop nicht scheuten. (8) Markus Kolodziej 

THE ATTENTION 

Gettin’ All... 

CD | Screaming Apple/Cargo | screamingapple.com 
| 61:32 || Die Steigerung ist beachtlich. War ich mit 
dem ersten Album der fünf Wiener Hipster nicht zu 100% 
warm geworden, holen THE ATTENTION nun massiv auf. 
Soundmäßig sind sie wie eh und je in der Königs- oder 
eher Kaiserklasse, dem HiFi-Sound der letzten Alben der 
KAISERS aus Liam Watsons Toe - Rag - Studio sind sie so nahe 
wie dem der feinsten Abbey-Road-Bands. Der wirkliche 
Fortschritt liegt in den ausgezeichneten Kompositionen. 
Mit Liebe zum Detail und unglaublichem Tiefgang zau¬ 
bern die fünf Herren im feinen Zwirn und mit hoher Stirn 
locker elf der besten Beat/R8tB-Feger der Saison aus dem 
Hut. Hervorgehoben werden muss unbedingt das unfass¬ 
bar coole „Button-down Harry’s back“, das übel swingende 
„Let’s dance“ (nicht das von Chris Montez, eine eigene 
Komposition!) und die ehrlich anrührende Irma Tho¬ 
mas-Ballade „That’s how strong my love is“, die nicht ein¬ 
mal die ROLLING STONES mit mehr Herzblut zu spielen 
vermochten. Das reicht zu einem Rhythm’n’Beat-Album 
der Sonderklasse. Die von mir damals geschmähte erste LP, 
mittlerweile vergriffen, ist als Bonus als „Zugabe“ auf der 
CD-Fassung enthalten. (9) Gereon Helmer 

THEAPERS 

Live At The Eldorado 

CD | Asian Man | asianmanrecords.com | 47:01 | | 

Längst überfällig und jetzt endlich da! Nach 16 Jahren das 
erste Live-Album der holländischen Punkrocker. Aufge¬ 
nommen im Juni 2011 
im Eldorado-Club in 
Nordenham, quasi dem 
deutschen Wohnzimmer 
der APERS. Wenn man 
das Live-Album durch¬ 
hört, wird einem erst 
bewusst, wie viele Hits 
die Jungs über die gan¬ 
zen Jahre an den Start 
gebracht haben. Die 
Soundqualität ist für 
ein Live-Album abso¬ 
lut in Ordnung und gibt 
ein authentisches Bild, auf was man sich bei einem APERS - 
Konzert freuen kann. Leider fehlen die in der Regel sehr 
unterhaltsamen Ansagen von Frontmann Kevin Aper, aber 
wenn er beim letzten Song „Everyday is a rock’n’roll day“ 
bei der Bandvorstellung eine geniale „Mr. Bombastic Mr. 
Lover Lover“-Einlage gibt, lässt sich schon erahnen, wel¬ 
che herausragenden Entertainerqualitäten der Bursche hat. 
Fazit: Pflichtplatte für alle APERS-Fans. Und für die Punk¬ 
rocker, die noch kein Album der Holländer zu Hause ste¬ 
hen haben, bietet diese CD einen gelungenen Einstieg 
und Überblick über 16 Jahre gelebten RAMONES- und 
QUEERS-Pop-Punk mit zahlreichen veritablen Hits, Spaß 
und gute Unterhaltung sind garantiert. Und dann natür¬ 
lich imbedingt auch bei der nächsten Gelegenheit die Band 
in einem kleinen verschwitzten Club live genießen und 
beherzt mitgrölen. (9) Axel M. Gundlach 

ANTITHESE 

Kein Blick zurück 

CD | Alienated But Striving | myspace.com/aliena- 
tedbutstriving | 40:45 | | ANTITHESE kommen aus 
dem beschaulichen Zweibrücken und sind nach eige¬ 
nem Bekunden die letzte aktive Punkband des Städtchens. 
Was gut sein kann, jedoch nichts Schlechtes sein muss. Mit 
ihrem Debütalbum „Kein Blick zurück“ versuchen sie euch 
ihre Art des Punkrocks näherzubringen. In den zwölfTiteln 
geht es sehr facettenreich zu. Neben einem großen Speed¬ 
punk-Anteil gibt es Ausflüge in den Metal-, Hardcore- und 
Deutschpunk-Bereich. Inhaltlich geht es überwiegend um 
gesellschaftliche Themen und persönliche Einstellungen. 
Die Platte schafft es trotz des teilweise hohen Tempos leider 
nicht, einen vom Hocker zu reißen. Der Gesang von Front¬ 
frau Jasmin ist etwas sehr wacklig, und musikalisch gehen 
sie sehr robust zu Werke. Der Ansatz ist gut, bei der Umset¬ 
zung ist aber noch viel Luft nach oben. (5) Sven Grumbach 

ADOLESCENTS 

American Dogs In Europe 

MCD | Concrete Jungle | concretejunglerecords.com 
| 11:32 | | Im April 2012 enterten Tony und Band in Los 
Angeles das Racket Room-Studio in Santa Ana, um diese 
4-Track-Tour-EP einzuspielen, zu der Mario Riviere ganz 
hervorragendes Comic-Artwork geliefert hat. Die EP gibt’s 


sowohl im CD- wie im 12“-Vinylformat, im Gegensatz 
zu vielen anderen Bands sind die Songs alle exklusiv und 
keine aufhehmfaule Zweitverwertung, und wer immer 
in letzter Zeit live wie plattenmäßig vom zweiten Früh¬ 
ling der Orange County-Punk-Legende angetan war, sollte 
zugreifen. (8) Joachim Hiller 

ALTERRED 

Dollstown 

CD | af music | af-music.de | 50:20 | | „Dollstown“ 
ist das zweite Album der Londoner Electro-Cabaret-Prot- 
agonisten ALTERRED. Stilistisch liegt das zwischen Synth- 
Pop, Dark Wave und Electro Wave. Allerdings wird oft mehr 
gewollt, als dann gekonnt umgesetzt wird. Es ist denn auch 
weniger THE DRESDEN DOLLS, die vermutlich hier Pate 
stehen sollten, als die sehr Synth-Pop-lastige Seite von 
APOPTYGMA BERZERK, die hier die musikalische Feder¬ 
führung übernommen haben. Der Versuch, sich auf das 
gegenwärtig beliebte Genre Dark Cabaret zu kaprizieren, 
ist nicht wirklich gelungen. Das Berliner Duo NOBLESSE 
OBLIGE hingegen hat diesem Ansatz schon sehr weit per¬ 
fektioniert und einen ganz eigenen Standard in diesem 
Genre gesetzt. (6) Markus Kolodziej 

AGUY NAMED LOU 

This One Is From ... 

CD | facebook.com/aguynamedlou | 32:25 | | Sie 

sind jung, sie sind ambitioniert - und probieren es ein¬ 
fach mal selber („D.I.Y., Mothafücka!“). Das sind durchaus 
gute Voraussetzungen für die vier Österreicher. Die Atti¬ 
tüde und der Ehrgeiz stimmen. Die zehn Songs stimmen 
mich allerdings wenig euphorisch. Warum immer so ame¬ 
rikanisch? Ist nicht schlecht gespielt, kommt druckvoll aus 
den Boxen, besitzt mir aber zu wenig Eigenständigkeit und 
ist mir schlicht zu modern. Die zahlreichen Tempowechsel 
und der zähe Gesang rufen leider eher die Skip- anstatt die 
Repeat-Taste auf den Plan. Der hymnische Chor von „The 
neverlution“ zeigt, was die Kerle eigentlich auf dem Kasten 
haben, wenn sie die Songs straight statt progressiv angehen. 
Da stört dann auch die leicht metallische Gitarrenarbeit 
nicht. „Bad Situation“ ist ähnlich gut, dessen Hitpotenzial 
wird aber vom aufgebotenen Stilmix leider abgeschwächt. 
Die Zutaten stimmen, die richtige Mischung muss die Band 
aber noch finden. Nachsitzen, bitte! (6) LarsWeigelt 

AUF BEWÄHRUNG 

Schnauze voll 

CD | Riotkids | riotkids.blogsport.de | 31:47 | | Dass 
AUF BEWÄHRUNG die „Schnauze voll“ haben, kommt in 
den Songs der Jungs aus Mecklenburg-Vorpommern deut¬ 
lich zur Sprache. So gibt es eindeutige Positionen gegen¬ 
über Nazis („Nazis aufs Maul“) und der Grauzonen-The¬ 
matik („Hass wie noch nie 2012“), aber auch gegenüber 
Homophobie („Tanzverbot“). Wie ihr merkt sehr politisch 
das Ganze, aber dafür auch authentisch. Mit ordentlich 
Druck vorgetragen und viel Spielfreude versehen, gehen 
die Songs gut ins Ohr und machen das Album zu einem 
sehr kurzweiligen Erlebnis. Auch einige schöne Singalongs 
sowie „Ah“ und „Oh“ sind zu hören. Soundtechnisch geht 
es in Richtung von Bands wie BRDIGUNG und ALARMSI¬ 
GNAL, wobei man sich im Vergleich zu diesen nicht verste¬ 
cken muss. Das Album ist sehr gut produziert und auch das 
Artwork im Graffiti-Style weiß zu überzeugen. Da bleibt 
nur zu hoffen, dass uns uns die Band noch für einen länge¬ 
ren Zeitraum erhalten bleibt, auch wenn wir wissen, dass 
es AUF BEWÄHRUNG sein wird. (8) Sven Grumbach 

THE A.MEN 

Challenger 

CD | Esox | esoxmusicservice.com | 35:07 | | Wie 
jetzt, geht der gar nicht mehr weg, dieser Pfeifteil in „Shit 
for the masses“? Der da seit Tagen durch meinen Kopf 
schwirrt und nur hie und da von den „Lalalas“ im Lee 
Hazlewood-Cover „Girls in Paris“ verdrängt wird? Ja, es 
ist ohrwurmtauglicher Indie-Kram, den die Supergroup 
rund um den ehemaligen CLOUDS OVER CHRYSLER- 
Mastermind B. Godless hier zum Besten gibt. „Stoned ast- 
ronauts“ mit seinen Orgelparts beispielsweise kann ich mir 
gut Samstagabend im Club vorstellen. Auch zu „Superman“ 
sehe ich schon hip gestylete Indie-Kids munter über die 
Tanzfläche schwofen. Und das meine ich jetzt, auch wenn 
wir uns hier in einem Punkrock-Fanzine befinden, noch 
nicht einmal negativ, denn die Band ist zu sehr im Under¬ 
ground verwurzelt, um wirklich Mainstream zu sein. Die 
Gitarren krachen da zuweilen ganz schön rein, am Besten 
gefallen mir THE A.MEN aber trotzdem genau dann, wenn 
sie außen vor gelassen werden, die Krachgitarren. Wenn die 
Stimme sich tief und düster über akustische Gitarren oder 
Cellos legt und dabei so wunderbare Songs wie „Solitude 
child“ oder „Falling down“ zum Vorschein kommen. Stim¬ 
mig das Gesamtbild, hörenswert das Album. Aber seien wir 
ehrlich: Band aus Linz, musikalischer Background bei zum 
Beispiel STRAHLER 80, DEADZIBEL oder FUCKHEAD, 
Rainer Krispel in der Dankesliste. Das kann doch gar nicht 
schlecht sein. (8) H.C. Roth 

AQUA NEBULA OSCILLATOR 

Third 

CD | Tee Pee/Alive | teepeerecords.com | 40:17 | | 

Gitarrenriffgötter. Langsame oder schnelle und vor allem 
endlose Gitarrensoli ziehen sich durch das ganze Album, 
tragen die Tracks, wechseln die Geschwindigkeit, werden 
bombastischer, langsamer - und nehmen wieder Anlauf. 
Und noch einmal zurück auf Anfang. Tolles psychedeli¬ 
sches, bei einigen Tracks zum komplexen Arrangement 
neigendes Album. ANO nehmen einen mit auf eine endlose 
Reise, mit Spacesound, Sitar-ähnlichen Gitarrenklängen - 
aber immer unter vollem Druck, treibend und dich nicht 
zu Atem kommen lassend. Gesang, mit Background, wieder 
Sitar - was kann man sagen: Selber hören. Hörtip ist „Kill 
yourself‘. (9) Thomas Neumann 

ARGIES 
Don’tCry For Me 

CD | Drumming Monkey | drummingmonkey.de 
| 47:39 || 1984 wurden die ARGIES in Argentinien 
gegründet, einzig verbliebenes Bandmitglied von damals 
ist Sänger und -Gitarrist David, der seitdem die Band in 
verschiedensten Besetzungen schon einige Male touren- 
derweise um die ganze Welt getrieben hat. Eine wichtige 
Basis war dabei schon immer Deutschland, einige Plat¬ 
ten erschienen auf deutschen Labels, und mittlerweile 
lebt David immer wieder mal in Essen. Von da ist es nicht 
weit nach Düsseldorf, wo TOTEN HOSEN-Drummer Vom 
zusammen mit Roman das Drumming Monkey-Label 
betreibt. Kennen tut man sich schon seit zehn Jahren, man 
traf sich, als die Hosen, die schon lange eine starke Fan¬ 
basis in Argentinien haben, in Buenos Aires spielten. Und 
nun ist „Don’t Cry For Me“ aufVöms Label erschienen, ein 
Album, auf dem David und Band 15 ihrer Klassiker, die im 
Original mit spanischem Text veröffentlicht wurden, in 
neu aufgenommener englischer Version präsentieren, was 
die Verbreitung im nichtspanischsprachigen Rest der Welt 
sicher erleichtern dürfte. Ein Best-Of-Album ist das also 


gewissermaßen, und damit ein guter Einstieg in die dem 
klassischen britischen 77er-Punk ä laTHE CLASH huldi¬ 
gende ARGIES-Welt. Im Booklet gibt’s alle Texte, die defi¬ 
nitiv lesenswert sind, etwa „At half-mast“ über die von 
Diktatur und Wirtschaftskrisen gezeichnete argentinische 
Geschichte. (7) Joachim Hiller 

AFTERLIFE KIDS 

Geisterhand 

CD I Mustard Mustach/Skull Witch/Microsleep | 
microsleep.blogsport.de | 29:49 | | Eine gefühlte Zeit¬ 
reise in die späten Neunziger. Bands wie TUMULT, ASMO- 
DINAS LEICHENHAUS oder gar ZORN sind schon seit 
Jahren nicht mehr existent. Und mm taucht wie aus dem 
Nichts diese neue, geile Berliner Band auf, die den Sound 
der alten Haudegen vermischt und sofort ein imposan¬ 
tes Debüt auf den Tisch knallt. Acht emotional-aggressive, 
überwiegend schnelle Stücke, von denen zumindest sie¬ 
ben fruchten. Ganz unbefleckt sind die vier Jungs aller¬ 
dings nicht. So hatten sie beispielsweise zuvor in Bands wie 
HENRY FONDA, EYEDESTROYED oder JANE HOE gespielt, 
die bei mir allesamt jedoch nicht bekannt waren. Schade 
eigentlich. (8) Christoph Parkinson 

ASSEMBLE HEAD IN SUNBURST SOUND 

Manzanita 

CD | Tee Pee | teepeerecords.com | 40:31 | | Mit 

ihrem letzten Album „When Sweet Sleep Returned“ von 
2009 hatten sich ASSEMBLE HEAD IN SUNBURST SOUND 
als Vertreter eines son¬ 
nigen, dezent verpopp- 
ten und folkigen Sixties- 
Westcoast - Psy chedeli - 
crocks schwerstem emp¬ 
fohlen. Was die Band aus 
San Francisco da fabri¬ 
zierte, war aber nicht nur 
ein handwerklich solider 
Retro-Sound, sondern 
auch songwriterisch 
eine höchst überzeu¬ 
gende Angelegenheit, bei 
der sich AHISS sowohl 
bei den ausladenden Instrumentalparts als auch bei den 
hübsch eingängigen Harmonien als höchst virtuose Truppe 
präsentierte und dabei auch die engen Grenzen klischee¬ 
hafter Umschreibungen wie Stoner, Hardrock und Neo- 
Psychedelia locker hinter sich ließ. Das macht diese psy¬ 
chedelischen Spacelords neben BABY WOODROSE mög¬ 
licherweise gerade zu den spannendsten Nachlassverwal¬ 
tern eines solchen Sounds, die sowohl vom Geist von 13 TH 
FLOOR ELEVATORS als auch dem von BLUE CHEER oder 
CRAZY HORSE in den etwas hardrockigeren Momen¬ 
ten der Platte beseelt sind. Wobei „Manzanita“ eines die¬ 
ser Alben ist, das man nicht unbedingt wegen der einzelnen 
Songs hört, sondern wegen seines schön kompakten, chil- 
ligen Gesamtsounds. (8) Thomas Kerpen 

ANTICOPS 
At War With Eden 

CD I Mad Mob/Coretex | coretexrecords.com | 
37:52 | | Mit „At War With Eden“ veröffentlichen die 
ANTICOPS kein neues Album im eigentlichen Sinn, son¬ 
dern ein Zeitzeugnis der frühen 2000er Jahre. Die hier ver¬ 
öffentlichten Songs sind Rough-Mixe einer Studiosession 
aus dem Jahr 2001, deren Material damals von der Berliner 
Polizei beschlagnahmt wurde. Eine Dekade später gab die 
Polizei das Material überraschend wieder frei und so bal¬ 
lern einem die Rough-Mixe alter ANTICOPS-Songs eben 
dieser Session nun unbearbeitet entgegen. Die Band scheint 
sichtlich stolz, dass das Material nun endlich einer breiten 
Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Ich für 
meinen Teil bin froh, dass sich die ANTICOPS seit damals 
weiterentwickelt haben. Schließlich ist das, was hier abge¬ 
fackelt wird, an der Sound- und songwriterischen Quali¬ 
tät gemessen, wirklich nur etwas für absolute Fans, die alles 
von einer Band haben müssen. Der Rest ist mit den bis¬ 
her erschienenen Alben deutlich besser bedient. Zumin¬ 
dest erscheint „At War With Eden“ in einem handnumme¬ 
rierten, auf 250 Stück limitierten, aufklappbaren Digipak, 
was echte Sammler freuen dürfte, die dann die komplette 
Geschichte rund um die beschlagnahmten Songs im Book¬ 
let noch einmal selbst nachlesen können. Tobias Emst 

A TALE OF AMITY 

Alles Maskerade 

MCD | taleofamity.de | 19:35 | | Die Band erinnert ins¬ 
trumental merklich an THURSdAy, allerdings wird ihnen 
niemand einen Plagiatsvorwurf machen, denn schließlich 
singt man deutsch und wer will da mosern? Einfach guter 
Screamo mit richtigem Gesang und wenig Metalparts. Die 
Songs sind handwerklich gut gemacht, gehen gut ins Ohr, 
aber die Texte sind ausbaufähig. Auch die Verpackung als 
Pappschuber wirkt etwas lieblos, vielleicht nächstes Mal 
doch eher ein Digipak? (6) Thomas Eberhardt 

ANIMAL INSTINCT 

Unfinished Business 

LP | Take It Back | takeitback.bandcamp.com | | 

Habe ich schon mal erwähnt, dass KILLING TIME aus 
NYC zu einen meinen Top 10 All-time-Faves zählen? Falls 
nicht, dann wisst ihr es jetzt. Wenn es eine Band geschafft 
hat, niemals kopiert zu werden, dann waren sie es. Keine 
andere Band bekam die Härte und Aggressivität der Jungs 
hin, ohne zu sehr in die Metalschiene abzurutschen. BIT¬ 
TER END waren verdammt nah dran, es hinzubekom¬ 
men, nun habe ich die erste LP von ANIMAL INSTINCT 
aus der Schweiz. Auch sie versuchen sich an dem brachi¬ 
alen New-York-Hatecore-Sound von KILLING TIME und 
es klingt verdammt nach ihnen. Vor allem die Vocals. Aller¬ 
dings fehlen die letzten 5% an Hits. Dennoch ist es keine 
billige Kopie und die vier Jungs aus der Schweiz bewahren 
ihre Eigenständigkeit. Ihre erste Single habe ich nach ein¬ 
mal Anhören in den Schrank gestellt, aber was mich hier 
erwartet, ist einfach nur umwerfend und sie haben einen 
Riesenschritt nach vom gemacht. Wer eine solche Platte 
macht, ist natürlich kein Anfänger an den Instrumen¬ 
ten, und so haben die Bandmitglieder in verschiedenen 
Bands wie SOLID GROUND und VALETUDO gespielt. Ers¬ 
tem haben ja schon ihren Hang zum NYHC gezeigt, indem 
sie einen der besten AGNOSTIC FRONT-Songs, „Over the 
edge“ spielten. Um ihren Einflüssen Tribut zu zollen, gibt 
es auf der LP natürlich noch ein Cover von KILLING TIME. 
Wer auf NYHC steht und für wen KILLING TIMEs „Bright- 
side“ eine Bibel ist, der sollte hier schleunigst zugreffen. 
(9) Andreas Zengier 

ANCIENTS 

Star Showers On The Euphrates 

CD | Shelsmusic | shelsmusic.com | 49:37 | | Ex- 

Mitglieder von RINOA, der Drummer von CRYDEBRIS 
und *SHELS-Mastermind Mehdi Safa - ANCIENTS sind 
ein transatlantisches Projekt. Das befasst sich textlich mit 
vagen Ich-Du-Geschichten, träumt aber von den Sternen, 




OX-FANZINE 82 














REVIEWS 


wie Artwork und Songtitel („Constellations“, „Cassiopeia“, 
etc.) nahelegen. Die Musik hat dementsprechend keinen 
festen Boden unter den Füßen, sondern bewegt sich Breit- 
band-Post-Rock-Gefilden. Getragene Ambient-Passagen 
bauen sich zu druckvollen Walls of Sound auf, Flimmergi¬ 
tarren und Lichtjahre entfernte Vöcals inklusive. Schön zu 
hören, wohlfuhlig und komplett belanglos. (6) 

Kristoffer Comils 


AUTOMASSAGE 

We Should Get Rid Of Our Saxophone Player 

CD | Noise Appeal | noiseappeal.com | 45:10 | | Wer 

sich an „We Should Get Rid Of Our Saxophone Player“ 
heranwagt, sei gewarnt: Von Beginn an watet man hier 
bis zum Bauchnabel durch wild durchwühlten Krach- 
schlämm. Noisig kann ja an für sich eine schöne Sache sein, 
solange wabernde disharmonische Lärmorgien und Melo¬ 
dien sorgfältig aufeinander abgestimmt sind. Zu viele Hin¬ 
dernisse machen aus einem anregenden Spaziergang aber 
dann doch eher einen anstrengenden Hürdenlauf. Nein, 
das ist keine Snippet-CD, einzelne Tracks sind gegen Ende 
tatsächlich so kastriert, dass dies beim ersten Hördurch¬ 
gang wie ein Völlabbruch wirkt. Was ist nur aus dem guten 
alten Endlosfeedbackausklang geworden? Ein Album voller 
brauchbarer, ungeschliffener Demoaufhahmen. Harte Kost 
für zarte Öhrchen. Vielleicht sollten sich AUTOMASSAGE 
doch besser einen Saxophonspieler zulegen. Höhöhö. (5) 
Anke Kalau 

ALAMAAILMAN VASARAT 

Valta 

CD | Nordic Notes /Broken Silence | nordic-notes. 
de | 40:44 | | MitzweiVeränderungenimLine-up (San- 
teri Saksala schwingt die Drumsticks und Jarkko Niemelä 
verstärkt die Bläsersektion) sind ALAMAAILMAN VASA- 
RAT aus Finnland auch im 15 Jahr noch immer befähigt 
Songs zu schreiben, die nicht (immer) im Hintergrund 
laufen können. Auch wenn eine ruhige Ballade sowie 
einige Blues- und Folkanklänge eine gewisse Eingängig¬ 
keit implizieren, sorgen doch noch immer genug dunkle 
Töne für das gewisse Etwas. Jazzige Parts und wilde Balkan- 
Rhythmen treffen auf das Markenzeichen der Band: die 
akustischen Doom-Metal-Klänge. Ich bin immer wieder 
überrascht, welche düstere metallische Atmosphäre sich 
alleine mitTubax und Cello aufbauen lässt. (8) Kay Werner 

_BBB 


BASTARDO 

Powerplant 

CD | bastardorock.com | 42:13 || Nach zwei voran¬ 
gegangenen CDs gibt es jetzt die dritte Scheibe Stoner- 
Rock von BASTARDO. Diese kann man sich ungefähr so 
vorstellen: Die besten Songs von QUEENS OF THE STONE 
AGE, KYUSS und MOTÖRHEAD einmal kräftig durchge¬ 
schüttelt, einen Hauch Heavy und Blues drüber, plus eigene 
Note - fertig! Hoch gelobt, unterstützten sie schon Bands 
wie TITO & TARANTULA und NEBULA. Rauchiger düste¬ 
rer Gesang, treibender Desert-Rock, Riffs, die zum Luftgi¬ 
tarre spielen anregen. Und wer jetzt glaubt, die vier Talente 
stammen aus Übersee, hat falsch gedacht. Die Universitäts¬ 
stadt Marburg lässt grüßen. (7) Ann-Kathrin Wilhelm 

THE BONES 

Monkeys With Guns 

CD | People Like You | peoplelikeyourecords.com 

| | Eigentlich spricht die Musik der BONES ja für sich, da 
muss man gar nichts weiter sagen. Für diejenigen, die aller¬ 
dings immer noch nicht 
begriffen haben, was 
für „badass motherfu- 
ckers“ diese Typen sind, 
dann hier aber doch 
noch ein paar Zeilen: 
Altersmüdigkeit kann 
man den Schweden trotz 
ihrer mittlerweile 16 
Jahre dauernden Karri¬ 
ere nicht vorwerfen. Auf 
ihrem fünften Album 
„Monkeys With Guns“ 
packen sie wieder eine 
geballte Ladung Punk’n’Roll aus, der vor Testosteron nur 
so strotzt. Schon der Opener „Bones city rollers“ ist eine 
Kampfansage, die zeigt, dass die Band erst so richtig los¬ 
legt. Mit „Dead heart beats“ hat es sogar ein Liebeslied auf 
das Alb um geschafft. Das Ganze ist eine bunte Mischung aus 
teilweise boppigen Sounds - manchmal meine ich sogar 
ganz leichte Surf-Anleihen herauszuhören -, Rockabi- 
Uy, Psychobilly und so ziemlich allen anderen -billys, und 
natürlich einer gehörigen Portion Rock’n’Roll und Punk, 
gerne auch ein bisschen prollig, aber doch immer stimmig. 
Die großen Hymnen ä la „Home sweet hell“ oder „Do you 
wanna“ fehlen mir im Moment zwar noch, aber manch¬ 
mal will gut Ding halt Weile haben. Jedoch sorgt „Mon¬ 
keys With Guns“ jetzt schon dafür, dass Frau den Petticoat 
- oder der Herr die Lederjacke - anziehen und den Kasten 
Bier aus dem Keller holen will. So klingt Musik zum Fei¬ 
ern! (8) Chr istina Wenig 

Auf der Ox-CD zu hören. 

THE BLUE ANGEL LOUNGE 

Ewig 

CD | 8MM Musik/Cargo | 8mm-musik.com | 14:25 

| | THE BLUE ANGEL LOUNGE aus Hagen haben sich vom 
Shoegaze wegentwickelt und brillieren mm mit einer 
Mischung aus modernem Krautrock, Psychedelic und 
düsterem Wave-Rock, mit Texten überraschenderweise in 
Englisch und Deutsch. „Ewig“ klingt mit seiner fast tran¬ 
ceartigen Jon Lord-Hammondorgel sehr hypnotisch und 
kathedralisch und könnte den sinisteren Soundtrack zu 
„Die purpurnen Flüsse“ bereichern. Das hat viel von einer 
psychedelischen Version von BOHREN & DER CLUB GORE, 
während der Song „In distance“ wie ein morbid-ästhe¬ 
tischer Hybrid aus JOY DIVISION, O CHILDREN und 
THE CHAMELEONS klingt und das mit einer sehr filig¬ 
ran-dunklen Anmut und Grazie - kurzum: alles richtig 
gemacht! (9) Markus Kolodziej 

THE BASEMENTS 

l’m Dead 

CD | LostlnTyme | myspace.com/lostintymerecords 

| | THE BASEMENTS geben nach ihrer „Heart Of Stone" - 
7“ mit „I’m Dead“ nun ihr Langspieldebüt auf dem eben¬ 
falls in Griechenland beheimateten Lost InTyme Records. 
Der Labelname ist hier Programm: THE BASEMENTS klin¬ 
gen vornehmlich nach 1966/67er Psychedelic Garage- 
Rock mit gelegentlichen Ausfallschritten in Teenpunk - 
und Rhythm&Blues-Gefilde. In durchschnittlich dreiein¬ 
halb Minuten trifft Achtziger-Garage-Wahnsinn, angeheizt 
von lärmender Farfisa, auf zurückgelehnte, moody Six- 
ties-Sounds und Diddley’esque Shaker mit einer Überdo¬ 
sis Blues-Harp. Das könnte richtig super klingen, wenn da 
nicht diese verdammt muffige Produktion wäre! Ernsthaft, 
diese hätte nicht nur „etwas besser sein können“, sondern 
versaut schlussendlich den ganzen Hörgenuss. Alles klingt 
dumpf, der Gesang ist ins Abseits geschoben, dafür drängt 
sich die Gitarre penetrant in der Vordergrund. Schade, 
denn die BASEMENTS machen ihre Sache eigentlich ziem- 



/LESERCHARTS 


• OFF! s/t 

• HOT WATER MUSIC Exister 

• SLIME Sich fügen heißt lügen 

• ANTI-FLAG The General Strike 

• EA80 Definitv: Nein! 


So funktioniert^: 

• Wir wollen von euch wissen, welche 5 (!) Platten momentan am häufigsten gehört werden. 

Wir stellen aus allen genannten Platten die Ox-Lesercharts zusammen und präsentieren diese 
auf www.ox-fanzine.de und an dieser Stelle. 

• Unter allen Mitmachenden verlosen wir CDs, Platten, T-Shirts, Poster, etc. 

• Mitmachen unter www.ox-fanzine.de und da unter „Charts” oder via E-Mail an charts@ox-fanzine.de 


/VERKÄUFSCHÄRTS 


SOUNDFLAT 

1. CAVEMEN V Don’t Play With Me 7“ | 2. BRANDED Evil 
GoneWrongLP | 3.LOST INTYMEIssueNo.6 | 4.UGLY 
THINGS Issue 33 Zine | 5. NOMADS Solna LP/CD | 6. 
NEW PICCADILLYS Judy IsA Punk 7“ | 7. BABY WOOD¬ 
ROSE Third Eye Surgery LP/CD | 8. THEE OUTLETS Ist 
7“ | 9. THEE VICARSI Wanna BeYour Vicar LP/CD 

CORE TEX 

1. SLIME Sich fügen heißt lügen LP/CD | 2. FINAL 
PRAYER I Am Not Affaid LP/CD | 3. THE BONES Mon¬ 
keys With Guns LP/CD | 4. BOUNCING SOULS Comet 


LP/CD | 5. SLAPSHOTI Believe 7“ | 6. OFF! Same LP/CD 
7. OLD FIRM CASUALS / KLASSE KRIMINALE Split 7“ 
| 8. THE GHOST INSIDE Get WhatYou Give LP/CD | 9. 
V.A. Revelation Records 25th Anniversary LP 

FLIGHT 13 

1. ADOLESCENTS American Dogs In Europe 12“/MCD | 

2. BARONESS Yellow & Green 2LP/2CD | 3. BOXHAMS¬ 
TERS Silberhochzeit 7“ | 4. D.O.A. We Come In Peace 
LP+MP3/CD | 5. DICKS Kill FromThe Heart LP4MP3/ 
CD | 6. FUTUREOF THE LEFTThe Plot Against Common 
Sense LP/CD | 7. GASLIGHT ANTHEM Handwritten LP/ 


CD | 8. KEINE ZÄHNE IM MAUL ABER LA PALOMA 
PFEIFEN Postsexuell LP+CD/CD | 9. MAKE DO AND 
MEND EverythingYou Ever Loved LP+MP3/CD 

GREENHELL 

1. VERSE Rebuilt & Bitter Clarity 2LP | 2. TOUCHE 
AMORE Live At BBC 7“ | 3. THE GASLIGHT ANTHEM 
Handwritten LP/CD | 4. SLEEP Dopesmoker 2LP | 5. 
BARONESS Yellow & Green 2LP/2CD | 6. KYLESA 
Time Wül Teil LP | 7. ADOLESCENTS American Dogs 
12“ | 8. TURBONEGRO Sexual Harassment LP/CD | 9. 
NOTHING EmbraceThe Hatred LP 


/PLÄYLISTS 


Joachim Hiller 

Ln der Anlage: GALLON DRUNKThe Road Gets Darker From 
Here | TURING MACHINE What IsThe Meaning OfWhat | 
DEAD ENDING s/t Mein liebstes Band-T-Shirt: D.I.-Tour¬ 
shirt 1990 Die musst du gesehen haben: A PLACE TO BURY 
STRANGERS Bemitleidenswert: Menschen ohne Platten¬ 
spieler 

Benedikt Lepra Gfeller 

In der Anlage: D’EON s/t | LIGHT ASYLUM s/t | DEAN 
BLUNT & INGA COPELAND Black Is Beautiful Mein liebs¬ 
tes Band-T-Shirt: HEÄDÄCHE (von 1998?, leider völlig zer¬ 
rissen) Das musst du gelesen haben: K.M. Söhnlein - „The 
World Of Normal Boys“ Liebenswert: Fahrrad/Aare/Tanzen - 
Mitbewohner-Kombination 

David Schumann 

In der Anlage: CAPTAIN, WE’RE SINKING With Joe Riley | 
HOLDTIGHT! Boundaries | SUCH GOLD/INTO IT. OVER IT. 
Split Mein liebstes Band-T-Shirt: THE WONDERYEARS „I 
Don’t Need To Pump My Fist To Look Sweet“ Das musst du 
gegessen haben: Den Veggie - Chicken - Burger beiYellow Sun- 
shine in Berlin. Hassenswert: Berlin. AußerYellow Sunshine. 

Arne Ivers 

In der Anlage: DEXYS One Day I’m GoingTo Soar | Rio Rei¬ 
ser Am Piano I + II | BUZZCOCKS Singles Going Steady Mein 
liebstes Band-T-Shirt: BLUR Retro Shirt 1996 Das musst du 
gelesen haben: Ed Falco „Die Corleones“ Hassenswert: Sen¬ 
feier 

Katharina Gilles 

In der Anlage: GARBAGE Not Your Kind Of People | BAND 
OF SKULLS Sweet Sour | THE CURE s/t Mein liebstes Band- 
T-Shirt: Burgfolk Festival „Folk rockt!“ Das musst du gese¬ 
hen haben: Shirley Manson/GARBAGE Hassenswert: Erkäl¬ 
tungen! 

Michael Echomaker 

In der Anlage: NADA SURF The Stars Are Indifferent To Ast- 
ronomy | OST Drive | ORCHID Alles Mein liebstes Band-T- 
Shirt:TORCH „Blauer Samt 2011“ Das musst du erfahren 
haben: Katzenpapa sein Hassenswert/Liebenswert: Fußball 

Markus Franz 

In der Anlage: FRANTIC FLINTSTONES Freaked Out & Psy- 
ched Out | SLIME Sich fügen heißt lügen | THE BRAINS 
Drunks Not Dead Mein liebstes Band-T-Shirt: BLUE 

ROCKIN.deep from the heart“ Das musst du erfahren 

haben: DEMENTED ARE GO Live im SO 36 Liebenswert: 
Gesamtwerk Gerhard Polt 

Lauri Wessel 

In der Anlage: SABATON Carolus Rex | Bruce Springsteen 
Magic | CALLEJON Blitzkreuz Mein liebstes Band-T-Shirt: 
SABATON „Carolus Rex“ Promoshirt Das musst du erfah¬ 
ren haben: Bruce Springsteen-Konzert Liebenswert: Urlaub 

Christian Krüger 

In der Anlage:TEENAGE BOTTLEROCKET Freak Out! | AME- 
BIX Monolith | TURBONEGRO Sexual Harassment Mein 
liebstes Band-T-Shirt: ELECTRIC SIX „Eveready“-Motiv Das 
musst du gelesen haben: Irvine Welsh - „Porno" Hassens¬ 
wert: Gianluigi Buffon (Faschist und Spielmanipulator) 

Gary Flanell 

In der Anlage: 200 Das Stockholmsyndrom | COOGANS 
BLUFF Poncho Express | BUM KUN CHA YOUTH/Jens 
Friebe SpliT Mein liebstes Band-T-Shirt: ROSTOKVAMPI- 
RES-Kapu vom Reunion-Konzert 2001 Das musst du gese¬ 
hen haben: MISS CASTAWAY AND THE ISLAND GIRLS Has¬ 
senswert: Unfallbedingt einhändig mit links Ox-Rezis tippen. 

Lukas Nippert 

In der Anlage: LILITH Return | SINGLE MOTHERS s/t | THE 
SNAKE THE CROSS THE CROWN Mander Salis Mein liebstes 
Band-T-Shirt:TOUCHE AMORE „Fred Phelbs“ Das musst du 
gehört haben: DAD PUNCHERS Liebenswert: Frank Carter 
in PURE LOVE 

Stefan Gaffory 

In der Anlage: MUGGS Presents Soul Assassins II | THE 
BEACH BOYS That’s Why God Made The Radio | SLAYER 
South Of Heaven Mein liebstes Band-T-Shirt: NOME- 
ANSNO Wrong-Cover Das musst du gelesen haben: Arnd 
Zeiglers offenen Brief an BILD und das Fußballvolk Liebens¬ 
wert: Tanja 8t Maxi 

Jürgen Schattner 

In der Anlage: THE HIVES Lex Hives | JON SPENCER BLUES 
EXPLOSION Meat And Bone | SUPERPUNK Best Of Mein 
liebstes Band-T-Shirt: HOT SNAKES (DIY-Riebe-Style) 
Das musst du gelesen haben: „Revolutionen auf dem Rasen: 
Eine Geschichte der Fußballtaktik“ Hassenswert: Das „Sieg!“- 
GebrüUeoei der EM 

Guntram Pintgen 

In der Anlage: PLASTICINES About Love | THE DONNAS 
Gold Medal | BRIEGEL alle Demos Mein liebstes Band¬ 
T-Shirt: HARD-ONS 2011 Tourshirt Das musst du gese¬ 
hen haben: Iron Sky Liebenswert: meine hoffentlich bal¬ 
dige Scheidung 

Lars Weigelt 

In der Anlage: SECRET ARMY Crash The Remains | THE 
MOONINVADERS The Fine Line | HOUNDS AND HARLOTS 
The Good Fight Mein liebstes Band-T-Shirt: GOOD RID- 
DANCE „Operation Phoenix“ (1999) Das musst du gesehen 
haben: Balotelli-Meme Hassenswert: Unser Rechts-Staat 

Axel M. Gundlach 

In der Anlage: THE APERS Live At The Eldorado | TEENAGE 
BUBBLEGUMS Learn From Yesterday, Live For Today, Pray For 


Tomorrow | THE LEMONAIDS Summer Crush Mein liebs¬ 
tes Band-T-Shirt: DIE GESICHTER 2 Jahre Bühnenabstinenz 
17.8.87 Das musst du gesehen haben: THE APERS live Lie¬ 
benswert: Endlich Sommerurlaub! 

Claus Wittwer 

In der Anlage: NEIL YOUNG 8t CRAZY HORSE Americana 
| ANGELIKA EXPRESS Die Angelika Box | HANK HAINT 
Blackout Mein liebstes Band-T-Shirt: THE CLASH „Out Of 
Control“ Tour 1984 Das musst du gesehen haben: Kriegerin 
Hassenswert: pseudohaftes Gutmenschentun 

Andre Bohnensack 

In der Anlage: NACHTMYSTIUM Silencing Machine | NOFX 
My Stepdad’sA Cop And My Stepmom’s A Domme | SEX PIS¬ 
TOLS Never MindThe Bollocks Mein liebstes Band-T-Shirt: 
Schwarz schlägt Litfaßsäule Das musst du gesehen haben: 
Community Liebenswert: Ben Stiller 

Christian Maiwald 

In der Anlage: UNSANE Wreck | Anthony Coleman plays 
Jelly Roll Morton | MIND SPIDERS Meltdown Mein liebs¬ 
tes Band-T-Shirt: SONIC YOUTH Goo Cover Da musst du 
gewesen sein: Comic-Salon Erlangen Hassenswert: Sonnen¬ 
brand auf dem Kopf 

Zahni Müller 

In der Anlage: HOT WATER MUSIC Exister | PENNYWISE 
All Or Nothing | TEENAGE BOTTLEROCKET Freak Out! Mein 
liebstes Band-T-Shirt: SOCIAL DISTORTION „Between 
Heaven And Hell“-Tour 1992 Das musst du gesehen haben: 
Helden des Polarkreises 

Robert Meusel 

In der Anlage: DOWNTOWN STRUTS Victoria! | ALL EYES 
WEST s/t | DIRTYTHREE Ocean Songs Mein liebstes Band- 
T-Shirt: MOGWAI (DarthVader mit Flying V) Das musst du 
gesehen haben: Island Liebenswert: Neue Hühner 

Fabian Dünkelmann 

In der Anlage: E-TOWN CONCRETE Heart Of Stone | RED¬ 
EMPTION DENIED s/t | TWITCHINGTONGUES SleepThe- 
rapy Mein liebstes Band-T-Shirt: UNDERDOG 7” Cover 
Shirt Das musst du gesehen haben: unsere „neue“ Home¬ 
page: savemysoulrecords.com Liebenswert: mein erster 
Urlaub über mehr als 1 OTage seit 1997 steht an 

Christina Wenig 

In der Anlage: RED CITY RADIO The Dangers Of Standing 
Still | TURBONEGRO Never Is Forever | THE HIVES Lex Hives 
Mein liebstes Band-T-Shirt: OFF! s/t Album Cover (inklu¬ 
sive Gemeinschaftsgefühl beim Tragen) Das musst du gese¬ 
hen haben: THE COMPUTERS live Hassenswert: CEREBRAL 
BALLZY als größte Live - Enttäuschung des Jahres 

Philip Jonke 

In der Anlage: NIGEL LEWIS & THE ZORCHMAN Ain’t 
What I Call Rock’n’ Roll | WILLY DEVILLE Crow Jane Alley | 
CORY BRANAN Mutt Mein liebstes Band-T-Shirt: hab keins 
Das musst du gesehen haben: Sound It Out -TheVery Last 
Record Shop Hassenswert: pseudo-„Fussballfans“ 

Matti Bildt 

In der Anlage:THE CRY s/t | SHANGHAIWIRES BlackWaves 
| GENTLEMAN JESSE Leaving Atlanta Das musst du gesehen 
haben: Nikki Corvette live Hassenswert: Stiernacken in Pla- 
tinum-Jogginghosen 

Mario Turiaux 

In der Anlage: TOYSTHAT KILL Fambly 42 | BI-MARKSThe 
GoldenYears | HARD SKIN Same MEat Different Gravy Mein 
liebstes Band-T-Shirt: BRUTAL KNIGHTS Extrem Lifestyles 
Das musst du gesehen haben: MESSER live Hassens- und 
Liebenswert: CEREBRAL BALLZY total dicht. 

Arndt Aldenhoven 

In der Anlage: TOTENMOND Thronräuber | KISS Best Of | 
MASAKARI/ALPINIST Split Mein liebstes Band-T-Shirt: 
JedesmitbrutalenMotivinS/W Das musst du gesehen haben: 
30 Rock, mehrmals Liebenswert: Autonomes Zentrum Köln 
Kalk 

Bianca Hartmann 

In der Anlage: PLAIDED Playdate | SCHROTTGRENZE Das 
Ende unserer Zeit | JAPANDROIDS Celebration Rock Mein 
liebstes Band-Shirt: TURBOSTAAT Streifen-Tshirt Das 
musst du gehört haben: PLAIDED Playdate Hassenswert: 
Typen, die um 10 Uhr morgens vor der Tür stehen und dir 
mitteilen, dass sie jetzt den Strom abstellen, bevor du Kaffee 
trinken konntest. 

Dirk Klotzbach 

In der Anlage: M.I.A. Lost Boys | THE CROWD No Other | 
WYLDLIFE s/t Mein liebstes Band T-Shirt:THE CLASH „On 
Parole“-Tour 1978 Das musst du gehört haben: PICCOLO 
PETE WhoThe Fuck Is... Hassenswert: Prüfungsvorbereitung 

Joni Küper 

In der Anlage: THE SHRINE Primitive Blast | UNCLE ACID 
ANDTHEDEADBEATS Bloodlust | BLANK PAGES s/t Mein 
liebstes Band-T-Shirt: GHOST Tom: 2011 Das musst du 
gesehen haben: Drive Hassenswert: Schlagermove Hamburg 

Kristoffer Comils 

In der Anlage: ZELIENOPLE The World Is A House On Fire | 
THOUSummit | ASILVER MT. ZIONThe West Will RiseAgain 
Mein liebstes Bandshirt: Jedes von COMADRE Das musst 
du gesehen haben: Arrested Development Liebenswert: 
Gedünstete Karotten. Im Ernst. 

Ollie Fröhlich 

In der Anlage: CATTLE DECAPITATION Monolith Of Inhu- 
manity | NACHTMYSTIUM Silencing Machine | DUST Dis¬ 


tortion Empire Mein liebstes Band-T-Shirt: MAYHEM No 
Love, No Hate, No Faith, No Memory Liebenswert: Louis 

Alex Schlage 

In der Anlage: ASTPAI Efforts 8t Means | YOUR FAVORITE 
TRAINWRECK s/t | Die drei Fragezeichen Mein liebstes 
Band-T-Shirt: 7 SECONDS „Walk Together, Rock Together“ 
Das musst du gehört haben: BARONESS Yellow 8t Green 
Hassenswert: Bänderanriss im Fuß 

Konstantin Hanke 

In der Anlage: SUTEKH HEXEN Larvae | MISERY Misericor- 
des | RAIN DRINKERSYesodic Helices Mein liebstes Band- 
T-Shirt: LAVOTCHKIN A Shower Of Bastards Das musst du 
gelesen haben: CvltNation.com Liebenswert: Sommer 

Florian Feldmann 

In der Anlage: JOEY RAMONE ...Ya Know? | BEATEXOUZO 
Aus dem Leben eines Taugenix | PIXIES Complete B Sides 
Mein liebstes Band-T-Shirt: LAFFTRAK FWA-Tour 2011 
Das musst du erlebt haben: Die MS Punkrock auf der Elbe 
Liebenswert: Monkey Island (immer wieder geil) 

Tim Masson 

In der Anlage: MIDTOWN Save The World, Lose The Girl | 
[B.ABUSE] Devils Harvest | BROILERS Santa Muerte Mein 
liebstes Band-T-Shirt: ist mittlerweile kaputt Das musst du 
gehört haben: Die neue THE HIRSCH EFFEKT Platte Liebens¬ 
wert: endlich fertig 

Christoph Parkinson 

In der Anlage: FUTURE ISLANDS On The Water | MINION 
Out OfThe Carnage | NEUROSIS Live At Roadburn 2007 
Mein liebstes Band-T-Shirt: THE SWAT „Tü es merde“ Das 
musst du gelesen haben: Jan Off - „Happy Endstadium“ 
Hassenswert: Täglich drei Stunden pendeln 

Jan-Niklas Jäger 

In der Anlage: THE GOTHIC ARCHIES The Tragic Treasury | 
GRANT LEE BUFFALO Fuzzy | SPARKLEHORSE Vivadixie- 
submarinetransmissionplot Mein liebstes Band-T-Shirt: 
RAMONES verschiedene, je andere Farbe und Besetzung Das 
musst du gesehen haben: „Moonrise Kingdom" von Wes 
Anderson Hassenswert: Bürokratie deutscher Universitäten 

Andreas Krinner 

In der Anlage: THE NATIONAL Alligator | RED DONS Fake 
Meets Failure | DRIVE LIKE JEHUYank Crime Mein liebstes 
Band-T-Shirt: MODERN LIFE IS WAR (verschollen seit 2009) 
Das musst du gehört haben: Mindestens eine Platte mit John 
Reis und Rick Froberg Liebenswert: Ein möglicher Fluff-Fest- 
Besuch dieses Jahr 

Ann-Kathrin Wilhelm 

In der Anlage: BLACK MOTH The Killing Jar | MANGOO 
Neverland| THE HIVES Lex Hives Mein liebstes Band-T- 
Shirt: THE CREEPSHOW mit dem „SellYour Soul“-Schriftzug 
Das musst du erfahren haben: Jim Burrito’s Hamburg Lie¬ 
benswert: Freunde, Sonne, Bier 

Julia Brummert 

In der Anlage: DISCO OSLO s/t | THE ARCADE FIRE The 
Suburbs | ABFUKK Keine Kompromisse mehr Mein liebstes 
Band-T-Shirt: SHOUT OUT LOUDS Drawprint Das musst 
du gesehen haben: Moonrise Kingdom Liebenswert: Tante 
werden 

Michael Schramm 

In der Anlage: JAPANDROIDS Celebration Rock | FUTURE 
OF THE LEFT The Plot Against Common Sense | JOY DIVI- 
SON Heart And Soul Mein liebstes Band-T-Shirt: MCLUSKY 
„Fuck this band“ Das musst du gehört haben: Das neue 
JAPANDROIDS - Album. Liebenswert: Malaga-Eis 

Anke Kalau 

In der Anlage: DENISON WITMER The OnesWho Wait | A 
PLACE TO BURY STRANGERS Worship | SURFER BLOOD 
Astro Coast Mein liebstes Band-T-Shirt: 7 SECONDS-Logo- 
shirt (DIY-Stencil+Sprühlack, 1997) Das musst du gelesen 
haben: Beachbum Berry Remixed - A Gallery Of Tiki Drinks 
Liebenswert: Kokosnuss 

Andreas Kuhlmann 

In der Anlage: AVERSIONS CROWN Servitude | I KILLED 
EVERYONE Dead Peasants | DYING FETUS Reign Supreme 
Mein liebstes Band-T-Shirt: THE RED CHORD Tour 2009 
Das musst du gehört haben: WHITECHAPEL s/t Liebens¬ 
wert: Zwei Jahre kein Autokorso mehr. 

Simon Brunner 

In der Anlage: SUGAR STEMS Great Pretender | L.F. MOSES 
s/t | V.A. NewWave Surf Party! Mein liebstes Band T-Shirt: 
CULTURE SHOCK Onwards 8t Upwards (198 8) Das musst du 
gelesen haben: Antoine Goetschel - „Tiere klagen an“ Lie¬ 
benswert: Herbst 

Tobias Ernst 

In der Anlage: FINAL PRAYER I Am Not Afraid | DISPATCH 
s/t BANE The Note Mein liebstes Band-T-Shirt: NOFX 
Punk In Drublic Das musst du gesehen haben: Banksy - Exit 
ThroughThe Gift Shop Hassenswert: Urlaubsende 

Christoph Lampert 

In der Anlage: PASCOW/SPERMBIRDS Split | OFF! s/t | 
TERRIBLE FEELINGS Shadows Mein liebstes Band-T-Shirt: 
ITCH Longsleeve Tourshirt Das musst du erfahren haben: 
BABOON SHOW Live Hassenswert: Wirtschaftswachstum 

Will Kinser 

In der Anlage: HOLOGRAMS Abc City | WARSONG The 
Caravan | THE WAR GOES ONThis Shitty Life Mein liebstes 
Band-T-Shirt: DEATHSIDE 8t BASTARD-BURNING SPIRITS 
Tour-Shirt Liebenswert: Padde Kowski party dude! 


OX-FANZINE 83 












REVIEWS 




lieh gut, liefern eine originäre und abwechslungsreiche 
Platte ab, bei der man mir auch hätte glaubhaft machen 
können, sie hätte über 40 Jahre auf einem Dachboden 
ein staubiges Dasein gefristet und wäre jetzt als Reissue 
erschienen. Da dies nun mal nicht der Fall ist, darf man von 
einer aktuellen Band etwas mehr Druck und Schärfe in der 
Produktion erwarten. (6) Matti Bildt 

BLANC 

Tin Griots 

CD | Jelly | shop.jelly-records.de | 40:05 | | BLANC 
(„the artists formerly known as Blank“ - Auszug aus dem 
Info der Band) sind in Hannover, Niedersachsen ansässig, 
zeichnen sich durch reichlich Banderfahrung (BRUTAL 
VERSCHIMMELT, EWINGS) aus und hatten bereits 2009 
ein erstes Demo im Köcher. Dieses Album, aufgenommen 
im Sportstudio Linden, bestätigt das damals veröffentlichte 
Material auf 13 Songs im Digipak. Bassbetont, schräg, kra- 
chig, Indie, Punkrock - das sind für mich die Ingredienzien 
des BLANC - Sounds. Für Freunde von VICTIMS FAMILY, 
THE EX, DEZERTER oder eben BLANC. Für mich allerdings 
nur bedingt geeignet, läuft bei mir einfach nicht rein. (5) 
Zahni Müller 


BROKEN WATER 

Tempest 

CD | Hardly Art/Cargo | hardlyart.com | 36:17 

| | Bei allem Respekt: Der SONIC YOUTH-Vergleich ist 
unumgänglich. Die Parallelen sind einfach viel zu offen¬ 
sichtlich. Ja, wer „Dirty“ und „Goo“ mag, wird „Tempest“ 
sicherlich auch nicht aus der Anlage schmeißen. Verzerrte 
Gitarren, schleppendes Schlagzeug, wechselnd männli¬ 
cher und weiblicher Sprechleiergesang, BROKEN WATER 
schweben ganz wie ihre großen Vorbilder durchgehend 
über der Schwelle zwischen Wohl- und Missklang. Erinnert 
mich an Zeiten, in denen ich nachts um vier sturzbetrun¬ 
ken barfuß mit einem Lederball Torwandschießen gespielt 
und mir mit herunterfallenden brennenden Kippen die 
Beine versengt habe. Wer kann bei so viel Nostalgie schon 
widerstehen? (7) Anke Kalau 

BLUE ROCKIN’ 

Deep From The Heart 

CD | Crazy Love/Cargo | crazyloverecords.de | 
36:53 | | Schweißperlen in tiefen Dekolletees, bunte Tat¬ 
toos, rauchgeschwängerte heiße Luft und der Duft von 
Bier und einer nicht enden wollender Fete. Ein wuch¬ 
tiger Typ am Kontrabass kehrt stimmlich sein Innerstes 
nach außen und wird dabei von einer trashigen, verrot- 
zen Gitarre gekonnt unterstützt. Der Drummer ist in sei¬ 
nem Element, und die halbe MAD SIN-Family ist auch 
anwesend. Was das ist? Ganz einfach, ein Gig von BLUE 
ROCKIN’, einer seit zehn Jahren tourenden süddeutschen 
Combo, die ihren Lebensmittelpunkt nach rockin’ Berlin 
verlegt hat. Dieser läge warten sie nun mit ihrem vierten 
Longplayer auf. Als Anspieltip bieten sich die Songs 1 bis 
12 an, aber einige Rockin’-Perlen sind noch besser als gut. 
„Running high“, „Every hour n’every minute“ oder auch 
der Titeltrack „Deep from the heart“. Es rockt und swingt 
und scheppert, dass es eine wahre Freude ist. Die Texte dre¬ 
hen sich um wahre und falsche Liebe, die ambivalente Hal¬ 
tung zu Hochprozentigem sowie Partys, die selbst im Wald 
abgehen können. Aufgenommen im Wild At Heart Studio, 


kommt es ohnehin tief aus dem Herzen der Hauptstadt 
und lässt keine Fragen offen. Ich muss nun aber wirklich 
an meinen Kühlschrank, ein „Fahrtbier“ einstecken, BLUE 
ROCKIN’ spielen heute wieder herzhaft die Stadt in Grund 
und Boden... (8) Markus Franz 

BARONESS 
Yellow & Green 


2CD | Relapse | relapse.com | 75:07 | | „Ich empfinde 
das [...] nicht als Wandel, sondern als Wachstum“, antwor¬ 
tete John Dyer Baizley auf meine Frage nach dem merklich 
anderen Stil des neuen, 
dritten Albums seiner 
Band, das sogar ein Dop¬ 
pel-Album mit 18 Songs 
auf zwei LPs respektive 
CDs geworden ist. Weiter 
führte Baizley aus: „Wir 
wollen abwechslungsrei¬ 
che Musik machen, die 
unserem breiten musi¬ 
kalischen Interesse ent¬ 
spricht. Und so war die 
einzige Option für uns, 
uns zu verändern, und 
das Ergebnis dieses Prozesses ist das neue Album. Ich halte 
es darüber hinaus für wichtig, dass eine Band alle fünf Jahre 
zurückblickt, betrachtet, was sie geschaffen hat, dann alles 
niederreißt und alles neu aufbaut.“ Wer also „business as 
usual“ erwartet von der Band aus Savannah, Georgia, der 
könnte enttäuscht sein, denn obwohl die grundsätzli¬ 
che Handschrift erhalten geblieben ist, stehen BARONESS 
drei Jahre nach dem letzten Longplayer weniger für den 
bisherigen Crossover-Sludge-Metal und Post-Whatever, 
dafür für mehr psychedelischen Rock. Das erfordert eine 
gewisse Umgewöhnung, die Klangfarbe ist eine andere, ein 
Song wie „March to the sea“ erstaunlich eingängig, und 
lässt man so das bewusst zweigeteilte Album auf sich wir¬ 
ken, erweist sich diese neue, andere Seite von BARONESS 
als gelungener Ausbruch aus einengenden Genrekonventi¬ 
onen. Alles neu, alles anders, alles gut. (8) Joachim Hiller 
Auf der Ox-CD zu hören. 



BLACK MOTH 

The Killing Jar 

CD | New Heavy Sounds | newheavysoimds.com | 
38:26 | | Hier präsentiert sich endlich mal wieder eine 
stimmgewaltige Frontfrau, die so sexy klingt wie einst THE 
RUNAWAYS, als sie den Japanern den Kopf verdrehten. Mit 
einem Hauch psychedelischem Charme ä laTHE D0, düs¬ 
terem Stoner-Rock-Bass und Neunziger Grunge kommen 
die vier Engländer daher. Erprobt und erfahren aus vergan¬ 
genen Garagen-Punk-Band-Projekten gründete man 2010 
die Truppe, deren Sound als „Mothic Horror“ beschrieben 
wird, der von Bands wie THE STOOGES und BLACK SAB- 
BATH beeinflusst ist „The Killing Jar" das Debüt Album 
einer vielversprechenden Band. (8) Ann - Kathrin Wilhelm 

BÜLBÜLMANUSH 

The Oriental Train Experience 
CD | Beste! Unterhaltung | besteunterhaltung.biz | 
37:44 | | Ich könnte mal wieder was wetten. Zinn Bei¬ 
spiel, dass BÜLBÜL MANUSH bald im Airplay von „Funk- 


/SUN RECORDS 


In Sam Phillips’ Aufnahmestudio gaben sich die ganz 
großen Namen des frühen Rock’n’Roll die Klinke 
in die Hand, bevor sie richtig berühmt wurden. 
Ursprünglich eher ein R’n’R-Label mit hauptsächlich 
afroamerikanischen Interpreten, veröffentlichte Phil¬ 
lips auf seinem Sun-Label dann auch die ganz großen 
Namen des Rockabilly. Durch den Verkauf des Labels 
1969 ging es dann mit der Verwertungskette drun¬ 
ter und drüber, mittlerweile hat sich das Reissue- 
Label Charly die Rechte am Sun-Katalog gesichert und 
veröffentlicht nun Klassiker aus dem Repertoire auf 
dickem 180-g-Vinyl mit extradickem Pappcover und 
einem brutal fetten Remastering, das den alten Schät¬ 
zen neuen Glanz verleiht. Kollektiv kann man diese 
Sammlung nur mit der Bestnote (10) bewerten, das 
ist alles so unglaublich legendäres und einflussreiches 
Material. 

CARL PERKINS 

Put Your Cat Clothes On 

LP | Charly Acquisitions/Cargo | | Carl Perkins 
macht auf mich immer einen etwas steifen Eindruck, Der 
Presley'sehe Hüftschwung war so gar nicht seins. Den¬ 
noch hat er mit seinen Songs nicht nur Vorlagen für den 
King sondern auch für die BEATLES geliefert. Harrison 
war völlig vernarrt in den Sound von Carls Band, zu der 
auch seine Brüder Clapton und Jay, sowie der Sun-Kollege 
Jerry Lee Lewis gehörte. Vier Songs dieser Platte haben es 
ins BEATLES-Repertoire geschafft, zwei Nummern haben 
die CRAMPS in den Achtzigern wieder ausgegraben, das 
spricht für die Stärke des meist von Perkins selbstkompo¬ 
nierten Materials. Als Teenieschwarm taugte Perkins nicht 
wirklich, allerdings als Hitlieferant für solche. 

JERRY LEE LEWIS 
Whole Lotta Shakin’ Goin On 
LP | Charly Acquisitions/Cargo | | Was Carl Perkins an 
Ausstrahlung fehlte war bei Jerry Lee Lewis gelandet. Der 
sensationelle Performer bestach mit der heißesten Büh¬ 
nenschau, mehr Action gab es dann erst wieder in der 
Punk-Zeit. Natürlich kann dieses Album nicht ansatzweise 
die Explosivität von Jerry Lee live einfangen, das gelang 
erst Jahre später mit der berüchtigten Star-Club-LP. Insge¬ 
samt klingen Lewis’ Songs auf seiner Debüt-LP für heutige 
Ohren recht gesittet, „You are my sunshine“, der schunke- 
lige Evergreen taugt nicht wirklich zum Oma erschrecken. 
Dennoch ist die Performance einmalig gut, Jerry mit sei¬ 
nen Kollegen Roland Janes und Jimmy Van Eaton arbeite¬ 
ten lange Zeit als Sun-Studio-Hausband und lernten dort 
ihr Handwerk als Sessionmusiker. Mit „Whole lotta shakin’ 
gelang dann der erste eigene Hit, und Lewis war fortan 
wie entfesselt. Die latente Aggression blitzt auf dem Album 
immer wieder durch, und in den Momenten gefällt es mir 
am besten. 

ROY ORBISON AND THE TEEN KINGS 

s/t 

LP | Charly Acquisitions/Cargo | | Für viele gilt Roy 
Orbison als Schmusesänger, seine frühen Rockabilly - 
Songs hört man heutzutage sehr selten. Dabei sind gerade 
die wild rockenden TEEN KINGS in Verbindung mit Roys 
Schmelzstimme eine unglaublich heiße Kombination. „I 
was a fool“, der erste große Hit, rockt auch heute noch ganz 
gewaltig, „Tryin‘ to get to you“ hat weit mehr Herzblut als 
die spätere Presley-Aufnahme, und was mich immer wie¬ 
der erfreut, ist das völlig imgewöhnliche Gitarrenspiel von 
Roy, dessen Läufe gelegentlich komplett quer zur Songme¬ 
lodie arbeiten, aber seltsamerweise funktionieren. Leider 
dauerte Roys Rockabilly-Dasein nicht allzu lange, es riefen 
die Verlockungen des süßen Popstar-Lebens, die Kuschel¬ 


balladen, all das, was auch Elvis nach der Armee zur armen 
Wurst hat werden lassen. 

JOHNNY CASH 
Rock Island Line 

LP | Charly Acquisitions/Cargo | | Viel weniger geht 
nicht. Johnny Cash beherrschte von seinen ersten Aufnah¬ 
men bis hin zu den „American“-Sessions eins meisterhaft 
die Reduktion. Diese Platte ist eine in den Achtzigern ent¬ 
standenen Compilation früher Cash-Nummern, versehen 
mit dem Artwork einer alten Sun-EP. Darauf sind Welthits 
wie „Oh! Lonesome me", „Wreck of the old 97“ oder Roy 
Orbisons rührendes „You teil me“ und solch eher unbe¬ 
kannten Songs wie „Belshazzar“. Allen Aufnahmen ist eines 
gemein: Die wunderbar sparsamen Arrangements, der 
sonore Baritongesang und die Erkenntnis, dass Country- 
musik jenseits von Nashville-Kitsch ohne Fiedeln und Sli- 
degitarre besser funktioniert. 

V.A. Sun-Set Special 

LP | Charly Acquisidons/Cargo | | Aus den umfangrei¬ 
chen Sun-Archiven durfte der französische Rock’n’Roll- 
DJ Ding Dong aka Alan Pouquier in den Achtzigern etli¬ 
che Alben mit vergessenen Schätzen zusammenstellen, Vie¬ 
les darauf war bis dato der breiten Masse völlig verborgen 
geblieben. Zu Unrecht, denn auch ohne große Verkaufszah¬ 
len haben Künstler wie Eddie Bond, Roy Hall, Ray Smith, 
Dick Penner und Rudy Grayzell den Rockabilly nicht min¬ 
der geprägt als Presley, Lewis und Co. Seltene Fotos auf der 
Cover-Rückseiten, dazu knappe, aber informative Künst¬ 
lerbiografien und ein hoher Anteil von unveröffentlich¬ 
ten Songs machen „Sun-Set“ zu einem Vorzeige-Rocka¬ 
billy-Sampler. 

V.A. Rock And Roll Pills 

LP | Charly Acquisitions/Cargo | | Eine weitere Com¬ 
pilation des bienenfleißigen DJ Ding Dong aus dem Keller 
des Sun-Imperiums. Durch nicht weniger als 1.228 Kis¬ 
ten mit Bändern wühlte er sich und hörte im Frühjahr 
1983 etwa 11.000 Songs aus dem Nachlas des legendärsten 
Rock’n’Roll-Labels aller Zeiten. Dazu kam dann die rie¬ 
sige Aufgabe, stapelweise unbeschriftete, unveröffentlichte 
Tapes zu identifizieren, zuzuordnen, und zu katalogisie¬ 
ren. Die Mühe hat sich aber gelohnt, heraus kam die Sun- 
Compilation-Serie, die Charly nach der überaus erfolgrei¬ 
chen 10“-Reihe auf den Markt brachte. Auf „Rock And Roll 
Pills“ sind die Geschlechteranteile gleichmäßig verteilt, 
mit Barbara Pittman, Maggie Sue Wimberly, Jean Chapel 
oder den KIRBY SISTERS stellen auch eine ganze Reihe von 
Damen eindrucksvoll unter Beweis, dass Rockabilly nicht 
allein Männersache war. CRAMPS-Fans kennen bestimmt 
Macy Skippers „Bop pills“, einen der Hits vom ’89er „Stay 
Sick“-Album. Ansonsten sind die Songs so obskur wie die 
Namen, kaum einer hat es ins Bewusstsein der großen wei¬ 
ten R’n’R-Welt geschafft, das ist schade, aber so gibt es nun 
immer neue verborgene Schätze auszubuddeln. 

V.A. Rockabilly Tunes 

LP | Charly Acquisitions/Cargo | | Wie „Sun-Set" ist 
dies einen granatenstarke Koppelung von weitgehend 
unbekanntem Material aus den unergründlichen Archi¬ 
ven des Sun Labels. Roy Orbison ist wohl der einzige geläu¬ 
fige Name, Tommy Ruick, Narvel Felts und Andy Anderson 
kennt heute kaum noch jemand, und Ken Cook war allen¬ 
falls als Orbison-Co-Autor bekannt. Das tut der Qualität 
der Musik aber keinen Abbruch, durch die Bank ist hier 
hochkarätiger Rockabilly in seiner reinsten Form zu hören. 
Erste Informationen über die Künstler bieten die Liner- 
notes, mehr Bilder zu den Namen wären allerdings schön. 
Gereon Helmer 


haus Europa“ landen oder im Kaffee Burger rauf und run¬ 
ter gespielt werden. Wahrscheinlich hätte ich ganz fix eine 
Palette Slivovitz gewonnen, denn das „Volk der Nachtigal¬ 
len“ beherrscht seine Balkan-Beat-Oriental-Folk-Gipsy- 
Mische perfekt. So perfekt, dass es schon wieder vorher¬ 
sehbar wird. Das ist alles so nett Multikulti, dass ich fast 
aus meiner p.c.-Hängematte made in Toscana falle. Natür¬ 
lich wird in zig Sprachen von Türkisch über Italienisch 
bis Mazedonisch gesungen und auch orientalische Ins¬ 
trumente kommen gehäuft zum Einsatz. Tanzbar ist das 
sowieso, aber das war es dann auch. Etwas schräger dürfte 
es schon sein, so klingt es einfach zu nett, zu lieblich nach 
dem „lustigen“ Balkan-Tanz-Sound (yeah, total inkorrekt, 
das Wort, ich weiß), den die weitgereisten, super toleranten 
deutschen Bildungsbürgerhippies seit dem letzten Kustu- 
rica-Film so lieben. (6) Gary Flanell 

BONDED BY BLOOD 

The Aftermath 

CD | Earache | earache.com | 45:43 | | Mit „The 
Aftermath“, ihrem dritten Album, ist es den kaliforni¬ 
schen Thrashem BONDED BY BLOOD gelungen, end¬ 
lich den Stempel „EXODUS-Kopie“ loszuwerden, auch 
wenn die stilistische Nähe natürlich nach wie vor gegeben 
ist. Lupenreiner, schnörkelloser Thrash Metal wird gebo¬ 
ten, der absolut keinen Platz für Experimente, leider aber 
auch wirklich zwingende Aha-Momente vermissen lässt. 
Das RAGE AGAINST THE MACHINE-Cover „Killing in the 
name“ ist aber durchaus charmant. (6) Jens Kirsch 

BI-MARKS 

The Golden Years 

LP | Sabotage/Static Age | saboUgerecords.net | | 

Den einzigen Vorwurf, den man dieser Platte machen kann, 
ist das wahrscheinlich von der Freundin oder dem klei¬ 
nen Bruder des Sän¬ 
gers gemalte Cover, das 
dem, was die fünf jun¬ 
gen Burschen hier her¬ 
unterprügeln, abso¬ 
lut nicht gerecht wird. 
Wäre schade, wenn das 
hier wegen der Umver¬ 
packung keiner anhören 
will, denn das ist in der 
Tat bemerkenswert. Da 
kommen dann so Leute 
wie wir ins Spiel, die das 
Ding auflegen und stun¬ 
denlang in den hintersten Gehirnwindungen suchen, an 
was verdammt noch mal diese Band einen erinnert. Kurz 
vor Stammheim kam dann die Erleuchtung, es waren nicht 
die BAD BRAINS (zu roh), aber trotzdem diese leichten, 
kaum zu spürenden Reggae-Vibrations. Na?! Achtziger 
Jahre, NY, wesentlich einprägsames Coverartwork, dreckig 
bis zum Anschlag, klang alles wie in einem Set durchge¬ 
spielt? Richtig: REAGANYOUTH! „The Golden Years“ kann 
direkt nach „Youth Anthems“ laufen, derselbe Gestus, die¬ 
selbe ungezügelte Wut und Brachialität. Natürlich retro, 
aber stilsicher und ich würde sagen, einfach nur gefühlt, 
nicht kopiert, denn dafür sind die Buben wahrschein¬ 
lich zu jung. Minimale Gitarrenmelodien, die zeigen, dass 
sie musikalisch mehr könnten. Wollen sie aber nicht! Sehr 
feine grau marmorierte Scheibe in einer Verpackung, die 
wir mal als „Wundertüte“ stehen lassen. (9) Kalle Stille 

BEACHWOOD SPARKS 

The Tarnished Gold 

CD | Sub Pop | subpop.com | | Als sich die BEACH¬ 
WOOD SPARKS 2003 auflösten, stand dem Indie-Folk 
der Nullerjahre seine Blütezeit erst noch bevor. Bands wie 
die FLEET FOXES oder OKKERVIL RIVER machten akus¬ 
tische Gitarren und Americana trendy. Kausalzusammen¬ 
hang ja oder nein: Nim gibt es also doch noch ein neues 
BEACHWOOD SPARKS-Album. Das klingt schwärmerisch 
bis schwelgerisch, mit dem Blick in den Himmel und zu 
den Vorbildern, die sich nicht nur im Alternative Country 
finden, sondern auch im Psychedelic Pop. Wer jeweils am 
Spätwerk von TEENAGE FANCLUB und den BYRDS Spaß 
hat, wird diesen auch hier finden. (6) Jan-Niklas Jäger 

THE BLACKBERRIES 

This City Is Electric 

MCD | Klane Apartment/ Broken Silence | klangap- 
artment.de | ] Unverkennbar hat man es bei den BLACK¬ 
BERRIES mit aufmerksamen Hörern des Indie -ABCs der 
letzten Jahre zu tun. Woran merkt man das? Der Groove, 
das lässige Gitarrenspiel, der Hut auf dem geschniegel¬ 
ten Haupt. In diesem Rahmen funktioniert diese Sin¬ 
gle dann auch tatsächlich sehr gut. Die Jungs aus Solingen 
liefern drei absolut tanzbare und dynamische Songs. Und 
weil man sich wohl nicht lumpen lassen will, gibt es oben¬ 
drauf einen elektronischen Remix vom Titeltrack „This 
city is electric“, der wohl in jedem Club wohlwollend auf¬ 
genommen werden würde. Aber aus der Masse herausste¬ 
chen werden THE BLACKBERRIES auch damit nicht. (6) 

Bianca Hartmann 



BEAK> 

CD | Invada/Cargo | invada.co.iik | | Hier ist nun 
das zweite Album einer Band, die sich wohl mehr auf 
das Soundkredenzen, als auf die Erschaffung kryptischer 
Albumtitel konzentriert. Hinter BEAK> verbirgt sich 
Invada-Labelboss Geoff Barrow, welcher mit seiner Band 
PORTISHEAD wohl nicht wirklich ausgelastet ist. Der 
zweite im Bunde, Billy Füller, werkelte unter anderem 
mit Bands wie FUZZ AGAINST JUNK, MASSIVE ATTACK 
herum und last but not least sei da Matt Williams erwähnt, 
der sich auch noch mit TEAM BRICK herumtreibt. Auch 
die Songs ihres zweiten Albums entstanden in einer Art 
Session-Prozess. Die Band schloss sich zwölfTage in einem 
Raum ein und nahm die Stücke in einem Rutsch auf. Keine 
Overdubs oder Beschönigungen, dies ist das reine Werk, 
welches die drei auch direkt auf einer Tour dem geneig¬ 
ten Publikum servierten. Wider Erwarten ist dies ein sehr 
eingängiges und abwechslungsreiches Album geworden. 
Neben dem fast schon störrischen Beat und verträumt wir¬ 
kenden Gesangseinlagen reichert das Trio die Songs mit 
düster wirkenden Synthie- und Gitarrenarrangements an 
und schafft damit das, was nicht viele Bands schaffen: eine 
gewisse Eingängigkeit, ohne dabei oberflächlich zu sein. 
Das Album erschien in den USA auf Ipecac Records. (9) 

Jenny Kracht 


BEDTIME FOR CHARLIE 

Bright Light City Skyline 

CD | Fond Of Life | fondoflife.net | | Seit 2001 ver¬ 
breiten die Römer BEDTIME FOR CHARLIE ihren energie¬ 
geladenen Melodic-Punkrock in Europa und 2009 führte 
dieser die Band sogar für ein paar Konzerte nach Japan. 
Mit „Bright Light City Skyline“ veröffentlicht das Quar¬ 
tett nun sein drittes Album und debütiert damit bei Fond 
Of Life Records, die den neuen Longplayer in Deutsch¬ 
land herausbringen. Auf diesem bieten die Italiener zwölf 
knackige melodische Punkrock Songs, die dem verregne¬ 
ten Sommer die fehlenden Sonnenstrahlen zu entlocken 
vermögen. Getreu dem Motto „All Killer, No Filler“ wis¬ 
sen BEDTIME FOR CHARLIE auf Albumlänge spielend zu 
überzeugen und das auch in den ruhigeren Midtempo- 


Nummern der Platte. Den Vergleich mit Genrekollegen aus 
Übersee brauchen BEDTIME FOR CHARLIE ganz sicher 
nicht scheuen, sie stellen diese eher schön in den Schat¬ 
ten. Diese Platte wird meinen Sommer auf jeden Fall noch 
mitgestalten dürfen. Wer mit der Band bislang noch kei¬ 
nen Kontakt hatte, sich aber an den Tönen von RUFIO.THE 
STARTING LINE oder NO USE FOR A NAME und RISE 
AGAINST erfreuen kann, findet hier eine neue Lieblings- 
band. Bitte Beachtung schenken, das hier ist richtig gut und 
verbreitet dazu noch gute Laune! (8) Tim Masson 

BLANK 

Calix 

LP I Black Trash / Fucking Kill | fuckingkillrecords. 

de I | Auf milchweißem (blankem!) Vinyl kommt das 
Debüt der Solinger Hardcore-Band, die sich im April 2011 
gründete und bald darauf ein erstes Demo aufnahm. Neun 
Songs sind auf der Platte, die auf 300 handnummerierte 
Exemplare limitiert ist und als Split-Release von Black- 
Trash und Fucking Kill erscheint, mit einem sehr schönen, 
edel wirkenden Siebdruckcover nebst A3-Textblatt/Poster, 
für das Hassan Haider von PATSY O’HARA verantwortlich 
zeichnet. Der Fünfer kommt nicht aus dem Nichts, Gitar¬ 
rist Carsten kennt man von FORCED TO DECAY, IDEO- 
BLAST und ONCE A DEMON, Shouter/Brüller Martin 
war schon mit THE CRANE und diversen anderen Bands 
aktiv, Drummer Flo bei SHIMETSU. Aufgenommen im 
79Sound-Studio, übernahm anschließend Tonmeisterei- 
Role die Veredlung, und das resultiert in brachialem, inten¬ 
sivem Sound, der nicht von ungefähr Menschen anspre¬ 
chen dürfte, die vor ihren Boxen knien und ALPINIST oder 
erwähnte PATSY O’HARA anbeten. Die verzweifelt her¬ 
ausgebellten Texte sind teils auf Englisch, teils auf Deutsch, 
hier und da wurden Filmschnipsel eingebaut oder unter¬ 
legt, und so erweisen sich BLANK durch den Wechsel von 
schnellen und mahlstromartigen, düster-zähen Passagen 
als sowohl abwechslungsreiche wie höchst intensive Band, 
die auch live immer ein Erlebnis ist. (8) Joachim Hiller 


BLOODSHOT BILL 

The Out Of This World Sounds Of... 

10“ | Squoodge | squoodge.records.de | | Sollte ich 
mal ein Interview mit Bioodshot Bill führen, werde ich ihn 
fragen, was er als Kind mal werden wollte. Wahrschein¬ 
lich Astronaut. So könnte 

■ sich dann auch das Kon¬ 
zept hinter der neuen 
10“ der One-Man-Band 
erklären. Wenn man ein 
Faible für SciFi, Trash 
und Fifties-Rock’n’Roll 
hat, ist es ja immer 
schön, neue Tracks 
abseits der bekann¬ 
ten Sin Alley- Sampler/ 
Las Vegas-Grind-Sam- 
pler zu entdecken. Plat¬ 
ten, auf denen die Inter¬ 
preten nicht obskure Typen aus den Fünfzigern sind, die 
schon alle tot sind. Da muss also frische Astronautennah¬ 
rung her und so gesehen kommt Mr. Bioodshot Bill genau 
richtig ums Eck gerauscht. Dessen Platte klingt nach einem 
dieser echten Fifties-Dachbodenfund-Singles und feuert 
laserstrahlengleich einen Stomper nach dem anderen ins 
Sonnensystem. Natürlich ist das retro wie bekloppt, aber 
auch derbe unterhaltsam und ich behaupte einfach mal, 
ab und an braucht die Welt genau so eine frische Brise an 
Rock’n’Roll-Krachem über Marshühner, Dates auf dem 
Mond und Mitternacht auf dem Mars. Hätte Ed Wood 
Gitarre gespielt, er hätte es nicht besser machen können. 
(8) Gary Flanell 

BOUNCING SOULS 

Comet 

CD | Chunksaah / Rise | chunksaah.com | | Als ich die 

ersten Songs von „Comet“ gehört habe, war ich mir gar 
nicht mal sicher, ob das wirklich die BOUNCING SOULS 
sind, die da aus den Boxen dröhnen. Die Songs haben 
schon den typischen Sound, aber sind irgendwie auch 
ganz anders. Während der Opener „Baptized“ mein Herz 
höher schlagen lässt, könnten Songs wie „Fast times“ oder 
der Titeltrack (ganze fünfeinhalb Minuten lang) richtig 
gut sein, wenn sie nur ein bisschen mehr Schmackes hät¬ 
ten. Schnulzen wie „Coin toss girl“ oder „In sleep“ ziehen 
das Album für meinen Geschmack ziemlich runter, auf 
diese seichte Gefühlsduselei hätte die Band von mir aus 
auch gerne verzichten können. Mit „We love fun“ haben 
die Souls aber einen herrlich stupiden Partysong geschrie¬ 
ben, der für viel anderes entschuldigt. Sonst ist mir aller¬ 
dings vieles zu ruhig, auch das letzte Lied des Albums „Ship 
in a bottle“. Außerdem vermisse ich bei Titeln wie „Infi¬ 
del“ und „DFA“ die Hymnenhaftigkeit und Eingängigkeit, 
die man sonst von BOUNCING SOULS-Songs gewöhnt 
ist. Ein paar Kracher mehr hätte ich mir schon gewünscht. 
Dafür ist das Ganze sehr liebevoll verpackt und lässt optisch 
keine Wünsche offen. Es gibt noch einen dicken Sympa¬ 
thiepunkt, weil die BOUNCING SOULS generell einfach 
toll sind und ich die Kopfstimme von Sänger Greg Attonito 
liebe. (7) Christina Wenig 


[BOLT] 

( 02 ) 

LP | Aentitainment | aentitainment.com | 34:57 | | 

Sind [BOLT] der neue Internet-Hype der Drone/Doom- 
Szene? Haben sie doch in kurzer Zeit viel Aufmerksamkeit 
auf sich gezogen. Die banale Wahrheit: [BOLT] sind zwei 
Typen, die ihre Bässe bis an die Grenze der Unspielbarkeit 
runtergestimmt haben und nun ihr zweites Release vor¬ 
legen, das auf streng limitiertem weißem Vinyl erscheint. 
Grimmig wie SUNN O))) und den frühen EARTH ähn¬ 
lich meditativ die Verzerrer austestend, röhrt sich das Duo 
durch vier Tracks. Die knüpfen mit wuchtigen Riffs, Vogel¬ 
gezwitscher und melancholischem Piano da an, wo die 
ebenfalls aus Bochum stammenden KODIAK leider aufge¬ 
hört haben. Weiter so! (7) Kristoffer Cornils 

BAD POETRY BAND 

The One Way Romance 

CD | High Roller | hrrecords.de | | „Schlangen sind 
einfach cool. Und Schlangen, die eine heiße Braut erschre¬ 
cken, sind noch viel cooler.“ Für diesen Satz, mit dem sie 
ihr Coverartwork beschreiben und der in ihrem Presseinfo 
zu finden ist, hätte die BAD POETRY BAND aus Schweden 
schon alleine zwölf von zehn möglichen Punkten verdient. 
Musikalisch sind sie dann allerdings doch nicht ganz so 
brillant. Typischer Skandinavien-Rock’n’Roll mit Glam- 
Einflüssen, der stark an die späten BACKYARD BABIES und 
HARDCORE SUPERSTAR, inklusive obligatorischer Bal¬ 
lade, erinnert. Klingt nicht schlecht, macht live bestimmt 
viel Spaß, ist alles in allem aber doch ein bisschen blass. (6) 
Joni Küper 


THE BIZZYBONES 

Drink It Up! 

CD | thebizzybones.de | 36 :50 | | Zuerst dachte ich, 
es mit eine netten VOLBEAT-Coverband zu tun zu haben. 
Klischeehaftes Rock’n’Roller-Wir trinken Altöl-Image 
aus Hannover. Doch falsch gedacht. Diese Herren sind 
rauh, laut und auf den Punkt. Energischer Gesang trifft auf 
klare Rock’n’Roll-Riffs, die Texte beinhalten das, was man 


OX-EANZENE 84 











REVIEWS 


erwartet. Daher fühlt man sich auf der einen Seite sehr ver¬ 
traut mit den Songs, doch bekommt auch eine winzige 
Portion szeneuntypischen Metal-Geschmack dazu gelie¬ 
fert. Sicherlich wären einige Stücke noch ausbaufähig, aber 
für eine eigenproduzierte Debütplatte ist es schon mal ganz 
ordentlich. (6) Ann-KathrinWilhelm 

_ccc 

THE CRY! 

s/t 

LP | Taken By Sur prise | takenbysurprise.net | | Brian 
Wilson soll gefälligst seinen Kennedy-Preis veräußern 
und den Jungs hier eine Runde neuer Lederjacke spen¬ 
dieren! Als hätten die EXPLODING HEARTS Gitarrenstun¬ 
den genommen, Peter Case nicht immer so schlaftrunken 
aus der Wäsche geschaut und die Post-New-Wave-Pop- 
geschichte nicht solche finsteren Auswüchse angenom¬ 
men, schlägt das CRY!-Debüt ein wie Bombe - mit Sixties- 
Rückblenden, Bomp!-Rec.-GedächtnisrifFs und viel Doo- 
wop-Schmacht. Ihr facettenreiches Songwriting ist nahezu 
perfekt, der mehrstimmige Gesang grandios, das Zusam¬ 
menspiel hochgradig arschtretend. Nennen wir das mal 
„surfy Powerpop“ mit eingängigen Hooks galore, saube¬ 
rer Gitarrenarbeit und Texten über all die Annehmlichkei¬ 
ten, die einem kurz vor abgelaufener Adoleszenz eben so 
beschäftigen. Innovativ oder bahnbrechend wären unan¬ 
gebrachte Attribute, zu genreverwurzelt und traditions¬ 
bewusst ist ihr Sound - THE CRY! also nur als charakter¬ 
lose Kopie? Keineswegs, mir kommt auf Anhieb keine Band 
des letzten Jahrzehnts in den Sinn, die den Zwei-Minuten - 
Popsong so spritzig, so gekonnt auf eine ganz neue und im 
besten Sinn zeitgemäße Ebene bringt. Jeder Song ein Hit! 
Bei aller Begeisterung frage ich mich auch, wie das Niveau 
aufrecht erhalten werden soll? Ich drücke die Daumen, 
dass den PDX-Youngstem beim nächsten Album nicht die 
Puste ausgeht. (9) Matti Bildt 

THE CROOKS 

Atomic Rock 

CD I Dischi Vololibero | vololiberoedizioni.it | 42:52 

| | „New York, New York", wussten schon die DICTATORS 
zu sagen und auch die CROOKS folgen dem Ruf und musi¬ 
kalischem Erbe des großen Apfels, wobei neben den Herren 
tun Handsome Dick Manitoba vor allem aber längst ver¬ 
gessen geglaubte lügenden wieder entdeckt werden. Wer 
erinnert sich nicht mit einer Träne im Revers der speckigen 
Lederjacke an ruhmreiche Namen im Zeichen der NEW 
YORK DOLLS-Federboa und im Gedächtnis an Johnny 
Thunders wie LIBERTINE, REVOLVERS oder D-GENERA- 
TION, an die unzähligen Inkarnationen des Sonny Vincent, 
der immer und wieder und noch mal hinterher die großen 
lügenden des Rock’n’Roll ausrief. THE CROOKS jedenfalls 
tun es, ohne zuviel Pose, dafür aber mit um so mehr Subs¬ 
tanz und Begeisterung, die Gitarre hängt tief, die Schmalz¬ 
locke kann mit den DEVIL DOGS mithalten, gekämmt 
wird ausschließlich 53rd & 3rd. Rock’n’Roll is the answer 
und diese wird von den CROOKS gegeben, also Lederja¬ 
cke raus, du alter Lonely Planet Boy, Loch in die zu enge 
Jeans und rein in die käsigen Treter, denn es besteht drin¬ 
gender Entdeckungsbedarf bezüglich dieser Italiener! (8) 
Dirk Klotzbach 

CRIPPER 

Antagonist 

CD | SAOL/H’Art | saol-music.com | 46:32 | | Wenn 
ein deutsches Metal-Magazin schreibt, dass das „aggressive, 
variable Gebrüll der Frontdame [...] aus der Kehle eines 
Kerls stammen“ könnte, wirkt das unfreiwillig ironisch, 
bedenkt man, dass Sängerin Britta Görtz sich 2009 beim 
wissenschaftlichen „Heavy Metal and Gender“-Kongress 
über solche patriarchalischen Vergleiche mokierte. Gut, 
i hr Gesangstil klingt auch auf dem dritten Album so, wie 
ihn männlicheThrash-Bands etablierten. Dennoch legt das 
ausgeklügelte Songwriting zwischen Oldschool-Thrash, 
modernen Sounds und exotischen Elementen den Fokus 
auf die Songs - und nicht nur auf die leider immer noch 
verwunderliche Tatsache, dass hier tatsächlich eine Frau 
(wie ein Kerl) growlt. (7) Arndt Aldenhoven 

THE CULT 

Choice Of Weapon 

CD | CookingVinyl | cookingvinyl.com | 41:38 | | So 

richtig weg war sie ja nie, diese Institution des Post-Punk - 
Gruft-Rocks, die mit dem grandiosen Album „Electric“ 
von 1987 zu Vertretern eines modernen Hardrocks wur¬ 
den, was den alten „Vor und zurück“-Tänzern allerdings 
gar nicht so recht in den Kram passte. Das letzte, durchaus 
passable Album „Born Into This“ hegt fünf Jahre zurück, 
zuvor war ja der Geist von Jim Morrison in CULT-Sän- 
ger Ian Astbury gefahren. Und jetzt ein neues Album, von 
dem man nicht viel erwartet, und das gerade deswegen 
eine angenehme Überraschung ist. Zu ihren Post-Punk- 
Wurzeln kehren THE CULT auch hier nicht zurück (wobei 
der Song „The wolf‘ deutlich „She sells sanctuary" zitiert), 
dafür liefert einem „Choice Of Weapon" den späteren 
hardrockigeren Sound der Band, der sich songwriterisch 
wie handwerklich zumindest auf einem ähnlich hohen 
Level wie bei „SonicTemple“ von 1989 bewegt. „Band“ ist 
in diesem Fall eine nicht ganz zutreffende Bezeichnung, 
denn die Kreativ-Pole sind hier vor allem die verbliebe¬ 
nen Originalmitglieder Astbury und Gitarrist Billy Duffy, 
die durchweg herrlich angepisst klingen, und nicht so, als 
hätten sie sich nur unter Krämpfen noch mal ein weite¬ 
res Album aus dem Kreuz geleiert, um die Fans bei Laune 
zu halten. „Choice Of Weapon“ rockt, trocken, unpathe¬ 
tisch und durchweg überzeugend, daran ändert auch eine 
unvermeidliche, aber dennoch geschmackvolle Powerbal- 
lade wie „Life > death“ nichts. (8) Thomas Kerpen 

CHILDSPLAY 

Righteous Rampage 

CD | childsplaymusic.ca | 16:33 | | Keine Lust, immer 
auf die jeweils neuen Alben der „großen“ Acts zu warten? 
Von möglichen Enttäuschungen ob der offenkundig sin¬ 
kenden Spannungskurve ganz zu schweigen. Also bedarf 
es neuer, imverbrauchter Bands. Diese vier Kanadier bie¬ 
ten sich - nicht ganz selbstlos - als Ersatzdroge für Fans 
von (frühen) ANTI-FLAG, CASUALTIES und EXPLOI- 
TED an. Kompromisslos, schnurgerade und zuweilen hef¬ 
tig schmettern die Kids auf ihrem Debüt acht Songs her¬ 
aus, die geradezu nach Riot, Revolte und Stinkefinger 
schreien. Nicht ohne Grund ziert ein Anarcho-A das Band- 
logo. Hardcore-Punk der Achtziger ohne Wenn und Aber - 
und ohne wirklichen Ausfall. Das polternde „Average me“ 
hebt mit seiner eingängigen Hookline den Durchschnitt, 
walzt sich damit direkt in den Gehörgang. Für ein unge¬ 
schminktes Aggro - Intermezzo zwischendrin ideal, für die 
Dauerrotation fehlen mir aber die großen Melodien und 
die zwingenden Refrains. Joe Shithead (D.O.A.) meint dazu 
trotzdem: „Cool stuffl“. Zu Recht. (7) Lars Weigelt 

CH AI NS OF LOVE 

Strange Grey Days 

CD | Manimal/ Cargo | minimalvinyl.tumblr.com | 
26:28 | | Aus dem kühlen kanadischen Vancouver kommt 
mit „Strange Grey Days“ eines der stärksten Debütalben 
des Jahres. Mittels denkbar simpler Instrumentierung 
(Gitarre, Orgel, Bass, Drums) eingespielte Teenage-Soul- 


Schnulzen im Geiste von Girl-Ensembles wie den SHAN- 
GRI-LAS, den SHIRELLES oder Phil Spectors großartigen 
RONETTES drücken die fünf um Gitarrist/Produzent Felix 
Fung sowie die unfassbar charmante Chanteuse Natha- 
üa Pizarro mächtig auf die Tränendrüse. Manche der Songs 
besitzen fest die gleiche schwermütige Tragik wie die tod¬ 
traurigen New-England-Moody-Folkpunk-Melodramen. 
Also geht es hier meistens in Moll zur Sache. Das tut den 
Songs keinen Abbruch, erstaunlich tiefgründige Komposi¬ 
tionen, wie sie etwa der junge Brian Wilson für seine „Pet 
Projects“, die HONEYS oder die wunderbaren AMERICAN 
SPRING schrieb und produzierte, überzeugen auf ganzer 
Länge. Apropos Länge: das ist der einzige Fehler des Albums, 
es ist zu kurz, ich brauche mehr! (8) Gereon Helmer 

CASTLE 

Blacklands 

CD | Vän/Soulfood | van-records.de | 35:44 | | „Ins- 
pired by Tony Iommi, all but three CASTLE songs are in 
C# tuning“, wird im Platteninfo verraten und damit auch 
gleich die potenzielle Zielgruppe dieser Band abgesteckt, 
die mit „Blacklands“ den zweiten Beitrag in Albumform zu 
okkultgeschwängertem Doom/Heavy Metal liefert. Auch 
wenn das „O-Wort“ mittlerweile nicht mehr wirklich auf¬ 
horchen lässt und eher eine Modeerscheinung geworden 
zu sein scheint, muss man diesem Trio zu Gute halten, dass 
es seine Sache ganz ordentlich macht. Dabei ist es vor allem 
die düstere Stimme von Frontfrau Elizabeth Blackwell, die 
den neben genannten BLACK SABBATH-Einflüssen auch 
mit Classic Rock- und latentenThrash-Elementen spielen¬ 
den Songs einen eigenen Charakter verleiht. Hinzu kommt 
der herrlich trockene und rumpelige Sound, der mich 
wieder einmal mein immer lichter werdendes Haupt¬ 
haar betrauern lässt. Eine amtliche Mähne ließe sich hierzu 
nämlich herrlich schütteln. (7) Jens Kirsch 

CARLOS CIPA 
The Monarch And The Viceroy 
LP/CD | Denovali | denovali.com | 51:33 | | Wenn 
sich eine Platte nach dem ersten Durchlauf in völli¬ 
ges Wohlbefinden auflöst, ist das meistens kein gutes Zei¬ 
chen. Für Klaviermusik, 
gerade solche ohne irgend¬ 
welche instrumentale oder 
vokale Begleitung, gilt das 
besonders. Das Debütal¬ 
bum des 22-jährigen Car¬ 
los Cipa bestätigt als Aus¬ 
nahme jedoch diese Regel. 
Etwas Zeit muss man „The 
Monarch And The Viceroy“ 
schon einräumen, dann 
aber steht fest: Cipa begeht 
nicht die Kardinalfeh¬ 
ler des Genres, biedert sich weder an und versucht nicht 
krampfhaft seine Virtuosität unter Beweis zu stellen. Statt - 
dessen gelingt dem Pianisten ein Werk, das aller Wohlge¬ 
fälligkeit zum Trotz vor Eigensinnigkeit nur so strotzt. Die 
Melancholie, ja, Verträumtheit, die die neun Kompositio¬ 
nen durchzieht, kann sich etwaigen Kitschvorwürfen viel¬ 
leicht schwer entziehen, trotzdem produziert Cipa keine 
angepasste Stangenware. Halb improvisiert - Cipa betont, 
dass seine Herangehensweise intuitiv ist - und mitreißend 
expressiv hält er zwischendurch inne und zieht das Tempo 
unvermittelt an, wann immer es ihm passt. Das verleiht 
seiner Musik ebenso viel Glaubwürdigkeit wie klangliche 
Dichte und Eindrücklichkeit. „The Monarch And The Vice¬ 
roy“ ist der fulminante Auftakt einer Karriere, die schon 
jetzt viel verspricht. (9) Kristoffer Cornils 

THE CROOKES 

Hold Fast 

CD | Fierce Panda | fiercepanda.co.uk | | Der 

Indierock liegt jetzt schon lange genug unter der Erde, um 
langsam anzufengen, unangenehm zu riechen, und vom 
NME auserkorene Retter wie die VACCINES konnten trotz 
ein paar guter Singles nichts daran ändern. Mit den CROO¬ 
KES bringt heuer eine weitere englische Jungs-Gitarren- 
band ihr zweites Album auf den Markt. Bei dem Erstling 
„Chasing After Ghosts“ hatte die Welt schon interessiert 
zugehört, „Hold Fast“ ist mm da, um das in einen langle¬ 
bigen Zustand zu verwandeln. THE CROOKES vermeiden 
die Fehler der meisten Bands der Post-LIBERTINES-Gene- 
ration, indem sie aus den allzu offensichtlichen Fußstap¬ 
fen heraustreten und sich auch auf anderen Pfaden Umse¬ 
hen: Post-Punk-Elemente, janglende Gitarren, Pop-Hooks, 
Fifties- und Sixties-Reminiszenzen - alles da, und dank 
eigener Note beim Songwriting flutscht das alles in den 33 
Minuten Spielzeit trotzdem wunderbar durch. Ein ange¬ 
nehm frischer Ansatz an längst nicht mehr frische Musik. 
(8) Jan-Niklas Jäger 

CANNIBALES & VAHINES, G.W. SOK 

Nowhere 

CD | Tractor Notown/Konkurrent | gwsok.band- 
camp.com | | Drei Dekaden war G.W Sok Frontmann 
bei der niederländischen Kombo THE EX. 2008 strich er 
die Segel, um sich in neuen Gefilden auszutoben. Seither 
veröffentlichte er ein Buch mit seinen Gedichten und Tex¬ 
ten, wirkte an einem Film mit, bereiste als Spoken Word 
Artist Bühnen, sowie Theaterwerkstätten und nahm 2010 
als Kooperation diese Platte mit dem französischem Trio 
CANNIBALES k VAHINES aus Toulouse auf. Gitarrist Nico¬ 
las Lafourest, Schlagzeuger Fabien Duscombs, sowie Elekt¬ 
roniker und Saxophonist Marc Demereau verweben Avant- 
Punk, Post-Rock und fest klassisch anmutendem Jazz zu 
einem dichten Klanggewebe, welches die wie gewohnt 
bedeutungsschweren Lyrics von G.W.Sok adäquat durch 
das gesamte Album tragen. Meines Erachtens kein Ver¬ 
gleich mit den Werken von und mit THE EX, aber sicher 
eine gelungene Untermalung dieses herausragenden Sän¬ 
gers. (9) Jenny Kracht 

CAMERA 

Radiate! 

CD | Bureau B | bureau-b.com | 52:23 | | Gerade 
in den letzten Jahren hat man ja verstärkt den Eindruck, 
dass viele alte Teutonen-Bands und von Krautrock beein¬ 
flusste Klänge eine seltsame Renaissance erlebten. Mehr 
oder weniger aus dem Nichts kommt in dieser Hinsicht die 
selbsternannte „Krautrock-Guerilla“ CAMERA mit ihrem 
Debütalbum. Ein Berliner Trio, das bisher vor allem mit 
Spontankonzerten im öffentlichen Raum von sich reden 
machen konnte, und von denen es auch beeindruckende 
Live-Aufiiahmen aufYouTube zu besichtigen gibt, wo sie 
sich mit Michael Rother (NEU!, HARMONIA) und Die¬ 
ter Moebius (CLUSTER) die Bühne teilen. So richtig scharf 
auf ein „normales“ Studioalbum waren die Berliner zuerst 
wohl nicht, doch was man jetzt auf „Radiate!" zu hören 
bekommt, gehört zum Besten, das mir bisher musikalisch 
in diesem Jahr untergekommen ist. Vorausgesetzt natürlich, 
dass man den grundsätzlichen Sound von CAMERA rich¬ 
tig einordnen kann, die elegant auf dem schmalen Grat 
zwischen Zitat und Neuinterpretation wandeln. Die mit¬ 
reißende Dynamik des motorischen NEU!-Drummings 
trifft hier auf kruden Noiserock, leistet sich aber zwischen- 
durch auch entspanntere, sanft dahinfließende Momente. 
Die zugrundeliegende Rezeptur von CAMERA ist dabei 
nicht unbedingt ungewöhnlich, die eigentliche Umset¬ 
zung aber von einer verspielten wie originellen Direkt¬ 



heit. Neo-Krautrock at its best, ausgestattet mit der rich¬ 
tigen atmosphärischen Intensität und zupackenden Bissig¬ 
keit. (9) Thomas Kerpen 

THE COREY SMOOT EXPERIMENT 

When Worlds Collide 

CD | Metal Blade | metalblade.de | 40:19 | | Corey 
Smoot dürfte nicht wenigen Leuten bekannt sein als Flat- 
tus Maximus, Gitarrist der Karnevals-Metaller GWAR, der 
mit „When Worlds Collide“ sein Solodebüt veröffent¬ 
licht. Dies jedoch posthum, denn am 3. November 2011 
wurde Smoot von seinen GWAR-Bandkollegen während 
deren US-Tour tot im Tourbus aufgefunden, nachdem er 
in der Nacht zuvor einem Herzinfarkt erlegen war. Sämt¬ 
liche Erlöse dieser Platte gehen demnach in den „Smoot 
Family Fund“, um die Hinterbliebenen des Gitarristen zu 
unterstützen. Sein Vermächtnis ist ein solides Stück Musik, 
irgendwo zwischen ruppigen Thrash-Attacken und dem 
musikalischen Schaffen GWARs, welches jedoch ohne 
besonders spektakuläre Momente auskommen muss und 
zuweilen auch etwas holprig und zusammengeschus¬ 
tert wirkt, so dass es trotz des tragischen Umstands seines 
Todes vermessen ist, hier von einem „fantastischen“ Album 
Smoots zu sprechen. Würde ich kaufen, aber nur um der 
Familie des Verstorbenen unter die Arme zu greifen. (6) 

Jens Kirsch 


CROSS STITCHED EYES 

Decomposition 

CD | Alternative Tentacles/ Cargo | alternativeten- 
tacles.com | 26:40 | | Vom Debütalbum der transat¬ 
lantischen Formation, das 2009 erschienene „Coranach“, 
war ich sehr enttäuscht, 
empfand es als einen der 
schwächsten AT-Releases 

seit langem. Um so über¬ 
raschter bin ich nun, dass 
den schon 2005 gegründe¬ 
ten CROSS STITCHED EYES 
mit „Decomposition“ ein 
so gutes Album gelungen 
ist. Jason Willer (singt und 
trommelt, ex-ENEMIES), 
Tim Crow (Gitarre, ex- 
SWORN LIARS, ZYGOTE. 
BAD INFLUENCE), Kris Hutto (BLACK MASS), Stevie 
Daniel (aus Bremen; TOURETTE SYNDROME, ANGER OF 
BACTERIA) und verschiedene Drummer (Trotsky, Dave 
Dekoder, Moses Saarni) nahmen die zwölf Songs hier 
bereits im Winter 2010 auf, und ich bin schwer angetan, ist 
das hier doch genau der Stoff, den man als Fan von AME- 
BIX/ZYGOTE, NEUROSIS und KILLING JOKE hören will: 
düsterer Hardcore-Punk mit gelegentlichem Synthie-Ein¬ 
satz. Eine massive Steigerung also, zudem ist die Aufnahme 
respektive Produktion hier wesentlich besser als noch 
beim Debüt, und wüsste man es nicht besser, würde man 
das Album eher für eine Produktion aus den späten Achtzi¬ 
gern als aus der Gegenwart halten. Die CD kommt mit Falt- 
Booklet inklusive aller Texte. (8) Joachim Hiller 

Auf der Ox-CD zu hören. 

CASUALLY DRESSED 

Trial & Executions 

MCD | casuallydressed.de | | Melodische Punkrock- 
beziehungsweise Pop-Pirnk-Bands, die aus Deutschland 
stammen und auf Englisch texten, haben es hier irgendwie 
immer besonders schwer, Aufmerksamkeit zu bekommen. 
Zum Beispiel die Berliner Formation 5BUGS, die gerade 
auf ihren Abschiedsdaten leise „Lebe wohl“ sagen, hat trotz 
hoher Qualität und potenziellen Ohrwürmern den großen 
Durchbruch nie geschafft. Schade. Nun gibt es jedoch hoff¬ 
nungsvollen Nachwuchs aus Freiburg in Form von CASU¬ 
ALLY DRESSED. Die Band weiß auf ihrer selbst produzier¬ 
ten EP „Trial & Executions“ von der ersten bis zur letzten 
Minute mit kleinen Pop-Punk-Krachern zu überzeugen 
und verpackt schöne Melodien in interessante Arrange¬ 
ments. Der Gesang benötigt noch etwas mehr Eigenstän¬ 
digkeit und den vielzitierten Wiedererkennungswert, aber 
dann könnte das mit CASUALLY DRESSED und den hiesi¬ 
gen Freunden des melodischen Punkrocks durchaus klap¬ 
pen. (7) Tim Masson 

JIMCOLEMAN 

Trees 

CD | Wax&Wane | jimcolemanmusic.com | 62:31 

| | Der Mann hinter der Musik dieser Platte ist mögli¬ 
cherweise spannender als die Musik darauf, wie man ganz 
nüchtern feststellen muss. Denn grundsätzlich handelt es 
sich hier um düstere, überwiegend intrumentale Ambient - 
Soundscapes, die allerdings nicht ausschließlich elektroni¬ 
scher Natur sind, was „Trees“ sicher nicht zu einer beson¬ 
ders herausstechenden Platte in diesem Bereich macht, 
ihr aber dennoch eine sehr angenehme Klangfarbe ver¬ 
leiht. So sophisticated und schön gemacht „Trees“ auch 
sein mag, mangelt es einfach an deutlichen Steigerungen 
und charakteristischeren Elementen, dennoch lässt man 
sich durchaus gerne auf ihre wabernden, diffusen Klang¬ 
wellen im Spannungsfeld von Neo-Klassik und Elekt¬ 
ronik ein. Verantwortlich dafür ist Jim Coleman, der wie 
Tod Ashley von FIREWATER zu Beginn der Neunziger mal 
bei den großartigen COP SHOOT COP war (hier mit dabei 
ist auch deren Drummer Phil Puleo) und danach für TV- 
und Filmproduktionen tätig war, neben anderen Projek¬ 
ten wie BABY ZIZANIE zusammen mit JGThirlwell (FOE- 
TUS). Leider ist bei Colemans Debütalbum unter eigenem 
Namen für alte COP SHOOT COP-Fans nicht viel zu holen, 
da muss man doch wieder zu FIREWATER greifen und Tod 
Ashleys Weltmusik-Gedöns über sich ergehen lassen. (5) 

Thomas Kerpen 

_DDD 



DEEP TIME 

s/t 

CD | Hardly Art/Cargo | hardlyart.com | 32:16 | | 

Jennifer Moore (Gitarre, Gesang; CARROTS) und Adam 
Jones (Percussion; nein, nicht der TOOL-Gitarrist) pro¬ 
duzieren melodische, überwiegend leichtverdauliche 
und kurzweilige Hörkost. Zwei-Personen-Band-LoFi- 
Pop ohne große Schnörkel. Mehr gibt es dazu eigentlich 
nicht zu sagen. Doch, halt, Ausreißer gibt es schon, aller¬ 
dings nicht im positiven Sinne: Sobald Mrs. Moore beginnt 
Björk-ähnlich zu jaulen, wird „Deep Time" für mich 
ziemlich unangenehm. Nicht ganz rund - aber auch nicht 
ganz eckig. (7) Anke Kalau 

DEMOKHRATIA / MONDO GECKO 

No Religions-No States 

LP | Crapoulet | crapoulet.fr | | 2009 haben mich 
DEMOKHRATIA (Khra = Scheiße) weggeblasen mit ihrer 
Debüt-7“ „Bled El Petroie Takoul Lekhra“: ein Hammer- 
D-Beat, dazu Wechselgesang auf Arabisch, oft mit sich 
überschlagenden Stimmen - als erste algerische Punk- 
Platte ever sowieso eine kleine Sensation. Gedacht als 
Zwei-Mann-Projekt, das ein paar Songs im Internet pos- 
tet, wurde daraus dank Luk vonTian An Men 89 Records 
bald eine richtige Band, die mittlerweile mehrfach durch 
Europa getourt ist. Auf der neuen Platte artikulieren sie 
ihren Hass abwechselnd auf Arabisch und Englisch und 








RECORDS 

PROUDLY PRESENTS 


THE 

SPLASHDOWNS 
Live at Johnson 
Space Center 

CD ♦ KK-CD OSO 

The Splashdowns are finally 
releasing their first live 
album. Ädjust your laser, 
polish the fine optics cos 
yon no longer have to wait for the next schednled rocket 
test to come to yonr living room to experience the raw 
explosive energy of a Splashdowns blast-off! 6 Track 
Cardsleeve Ep - Limited Edition of 300 copies! 


SEXTO SOL 
Camino Infinito 

CD • KK-CD 051 


Kamikaze Records goes Ska! 
These gnys from Mexico, 
Veneznela, Portngal and 
Germany will set yonr sonl 
on fire. Real hot latin-ska, 
steamy reggae and pnnk 
rock tunes from the northern port city of Kiel. We say: 
“Shut Up! ... & Dance Dance Dance!!! 


THE BAHAREEBAS 
Sound The Bell For 
The Last Round 


The long wait for the 
third long-player from The 
Bahareebas will be over on 
September 2011. „Sound The 
Bell For The Last Ronnd“ is 
an awesome mix of rongh 60s surf & garage, fnzz-attack 
and psychedelic sonnd. 


THE 

RÄZORBLÄDES 
Gimme Some 
Noise! 

LP • KK-LP 028 


Fasten yonr seatbelt! This 
Record will bum down 
yonr honse and set the 
dancefloors on fire. Wild, 
sweaty, energetic and faster than the police allows! 

2Ist Century Surf at it’s best! Delnxe Vinyl Edition! 


This is the third mission of 
The Splashdowns. The band 
that offers an instrumental 
tribute to the NASA 
ground-staff at the time of 
the Apollo space program. 13 Songs will bring you Back 
To The Moon in ...2011 - Sorry 2022. Vinyl only - with a 
collection of four Space Cards. Remember: this information 
is top secret! 


THE SWIPES 
Destroy Your World! 

CD • KK-CD 048 

The Swipes produce a 
sweeping sound which is 
quite unique.The strongest 
roots of their music lie 
deep in the swingin’ sixties 
and in the work of 70’s 
protopunk, punk and post-punk protagonists like The Stooges, 
The Jam or The Clash. It sounds like „New Garage“. 


tue 


“splashdowns 


THE SPLASHDOWNS 
Back To The Moon 
... in 2022 

LP • KK-LP 027 


OX-FANZINE 85 



































REVIEWS 




gehen vom ersten Song „Fascislamist“ an voll nach vorne. 
Nim ein Split-Album mit einer israelischen Band zu 
machen, ist eine entzückende Idee, tun nicht zu sagen: ein 
Statement: „No Religions-No States“. MONDO GECKO aka 
„the fastest band from middle east“ spielen einen ziem¬ 
lich trockenen, thrashigen Hardcore mit vielen Breaks, da 
wird drauflos geknüppelt und wenn es mal eine Melodie 
gibt, dann eher in einem VICTIMS FAMILY-kinda-style. 
Bei ihrem Namen dachte ich erst: „verrückte Welt“, aber 
es gibt auch einen Mondo Gecko bei den „Teenage Mutant 
Ninja Türtles", eine mutierte Eidechse. Passen würde bei¬ 
des, wenn man sich ihre Texte so anschaut, „Mondo ego“ 
etwa beginnt mit einem verzweifelten Schrei: „Stuck in 
highschool for life!“ - sehr viel Horror in nur einem Satz. 
Kirnt gesagt, ich liebe diese Platte. Ute Borchardt 

DOCTOR CYCLOPS 

Borgofondo 

CD | World in Sound | worldinsound.com | 48:32 

| | In einem Kaff in der norditalienischen Lombardei steht 
wohl die Zeit still. Zumindest bei DOCTOR CYCLOPS. Vor 
allem im Sound und Songwriting auf „Borgofondo“ ver¬ 
neint das Trio alles, was jünger als 30 Jahre ist. So spielt die 
Band in sieben meist überlangen Songs eine experimen¬ 
telle Seventies-Hardrock-Interpretation, kombiniert mit 
NWOBHM, Blues und Ausuferungen ins Krautrockig-Psy- 
chedelische. Da passt auch der gelegentliche Querflöten- 
einsatz in bester JETHRO TÜLL-Manier perfekt. Ihr Debüt - 
album stellt somit ein sehr abwechslungsreiches und span¬ 
nend nachzuvollziehendes Stück Musik dar, auch durch die 
Kombination mit ihren Fantasy-artigen Inhalten. Das ist 
zwar nur was für Hardrock-Nerds - die aber werden ihre 
Freude an „Borgofondo“ haben. (7) Arndt Aldenhoven 

DIKTA 

Trust Me 

CD | Smarten Up | smarten-up.de | 47:44 | | Es 

gibt Bands, die möchte man schütteln und sagen „Beru¬ 
higen Sie sich, beruhigen Sie sich!“, wie Leslie Niel¬ 
sen es im großartigen Film „Airplane“ mit den Passagie¬ 
ren eines Flugzeugs in Gefahr tut. DIKTA hingegen möchte 
ich schütteln und sagen: „So regt euch doch mal auf!“ oder 
zumindest „So tut doch mal was!“ „Trust Me“ kommt so 
gar nicht aus dem Quark. Bei „Buy it for the riot“ erwarte 
ich nicht nur wegen des tollen Titels einen Hit, auch das 
Schlagzeug ist ein Zitat des großartigen „Lucky Denver 
mint“ von JIMMY EAT WORLD. Leider passiert bei DIKTA 
nach dem Intro im Lied selbst aber so gar nichts. Angeb¬ 
lich waren DIKTA hier in Deutschland bereits sehr erfolg¬ 
reich, gewannen Hörercharts und solche Dinge, trotzdem 
bin ich beim Hören von „Trust Me“ nicht sehr verwundert, 
dass sie so komplett an mir vorbeigegangen sind, denn so 
nett das Album ist, so wenig bleibt es in Erinnerung. (4) 

Julia Brummert 


DOWNTOWN STRUTS 

Victoria! 

CD | Pirates Press | piratespressrecords.com | 33:14 

| | Die DOWNTOWN STRUTS aus Chicago legen auf 
ihrem ersten Longplayer „Victoria!“ zehn dermaßen hym¬ 
nische Punkrock-Songs hin, dass einem die Spucke weg¬ 
bleibt. Hauptschuld daran tragen die beiden Sänger, ehe 
von ihrer wahnsinnigen Intensität wahrscheinlich selbst 
Gänsehaut bekommen. Das ist eindrucksvoll bei „Back to 
N.Y.“ und beim Track „Lost in America“ zu hören, bei dem 
das Hauptthema aus dem grandiosen Opener noch ein¬ 
mal aufgegriffen wird. Überhaupt, dieser Opener! „Pro- 
logue“ ist ab jetzt für den Rest meines Lebens der Song für 


den proaktiven Start in den Tag. Und während sich unter¬ 
wegs die Hits zwischen Bier-in-der-Luft („Rocca Ave.“) 
und Pit („Anchors“) abwechseln, sitzen in den Proberäu¬ 
men nebenan THE LOVED ONES und BANNER PILOT und 
ärgern sich, dass sie nicht selbst auf diese Songs gekommen 
sind. Für die glasklare Produktion ist Matt Allison verant¬ 
wortlich (ALKALINE TRIO, LAWRENCE ARMS), bei dem 
man sich ernsthaft fragen muss, ob der schon einmal eine 
schlechte Platte aufgenommen hat? „Victoria!“ ist eine 
echte Verjüngungskur für das erwachsene Punker-Herz, 
die obendrauf noch ein schickes Artwork besitzt, des¬ 
sen Entstehung man im Video von „Anchors“ bewundern 
kann. (9) Robert Meusel 

DZ DEATHRAYS 

Bloodstreams 

CD | Hassle | hasslerecords.com | | Die Musik die¬ 
ser beiden australischen Bürschchen ist irgendwie Indie, 
ein bisschen trashig, dazu noch eine Prise Punk und Rock 
und irgendeine Art elektronischer Tanzmusik. Sowas wird 
in einschlägigen Magazinen gerne als „Partymusik“ dekla¬ 
riert. Klingt abschreckend, ist aber eigentlich ganz gut, 
zumal mir die Partymusik-Assoziation nicht wirklich ein¬ 
leuchtet, das klingt gleich wieder so prollig. Nach dem ver¬ 
träumten Intro des Debütalbums gibt es bei „Teenage kick- 
starts“ gleich mal ordentlich auf die Zwölf. „Gebbie Street“ 
und „Dollar chills“ sind Songs, die unmissverständlich zum 
Tanzen auffordem, den Refrain von „Dinomight“ habe ich 
bereits seit Wochen im Ohr, das wird nur noch getoppt von 
dem großartig melancholischen und leicht lethargischen 
„Dumb it down“. DZ DEATHRAYS spielen sich auf ihrem 
Erstling quer durch alle Genres, Hauptsache verzerrte 
Gitarren und verrückte Sound-Experimente. Viele mögen 
das unausgereift finden, ich finde es jedoch interessant und 
abwechslungsreich. (7) Christina Wenig 


DESTROY NATE ALLEN 
FEAT. GNARBOOTS 
With Our Powers Combined 

CD | High Endurance | highendurancerecords.com | 
29:04 | | Nate undTessa Allen sind verheiratet und haben 
zusammen eine Band. Seit 2007 sind sie ständig in den 
USA unter dem Namen DESTROY NATE ALLEN unterwegs, 
haben schon sechs Alben raus und ihr siebtes nun einer¬ 
seits via kickstarter.com per Crowdfimding finanziert, zum 
anderen mit der befreundeten Asian Man-Band GNAR¬ 
BOOTS (ex-LINK 80, ex-SHINOBU) zusammen aufge¬ 
nommen. Wer auf Duettgesang und simplen Pop-Punk 
steht, wer Bands wie ANDREW JACKSON JIHAD oder 
GROOVIE GHOULIES liebt, ist hier bestens aufgehoben. 
„With Our Powers Combined" ist ein absolut gelunge¬ 
nes Gute-Laune-Album, das von seinen klamaukigenTex¬ 
ten (im Booklet nachlesbar, mit Anmerkungen) lebt, in 
denen es um die versiffte Wohnung geht („pre-gentrified 
apartment“), tun gute, aber nicht eingehaltene Vorsätze in 
Sachen Gemüseverzehr und regelmäßiger Sportausübung, 
um ständige Autopannen und die Vorzüge des US-Äquiva- 
lents einer ADAC-Plus-Mitgliedschaft und die bösen Ver¬ 
lockungen von „Boobie Bars“. Ein supersympathisches 
Album. Nate, Tessa, kommt nach Europa - oder habe ich 
euch etwa schon mal verpasst? (8) Joachim Hiller 


DESTIJL 

The White Stripes 

CD | afmusic | af-music.de | 49:34 | | Sympathischer 
Synth-Pop gepoolt mit melodischem Indiepop kommt 
von Pascal Detijl und John Cleary, die seit 199 7 als DESTIJL 
aktiv sind. Vermutlich hat das Duo einige Alben von DEPE- 


CHE MODE, IAMX und Gary Numan zu Hause. Warum sie 
den Dreher zwischen Bandname und Albumtitel vorge¬ 
nommen haben - 2000 erschien von THE WHITE STRIPES 
das Album „DeStijl“ - erschließt sich einem nicht wirk¬ 
lich. Letztlich werden sich sowohl THE WHITE STRIPES als 
auch DESTIJL bestenfalls in irgendeiner Weise auf De Stijl 
berufen, eine niederländische Gruppe von Malern, Archi¬ 
tekten und Designern, die 1917 eine Künstlervereinigung 
und eine Zeitschrift gleichen Namens gründeten. Schwer 
zu ergründen, wie sich dieser Hintergrund in der Musik 
widerspiegeln soll. Letztlich kann Willkür auch künstleri¬ 
sches Prinzip sein. Jack White sagt man nach, dass er ein 
großer Verehrer des Möbeldesign ist, welches im Zuge von 
De Stijl entstanden ist. (7) Markus Kolodziej 

DISC0//0SL0 

s/t 

LP | Kidnap Music/Cargo | kidnapmusic.de | 30:47 

| | Oldenburg in Oldenburg ist nicht unbedingt bekannt 
als Hochburg des Punkrock. Auch wenn sich hier in den 
Achtzigern und Neunzi¬ 
gern einige tolle Bands 
tummelten, ist es doch 
eher ruhig gewor¬ 
den dort, so scheint es 
zumindest. DISCO// 
OSLO verhelfen der Stadt 
nun vielleicht zu neuem 
Punkrock-Ruhm, ihr 
erstes selbstbetiteltes 
Album lässt jedenfalls 
hoffen. Drei Jahre haben 
sie sich seit ihrer ers¬ 
ten EP Zeit gelassen, die 
damals von der Kritik groß gefeiert wurde - zu Recht. Die 
vier Herren machen tollen deutschen Punkrock, mit klu¬ 
gen Texten und ordentlich Wumms. Es gibt einige Bands, 
die in eine ähnliche Richtung gehen, und man hört, wen 
DISCO//OSLO zu Hause so hören, aber ich verkneife mir 
das Nennen der ganzen Namen. Die Kollegen werden ab 
und an auch zitiert, zum Beispiel in „Never say goodbye“: 
„Die einen trampen nach Norden, die anderen hören nur 
davon“. Manchmal könnte man das Gefühl bekommen, 
dass die Band andere Menschen nicht so toll findet („Mad¬ 
rid is burning“, „Fassade“), aber ein bisschen Wut schadet 
nicht und wenn diese auch noch in gute Melodien ver¬ 
packt wird, umso besser. Außerdem dürfen sich Gro߬ 
britannien und Frankreich freuen, das großartige Album 
erscheint auch dort. (9) Julia Brummert 

Auf der Ox-CD zu hören. 

DEUS 

Following Sea 

CD | PIAS | pias.com | 42:57 | | Bereits ein knap¬ 
pes Jahr nach „Keep You Close“ folgt mit „Following Sea“ 
das siebte Album dieser belgischen Indierock-Institution, 
eigentlich ganz dEUS-untypisch, die sich immer recht 
lange Zeit zwischen ihren Platten ließen. Spätestens mit 
„Keep You Close“ musste einem klar sein, dass dEUS wohl 
nie wieder so wie zu ihrer Anfangszeit klingen würden, 
denn durch die prägende Rolle von Sänger/Gitarrist Tom 
Barman waren die Belgier zu einer anderen Band mutiert, 
die sich in sehr seichten Popmusik-Gewässern bewegte. 
Das ist auch der erste Eindruck bei „Following Sea“, der 
nicht grundsätzlich falsch ist, aber im Gegensatz zu einem 
wenig homogenen, songwriterisch extrem schwachen 
Album wie „Keep You Close“ entwickelt sich das neueste 
Werk tatsächlich zu einem echten Grower. Auch wenn hier 


DISCO//OSLO 



keine extreme „Härte“ in Bezug auf das generelle Klangbild 
spürbar ist, durchzieht die Platte eine tighte Rhythmik, 
durch die „Following Sea“ schon alleine eine anziehende 
Sexyness ausstrahlt. Hinzu kommt ein smartes Spiel mit 
subtil eingestreuten experimentelleren Sounds, die ver¬ 
hindern, dass die Songs der Platte die klebrige Poppigkeit 
besitzen, die gerade dasVörgängeralbum oft so schwer ver¬ 
daulich machte. Auch „Following Sea“ ist eine Pop-Platte, 
allerdings eine mit Widerhaken und extrem dunklen 
Momenten, eben das, was dEUS in ihren besten Momenten 
schon immer ausgezeichnet hat. (8) Thomas Kerpen 

DR. DYNAMITE &THE EXPLOSIONS 
Deutsch Is Not The Language Of Rock’n’Roll 
CD | holgergeiersbach@t-online.de | | Der Vierer aus 
Kassel kommt unbedarft um die Ecke, spielt gerade mal ein 
Jahr zusammen und haut eine CD raus, deren zweiter Track 
bereits den Stoff für die ganz große Bühne hat. Beim Ope¬ 
ner ringe ich noch um die offensichtliche Referenz, dann 
fällt es mir ein: PVC! Dazu gesellen sich noch illustre Gesel¬ 
len wie die HAMMERSMITH GORILLAS, DEAD BOYS und 
frühe STRANGLERS. Auf den Punkt gespielter, shakender 
Garage-Punk mit Ohrwurm-Hooks, Kompressor-Riffs 
und verschnupftem Gesang, einwandfrei! Banderweite¬ 
rung in Form einer plärrenden Vox-Continental fände ich 
schön, muss aber auch nicht. (7) Matti Bildt 


DEFECATION AREA/ 

TONY JONES & THE CRETIN 3 

Peace, Love & Slamdance 

CD | Cretin | tonyjones.org | 24:12 | | Den Promo- 
brief zur CD schrieb Alex, Sänger der Duisburger DEFECA¬ 
TION AREA, was nett ist. Zuerst empfinde ich den Punk 
des Trios als nichts Neues, doch beim neuerlichen Anhö¬ 
ren finde ich sie eigentlich ganz okay, vor allem „She 
just wanna dance“. Keine Probleme beim Beeindru¬ 
cken machte mir hingegen das Quartett aus USA/Irland 
namens TONY JONES 8t THE CRETIN 3. Deren vier Songs 
machen wirklich was her. Pendelnd zwischen FORGOT- 
TEN REBELS und den CRAMPS mixen sie Garage, 77er 
Punk und Roll in wunderbarer Art und Weise. Man denkt 
mitunter, einem Sampler zu lauschen, so sehr unterschei¬ 
den sich die Lieder. Die wird man sich merken müssen ... 
(6/8) Markus Franz 


DUKE LUCENT 

Attache 

CD | duke-lucent.de | | DUKE LUCENT machen gerne 
Krach. Der Opener hat kaum angefangen, da legen sie mit 
voller Wucht los, die Gitarren - und den Bass - extrem 
verzerrt. Unter all dem Noise haben die Jungs aber auch 
Songs versteckt, hinter „Endorphins“ steckt sogar vorzüg¬ 
licher Pop. DUKE LUCENT bezeichnen ihren Stil zwar als 
„Post-Noise-Indie-Prog-Rock“, doch das ist Unsinn. Prog 
ist hier gar nichts und die Überwindung welchen Diktums 
mit dem „Post“ impliziert werden soll, wird auch nicht 
klar. Warum hinter so einem Genre - Geschwirbel verste¬ 
cken, wenn man so schön auf den Punkt spielen kann? 
Hatten DINOSAUR JR doch auch nicht nötig. (7) 

Jan-Niklas Jäger 

DOUBLE TANDEM 

Cement 

CD | PNL | paalnilssen-love.com | | Zwei exorbitante 
Tenorsaxophonisten und Klarinettisten, sowie ein Ausnah¬ 
meschlagzeuger auf einem Haufen, Ab Baars, Ken Vander- 
mark und Paal Nilssen-Love - das dies kein leicht kon¬ 
sumierbares Klangvergnügen sein wird, war zu erwarten. 


/SINGLES 


AXES 

s/t 

7“ | Life And Death | lifeanddeathrecords.com | 
10:43 | | Ein kluger Schachzug, die im letzten August in 
kleiner Auflage veröffentlichte und längst ausverkaufte 
Debüt-EP von AXES noch einmal neu aufzulegen. Ansons¬ 
ten wäre es schade, wenn die noch in Eigenregie produ¬ 
zierten drei Tracks untergegangen wären. So kümmert sich 
nun Life And Death um die Verwaltung dieser lohnenswer- 
ten 7", so dass die drei Jahre alte Band aus Rosswein bei 
Dresden die Aufmerksamkeit bekommt, die ihr gebührt. 
Das Trio spielt eine zwar nicht extraordinäre, dennoch 
spannende Mischung aus leicht fuzzigem Stoner-Rock und 
Sludge/Hardcore-Sounds mit einer mitreißenden Dyna¬ 
mik, die an Bands wie TAINT und KYLESA erinnert - und 
Lust auf ein Debütalbum macht. (7) Arndt Aldenhoven 

BITCH QUEENS / LOMBEGO SURFERS 

Split 

7“ | LuxNoise | luxnoise.com | 10:17 | | Dies ist die 
Fortsetzung einer Reihe von Split-Singles, die die BITCH 
QUEENS letztes Jahr angefangen haben. Hier jetzt zusam¬ 
men mit den LOMBEGO SURFERS. Beide Bands sind aus 
der Schweiz, jeweils zwei Tracks auf jeder Seite. Die BITCH 
QUEENS mit fettem Powerrock, an PETER PAN SPEED¬ 
ROCK und die BACKYARD BABIES erinnernd. Die Lombe- 
gos ebenfalls mit zwei Tracks, am coolsten das Instrumen¬ 
tal „Green fiizz“. Alles im Geiste von TURBONEGRO und 
zusammen genommen sehr fett! (8) Thomas Neumann 

BARREN WOMB / FORR/EDERI 

Split 

7“ | D-Beat Hjerte/The Perfect Hoax | theperfec- 
thoax.bigcartel.com | | Zwei norwegische Bands teilen 
sich diesen Release, der als freier Download oder als hüb¬ 
sche 7“ in 300er-Auflage zu bekommen ist. Das Duo BAR¬ 
REN WOMB lässt überrascht aufhorchen, „Double mono“ 
ist ein rasender Mix aus Crust und fließendem Black Metal 
mit Hardcore-Shouting, „Vietnamsos“ ist langsamer und 
mehr Punkrock. Die Flipside mit FORRvEDERI, die bereits 
eine 10“ veröffentlichten, mischen Grindcore mit crus- 
tigem Black Metal, klingen sehr eigen, vielleicht ist der 
Gesang einen Tick zu laut, anyway, wer den Underground 
zu schätzen weiß, kommt an dieser 7“ nicht vorbei. 

Ollie Fröhlich 


BLACK BOOKS 

In This Town 

7“ | Noise Appeal | noiseappeal.com | | Nachdem sich 
die Mitglieder von BLACK BOOKS aus Österreich zuvor in 
diversen anderen Hardcore- und Punkbands rumgetrieben 
haben, fand man sich nun unter neuem Banner zusammen, 
um eine rotzige Mischung aus Punk und Rock dem Zuhö¬ 
rer tun die Ohren zu jagen. Die Band versprüht auf den vier 
Songs der ersten 7“ „In This Town“ jede Menge Energie 
und weiß definitiv, wie man Ärsche tritt. Freunde von THE 
BRONX und GALLOWS werden mir hier sicherlich sofort 
zustimmen. Aber vier Songs schön und gut, mal schnell ein 
Album nachschicken! (7) Tim Masson 

B ATM AN VS. WILD EVEL & 
THETRASHBONES 

Schlager Battle 

7“ | Squoodge | squoodge.de | | R’n’R-Extravagant- 
Roland überschlägt sich mal wieder vor Ideenreichtum 


und lässt als vorläufigen Weirdness-Höhepunkt den ger- 
manophilen Italo-Schmusebarden BATMAN gegen die 
TRASHBONES im „Schlager Battle“ antreten. Ersterer röhrt 
sich in „Fräulein,..." durch eine schräge Eigenkomposition 
und bei der „Motorbiene“-Version des Garagepunk-Säge¬ 
werks würde Bennie Quick sich im Grab umdrehen. Hoher 
Trashfaktor, der mit knallharter Limitierung und gewohnt 
erstklassigen Comic-Artwork für einen weiteren liebens¬ 
würdigen Squoode-Release sorgt, auf den hoffentlich viele 
Scheiben dieser Serie folgen werden. (8) Matti Bildt 

BRAINDEAD 

Dub Of Transgression 

7“ | Antikoerper-Export | antikoerper-export.band- 
camp.com | | Hier haben einige Labels zusammengelegt, 
um diese Dubpunk- 7“ der deutschen BRAINDEAD zu ver¬ 
öffentlichen. Das Hamburger Trio, das seit 2001 aktiv ist 
und sich mit seinem Debütalbum „Weapons OfThe Weak“ 
eher dem Ska-Punk/ Skacore verschrieben hat, geht hier 
deutlich experimenteller zur Sache. ASSORTED JELLY 
BEANS oder AGAINST ALL AUTHORITY treffen auf PRO¬ 
PAGANDA AND INFORMATION NETWORK (P.A.I.N.) 
oder CULTURE SHOCK. Mir gefallen beide Songs außer¬ 
ordentlich gut. Schnappt euch eine der 333 handnumme¬ 
rierten Kopien! (8) Simon Brunner 

BACKSTREET NOISE 

Gewinner 

7“ | backstreetnoise.de | | Wie niedlich ist die Idee, 
eine Vinyl-Single zu produzieren, die aber kein Tonträger 
ist und sondern nur eine Verpackung für den Download¬ 
code? Aus dieser Maßnahme spricht Herzblut. Und selbi¬ 
ges hört man auch bei der Musik von BACKSTREET NOISE 
heraus. Es erinnert an das Gefühl, das man auch bei den 
alten JUPITER JONES hatte. Und deswegen und trotz des 
wirklich albernen Namens, sind BACKSTREET NOISE eine 
Band, die einem sehr prompt ans Herz wachsen kann. (8) 
Bianca Hartmann 

BITCH QUEENS / DIRTY BLONDES 

Split 

7“ | LuxNoise | luxnoise.com | 12:23 | | Noch eine 
BITCH QUEENS-Split-Single. Warten wir auf das Album? 
Ich glaube schon ... Die Scheibe bringt jeweils zwei Songs 
von beiden Bands. Mit „Does it get to you“ und dem sehr 
coolen „Sonic reducer“ sind zwei klassische Garage-Punk- 
■Rock-Nummern von den BITCH QUEENS dabei. Von den 
DIRTY BLONDES findet man „Gold digger“ und „Oh yeah“ 
auf der Single. Präzise und schnell gespielte Nummern, die 
zum Speedrock neigen. Nicht das schlechteste, das passie¬ 
ren konnte. Die BITCH QUEENS haben eine gute Auswahl 
getroffen bei ihren Split-Projektpartnern. (7) 

Thomas Neumann 


DEATH BY STEREO 

Growing Numb/Modern Man 

7“ | Concrete Jungle | concretejunglerecords.com | | 

Gute Wahl bei der neuen Singleauskopplung, liebe DBS, 
das ist mein Favorit des Albums! In gewohnt angepisster 
Manier wird sich über die politische Situation ausgekotzt, 
Sänger Efrem brüllt sich die Seele aus dem Leib, um im 
Refrain, unterstützt von Gang-Vocals, ein bisschen melo¬ 
discher an die Sache ranzugehen. Dazu schüttelt sich Gitar¬ 
rist Dan Palmer wieder ein deftiges Solo aus dem Ärmel, 
was will man mehr? Auf der B-Seite wird sich „Modem 


man“ von BAD RELIGION zu Eigen gemacht. Klingt nach 
DBS, aber trotz des aggressiveren Grundtons und der frick- 
ligen Gitarrenparts gar nicht so viel anders als das Original. 
(8) Christina Wenig 

DIMERUNNER 

Recharged Rejects 

7“ | Wanda | wandarecords.de | | Nachdem die erste 
7“ von DIME RUNNER aus Fullerton noch immer in der 
Warteschleife